Zweiter Stock - Ein altes Büro

  • »Sir.« Scipio korrigierte sich einsichtig. Weitaus weniger einsichtig war er dagegen bei einem anderen Thema, das Em mit der ihr so eigenen Eloquenz einleitete: »Ja... Nein... Auch.« Scpio hob die Brauen. »Colin ist ein Metamorphmagus. Wir habens vor ein paar Tagen herausgefunden.« Warte... was?

    »Echt? Ist ja klasse!«, entfuhr es Scipio, aber sein Grinsen gefror als er Ems Gesichtsausdruck bemerkte. »Ich meine… oh nein«, murmelte er und setzte -wenig überzeugend- eine betrübte Miene auf. Er hatte Ems Aversion gegen ihre Fähigkeiten nie so recht nachvollziehen können. Dass der Fruchtzwerg in ihre Fußstapfen trat, war einerseits erfreulich (Scipio hatte Em nie dazu bringen können, sich einen Elefantenrüssel im Gesicht stehen zu lassen, da waren seine Chancen bei Colin sicher größer. Der Knirps ließ sich noch leicht beeinflussen). Andererseits kam ihm in den Sinn, dass er Colin in einem unauffälligen Moment vielleicht mal zur Seite nehmen sollte, um in einem Gespräch unter Männern sicherzustellen, dass er sich aller Vorteile dieser Fähigkeit bewusst war - bevor Em ihre unbegründete Hysterie auf den Jungen übertrug. Die Gryffindors und die Slytherins würden ihn zweifellos durch den Fleischwolf drehen, wenn er in der großen Halle in Tränen ausbrach, nur weil sich beim Anblick des sprechenden Hutes vor Schreck seine Haare grün färbten.

    Aber Colin war hier ganz offenbar nicht das einzige Problem. Es war, als hätte sich in einer Zaubertrankphiole zu viel Druck angestaut und nun war der Korken herausgeploppt: Die Worte sprudelten nur so aus Em heraus. Smith, Colin, ihre Eltern, der Brand, Fao-wer?, Fiona.... Als sie schließlich abbrach und ihr Gesicht in den Händen vergrub, herrschte für einen Moment Stille. Schließlich sagte Scipio langsam: »Wow. Das ist eine ziemlich lange Aufzählung für…« Er scannte sie mit seinem Blick, »…so einen kurzen Körper.« So klein war sie eigentlich gar nicht mehr, aber egal. Für ihn würde sie immer die verschreckte Zweitklässlerin mit dem Irrwicht-Problem sein, und wenn sie sich auf den Kopf stellte und Giraffenbeine wachsen ließ. »Im Ernst, so viele Gedanken hatte ich nicht mehr gleichzeitig im Kopf seit- hm. Jaah, eigentlich noch nie.« Er warf ihr ein Schmunzeln zu, merkte aber selbst, dass sein lascher Versuch, sie zum Lachen zu bringen, es wohl nicht unbedingt in die Top Ten der Aufheiterungsversuche schaffen würde.

    Seufzend hob er die Hand und stieß Em sanft gegen die Schulter, damit sie ihn ansehen würde. »Hey.«

    Ein Kopf hoch, lag ihm auf der Zunge, doch er schluckte es hinunter. Da schaffte es ja selbst Vale, mehr Feingefühl zusammenzukratzen, und das wollte schon was heißen.

    »Eins nach dem anderen, okay? Du hast es vielleicht noch nicht gemerkt, weil du mich ständig auf mein gutes Aussehen reduzierst, aber du hast hier auch nen ziemlich guten Problemlöser am Start.« Scipio zeigte auf sich selbst und ein verschmitztes Lächeln stahl sich in seine Augen, ehe er wieder ernst wurde.

    »Also, wie wäre es, wenn du mir jetzt erstmal erklärst, was ein Faolan ist?«

    Er oder es täte gut daran, sich als Hamster mit drei Beinen herauszustellen.

  • Im Angesicht der Tatsache, dass er nun einmal... er war, musste man es ihm wohl zugute halten, dass ein einzelner Blick ausreichte, um zumindest einen schlechten Abklatsch von Bekümmerung auf sein Gesicht zu zaubern. Ich hatte überzeugendere Aufführungen auf der Bühne in Hogwarts gesehen. Meine eigene nicht eingeschlossen. Mir hatte die Arbeit hinter der Kulisse, bei den Kostümen und dem Bühnenbild immer deutlich besser gelegen. Scipio stand mir zumindest in diesem Augenblick jedoch in nichts nach, was das offensichtliche, schlechte Schauspiel auf seinem Gesicht anbetraf. Es war nicht überraschend. Er hatte ja wirklich immer darauf bestanden, wie toll es wäre so etwas zu können — dabei hätte er viele seiner wahnwitzigen Ideen von Elefantenrüsseln oder Eselsohren sehr gut selbst in die Tat umsetzen können, wenn er nur ein wenig mehr im Verwandlungsunterricht aufgepasst hätte. Aber das war ja dann wieder zu viel Arbeit. Solch eine Mühe hatte er sich allenfalls für Quidditch gemacht. Oder damit irgendwelche Streiche zu bauen. Oder Wege aus Hogwarts heraus — allerdings zumindest im trunkenen Zustand nicht erfolgreich wieder zurück. Einmal abgesehen vom Tod meiner Eltern schien mir diese Zeit plötzlich so viel einfacher, simpler. Dort hatte es zwar auch genug Drama gegeben, doch im Vergleich zu jetzt... so vieles wirkte unbedeutend.
    Was sich hingegen kaum verändert hatte, war Scipio. Ich warf ihm einen weiteren säuerlichen Blick zwischen meinen Fingern hindurch zu. Die Zeit, in der er merklich größer war als ich, war vorüber, seit wir beide mit der Pubertät durch waren; noch einen weiteren Kommentar in die Richtung allerdings und er würde sich erst recht wünschen, dass er besser in Hogwarts aufgepasst hätte, weil ich ihn mehrere Zentimeter kleiner hexen würde. Da war es mir auch gleich, wenn dann eine Beschwerde von Valerio darüber bei mir eintreffen würde, dass sein Freund auf einmal kleiner war als er.
    »Merkt man«, murmelte ich mehr zu mir selbst, aber vermutlich noch immer hörbar für ihn. Wir wussten beide — hoffentlich — dass das eine verdammte Lüge war. Auch in seinem Kopf hatte es schon häufiger Zeiten gegeben, in denen die Sorgen und Probleme herum gekreiselt waren wie ein Avifors. Einige davon hatten früher den Namen Olivia getragen. Vorletztes Jahr zur Weihnachtszeit war es hingegen der Name Valerio gewesen. Mit Sicherheit waren da auch noch einige mehr.
    Mit einem Seufzen ließ ich meine Hände wieder sinken und sah zu ihm, nachdem er mich wortgewandt mit einem Stupser an der Schulter bedacht hatte. »Und auf deine Bescheidenheit«, merkte ich trocken an; sein Aussehen konnte ich ihm nicht absprechen, aber es gab eindeutig andere Gründe, aus denen ich seine Fähigkeit Probleme zu lösen in Frage stellte. »Wer«, korrigierte ich, dieses Mal allerdings deutlich weniger scharf als noch vor einigen Augenblicken. »Er...« Für einen Moment kaute ich auf meiner Unterlippe herum. Es war schwer alles zusammen zu fassen, was auf Faolan zutraf. Es war noch schwerer dies betreffend Scipio zu tun. Aiven gegenüber war er nie sonderlich angenehm gewesen; mit Fiona hatte er allerdings bisher soweit ich wusste nie ein Problem gehabt — nicht das überhaupt von einer ähnlichen Form der Beziehung mit Faolan zu sprechen war. Aber vielleicht würde es ja wirklich nicht so schlimm werden ihm davon zu erzählen; schlimmer als das Mal, als ich Valerio von Fiona erzählt hatte oder der Vorfall mit Peasegood, konnte es gewiss nicht werden. »Wir haben die letzten Jahre immer mal wieder zusammen gearbeitet... In Hogwarts, aber auch davor. Und dabei haben wir uns angefreundet und ich... ich mag ihn. Wirklich sehr. Aber ich war nicht sicher, ob er genauso fühlt und dann... dann haben wir uns kurz nach Silvester geküsst und es war toll— dachte ich zumindest, aber dann ist er abrupt gegangen und hat sich seitdem nicht mehr gemeldet und dann sind wir uns im Ministerium wiederbegegnet und es war einfach...« Ich hob meine Hände in einer schwachen Version dessen, diese in die Luft zu werfen. »Ich weiß auch nicht...« War das alles von der Geschichte? Bei weitem nicht. Aber für den Moment reichte es bestimmt, um den Kern des Problems rüber zu bringen.

