• Die Bulstrodes standen in der zweiten Reihe des Kreises, der sich wie ein schwarzes Tribunal um das Geschehen geschlossen hatte. Anders als Morrigan verbargen sie ihr Gesicht noch hinter den Masken, die jede Regung erstickten, während McDougal in einem letzten, erbärmlichen Röcheln verging. Die Funken aus dem Zauberstab ihres Lords flackerten noch über seinem Leib, als Dahlia das Gewicht der Hand ihres Vaters auf ihrer Schulter spürte. Der Druck war hart, beinahe schmerzhaft – ein seltenes Zeichen der Verbundenheit, das zugleich wie eine Mahnung brannte. Dankbarkeit, dass nicht sie auf den Grund des Atems gezerrt worden war. Warnung, dass das nächste Versagen auch für sie tödlich enden könnte.

    Die Erleichterung, selbst verschont geblieben zu sein, war so überwältigend, dass Dahlia nicht einmal die Kraft fand, sich an Mercurys blutigem Schicksal zu erfreuen. Stattdessen tasteten ihre kaltschweißigen Finger, verborgen hinter Brutus Grassos massiger Gestalt, suchend nach dem Todesser rechts neben ihr. Peasegood. Ihr Unterbewusstsein hatte ihn gewählt, als sie sich an diesem Abend mit schmerzendem Mal am Arm einen Platz gesucht hatte. Scheinbar versprach es sich nach der einen Nacht nun Schutz von ihm; nicht, dass das eine realistische Hoffnung war. Dennoch, ein Schatten, an dem sie sich festhalten konnte.

    Ihre Fingerspitzen glitten kaum spürbar über die raue Haut seines Handrückens. Ein flüchtiger, dünner Kontakt, doch in ihrer Verzweiflung fast heilig. Ein paar Sekunden später starrte sie ihn durch die Augenlöcher ihrer Maske an, wünschte, sie könnte dem kalten Metall befehlen, Dankbarkeit zu zeigen. Aber die starre Fratze blieb stumm, leblos, eine höhnische Spiegelung ihres eigenen Schweigens.

    Unlesbar auch das Gesicht hinter Amalrich Bulstrodes Maske, als er die Berührung seiner Tochter bemerkte und sein Blick zu Ambrose hinüberglitt. Ob Argwohn oder Gunst in ihm gärte, ließ sich nicht ergründen.

    Schließlich verschwanden Vater und Tochter schweigend, nachdem die Missionen verteilt worden waren, lösten sich getrennt voneinander in der Finsternis auf. Dahlia kehrte in die Vexatrix Row zurück, ertränkte ihr Zittern in Rotwein, während sie ihre Riesenkröte wie ein Kätzchen im Schoß streichelte und sich die Lippen blutig biss. Amalrich jedoch suchte die Stille seiner Bibliothek auf, wo er unter den verstaubten Ahnentafeln den Stammbaum der Peasegoods aufschlug – und mit einem Glas Whiskey in der Hand viel zu lange über den Namen und Verbindungen verharrte.


    // Ambrose Peasegood mentioned 3:)

  • Der breite, muskulöse Körper des Zauberers bebte im Schein des Monds. Es war noch nicht ganz Vollmond — eine weitere Nacht noch und auf dem Friedhof hätte eine vollwertige Bestie gestanden. Heute war Fenrir Greyback jedoch gerade so noch mehr Mann als Monster. Schon jetzt ächzten seine Knochen; seine Haut zum reißen gespannt; sein Atem schwer. Sein Blick war beinahe fiebrig auf das Geschehen in der Mitte ihres Kreises gerichtet. Zwischen ihm und dem Rest der Todesser existierte dabei zu beiden Seiten eine sichtbare Lücke. Die Wenigsten von ihnen vagten es sich bereits in einer normalen Nacht in die Nähe des Werwolfs. Unter dem unmittelbaren Schein der silbrigen Himmelsscheibe trauten sie es sich noch weniger. Sein Ruf war unter ihnen bekannt. Das war er in der gesamten Zaubererwelt.
    Es war einer der Gründe, aus denen er sich in dieser Nacht keinerlei Gedanken darüber machte, das der Zorn des Lords ihn treffen könnte: So, wie er auch jetzt keine metallene Maske trug, um seine Identität zu verschleiern, hätte er es auch nicht beim Aufmarsch der Todesser getan. Fenrir Greyback verbarg sein Gesicht, seine Natur nicht. Er marschierte nicht ordentlich in Reih und Glied unter dem Kommando des Ex-Kommando-Oberhaupts, das so spektakulär an ihrem Auftrag gescheitert war, dass es noch mehrere weitere Anhänger des Lords mit in den Abgrund gerissen hatte. Wäre er in der Finalnacht anwesend gewesen, so wäre nicht nur das Blut ihrer Gegner geflossen, sondern auch das mehrerer Kinder. Es hätte Tote gegeben.
    Doch man hatte ihn von dort fern gehalten. Es würde einen schlechten Eindruck hinterlassen, hatte man ihm gesagt. Vielleicht würden sie es nun, während er ihren Angstschweiß und das Blut eines Hasen in der Luft auf seiner Zunge schmecken konnte, besser wissen.

