Zweiter Stock - Ein altes Büro

  • Samstag, der 30. Januar
    @Levin Mercer & Georgina White


    Es war noch immer ein merkwürdiges Gefühl, in das alte, düstere Haus einzutreten, die gleichen Flure entlangzulaufen, die schon so viele Jahre zuvor andere Hexen und Zauberer mit der gleichen Mission gegangen waren. Der Grimmauldplatz Nr. 12 mochte auf den ersten Blick vermodert und kalt wirken, ein Haus, aus dem alle Hoffnung geflohen war, aber es überraschte Gia immer wieder, wie wenig das für sie der Fall war. Jedes Zimmer, mochte es noch zu unansehnlich sein, war für sie ein Rückzugsort geworden, ein Platz, in dem sie nicht jedes ihrer Worte und jeden Gedanken hüten musste. Hier hatte das größte Geheimnis, das sie jemals für sie hatte behalten müssen, seinen Ursprung, sie konnte darüber sprechen, ohne dass sie Angst haben musste, belauscht zu werden. Noch dazu war es gerade die Unscheinbarkeit des Hauses, das auf sie den Anschein eines Schutzschildes hatte, zusätzlich zu den unzähligen Schutzzaubern, die zusätzlich darauf gelegt wurden – niemand würde wohl im Grimmauldplatz Nr. 12 eine geheime Organisation vermuten.
    Und auch wenn Gia beim Betreten des Hauses stets vorsichtig sein musste, nicht gesehen werden durfte, war der erste Schritt hinein mit einer großen Erleichterung verbunden, die eine innere Anspannung von der jungen Heilerin löste, wann auch immer sie her kam – was einige Male gewesen war, seitdem sie von dem Versteck des Ordens erfahren hatte. So war es auch heute gewesen, als sie sich an ihrem freien Tag vorgenommen hatte, die von Geraldine Lovett bereitgestellten Informationen erneut anzusehen. Gia hatte selbst mittlerweile eine kleine Rolle in dem Fall gespielt, mit dem die Aurorin sich sehr ausführlich zu beschäftigen schien, denn sie hatte die Untersuchung des Leichnams unternommen. Eine Aufgabe, die eigentlich Eliana Trevelyan zugekommen wäre, wenn diese nicht aufgrund ihrer vorangeschrittenen Schwangerschaft von dieser Art von Arbeit ausgeschlossen gewesen wäre. Schon damals hatte Gia davon gewusst, dass Geraldine Lovett anscheinend dem Orden geholfen hatte, was das Gespräch mit der Aurorin noch interessanter gestaltet hatte – doch sie hatte damals nicht viel darüber herausgefunden, warum der Fall von Mr. Baker interessant für den Orden sein konnte. Erst später hatte sie in Teilen davon erfahren, was in den Akten stand, die ihnen zur Verfügung gestellt worden waren und sie hatte sich schon eine längere Zeit vorgenommen gehabt, einmal einen genaueren Blick hinein zu werfen. Sich dessen bewusst, dass es wohl mehrere Stunden in Anspruch nehmen würde, die gesamte Akte zu studieren und deren Bedeutung zu begreifen, hatte sie es einige Woche lang hinausgezögert, bis zu einem Tag, an dem sie weder arbeiten musste noch andere Verpflichtungen hatte.
    In den vergangenen Wochen war die junge Heilerin nicht die einzige gewesen, die sich näher mit dem Inhalt der Akte auseinandergesetzt hatte und auch wenn sie nicht glaubte, mehr daraus lesen zu können, als die anderen es bereits getan hatten, so wollte sie doch auf dem gleichen Stand sein wie alle anderen. Seitdem sie Teil des Ordens geworden war, hatte die volle Aufmerksamkeit darauf gelegen, Elias in Sicherheit und gesund zu wissen, aber sie zweifelte nicht daran, dass der Tag kommen würde, an dem sie anderweitig gebraucht werden würde. Und bis dahin war es wichtig, dass sie die Machenschaften der Todesser studierte, zumindest die, von denen sie wussten – und Baker war eines ihrer Opfer gewesen.
    Es war merkwürdig für die ehemalige Ravenclaw, allein in diesem großen Haus zu sein, das trotz der Leere ein ganzes Konzert an Geräuschen von sich gab, knarzendes Holz, das entfernte Tropfen eines Wasserhahns, leise trappelnde Mäusefüße auf dem Dachboden – nur ein Geist hätte noch gefehlt, um das Ambiente perfekt zu machen. Während sie die Treppe hinaufstieg und die dumpfen Schritte ihrer Winterstiefel vom Teppich verschluckt wurden, dachte sie darüber nach, dass sie noch nie vollkommen allein hier gewesen war, immer war sie mit jemandem gekommen, Levin oder Brooke oder Bertie. Das Haus hatte weniger düster gewirkt mit ihnen, aber sie wusste auch, dass jetzt nicht der richtige Moment war, um darüber nachzudenken, fühlte sie sich doch nur unsicherer in dem großen Gebäude, wenn sie darüber sinnierte, wie es war, mit ihren Freunden hier zu sein. Ein wenig energischer nahm sie die letzten Treppenstufen, die sie von dem Flur trennten, in den sie gewollt hatte – der zweite Stock, der nicht viel anders aussah als der erste oder der dritte. Bei Gias Orientierungsschwierigkeiten war es für sie auch nicht unbedingt leicht gewesen am Anfang, sich im Grimmauldplatz Nr. 12 zurechtzufinden, doch das Zimmer, in das sie nun wollte, kannte sie neben dem Erdgeschoss am besten, weshalb es ihr nicht schwer fand, auf Anhieb die richtige Tür zu finden.