  • »Warte mal«, sagte Scipio langsam und kniff die Augen zusammen. »Heißt das, der Typ hat dich geküsst und dich dann sitzen lassen?« Etwas in seiner Stimme und seinem Blick erinnerte plötzlich an Eiszapfen. Er taxierte Ems Gesicht und Hals, als erwartete er, monatealte Knutschflecke zu entdecken - was natürlich nicht der Fall war. Scipio schluckte den aufsteigenden Unmut herunter. Er hatte es noch nie besonders toll gefunden, wenn Em datete, was zum einen daran lag, dass sie viel zu früh damit angefangen hatte (sollte man sich in der dritten Klasse nicht auf den Unterricht oder so konzentrieren?) und zum anderen daran, dass ihr Männergeschmack nichtmal mit sehr viel schottischem Whiskey schönzutrinken war. In der Schule hatte sie diesen kleinen Ravenclaw angeschmachtet, der keine drei Sätze grade herausbringen konnte, und - war er nicht mitten in Lestranges Verwandlungsunterricht zusammengebrochen, weil er eine verfluchte Entenphobie hatte?
    Rückblickend betrachtet wäre er vermutlich noch die harmloseste Wahl gewesen. Diese Welt war einfach voll von egoistischen Arschlöchern, die nur darauf warteten, jemanden wie Em auszunutzen. Scipio wusste das, weil er selbst ein egoistisches Arschloch war. Sein konnte. Gewesen war. Wie auch immer.
    Jedenfalls rief es ein gewisses Unbehagen in ihm hervor, mit Em über ihr Datingleben zu sprechen, weil es sich anfühlte, als würde er seiner kleinen Schwester dabei zusehen, wie sie sich an die Handlanger des Teufels verkaufte. Er war ganz froh gewesen, als sie Fiona kennengelernt hatte. Fiona war korrekt. Sie war cool, mutig, witzig und vor allem hatte sie keinen Schwanz zwischen den Beinen. Was, wenn man Scipio fragte, im Bezug auf Em sicher ihre hervorstechendste Eigenschaft war.
    Er fürchtete allerdings, dass Em ihn in eine Kröte verhexen würde, wenn er auch nur einen dieser Gedanken laut aussprach, also verschränkte er bloß die Arme vor der Brust, räusperte sich und sagte betont einfühlsam: »Also... ist das mit Fiona nicht mehr aktuell? Du hast nicht erzählt, dass ihr euch getrennt habt.«
    Em war nicht der Typ, der fremdging. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie monatelang einem anderen Kerl hinterherschmachtete, während sie mit Fiona zusammen war. Allerdings war Scipio auch nicht unbedingt die Art von Freund, die permanent nachfragte, wie es in anderen Beziehungen lief, ob man sich ein Bett teilte und wer wen mit dem Luffa-Schwamm einseifte. Also hatte er vielleicht einfach nicht mitbekommen, dass es zwischen den beiden gekriselt hatte.

  • »Mhm, nicht ganz? Also, ich hab ihn geküsst, aber er hat es erwidert und dann...« Dann war es ein sehr intensiver Kuss geworden. Wärme breitete sich in meinen Wangen aus. Ich mied Scipios Blick. Über diese Details würde ich ihn ganz sicherlich nicht aufklären; ziemlich sicher wollte er sie auch gar nicht hören. Mir würde es auf jeden Fall umgekehrt gehen, wenn er oder Valerio mir dergleichen über den jeweils Anderen erzählen würde. »Er war dann zusammen gezuckt... Meinte etwas von seinem Bein? U-und dann ist er gegangen.« Noch Wochen später hatte ich die Momente wieder und wieder in meinem Kopf durchgespielt. Die einzige Erkenntnis, die ich daraus hatte ziehen können, war eine Lektion, die ich eigentlich bereits als Kind gemacht hatte: Alkohol brachte nichts weiter als Unheil und das man Dinge tat oder sagte, die sich zwar im ersten Moment absolut richtig anfühlten, es aber im Nachhinein ganz eindeutig nicht gewesen waren. Nur deswegen hatte sich Faolan vermutlich überhaupt auf den Kuss erst eingelassen gehabt; wir waren beide mindestens angetrunken gewesen und ich hatte meine Gefühle außer Kontrolle geraten lassen; er hatte nur reagiert, mitgezogen, bis die Klarheit abrupt wieder eingesetzt hatte. Nach so etwas war es nur verständlich, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben wollte — es hatte auch die Energie im Fahrstuhl ziemlich deutlich zu verantworten gehabt.
    Scipios Fokus war derweil auf etwas anderem gelandet. Ich biss mir auf die Unterlippe. »Es... ist kompliziert. Irgendwie.« Es wäre vermutlich um einiges weniger kompliziert zu erklären, wenn Scipio und ich öfter über dergleichen Angelegenheiten miteinander sprechen würden; meist gab es aber einfach genügend andere Sachen, die in den Momenten unserer Treffen überwogen und immer wieder führte das letztendlich nur dazu, dass einer von uns beidem den jeweils Anderen drei Monate später davon berichtete, trunken, dass irgendetwas vorgefallen war. Was nur noch einmal reintrieb, dass das alles nicht gerade die beste Sache darstellte. »Wir sprechen aktuell darüber uns zu trennen. Aber noch und da vor allem waren wir zusammen — und es hat auch nichts miteinander zu tun, dass wir das jetzt überlegen. Wir mögen uns auch noch immer; Freunde werden wir sicherlich bleiben. Nur mit Fis ganzen Reisen mit dem Modelling und meiner Arbeit passt es nicht; dann geht sie ja so gerne auch auf Parties und hätte gerne, dass ich mitkomme immer, aber es ist einfach nichts für mich.« Mit einem schlichten Schulterzucken schloss ich. Eigentlich war es doch gar nicht so kompliziert. Da war kein großes Drama, zumindest nicht zwischen mir und Fi. Manchmal passten die Dinge außerhalb der reinen Gefühle einfach nicht.

  • Scipio hörte sich Ems zweifelhaftes Silvester-Disney-Liebesabenteuer mit zunehmenden Misstrauen an. »Mhm, nicht ganz? Also, ich hab ihn geküsst, aber er hat es erwidert und dann...« Em wurde rot. Scipio hob abwartend eine Augenbraue, auch wenn er bereits eine gruselige Vorstellung davon hatte, was dann passiert war. »Er war dann zusammen gezuckt...« Zusammengezuckt? Jetzt schoss auch noch Scipios andere Augenbraue in die Höhe. Was zum Teufel hatten sie denn getrieben? Hatte Em ihm in die Zunge gebissen? »...meinte etwas von seinem Bein? U-und dann ist er gegangen.«
    »Ha«, machte Scipio ausdruckslos. Er bezweifelte, dass es sein Bein war, das den Typen in solche Wallung versetzt hatte, dass er die Flucht ergreifen musste, aber diesen Gedanken behielt er angesichts von Ems erröteten Wangen lieber für sich. »Vielleicht hatte er noch... einen Termin«, fügte er hinzu und konnte sich den spöttischen Unterton nicht verkneifen. In derselben Tonlage hätte er Faolan auch als Schlappschwanz bezeichnen können, doch das setzte er auf die Liste der Dinge, die er sich für später aufheben musste.
    Aber mal im Ernst, welcher erwachsene Mann, der etwas auf sich hielt, küsste erst eine Freundin oder einen Freund und ließ ihn dann fallen wie eine heiße Kartoffel...? Ah. Richtig. Ich. Scipio, der den Mund schon zu einem schroffen Kommentar geöffnet hatte, schloss ihn wieder und zupfte in stiller Verlegenheit an seinem Ohrläppchen. Das mit Vale war aber im Grunde etwas ganz anderes, oder? Erstens waren sie auf dieser Party damals total drauf gewesen und konnten froh sein, dass sie sich am nächsten Tag noch an ihre Namen erinnert hatten. Zweitens hatte Scipio in einer vierwöchigen Existenzkrise seinen gesamten Lebensstil hinterfragen müssen (um zu der beruhigenden Erkenntnis zu gelangen, dass sich gar nicht so viel geändert hatte und er weiterhin voll und ganz mit sich zufrieden sein konnte). Und drittens war er nicht fünf Monate lang untergetaucht. Fünf Monate. Er wusste nicht, wie er es Em sagen sollte und ob er es ihr überhaupt sagen sollte, aber er war sich recht sicher, dass ihr ominöser Freund entweder
    a) kein Interesse an ihr hatte, weil er sich nicht mehr bei ihr meldete oder
    b) ein Schlappschwanz war (s.o), weil er sehr wohl Interesse hatte, aber sich nicht traute, ihr das ins Gesicht zu sagen (in dem Fall sollte sie ihn einfach in den Wind schießen) oder
    c) ein schmutziges Geheimnis zu verbergen hatte, sowas wie ein zu tief platziertes Arschgeweih oder Falmouth Falcons-Unterwäsche. Na ja, oder der Klassiker d): Er hatte eigentlich längst eine Freundin und das auf der Party war ein Ausrutscher gewesen, den er jetzt bereute, weil er Schiss hatte, vor Gott und seiner Partnerin aufzufliegen. Scipio ließ ungewollt seine Fingerknöchel knacken. Aber okay. Eines nach dem anderen.
    »Tut mir leid. Das klingt echt ätzend.« Das meinte er so. Er mochte Fiona, aber es stimmte schon, dass sie und Em ziemlich unterschiedlich waren. Wie Tag und Nacht. Er glaubte zwar nicht, dass man sich in einer Beziehung immer ähnlich sein musste, aber wenn man so wenig gemeinsame Interessen hatte, dass man seinen Alltag nicht zusammen verbringen konnte, wurde es vermutlich schwierig. Kompromisse konnten sicher helfen. Wenn Valerio zum Beispiel mit ihm Pilze sammeln wollte, nutzte Scipio den Ausflug in den Wald, um nebenbei Sport zu treiben, was die vorteilhafte Folge hatte, dass er an den Baumästen seine Klimmzüge verbessern konnte und sie beide beim Abendessen nicht vergiftet wurden, weil Scipio aus Versehen Fliegenpilze in den Korb geworfen hatte. Win-win. Aber er sah ein, dass das bei Em und Fiona etwas schwieriger war. Für einen aberwitzigen Moment stellte er sich vor, wie Fiona Crowd-Surfing in einem überfüllten Nachtclub betrieb, während Em etwas abseits mit ihrem Strickzeug saß und einen Topflappen häkelte. Ein leichtes Lächeln zuckte über sein Gesicht. »Ich glaube, kein Mensch sollte sich ständig für den anderen verbiegen müssen. Verschieden zu sein, ist ja okay, aber man sollte zumindest auf das gleiche Ziel hinarbeiten. Wenn der eine zum Mond will und der andere zum Mars...« Er malte einen Kreis in die Luft, um die Metapher zu verdeutlichen und formte mit der Hand schließlich eine Explosion. Die Message kam vermutlich an. »Was ich sagen will, ist: es ist okay, wenn du ein anderes Leben führen willst als Fi.« Er zuckte die Achseln und warf ihr ein anrüchiges Grinsen zu. »C'est la vie. Andere Mütter haben auch hübsche Töchter. Oder... Faolans.« Der Typ musste mindestens ein Evander Oafert-Verschnitt sein, wenn sie so verknallt war, dass sie ihm wegen eines einzigen Kusses ein halbes Jahr lang hinterhertrauerte. Alles andere wäre echt enttäuschend. »Ganz ehrlich - ich glaube, wenn ein Mann sich monatelang nicht mehr meldet, hat er entweder kein Interesse oder ein Kind, von dem du nichts weißt. Trotzdem-« Das Wort betonte er bedeutungsschwer, wobei sich seine Augenbrauen in leichter Skepsis hoben, als könnte er selbst nicht an das glauben, das er jetzt sagte, »-besteht natürlich die Chance, dass er auch einfach nur keine Eier hat und sich deshalb nicht meldet. Oder vielleicht hat er sich zwischen den Vokalen in seinem Namen verlaufen. Jedenfalls garantiere ich dir, der wird sich nicht mehr von selbst bei dir melden. Selbst, wenn er wollte, nach all der Zeit ist es viel zu peinlich für ihn. Also, wenn du Klarheit haben willst, musst du schon selbst zu ihm gehen.« Scipio machte mit dem Finger einen Haken an eine imaginäre Checkliste. »Und schon hast du eine Sorge weniger.«

