Zweiter Stock - Leergeräumtes Kaminzimmer

  • "If you work hard in training, the fight is easy." ~ Manny Pacquiao

    Mit @Deverell Rudolphus Burton 

    29.08., abends.


    Ihre Arme waren schwer wie Betonblöcke und ihre Muskeln standen in Flammen, aber Rude ließ nicht locker. Während er den lederbezogenen Boxsack in Position hielt, ermahnte er sie inzwischen nach fast jedem Schlag, ihre Deckung nicht fallen zu lassen. An ihm war echt ein guter Drillsergeant verloren gegangen. Wobei er ihr zumindest noch nicht ins Gesicht geschrien hatte, was für eine erbärmliche Made sie doch war. Aber vielleicht kam das ja noch. Denn nicht nur ihre Deckung ließ inzwischen mehr als zu wünschen übrig, auch die Schläge, sie austeilte, waren kraftlos geworden und wahrscheinlich genauso wirkungslos wie ein geworfenes Kissen. Fortschritte ließen sich dennoch ausmachen. Als sie vor gut einem Monat mit dem Training angefangen hatten, war ihr schon nach peinlichen drei Minuten am Boxsack der Atem ausgegangen. Jetzt hielt sie schon wesentlich länger durch. Sie bekam auch mehr als zwei Liegestütze hin, nur die Klimmzüge waren … nunja, es gab keine Klimmzüge. Dafür, dass sie fast schon untergewichtig war, wog ihr Körper erstaunlich viel, wenn sie ihn selbst mit der Kraft ihrer dünnen Ärmchen der Schwerkraft zu entreißen versuchte. Bei Deverell sah das alles so verdammt easy aus. Aber der Typ konnte auch problemlos ein massives Eichenschränkchen durch die Gegend wuchten, wenn es sein musste. Ceene hatte ihm dann und wann bei seinen Ausbesserungsarbeiten geholfen, mit denen er sich beschäftigt hielt, und es war ungelogen beeindruckend, wie belastbar und kräftig Rude war. Zumal er beinahe vollständig darauf verzichtete, sich das Arbeiten durch den Einsatz von Magie zu erleichtern. Sie hatte recht schnell verstanden, warum. Er wollte sich verausgaben. Deswegen trainierte er auch ungemein viel. Es war ein wenig wie bei einem Häftling und gewissermaßen war Rude das ja auch. Er konnte das Ordensquartier nicht verlassen. Er war an diesen Ort gebunden. Was absolut ungerecht und scheiße war, schließlich war er von Brooks in seiner Wohnung angegriffen wurde und trotzdem war er es jetzt, der sich verstecken musste. Kein Wunder also, dass seine Laune an manchen Tagen unterirdisch war.
    „Fuck“, keuchte Ceene, „Genug… Bin tot.“
    Sie schüttelte den Kopf und ließ sich in die Hocke sinken. Ihr Gesicht glühte und der Schweiß tropfte in dicken Perlen von Stirn und Nasenspitze. Mit einem Ächzen befreite sie sich von den dicken Boxhandschuhen. Danach ließ sie sich nach hinten ab, bis sie flach auf dem Rücken lag, den Blick zur Zimmerdecke gerichtet. Sie war vollkommen erledigt. Ob Rude sie ins Bett trug, wenn sie sich aus eigenen Kräften nicht mehr aufrichten konnte? Nah. Wahrscheinlich würde er sie einfach liegenlassen und eine Decke über sie werfen. Aber das war auch okay. Ein Stück weiter lag eine Turnmatte. Sie musste dann nur noch bis dorthin robben.
    „Warum“, japste Ceene und drehte ihren Kopf leicht, um aus einem sehr weirden Winkel zu Rude zu schauen, „tu ich … mir das eigentlich … nochmal … an?“

  • Selbst in einem alten Zaubererhaus wie dem Grimmauldplatz 12, dessen Glanzzeit mehr als nur ein paar Jahre zurücklag und in dem es von Staub, Spinnweben und manchem magischen Ungeziefer nur so wimmelte, gab es nur eine begrenzte Anzahl von Dingen, mit denen man sich auf Dauer beschäftigen konnte. Seit Deverells Welt auf die wenigen Zimmer und Stockwerke des Ordensquartiers zusammengeschrumpft war, gab es kaum einen Winkel, den er nicht bereits erkundet, kaum ein Zimmer, dass er nicht von Unrat befreit und kaum eine Schublade, die er nicht geöffnet hatte. In den ersten Tagen hatte er so gut wie alles repariert, was nicht bereits bei der ersten Rennovierung kurz nach Einzug des Ordens repariert worden war. Er hatte wackelnde Stuhlbeine neu Verleimt, Scharniere geölt und Abflüsse von Unrat befreit. Er hatte mit den Doxys, die sich unterm Dachstuhl eingenistet hatten, nachdem sie zuvor aus einem der Zimmer vertrieben worden waren, kurzen Prozess gemacht. Er hatte sich länger und ausgiebiger mit Walburga Black, dem immer schlechtgelaunten und unglaublich rassistischen Portrait in der Eingangshalle gestritten, als für ein Leben zumutbar war.
    Und all das hatte kaum länger als eine Woche in Anspruch genommen.
    In den darauffolgenden Tagen war er allen Ordensmitgliedern, die es gewagt hatten einen Fuß über die Schwelle des Quartiers zu setzen, mit kleinen Besorgungen auf die Nerven gefallen. Werkzeug, Holz, Bücher, ein Radio, ein Boxsack und entsprechende Handschuhe, Hanteln, ein Springseil und eine Dartscheibe inklusive Darts – Je mehr Tage vergingen, desto größer wurde die Ansammlung an Dingen, die Rude sich von anderen besorgen ließ, um bei Laune zu bleiben. Er hatte angefangen Löffel zu schnitzen. Hatte bis zum Umfallen Gedächtniszauber geübt. Und sich seit Wochen nicht mehr rasiert oder die Haare geschnitten. Sich zu beschäftigen, wenn die Zimmer leer und er selbst allein mit dem Kelch im zweiten Stockwerk und Walburga mit ihren unflätigen Schimpfereien war, wurde aber zunehmend zu einer Aufgabe, die kaum zu bewältigen war.
    Fast zwei Monate später war seine Laune an einem Tiefpunkt angelangt, der nicht einmal mehr dadurch aufgewogen werden konnte, dass er Walburgas Portrait am Vortag ein paar abschließbare, blickdichte (und vorallem größtenteils schalldichte) Fensterläden verpasst hatte. Der einzige Grund, aus dem er überhaupt noch aus dem Bett aufstand, war, dass die Eule, die er heimlich auf den Weg geschickt hatte, noch immer nicht zurückgekehrt war und die Hoffnung bestand, dass sie vielleicht etwas mitbringen würde, wenn sie es endlich tat. Noch aber wusste er nichts von aufwühlenden Briefen oder Paketen mit kleinen, gelb getupften Pilzen.
    Stattdessen sah er recht ungerührt dabei zu, wie die dürre Hexe vor ihm mit immer schwächer werdenden Schlägen auf den Boxsack einhämmerte, den sie mitten in dem leergeräumten Kaminzimmer aufgehängt hatten (Walburga hatte Zeter und Mordio geschrien, als Rude es ihr mit einem feisten Grinsen berichtet hatte). Nur ab und an unterbrach er das wenig rhythmische Schlagen mit rapiden Anweisungen wie „Deckung.“ „Arme hoch.“ „Schlag höher.“ und dergleichen. Als Ceene schlussendlich keuchend das Handtuch warf, verzog Deverell kaum eine Mine, die darauf hätte schließen lassen, ob er mit ihrer Leistung nun unzufrieden war oder nicht.
    Tatsache war, dass die ehemalige Slytherin unglaublich aus der Form war. Sie war zu leicht und klapprig, als dass ihr Körper die Ressourcen gehabt hätte, Muskeln aufzubauen. Entsprechend fehlte ihr die nötige Körperkraft, um von Natur aus heftige Faustschläge zu verteilen. Ohne die nötige Kondition brauchte es aber deutlich länger, ihr die Techniken beizubringen, die ihre Nachteile zumindest ansatzweise ausgleichen würden.
    Ein wenig war es, als würde man ein Stückchen völlig vertrocknetes Ackerland mit der Anweisung vor die Nase gesetzt bekommen, dass man doch bitte in Zukunft einen üppigen Garten darauf anlegen solle. Ohne Schweiß, Mühe und eine ordentliche Ladung verschiedenster Ressourcen, konnte man es vergessen, den Boden auch nur so weit vorzubereiten, dass überhaupt etwas wuchs.
    Cenne hatte diese Metapher übrigens weniger gut aufgenommen. Weder das Wort vertrocknet noch üppig hatten bei ihr Begeisterungsstürme ausgelöst. Aber Rude war aber definitiv nicht in der Stimmung, auf solche Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Wenn sie Samthandschuhe wollte, sollte sie in die Oper gehen. Letzten Endes hatten ihr die Boxhandschuhe aber doch besser gefallen.
    Mit leicht gehobenen Augenbrauen blickte Deverell auf die schwer atmende Animaga hinab. Schweiß hatte sich in ihrem purpurroten Gesicht gesammelt, aber die Anstrengung schien ihr die Sprache nicht verschlagen zu haben. Wahrscheinlich gab es nichts und niemanden auf der Welt, der Ceene Nosmion die Sprache verschlug.
    „Wenn du noch Reden schwingen kannst, kannst du dich auch dehnen. Mit 'nem Muskelfaserriss kannst du niemandem auf die Fresse hauen, Leichtgewicht.“, brummte er und fügte dann mit einem Zucken der Mundwinkel, das hinter seinem strubbeligen Bart verschwand und leicht zu verpassen war, „Wobei auch ohne deine Chancen nicht zwingend besser sind. Wenn du also liegenbleiben und heulen willst, geh ich mir was zu Trinken holen.“

