Zweiter Stock - Ein altes Büro

  • Abby war instinktiv aufgesprungen, als eine Stimme durch die verlassenen Gänge hallte. Sie trat schützend vor den Kelch, auch wenn sie sofort erkannt hatte, zu wem die Stimme gehörte. „Ich bin’s, Abby.“ Vermutlich hatte Brooke ihre Witterung aufgenommen. Dabei war Abby keineswegs nach Gesellschaft zumute.

    Sie nahm die Hand vom Griff ihres Zauberstabs, als der Türknauf sich bewegte und Brooke den Raum betrat. Das flackernde Licht der beiden Kerzen, die Abby angezündet hatte, um nicht im Dunkeln sitzen zu müssen, fiel auf Brookes Gesicht. Abby konnte es nicht verhindern, ihr lief jedes Mal ein Schaudern über den Rücken, wenn ihr Blick auf das gespenstisch trübe Auge fiel, das die ehemalige Hufflepuff bis an ihr Lebensende brandmarken würde. „Hey Brooke“, sie war beinahe froh, dass ihre Mitstreiterin im Licht der Kerzen vermutlich nicht sehen konnte, dass ihr Blick ein paar Augenblicke zu lang an ihrer linken Gesichtshälfte hängen blieb. „Was machst du noch hier?“

    Die Stimme der Aurorin klang weder freundlich noch unfreundlich. Sie klang gleichgültig. Abby konnte sich nicht erinnern, ob sie jemals unter vier Augen mit Brooke gesprochen hatte, seit sie dem Orden beigetreten war. Sie hielt die ältere Hexe für vernünftig, wenn auch vielleicht etwas zu gutmütig und bedacht. Umso seltsamer war es, dass ausgerechnet sie zu einer Mörderin geworden war. Sie und Finlay hatten es zu verantworten, dass Voldemort nun wohl noch erpichter darauf war, die Mitglieder des Ordens ausfindig zu machen und auszulöschen.

    Ob Brooke ebenso bewusst war, dass sie in Gefahr schwebte? Georginas Mörder:innen hatten Abbys und Deverells Gesichter gesehen. Wenn Voldemort nach dem Kelch suchen ließ, so würde er bei jenen beginnen, von denen er wissen musste, dass sie den zweiten Teil der Glaskugel an sich genommen hatten. Dennoch schwebte auch Brooke in Gefahr. Sie und Finlay waren zwar nicht zu erkennen gewesen, doch mit der Verletzung, die Brooke davongetragen hatte, war sie es nun sehr wohl. Auf der Straße, in der Winkelgasse, im Monkshood, wo auch immer ihr ein:e Todesser:in über den Weg laufen mochte, sie würden sie erkennen, ohne dass sie selbst Notiz davon nahm.

    „Ich bewache heute den Kelch.“ Abby war nicht sicher, wie viel Brooke im Licht der Kerzen sehen konnte. Außerdem stand sie noch immer zwischen dem Kelch und der anderen Hexe. Sie hoffte, eine einfache Information würde reichen und Brooke würde wieder gehen, woher sie gekommen war, und sie in Ruhe lassen.

  • Es dauerte einen Moment, bis Brooke eine Stimme vernahm, auch wenn sich diese sofort dem Geruch zuordnen ließ, den sie in den Gängen wahrgenommen hatte. Sie erklang aus dem Zimmer, in dem auch Geraldine und sie selbst so lange gewesen war und innerhalb von wenigen Sekunden hatte Brooke die Distanz zur Tür überwunden und den Knauf nach unten gedrückt. Es dauerte einen Moment, bis sich ihr Auge an das Licht der Kerzen gewöhnt hatte, sie musste den Blick ein wenig senken. Wenn der Raum gleichmäßig erstrahlt war, war die Gewöhnung in der Regel einfacher. „Hey“, kam es ruhig und mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen von der älteren Hexe, ehe sie nun kurz den Blick durch den Raum schweifen ließ. War Abby tatsächlich ganz alleine hier? Gedanken, die nicht auf Misstrauen oder auf der Sorge aufbauten, die jüngere Hexe wäre nicht dazu in der Lage. Ganz im Gegenteil, auch wenn Abby noch relativ jung war, so hatte Brooke volles Vertrauen in die Fähigkeiten der ehemaligen Quidditchspielerin. Auch wenn sie nochmal ein Stück jünger gewesen war, hatte man damals schon mit Abby als Gegnerin rechnen müssen – und Brooke war davon überzeugt, dass das heute noch viel deutlicher war.
    Und trotzdem … Sie war eben auch noch ein paar Jahre jünger. Und die Ereignisse aus dem Dezember saßen ihnen immer noch alle in den Knochen, auch wenn sie keine Chance gehabt hatten, sich lange damit zu befassen, es zu verarbeiten. Nicht richtig zumindest. Und waren sie alle nur vom Hörensagen und dem Endresultat mitgenommen gewesen, so hatten eben Deverell und Abby Georgina und Bertie gefunden. Es war etwas gänzlich anderes und selbst Brooke hatte gemerkt, wie die Abende der Einsamkeit in diesem Raum sie manches Mal zu sehr gepackt hatten. Und dass Abby nicht aus Spaß und Gemütlichkeit die Zeit in dem Zimmer verbrachte, war mehr als wahrscheinlich – etwas, das die rothaarige Hexe gleich auch noch bestätigen würde. Und so hielt Brooke inne, machte sich nicht auf den Rückweg, bekam nicht mit, wie der Blick der anderen länger auf ihrem Gesicht ruhte. Sie selbst sah es nicht mehr wirklich, nur dann, wenn sie sich in der richtigen Öffentlichkeit bewegte und die Narben mit einem Glanz überdecken musste. Dann, wenn sie sich verstellen musste.
    Ich war auf dem Weg vom Monkshood zurück nach Hause und wollte noch kurz vorbeischauen“, erklärte sie, ehe sie erneut durch den Raum blickte und dann nickte, als Abby erklärte, was sie hier tat. Wie vermutet. Eine nicht sonderlich angenehme Beschäftigung – schon gar nicht an diesem Tag, auch wenn Brooke nicht klar war, dass Abby und sie denselben Geburtstag teilten. Ansonsten wäre sie wohl nach unten gegangen, hätte einen Kuchen gebacken und sie hätten sich zusammensetzen können. So jedoch blieb es nur bei Letzterem, denn auch wenn es sicher nicht notwendig war, dass sie der Jüngeren half, so war Brooke doch dieses Gefühl des Wartens, Herumsitzens bekannt. Ob Abby vielleicht …? Brooke neigte den Kopf leicht zur Seite. „Wenn du magst, kann ich dir gerne ein wenig Gesellschaft leisten. Es ist manchmal … ermüdend, alleine in diesem Raum zu sitzen.“ Ein feines Schmunzeln, sie wussten wohl beide, wovon sie sprach.

  • Sie nickte, ohne sich zu fragen, ob Brooke es sehen konnte. Obwohl sie am Grimmauldplatz waren und die Hexe vor ihr eindeutig Brooke Hutton war, ließ Abby sie nicht aus den Augen. Dass sie hier war, während es draußen bereits dunkel war, ganz allein und ohne einen bestimmten Grund, kam ihr verdächtig vor. Noch nie zuvor war Brooke zu ihr hoch gekommen, in all den Wochen, in denen sie den Kelch bereits bewachte, nicht. Wollte sie ihr etwa ihre Aufgabe streitig machen? Traute sie Abby nicht? Glaubte sie, sie könne nicht einmal eine simple Wache übernehmen?

    Noch kurz vorbeischauen, von wegen. Abbys schlimmste Befürchtungen bewahrheiteten sich, als Brooke vorschlug, ihr Gesellschaft zu leisten. Diese elendigen Hufflepuffs... Sie waren so zuvorkommend und freundlich, ekelhaft. Sie drängten einem ihre Hilfe geradezu auf, selbst wenn man nicht danach gefragt hatte. Und dabei waren sie noch so nett und liebenswert, Abby hätte gute Lust, einem von ihnen vor die Füße zu spucken. „Okay. Dann setz dich.“

    Sie versuchte gar nicht erst, Brooke abzuwimmeln. Es wäre ihr nicht gelungen. Es hätte einer Diskussion bedurft, für die Abby die Kraft fehlte. Vielleicht, wenn sie Glück hatte, würde Brooke schon sehr bald ganz von alleine wieder gehen – und sie mit dem Kelch allein lassen. Sie würde schon merken, dass sie hier unerwünscht war. Außerdem wollte sie nur kurz vorbeischauen. Wie lange konnte kurz schon sein?