  • Auch ohne Scipios Tonfall, hätte ich große Zweifel an seinen Worten gehegt. Faolan hatte in der Nacht eindeutig keine weiteren Termine mehr gehabt. Nachdem wir seinen Bruder nach Hause befördert hatten, hatte es da nichts weiter mehr gegeben; nur ihn und mich. Die Hoffnung darauf zumindest noch eine, zwei Stunden gemeinsam zu verbringen, uns zu unterhalten, einmal von Angesicht zu Angesicht miteinander über privates zu sprechen; nicht nur über Briefe — so sehr ich dieses Medium auch schon immer gemocht hatte — und über irgendein Kind, das wir in der einen oder anderen Form beide betreuten. Aber das alles hatte ich mit dieser dummen Aktion aufs Spiel gesetzt; das ich bei dieser „Wette“ haushoch verloren hatte, war mir mehr als nur klar. Als Schuldiger daran stand nur ich zur Verfügung. Wenn ich ganz ehrlich mit mir war, dann war das Glas Wein, was ich getrunken hatte, eindeutig nicht ausreichend, um meine Handlung zu entschuldigen. Nicht einmal die gesamte Flasche, ein ganzes Fass voll würde das. Am Ende was doch noch immer meine Entscheidung gewesen. Meine dumme Idee ihm so nahe zu kommen, mich in seinem Blick zu verlieren, die Grenze immer weiter und weiter auszutesten, bis meine Lippen schließlich seine berührten. Zu hoffen, dass er nicht sofort zurück wich; das hatte er nicht. Ich hatte wirklich geglaubt, dass er meine Gefühle erwiderte — zumindest der Wunsch nach mehr Nähe. Aber von seiner späteren Reaktion ausgehend, konnte dem nicht der Fall gewesen sein; der Kuss nichts weiter als etwas, das ich ihm aufgezwungen und er in aller Überforderung darauf reagiert hatte. Hatte er vielleicht gefürchtet, wenn er es nicht tat, dass die Konsequenzen schlimmer sein würden? War das etwas, worüber er oder Edgar sich Gedanken machten, wenn sie mit einer Hexe oder einem Zauberer zusammen waren? Schwer seufzte ich, ohne Scipio an diesem Gedanken teil haben zu lassen.
    Entgegen seines vorherigen Vorfalls oder dem Stuss, den er sonst so gerne von sich gab, legten sich seine Worte betreffend der Situation mit Fiona wie eine warme Decke um meine Schultern. Ja. Es war okay, dass es nicht mit Fiona so klappte, wie wir es beide wohl gerne hätten; die Vorstellung wieder alleine in schlechten Nächten aufzuwachen, nicht ihre Arme um mich zu spüren und mich von ihrer Wärme wieder in den Schlaf lullen zu lassen, war nicht gerade verlockend. Dann wiederum waren die Näche, in denen dies der Fall war, weil Fiona für ein Fotoshooting ganz woanders in der Welt steckte, bereits jetzt vielzählig. Ein weiteres Mal seufzte ich, nur damit es bei Scipios weiteren Worten zu einem Schnauben wurde. »Du musst es ja wissen«, murmelte ich in die kurze Pause in seinen Ausführungen; ein müdes, aber hoffentlich nicht böswillig erscheinendes Schmunzeln im Gesicht. Es war gewiss nicht so lange gewesen, wie in diesem Fall, aber ich konnte mich noch gut an die Briefe von Valerio erinnern, in denen er sich bei mir darüber ausgelassen hatte, dass „dieser Typ“ sich überhaupt gar nicht mehr bei ihm meldete. Damals hatte ich nicht gewusst, dass es sich dabei um Scipio handelte; mittlerweile war es mir allerdings ziemlich bewusst. So etwas ausgerechnet von ihm zu hören, war also genauso ironisch, wie irgendwie zu erwarten. Er hatte selten den Rest der Welt an denselben Maßstäben gemessen, an denen er sich selbst maß. Manchmal im positiven Sinne, oft genug im negativen.
    Ich schüttelte den Kopf, als er seine These mit seiner üblichen Selbstsicherheit beendet hatte. »Oder ich habe mich ihm damals aufgedrängt und er wollte das ganze gar nicht wirklich — das Letzte, was ich dann tun sollte, ist es mich ihm wieder aufzuzwingen und zu verlangen, dass er mir irgendeine Erklärung liefert.« Ihm zuliebe nicht, aber auch, weil es bei der Strafverfolgungspatrouille — geschweige denn dem Kommando — sicherleich keinen guten Eindruck hinterlassen würde, sollte er sich dazu — vollkommen berechtigt — entscheiden mit dort zu melden. »Danach kannst du mich dann in Askaban besuchen kommen — und Colin vermutlich bald darauf auch, weil er mit seinem Risikonachweis neben einer Mülltonne stand, die jemand anderes umgetreten hat, aber man ihn stattdessen verhaftet.«