  • „Du bist der beschissenste … Motivationstrainer … der Welt“, beschwerte sich Ceene abgehakt, ehe sie sich auf den Bauch drehte, in den Unterarmstütz ging und mit den ersten Dehnübungen begann. Ihre überstrapazierten Muskeln ließen ihre Extremitäten dabei ordentlich zittern, aber die grünhaarige Hexe biss die Zähne zusammen und kämpfte sich durch eine Variation von ‚Beugen und Strecken‘.
    „Zufrieden?“, erkundigte sich Ceene und ließ sich mit dem schweißnassen Rücken gegen den zugenagelten Kamin sinken. Ihr Blick ging nach oben, zum breiten, gemauerten Sims. Dort oben lag ihr Zauberstab, den sie gerade echt gerne genutzt hätte, um sich eine Wasserflasche herzuzaubern. Aber dafür hätte sie sich wieder aufrichten und noch einmal strecken müssen. Dann doch lieber mit ausgedörrter Kehle und Pappmaul wie ein Fisch an Land nach Luft schnappen und sich mit der Zungenspitze den salzigen Schweiß von der Oberlippe lecken.
    „Außerdem werde ich ja wohl kaum eine Viertelstunde auf einen Todesser einprügeln“, wehrte sie sich etwas verspätet (aber dafür bekam sie jetzt wenigstens wieder einigermaßen Luft) gegen den Vorwurf, auch ohne Muskelfaserriss nur mickrige Chancen gegen einen echten Gegner zu haben, „Mit nem Schlagring brauch ich im Idealfall nur einen anständigen Treffer. Ambitionen so ein fucking Bare-Knuckle-Fetischist wie du zu werden, habe ich echt nicht. Ich bin mir meiner Grenzen durchaus bewusst.“
    Das Training sollte sie in die Lage versetzen, im Zweifelsfall auch im Nahkampf etwas reißen zu können, wenn es mal hart auf hart kam. Zauberstäbe konnten einem nur allzu leicht aus den Händen gerissen werden und Ceene wollte dann noch etwas in petto haben. Etwas, womit man bei ihrer Statur auch nicht unbedingt rechnete. Klar, sie hätte sich auch eine Schusswaffe zulegen können, aber schon bei dem Gedanken daran wurde ihr ganz mulmig. Bei ihrem Talent schoss sie sich damit nur selbst in den Fuß. Dann doch lieber stumpf zuschlagen. Oder eben nicht mehr ganz so stumpf, sondern mit Finesse und am besten dahin, wo es richtig wehtat.

  • Mit einem wölfischen Grinsen beobachtete Deverell Ceene dabei, wie sie seiner Anweisung Folge leistete, ihre müden Glieder streckte und dabei hin und wieder das Gesicht verzog, als hätte sie ihm zum Dank am liebsten ins Gesicht gespuckt. Zu behaupten, dass es ihm kein Vergnügen bereitete, sie ein wenig an ihre Grenzen zu führen, wäre schlichtweg gelogen. In der eintönigen Routine, die seine Tagesabläufe im Grimmauldplatz bestimmte, musste man sich an alles klammern, was einem auch nur den Hauch von Zufriedenheit verschaffte. Und der grünhaarigen Hexe dabei zuzusehen, wie sie ihn schwitzend und rotgesichtig mit allen möglichen Schimpfwörtern bedachte, obwohl die Luft, die sie dafür verschwendete, wesentlich besser angelegt wäre, ihren Körper mit fehlendem Sauerstoff zu versorgen – Nun ja, das war ein guter Ersatz dafür, dass man im Ordensquartier weder TV- noch Internetempfang hatte. Bare-knuckle-Fetischist. Deverell verkniff sich ein Lachen. Was ihr in physischen Attributen fehlte, machte sie immerhin durch Kreativität wett.

    „Also mit einer Sache hast du recht.“, brummte er und seine dunkelbraunen Augen blitzten dabei vor diebischer Freunde, Du bist sicher nicht in der Lage fünfzehn Minuten lang auf jemanden einzuprügeln. Noch nicht.“

    Er sparte sich jeden weiteren Kommentar, dass die meisten Todesser:innen wohl kaum stillstehen würden, während ein spindeldürrer Punk sie mit winzigen Fäustchen malträtierte und sie ihre Kondition schon allein deswegen steigern sollte, um zwischen den Schlägen diversen Flüchen ausweichen zu können. Denn selbst mit einem Schlagring, musste man zumindest in der Lage sein, seinen Kontrahenten zu treffen, ohne sich direkt selbst ausknocken zu lassen.

    Aber, so gern er Ceene auch triezte, war es vorwiegend doch ihre Gesellschaft, die ihn derzeit mehr als so manch andere Beschäftigung unterhielt. Sie durch seine übermäßig schlechte Laune und sein daraus resultierendes loses Mundwerk zu vergraulen lag sicher nicht in seinem Interesse. Als Zeichen seines guten Willens nahm er ein Handtuch und eine der Wasserflaschen, die er, ohne jeden Respekt für die Ästhetik des prunkvollen Marmorkamins, neben sich auf dem Sims abgestellt hatte, und reichte sie der Hexe.

    „Wichtiger ist ohnehin, dass wir an deiner Fußarbeit und Deckung arbeiten.“, erklärte er und hob dabei die leeren Fäuste, wie zu einer Demonstration, „Du bist drahtig und kannst davon profitieren. Wenn du schnell auf den Füßen bist und lernst die Bewegungen deiner Gegner einzuschätzen, gewinnst du die nötige Zeit, um nach Schwachstellen zu suchen.“

    Er ließ die Fäuste wieder sinken und sich selbst neben Ceene auf den Boden fallen. Das Grinsen auf seinen Lippen wurde erneut feixend: „Natürlich klappt das nur, wenn du nicht vorher schon um Atem ringst.“


    //Off: Jetzt auch in Farbe und bunt!

  • Dankbar nahm Ceene Wasserflasche und leerte sie fast komplett in einem Zug. Die restlichen Tropfen schüttete sie sich ins Gesicht, ehe sie dieses mit dem Handtuch abwischte. Ihr war noch immer heiß und kaum, dass der flauschige Stoff die Feuchtigkeit aufgenommen hatte, bildeten sich bereits neue Schweißperlen an ihrem Haaransatz. Trotzdem fühlte sie sich nicht mehr ganz so ekelig. Eine Dusche hatte sie aber trotzdem bitternötig. Bestimmt stank sie gerade wie sieben Tage alte Socke, die man kurz in Gemüsebrühe getaucht hatte.

    "Ja, ja, float like a butterfly, sting like a bee. Ich kann mein kleines Box-Einmaleins", erwiderte Ceene, rollte mit den Augen, grinste anschließend aber ein wenig.