    „Weißt du, was ermüdend ist?“, Abby wählte einen neuen Sitzplatz, einen, von dem aus sie Brooke im Blick hatte. „Jeden verdammten Tag ins Ministerium zu müssen, um dann abends und nachts nach der Arbeit diesen Kelch zu bewachen, das ist ermüdend. Und dann kann ich mir noch das Gejammer aller anderen anhören.“ Nachts aufzuwachen, weil man Georginas lebloses Gesicht im Traum gesehen hatte oder glaubte, draußen vor dem Fenster bewege sich etwas, das war auch ermüdend. Oder die eigene Familie zu Ostern nicht besuchen zu können. An seinem verdammten Geburtstag den Kelch bewachen zu müssen. Oder seit geschlagenen zehn Stunden keine feste Nahrung mehr zu sich genommen zu haben. Abby hatte genug Probleme. Die Liste ließ sich beliebig fortsetzen. Und selbst jetzt, wo endlich einmal Ruhe einkehren könnte – wenngleich sie hier nicht schlafen durfte – musste Brooke ihr ihre Anwesenheit aufdrängen.

    Abby stöhnte. Sie war viel zu müde, viel zu erschöpft, viel zu frustriert, um irgendein Gespräch aufrecht zu erhalten. Selbst wenn sie sich mit jemandem unterhalten hätte, den sie gut kannte, wäre sie an irgendeinem Punkt zu unsensibel gewesen oder hätte etwas in den falschen Hals bekommen und sie hätten begonnen zu streiten. Mit Brooke, die sie quasi gar nicht kannte, kam Abby noch weniger zurecht. Es wäre angebracht gewesen, Smalltalk zu betreiben und freundlich zu bleiben. Zwei simple Aufgaben, die Abby auf Anhieb grandios vermasselte.

  • Abbys Worte wirkten nicht sonderlich begeistert, doch Brooke hatte nicht vor, dies krumm zu nehmen. Gerade hier im Raum, abwartend, vermutlich mehrere Schichten schiebend, neben der Ausbildung im Ministerium … Brooke hatte selbst in der Abteilung für magische Strafverfolgung gearbeitet und auch wenn sie nicht als Aurorin tätig gewesen war, so konnte sie sich noch gut daran erinnern, wie lang die Tage hatten werden können. An manche Tage – und Nächte – erinnerte sie sich sogar noch zu gut. Und danach in den Grimmauldplatz zu kommen … Das Haus hatte schon vor einiger Zeit das Gefühl des sicheren Hafens für Brooke verloren, auch wenn sie wusste, dass hier niemand reinkommen konnte. Doch die Wände und alles wirkte trist, leblos und verlassen – es war also gar kein Wunder, dass Abbys Begeisterung nicht sonderlich groß war. Vermutlich war sie einfach nur fertig und ließ sich von der Stimmung anstecken. Wenn Brookes Anwesenheit da helfen und sie vielleicht sogar ein wenig aufmuntern konnte, dann würde sie das gerne machen.
    Ein Lächeln auf den Lippen nahm sie sich einen der Stühle, ließ sich darauf nieder, ehe sie kurz zum Kelch sah. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, Erinnerungen, die sie noch nicht wieder vollständig normal schlafen ließen und so wandte sie den Blick schnell wieder ab, sah zu der Jüngeren herüber, die tatsächlich das Wort ergriff. Vielleicht hatte Abby ja wirklich Redebedarf? Und hatte es vorher nicht so wirklich zeigen können? Möglich war das, dann war es ja umso besser, dass sie noch hereingekommen war. Sich leicht auf dem Stuhl nach vorne beugend, lauschte sie Abbys Worten, der Verbitterung, die teilweise mitzuschwingen schien. Wie vermutet ging es Abby mit all dem nicht gut. Es war ja auch kein Wunder. Ein stummes Nicken, Zustimmung, denn ja, auch wenn Brooke in der Zeit, in der sie die Kugel mitbewacht hatte, schon nicht mehr im Ministerium gearbeitet hatte, wusste sie genau, wovon die Hexe sprach. Und wenn dann noch andere Probleme hinzukamen – auch wenn Brooke nicht wusste, auf was sich das Gejammer aller anderen bezog – dann war das in der Kombination nervenzerreißend.
    Hast du denn mal mit Earnestine gesprochen? Sicher kann auch jemand anderes den Kelch bewachen.“ Ein aufmunterndes Lächeln, denn sie glaubte nicht, dass die Hexe, die eigentlich vorrangig die Organisation des Ordens übernahm, dafür kein Verständnis gehabt hätte. Zwar wirkte sie oft ein wenig unnahbar, doch generell hatte Brooke das Gefühl, dass sie für rationale und logische Erklärungen und Ideenvorschläge jederzeit offen war. „Wenn du magst, kannst du auch gerne direkt meinen Namen ins Gespräch bringen.“ Schließlich mussten sie sich doch gegenseitig unterstützen, sonst half das alles nichts. Aber daneben waren es noch die anderen Worte gewesen, die Brooke hatten aufhorchen lassen. Es schien so, als wäre Abby gerade an allen Ecken und Enden überfordert. „Und wenn du reden möchtest …“ Ein freundliches Lächeln, ein stummes Angebot. Sie war gerne hier, um zuzuhören, damit Abby rauslassen konnte, was ihr auf der Seele lag.

  • Da! Da war er, versteckt hinter einem selbstgefälligen Lächeln, hinter vorgetäuschtem Mitgefühl und leisen Worten: Der wahre Grund, warum Brooke Hutton hier an ihrer Seite saß. Warum sie zu so später Stunde noch in den Grimmauldplatz gekommen war und Abbys Ruhe störte. Ob sie schon mit Earnestine gesprochen hatte... „Das könnte dir so passen...“, presste Abby zwischen fest aufeinandergebissenen Zähnen hervor.

    Natürlich, jemand anders konnte den Kelch bewachen. Jemand anders, wie zum Beispiel sie selbst, Brooke Hutton. Nicht die junge, labile Hexe, die noch dazu im Ministerium arbeitete. Brooke, die Selbstlosigkeit in Person, bot sich postwendend selbst für die Aufgabe an. Was für ein Zufall, sie hatte wohl gerade Kapazitäten... Und sollte die arme, bemitleidenswerte Abby noch mehr Kummer auf der Seele haben, der sich gegen sie verwenden ließ, dann umso besser, Brooke hätte natürlich ein offenes Ohr für sie. „Earnestine hat mir diese Aufgabe zugeteilt, und ich werde sie erfüllen. Ich brauche keine Hilfe, schon gar nicht von dir. Hast du ein Problem damit, dass ich den Kelch bewache?“, Abby funkelte böse zu Brooke hinüber. „Willst du den Auftrag für dich haben? Bist du deswegen hier?“ Abby hatte weder bemerkt, dass ihre Stimme lauter geworden, noch, dass sie erneut aufgestanden war. Es war ein bisschen wie früher, zu Schulzeiten, als ihr hitziges Temperament allzu schnell mit der jungen Löwin durchgegangen war. Doch war Abby keine Schülerin mehr. Sie war eine erwachsene, beinahe fertig ausgebildete Aurorin - und eine ernstzunehmende Gegnerin. „Weil du mich für unfähig hältst? Für zu jung? Für nicht vertrauenswürdig? Ist es das? Sag schon!“ Oder wollte sie allen Ruhm für sich allein haben, Brooke Hutton, die heilige Brooke Hutton. Sie wollte diejenige sein, die dem Kelch sein Geheimnis entlockte, nachdem sie ihn gefunden, die Schergen Voldemorts getötet und dafür ein Auge geopfert hatte. Sie war siegreich aus der Begegnung in Grönland hervorgegangen, während Deverell und Abby nur mehr Georginas Leiche und den schwerverletzten Bertie aus dem Wald hatten tragen können. Jetzt hielt Brooke sich für die Überlegene.

    Dabei hatte sie schon beim Weihnachtsessen ständig alles besser gewusst. Sie hatte geglaubt, sie könne die Ideen aller anderen in Schach halten, könne bestimmen, was Ceene, Abby, Finlay, Deverell und die anderen zu tun und zu lassen hatten. Was außerhalb einer offiziellen Sitzung besprochen werden durfte und was nicht. Hatte sich zum großen Moralapostel aufgeschwungen, nur um kaum ein paar Monate später selbst einen Mord zu begehen. Wenn das keine Doppelzüngigkeit war...

    Abby ließ Brooke nicht aus den Augen. Sie war jemand, dem man nicht trauen konnte. Machte einen auf große Teamplayerin, während sie heimlich die Schwächen der anderen auslotete und an einem Plan feilte, wie sie sie ausstechen konnte.