    Als sie sie aufstieß und im warm erleuchteten Zimmer eine andere Person sitzen sah, blinzelte sie einen Moment lang verwirrt, bevor sie erkannte, wer es war. Noch immer überrascht trat sie ein, doch ihr Gesichtsausdruck war weniger verunsichert und stattdessen freundlich geworden.
    „Levin! Entschuldige, ich wollte dich nicht stören. Eigentlich wollte ich mir die Akten ansehen, aber – ich kann auch später wiederkommen“, begrüßte sie ihren Freund und Kollegen, blieb unentschlossen im Türrahmen stehen und wartete darauf, ob er sie wieder wegschicken würde oder ob sie bleiben konnte.

  • All diese Dinge gingen Levin einfach nicht aus dem Kopf – Elias‘ Entführung und ihre Rettungsaktion verfolgte ihn nachts in seinen Träumen und tagsüber quälten ihn Fragen zu der Akte, die Geraldine Lovett ihm hatte zukommen lassen, zu dem Brief, den sie ihm geschrieben hatte, zu der Rolle seiner Mutter in all diesen Dingen, ihren Verbindungen zu Menschen, die Schlimmes getan hatten und wohl noch Schlimmeres tun würden, sobald es für sie lohnenswert erschien. Das alles konnte einem echte Kopfschmerzen bereiten und eine Wut im Bauch auslösen, die Levin von sich kaum kannte. Er war ein ruhiger Mensch, selten wirklich aufgeregt und aufbrausend schon gar nicht. Schon immer war er nur mit wenig Temperament gesegnet gewesen, war weder Ellbogen- noch Mittelpunkt-Mensch, sondern einer, der sich zurückhielt, Ruhe bewahrte, besonnen reagierte und nachdachte, bevor er sprach. Es hatte ihm an der ein oder anderen Stelle sicher auch schon den Ruf eines streberhaften Langweilers eingebracht, doch daraus hatte sich der ehemalige Ravenclaw nie viel gemacht – Vorurteile anderer hatten ihn bisher nicht aus der Ruhe gebracht und würden es wohl auch in Zukunft nicht tun. Die Ereignisse der letzten Monate jedoch brachten ihn durcheinander. Sie sorgten dafür, dass er grundlegende Aspekte seines Denkens, seines Weltbildes in Frage stellen musste, dass er zynischer wurde, wütender, ratloser. Nichts von dem, was sie bisher unternahmen, schien Früchte zu tragen, selbst wenn sie den ein oder anderen Schritt weitergekommen waren, sich immer mal wieder gegenseitig motivierten, dass sich irgendwann ein Angriffspunkt ergeben würde. Die Wahrheit war jedoch – und das musste ihnen wohl allen irgendwann klar werden – dass es so einfach nicht war. Dass sie es mit Mächten dieser Gesellschaft zu tun hatten, die kaum so dumm waren, ihre Identität leichtfertig zu enthüllen, sondern dies erst in Erwägung zogen, wenn ihre Position ausreichend gesichert war. Wenn sie sich der Tatsache sicher sein konnten, die Macht im Land in der Hand zu halten – und Levin und die anderen waren alle überzeugt davon, dass es ihnen mit Dippet gelungen war, diesem Punkt deutlich näher zu kommen. Wie lange sie noch warten sollte, bis die Welt, wie sie sie mittlerweile wieder kannten, implodierte? Es war wahrlich nur eine Frage der Zeit und es gab nichts, was sie dagegen tun konnten. Keinen Kampf, den sie kämpfen konnten, solange der Gegner im Schatten weilte. Und so war es kein Wunder, dass Levin sich frustriert gegen die Lehne des alten, knarzenden Stuhls fallen ließ, der in einem der Büros im Grimmauldplatz stand, in dem Levin sich für heute eingerichtet hatte. Er wollte den Koffer von Geraldine, den er mit Jonas geöffnet hatte, noch einmal durchgehen, überlegen, was sie damit anstellen konnten – so als hätte er das nicht schon hundertmal getan. Und bei jedem Mal fürchtete er sich davor, Verbindungen zu jener Frau zu finden, die eine größere Rolle in seinem Leben spielte, als er bis vor ein paar Monaten gedacht hätte. Dass er der Sohn von Agatha Adler war, einer Frau, die regen Kontakt in jene Gesellschaftskreise pflegte, die Levin immer fremder wurden, die die Frau eines Todessers gewesen war, unter dessen Grausamkeit sie gelitten und der sie von ihrem Sohn getrennt hatte. Seine Mutter war eine Fremde für ihn und ihre Rolle für ihn schleierhaft. Ihre Erklärung für ihren Auftritt mit Aldwyn Godwins hallte in ihm noch immer nach – und er wollte wütender auf sie sein, konnte es ja aber doch nicht. Ihre Offenbarung, dass sie in Askaban gesessen hatte, hatte ihn schockiert und ihn noch konstanter an die Frau denken lassen, die ihr Dasein dort ebenfalls verbrachte – Mirjam. Warum waren seine Verbindungen zu diesem Ort so viel näher, als er es jemals gedacht hätte? Doch bevor er sich in diesem Gedanken verlieren konnte, hörte er die Tür aufgehen und er sah auf – Georgina erschien im Türrahmen, schaute für einen Moment ein wenig verwirrt, ehe sie ihn ansprach. Levin schüttelte den Kopf daraufhin und wies mit einer Hand auf einen der anderen freien Stühle. „Nein, nein, du störst nicht“, sagte er freundlich und lächelte Georgina müde an. Sie musste das Chaos an Unterlagen auf dem Schreibtisch sehen und an seiner Stimme hören, dass es doch nichts genutzt hatte. „Ich versuche nur, hier irgendwie einen Ansatzpunkt zu finden, mit dem wir weiterarbeiten können“, sagte er seufzend und lehnte sich noch ein Stück weiter zurück. „Aber vielleicht hast du mehr Glück?“, setzte er dann hinzu und sah zu ihr. Immerhin war sie offenbar hergekommen, um sich die Dinge nochmal genauer anzuschauen – und ein Austausch darüber konnte doch sicher nicht schaden?