  • Es war schon erstaunlich, auf was für absurde Ideen man kommen konnte, wenn man sich nur genug Zeit nahm, die Dinge zu zerdenken. Scipio war ja schon immer der Auffassung gewesen, dass es nicht gut war, zu viel nachzudenken und Menschen wie Em lieferten ihm den lebenden Beweis. Hätte Scipio auch nur bei der Hälfte der Fälle, in denen Em ihm in Hogwarts davon abgeraten hatte, etwas zu tun, auf sie gehört, dann hätte er während seiner Schulzeit nur halb so viel Spaß gehabt. Er hätte vermutlich keinen der Geheimgänge entdeckt, hätte nie Geld mit einem illegalen Süßwarenhandel verdient und er hätte nie herausgefunden, wie die Mädchenschlafsäle von innen aussahen. Stattdessen wäre er beim Unkrautjäten im Gewächshaus versauert oder -schlimmer noch- in der Bibliothek.
    Bei der Vorstellung stellten sich ihm die Nackenhaare auf. Er lehnte den Kopf gegen die Wand und spürte, wie seine linke Augenbraue sukzessive nach oben wanderte, als Em sich doch allen Ernstes zum Hauptprotagonisten eines Psychothrillers beförderte.
    »Oder ich habe mich ihm damals aufgedrängt und er wollte das ganze gar nicht wirklich — das Letzte, was ich dann tun sollte, ist es mich ihm wieder aufzuzwingen und zu verlangen, dass er mir irgendeine Erklärung liefert.«
    »Ja, wer kennt ihn nicht, den heißblütigen McShaw. Ehefrauen, sperrt eure Männer weg, Mütter, passt auf eure Söhne auf...«, grummelte Scipio, halb belustigt, halb fassungslos, und er hätte sicher noch mehr gesagt, wenn Em ihre Überlegungen in diesem Moment nicht auf den Gipfel der Absurdität geführt hätte. Askaban. Aber sicher.
    Scipio stieß ein Schnauben aus. »Jetzt mach aber mal halblang. Es fällt mir etwas schwer, mir vorzustellen, dass du den Typen wie ein notgeiles Kaninchen besprungen hast. Ich meine, nichts für ungut-« Er hob abwehrend die Hände, das internationale Zeichen dafür, dass er für die folgenden Worte keine Verantwortung übernehmen würde, »-aber wenn du deine Flirttechnik seit der dritten Klasse nicht grundlegend verändert hast, hat er wahrscheinlich nichtmal gecheckt, dass du ihn gut findest. Ernsthaft jetzt. Es heißt zwar, man soll nichts überstürzen, aber wenn du dich noch langsamer an jemanden ranmachst, flirtest du rückwärts.«
    Das erinnerte ihn wieder daran, wie dieser arrogante Ravenclaw von und zu Shawn Dejan Shines sich als eine Kombination aus Eros und Armor aufgespielt hatte, während Scipio drauf und dran gewesen war, bei Baldwinsson eine Schönheits-OP via Faust durchzuführen. Damals hatte Shines sich als Flirtprofi aufgespielt und so getan, als ob er das Kamasutra persönlich verfasst hätte. Inklusive der Fußnoten. Dabei weiß er wahrscheinlich nichtmal, wo bei sich selbst oben und unten ist. Und dann hatte er ihm auch noch Tipps geben wollen. Ihm. Als ob irgendeiner von seinen scheiß Tipps funktioniert hätte.
    Scipio verdrängte diese äußerst traumatisierenden Erinnerungen und konzentrierte sich wieder auf Em. »Ich meine es ernst. Triff dich mit dem Kerl. Wenn er keinen Bock auf dich hat, soll er es dir halt sagen. Was ist er, ne Prinzessin, die sich nicht selbst helfen kann? Und wegen Colin mach dich nicht so verflucht verrückt. Der Junge hat ne Gabe. Nur, weil du sie nicht magst, solltest du sie ihm nicht vermiesen.« Das klang etwas rauer, als es gemeint war und Scipio beeilte sich, einen versöhnlicheren Ton anzuschlagen. »Du beschützt ihn nicht, indem du den Teufel an die Wand malst, Em. Das einzig Sinnvolle, das wir tun können, um ihm zu helfen, ist das hier.« Er machte eine Handbewegung, die den Grimmauldplatz und den Orden einschließen sollte und ließ seinen Ellenbogen schließlich auf das angezogene Knie sinken. Er maß Em mit einem langen Blick aus halb zusammengekniffenen Augen und als er ausatmete, verschwand die Härte aus seinem Blick. »Eurer Familie passiert nichts mehr, okay? Ich lasse das nicht zu. Nicht, wenn ich es verhindern kann. Ich verspreche es dir.«


    ( Luke Naydenov ♡)

  • Scipio Rosier


    Scipios gehobene Hände schafften es nicht in irgendeiner Weise beschwichtigend zu wirken. Eine steile Falte bildete sich zwischen meinen Augenbrauen. Mit einem warnenden »Hey!« setzte ich mich gerade auf. In meinen Wangen sammelte sich wieder Wärme. Auch wenn Scipio vielleicht nicht ganz Unrecht damit hatte, dass ich mich nach wie vor damit schwer tat mit anderen Personen zu flirten, überhaupt erst zu merken, dass ich jemanden auf diese Weise mochte, war da noch immer der Umstand mit dem Blumenstrauß, den Faolan mir geschenkt hatte. Blaue Rosen. Unerwiderte Liebe — seine? Meine? Völlig bedeutungslos? Begleitet von einem Schnauben schüttelte ich meinen Kopf. Scipio wusste von diesem Teil nichts und gerade stand mir auch nicht der Sinn danach ihn darüber in Kenntnis zu setzen oder an meinen weiteren Gedanken dahingehend einzuweihen. Wenn er sich nicht direkt darüber lustig machte, würde er schon einen anderen Weg finden dafür zu sorgen, dass ich es bereute. Also lieber gleich derartige Momente vermeiden, indem ich es für mich behielt.
    Von meinem Protest ungerührt fuhr Scipio fort. »Ich vermiese es ihm nicht.« Wenn es nur darum ginge, was ich von dieser Fähigkeit hielt, wäre ich es Colin zuliebe in der Lage für mich zu behalten. Aber es war nicht mehr unsere Kindheit — er musste mit so einem dämlichen Ausweis herum laufen, der ihn zum Freiwild für Personen machen würde, die nichts besseres in ihrem Leben zu tun hatten, als ihre Macht zu missbrauchen, weil es sich ach so toll anfühlte andere Menschen herum zu schubbsen. Sicher, solche Erfahrungen hatte ich in seinem Alter auch machen müssten, aber meine Mitschüler:innen waren wenigstens nicht dazu befugt gewesen mit Unverzeihlichen Flüchen um sich zu werfen. Was all das anbetraf war ich einfach nur realistisch — eine Sache, die Scipio noch nie verstanden hatte, aber aus irgendeinem Grund zumindest gerade dann doch die Weisheit mit Löffeln gefressen hatte und damit Recht behielt, dass es... wenig anderes gab, um die Lage für Colin und seine Generation zu änderen, als das was wir innerhalb des Ordens taten. Auch wenn sich manche von dessen Mitgliedern fürchterlich dumm teilweise hatten.
    »Wir«, korrigierte ich, den Blick gesenkt und mit meinen Fingern am Stoff meines Oberteils zupfend. »Wir lassen das nicht zu. Du« — ich sah auf und ihm fest in die Augen — »gehörst auch zu dieser Familie.« Das war bereits seit vielen Jahren der Fall. Es war mir oftmals schwer gefallen dies ihm gegenüber zuzugeben, es auszusprechen; immer umgeben von der Sorge, dass es ihn abschrecken würde. Aber mit dem, was aktuell geschah, was noch geschehen könnte, musste es in die Welt gesprochen werden. Um ihn trotzdem direkt davor zu bewahren mit irgendeiner Vulnerabilität darauf reagieren oder sich irgendeinen fürchterlichen Witz aus den Rippen leiern zu müssen, stand ich endlich vom Boden wieder auf. »Hast du die Toilette fertig? Dann kannst du mir hier ja helfen.« Ich klopfte den Dreck, der durch den Sturz auf meine Kleidung geraten war, von jener herunter. Das gesamte Gebäude hatte eine Grundreinigung wirklich dringend nötig.

  • Colins Metamorphmagus-Fähigkeiten gaben zweifelsfrei den Blick auf ein Dilemma frei: einerseits würde sich wohl jeder normale Mensch über dieses Talent freuen und Pläne aushecken, wie er diese besonderen Verwandlungskünste für sich nutzbar machen könnte. Aber Em machte sich vor allen Dingen Sorgen. Irgendwie konnte Scipio es ja auch verstehen. Die Zeiten waren einfach ungünstig für jede Art von magischer Absonderlichkeit und die Vorstellung, der Junge könnte vom Kommando Sicherheit einkassiert werden, weil ihm beim Anblick von Trevelyan versehentlich ein Schweinerüssel gewachsen war, behagte Scipio ebenso wenig wie Em. Aber wozu sich um Dinge sorgen, die in der Zukunft lagen? Jetzt würde Colin erstmal nach Hogwarts gehen und von allen Orten in Großbritannien war Hogwarts immer noch einer der sichersten Zufluchtshäfen (zugegeben, die Messlatte lag nicht besonders hoch).

    »Hey! Ich vermiese es ihm nicht«, protestierte Em wie jemand, der es gewohnt war, zu betonen, dass er anderen Leuten etwas nicht vermiesen würde. Scipio hob die Brauen und dachte daran, wie er sich in Hogwarts zum Rauchen hinter den Ritterrüstungen versteckt hatte, wenn sie in der Nähe war. Wenn er für jedes Mal, dass sie ihm nicht den Spaß verdorben hatte, einen Sickel bekommen hätte, hätte er heute... einen Sickel.

    »Schon klar«, sagte er trocken. »Du bist ein Quell an Optimismus.«

    Seine Sticheleien waren natürlich nicht ganz fair. Em war in Hogwarts vielleicht etwas regelverliebter gewesen als er, aber langweilig war sie definitiv nicht. Und sie hatte ihm schon sooft aus der Scheiße geholfen, dass er kein Recht hatte, sie ernsthaft zu tadeln, nur weil sie sich Sorgen um ihren kleinen Bruder machte. Ja, eigentlich sollte nicht ausgerechnet er sie belehren. Aber was sollte er machen? Sie ärgerte sich so schön, wenn er es tat.

    Der amüsierte Ausdruck auf Scipios Gesicht vertiefte sich und schwand erst eine ganze Weile später, als Em seine Äußerungen quittierte, ohne den hochkonzentrierten Blick von ihrem Shirt zu lösen:

    »Wir.«

    »Mh?«

    »Wir lassen das nicht zu. Du... gehörst auch zu dieser Familie.«

    Scipio stockte, die Ellenbogen immer noch auf die Knie gestützt. Er starrte Em an, die seinen Blick wohlweißlich mied. Wie er war auch sie nicht gerade für ihre Gefühlsduselei bekannt und dieses unerwartete Zugeständnis erwischte ihn kalt. Seine Ohren färbten sich rosa. Eigentlich hatten sie es nicht nötig, sich solche Versicherungen zu machen. Er hatte immer schon gedacht, dass große Worte etwas für Heuchler und Feiglinge waren; vollkommen nutzlos, bis man seine Treue tatsächlich bewiesen hatte. Em gehörte zu den Menschen, die er mit seinem Leben beschützen würde. Er wusste, dass sie das wusste und andersherum verhielt es sich gleich. Sie waren Freunde. Beste Freunde. So wie er für Will und auch immer noch für Tom empfand, empfand er gleichsam für sie. Aber das musste man sich ja nicht ständig gegenseitig aufs Butterbrot schmieren.