    //I'm so sorry... :(//

  • Irritation stand Brooke ins Gesicht geschrieben, die Augenbrauen leicht zusammengekniffen, offene Fragen im Blick. Was könnte ihr so passen? Abbys Reaktion war nicht wirklich das, was Brooke erwartet hatte. Natürlich war es vollkommen okay, wenn sie das lieber mit sich selbst ausmachen würde. Und natürlich musste man niemandem seine Probleme erzählen, sie selbst war da ja auch nicht das beste Beispiel dafür, wie man es richtig machte. Doch es war ein freundlich gemeintes Angebot gewesen, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
    Doch es schien nicht nur das zu sein, was Abby störte, denn die nächsten Worte, die über die Lippen kamen, wurden immer lauter, ließen Brooke noch irritierter zurück, während sie beobachtete, wie sich die Hexe aufrichtete, sie anfunkelte und Fragen in den Raum stellte, die … Ja, die einfach nur absurd waren. Auch wenn Brooke und Abby nicht sonderlich viel persönlich miteinander zu tun hatten, so wirkte die Jüngere doch – im Vergleich zu einigen anderen in ihrem Alter – wie der sonst etwas besonnenere, ruhigere Part. Gewillt, Dinge in die Hand zu nehmen, aber auch vernünftig und bedacht. Nicht dass Brooke selbst durchweg das Beispiel für Bedachtheit war, auch wenn sie es versuchte. Doch die Reaktionen gerade – es passte nicht. Es schien seltsam und mit jedem Wort, das im Raum stand, fühlte sich Brooke unwohler. Sie spürte die innerliche Anspannung, spürte, wie sie ein Grollen unterdrücken musste. In den letzten Monaten war ihr innerer Wolf immer gereizter, angespannter, schien sie leichter an ihre Belastungsgrenze zu geraten, die sie zur Ruhe und Besonnenheit brachte. Doch hier, in diesem Moment, würde ein Aufbrausen ihrerseits nur zu Problemen führen – besonders weil sie gar nicht wusste, was da überhaupt los war. Was Abby dazu trieb, diese Worte zu sagen. Und am liebsten wäre sie selbst aufgestanden, mochte die Position nicht, doch so wie Abby reagierte, hätte sie das vielleicht noch wütender gemacht.
    Brooke atmete tief ein, versuchte ihren Herzschlag und das Kribbeln in ihren Fingern zu beruhigen, ehe sie kurz die Augen schloss und dann den Kopf schüttelte. „Ich halte dich weder für nicht vertrauenswürdig, zu jung oder unfähig. Ich würde jedem im Orden mein Leben anvertrauen.“ Und hatte es schon getan. Finlay war auch nicht älter als Abby und er hatte sie vor dem Tod bewahrt. Es kam nicht auf das Alter an, auch wenn Erfahrung natürlich half. Doch da sah Brooke sich selbst auch nicht als die passende Person. Ja, sie wünschte sich, dass die Jüngeren gar nicht erst in die Situation kommen mussten, im Orden zu sein. Aber das wünschte sie sich für alle.
    Für einen Moment fiel ihr Blick auf den Kelch und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Nein, sie hatte gewiss keine Ambitionen, den Kelch zu überwachen. Die Erinnerungen, die an ihm hingen, suchten sie noch immer ab und zu in den Nächten heim. „Ich wollte dir meine Hilfe anbieten, Abby. Weil ich weiß, wie es ist, in diesem Raum zu sitzen und zu warten. Das ist alles.“ Vielleicht würden die Worte die junge Hexe beruhigen. Was auch immer sie zu dieser Reaktion trieb, vielleicht war es der Schlafmangel, die Überforderung … Es war nicht hilfreich, wenn sie sich nun gegenseitig verbal zerfleischten.

  • Egal, was sie sagte, Brooke behielt die Fassung. Sie offenbarte ihre wahren Motive nicht. Abby kniff die Augen zusammen. Ja, klar. Sie würde ihr ihr Leben anvertrauen... Dass sie nicht lachte! Bestimmt erinnerte sie sich an Georginas Ende. Wäre die ehemalige Ravenclaw noch dazu im Stande, sie würde Brooke ganz ausführlich erklären, warum es keine besonders kluge Idee war, der Rothaarigen ihr Leben anzuvertrauen. „Mach dich nicht darüber lustig, klar?“ Abbys Zorn brodelte nicht nur, er kochte in ihrem Innersten empor. Sie spürte, wie er ihr den Schweiß aus allen Poren trieb. „Wir konnten nichts tun! Wir waren nicht mal dabei! Sie war schon tot, als wir dazugekommen sind.“ Ehe sie es sich versah, hielt Abby ihren Zauberstab in der Hand. Sie hatte nicht vor, ihn einzusetzen. Trotzdem tat es immer gut, seinen geschmeidigen Griff zwischen ihren Fingern zu spüren. Er gab ihr Sicherheit.

    „Wenn das wirklich alles wäre, Brooke, dann könntest du ja gehen. Ich brauche hier nämlich keine Hilfe, wie du siehst.“ Hilfe beim Bewachen eines leblosen Stück Metalls... Das konnte sie jemand anderem erzählen. Sie wollte den Kelch für sich haben. Vielleicht wollte sie ihn sogar von hier fort bringen, wollte ihn mit sich nehmen, ihn stehlen. Woher wusste Abby, dass es wirklich Brooke Hutton war, mit der sie es hier zu tun hatte? Die Todesser:innen könnten längst im Monkshood auf die einäugige Bedienstete aufmerksam geworden sein. Sie hatten sie aus dem Verkehr gezogen, hatten eines ihrer Haare in ein Gläschen Vielsafttrank geworfen, und waren Abby hierher gefolgt. Sie aber ging ihnen genauso auf den Leim, wie sie den Schüler:innen im verbotenen Wald auf den Leim gegangen war. Aber nicht mit ihr! So leicht würde sie es ihnen diesmal nicht machen. Diesmal nicht!

    „Du kannst mich nicht täuschen!“, Abby hob ihren Zauberstabarm und richtete die Spitze des Platanenstabs auf die Fremde aus, die noch immer auf dem Sessel saß. Sie sollte sich nicht in zu großer Sicherheit wägen. Egal, wie cool und gelassen sie sich gab, Abby hatte sie durchschaut. „Du bist nicht Brooke. Ich weiß es... Brooke war noch kein einziges Mal hier, um mir beim Bewachen des Kelchs zu helfen.“ Konnte sie allein mit dem Eindringling fertig werden? Der Grimmauldplatz war leer und verlassen. Abby war eine fähige Duellantin, zu Schulzeiten war sie jahrelang Mitglied in Smiths Duellierklub gewesen. Aber reichte das aus, um einen Handlanger Voldemorts zu besiegen? Sollte sie einen Patronus losschicken? „Wie lange folgst du mir schon?“ Bis ihr silberner Fuchs irgendjemanden finden würde, der ihr helfen könnte, wäre hier bereits alles vorüber.

    Abbys Mund war staubtrocken. Sie konnte ihr Herz hören, wie es Blut durch ihren Kopf pumpte. Was würde Jonas sagen, würden sie die Leiche seiner Schwester heute, an ihrem Geburtstag, vor seiner Tür ablegen? Würden sie ihre Familie überhaupt informieren? Wer würde sie finden? Abby schluckte. Nein. Sie hatte sich noch nicht wieder mit Olivia versöhnt. Georginas Tod blieb ungesühnt. Die Todesser:innen kannten Deverells Gesicht. Sie durfte nicht sterben. Noch nicht. Nicht heute. Sie würde kämpfen, wie eine Löwin, sie würde töten, wie die echte Brooke es in Grönland getan hatte. Diesmal, das schwor Abby sich, würde sie den Orden nicht enttäuschen.