  • Gia war in der Tür stehen geblieben, sah auf Levin und den Berg an Unterlagen, die wirr um ihn herum verteilt auf dem Schreibtisch lagen. Alles deutete darauf hin, dass er schon ein wenig länger hier sein musste, nicht nur das Chaos, auch die Müdigkeit in seinem Blick und die abgeschlagene Stimme, die er schließlich erhob und ihr erlaubte zu bleiben. Der Ausdruck auf dem Gesicht der jungen Heilerin wurde sanfter, ein wenig sorgenvoll, denn sie empfand es nie als ein gutes Zeichen, wenn Menschen, die ihr etwas bedeuteten, so erschöpft aussahen, wie Levin es nun tat. Ganz offensichtlich hatte er einen ähnlichen Gedanken wie sie gehabt – nur einige Stunden früher. Auch ihn hatten die Akten und Unterlagen, die Geraldine ihnen zugespielt hatte, nicht losgelassen und ebenso wie sie war er der Sache auf den Grund gehen wollen. Was ließ sich daraus ziehen, welche Informationen ließen sich anhand kleiner Details ableiten, die in einem Randvermerk auf einem der Vielzahl an Papieren gemacht wurde? Möglicherweise würde etwas davon ihnen weiterhelfen, vielleicht auch nicht. Aber der Gedanke daran, dass sie die Möglichkeit haben könnten, so viel wie möglich über die Todesser herauszufinden, hatte anscheinend nicht nur bei ihr zu dem Beschluss geführt, alles bis aufs kleinste Detail zu überprüfen – nur das Seufzen und die wenig vielversprechenden Worte ihres Freundes ließen Gia daran zweifeln, dass es wirklich viel aus den Akten zu lesen gab, was nicht bereits ein anderer herausgefunden hatte.
    „Vielleicht. Manchmal sehen vier Augen mehr als zwei. Wobei wir ja praktisch alle schon einmal einen Blick darauf geworfen haben“, versuchte sie aber dennoch mit ein bisschen Optimismus die Stimmung im Raum aufzuheitern, während sie sich ihre Jacke auszog und diese zusammen mit ihrer Tasche über die Lehne eines Stuhls legte, welchen sie dann näher an das Chaos des Schreibtischs heranzog. Doch ihr Blick fand noch nicht auf die zahlreichen Blätter vor ihr, stattdessen sah sie mit den braunen Augen auf Levin, aufmerksam und besorgt.
    „Du siehst müde aus. Geht‘s dir gut?“, kam es sehr direkt über ihre Lippen, eine Eigenschaft, die sie für gewöhnlich nicht für sich beanspruchte, befürchtete sie doch immer, dass sie etwas falsches sagen oder sie falsch verstanden werden würde. Nur bei ihren engsten Freunden, zu denen sie Levin mittlerweile durch etliche Jahre der gemeinsamen Arbeit im St. Mungos und dem gemeinsamen Geheimnis, das sie nun seit einigen Wochen teilten, zählte, und bei ihrer Arbeit versuchte sie ihr typisches Um den heißen Brei herumreden einzuschränken. Levin würde wissen, dass sie es nur gut meinte, selbst wenn er womöglich nicht darüber sprechen wollte.
    „Falls du dir über die Akten Sorgen machst – wir werden schon etwas nützliches finden. Möglicherweise könnte noch ein Treffen mit Geraldine auch Licht ins Dunkel bringen. Wenn es denn nicht zu riskant für sie oder uns ist“, versuchte sie direkt, ihm nicht nur einen kurzen Ausweg aus ihrer ersten Frage zu finden – wenn er einfach zustimmte, würde sie nicht weiter nachfragen – und gleichzeitig auch eine positivere Note anzustimmen, falls es denn wirklich die Undurchdringbarkeit der Unterlagen war, die ihm Sorgen bereitete.