    Zu einem guten Training gehörten eben auch die ewig gleichen Belehrungen. Zumindest bis man ein akzeptables Niveau erreichte hatte und den Anforderungen seines Drillsergeants allmählich gerecht wurde. Vorher musste man diese Hinweise so lange über sich ergehen lassen, wie die wuchtigen Schläge, die man besser mit den eigenen Armen und Händen abfing und nicht mit dem Gesicht.

    "Drahtig?", wiederholte die Grünhaarige lachend, "Wow. Wenn das mal kein Euphemismus ist. Kai ist drahtig. Ich bin einfach nur spindeldürr. Aber Danke, dass du mir das auch nicht noch ankreidest. So ein Biest wie du werde ich ja leider nicht werden, egal, was ich anstelle."

    Sie blickte auf Deverells Oberarme, die selbst in lockerer Haltung sehr definiert waren. Bei ihren waren hingegen nur die spitzen Knochen definiert. Dass sie Muskeln besaß, merkte sie immer nur dann, wenn sie schmerzten. Wie jetzt. Oder wenn sie tatsächlich dazu überwinden konnte, Joggen zu gehen. Ihre Ausdauer war nämlich genauso wenig existent wie ihre Muskelmasse. Blöd nur, dass beides in einer körperlichen Auseinandersetzung von Vorteil war.

    "Du ärgerst", beklagte sich Ceene und tupfte sich noch einmal mit einer Handtuchecke Stirn und Wangen ab, "Ich halte inzwischen länger durch. Dass es nicht für ein 12-Runden-Match reicht, weiß ich auch. Solange will ich mich aber auch mit niemandem prügeln müssen. Egal wie fit ich dann bin, das kann nur in die Hose gehen."

    In einem richtigen Kampf würde sie auch kaum minutenlang um jemandem herumtänzeln, um nach einer Lücke in seiner Deckung zu suchen. Sie würde einfach voll draufgehen und ihren Gegner hoffentlich damit überraschen, dass sie eben genau das tat.

    "Hast du eigentlich noch alles da, was du brauchst?", wechselte Ceene das Thema, "Ist zwar noch eine Weile bis zum Vollmond, aber du musst dir den Trank ja auch noch zusammenrühren. Sarah ist immer noch nicht aus Frankreich zurück. Das Projekt scheint so ordentlich in Beschlag zu nehmen. Oder vielleicht ist es auch eher dieser Franzose. Naja, wie auch immer. Sie ist jedenfalls nicht da und du weißt, dass ich den nicht hinbekomme."

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    Ende Juli 2024

    Marktgeschrei


    Schweiß sammelte sich über Alistairs Augenbrauen, lief ihm über die scharf geschnittenen Wangenknochen und kitzelten seine Nase. Seine Hände waren feucht vom Dampf, die Ärmel seines Hemdes über die Ellbogen gerollt, sein Gesichtsausdruck verbissen. Der Geruch von abgestandenem Wasser, welken Blumen und etwas Süßlichem lag in der Luft – Verwesung. Dabei waren die Überreste des Einhorns schon lange nicht mehr hier.
    Nachdem Haden das Einhorn nach dem Merlin-Festival in den Grimmauldplatz gebracht hatte, war schnell klar geworden, dass sie die Überreste des Tieres würden untersuchen müssen. Es bot sich nur selten eine solche Gelegenheit und seit dem Taymirsee… Alistairs Augen verdunkelten sich, während er eine kleine Phiole entkorkte, um deren Inhalt in ein niedriges Pfännchen über einem Bunsenbrenner zu geben. Der Orden brauchte diesen Erfolg. Ihre Reihen dünnten sich aus. Kein Wunder – die Lage hatte noch nie so hoffnungslos gewirkt wie jetzt. Alistair hatte selbst schon darüber nachgedacht, ob es das alles wert war. Manchmal fragte er sich, warum er nicht einfach auswanderte. Er hatte Kontakte in alle Welt, hatte sie bereist, wusste, wo es schön war – er hätte Großbritannien und seine korrupte Regierung mit den Fädenziehern im Dunkeln einfach hinter sich lassen können. Es wäre so einfach gewesen auf einen Besen zu steigen und über die Nordsee zu verschwinden… aber immer, wenn er sich diese Frage stellte, gab er sich auch gleichzeitig die Antwort: er mochte kein Kämpfer sein, nicht der Tapferste oder Durchsetzungsfähigste, aber es gab immer noch etwas, was er seinem Land geben konnte. Was er dem Orden geben konnte. Und außerdem hätte er seine Familie und seine Freunde niemals im Stich gelassen – und hätte auch mit den Konsequenzen nicht leben wollen, wenn Gwenda herausfand, dass er nicht mehr in Wales leben wollte.
    Ein seichtes Blubbern kündigte an, dass der silbrige Inhalt der Phiole zu kochen begonnen hatte. Alistair griff nach einem feingewebten Tuch, zerknüllte es und legte es auf die dampfende Flüssigkeit. Dann griff er nach einem abgegriffenen Notizbuch und seiner Feder und begann sich Notizen zu machen.
    Das beständige Ticken der großen Standuhr hatte eine fast einschläfernde Wirkung auf Alistair, während er, den Blick beständig auf die Blasen der kochenden Flüssigkeit gerichtet, jedes Platzen, jedes Zittern des Stoffes akribisch notierte. Seine Brauen hoben sich, als er eine Veränderung in seiner Farbe bemerkte. Zuerst war es kaum zu sehen, dann begannen sich jedoch dunkle Fäden durch die Fasern zu ziehen. Alistairs Notizen wurden hektischer. Als der Stoff nach nicht einmal einer Minute komplett schwarz war, sog der ehemalige Hufflepuff scharf Luft durch seine Zähne. Das hatte er erwartet - erhofft. Er griff nach einer Zange, die er sich schon zurechtgelegt hatte und hob den Stoff aus der Flüssigkeit. Er war komplett trocken. Dunkle Schwaden stiegen von ihm auf und Alistair merkte, wie ihm kalt wurde. Er schluckte schwer, dann nickte er sich jedoch bekräftigend zu und – zögerte nochmal. Er hatte bereits Vermutungen, was genau mit dem Einhorn – und dem Rest der Bevölkerung des Waldes – passiert war und was ihn auf dem Merlin-Festival seiner Kräfte beraubt hatte, aber um zweifelsfrei herauszufinden, ob er richtig lag, würde er ein Testsubjekt brauchen. Eine Maus oder eine Ratte wären naheliegend gewesen, aber er hatte das nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können. Noch ein Nicken. Dann platzierte er den Stoff auf seinem nackten Handrücken. Einen kurzen Moment passierte noch nichts – dann jedoch begannen die gleichen dunklen Fäden ihre Finger auch nach seiner Hand auszustrecken. Er spürte, wie sie kalt und taub wurde. Alistair biss die Zähne zusammen und stöhnte, aber entfernte den Stoff erst, als er das Gefühl hatte seine Hand fast nicht mehr spüren zu können. Er schüttelte sie kurz, versuchte sie zu einer Faust zu ballen, während er den Stoff wieder in der Zange trug, aber es fiel ihm schwer. Sie zitterte und schmerzte. Nichts, was nicht wieder besser werden würde, sagte er sich, also platzierte er das Tuch auf einem silbernen Tablett und beobachtete es aufmerksam. Es war immer noch schwarz, aber er glaubte ein leichtes Pulsieren zu bemerkten, als er näher herantrat. Weitere Notizen folgten, dann stülpte Alistair eine Glasglocke über sein Experiment.
    Die Ergebnisse hatten seine Vermutung bestätigt, dass im Blut des Einhorns noch immer die Überreste mächtiger, schwarzer Magie weilten - seinen Berechnungen nach in der Struktur eines Rituals, um Energie zu nehmen. Nun blieb nur noch die Frage, welche Energie genommen werden sollte…


    Ende


    Disclaimer: anscheinend hab ich den ursprünglichen Post von Juli nie abgeschickt. Hier ist also die Fassung aus meiner Erinnerung.