  • Lustig machen? War Brooke zuvor schon irritiert gewesen, wurde dieses Gefühl nun noch stärker, schienen die Fragezeichen regelrecht in ihrem Blick zu stehen. Worüber sollte sie sich nicht lustig machen? Nichts an dieser Situation gerade schien auch nur ansatzweise amüsant, weshalb Brooke der Gedankensprung, den Abby vollzog, nicht nachvollziehen konnte. Sie konnte den schnelleren Herzschlag der anderen regelrecht hören, sah, wie diese sich aufregte, doch noch war da nicht der Rückschluss, nicht das Verstehen – und es dauerte einen Moment, bis die Worte tatsächlich zu Brooke durchdrangen. Bis sie verstand, was Abby meinte, auf wen sie anspielte. Doch Brookes Blick hing an dem Zauberstab in der Hand der Jüngeren, spürte das Unbehagen, das ihr in den Nacken kroch. Noch war es nur ein Lauern in ihrem Nacken, spürte sie die Gänsehaut, die ihr den Rücken herunterlief, während sich Brooke zwang, nicht von den Erinnerungen mitreißen zu lassen. Stattdessen stand nun auch sie langsam auf, die Hände abwehrend gehoben, deutlich machend, dass sie nicht in Richtung ihres Zauberstabs greifen würde. Das hier brachte sie beide nicht weiter – und wie man sehen konnte, schienen auch alle Worte, die sie sprach, fehl am Platz zu sein. Am besten, einfachsten war es, einfach zu gehen und später noch einmal nach Abby zu schauen. Oder jemand anderen, der ihr näherstand, nach ihr schauen zu lassen.
    Doch war Brooke bereit dazu, den Rücktritt anzugehen, erstarrte sie im nächsten Moment. Die Spitze des Zauberstabs war auf sie gerichtet, zielte auf sie. Mal wieder. Gedanken, Momente aus Grönland, schossen in Brookes Kopf, es war so als hörte sie die Stimme der Hexe, die ihr den Todesfluch auf den Hals hatte hetzen wollen, erneut. Sie spürte, wie sich ihr Magen umdrehte, wie sie innerlich unfähig war, sich zu bewegen – und gleichzeitig das Grollen in ihrer Brust anschwoll, ein leises Knurren ihre Lippen verließ. Langsam reichte es. Langsam hatte Brooke eindeutig keine Lust mehr, ständig von irgendwem mit dem Zauberstab bedroht zu werden. Nicht nur, dass es Todesser:innen waren, die sie bedroht hatten. Das war zu erwarten. Aber das innerhalb der letzten Wochen nun schon zwei Mal freundlich gesinnte Menschen ihren Stab auf sie richteten, sie bedrohten … „Es reicht jetzt langsam“, kam es ungewollt über Brookes Lippen. Sie hatte genug davon. Hatte kein Bestreben, sich ständig dieser Bedrohung ausgesetzt zu fühlen, schon gar nicht von Leuten, die man als Verbündete zählte. Dass hinzukam, dass Abbys Worte keinen Sinn ergaben, war da noch einmal eine ganz andere Sache.
    Ich weiß nicht, was dein Problem ist. Ob du zu wenig Schlaf hattest, ob du irgendwelche Tränke genommen hast, die dir den Verstand vernebeln.“ Ihre Worte waren zwingend ruhig, pressten sich durch die Lippen, während Brookes Herz selbst bereits schneller schlug, sie unwillkürlich die Hände zusammenballte. Das Trauma saß noch immer in ihren Knochen, so gerne sie es auch losgeworden wäre. „Das Haus ist durch einen Fidelius-Zauber geschützt, ich kann niemand anderes sein.“ Die Augenbraue zusammengezogen, huschte Brookes Auge immer wieder vom Zauberstab zu Abby und zurück. „Also nimm deinen Zauberstab runter, bevor wir beide etwas machen, das wir bereuen würden.“ Denn nein, hier konnte Brooke nicht einfach ruhig und entspannt sein. Konnte nicht Besonnenheit ausstrahlen, wenn jede Faser ihres Körpers danach verlangte, mit Abby dasselbe zu machen wie mit Landon.

  • Sie spielte nicht schlecht, diese falsche Brooke, das musste Abby ihr lassen. Sie versuchte sich sogar an einem Knurren. Also wussten sie auch, dass Brooke eine Werwölfin war. Und das, obwohl sie nicht im offiziellen Register eingetragen war... Chapeau!

    Abby freilich machte das Knurren keine Angst. Bellende Hunde, das wusste jedes Kind, beißen nicht. Schon gar nicht, wenn sie keine echten Hunde waren. Denn wer hier irgendwelche Tränke genommen hatte, lag auf der Hand. Sollte sie sich ruhig lustig machen. Abby würde die Scharlatanin überführen. Gewiss gab es irgendwelche Möglichkeiten, den Fidelius-Zauber zu überwinden, auch wenn der angehenden Aurorin keine bekannt waren. Sie würde ihren Zauberstab nicht sinken lassen, erst recht nicht, nachdem die falsche Brooke begann, ihr offen zu drohen. "Glaubst du etwa, du könntest mir Angst machen?" Wie bisher deutete sie nur an, was sie sagen wollte. Was sie wirklich meinte, blieb zwischen ihren geschickt gewählten Worten verborgen.

    Was wollte sie mit Abby machen? Etwa dasselbe, was sie mit den Todesser:innen in Grönland gemacht hatte? "Du irrst dich gewaltig!" Abby verengte die Augen, ihre Finger, die ihren Zauberstab hielten, kribbelten. Aber sie zwang sich, tief einzuatmen. Die Spitze des Platanenstabs bebte.

    Was sollte sie diese Hexe fragen? Sie kannte Brooke nicht besonders gut. Dass sie Lykanthropin war, wussten sie. Dass sie einmal während eines Quidditchspiels vom Besen gefallen war und sich verletzt hatte? Zu offensichtlich... Ganz Hogwarts hatte dieses Spiel gesehen. Abby verlagerte ihr Gewicht von einem Bein auf das andere. Die Stille, die zwischen ihnen schwebte, brachte die Luft zum Knistern. Dann, endlich, kam Abby eine Idee.

    Sie leckte nervös über ihre Lippen. „Was...“, sprach sie klar und deutlich, während sie den Blick keine Sekunde lang von ihrer Kontrahentin abwandte, „...haben wir zusammen in der Eingangshalle von Hogwarts gemacht, als ich in der zweiten Klasse war? Und wer war noch dabei?“ Vermutlich war es nicht schwer gewesen, aus Brooke herauszubekommen, dass Zehra zu Schulzeiten ihre beste Freundin gewesen war. Abbys zweite Frage erübrigte sich also. Dennoch, nach dem Streich, den sie mit den beiden Hufflepuffs ausgeheckt hatte, hatten sie bestimmt nicht gefragt. Niemand außer Zehra, Abby und der echten Brooke wusste, wer hinter der Schlitterpartie von damals gesteckt hatte.

  • Das Knurren kam noch immer, unbewusst, während Brookes Herz schneller schlug, sie sich dazu zwingen musste, ruhig zu bleiben. Zu deutlich waren noch immer die Erinnerungen, war noch immer der Gedanke an den Todesfluch, der nur durch Finlays Tat unterbrochen worden war. Wie knapp sie dem Tod entgangen war. Brooke glaubte zwar nicht, dass Abby auch nur ansatzweise zu diesem Zauber greifen würde – aber um fair zu sein: Sie hatte auch nicht geglaubt, dass Abby sie mit ihrem Zauberstab und ziemlich seltsamen Anschuldigungen konfrontieren würde. Es mochte also ein Irrglaube sein und Rationalität war in diesem Moment sowieso etwas, das Brooke schwerfiel. Was sie regelrecht Arbeit kostete, während sie überlegte, ob sie zu ihrer eigenen Sicherheit den Zauberstab ziehen sollte. Sie konnte das Zittern der anderen regelrecht physisch spüren – und das half wenig dabei. Die Narben in ihrem Gesicht schienen zu schmerzen, doch es war nur ein Phantomschmerz, während ihr gesundes Auge unablässig auf Abby hängen blieb. All das hier ergab keinen Sinn und am liebsten wäre Brooke einfach gegangen. Sie hatte keine Nerven dafür. Aber Abby in diesem Moment den Rücken zuzudrehen … Nein, das war keine passende Alternative.
    Im Moment scheinst du die einzige zu sein, die hier jemandem Angst einjagen will“, kam es beinahe schon mürrisch über die Lippen der Brünetten, ehe sie tief einatmete, den Kopf schüttelte – nur um im nächsten Moment die Stirn in Falten zu legen. Was sie in der Eingangshalle gemacht ha-? Oh. Ooooh. Es hatte nicht viele solcher Aktionen gegeben und am deutlichsten erinnerte sich Brooke noch an die Aktion mit Evan, Charlie, Luna und Co. Aber die Eingangshalle … Wäre die Situation nicht so ernst gewesen und der Orden nicht in gewissen Bereichen doch etwas … vernünftiger, wäre die Erinnerung daran fast eine Möglichkeit gewesen, die aktuelle Stimmung etwas aufzulockern. Der Gedanke, die Treppen des Grimmauldplatzes zu verwandeln, wäre sicherlich amüsant gewesen – doch dafür war hier kein Raum. „Wir haben die Eingangshalle in eine Eislaufbahn verwandelt. Du, ich, Zehra.“ Sie wartete einen Moment, während ihre Stimme ruhig und kühl war. Verständnis war hier nur noch begrenzt vorhanden. „Und Peeves.“ Immerhin hatte er seinen Anteil daran gehabt, dass sie von Mr. Filch nicht ertappt worden waren. Doch Brooke glaubte trotzdem nicht, dass Abby das zufriedenstellen würde. Nicht, so wie sie sich hier gab – und Brookes Zündschnur war zu kurz, schon die ganze Zeit gewesen, als dass sie hier nachgab. „Aber als nächstes wirfst du mir vor, das Wissen per Legilimentik aufgegriffen zu haben, nicht wahr?“ Erneut huschte ihr Blick zum Zauberstab, das Unbehagen war da. Wenn Abby auch nur mit dem Finger zucken würde, würde sie ihr den Stab aus der Hand schlagen. Zur Not würde sie das auch so machen, denn sie war es Leid. „Nimm den Stab runter. Das sage ich dir nicht, um dir Angst zu machen, sondern weil ich dir nicht wehtun will. Aber ich bin es Leid, dass Leute ihren Zauberstab auf mich richten. Und das gilt auch für dich.“ Eine letzte Warnung.