    In doppelter Hinsicht sorry für die Kürze und die lange Wartezeit x)

  • Ja, manchmal sahen vier Augen wirklich mehr als zwei – meistens sogar, zumindest hatte Levin die Erfahrung gemacht. Er war noch nie ein Einzelkämpfer gewesen, hatte stets versucht, in einer Gruppe zu agieren, mit anderen zu arbeiten, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Und dieses bestand in seinen Augen nie aus Ruhm oder Ehre, sondern meist daraus, die Dinge nicht noch schlimmer werden zu lassen, als sie ohnehin schon waren. Und die Zeit hatte ihm meist auch recht gegeben – seien es sportliche Erfolge mit seinem damaligen Quidditchteam, besonders aber auch sein Engagement bei den Evil Huntern, die Aktionen im Monkshood und nun die Arbeit im Orden. Auch bei seinem Job legte Levin viel Wert auf die Meinung seiner Kolleg*innen und holte sich Hilfe, wenn es nötig war. Und oh, es war manchmal nötig, da sollte sich niemand etwas vormachen. Seine Ausbildung war zwar schon ein paar Jahre abgeschlossen, doch er war letztlich immer noch ein junger Heiler und hatte die Weisheit sicher nicht mit Löffeln gefressen. Und auch das Gespräch mit Jonas hatte gezeigt, dass es im Orden sinnvoll war, zusammenzuarbeiten und sich die Dinge gemeinsam anzuschauen. Ohne den Waliser hätte Levin die Dinge sicher nicht so verstehen können, hätte nicht die Fragen stellen und Antworten mutmaßen können, wie sie es gemeinsam getan hatten. So waren wenigstens Vermutungen entstanden – doch wie sie mit diesen weiterarbeiten sollten, das blieb weiterhin einigermaßen offen. Es war schwierig, die losen Fäden überhaupt in die Hand zu nehmen – sie zu einem Seil zusammenzufügen, das sie irgendwo hinführte, war bisher ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Ein Grund mehr, warum er nun wieder hier saß und die Unterlagen anstarrte - und ebenso ein Grund mehr, warum er froh war, dass Gia nun hier war.
    Die junge Hexe zog ihre Jacke aus, stellte die Tasche ab und trat näher. Bevor sie sich allerdings den Unterlagen zuwandte, sah sie ihn an und er wusste, dass man ihm die Erschöpfung ansah. Erschöpfung, die nun schon seit Wochen, nein, Monaten anhielt und die sich einfach nicht vertreiben ließ, weil sie sich immer nur verschlimmerte. Die Sache mit seiner Mutter hatte das alles nicht unbedingt besser gemacht und so war es wohl ganz gut, dass er noch nicht wusste, dass seine Halbschwester in ein paar Tagen weinend in seinem Zimmer zusammenbrechen würde, weil sie die Entwicklung ihrer Mutter noch so viel kritischer sah als er – und dass sie ihn in die Bredouille bringen würde, einen Wunsch seiner Mutter klar zu ignorieren. Dass er also müde aussah, müde war, konnte und würde er nicht leugnen – und gleichzeitig verspürte er den kurzen Impuls, Gia mehr zu sagen. Es einfach loszuwerden, was ihn bedrückte. Doch dafür waren sie nicht hier, oder? „Ja“, sagte er erstmal und wusste selbst nicht genau, ob er damit ihren Eindruck bestätigte oder ob er auf ihre Frage antwortete. „Ist stressig im Moment.“ Doch die Antwort war sicherlich unbefriedigend, denn er ließ offen, was genau ihn denn so sehr stresste. „Wie geht’s dir?“, fragte er, gar nicht so sehr, um sie von ihren Fragen abzulenken, sondern aus höflichem Reflex.
    Als sie die Akten erwähnte und die Mutmaßung aufstellte, er machte sich Sorgen wegen der Akten, schüttelte Levin den Kopf, nur um gleich danach zu nicken und dann wieder den Kopf zu schütteln, sodass am Ende wohl eine Mischung aus beidem entstand. Schnell hörte er auf damit. Er wusste ja selbst nicht genau, was klug war – ob sie sich noch einmal an Geraldine wenden sollte. Er hatte immer noch nicht genauer bei der Hexe nachgefragt, warum sie glaubte, dass seine Mutter etwas damit zu tun hatte. Es war ja auch bisher so gut wie niemandem bekannt, welche Verbindung er zu der Hexe hatte. Was vielleicht auch gut war, angesichts der Dinge, die Geraldine ihm geschrieben hatte. Doch wenn sie nun erneut zu ihr gingen, was wie eine sinnvolle Idee erschien, und Geraldine darauf zu sprechen kam, würde zumindest Gia merken, dass irgendetwas nicht stimmte. Dass er komisch war. Denn ein guter Schauspieler war er noch nie gewesen. „Ich glaube auch, dass wir das nochmal tun sollten“, sagte er leise und seufzte. „Es… es gibt da nur was, was ich dir sagen muss. Hat Geraldine dir gegenüber jemals… jemals Agatha Adler erwähnt?“ Er würde sich vorsichtig vortasten, erst einmal wissen wollen, was Gia wusste, bevor er die Bombe platzen ließ.