  • have you been smooching the enemy? out with it

    03.11.25 | Abends

    Byron Clairmont


    Sie nippte an ihrem Kaffee, blätterte mit einer automatisierten Geste mithilfe ihres Zauberstabs durch die Aufzeichnungen auf der Suche nach einer bestimmten Information. Eigentlich war es längst zu spät für einen Kaffee, doch sie war müde und es war definitiv zu früh, um bereits ins Bett zu gehen. Sie murmelte leise vor sich hin und hielt dann schlagartig inne, als ihr Blick auf eine Reihe an frisch hinzugefügten Worten fiel. „Was zum Fick?“, entkam es ungalant in schroffer glaswegischer Tonalität ihrem Mund, und unterzog den Pergamenten dabei einer kleinen Kaffeesprühdusche. Enttarnt. Mercury Nightowl. Sie stellte die Tasse ab und ihre Augenbrauen verdichteten sich. Natürlich. Seitdem sie Byron vor ein paar Wochen mit dem jungen Mann in Hogsmeade gesehen hatte, war ihr der Gedanke öfter gekommen. Im Moment hatte sie vielleicht nicht daran gedacht, doch der flüchtige Blick auf das Tattoo hatte an etwas in ihrem Gedächtnis gerüttelt. Es deckte sich mit den Erzählungen von Edgar und eventuell sogar mit der bizarren Warnung von Faolán, der ihr von seinem angeblichen Stalker geschrieben hatte. Sie hatte ihn noch einmal nach ihm fragen wollen, hatte nachforschen wollen, was es mit diesem Mann auf sich hatte, es hatte auf ihrer Agenda gestanden, doch… sie war noch nicht dazu gekommen. Sie hatte Byron fragen wollen, einfach um sicher zu gehen, dass sie sich getäuscht hatte. Virginia wollte ihm schließlich nicht direkt unterstellen, dass er auf Kuscheltour mit Todessern ging. Es war so viel losgewesen die letzten Wochen. Sie war noch nicht dazu gekommen.

    Doch nun stand es hier schwarz auf weiß. Als handelte es sich um eine kleine Randnotiz. Als wäre es kein großer Durchbruch. Es war zu eindeutig. Byron bleibt an ihm dran. Was sollte das bedeuten? Was hinderte sie daran, ihn direkt ans Ministerium auszuliefern, wie sie es mit den anderen Namen auch getan hatten? Zugegeben war ihre Skepsis dem Ministerium gegenüber immer noch hoch, doch sie hatten entgegen ihrer Erwartungen geliefert. Die Trevelyans mochten immer noch auf freiem Fuß sein – doch es wurde immerhin nach ihnen gefahndet.

    Sie rief sich die Vertrautheit ins Gedächtnis, mit welcher Byron neben diesem Mann gesessen hatte. Die Nähe. Eine Erklärung lag nahe, warum er dichthalten wollte. Ein frustriertes, fast schon enttäuschtes Seufzen entkam ihr. Virginia schob ihren Stuhl zurück, kümmerte sich nicht um das Zettelchaos, das sie angerichtet hatte und unaufgeräumt hinterließ und hob ihre Tasse wieder hoch. Sie wusste, dass er noch irgendwo im Haus sein musste. Die leisen Klaviertöne hallten noch in ihrem Ohr nach. Mit einer entschlossenen Miene stapfte sie aus dem Zimmer.

    Byron“, ihre Stimme klang anklagend, als sie ihn schließlich in einem der Zimmer im zweiten Stock ausfindig gemacht hatte. Sie schloss die Tür sachte hinter sich, setzte sich auf einen durchgesessenen Sessel, den anscheinend jemand neu angeschleppt hatte – sie kannte ihn jedenfalls nicht, überschlug die Beine, unterzog ihn eines eindringlichen Blickes. „Mercury Nightowl“, offerierte sie direkt mit fragender Stimme. Virginia war noch nie jemande gewesen, der lange um den heißen Brei herumredete. Unter ihren Blick mischte sich eine ehrliche Sorge. „Ich glaube, wir sollten dringend über ihn reden.“ Ihre Augen verengten sich leicht. „Was genau…“, sie zögerte. „Was ist euer Deal? Schützt du ihn?“, fragte sie dann scharf.

  • Eine Frage der Zeit. Mehr war es nicht gewesen, das wusste Byron. Früher oder später hätte Virginia ihn auf den Mann in Hogsmeade angesprochen, hätte hinterfragt, in welcher Beziehung sie zueinander standen. Er hätte darauf spekulieren können, dass es nie Thema wurde, die Begegnung bei ihr in Vergessenheit geriet. Das Risiko einzugehen, hatte er nicht gewagt. Zumal es keine Option war, dem Orden die Identität des Mannes mit dem Zahnrad-Tattoo vorzuenthalten. Das war es nie gewesen. Es durfte keinen Unterschied machen, dass seine Narbe ihm keine Schmerzen bereitete, wenn er in seiner Nähe war. Oder dass es ihm gefiel, wenn er ihn küsste. Nichts würde ändern, was Mercury Nightowl war. Byron hatte vor vielen Jahren ein Versprechen abgegeben. Mit seiner Unterschrift seinem Leben einen neuen Sinn verliehen. Gerechtigkeit, das war das, was von Bedeutung sein sollte. Begierde? Begierde war Gift, an dessen Geschmack Byron Gefallen fand. Er musste es ausspucken, bevor es ihn von innen zersetzte.

    Kaum merklich zuckte er zusammen, als die Tür sich öffnete. Ihre Stimme klang vorwurfsvoll beim Aussprechen seines Namens. Instinktiv drehte er sich vom Kamin weg und ihr zu, obwohl er genauso instinktiv die Arme vor der Brust verschränkte. "Dir auch einen schönen Abend, Virginia." Er hatte nicht beabsichtigt, so trockene Worte zu formulieren. Zumal er nicht das Recht dazu hatte. Es war ein Schutzschild, für den Fall, dass sie ihm gleich ordentlich die Leviten las, so sehr er es auch verdient hatte. Zu seiner Überraschung setzte sie sich zunächst hin, mit einer unerwarteten Ruhe. Dass er sich davon nicht fehlleiten lassen durfte, bewiesen ihre nächsten Worte. "Mercury Nightowl", wiederholte er, versuchte damit das Klopfen in seinem Brustkorb zu unterdrücken. In seiner Stimme schwangkein Zittern mit, kein verräterischer Laut, der die Situation verschlimmerte. Er wusste nicht, ob er dankbar dafür sein sollte. Für eine Weile blieb er nur stehen, ließ ihre Worte auf sich wirken. In seinem Inneren zog sich etwas zusammen. Da war kein reflexartiger Ausruf, keine sich vor ihr aufbauende Defensive. Enttäuschung beschrieb es am besten.

    "Denkst du wirklich so schlecht von mir?", antwortete er ihr nach einer gefühlten Ewigkeit. Mit einem fast lautlosen Seufzer setzte er sich auf den ungemütlichen, abgenutzten Stuhl, der neben dem Kamin stand und keinerlei Polsterung besaß. Wie passend. "Wenn ich ihn schützen würde, wäre sein Name nicht in den Akten." Es kostete viel Selbstbeherrschung, um nicht nervös mit dem Bein zu wippen. Er griff stattdessen in seine Hosentasche und holte eine Zigarettenpackung raus, die er offensichtlich in einem Muggelladen besorgt hatte. Kein magischer Tabak, der einem angenehm auf der Zunge tanzte. Er sparte sich die Höflichkeit, sie um Erlaubnis danach zu fragen, steckte sich den Glimmstängel zwischen die Lippen und zündete ihn an, in der Hoffnung, das Nikotin würde sich bald beschwichtigend an seine Rezeptoren schmiegen. Seine Arme fanden ihren Weg zurück in die Verschränkung. "Was genau möchtest du wissen? Willst du die ganze Geschichte? Sie ist nicht sonderlich lang." Das entsprach der Wahrheit. Trotz der Tatsache, dass sie sich zum ersten Mal in der Schule begegnet waren. "Er ist eine Zufallsbekanntschaft. Wir sind uns vor dem Finale zwei Mal begegnet. Und dann nochmal nach dem Finale. Ich wollte sicherstellen, dass meine Vermutungen stimmen, bevor ich sie mit euch teile."