  • Es hätte ein Sieg sein müssen.
    Dass sie nach allem, was geschehen war, trotz der Rückschläge und Verluste letzten Endes genau das bekommen hatten, was ihre Feinde so verzweifelt gesucht hatten, hätte ein Sieg für sie alle sein müssen. Aber der Kelch, der nunmehr seit einiger Zeit im zweiten Stockwerk des Grimmauldplatz Nr. 12 aufbewahrt wurde, erschien Deverell nicht mehr wert als der Löffel, den er und Abby im Zuge ihrer eigenen Recherche geborgen hatten. Ein dummer Gegenstand, der all das Leid und die Leben, die er gefordert hatte, nicht aufwiegen konnte, unabhängig davon, welche verborgenen Kräfte nun in ihm schlummern mochten. Der einzige Trost, den er bieten konnte, war, dass sie den Plänen des Dunklen Lords mit dem Erringen dieses besseren Kaffeebechers einen Strich durch die Rechnung gemacht hatten. Aber selbst dieser wirkte vergleichsweise mickrig, bedachte man, dass sie nach wie vor keine Ahnung hatten, wie sie jetzt weitermachen sollten.
    Im Grunde traten sie noch immer auf der Stelle. Sie reagierten, statt zu agieren und jagten jedem noch so kleinen Hinweis, den ihre Gegner*innen hinterließen, wie aufgeweckte Spürhunde hinterher, ohne richtig zu wissen, was sie tun sollten, wenn sie ihr Ziel erreichten. Ohne ihr Ziel überhaupt zu kennen.
    Was Deverell jedoch am meisten frustrierte war, dass ihm selbst die Hände gebunden waren. Solange sie davon ausgehen mussten, dass ihre Feinde seinen Namen kannten, war er angehalten sich so zu verhalten, als habe er nicht das Geringste mit dem Widerstand zu tun. Er ging seiner Arbeit nach, verfasste seine monatlichen berichte für das Ministerium und spielte bei jeder Gelegenheit den Vorzeigewauwau, dem nicht das Geringste nachzuweisen war. Selbst seine Besuche im Ordensquartier minimierte er so gut es ging, damit man durch die Spur, die auf ihm lastete, keine Unregelmäßigkeiten in seinen Bewegungen ausmachen konnte. Es war als bewege er sich in einem Käfig. Als drehte er immer wieder dieselben Kreise, während die Welt hinter den Gitterstäben langsam, aber sicher zu brennen begann.


    An den wenigen Tagen, an denen er sich selbst einen Blick hinter die Stäbe zugestehen konnte, fühlte er sich, als müsse er auf Eierschalen gehen. Keine auffälligen Bewegungen, nur ein paar oberflächliche Besuche verschiedener Muggelorte, bis er glaubte, seine vielleicht vorhandenen Verfolger*innen würden das Interesse verlieren. Seine Arbeit, eine Einkaufsstraße, die Filiale einer ranzigen Fastfoodkette – Bis er schließlich ungesehen in einer Hintergasse verschwand und man seine Spur nicht weiter nachverfolgen konnte.

    Hätte er gewusst, welche Bedeutung der 26. April hatte, wäre er vielleicht mit mehr als nur ein paar durchgeweichten Fritten, zwei großen Vanillemilchshakes und einer Tüte voller Cheeseburger in der Hand an der Türschwelle aufgetaucht. Wäre ihm außerdem noch klar gewesen, in was für eine Situation er hineinstolpern würde, wären freie Hände vielleicht auch eine gute Option gewesen.
    Aber Deverell hatte weder daran gedacht, dass es sich bei diesem Tag um Abbys Geburtstag handelte (und den von Brooke kannte er ehrlicherweise nicht einmal), noch reichte seine schulische Qualifikation im Wahrsagen aus, um die Geschehnisse des Tages vorherzusehen. Und so waren es lediglich die aufgebrachten Stimmen und die Gerüche aus dem zweiten Stock, die ihn auf das vorbereiteten, was ihn dort oben erwartete.
    Der ehemalige Vertrauensschüler machte sich keine Mühe, seine schweren Schritte zu dämpfen, die auf der klapprigen Treppe um einiges lauter wirkten. Er verschwendete auch keine Zeit damit die angespannte Situation ausreichend zu analysieren. Kaum war er der Unruhe nach oben gefolgt und hatte einen kurzen Blick durch die geöffnete Tür geworfen, durch die es so aussah, als würden sich Abby und Brooke jeden Moment an die Kehlen springen, polterte er auch schon los: „Oi, wie wär’s, wenn ihr Beide mal ‚nen Schritt zurück macht? Sonst könnt' man noch denken, ihr wollt euch prügeln.“

  • Beinahe hätte Abby aufatmen und ihre Waffe sinken lassen können, als Brooke ihre Frage korrekt beantwortete. Einen Moment lang glaubte sie, es doch mit ihrer Mitstreiterin Brooke zu tun zu haben – oder wenigstens mit der Frau, die sie für ihre Mitstreiterin gehalten hatte. Doch gerade als Abby ihre Schultern minimal entspannte, begann Brooke erneut, ihr zu drohen. Sie hatte vor, ihr wehzutun. Sie hatte der echten Brooke die Antwort auf ihre Frage mit Legilimentik abgerungen.

    Abby atmete tief ein. Sie wappnete sich für das, was jeden Augenblick geschehen konnte. Sie glaubte, irgendeine Veränderung auf Brookes Gesicht zu sehen. Und dann hörte auch sie die schweren Schritte, die die Treppe empor kamen. Wer war das? Die junge Hexe schluckte schwer. Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder, zugegebenermaßen sehr unwahrscheinlich, hatte sich eines der Ordensmitglieder zu so später Stunde noch hierher verirrt und ihre Stimmen gehört. Dann wäre Abby gerettet. Oder aber es war Verstärkung für ihre Widersacherin. Dann würden sie sie überwältigen und den Kelch mit sich nehmen. Und sie hätte schon wieder versagt. Auch wenn sie eine noch so gute Duellantin sein mochte, mit zwei Gegner:innen würde sie es allein nicht aufnehmen können.

    Abby verlagerte unruhig ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen und wieder zurück, während sie versuchte, gleichzeitig Brooke und die Tür im Blick zu behalten. Aus jeder dieser Richtungen konnte jede Sekunde ein Angriff erfolgen.

    Es war allerdings kein greller Lichtblitz, der plötzlich durch die Tür auf sie zu geschossen kam. Im Gegenteil. Ein nur allzu vertrautes Gesicht – verdächtig vertraut – schälte sich ganz gemächlich aus der Dunkelheit. Schwer beladen mit irgendwelchen Tüten schob Deverell sich durch die Tür, nicht ohne die beiden Hexen ziemlich ruppig anzusprechen. „Das will sie auch“, informierte Abby den frisch Hinzugekommenen postwendend über die Lage. Als ob das nötig gewesen wäre. Er musste längst die tiefen, kehligen Knurrlaute vernommen haben, die Brooke noch immer von sich gab. Obgleich Abby Brooke sofort anschwärzte, war die Spitze ihres Zauberstabs kaum merklich in Richtung Boden gewandert, kaum dass Deverell die Stimme erhoben hatte. Der wachsame Blick der ehemaligen Löwin fixierte hauptsächlich Brooke, wanderte aber immer wieder zu Deverell hinüber. „Wie sind wir damals, als ich in der zweiten Klasse war, zu Halloween an dem Vampir vorbei gekommen, Deverell?“ Auch wenn sie froh und erleichtert über den Beistand sein wollte, auch wenn ein unwiderstehlicher Duft nach fettigem Essen aus den Tüten in Deverells Händen den gesamten kleinen Raum einzunehmen begann und ihr Magen sich knurrend wand, würde Abby den Platanenstab erst wegstecken können, wenn er ihre Frage beantwortet hatte. Immerhin bewachte sie hier den Kelch, den Voldemort um jeden Preis zurückhaben wollte. Sie konnte nicht vorsichtig genug sein.