  • Murtagh schwitzte nicht vor Angst. Er kochte vor Wut. Was ihre glorreiche Siegesnacht hätte sein sollen, war zu einem schockierenden Niederschmettern ihrer Kräfte verkommen. Es war eine Niederlage von einem Ausmaß, dass sie jetzt noch nicht richtig abschätzen konnten. Alle Augen waren auf das Ministerium gerichtet. Wer wusste schon, was sie dort finden würden. Konnten sie erkennen, wie tief der Einfluss ihres Meisters ging? Würden sie es wirklich schaffen, diese auszuradieren? Murtagh glaubte nicht, dass ihre Übermacht von der Politik abhängig war. Er war noch nie ein Freund des Kommando Sicherheit gewesen und erst recht nicht von O'Carroll. Er war niemand für Intrigen. Seit Jahren wartete er nur darauf, dass der dunkle Lord sie von der Leine ließ und ihnen Handlungsfreiheit gab. Wenn sie offen auftreten und ihre Stärke präsentieren konnten, dann würde der Rest der magischen Welt bald schon erkennen, dass es nur einen richtigen Weg gab. Sie würden sich ihnen anschließen und sie würden über die Muggel und Blutsverräter herrschen. War Greyback deswegen hier? War es seine Leine, die als erstes gelöst werden würde? Murtagh hoffte es. Er hatte oft darauf plädiert, dass sie Werwölfen ein zu Hause bieten sollten und sie für ihre Zwecke einsetzen konnten. Greyback war ein extremer Fall. Murtagh war bei Weitem nicht mit allem einverstanden, was er tat. Doch in Zeiten wie diesen, brauchte sie jemanden wie ihn.

    Murtagh ließ den Blick über die anderen Anwesenden gleiten, während das verzweifelte Röcheln MacDougals in seinen Ohren kratzte. Trotz der Masken, konnte er einige der Todesser erkennen. Er nickte seinem Cousin zu und erstarrte dann kurz. Amalrich stand mit Dahlia dort und neben ihr - Peasegood. Ihm entging nicht, wie sich ihre Finger nach ihm ausstreckten und Trost in seiner Berührung suchten. Murtagh, der bereits die Fäuste geballt hatte, wurde von einer weiteren Welle der Rage erfasst. Es war viel zu lange her, dass er seinem alten Kumpel die Fresse poliert hatte. Jetzt zuckte es in seinem Arm.

    Eine knochige Hand legte sich auf seine Schulter. Murtagh hörte den Atem seiner Mutter hinter sich. Sie brauchte nichts sagen, damit er ihre Warnung verstand. Sie brannte unmissverständlich dort, wo sich ihre Finger in seine noch immer offenen Wunden am Hals gruben.

    Der weiße Hase verwandelte sich in Nightowl zurück und der Kreis öffnete sich, um ihn wieder in ihren Reihen zu begrüßen. Murtagh entwand sich seiner Mutter, machte einen Schritt auf den Nichtsnutz zu und packte ihn am Kragen, um ihn wieder auf die Beine zu zerren. Er hatte nichts zur Finalnacht beigetragen. Stattdessen hatte er sich um jene Fledermaus gesorgt, die O'Carroll zwei Minuten vorher enttarnt hatte. Es musste ein so lächerliches Schauspiel gewesen sein, dass Murtagh beinahe traurig war, dass er es verpasst hatte. Doch er wusste auch, dass Nightowl nicht gänzlich nutzlos war. Er hatte Arme dünn wie Zweige und den Kampfgeist eines Knuddelmuffs, außerdem war Murtagh sollten einem nervigeren Menschen begegnet. Doch er hatte etwas im Kopf - ein Kopf, mit dem etwas eindeutig nicht stimmte, was ebenfalls ein Vorteil sein konnte.