  • Es kümmerte sie nicht, dass er ihren Mangel an Höflichkeit mit trockenen Worten kommentierte. Selbst wenn es in ihrem Naturell gelegen hätte, sich stets umsichtig auszudrücken, kannten sie sich inzwischen so lange, dass sie ihre Direktheit nicht unter einem Schleier an konventionellen Begrüßungsfloskeln verbergen musste. Eine Nervosität nahm von ihm Besitz, doch er blieb ruhig. So ruhig, dass für den Moment Hoffnung in ihr aufflackerte. Vielleicht gab es ja zu allem eine einleuchtende Erklärung. Vielleicht folgte er einem Auftrag, der bisher unter Verschluss geblieben war, um ihn nicht zu gefährden. Vielleicht würde er ihr gleich eine vollkommen plausible Geschichte auftischen können, warum nun der Name eines Todessers in ihren Akten aufgetaucht war, mit dem sie ihn vor ein paar Wochen öffentlich kuschelnd vorgefunden hatte.

    Ungeduld pochte in ihr ihr, als er sich langsam ebenfalls auf einem der Stühle niederließ. „Ja“, brachte sie erwartungsvoll hervor, um seiner Nachdenklichkeit auf die Sprünge zu helfen.

    Byron wich aus, drehte den Spieß um, wandte nun den vorwurfsvollen Ton gegen sie. Sie runzelte die Stirn, spürte wie ihr seine Worte sauer aufstießen. Es gefiel ihr nicht, wie er ihre Loyalität infrage stellte. „Eigentlich nicht“, erwiderte sie und verschränkte nun selbst die Arme vor der Brust. Er musste wissen, wie die ganze Situation auf sie wirken würde. Es war merkwürdig, um es sachte auszudrücken. Er konnte ihr nicht vorhalten, skeptisch zu sein. Ihre Augen huschten zu der Zigarettenschachtel. Normalerweise rauchte niemand im Haus. Es war offensichtlich eine impulsive Geste. Die Besonnenheit, mit der er ihr begegnete, bekam Risse. Die Falten auf ihrer Stirn intensivierten sich weiter, während sie ihm mit ihren Blicken verständlich machte, dass sie den Griff zur Zigarette als klares Indiz dafür nahm, dass ihn etwas belastete. Sie hätte es in seiner Situation wahrscheinlich auch getan. Hätte es etwas gegeben, das ihr auf der Seele lastete. Hätte sie nicht längst schweren Herzens mit dem Rauchen aufgehört.

    Was weiß ich, wie der Name in die Akten gekommen ist“, entgegnete sie argwöhnisch. „Das einzige, was ich weiß, ist, dass er sehr neu ist und dass ich euch aber bereits vor Wochen gemeinsam gesehen habe. Zumindest gehe ich jetzt davon aus, dass er es war. Ich hätte längst mit dir drüber sprechen sollen, ja, aber dass du ihn länger und näher kennst, wirkt rückblickend nicht gerade... gut. Das ist dir auch bewusst, ja?“, konfrontierte sie ihn eindringlich und presste die Lippen aufeinander.

    Seine Antwort hinterließ sie unbefriedigt. Eine Zufallsbekanntschaft? Virginia glaubte nicht, dass Byron sie kalkuliert hinterging. Sie zweifelte nicht daran, dass er hinter dem stand, was sie taten oder dass er nicht alles für den Orden opfern würde. Sie vertraute ihm auf dieser Ebene. Doch sie befürchtete, dass er sich in irgendetwas reingeritten hatte, sich in irgendwas verfangen hatte, ohne es selbst zu bemerken. Dass ihm vielleicht irgendwo auf halber Strecke beim Kennenlernen dieser Zufallsbekanntschaft sein Urteilsvermögen abhanden gekommen war. Sie seufzte frustriert, musterte ihn eingängig, lehnte sich dann zurück und ein weiteres, diesmal desperateres Seufzen entkam ihr.

    Ist das wirklich die ganze Geschichte?“, fragte sie ihn und durchbohrte ihn weiter mit ihren Blicken. Dann nahm sie einen Schluck von ihrem Kaffee, der inzwischen kalt geworden war und den sie weiterhin umklammert hielt. Virginia beugte sich wieder nach vorne und ihr Ausdruck nahm zum ersten Mal etwas sorgenvoll Fragendes an. „Ich bin auf deiner Seite, Byron. Ich glaube dir, okay? Aber“, sie zögerte, „es ist wichtig, dass du ehrlich mit dir bist. Ich will nicht, dass du einen Fehler begehst. Wir sind alle nur menschlich und manchmal möchte man lieber nicht so genau hingucken, aber das können wir uns in so einem Fall nicht erlauben. Also, woher genau kennst du ihn? Was weißt du über ihn? Siehst du ihn regelmäßig? Warum hast du uns nicht bereits von ihm erzählt?

  • Byron schwieg. Ließ alles auf sich zukommen, was Virginia ihm scharf entgegen schmettern würde. Sie war schon immer jemand gewesen, der kein Blatt vor den Mund nahm. Jemand, der die Dinge nicht beschönigte. Es war der Grund gewesen, weshalb er ihr als erste Person aus dem Orden vom Angriff erzählt hatte, der das Feuer des Kampfes in ihm entfacht hatte. Die Zuversicht, nie Mitleid von ihr zu bekommen, hatte ihn stets in Sicherheit gewiegt. Was nicht bedeute, dass Virginia keine sanftmütige Seite hatte. Ihr Gerechtigkeitssinn war Beweis genug. Seine Handflächen fühlten sich verschwitzt an bei ihrer Nachfrage. Ob es die ganze Geschichte war? Byron drehte den Kopf zur Seite, aus Angst, er könnte unter ihren prüfenden Augen einknicken. Sein Blick war leer, wollte nichts so recht in den Fokus nehmen, während er die Zigarette an seine Lippen führte, um kräftig zu inhalieren. Es fühlte sich an wie eine erbarmungslose Strafe, so wie er glaubte, Mekkinó auf seiner Zunge zu schmecken, derart penetrant, dass er sich vom Zigarettengeschmack nicht wegjagen ließ. Byron war froh um den Rollkragenpulli, denn er war sich sicher, dass das Pochen seines Herzens sich auch an seiner Halsschlagader bemerkbar machen würde. Sie stellte Fragen. So viele Fragen. Legitime Fragen. Ihm war schwindelig beim Versuch, sie einzufangen.

    "Ich habe es als Kind gehasst. Das Klavierspielen." Er erinnerte sich vage an sein quengeliges Ich, dessen Hände von den komplizierten Bewegungen weh getan hatten. "Ich wäre lieber ins Museum gegangen. Oder hätte das Lesen geübt. Aber meine Mutter hat gesagt: Byron, irgendwann spielst du uns jedes Weihnachten etwas vor und es werden alle stolz auf dich sein." Er musste die Lippen aufeinander pressen, damit sie nicht verräterisch bebten. Ein heiseres Lachen diente als Schutzmechanismus. "Die Vorstellung hat mich so nervös gemacht. Ich habe ihnen nicht vorgespielt. Und jetzt ... Ich wünschte, ich hätte es getan." Er blinzelte, ließ allmählich die Bilder in seinem Kopf los und sah Virginia endlich wieder ins Gesicht. Die kurzzeitig einsetzende Stille zwischen ihnen wurde von seinem Räuspern unterbrochen. "Es ist das Einzige, das mich irgendwie noch mit ihnen verbindet." Er lehnte sich in Richtung des Kamins, um die Asche der Zigarette loszuwerden. "Ich weiß nicht mehr genau, wann ich sie das allerletzte Mal gesehen habe. Meine Eltern. Manchmal schreibt mir meine Mutter noch, aber ich ..." Er musste den Satz nicht beenden, damit Virginia verstand, dass er auf ihre Kontaktversuche nicht reagierte. "Seit Dippet habe ich ständig Angst, dass jemand von denen hiervon erfährt und ihnen etwas antut. Sie können nicht zaubern, sie sind doch nur wertlose Muggel für–" Leute wie Mercury. Seine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. Jeder Muskel seines Körpers wurde angespannt, in der Hoffnung, kein Zittern zu zeigen, als er die Zigarette erneut an seine Lippen führte. Er nutzte ein paar Sekunden, um tief durchzuatmen. "Ich habe nichts gesagt, weil ... weil ich sichergehen wollte, dass ich mich nicht irre." Er zögerte, ob er es dabei belassen sollte. Seine Zähne malträtierten seine Unterlippe. "Ich habe mich geschämt. Ich bin muggelstämmig und ich ... ich habe nicht gemerkt, dass er ..." Mit der freien Hand griff er nach dem Stoff seiner Hose, wollte sich an irgendetwas klammern, um die Kontrolle über die Situation nicht zu verlieren. Das Beben seines Herzens verstärkte sich. "Es tut mir leid."