  • Schritte, die nur unbewusst an ihr Ohr drangen, die da waren und die sie zumindest für einen kurzen Moment in Richtung der Tür blicken ließen, ehe sie den Blick wieder auf Abby richtete. Besser gesagt auf den Zauberstab. Die Albträume kamen immer noch, unregelmäßiger inzwischen, doch die Stimme, die den Avada Kedavra nicht zu Ende sprach, hallte regelmäßig durch ihren Kopf. Das Wissen, dem Tod nur so knapp entrungen zu sein, war etwas anderes als das Wissen, dass man sich in möglicherweise tödliche Situationen begab. Das war okay, dazu war Brooke noch immer bedingungslos bereit. Aber es ließ sich nicht leugnen, dass solche Momente ein Trauma hinterließen – und dieses äußerte sich in der Form, in der Abby vollkommen von allen guten Geistern verlassen vor ihr stand und den Zauberstab auf sie richtete. Konnte es vielleicht sein, dass …?
    Die Worte ließen sie zusammenzucken, auch wenn der Geruch sie vorgewarnt hatte, wer dort im Gang stand. Trotzdem war es eine Überraschung und Brooke hatte nicht vor, den Blick von Abby zu nehmen. Sie konnte nur mühsam das Knurren vollständig unterdrücken, während sie tief einatmete. Irgendetwas stimmte hier nicht, aber wenigstens – hoffentlich – war sie nicht mehr allein in dieser mehr als seltsamen Situation. Sie ersparte sich einen Kommentar dazu, wer hier den Zauberstab gezückt hatte, ehe sie tatsächlich mit den Augen rollte, als Abby nun auch Deverell nach irgendwelchen Momenten fragte, an die er sich erinnern sollte. „Abby hat die Paranoia, dass wir nicht wir sind, sondern ihr folgen“, erklärte sie, den Blick weiterhin nicht abgewandt von der ehemaligen Gryffindor, während sie sich selbst ermahnte, die angespannte Haltung langsam zurückzuschrauben. Es gelang ihr jedoch nicht wirklich. „Sie glaubt, ich bin nicht ich.“ Wie war das eigentlich bei einem Vielsafttrank? Nahm die Person, die ein Haar von ihr getrunken hatte, auch den Geruch des Werwolfs in ihr an? Oder gab es da noch ganz andere Probleme? Wenn Brooke sich richtig erinnerte, durfte man keine Tierhaare nehmen, aber wie verhielt sich das bei Werwölfen? Oder in der Vollmondnacht? Fragen, die hier keinen weiteren Platz hatten, aber derer sie vielleicht einmal nachgehen sollten, um solch einen Unfug möglicherweise langfristig aus dem Weg zu schaffen.
    Daraufhin hat sie ihren Zauberstab gezückt und mich damit bedroht.“ Zwar hatte es keine direkten Worte dazu gegeben, aber der auf sie ausgerichtete Zauberstab sagte wohl genug. Nur ergab all das keinen Sinn, es sei denn …. Brooke kniff die Augen ein Stück weit zusammen, während sie Abby betrachtete. Die Wahrscheinlichkeit war nicht groß, aber irgendeinen Grund musste dieses seltsame Verhalten doch haben. „Kann man mit einem Imperius eine Person dazu bewegen, einen geschützten Ort aufzusuchen, sofern die Person den Ort selbst nicht kennt?“ Eine weitere Frage, mit der sie sich beschäftigen mussten, aber dass Abby hier beim Kelch gewesen war und sich nun so fernab der Spur benahm … Vielleicht war das eine mögliche Erklärung, so unlogisch diese auch an sich klang.

  • Die angespannte Stimmung schien sich auch nach seinem Erscheinen nicht zu lösen. Stattdessen richteten sich zwei Augenpaare auf den Neuankömmling, wobei gerade Abbys Blicke misstrauischer nicht hätten sein können. Beinahe als erwartete sie, dass die beiden Werwölfe im Raum sich im nächsten Moment zusammenschließen und sich zähnefletschend auf sie stürzen würden.
    Deverell stutzte ein Bisschen, ob der für ihn unzusammenhängenden Frage, die ihm entgegengeschossen wurde, und runzelte die Stirn als Brookes Kommentar diese ein wenig ins rechte Licht rückte. Seine Mundwinkel zuckten etwas erheitert bei dem Gedanken, dass Abby wirklich davon ausging, ein Todesser könnte sich die Mühe gemacht haben, in seinen Körper zu schlüpfen und sogar einen Zwischenstopp in einem Fastfood Restaurant einzulegen, um ein paar fettige Burger und Fritten als Tarnung mitzubringen. Falls jemand sich derart viel Mühe gab, um ihn zu imitieren, hätte diese Person es beinahe verdient, damit durchzukommen.
    „Die Vampirin hat mich geküsst und uns dafür gehen lassen.“, antwortete der Waliser wahrheitsgemäß und nickte dann in Richtung von Brooke, „Und falls es dir hilft, ich bezweifle, dass man mit Vielsafttrank den Geruch eines Menschen ebenfalls reproduzieren kann. Um ehrlich zu sein bin ich mir auch nicht sicher, ob Todesser es wagen würden, einen Vielsafttrank zu sich zu nehmen, der die Haare eines Werwolfs beinhaltet.“
    Sein Blick glitt nun zu der zweiten Hexe hinüber, um ebenso nonchalant hinzuzufügen: „Soweit ich weiß, hockt Abby hier mindestens schon seit ein paar Stunden. Da sowohl sie als auch der Kelch noch da sind, setze ich mein Geld lieber nicht auf irgendwelche Flüche.“
    Das entsprach nur zur Hälfte der Wahrheit. Hätte Deverell wirklich Geld auf etwas setzen müssen, dann hätte er seinen Arsch verwettet, dass Abbys übermäßiges Misstrauen nicht allein auf Schlafmangel, Langeweile und Hunger zurückzuführen waren. Nur zu gut erinnerte er sich daran, wie es sich anfühlte, wenn man zu viel Zeit in der Gegenwart eines magischen Gegenstandes verbrachte, der in der Lage war, sich nach und nach in jeden wachen Gedanken, den man hegte, einzuschleichen. Und wann immer er den scheinbar harmlosen Kelch anblickte, den sie nun schon seit Tagen bewachten, fühlte er sich daran erinnert.
    Deverell lächelte schief, wie um die Erinnerung zu vertreiben, hob die mitgebrachten Tüten und schüttelte diese ein wenig, wobei der Inhalt leise raschelte: „Wieso lassen wir die Zauberstäbe nicht erst einmal stecken und essen einen Happen? Mit vollem Magen fallen uns sicher noch ein paar neue Verschwörungstheorien ein, die man einander an den Kopf werfen kann.“



  • Frühjahrsputz und andere Unbequemlichkeiten

    Em McShawI Datum folgt


    »....sag mir nochmal, warum ich hier bin.« Scipio Rosiers Stimme drang mit einer Tonlosigkeit aus dem Badezimmer im zweiten Stock, die all seine Lebensentscheidungen in Zweifel zu stellen schien. Im Badezimmer rumpelte es, dann ging eine Spülung. Wenig später schwang die Tür auf. Mit blasser Miene kam Scipio in den Flur, einen Putzlappen in der rechten, den Zauberstab in der linken Hand. Putz die Toilette, hatte Em ihm gesagt. Die Toilette putzen! Na, das hatte sie ja phantastisch eingefädelt. »Ich habe heute... Dinge gesehen«, entkam es Scipio schwach. Mit spitzen Fingern ließ er den Putzlappen auf den Boden fallen und lehnte sich an die Wand. Ihm war ganz schummerig. Die Toilette im zweiten Stock hatte einen üblen Ruf und jetzt wusste er auch, warum. Langsam rutschte er an der Wand hinunter in die Hocke. Mit dem Blick suchte er nach seiner besten Freundin, die er zuletzt zwischen dem Gerümpel im gegenüberliegenden Büro hatte verschwinden sehen. Die Tür zum Büro stand sperrangelweilt auf, aber Scipio machte keine Anstalten, hineinzugehen. »Warum zum Teufel kümmert sich keine Hauselfe darum? Ich sollte nicht hier sein. Ich bin Scipio Rosier. Ich habe das Trimagische Turnier gewonnen, ich kämpfe jeden Tag mit Monstern-« Streng genommen betreute er im Drachenreservat von Wales nur Walisische Grünlinge (also die Hufflepuffs unter den Drachen) und das aufregendste, das in der letzten Woche passiert war, war ein entflohenes Schaf, das einen Boxenstopp bei einer Gruppe Esel gemacht hatte, aber ganz so detailliert wollte Em es sicher ohnehin nicht wissen. »-und ich bin der beste Zauberer in diesem Haus.«

    Auf einem Portrait schräg über seinem Kopf brach eine Hexe in gehässiges Gelächter aus. »Der beste Zauberer, huhuu. Läuft wie ein Muggel mit einem Lappen herum, huu.« Ach, halt die... Mit finsterer Miene zog Scipio an der Leine, die neben seinem Kopf baumelte, und ein Wandvorhang fiel vor das Gemälde. Das Gackern brach ab.