    Vermutlich sah Scipio ebenso überrumpelt aus, wie er sich fühlte, denn während er noch nach einer passenden Antwort suchte, beeilte Em sich bereits, auf denkbar unromantische Weise das Thema zu wechseln: »Hast du die Toilette fertig? Dann kannst du mir hier ja helfen.«

    »Hey, warte Mal!« Scipio schüttelte die Überraschung ab und sprang auf, als hätte man ihm einen Stromstoß verpasst. Das leichte Erröten flaute kaum ab, da breitete sich schon wieder dieses selbstzufriedene Grinsen auf seinem Gesicht aus - irgendwo zwischen Charmeoffensive und absoluter Dreistigkeit. »War das gerade ein Liebesgeständnis?«, fragte er und beugte sich nach vorne. »Könntest du das nochmal wiederholen? Langsamer vielleicht. Ich möchte nur sicher sein, dass ich es richtig genieße.« Ehe sie antworten konnte, schlang er einen Arm um ihre Schultern und schüttelte mit gespieltem Ernst den Kopf. »Wirklich, Em. Kaum bin ich fünf Minuten emotional verwundbar, wirst du direkt rührselig. Ich weiß ja, dass ich unwiderstehlich bin, aber ein bisschen Fassung bitte.«

    Er zwinkerte ihr unverfroren zu. Dann kickte er mit dem Fuß den Hocker zurück in eine stehende Position und griff nach dem Regalbrett, das zur Hälfte aus der Wandhalterung gebrochen war. »So. Familienregel Nummer eins: ich trage die schweren Sachen.« Damit stemmte er das Massiv hoch und drückte die Halterung zurück bis der Dübel ein Knirschen von sich gab und die Konstruktion zurück in die Wand rutschte. Es benötigte noch etwas Feinjustierung, was der Vierundzwanzigjährige mit einem munteren Pfeifen auf den Lippen erledigte. Putz rieselte auf den zerzausten Schopf, aber das störte ihn nicht. Im Gegenteil: er schien plötzlich blendend gelaunt.

    »Hey, kennst du den schon? Fragt ein Drache den anderen, ob er sich seinen Kamm ausleihen darf. Darauf der andere: nie im Leben - bei deinen Schuppen.« Scipio ließ das Regalbrett los und mit einem Krachen landete es auf dem Winkel. Sofort schoss eine Staubwolke hoch und verschluckte ihn hüftaufwärts. Gelassen stieg er vom Hocker, einen grauen Film im Haar und ein unbekümmertes Funkeln in den Augen. »Siehst du? Alles unter Kontrolle.«


    -Ende-

  • Des isch mei Häusle, des send mei Spezla, ond am Wucheend gönd se halt Todesser verhaue. Überlegsch dir’s halt.

    Cathrine Valentine

    am 21. Februar, nachmittags


    Ja und hier ist so mein… Labor.“ Alistair presste ein wenig unangenehm berührt die Lippen aufeinander und versuchte sich dabei an einem trotzdem ermunternden Lächeln. „Hier hab’ ich mein… Zeug und meine… Sachen“ Mit dem verbliebenen Arm wedelte der ehemalige Hufflepuff undefiniert in Richtung der angesprochenen Dinge: ein großer Schreibtisch mit einigen Einlassungen für Schalen und Reagenzgläser, eine hochkompliziert aussehende Apparatur mit noch mehr Halterungen für Reagenzgläser, einer kleinen Flamme, Lupen und irgendwelchen Schläuchen, einem unsortierten Stapel Pergamente, von denen noch mehr aus einer vollgestopften Schublade herausragten, in deren Schloss ein enorm großer, rostiger Schlüssel steckte, Drachenlederhandschuhe, die offenbar nicht zu einem Set gehörten, weil sie beide für die linke Hand waren1, eine Brille mit sehr dicken Gläsern, mehrere angekokelte Geschirrtücher, Petrischalen und ein angebissenes Brot, das mittlerweile kaum mehr als ein solches zu identifizieren war, sondern eher einem moosbewachsenen Stein glich. „Chrm chrm.“ Mit einem ertappten Hüsteln verfrachtete Alistair das Überbleibsel seiner letzten Forschung in den schwarzen Müllsack, den er beim Start ihrer kleinen Tour durch den Grimmauldplatz unten in der Küche mitgenommen hatte. Einige leere Pappbecher befanden sich schon darin, alte Zeitungen, aus denen Dinge ausgeschnitten worden waren und überraschend viele Essensreste, die im gesamten Haus an den unmöglichsten Stellen verteilt gewesen waren. Alistair hatte all die Unordnung mit den Worten „Oh sorry, das… müssen die Doxys gewesen sein. Die nisten irgendwo unterm Dach und schleppen dauernd Zeug durch die Gegend“ entschuldigt, besaß aber nicht die Dreistigkeit das für sein altes angegessenes Brot auch zu tun. Stattdessen zuckte er nur mit den Schultern, als das Überbleibsel im Müllsack verschwunden war und drehte sich dann zu Cathrine um.
    Es war seltsam, dass sie jetzt hier war. Nicht seltsam im negativen Sinne, auf keinen Fall – er freute sich sehr, dass die Hexe, die ihm bereits mehrfach geholfen hatte, nun offiziell zu ihnen gehörte. Er mochte sie sehr, aber wahrscheinlich war es gerade deswegen seltsam. Alistair hatte nämlich ein riesengroßes schlechtes Gewissen. Es war beinahe so groß, dass er befürchtete, eine Entschuldigung an sie könne jeden Moment von seinen Lippen purzeln, aber bis jetzt hatte er sich einigermaßen gut zusammengerissen. Er hatte sie in der Diele begrüßt, ihr selbstgeschmierte Brote und selbstgebackene Törtchen aufgezwungen und dann begonnen ihr den Grimmauldplatz einmal in all seiner Ausführlichkeit zu zeigen. Sie waren bis unters Dach gestiegen, mittlerweile zurück im zweiten Stock und Alistair hatte die ganze Zeit über absichtlich so viel geredet, dass sich keine Gelegenheit für sie geboten hatte, nach seinem offensichtlich fehlenden Arm zu fragen.
    Also… ja. Ist alles ein bisschen chaotisch und wir sind immer noch dabei paar Räume aufzuräumen und bewohnbar zu machen, aber alles in allem eigentlich sehr gemütlich. Und mach dir keine Gedanken über dieses Gemälde unten im Flur.“ Die mit einem schwarzen Vorhang verhangene Walburga Black hatte Cathrine beim Betreten ihres Hauptquartiers mit den üblichen wüsten Beschimpfungen bedacht. „Sie nennt jeden ein… du-weißt-schon-was.Schlammblut. „Das liegt gar nicht an unseren Abstammungen, sondern einfach daran, dass Walburga einen ziemlichen Dachschaden hat.


    1 Das war tatsächlich ein prophetischer Zufall gewesen.


    // keine Ahnung woher dieser Szenentitel kommt. Er war in meinem Kopf und musste raus.