  • Eine sensiblere Person hätte sich bei Byrons Anblick vielleicht verleitet gefühlt, ihm tröstend einen Arm auf die Schulter zu legen, ja ihn vielleicht sogar zu umarmen, ihm einen Tee zu machen, ihm gut zuzureden und zu versichern, dass es sicher wieder alles gut werden würde, dass sie eine Lösung finden würden, dass er sich keine Sorgen machen müsse. Doch Virginia wusste nicht, ob wieder alles gut werden würde. Sie hatte keine Ahnung, ob es eine Lösung gab – zumal sie das volle Ausmaß der Situation noch nicht mal ganz umrissen hatte. Dass er sich keine Sorgen machen musste, war ausgeschlossen.

    Sie zwang sich, ihm ohne Unterbrechung zuzuhören, die Stirn in ernsthafte Falten gelegt. Es war ihr nicht sofort klar, worauf er hinauswollte und weshalb er ihr nun von seinen Eltern erzählte, zu denen er den Kontakt aus Sicherheitsgründen abgebrochen hatte. Sie seufzte. Natürlich verstand sie seinen Schmerz. Irgendwo bewunderte sie auch seine Konsequenz. Sie selbst hatte auch Angst. Jede:r von ihnen, der oder die nicht hirnrissig war, hatte Angst. Es war einer der Preise, die sie zahlten, um sich die Hoffnung zu kaufen, dass es einmal wieder besser werden würde. Doch sie handelte in vielen Dingen unvernünftiger als er, unvorsichtiger. Sie war vielleicht selbst für einige Zeit ins Ausland geflüchtet, als die Angst zu groß geworden war – doch ihre Familie aus ihrem Leben zu schließen, brachte sie nicht übers Herz..

    Hey“, entgegnete sie und klang dabei ein Stück weit weniger scharf als noch zuvor. Anteilnahme legte sich in ihren Blick. „Ich verstehe das. Es ist furchtbar, keine Frage. Meine Mutter ist auch Muggel. Das ist kein Geheimnis und ich sage das jetzt nicht, um deine Angst zu relativieren, nur damit du weißt, dass du nicht alleine damit bist“, fing sie an. Auch wenn ihre Stimme die anklagende Dringlichkeit von zuvor verloren hatte, lag wenig Tröstliches in ihr. Sie war da, um ihm zuzuhören und sich seiner persönliche Misere anzunehmen – schließlich war der Orden auch immer eine Form von Familienersatz gewesen, vor allem für diejenigen, die ihrer biologischen Familie aus welchen Gründen auch immer den Rücken gekehrt hatten. Sie kannten sich seit 8 Jahren. Doch sie war auch hier, um herauszufinden, ob er sich gerade selbst in Gefahr brachte und dabei womöglich sogar noch einen von ihnen in Schutz nahm. Sie, die der Grund dafür waren, dass sie alle in Angst lebten.

    Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du es nicht gemerkt hast“, sagte sie, fast ein wenig ungeduldig. „Manche von denen… keine Ahnung“, sie verzog ihr Gesicht, „vielleicht hat er eine perverse Freude daran, dass…“, sie sprach den Satz nicht zu Ende. „Aber es ist wichtig, dass du jetzt nichts Dummes machst, okay? Du bringst dich in Gefahr und potentiell uns alle“, redete sie auf ihn ein, der Blick aus ihren grünen Augen weiterhin unnachgiebig. „Also“, ein weiteres Seufzen. „Was ist das für ein Typ?“, wiederholte sie ihre Frage.

  • Keine Umarmung. Kein gefälschter Optimismus. Kein Mitleid. Genau das, was er wollte. Oder? Byron senkte den Blick, erwiderte nichts auf ihre einfühlsamen Worte, obwohl er am liebsten gesagt hätte, dass es nicht das Gleiche war. Er kannte ihren familiären Hintergrund nicht bis ins kleinste Detail, es ging ihn schließlich nichts an. Doch er wäre stets der Meinung, es war etwas anderes, wenn die gesamte Familie nur aus Muggeln bestand. Womöglich redete er sich diese Sonderstellung aber auch nur ein, um sich abzukapseln vom Rest des Ordens, sich im Recht zu sehen für Gefühle und Handlungen, die den anderen Mitgliedern widerstrebten.

    Er konnte ihren eindringlichen Augen nicht ausweichen, als der strenge Tonfall in ihre Stimme zurückkehrte. Sie war offensichtlich nicht bereit, ihn mit einer kitschigen Geschichte über Familienliebe davonkommen zu lassen. In jeder anderen Situation hätte er das befürwortet. Hier wünschte er sich, sie würde einen Schritt zurück machen, ihm mehr Raum zum Atmen geben. Ähnlich wie Gwen zuvor schien Virginia anzudeuten, dass Mercury ihn in einen Hinterhalt gelockt hatte. Dass er genau gewusst hatte, wer er war. Wofür er kämpfte. Ihn geküsst hatte, um ihn um den Finger zu wickeln. Die Scham in Byron wuchs. Hatten sie recht? Hatte hinter den Küssen, den Berührungen, der Leidenschaft im Raunen seines Namens ein perfider Plan gesteckt? Er schluckte die Übelkeit runter. Nein. Unmöglich. Dafür hatte er ihm zu viel anvertraut. Dazu, wie überfordernd laute Geräuschkulissen waren. Dazu, wie sein Name gewesen war. Es waren Informationen, die er nicht hätte mit ihm teilen müssen. Antworten auf Fragen, die man ganz simpel hätte umschiffen können. Zumal er seine eigenen Fragen für Banalitäten genutzt hatte statt sich ernsthaft darum zu bemühen, etwas Gehaltvolles über Byron zu erfahren. Die Gedanken kamen ihm nicht in Form von Worten über die Lippen. Stattdessen konzentrierte er sich auf ihre Frage. "Er liebt Tiere", schoss es ihm aus dem Mund, gefolgt von einem leisen Lachen, das allmählich wuchs. "Kannst du das glauben? Ein Rassist und Tierfreund." Er zog an seiner Zigarette, um das vollkommen fehlplatzierte Gelächter zu ersticken, verschluckte sich aber nur und musste kurz husten, ehe das Lachen sich wieder durchsetzte. "Muggel sind minderwertige Geschöpfe, aber Tiere..." Es dauerte eine ganze Weile, bis er verstummte. Flüssigkeit bildete sich in seinen Augen. Er wünschte, sie wären das Resultat des hysterischen Lachkrampfs gewesen. Hastig erhob er sich vom Stuhl, drehte Virginia den Rücken zu, um sich mit bebenden Fingern über die Augen zu wischen. Erst, als er sich sicher war, die Spuren von emotionaler Überforderung losgeworden zu sein, drehte er sich wieder zu ihr. "Ich ..." Er musste seine Kehle mit einem Räuspern aufwärmen. "Ich weiß, was er ist, Virginia. Ich weiß auch, dass er eine Schwäche für mich hat. Wir sollten das nutzen."

  • Er wich ihrem Blick aus. Virginia konnte nicht sagen, ob er beschämt oder verletzt war – ob er sich angegriffen fühlte oder ob er sich selbst Vorwürfe machte. Es war wahrscheinlich alles ambivalenter. Die Linien von richtig und falsch, von gut und schlecht, von vernünftig und verlockend – so klar sie in der Theorie erscheinen mochten, so unscharf verliefen sie in der Unordnung des Alltags. So viel Verständnis, wie sie dafür auf zwischenmenschlicher Ebene aufbringen konnte, desto unnachgiebiger war sie, was ihre Nachfragen anging. Hier ging es nicht nur um sein eigenes Leben. Hier ging es um Dinge, die größer waren. Größer als Byron, größer auch als dieser Mercury. Byron machte nicht den Anschein, als ob es sich hier um einen kleinen Fehltritt seines Urteilsvermögens gehandelt hatte, als ob bei der ganzen Sache nicht viel dabei war. Alles an seinem Verhalten sendete ihr besorgniserregende Signale.