    »Em, ich mein's ernst, ich hab mir da drin ganz sicher die Krätze eingefangen«, jammerte er in Richtung der offenen Tür. »Ich bin dafür, dass jetzt Schluss ist. Ich meine, wir sind hier schon seit...« Scipio warf einen Blick auf seine Uhr und verstummte. Zehn Minuten. Sie waren erst hier seit zehn Minuten?! Gott. Das war echt der siebte Kreis der Hölle.

    Stöhnend ließ er seinen Kopf gegen die Wand fallen. Als Em vorgeschlagen hatte, sich im Grimmauldplatz zu treffen, hatte er alles stehen und liegen gelassen, in dem irrtümlichen Glauben, dass es neue Entwicklungen gäbe. In Anbetracht dessen, dass er gerade dabei gewesen war, seinen persönlichen Rekord beim Bankdrücken zu brechen, war "alles stehen und liegen gelassen" ein echtes Opfer, das er erbracht hatte - nur um bei seiner Ankunft hier einen verfluchten Besen in die Hand gedrückt zu bekommen. Und zwar keinen Rennbesen, sondern einen, der aussah, als hätte schon Earnestines Großmutter damit ihren Wandschrank gefeudelt.

    Der ehemalige Gryffindor rieb sich seufzend über das raue Kinn und begann schließlich, den Zauberstab an seinem T-Shirt zu polieren. Dabei spöttelte er unentwegt vor sich hin. »Weißt du, wer gut im Putzen ist? Jaydan. Jaydan Branson. Der macht dir hier in 5 Minuten alles schick und stellt sogar noch Blumen aufs Fensterbrett.« Er lachte trocken. »Oder Flora. Die würde sich vor Begeisterung nen Bein ausreißen, wenn sie für uns putzen darf. Ich verpasse den beiden danach höchstselbst nen Gedächtniszauber, easy.« Sein Blick schweifte zurück zum Büro und jetzt hielt er in seiner Tirade doch für einen Moment inne. »McShaw? Bist du noch da?«

  • Mit dem Erklingen meines Namens im anderen Raum, gab der kleine Hocker unter meinem Füßen mit einem lauten Krachen nach. Ich griff nach der Kante des Regalbretts. Gerade hatte ich es noch von Staub befreit. Jetzt gab die Wandhalterung nach. Mein Arm traf die Kommode darunter. Mein Knie die dazugehörige Tür. Knapp entging mein Kopf demselben Schicksal; er traf dafür ein Stück tiefer auf einiges Gerümpel am Boden.
    Nach Klatschern, gebrochenen Armen und Folter sollte ein Sturz mir nichts mehr ausmachen. Trotzdem schossen mir Tränen in die Augen. »Cazzo!« Ich trat nach dem kaputten Hocker; in gleichen Teilen, um meinen Frust auszulassen und das Ding von meinem Bein abzubekommen. »Accidenti!« Scharf zog ich Luft zwischen den Zähnen ein. Ein paar Holzsplitter hatten sich entweder direkt beim einbrechen oder im Zuge des Sturzes in mein Bein gebohrt. Keine gravierende Verletzung. Es würde leicht geheilt sein — selbst ohne dafür Haden zu brauchen.
    Es war nur einfach typisch gerade. Alles musste schief gehen, was schief gehen konnte. Eigentlich fehlte nur noch, dass Mx. Bott sich entschied mich morgen zu feuern. Am besten direkt gefolgt von einem längeren Aufenthalt in Askaban. Irgendein hirnrissiger Grund dafür würde der Strafverfolgung sicherlich einfallen, auch ohne von meiner Beteiligung am Einbruch bei Borgin und Borges zu erfahren. Beim letzten Mal war es schließlich auch schon so gewesen. Betreffend des Einbruchs wäre es immerhin endlich mal ein richtiger Grund; etwas, bei dem ich nicht fürchten musste, dass man es auch einfach Colin jederzeit unterstellen könnte, nur weil er zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war — ein Metamorphmagus.
    Noch immer fluchend setzte ich mich auf. Als wäre diese Offenbarung nicht schon schlimm genug gewesen, war ich dann nur wenige Tage später in Faolan gelaufen. Gut, das hätte deutlich schlimmer verlaufen können. Aber es passte einfach so gut dazu, dass sich das Universum aktuell gegen mich verschworen zu haben schien. Dabei hatte ich heute extra versucht nicht daran zu denken. Lieber irgendetwas nützliches tun, mich irgendwie brauchbar machen. Auch wenn manche dieser Leute hier so etwas gar nicht verdient hatten. »Stronzi presuntuosi e stupidi, tutti...«, murmelte ich zu mir selbst. Scipio hatte zwar auch oftmals seine Fehler, aber zumindest was John anbetraf, war er das einzige „ältere“ Mitglied gewesen, was ein bisschen Verstand gezeigt hatte.

  • Statt einer Antwort ertönte aus dem Büro nur ein lautes Rumpeln, gefolgt von leisem, unverständlichem Gefluche. Scipio ging auf die offene Tür zu und lehnte sich mit verschränkten Armen in den Türrahmen. Er hatte ein bisschen italienisch gelernt, um Valerio eine Freude zu machen, aber die Wahrheit war, dass keines seiner Bücher dabei so nützlich gewesen war wie Em, die hilfreicher Weise immer dann in ihrer Muttersprache lospolterte, wenn Scipio ihr auf die Nerven ging – was ziemlich häufig vorkam. Vor allem in der Sparte „Beleidigungen und zorniges Herumgeschimpfe“ war er mittlerweile ein echter Kenner und deshalb hatte er keine Mühe, Em zu verstehen, deren Laune soeben anscheinend ihren Gefrierpunkt erreicht hatte. Wenn sie noch etwas weiter sank, würden der Kleinen sicher Eiszapfen an der Nase wachsen.

    »Stronzi presuntuosi e stupidi, tutti...«

    »Du meinst damit hoffentlich nicht mich«, machte Scipio sich mit spöttischer Stimme bemerkbar und betrachtete das Häufchen Elend auf dem Boden. Er hatte schon bemerkt, dass Em irgendwie seltsam drauf war, aber er hatte keinen blassen Schimmer, warum. Zuerst hatte er gedacht, sie hätte vielleicht herausgefunden, dass er ihre Eule heimlich mit Froot Loops gefüttert hatte, woraufhin sich das Tier verhalten hatte, als hätte Scipio ihm einen Liter Energy Drink den Schnabel hinuntergeschüttet. Aber das konnte nicht der Grund für ihre schlechte Laune sein – sonst hätte sie ihm schon längst den Marsch geblasen, anstatt hier in ihren nicht vorhandenen Bart zu brabbeln. »Ist das ein italienischer Hocker oder würde er uns auch verstehen, wenn wir ihn auf Chinesisch beschimpfen?«, witzelte er weiter, aber als er sah, dass Em sich anscheinend wirklich weh getan hatte, stieß er sich doch vom Türrahmen ab, stieg mit einem langen Schritt über den umgestürzten Hocker und setzte sich neben Em auf den Boden. »Komm, zeig mal her.« Sanfter (jedoch ohne sich von etwaigem Protest beeindrucken zu lassen) zog er ihr Bein zu sich und betrachtete die feinen Splitter unter der Haut. Er warf einen kurzen Blick in Ems Gesicht. Er war nicht sicher, ob ihre Augen wegen des Sturzes so feucht aussahen oder wegen etwas anderem. Eine Fliege war ihr jedenfalls sicher nicht ins Gesicht geflogen.
    Kommentarlos sah er wieder nach unten und zerrte schließlich den Zauberstab aus seiner Tasche, um das Splitter-Problem zu beheben. »Willst du mir erzählen, was dir das Regal Schlimmes getan hat?«, fragte er ruhig, während er den Zauberstab auf ihr Bein richtete.