  • Ich bin jetzt mal davon ausgegangen, dass in der Akte der Name Agathas nicht vorkommt. Wenn er das doch tun soll, ändere ich den Post zum Ende nochmal ab


    Das Ja Levins überzeugte Gia nicht, sah man ihm doch ganz eindeutig ein, wie müde er sein musste. Und aus seinem Gesicht sprach nicht die Art von Müdigkeit, die von einer schlechten Nacht herrührte – eher eine Erschöpfung, die tief in ihm ihren Ursprung fand. Sie machte sich keine Illusion, versuchte gar nicht erst zu behaupten, verstehen zu können, warum er so müde und abgeschlagen aussah. Aber auch sie hatte eine Rastlosigkeit ergriffen, schon seit diesem Tag im Oktober, als ihre Welt auf den Kopf gestellt worden war. Levin hingegen trug dieses Wissen, das sie so beunruhigte, schon weit länger mit sich herum, auch wenn Gia nicht genau wusste, wann er eingeweiht worden war. Aber es musste seine Spuren hinterlassen – und sie fragte sich, ob es eine Möglichkeit gab, wie sie ihm helfen konnte, diese Sorgen und diesen Ballast von der Seele zu nehmen, die vermutlich sie beide belastete. Aber gleichzeitig wusste sie nicht, ob es wirklich das war, was ihn beschäftigte und so erschöpft aussehen ließ, denn die Antwort ihres Freundes und Kollegen war recht unklar und auch knapp gewesen. Sie beließ es aber dabei, drängte ihn nicht dazu, über Dinge zu reden, die er ganz offensichtlich lieber für sich behalten wollte. Stattdessen lächelte sie, nickte kaum erkennbar und strich ihm mit der linken Hand über den Rücken, versuchte ihren folgenden, recht nichtssagenden Worten eine Bedeutung von Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst zu verleihen, ohne dass sie gleich zu so hochtrabenden und für sie in dieser Situation unpassenden Versprechen greifen zu müssen.
    „Kann ich verstehen“, war das einzige, was sie tatsächlich hervorbrachte und zuckte in Ermangelung einer passenden Umschreibung ihres momentanen Gefühlszustands zunächst nur mit den Schultern, als Levin die Frage zurückwarf. Sie war eigentlich keine verschlossene Person, wusste sehr gut, dass es ihr am meisten half, über ihre Probleme zu reden. Aber was konnte sie Levin schon sagen, ohne dass sie eine unangenehme Stille zwischen ihnen provozierte? Gia erwartete nicht, dass er eine Lösung für ihre Situation hatte, weder für den Gefühlskonflikt zwischen Lio und Bertie, noch die große Unsicherheit und das Misstrauen, welche sie seit Oktober überallhin zu verfolgen schienen. Als sie auf seine Frage mit einem „Ganz ok. Ist viel los gerade“ antwortete und erst einige Momente später die Parallelen zwischen seiner und ihrer Antwort auf die gleiche Frage bemerkte, da kam ihr der Gedanke, dass Levin vielleicht genauso wie sie einige Baustellen in seinem Leben hatte, mit denen er aber seine Freunde nicht belasten wollte. Oder bei denen er nicht wusste, wie er sie überhaupt in Worte fassen sollte.
    Sie beließ es aber dabei und kam lieber auf das zu sprechen, weshalb sie beide ganz offensichtlich hier waren. Die vor ihnen ausgebreiteten Unterlagen schienen sie beinahe provozierend anzusehen, machten sich über sie lustig, da sie noch immer nicht alle Details, die aus ihnen zu lesen waren, gefunden hatten. Der Vorschlag von Gia, Geraldine ein weiteres Mal zu treffen, war also ein Versuch, den Druck von ihnen zu nehmen, denn wenn die Aurorin einem Treffen einwilligen würde, mussten sie nicht alles aus den Akten herauslesen, was es dort zu finden gab. Auch Levin schien dem nicht abgeneigt zu sein, nahm ihre Idee mit einem Seufzen an, bevor er scheinbar das Thema wechselte. Ein wenig verwirrt lauschte Gia seinen Worten, versuchte zu verstehen, ob es im Zusammenhang mit der Akte stand, die vor ihnen lag oder ob er einfach auf etwas zu sprechen kam, das ihn unabhängig davon beschäftigte. Sie konnte es nicht sagen, auch wenn die Erwähnung von Geraldine darauf schließen ließ, dass es irgendetwas mit dem Fall zu tun haben musste, zu dem die Aurorin ihnen Informationen zugespielt hatte. Aber was das mit Agatha Adler zu tun hatte? Gia konnte die zwei Punkte einfach nicht gedanklich verknüpfen. Mit zusammengezogenen Brauen sah sie Levin an, versuchte sich noch einmal kurz an ihr Gespräch mit Geraldine Lovett zu erinnern, auch wenn sie das nicht brauchte, um seine Frage zu beantworten – sie hätte sich mit Sicherheit erinnert, wenn der Name Agatha Adler gefallen wäre.