    Der dunkle Lord sprach weiter und gab ihnen allen einen Auftrag. Es war Zeit, dass jene, die für ihre Niederlage verantwortlich waren, ihre gerechte Strafe erfuhren. Die Wut mischte sich mit einer eiskalten Genugtuung. Nichts wollte Murtagh mehr als den steifen Earnshaw mit eigenen Händen zu ermorden oder Dippet eine Lektion zu erteilen, die sie niemals vergessen würde.

    Dann nahm McDougal seinen letzten Atemzug. Wortlos begannen die dunklen Gestalten zu disapparieren. Lúisaidh Havisham blickte ihren Sohn durch ihre eigene Maske erwartungsvoll an. Murtagh hob eine Hand, gebot ihr einen Moment zu warten. Dann fand er Madeline und griff sie am Oberarm. Aus eiskalten Augen starrte er sie an. Dann hauchte er: "Ich bin stolz auf dich."

    Sie hatte für sich selbst eingestanden und das Lob ihres Meisters verdient. Sie hatte sich gegen ihre Widersacher gewehrt. Er würde nicht aufhören, sich um sie zu sorgen und sie zu beschützen. Er würde weiterhin versuchen, sie aus dem Schlimmsten heraus zu halten. Doch er konnte ruhiger schlafen, jetzt dass er wusste, dass sie nicht so hilflos war, wie er zunächst angenommen hatte.

    Murtagh ließ Madeline stehen und schloss sich seiner Mutter an. Gemeinsam verschwanden sie im Nichts. Sie kehrte nach Aberdeen zurück und er in die Coorie Nook. Dort legte er Maske und Kutte ab und stieg kurz darauf in seinen Kamin um kurz darauf in einer Hütte in Wales aufzutauchen. Kaum stieg ihm der vertraute Geruch von Kräutern in die Nase, kühlte seine Wut ab. Jetzt war er nur noch müde und sehnte sich nach Nähe und Schlaf.

  • Er konzentrierte sich nur auf das Pochen seines Herzschlags und das Rauschen des Blutes in seinen Ohren, auf die Luft, die er einsog und die Atemgeräusche, die im Innern seiner Maske so viel lauter klangen als sonst. Er konzentrierte sich auf die Stille zwischen den Worten, auf das seltsame Gefühl von Ruhe, auf den Hinterkopf seines Vordermanns und – auf Dahlias Hand. Während Nightowl gefoltert wurde und McDougal einen qualvollen Tod starb, während ihrer aller Leben an einem seidenen Faden hing, den der Dunkle Lord mit einem einzigen Wort hätte durchtrennen können, klärte Ambrose‘ seinen Geist und ließ nur dieses eine Gefühl zu: die Wärme, die durch seine Brust sickerte, als ihre Fingerspitzen sich berührten, der nicht unangenehme Kloß in seinem Hals, als er ihre Finger für einen Moment mit seinen umschloss und der flüchtige Moment, in dem ihre Blicke aufeinandertrafen.
    Dass Zerren und Reißen und Brennen in seinem Unterarm hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass ihr Lord sie alle zu sich rufen würde. Und obwohl Ambrose das erste Mal sicher war, absolut nichts falsch gemacht zu haben, hatte ihn die gleiche Todesangst ereilt wie wahrscheinlich manch anderen. Man trat nicht in die Präsenz ihres Herren ohne um sein Leben zu fürchten, das hatte er gerade wieder allen klar gemacht. McDougal und Earnshaw. Jahrelang waren sie loyal gewesen, aber nun, mit einem Fingerzeig, waren ihre Todesurteile unterschrieben. Ambrose verstand natürlich warum. Er zweifelte nicht an der Entscheidung, hatte die beiden Alten nie gemocht, aber die Erkenntnis, dass es jeden hätte treffen können, war furchteinflößend. Dahlia war in der Nacht genauso wenig hilfreich gewesen wie Nightowl es offensichtlich gewesen war – was trennte sie vom gleichen Schicksal? War eine Münze geworfen worden? Er wusste, dass sie unter den Todessern, allein durch die Anwesenheit ihres Vaters, beliebter war als Nightowl. Wäre jemand eingeschritten? Wäre er eingeschritten? Murtagh?
    Sein Blick fand auch den Gefängniswärter von Askaban. Nein. Murtagh hatte nicht einmal vor Madeline Halt gemacht. Aber er? Wäre er – ? Das Bild seiner Schwester schob sich aufdringlich vor seine Augen. Er schloss sie, um es einige Momente länger bei sich zu behalten und spürte gleichzeitig, wie ein überwältigender Ekel in ihm aufstieg. Er konnte den Gedanken nicht zu Ende denken; konnte nicht in Worte fassen, dass er schon einmal die Chance verpasst hatte für seine Schwester Partei zu ergreifen, und ob er wirklich glaubte, dass es bei Dahlia anders sein würde.
    Als sie ihm eine Stunde später die Tür zur Vexatrix Row 7 öffnete, schlossen sich seine Arme ungewohnt fest um sie.