  • Wenn es nur eine einzige Sache in der Welt gab, auf die man sich noch verlassen konnte, war es wohl, dass Scipio irgendeinen dummen Spruch, gepaart mit einem noch dümmeren Grinsen von der Latte gab. Nur kurz bedachte ich ihn mit einem Blick, um mich betreffend der Existenz von letzterem bestätigt zu sehen. »Nicht, wenn du mir keinen Grund für gibst.« Bisher hatte er dies heute — oder generell in den letzten Tagen — nicht. Zwischen uns beiden waren Konflikte jedoch schon immer schnell geschehen. Glücklicherweise waren sie, bis auf ein einziges Mal in unserer Schulzeit, genauso schnell auch wieder ungeschehen. Seine genauso dumme Frage über die Nationalität des verdammten Hockers bedachte ich nicht einmal mit einem Schnauben. Er wusste genauso gut wie ich, dass der Hocker uns so oder so nicht verstand. Auch wenn ich diesem nur zu gerne weiter meine Meinung gesagt hätte; gerade weil er es sowieso nicht hören oder verstehen oder darauf reagieren konnte, war er ein willkommenes Ziel für meinen Unmut. Insbesondere, während sich Splitter aus seinem Holz in mein Bein gruben. Es war einfacher meinen Frust daran auszulassen, als an den Personen, die diesen verursachten — zumal zumindest zwei davon auch gar nichts oder zumindest nur sehr wenig dafür konnten. Colin hatte sich schließlich nicht irgendeinen Trank injiziert, der ihn plötzlich zum Metamorphmagus gemacht hatte. Die Sache mit Faolan... war dann wieder etwas anderes — und beides was anderes als die dämliche Entscheidung des Ordens im Bezug auf John, der zugegeben selbst der Kern von einigem meines Unmuts in letzter Zeit war.
    »Lass. Ich kann das allein.« Wie immer hörte Scipio ungefähr so gut wie ein schwerhöriger Stein. Mein genervtes Ausatmen ging schnell in ein leises Zischen über, als er mein Bein berührte. Ich hatte den nahenden Schmerz mehr erwartet, als er dann tatsächlich eintraf. Wie, um mich für mein geringes Vertrauen in ihn zu bestrafen, entschied eine dicke Fliege, die zuvor noch faul um den staubigen Lampenschirm in der Ecke getrudelt war, mir vor dem Gesicht herum zu fliegen, kaum das Scipio seinen dunklen Blick von diesem gelöst hatte. Ich bedachte auch diese mit einem italienischen Fluch und versuchte sie wegzuwedeln; Scipio nahm dies als Anlass seine medizinisch sicherlich hochwertigen Untersuchungen fortzusetzen. »Es ist hässlich und störrisch und wahrscheinlich genauso dumm wie die Leute, die ihren Hintern hier seit Jahren platt sitzen und sich deswegen jetzt für hoch und heilig halten.« Ein kleiner Zusammenprall an meiner Hand kennzeichnete mein Treffen der Fliege. Sie verschwand abrupt wohin-auch-immer. »Sonst noch Fragen?«

  • »Es ist hässlich und störrisch und wahrscheinlich genauso dumm wie die Leute, die ihren Hintern hier seit Jahren platt sitzen und sich deswegen jetzt für hoch und heilig halten.«
    Pfft. Scipio unterdrückte ein Lachen und dirigierte stattdessen zwei feine Splitter aus dem Bein seiner extrem undankbaren Putzgenossin. »Sonst noch Fragen?«

    »Nein, Ma'am.«
    Er zog den dritten Splitter aus ihrer Haut. Er kannte Em gut genug, um zu wissen, dass man ihr bei schlechter Laune besser nicht in die Quere kam. Zumindest, wenn man nicht wollte, dass es einem wie der Eintagsfliege erging, die, benebelt von dem Schlag, gerade in einem offenen Schuhkarton verschwand. Scipio sah ihr flüchtig hinterher -Splitter vier landete auf dem Boden- und ließ seinen Blick dann zurück zu Em schweifen. Wenigstens hatte er jetzt eine Ahnung, warum sie so aufgebracht war. Wenn er raten müsste, lag es wohl an den jüngsten Offenbarungen um ihren Lieblingsprofessor und den Reaktionen der übrigen Ordensmitglieder. Wobei er nicht abschätzen konnte, was davon sie tatsächlich mehr störte.
    Er legte die Spitze des Ebenholzstabes auf das gerötete Bein und wirkte einen schnellen Kühlzauber, während er überlegte, was er jetzt am besten sagen oder auch nicht sagen sollte. Zugegeben, zu erfahren, was es mit John Smith auf sich hatte, war auch für ihn ein Schock gewesen. Ein gewaltiger Schock sogar. Er hatte Smith immer für etwas einfach gehalten, für den Inbegriff des zerstreuten Professoren-Klischees. Aber er hatte ihn auch gemocht. Smith war nie zu streng gewesen und sein Unterricht war mit Abstand am interessantesten (Will war da zwar anderer Meinung; wenn Scipio sich recht erinnerte, schwankten die Adjektive, die er benutzte, um Smiths Lehrmethoden zu beschreiben, zwischen "verantwortungslos" und "gemeingefährlich", aber so sah man das vermutlich nur, wenn man im sechsten Jahr immer noch keinen richtigen Entwaffnungszauber hinbekam). Außerdem feierte er Quidditch und hob sich auch dadurch von den übrigen Lehrern ab, dass er mehr Spaß verstand als die meisten von ihnen. Hätte er gewollt, da war Scipio sich relativ sicher, hätte er sicher schon genug Vorwände gehabt, um ihn von der Schule zu schmeißen, ehe er auch nur in die Nähe der UTZ-Prüfungen gekommen war.
    Was er ihm aber nie zugetraut hätte, war das.
    Scipio stieß die Luft aus und ließ seinen Zauberstab sinken. »Hier, fertig. Wieder wie neu.« Gönnerhaft tätschelte er Ems Bein, als wollte er ihr einen neuen Rennbesen anpreisen, und stemmte seine Hände dann in die Dielen, um sich ein wenig zurückzulehnen. Für eine Weile ließ er seinen prüfenden Blick auf ihrem Gesicht ruhen. Dann gab er sich einen Ruck. Wenn er die Wahl hatte, entweder Ems Mordlust zum Opfer zu fallen oder seine Hand wieder in irgendeine Toilette zu stecken, waren seine Prioritäten eindeutig. »Ist es wegen Smith? Du kannst mit mir reden, Em. Ich sag Earnestine auch nicht, dass du behauptet hast, sie hätte nen flachen Arsch.«

  • »Nein, Sir«, korrigierte ich ihn grollend. Mein Armband hatte ich zwar zugunsten des Putzens weggelassen, doch gerade stand mir wirklich nicht der Sinn danach nur aufgrund deswegen Nachsicht walten zu lassen. Die Welt hatte sich schließlich aktuell — in den ganzen letzten Monaten! — schon genug gegen mich verschworen.
    Schweigend sah ich ihm dabei zu, wie er nach und nach die Splitter aus meinem Bein zog. Nach dem vierten und letzten ließ ich die Schultern nach unten sacken. Von allen Leuten, die sich gerade möglicherweise im Gebäude befanden, trug er noch mit am wenigsten Schuld; zusammen mit den beiden, die im Mittelpunkt des Ereignisses in der Winkelgasse gestanden hatten. Von ihnen war allerdings gerade keine hier. Ich hätte sie auch überhaupt gar nicht erst danach gefragt. Innerhalb des Ordens war Scipio der Mensch, dem ich am meisten vertraute. Es würde mich nicht daran hindern mit irgendeinem von den Anderen irgendwelche Sachen zu erledigen, aber zumindest in diesem Augenblick wollte ich am ehesten ihn wissen. Auch wenn er ein Talent dafür hatte mich zur Weißglut zu treiben.
    Von der Spitze seines Stabs breitete sich eine angenehme Kühle auf meiner Haut aus. Ich wollte es ihm meist nicht zugestehen — er machte es einem gelegentlich wirklich schwer —, aber er konnte durchaus sehr fürsorglich sein. Manchmal. Wenn die Laune ihn traf und er nicht das Gefühl hatte sich groß aufspielen zu müssen, als wäre er der einzig wahre Mann auf Erden, der aktuell existierte.
    »Ja... Nein... » Ich verzog das Gesicht; stöhnte einmal genervt auf. »Auch.« Ich ließ mich ein wenig zur Seite kippen, um mich mit Schulter und Kopf an der Kommode anzulehnen. »Colin ist ein Metamorphmagus. Wir habens vor ein paar Tagen herausgefunden.« Er war davon natürlich begeistert gewesen. Scipio, so wie ich ihn kannte, würde es ebenso sein; das war er früher wie heute bei mir schließlich auch. Sicher, in der Theorie brachte diese Fähigkeit in manchen Situationen einen Vorteil — nun, wo ich dies gebrauchen könnte, war ich allerdings nicht mehr in der Lage dazu und Colin war sowieso noch einmal eine ganz andere Lage. Die Nachteile, all die Probleme, vor allem in der aktuellen politischen Situation im Vergleich zu damals, als ich in seinem Alter war, waren so viel gravierender. »Dann noch John oder... oder Barty« — es fühlte sich falsch im Mund an diesen Namen im Bezug auf ihn auszusprechen, aber es war ja doch irgendwo der Fall — »Und das Feuer im Dezember und Faolan und meine Eltern und Fiona und— ugh.« Frustiert vergrub ich mein Gesicht in meinen Händen. Auch wenn es immer mal wieder so schien, als hätte sich alles wieder gefangen, als wäre alles dabei sich halbwegs zu stabilisieren, aber in Wirklichkeit brodelte so viel vor sich hin und wartete nur darauf alles auf einmal zu explodieren wie eine Furunkel.

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