    „Agatha Adler? Du meinst die Mutter von Aerea?“, fragte sie etwas verwirrt nach, verstand immer noch nicht, was die ihr so sympathische Hexe mit dem Ganzen zu tun hatte. Sie waren einander bisher einige Male im St. Mungos begegnet, meistens in Begegnung von Aerea und hatten sich immer ausgezeichnet miteinander verstanden. Gia hatte ihr gern zugehört, wenn sie von ihrer Vergangenheit gesprochen hatte, auch wenn die Traurigkeit, die dabei stets in der Stimme der etwas älteren Hexe lag, sie selbst ein wenig melancholisch hatte werden lassen.
    „Nein, ich kann mich nicht erinnern, dass Geraldine sie erwähnt hat. Hat sie etwas mit dem Fall zu tun?“, beantwortete sie schließlich Levins Frage, schob selbst eine hinterher, in der Hoffnung, dass ihr Freund ihr erklären würde, warum er so scheinbar aus dem Nichts auf Aereas Mutter zu sprechen kam.

  • Sie brauchten wohl beide nicht viele Worte, um sich in dieser Situation trotzdem zu verstehen – denn sie steckten ja doch auf eine gewisse Weise beide in der gleichen Situation. Sicher, Gia konnte noch nicht ahnen, was Levin in Bezug auf seine Mutter belastete, aber der ehemalige Ravenclaw war sich gleichzeitig sicher, dass es genug gab, was auch schwer auf Gia lastete. Sie hatten beide in Momenten, die ihnen nicht viel Zeit gelassen hatten, eine Entscheidung gefällt, sich aus allem nicht mehr rauszuhalten. Sie hatten kaum eine andere Wahl gehabt, nachdem sie die Wahrheit erfahren hatten, denn in irgendeiner Weise musste man wohl reagieren – denn selbst, wenn man es nicht tat, war es eine Entscheidung. Und so waren sie beide hier gelandet, in diesem fremden Haus mit letztlich fremden Menschen, denen sie nun ihr Leben anvertrauten, während sie sich mit Dingen beschäftigten, von denen sie, wenn es nach bestimmten Menschen ging, nichts wissen sollten. Nichts wissen durften, weil es hier um Leben und Tod ging, bereits gegangen war. Wer waren sie schon, dass sie die Welt retten sollten? Und doch fühlte es sich so an, musste sich auch für Gia so anfühlen. Und so passte ihre Antwort. Sie konnten es verstehen, ohne die Hintergründe des/der jeweils anderen zu kennen. Es reichte zu erahnen, dass es dem/der anderen wohl genauso ging wie einem selbst.
    Und so saßen sie nun hier, unterhielten sich über Dinge, von denen sie kaum etwas wussten, von denen sie nichts wissen durften, und Levin musste diese Frage nach seiner Mutter stellen, musste hören, was Gia darauf sagte, weil er spürte, dass er dieses kleine Geheimnis teilen musste. Dass er jemandem hier sagen musste, was Sache war. Klar, Brooke wusste es auch, doch Levin fühlte sich Gia und auch Bertie gegenüber nicht gut, wenn er es ihnen nicht sagte. Wenn er nicht mit offenen Karten spielte – denn schließlich mussten sie sich vertrauen können.
    „Ja, die Mutter von Aerea“, kam es ein wenig mechanisch über seine Lippen und er vermied es, in Gias Richtung zu sehen. Dass Geraldine sie Gia gegenüber offenbar nicht erwähnt hatte, erleichterte ihn ein wenig, denn so schien der Verdacht gegen sie vielleicht nicht so groß zu sein, dass Geraldine Lovett den Vorwurf weiter streute. Aber ihm hatte sie geschrieben, hatte Agatha erwähnt in diesem Brief, ohne zu wissen, wem sie diese Informationen zuteilwerden ließ. „Nein“, sagte er auf Gias Frage zunächst, doch dann zog er die Augenbrauen zusammen und korrigierte sich. „Ich meine… ich weiß es nicht. Vielleicht.“ Noch immer sah er nicht zu Gia, sondern starrte auf die Unterlagen vor ihnen, so als ob sie ihm helfen könnten, so als ob die Unschuld seiner Mutter in den Akten todsicher vermerkt war. War sie nicht. Es stand gar nichts in ihnen, was seine Mutter betraf – und das war vermutlich auch gut so. Er atmete tief durch, schob fahrig ein paar Papiere zurecht, ehe er sich zurücklehnte und Gia ansah. „Gia, ich muss dir was sagen“, meinte er dann leise und fuhr sich mit einer Hand durch die immer ein wenig strubbeligen Haare, die wohl auch so aussahen, weil er die Geste viel zu oft machte. „Ich weiß gar nicht, ob du weißt, dass ich nicht bei meinen leiblichen Eltern aufgewachsen bin. Ich bin bei Muggeln aufgewachsen, die nicht meine Eltern sind. Nicht wirklich.“ Denn die Mercers waren immer seine Familie gewesen, so groß die Entfremdung heute auch sein mochte. Er hatte sich zurückziehen müssen – heute mehr als früher, denn er musste sie schützen vor seiner Welt. „Ich hab jahrelang nicht gewusst, wer meine wirklichen Eltern sind. Bis…“ Er hielt inne und erinnerte sich an diesen Tag zurück, der so unscheinbar begonnen und so besonders geendet hatte. „Bis letztes Jahr. Ein Zufall. Ein dummer Zufall.“ Er musste das hier jetzt nicht weiter ausführen, denn wenn er erst einmal sagte, worum es hier ging, war das auch egal. „Agatha Adler ist auch meine Mutter. Und Geraldine Lovett hat sie in einem Brief an mich erwähnt. Sie hat gesagt, sie wisse noch nicht, ob sie etwas mit all diesen Dingen zu tun hat. Dass sie das weiter untersuchen wolle. Seither hab ich nichts mehr gehört, aber… ich dachte, ich sollte es dir sagen.“ Ein wenig schuldbewusst sah er zu Gia, denn der Brief hatte ihn im Dezember erreicht und mittlerweile hatten sie bereits Ende Januar. Er hätte es früher sagen sollen. Doch die Ereignisse rund um Silvester, das Gespräch mit seiner Mutter Anfang Januar hatte so viel aufgewühlt, dass er nicht dazu bereit gewesen war. Er hatte gehofft, zunächst seine eigenen Gedanken sortieren zu können – doch Wochen später war klar, dass das zu nichts führen würde. Er wusste nicht, was er von den Vorwürfen halten sollte – er wusste nur, dass ihre Worte an ihn nicht gereicht hatten, um all das zu entkräften.