  • Naja… zumindest sah das Brot, welches Alistair ihr direkt an Anfang gereicht hatte, deutlich ansprechender aus als das, welches er vor ihren Augen schnell im Müllsack verschwinden ließ. Oke, wenn wir ehrlich waren, wäre es wohl die nächsten Tage von allein in den Müll gewandert. Recht still verfolgte sie den Rundgang durch den Grimmauldplatz. Schaute sich immer wieder interessiert um, ließ die Eindrücke und die ein oder andere Beschimpfung eines Gemäldes an sich vorbeiziehen, versuchte zu verstehen, was hier vor sich ging. Vor wenigen Tagen war Byron bei ihr, erklärte mit wenigen Worten, warum er sie besuchte, warum er bei ihr war. Es war kein einfacher Moment zwischen ihnen gewesen und immer noch spürte man ihre Zurückhaltung. Ihre Gedanken hatten sich nie geändert, noch immer stand sie zu dem, was sie gesagt und gezeigt hatte und trotzdem war es etwas, was sie nicht greifen konnte. Cathrine war schon immer ein Mensch, der zahlen, Daten, Fakten besser greifen konnte, als sich nur auf ihr Bauchgefühl zu verlassen. Die Adresse aus dem Pergament führte sie hier her, führte dazu, dass Alistair sie heute in Empfang nahm, ihr alles zeigte, was sie wissen musste. Es war hier deutlich dunkler, staubiger, chaotischer als sie es gewohnt war. Klare, helle, strukturierte Linien lagen ihr deutlich mehr. Wie konnte er nur in diesem Durcheinander klarkommen? Doch niemand brauchte sich vor ihr rechtfertigen, jeder hatte das Recht so zu leben, wie man es gerne für sich möchte. Respekt und Toleranz waren da die Schlüsselworte. Im wieder nickte sie, stimmte ihm zu. Es war viel, zu viel für den Moment, um wirklich alles aufnehmen zu können „An was arbeitest du hier?“ Natürlich sah sie all die Gerätschaften, all die Pergamente und das ganze Zeug, was quer über den Tisch verteilt war. Doch nichts gab wirklich eine Antwort darauf, was er hier wirklich machte, wofür er das alles brauchte. Cath merkte, wie sich Alistair wirklich bemühte, wie er versuchte alles richtig zu machen, wie er vor den neuen, leicht neugierigen Augen alles zeigen wollte, was es zu sehen gab. Seine Worte, dass es noch ein bisschen chaotisch war, waren nach ihrer Ansicht leicht untertrieben, doch mit der Gemütlichkeit konnte er recht haben, wenn man es mochte. „Oh, alles gut. Du glaubst gar nicht, was man sich im St. Mungos manchmal anhören musste.“ Ja, manche Menschen neigten dazu, etwas zu viel von sich preiszugeben, wenn man versuchte sie zu heilen, Tränken sei Dank. Auf jeden Fall nichts, was sie jetzt noch aus dem Tritt bringen könnte. „Falls ihr dabei Unterstützung braucht, kann ich das gerne machen. Aber…“ Sie spürte, dass Alistair gerade nicht in den nächsten Raum eilen wollte, es ruhiger wurde und… naja, sie musste es ansprechen, konnte es nicht übersehen. Viele Dinge waren einfach unwichtig, zweitranging, das aber nicht. Sie blickte auf seinen nicht mehr vorhandenen Arm hinunter, ihm wieder in die Augen, wusste nicht, wie sie es ansprechen sollte. „Alistair…“ Nur sein Name rollte ihr über die Lippen, als sie sie ihre Augenbrauen etwas zusammenzucken ließ. Was um alles in der Welt war passiert…

  • Oh, dies und das.“ Das war eine sehr harmlose Umschreibung dafür, was Alistair hier tatsächlich trieb. Aber dass er hier verfluchtes Einhorngewebe untersuchte und Horkruxe, war vielleicht ein Thema für später. Cathrine sah ohnehin so aus, als würde ihr eine andere Frage mehr unter den Nägeln brennen. Er konnte es ihr nicht verübeln.
    Erstmal war allerdings noch eine gute Gelegenheit zu lachen und die Brauen zu heben. „Beim Aufräumen brauchen wir immer Unterstützung. Earnestine ist auch ziemlich hinterher, dass es hier endlich mal sauber ist. Aber wir sind alle berufstätig, die meisten von uns nur einmal die Woche hier…“ Er zuckte mit den Schultern. „Und dann gibt’s in der Regel auch wichtigere Dinge, als putzen.“ Beinahe entschuldigend zog er den Kopf ein, eine Regung, die er für das nächste Thema direkt beibehalten konnte. Sie musste die Frage nicht aussprechen. Ihr Blick war Fragezeichen genug, also seufzte er schließlich. Natürlich wusste er, dass er sich dem Thema nicht für immer hätte verschließen können. Immerhin war sie wohl diejenige, nach ihm selbst, die mit seinem verfluchten Arm am meisten zu tun gehabt hatte. Er hatte Cathrine ins Vertrauen gezogen, sie um Hilfe gebeten, aber dass er nun ohne Arm da stand, war allein seine Schuld und nicht das Versagen von seiner neuen Freundin. Dass er ihr das bisher noch nicht gesagt hatte, war auch Grund seines schlechten Gewissens.
    Also… ja“, gab er nach einer kurzen Pause, in der seine Wangen sich rot verfärbt hatten, zurück und presste wieder die Lippen aufeinander. Normalerweise hätte er wohl nun die Arme hinter dem Rücken miteinander verschränkt, aber so blieb es bei einem etwas unbeholfenen Baumeln seines verbliebenen Armes und er zuckte ein weiteres Mal mit den Schultern. „Ich… tut mir Leid, dass ich’s dir nicht gesagt habe. Ich bin – also, es ist schlimmer geworden. Aber ich war dumm und ich hab’ mich nicht getraut nochmal zu kommen. Vielleicht weil – ja, ich weiß nicht, ich glaube der Fluch hatte da auch ein bisschen mit zu tun. Aber das ist ja auch egal. Ich – “ Er atmete tief ein. Er hatte das Gefühl sich komplett in seinen Worten zu verrennen und mochte es sowieso nicht so im Mittelpunkt zu stehen. Also beeilte er sich zu ergänzen: „Auf jeden Fall ist das nicht deine Schuld. Falls du das glaubst. Du hättest gar nichts machen können. Der Arm musste am Ende ab“ – er verschwieg, dass er kurz zuvor fast gestorben wäre, das würde wahrscheinlich Gwenda irgendwann noch machen, um ihn von irgendeiner anderen Aktion abzuhalten, bei der er sich potenziell in Gefahr brachte – „und ich komm’ gut damit zurecht. Ich bekomme auch irgendwann eine Prothese, wenn sie…“, er räusperte sich wieder, „wenn sie wissen, was genau das für ein Fluch ist.
    Dann herrschte wieder Stille. Alistair spürte eine Ader an seiner Stirn pulsieren.
    Hast du eigentlich sonst noch Fragen? Also so zu uns? Wie viel hat Byron dir denn so erzählt?“ Der Themenwechsel war schlecht eingeleitet und dass Alistair eine Oktave höher sprach als üblich, entlarvte ihn als schlechten Versuch die Aufmerksamkeit wieder von sich abzulenken.

  • „Ähm ja… oke…“ Dass er ihr nicht genau sagte, war das eine, musste er auch nicht, ging sie auch schließlich nichts an. Er würde selbst am besten wissen, was er hier tat und was er dafür brauchte. Doch… anscheinend war ihre Aussage, Hilfe anzubieten, nicht so… naja… sie fühlte sich gerade irgendwie doof. Hätte sie einfach mal den Mund gehalten, dabei wollte sie nur was Gutes, ihre Hilfe anbieten, überhaupt etwas anbieten, was sie dachte, für was sie in der Lage war. Ein flaues Gefühl machte sich in ihr breit, ihre Augen wurden matt, der Blick wich ab. Direkt sanken ihre Schultern, Er hatte nichts Negatives gesagt, auch sie nicht kritisiert oder so und trotzdem fragte sie sich ernsthaft, was sie hier überhaupt zu suchen hatte. Also immer wieder waren diese Gedanken durch ihren Kopf gewandert. Warum um alles in der Welt, wollte man ausgerechnet sie hier haben? Was war überhaupt ihre Aufgabe und… sofort zweifelte sie wieder an sich. Da waren diese alten Wunden, die sie eigentlich so gut verschlossen hatte. Sie wollte dieses Ich hinter sich lassen, es in die Vergangenheit schieben und doch… doch kam es gerade wieder durch. Mist. Aufmerksam versuchte sie mit den Gedanken bei ihm zu bleiben, seinen Worten zu folgen, das Offensichtlichste aufzuklären, was gerade vor ihr war oder eben nicht mehr war. Ihre Erinnerungen kamen wieder hoch, wie er bei ihr war, wie sie sich gemeinsam seinen Arm angeschaut hatten, wie Cathrine versuchte etwas Licht ins Dunkle zu bringen, doch offensichtlich hatte das alles nicht geholfen. Die Zeit danach muss eine schlimme danach gewesen sein. Sie hatte keine Ahnung was passiert war und trotzdem war ihr die Richtung ja bewusst gewesen. Cath versuchte den Worten von Alistair zu folgen. „Konntest du denn Antworten bekommen, was passiert ist? Was das ganze ausgelöst hatte?“ Eine solche Amputation machte man nicht einfach so. Es musste für ihn die Hölle gewesen sein, etwas, was auch den Rest seines Körpers befallen könnte, etwas, was sein Leben bedrohte, was sich ausbreitete. Aber mehr einfache Indizien gab es für sie nicht, die sie zusammenbringen konnte. Sie hatte immer noch keine Ahnung, wie es überhaupt dazu gekommen war. Viel zu viele Fragezeichen waren bei jedem Treffen in ihrem Kopf. Doch sie war hier. Ein weiteres Puzzleteil, wie es bei ihm zu einem schwarzmagischen Fluch kommen konnte. Für einen Moment dachte sie über seine Frage nach. Ja… was hatte Byron eigentlich erzählt? Wenn sie sich auf etwas verlassen konnte, dann war es auf ihr Gedächtnis. „Byron war recht verschlossen, aber ich denke, dass musste so sein. Für euch schließlich auch.“ Sie zwinkerte, versuchte sich einige Tage zurückzuerinnern. „Er sprach von einer Gruppe von Menschen, die Seit Jahren auf der guten Seite stehen, deren einziges Ziel es war, sich den Todessern entgegenzustellen. Die Gruppe wusste, dass etwas passieren wird in der Finalnacht und das genau diese Gruppe glaubt, dass ich eine Bereicherung für ihre… Arbeit… wäre.“ Sie schluckte, versuchte ihre Gedanken zu sortieren. „Aber was könnte ich für eine Bereicherung sein?“ Sie war doch nur… Cathrine? Was soll sie schon zu irgendetwas Großen beitragen können? „Diese Gruppe ist bereit, bei dem Zug von ihnen nicht weiter zuzusehen, tatenlos.“ Es waren noch viel mehr Worte, die sie gewechselt hatten, die Byron ihr gesagt hatte, aber das war nicht die richtige Stelle dafür, gehörte nicht hier her. Sie hatte angenommen, war hierhergekommen und somit war es zweitrangig, was noch Weiteres zwischen ihnen vorgefallen ist. „Was sind eure nächsten Ziele… wie seid ihr organisiert?“