    // Dahlia A. Bulstrode <3

  • Wieder fand ich mich am Boden liegend wieder. Die letzten Minuten waren ein verwirrender Nebel; bestanden aus der panischen Angst und den Schmerzen eines Hasen, dessen rasendes Herz noch immer in meinem Brustkorb steckte. Auch seine Wunden waren geblieben. Was zuvor den Leib eines Tieres malträtiert hatte, verteilte sich nun schmerzhaft auf meinem menschlichen. Ein Teil von mir wollte im nassen Gras liegen bleiben. Ein Teil von mir beneidete den röchelnden Mann, der sich in etwas Entfernung von mir ebenso am Boden wand. Sein Leiden, seine Schmerzen hatten ein greifbares, definitives Ende. Mit mir hingegen hatte man noch Erbarmen gezeigt. Das dies nicht aus Wohlwollen heraus geschehen war, sondern als Warnschuss erfolgte, musste nicht laut ausgesprochen werden. Ich wusste es so. Ich wusste es, ohne, dass es ausgerechnet Havishams Hand war, die wie bei meinem ersten Auftrag nach meinem Kragen griff und mich in die Höhe zerrte; es mir verwehrte einfach liegen zu bleiben, die Augen zu schließen und zumindest für ein paar Momente darauf zu hoffen, dass sich die gewaltige Schlange meiner doch annahm.
    Ein anderer Teil von mir war erleichtert noch einmal auf meinen — wenn auch wackligen — Beinen stehen zu können. Der Schmerz überschritt jedes Maß an angenehmen Rahmen, aber immerhin konnte ich ihn noch spüren, immerhin war es mehr als nur erdrückende Watte, die meinen Verstand ausfüllte, immerhin— immerhin hatte ich eine weitere Chance. Fast meinte ich erneut Ophelias Stimme hören zu können; ich atmete bemüht ruhig aus, während ich meinen Platz zwischen den anderen Körpern fand — gezwungen maskenlos, denn selbst wenn ich mir diese gewünscht hätte, um dahinter wieder in der Masse verschwinden zu können, so stand mir diese Option nicht offen. Meine Maske lag vielleicht noch immer im Schlamm — wenn nicht in den Händen der Auroren oder des Mannes, dessen Silhouette mich in den letzten Nächten in meinen Träumen heimgesucht hatte. War mein Gesicht ihm ebenso erfolgreich verborgen geblieben, wie das Seine mir? Falls dem so war, war es umso wichtiger meine Fehler irgendwie wieder gut zu machen.
    In den Reihen der Todesser gab es sonst niemanden, dem irgendetwas daran gelegen sein würde mich lebend zu befreien, sollte ich verhaftet oder entführt werden; mich würde stattdessen dasselbe Schicksal ereilen wie Laurens Vater. Zusammen mit McDougals letztem Röcheln hielt ich die Luft in meiner Lunge, statt wieder auszuatmen. Lauren und ihr Vater hatten nie ein gutes Verhältnis zueinander gehabt. Würde sie ihn trotzdem vermissen? Würde irgendjemand sie überhaupt über seinen Tod informieren, wo auch immer in Bulgarien sie sich gerade befand? Würde sie ihn genauso wie mich einfach vergessen? Es war kein Schicksal, dass ich irgendjemandem wünschte.

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