  • Gia bemerkte erst spät, dass Levin vermied sie anzusehen, kaum dass er sie nach Agatha Adler gefragt hatte. Sie verstand noch immer nicht, was die rothaarige Hexe mit all dem zu tun hatte, warum ihr Freund ausgerechnet jetzt darauf gekommen war, sie über ihre Bekanntschaft mit der Mutter ihrer gemeinsamen Kollegin zu befragen. Aber sie drängte ihn nicht dazu, mit der Sprache herauszurücken, wusste sie doch, dass er ihr das sagen würde, womit er sich in diesem Moment wohl fühlte. Selbst wenn es nichts war und sie noch einige Tage mit der Frage im Kopf herumlaufen würde, was Levin mit dieser Frage nur herauszufinden versucht hatte – sie würde seine Entscheidung akzeptieren, das hatte sie schon immer getan. Doch zu ihrer Erleichterung – denn auch wenn sie nicht fordernder Natur war, neugierig war sie schon gewesen – beantwortete der junge Mann ihre Frage. Zögerlich kam zunächst die Bestätigung über seine Lippen, dass er in der Tat die Mutter Aereas meinte und kurze Zeit später die unsichere Vermutung, dass Agatha nichts mit dem Fall zu tun hatte. Dabei verstand Gia nicht, wie Levin sich dahingehend nicht sicher sein konnte. Agatha war ihr als eine sehr freundliche und sanfte Person erschienen, die schon genug Leid in ihrem Leben erfahren hatte – was sollte sie in Verbindung mit diesem grauenvollen Verbrechen bringen? Und erst in diesem Moment bemerkte sie den gesenkten Blick ihres Freundes, der es in den vergangenen Sekunden nicht gewagt hatte, aufzusehen – und Sorge breitete sich in ihr aus, die gleiche wie vor einigen Minuten, als sie ihn vollkommen übermüdet und doch unermüdlich vor diesen Unterlagen entdeckt hatte. Was konnte ihn nur so plagen, dass er nicht zur Ruhe zu kommen schien?
    Als er weiterredete und nun auch wieder zu ihr aufsah, da verstärkte sich dieses Gefühl nur noch in ihrer Brust und sie blickte ihn stumm an, nickte nur ernst und ließ ihn sprechen. Unbewusst zog sie die Augenbrauen zusammen, was ihre Sorge nun auch auf ihr Gesicht trug, die braunen Augen lagen mit einer schüchternen Vorsicht auf ihrem Freund, der nun begann davon zu erzählen, dass er nicht bei seinen leiblichen Eltern aufgewachsen war. Eine Information, die Gia überraschte, hatte sie doch nie etwas davon geahnt. Für sie war Levin schon immer jemand mit einem ähnlichen Hintergrund wie dem ihren gewesen, in beiden Welten verankert und hin- und hergerissen zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Leben. Auch wenn sich daran mit dieser ersten Information erst einmal nichts änderte, war sie doch überrascht davon, dass sie nie etwas davon geahnt hatte, obwohl sie nun schon so lange Zeit zusammenarbeiteten. Aber im Endeffekt war es bei Levin vielleicht ebenso wie bei ihr – mit einer muggelstämmigen Erziehung hausieren zu gehen, war gefährlich geworden. Noch immer verstand sie aber nicht, was das alles mit Agatha Adler zu tun hatte, auch wenn sich eine leise Ahnung in ihr regte, die aber noch zu absurd war, um wirklich einen Gedanken daran zu verschwenden. Vermutlich hatte Aereas Mutter Levin lediglich dabei geholfen, seine leiblichen Eltern ausfindig zu machen – mehr konnte es doch gar nicht sein.