  • Alistair bemerkte den Stimmungswechsel sofort – es war, als würde ihm selbst plötzlich ein kalter Schauer über den Rücken laufen, während Cathrine neben ihm ein paar Zentimeter in sich zusammenzusinken schien. Die Augen des ehemaligen Hufflepuffs weiteten sich und seine Stirn legte sich in Falten, während er fieberhaft darüber nachdachte, was er gerade falsches gesagt hatte – glaubte sie etwa, dass er der Meinung war, dass sie nur zum Aufräumen gut war? Hatte er den falschen Tonfall gewählt? Er hatte doch belustigt und kameradschaftlich klingen wollen! Sie mussten ja immerhin alle aufräumen! Aber das war ja nichts, was –
    Bevor er den Gedanken jedoch zu Ende denken konnte, hatte Cathrine bereits weitergesprochen. „Ehm…“, begann Alistair also noch ein wenig hinterher und kratzte sich mit der linken Hand am Kinn. Dann zuckte er wie üblich mit den Schultern. „Ne, nicht wirklich. Also war wohl der Fluch in der Finalnacht, aber sie wissen noch nicht, wie er genau funktioniert und sie sind sich nicht sicher, ob er eventuell zurückkommt, wenn wir den Arm einfach nachwachsen lassen…“ Ein weiteres Schulterzucken und schmale Lippen, die sich zu einem unsicheren Lächeln formten, folgten, dann sah er Cathrine jedoch fest an. „Aber falls nochmal was ist, dann sag ich dir Bescheid, versprochen.“ Die unsicher zitternden Mundwinkel wandten sich zu einem echten Lächeln.
    Ah okay“, machte er schließlich, als sein Gegenüber ihre Antwort auf seine Frage beendete und nickte. „Ja, also, wir erzählen wirklich nicht viel, nur für den Fall, dass die Person doch nicht… will.“ Ein Schulterzucken. „Wobei ich da bei dir ehrlich gesagt gar keine Bedenken hatte. Also – ja, ich kann mir vorstellen, dass das irgendwie alles sehr überwältigend ist.“ Er trat einen Schritt zur Seite und setzte sich halb auf einen Tisch. Normalerweise hätte er jetzt seine beiden Hände auf der Tischkante platziert, aber da er nur noch eine Hand hatte, verlor er für einen kurzen Moment die Balance und schwankte ein wenig. Er lachte. „Sorry. Also ja - ich glaube, und die anderen eben auch… wobei – also, ich kann das irgendwie nicht so gut erklären. Also das Ziel von uns – vom Orden – ist ja, die Todesser zu bekämpfen oder aufzulösen, das klingt ein bisschen theatralisch, aber das ist so der Grundgedanke. Das bezieht sich dann natürlich auch auf Du-weißt-schon-wen. Und weil wir eben nicht so viele sind, sind wir immer auf der Suche nach neuen Leuten und uns fallen dann eben besonders Leute wie du auf, die eben wirklich einfach… für das Gute einstehen. Du hast mir und meiner Cousine damals geholfen, als ich wegen meinem Risikoausweis nicht auf dieses Fest durfte, du hast Byron geholfen und wolltest mich auch mit meinem Arm unterstützen. Und alles, was du da so gesagt hast – über Gut und Böse und richtig und falsch, war eben… genau das, was wir brauchen. Eine gute Person, die weiß, dass die Welt nicht schwarz und weiß gibt, aber eben auch Dinge, die einfach nicht richtig sind. Und wir… also ich… also wir glauben eben, dass du das bist. Oder sind uns sicher. Und deswegen wollten wir dich dabei haben.“ Alistair atmete nach seinem ungewöhnlich langen Monolog aus und versuchte sich wieder an einem aufmunternden Lächeln. „Wir, das sind die Ordensmitglieder. Wir haben ein paar Kontakte ins Ministerium – vielleicht hast du Gawain schon mal kennengelernt? Der ist Leiter der Aurorenzentrale. Außerdem ist da noch Jemima Evermonde, die gerade Untersekretärin des Ministers ist. Die hat uns früher auch oft geholfen, aber ist mittlerweile ein bisschen… zurückhaltender. Aber ist ja auch verständlich. Einen Boss oder so gibt es bei uns nicht wirklich, wobei Earnestine und Gawain eben dem schon am nächsten kommen würde. Gawain hat den Orden damals auch gegründet. Gigi, Kai und Byron waren damals auch schon dabei, glaube ich und… ja. Wir beschließen eben alles immer gemeinsam. Also haben wir auch gemeinsam beschlossen, dich dazuzuholen.“ Nun presste Alistair wieder die Lippen aufeinander. „Ist wahrscheinlich ein bisschen viel alles. Aber keine Sorge, du kommst noch rein! Gwen und Nikaya sind nach dir gerade die jüngsten Mitglieder, Gwenda auch. Also an der Dauer der Zugehörigkeit gemessen.“ Er lächelte. „Sorry, ich rede auch irgendwie zu viel. Ich will dich gar nicht überfordern!

  • Natürlich wusste Cathrine, dass sie nichts dafürkonnte, dass sie nicht hätte tun können für ihn und den Fluch, den ihn getroffen hatte, und trotzdem war es wie ein schwerer Stein auf ihren Schultern. Er war nur für eine kurze Zeit bei ihm gewesen, wie hatte nur einige Blicke auf seine Hand, seinen Arm werfen können, alles, ohne jegliche Erklärung. Sie hatte ein Muster erkennen können, eine Färbung, die sie schon einmal irgendwo gesehen hatte, hatte einen dicken Wälzer gesucht, von dem sie bis heute beharrlich darüber schwieg, wo sie ihn herhatte. Doch wirklich viel mehr war nicht möglich. Und jetzt… jetzt sah sie das Ergebnis des Ganzen. Die Konsequenzen, die Alistair daher tragen musste waren sichtbar, was das Ganze aber wirklich bedeutete, warf noch viel mehr Fragezeichen auf. „Wer sind…‘sie‘?" Eine Frage, die ihr beim genauen Zuhören viel zu sehr beschäftigte, als dass sie es nicht direkt fragen musste. Ja, Cathrien stellte viele Fragen, vielleicht manchmal auch zu viele, aber wie solle man im Leben vorankommen, wenn man sich nicht neues Wissen erarbeitet? Er musste es ihr nicht beantworten, keine Frage musste ihr je beantwortet werden, aber wenn sie nicht fragen würde, würde sie es wohl nie erfahren. „Alles gut, Alistair… wirklich.“ Und das war es. Er war ihr keine Rechenschaft schuldig, bei keinem der einzelnen Punkte, aber natürlich war es ein gutes Gefühl, wenn man ins Vertrauen gezogen wird. Dieses Vertrauen wurde mit seinen nächsten Aussagen, noch umso mehr bekräftigt. „Um ehrlich zu sein hatte ich meine Probleme an dem Abend. Ich bin eine Person, die skeptisch ist, die Dinge greifen muss, um sie zu verstehen. Du kennst mich, meine Begierde nach Wissen ist nie erschöpft und da waren die wenigen Informationen für mich eine große Schwierigkeit. Natürlich verstehe ich die Vorgehensweise, aber es gibt halt immer zwei Seiten…“ Es war für sie schwierig zu erklären, warum sie so zurückhaltend war, aber es hatte sie überfordert, natürlich hatte sie das. Wie er schon sagte, waren es Informationen, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht in ihr Bild passten. Und doch… und doch stand sie jetzt hier, beobachtete, hörte zu, versuchte alles zu verarbeiten, versuchte alles zu sortieren. Cathrine war analytisch, versuchte den Dingen immer auf den Grund zu gehen. Wahrscheinlich auch ein Grund, warum sie jetzt hier war. Nach Außen war es schnell immer die recht hübsche, manchmal etwas gutgläubige, herzliche, hilfsbereite, offene Cathrine, doch das, was in ihrem Kopf passierte, kam nicht von ungefähr… viel zu sehr wollte sie den Dingen immer auf den Zahn fühlen. „Ich danke dir, für seine offenen Worte.“ Es waren Gedanken, die sich Cathrine noch nie gemacht hatte. Sie war doch eben Cathrine. Nur Cathrine. Doch es gab Menschen, die auch noch viel mehr in ihr sahen. Kaum zu glauben, aber doch wahr. „Nein, ich hatte bis jetzt noch keinen großen Kontakt zum Ministerium. Einzelne Botengänge für das St. Mungo und naja… mein Dad ist Muggel und naja… du weißt, was ich meine… das war nicht immer so einfach.“ Wahrscheinlich wusste jeder, der sich damit beschäftigen musste, was sie meinte. Das konnte doch einfach nicht mehr so weiter gehen, kein Wunder, dass sie nicht mehr wollte, dass es so weiter ging. „Trefft ihr euch regelmäßig?“ Es waren wirklich viele Informationen, kein Wunder, dass nach und nach ein kleines Stechen in ihrem Hinterkopf immer deutlicher wurde. Für einen kurzen Moment, ließ sie ihren Blick wandern, zuck die Augenbrauen zusammen. „Gwen… Gwendoline? Ollivander? Sie hat mit mir zusammen ihren Abschluss in Hogwarts gemacht…“ Sie war jung, ja, aber andere waren offensichtlich nicht viel älter. Es war ein angenehmes Gefühl, dass auch andere Jüngere Personen sich für diesen Weg entschieden hatten. „Alles gut, ich mag es, dass du so offen zu mir bist. Es fühlt sich gut an, es fühlt sich sicher an… Aber natürlich, es ist wahnsinnig viel… gibt es etwas, was ich schon tun kann?“