    Ihre Miene blieb fest, als er seine Stimme wiederfand. Er mochte Tiere. Byron entkam ein verzweifeltes Lachen, doch Virginias Stirnfalten intensivierten sich. Für sie war es kein Widerspruch. So sehr sie an der Idee festhalten wollte, dass Respekt vor Tieren oder gar Liebe zu Tieren einen zu einem besseren Menschen machten, so sehr lehrte sie ihre eigene Erfahrung, wie sehr man sich darin täuschen konnte. Selbst wenn eine proklamierte Tierliebe sich nicht als heuchlerische Farce entpuppte, die nur so weit reichte, bis man die Augen in vermeintlicher Ignoranz vom Schlachter abwandte und dann genüsslich die Überreste des vermeintlich geliebten, toten Tieres verspeiste, selbst dann hielt sie einen nicht davon ab, ein schlechter Mensch zu sein. Das Böse zeigte sich zumeist nicht in abnormaler Zurschaustellung von Gewalt. Auch Todesser:innen waren Menschen, die liebten und fühlten, die eine Familie und Haustiere besaßen und einem auf der Straße als harmlose, nette Menschen begegneten. Die Böse wurzelte tiefer, es verbarg sich in der Normalisierung und Legitimierung von vermeintlich notwendiger Gewalt. Es fand sich dort, wo Menschen lieber den Kopf wegdrehten, wo sie lieber in Kauf nahmen, dass jemandem etwas Schreckliches widerfuhr, als sich selbst in Gefahr zu begeben, dort, wo man mit Scheuklappen auf den Augen Befehle ausführte, die zum Leiden anderer führten, weil man dachte, es würde das notwendige Opfer sein, das man bringen musste. Wenn es auch kein richtiges Leben im Falschen geben mochte, so gab es sicherlich ein falsches im Falschen.

    Ihre ganze Ideologie ergibt keinen Sinn“, erwiderte sie und klang dabei fast schon müde. „Und manchmal gehen Vorstellung von der Reinheit einer ‚Rasse‘“, sie setzte das Wort in gestische Anführungszeichen, „Hand in Hand mit einem vermeintlichen Schutz des Lebens, der Natur, der Tiere“, vollendete sie altklug wenn auch mit zynischer Bitterkeit und seufzte dann. Es war nicht der Moment, um über die verqueren Ansichten jener zu sprechen, die sich ironischerweise als Retter ihrer magischen Zivilisation stilisierten.

    Byron wandte sich ab, stand auf, drehte sich von ihr weg. Sie ließ ihm schweigend den Raum, um sich zu sammeln. Ihr Blick war wieder nachdenklicher geworden, als er sich ihr wieder zuwandte. Virginia hatte gemerkt, dass er ihren Fragen bisher geschickt ausgewichen war. Sie hatte nach wie vor keinen blassen Schimmer von dem Typen – doch zwischen den Zeilen von Byrons Worten hatte sie die Erkenntnisse erlangt, die ihr das Nötigste bereits verraten hatten.

    Nun war sie es, die leicht auflachte. „Und du eine für ihn, richtig?“, hakte sie mit weicherer Stimme nach. „Tu dir das nicht an, Byron“, mahnte sie ihn und klang damit zum ersten Mal nicht wie eine strenge große Schwester, sondern eine besorgte Freundin. „Was glaubst du passiert, wenn du das Spiel – so weit es überhaupt eins für dich ist – weiterführst?

  • Sie versuchte es mit einer rationalen Antwort, suchte damit wohl einen Weg der Sanftmütigkeit. Es war paradox, wie Byron Clairmont, Verfechter der Rationalität, genau das nicht hören wollte. Es würde nicht helfen. Nicht gegen die Tode, die diese Ideologie beigeführt hatte. Nicht gegen das schlechte Gewissen, das Linnea Fancourt ihm bereitet hatte. Nicht gegen die zähe Hoffnung, die trotz klarer Sicht auf ratternde Zahnräder noch vorhanden war. Byrons Augen brannten, sorgten dafür, dass seine Finger mit dem Verlangen kribbelten, sie sich auszukratzen. Er hasste das Gefühl von sich anbahnender Schwäche. Tränen zu vergießen, seinem Körper den Stressabbau zu erlauben, hatte er nicht verdient. Nicht nachdem er immer noch hier war, wenn viele andere es nicht waren. Nicht wenn er sich nach Lippen sehnte, über die unverzeihliche Flüche kamen, und Muggel womöglich als Dreck bezeichneten.

    "Nein, habe ich nicht." Es war eine Lüge, die fast beleidigend war, wenn man wusste, was für eine intelligente Frau Virginia war. Sie hatte mehr Respekt verdient. Er selbst hatte mehr Respekt verdient, als sich selbst von etwas überzeugen zu wollen, das ganz und gar nicht der Wahrheit entsprach. So wenig er es sich eingestehen wollte: Sie hatte recht. Er hatte eine Schwäche für ihn. Er hatte eine Schwäche dafür, wie perfekt Mercury sich in die Sterne am Himmelszelt - so unecht es auch war - eingliederte. Er hatte eine Schwäche für die Textur der Narbe unter seinen Fingern. Für das kribbelnde Gefühl in seiner Brust, das der Mann ihm bescherte. Für die Unebenheiten auf seinen Händen, die filigranen und doch von Härte geprägten Finger. Es hatte etwas lachhaft Ironisches, wie sich die Metapher von Sanftheit & Zerstörung zugleich in Mekkinós Händen manifestierte. Seine eigenen waren noch immer unruhig, als er erneut an der Zigarette zog. Sie brachte keine Erlösung. "Du vertraust mir nicht", entglitt ihm beinahe monoton. Es war keine Schärfe dahinter, wurde nicht gefolgt von einem beleidigten Schnauben. Weil er wusste, dass sie jedes Recht dazu hatte? Momente verstrichen, die er nutzte, den Glimmstängel komplett nieder zu brennen, den Stummel etwas zu kräftig am Kamin auszudrücken. Das Bedürfnis, den Raum zu verlassen, stieg mit jeder Sekunde, doch Byron wusste, dass er das Gespräch nicht einfach stehenlassen konnte. Nicht so. "Das ist kein Spiel, Virginia. Menschen sterben durch Todesser. Durch Menschen wie ... ihn." Es kostete einiges an Überwindung, es auszusprechen. "Wir haben endlich die Chance, an Informationen zu gelangen. Lass mich-" Er stoppte sich selbst, musste schlucken, ehe er einen Schritt auf Virginia zumachte. "Ich muss das wieder gut machen. Bitte."

  • Byron war wie ein Tier, das man in die Ecke getrieben hatte und das sich diese Tatsache nicht eingestehen wollte. Virginia spürte, wie die Irritation über sein Verhalten an ihrer meist recht kurzangebundenen Geduld zupfte. Sie fuhr sich durch die Haare und versuchte dabei, ihre Frustration zu verbergen.

    Es war eine Sache, sich von seinen Emotionen getrieben auf Irrwege zu begeben. Doch es war eine andere Sache, diesen Umstand zu ignorieren und in naiver Unbeirrtheit die Gefahr auszublenden, die man einging. Ihre Brauen wanderten mehr als skeptisch in die Höhe, als er entgegnete, dass er keine Schwäche für den Todesser entwickelt hatte. Sie unterzog ihm einen prüfenden Blick, der ihm vermitteln sollte, dass sie diese Aussage stark anzweifelte.

    Hm“, machte sie lediglich und seufzte dann. Es war so untypisch für ihn. Sonst war es doch immer Byron gewesen, der so klar in seinen Urteilen gewesen war, der so wenig Verständnis für Impulsivität und Gedankenlosigkeit hatte. Sie fragte sich, ob mehr hinter der ganzen Sache steckte. Irgendetwas, das sie übersah. Irgendetwas, das sein Verhalten erklärte.

    Sein Vorwurf stieß ihr bitter auf. Ihre Miene verhärtete sich. Virginias Munwinkel spannten sich an. Es stand ihm nicht. Diese aufgescheuchte Defensive. „Ah ja?“, erwiderte sie. Ihr Tonfall war deutlich abgekühlter. Seine Anklage hatte ihren Geduldsfaden bis zum Anschlag abgebrannt. „Das hat nichts mit Vertrauen zu tun, Byron“, sagte sie dann. „Wir sind alle Menschen und anfällig für Fehler. Ich vertraue dir so wie ich allen im Orden vertraue. Na ja… fast allen“, relativierte sie und schnaufte leise. Manche ihrer Neuzugänge kannte sie einfach nicht gut genug, um ihnen das gleiche Vertrauen entgegenkommen zu lassen wie jemandem wie Byron, der am gleichen Tag wie sie zum ersten Mal das Haus am Grimmauldplatz betreten hatte. „Aber das heißt nicht, dass ich nicht glaube, dass wir alle auch falsche Entscheidungen treffen können. Oder denkst du, dass du unfehlbar bist?“, fragte sie ihn streng.

    Byron schlug einen neuen Ton an, doch anstatt Virginia damit zu erweichen, steigerte er damit nur weiter ihre Frustration. „Ich weiß, dass es kein Spiel ist“, fuhr sie ihm dazwischen.

    Das war es doch, was sie befürchtete. Dass er sich in etwas verfing, aus dem er nicht mehr herauskam. Dass er sich überschätzte. Dass er vermeintlich dachte, er besäße die Kontrolle über eine Situation. Dass er es wie ein Spiel behandelte, das er glaubte, gewinnen zu können.

    Sie schüttelte leicht den Kopf. „Aber doch nicht so“, verurteile sie mit neuer Schärfe seine Bitte. „Es ist nicht meine Entscheidung und immer noch dein Leben, aber“, sie zögerte, suchte nach den richtigen Worten. „Er ist ein Todesser, Byron. Ein Todesser! Du verrätst dich selbst damit und vielleicht kannst du dir vormachen, dass das alles für einen guten Zweck ist, aber die Sache heiligt nicht die Mittel. Ich habe keine Ahnung, wie ernst das zwischen euch ist, aber es ist ein Spiel mit dem Feuer. Es gibt andere Wege an Informationen zu kommen.“ Ihre Schärfe konkurrierte mit der Enttäuschung, die sie fühlte. Es lag nicht an ihr, ihm zu verbieten, mit wem er sich abgab oder traf, doch sie hoffte, dass sie an irgendein Moralverständnis in ihm appellieren konnte. Es war kein Opfer, das er bringen musste, um irgendwas wieder gut zu machen.

    Sie stand auf. „Du wirst ihn auch nicht retten können, Byron“, sagte sie nach einer kurzen Pause leiser. „Niemand hört einfach auf, Todesser zu sein. Du weißt selbst, was sie mit ihren Abtrünnigen machen.“ Virginia wusste nicht, ob es das war, was er insgeheim hoffte, doch die Vehemenz, mit der er sich gegen ihre Logik stemmte, sagte ihr, dass ihm mehr an dem Todesser lag, als er bereit war, vor ihr zuzugeben.

    Überleg dir gut, ob du damit nicht einen riesigen Fehler machst“, mahnte sie ihn und bedachte ihn eines weiteren nachdenklichen Blickes, bevor sie sich zum Gehen wandte.

  • Sie durchschaute ihn. Byron – der sich so bemüht hatte, seine Haut mit Kritzeleien zuzukleistern, etwas von der ihm entglittenen Kontrolle zurückzuerlangen und gleichzeitig selbst zu bestimmen, welches Bild er von sich präsentierte – fühlte sich in dem Moment transparent. Als könnte Virginia direkt durch seine Brust hindurch schauen und erkennen, aus welchem Grund sein Herz so aufgeregt vor sich hin pochte. Weil er sich dessen bewusst geworden war, einen Fehler begangen zu haben. Spätestens, nachdem er das Drei Besen verlassen und die Worte der jungen Hogwarts-Schülerin hatte auf sich wirken lassen, die Elias' Sohn kannte und damit entfernt jemanden, der für seine Ideale gestorben war. Spätestens dann hatte Byron sich vergegenwärtigen müssen, was für ein Unheil die Sippe rund um Voldemort tatsächlich über die Zauberwelt brachte. Selbst über jene, die sich ihm nicht entgegenstellten und trotzdem Konsequenzen tragen mussten. Es hatte genug in ihm wachgerüttelt, um sein Wissen endlich mit dem Orden zu teilen. Und doch belog er sich selbst, wenn er sich einredete, nicht auf eine positive Wendung in dem Fall Mercury Nightowl zu hoffen. Ein Indiz dafür dürfte sein, dass nicht alles in den Notizen stand, was er tatsächlich an Wissen verfügte. Zum Beispiel, dass Mercury nicht sein eigentlicher Name war, sondern er mal den Namen Mekkinó Baldwinsson getragen hatte. Oder dass bei jedem Geräusch eine Farbe vor seinem Auge aufflackerte – und Byron ihm nahe genug gekommen war, um zu erfahren, dass seine Stimme für ein Minzgrün sorgte.

    Er schluckte bei Virginias Worten. Seine Fehlbarkeit hatte sich mehr als einmal gezeigt. In dem Foto, das er von dem Todesser geschossen hatte, nackt in dessen Hütte in Rousay. In der Tatsache, aus freien Stücken an genau diesen Ort zurückgekehrt zu sein, nachdem sein erster Besuch gegen seinen Willen geschehen war. Schrödingers Katze war ein grauenhafter Vergleich gewesen, den er an Halloween gegenüber Mekkinó aufgestellt hatte. Die Katze war nicht tot, egal wie vehement er dies Virginia glaubhaft machen wollte.

    Er öffnete den Mund einen Spalt. Kein einziges Wort kam ihm über die Lippen. Nicht eine einzige Verteidigung hatte er parat als Antwort auf ihre harschen Worte, auf den verzweifelten Versuch, ihn irgendwie wachzurütteln. Vielleicht lag die Tragik darin, dass sich Byron bereits zu genau dem Zeitpunkt, im Grimmauldplatz, dem Hauptquartier des Ordens stehend bewusst war, was er tat. Der rationale Teil von ihm wollte damit aufhören, so etwas wie Gefühle für den Mann zu entwickeln, die weit über sexuelle Begierde hinausgingen. Der emotionale Teil jedoch, der bei dem Journalisten für gewöhnlich nicht sonderlich ausgeprägt war, lachte ihn leise aus für die mickrige Defensive.

    Er gab sich größte Mühe, sich nicht anmerken zu lassen, wie zittrig er ausatmete, doch die unnatürliche Bewegung seines Brustkorbs war verräterisch. Du wirst ihn auch nicht retten können, Byron. Die Haare in seinem Nacken richteten sich unwillkürlich auf. Sie sprach einen Gedanken an, den er sich bis zu dem Zeitpunkt nicht mal erlaubt hatte, in der Gänze entfalten zu lassen. Es barg ein zu großes Risiko, die Hoffnung zu laut werden zu lassen. Er durfte nicht zulassen, dass in jedem Kuss, den er ihm auf die Lippen drückte, die Verzweiflung herauszuschmecken war, ihn von seinen verzerrten Ansichten abbringen zu können. War es das, was sein schlechtes Gewissen zusätzlich befeuerte? Der Wunsch, ihn genug zu lieben, damit Mekkinó Baldwinsson bei ihm blieb und sich nicht gänzlich in das skrupellose Monster Mercury Nightowl verwandelte? Die Übelkeit verstärkte sich. Liebe. Ein Gedanke, den er nicht hegen durfte. Vor allem, wenn er überlagert wurde von der Angst, was Mekkinó bevorstand, sollte jemand tatsächlich erfahren, mit wem er gelegentlich die Wärme seines Bettes teilte. Mit einem Muggelstämmigen— nein, einem Schlammblut. Er müsste sich nicht einmal von der Ideologie abwenden. Dieses Wissen würde den Todesser:innen reichen, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Eine Vorstellung, die ihn mehr entsetzte als er in diesem Raum zugeben durfte.

    Byron blieb stumm. Er bat kein weiteres Mal um Verständnis oder um Gnade. Flehte sie nicht an, den Inhalt des Gesprächs nicht weiterzutragen. Resigniert beobachtete er Virginia dabei, wie sie den Raum verließ. Erst dann erlaubte er es sich, der Schwäche seiner Knie nachzugeben und sich zurück auf den Stuhl sinken zu lassen. Als er sein Gesicht in seinen Händen vergrub, wurde er übermannt von der Gewissheit, schon lange die Kontrolle über die Situation verloren zu haben.


    Ende.

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