  • Oh, die Heilerinnen!“, schob Alistair schnell auf Cathrines Nachfrage ein, um jedwedes Mysterium direkt aufzulösen. „Sorry“, meinte er dann noch, „irgendwie hab’ ich das Gefühl das gesamte St. Mungo besteht entweder aus meinen Freunden oder meiner Familie, da hab’ ich mir irgendwie abgewöhnt die Berufsbezeichnung zu verwenden.“ Ein ehrliches Lächeln erhellte das Gesicht des Unsäglichen. Er hatte während seinem Aufenthalt im Hospital tatsächlich sehr viel Glück gehabt – nicht nur, dass Gwenda ihn überhaupt so schnell gefunden hatte, sondern auch, dass es dort so viele Menschen gegeben hatte, die ihm allein durch ihre Anwesenheit Stärke und Zuversicht gegeben hatten. Dass es seiner Mutter möglich gewesen war jeden Tag zu ihm kommen, dass einige seiner Freunde dort gewesen waren und andere entfernte Cousins und Cousinen, hatte Alistair eine Kraft gegeben, die er bei der Genesung dringend gebraucht hatte. Und es hatte ihm auch Hoffnung gegeben – Hoffnung, dass das, was er verloren hatte, es wenigsten wert gewesen war. Vielleicht wäre vieles anders gekommen, hätte er damals nicht öffentlich proklamiert, dass Morrigan O’Carroll eine Todesserin war. Vielleicht wäre es schlimmer gekommen, wenn man sie nicht entfernt hätte.
    Das versteh’ ich.“ Alistair nickte zustimmend. Er konnte sich noch daran erinnern, wie Virginia damals ihn rekrutiert hatte. Auch sie hatte nicht sonderlich viel gesagt, auch Alistair hatte einen Sturz in die Tiefe in Kauf nehmen müssen, nur mit dem Versprechen, dass jemand ihn auffangen würde. Und Alistair verstand auch, dass es notwendig war und dass die Alternative nur wäre, nach diesem letzten Gespräch, wenn sich doch jemand dagegen entschied, das Gedächtnis zu verändern und dass das auch schlecht wäre, aber er wünschte sich, es gäbe eine einfachere Form neue Anhänger zu gewinnen, als die Hälfte ungesagt zu lassen. „Und Fragen stellen ist ja gut. Das zeigt ja auch, dass du dich wirklich damit auseinandersetzen willst, was du machst. Dass du eine wirklich gute Person bist, die sich wirklich nur der guten Seite verschreiben will.“ Er lächelte Cathrine aufmunternd zu. „Also fühl dich nicht schlecht, wenn du nicht sofort Ja gesagt hast, oder so was. Das ist ganz normal. Ich hab’ damals auch versuchte Gigi auszuquetschen und jetzt bin ich schon paar Jahre dabei.
    Es war immer seltsam darüber nachzudenken, wie lange schon. Er hatte unzählige Ordensmitglieder kommen und gehen sehen, aus privaten Gründen, aufgrund von Verletzungen oder weil jemand gestorben war. Das, was sie leisteten, was sie aufs Spiel setzten, war nichts, das man leichtfertig in Kauf nehmen sollte. Man musste Fragen stellen. Man musste zweifeln. Damit die Entscheidung dafür am Ende so viel mehr Wert war, als ein voreiliges Ja, ohne zu wissen, worauf man sich einließ.
    Halbwegs regelmäßig“, antwortete er dann. „Wir schreiben’s unten immer irgendwo hin, wenn es einen Termin gibt, meistens gibt es sowieso mehrere, weil nicht jeder immer überall dabei sein kann und wenn es was dringendes – Oh!“ Der hochgewachsene Zauberer hielt auf einmal inne und kramte dann mit der Hand hektisch in den Untiefen seiner Manteltasche. Als er gefunden hatte, was er suchte, erhellte sich seine Miene und streckte Cathrine dann einen kleinen, goldenen Anhänger entgegen. „Den soll ich dir noch geben. Wir haben alle so einen. Du kannst ihn so verändern, wie du willst, Earnestine hat zum Beispiel einen kleinen Fuchsanhänger draus gemacht, ich hab’ ihn so gelassen, wie er ist“, er tippte sich auf die Brust, wo der Anhänger unter seiner Kleidung an einer Kette baumelte, „und wenn du dreimal draufdrückst, schickst du deine Koordinaten direkt an alle anderen. Die tauchen dann auf der Rückseite auf. Du kannst auch mit deinem Zauberstab andere Nachrichten schreiben, das war in der Vergangenheit ganz nützlich, in der Finalnacht zum Beispiel. Oh, und“, setzte er dann noch hinzu, „unten im Erdgeschoss steht auch irgendwo eine Kiste mit alten Drachenlederumhängen aus Gwendas Reservat. Da würd’ ich mir auch schnell einen holen, Gwenda wird da ein bisschen ungehalten, wenn man die nicht trägt. Verletzungsgefahr und so.“ Er verzog die Lippen zu einem schiefen Lächeln. „Sorry. Also – wenn du magst, können wir gleich mal ins Archiv gehen und uns da ein bisschen alte Sachen anschauen und dich einfach auf Stand bringen? Und danach können wir ja schauen, ob wir irgendwas anpacken wollen?“ Alistair lächelte weiter.
    Er hatte ein gutes Gefühl bei Cathrine. Er vertraute ihr. Und er war sich sicher, dass sie hervorragend in den Orden passen würde.

  • „Ja gut, darauf hätte ich auch selber kommen können.“ Oh man, das hätte sie wirklich, wer auch sonst. Aber Cathrine war noch so viel auf den einzelnen, unterschiedlichen Stationen unterwegs, dass sie verschiedene Dinge einfach nicht mitbekam. Selbst nach 1 ½ Jahren in der Ausbildung, war noch genug Zeit so viel kennenzulernen, sich weiterzubilden, zu lernen. Sie schmunzelte, nah es aber auf die leichte Schulter, sie konnte ja nicht immer alles so schwer nehmen. Dass das alles nicht so schwer war, musste sie offensichtlich Alistair nicht erzählen, er kannte es schließlich auch. Aber wenn Cath ehrlich war, war sie nun mal so, wie sie war und konnte nicht aus ihrer haut. Aber genau diese Charaktereigenschaften waren es doch, die sie so interessant für den Orden gemacht hatte, nicht weil sie sich verstellt hatte oder vorgegeben hat, was sie nicht war. „Danke Alistair, ich weiß deine Worte wirklich zu schätzen.“ Sie räusperte sich kurz, dachte an ihre eigene Situation. „Weißt du, meine Mom ist eine Hexe, stammt aus Kuba. Mein Vater ist Muggel, Engländer. Und je älter ich wurde, umso mehr habe ich gemerkt, dass ich das so einfach nicht mehr akzeptieren kann und will. Naja, ausgeprägter Gerechtigkeitssinn nennt sich das wohl.“ Sie lachte schwach auf, nahm es in diesem Moment mit ein wenig Humor, obwohl es nichts zu Lachen war. Es war alles noch so neu. So neu, dass sie wohl heute Nacht noch davon Träumen wird. Aufmerksam hörte sie ihm weiterhin zu, als er erklärte, wie so ein paar Basics abliefen, ehe ihr Blick auf den kleinen, goldenen Anhänger fiel, den er ihr gab. Er war dezent, ließ ihre Augen für einen Moment glänzen, als sie ihn annahm. Zwischen ihren Fingerspitzen ließ sie ihn hin- und hergleiten. „Spannend…“ sagte sie fast gedankenverloren, nahm aber jedes Wort in sich auf. Es war so spannend, dass sie wahrscheinlich jetzt schon wieder alles darüber wissen wollte, schluckte dies nur für den Moment einmal runter. Genauso geschieht es mit den Gedanken in diesem Moment zu den Umhängen aus Drachenleder. Langsam ließ sie den Anhänger in ihre Hosentasche gleiten. Es fühlte sich so gut an, ihn jetzt bei sich zu spüren. Wieder ein Schritt auf dem richtigen Weg. Ein kleines Lächeln lag auf ihren Lippen, als sie ihn wieder ansah. „Danke dir…. Also… dann hole ich mir jetzt doch einen der Umhänge und dann gehen wir gemeinsam ins Archiv. Es ist wirklich sehr nett von dir, dass du dir die Zeit nimmst.“ Für sie ist es nicht selbstverständlich, dass solche Dinge passieren, dass Menschen so waren. Umso mehr fühlte sie die Wärme um ihr Herz in diesem Moment. Er vertraute ihr, das spürte sie direkt. Und genau das zeigte er ihr auch in den nächsten Stunden.


    ENDE

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!