    Aber sie ließ ihn weiterreden, hörte aufmerksam zu, bis auf einmal ein Satz aus ihm herausplatzte, der sie überrascht nach Luft schnappen ließ. Agatha war seine Mutter? Aber wie konnte es sein? Gia erinnerte sich noch gut daran, wie die Hexe ihr vor einigen Monaten beim Mittagessen von ihrem Ehemann erzählt hatte, Levin war doch sogar älter als Aerea es war, was bedeuten würde… nein, es konnte doch gar nicht sein. Und doch ließen seine Worte keinen Zweifel daran, dass es so sein musste und er hielt sich auch gar nicht lang mit der Erklärung des Umstandes auf. Er sprach weiter und enthüllte etwas, das Gia beinahe noch weniger glauben konnte als das, was sie zuvor gehört hatte.
    „Ich weiß gar nicht, was ich – Agatha ist deine Mutter?“, konnte sie nicht anders, als noch einmal nachzufragen, konnte es noch immer nicht so ganz glauben. „Und sie hat vielleicht mit all dem hier-“, sie machte eine vage Handbewegung in Richtung der Unterlagen, welche vor ihnen verstreut lagen,„- zu tun? Das ist ja… oh Merlin“, brachte sie ihren Schock zum Ausdruck und ihre rechte Hand legte sich über ihren Mund, während sie mit großen Augen zu Levin sah. Was konnte sie schon sagen, um es besser für ihn zu machen? Es gab nichts, was die ganze verzwickte Situation erträglicher machen würde, das wurde ihr schnell bewusst, noch bevor sie groß darüber nachdenken konnte. Einem Gefühl folgend beugte sie sich zu ihm herüber und schloss ihn in ihre Arme, zog ihn in eine Umarmung, weil ihr in diesem Moment einfach die Worte fehlten und weil sie schon zuvor, als sie seine müden Augen und das sorgengeplagte Gesicht gesehen hatte, den Drang danach, ihn in die Arme zu nehmen, nur schwer hatte unterdrücken können. Als sie sich wieder von ihm löste, war es ihr gelungen, ihre Gedanken etwas zu sortieren, auch wenn das was nun aus ihrem Mund kam, kein wirklicher Lösungsansatz war, sondern mehr eine weitere Frage.
    „Und was, wenn sie etwas damit zu tun haben sollte? Weiß sie auch schon, dass du ihr Sohn bist?“

  • Wenn sie weiterkommen wollten, erfolgreich sein wollten, ja, vielleicht sogar wenn sie überleben wollten, dann mussten sie ehrlich zueinander sein. Dann mussten sie sich auch Wahrheiten erzählen, die schwierig waren, die man vielleicht lieber für sich behalten hätte. Weil sie wehtaten. Weil sie ein schlechtes Licht auf einen warfen. Oder auch weil sie dazu führen konnten, dass die eigene Welt vollkommen aus den Fugen geriet. Denn so hatte es sich ja schon angefühlt, als Levin rausgefunden hatte, dass Agatha Adler seine Mutter war – mehr aber noch, als dieser Brief von Geraldine ihn erreicht hatte mit diesem schrecklichen Verdacht, den er bei dem Gespräch mit ihr Anfang des Jahres nicht einmal mehr so richtig hatte ausräumen können. Noch immer schwebte der Gedanke über ihm, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, denn es war eine beinahe unerträgliche Vorstellung, dass es wirklich stimmte. Dass sie den Werten verbunden war, die ihr früherer Ehemann offenbar vertreten hatte, obwohl sie so sehr unter ihm gelitten hatte und obwohl zwei ihrer Kinder aus ganz anderen Verbindungen entstanden waren. Levin hätte kein Verständnis dafür. Nicht wenn sie es aus freien Stücken tat.
    So oder so – es war Zeit, dass er es mit jemandem teilte. Dass er seine Sorgen aussprach, damit er die Last der Information nicht mehr alleine tragen musste. Er war froh, dass Gia erstmal nur zuhörte und ihn ausreden ließ. Ihm die Zeit gab, die er brauchte, um mit der Wahrheit rauszurücken. Selten war ihm etwas so schwergefallen, doch gleichzeitig war es auch eine Art Erleichterung. Er hörte ihre Reaktion, als sie nach Luft schnappte. Dabei war das noch gar nicht das Schockierendste daran. Dass Gia es aber bereits nicht fassen konnte, dass Agatha seine Mutter war, konnte er verstehen – er konnte es ja selbst immer noch kaum fassen, fühlte sich ihr gegenüber oft so fremd. Als hätten sie nichts gemeinsam – was aber in Wirklichkeit nicht stimmte. Es gab einige Parallelen zwischen ihm und seiner Mutter – und leider unterstrichen diese nicht unbedingt seine positiven Seiten. Doch so genau wusste Levin all das noch nicht, ahnte es noch nicht wirklich, was sie verband, was auch in Aerea zu finden war. Es würde sie am Ende alle noch überraschen.
    Als Gia auf die Unterlagen wies, noch einmal ungläubig nachfragte und dann die Erkenntnis über sie hereinzubrechen schien, nickte Levin nur nachdenklich, senkte den Blick auf die Unterlagen und ließ die Schultern etwas hängen. Ja. Oh Merlin. Anders könnte er es im Moment auch nicht ausdrücken. Es war eine so niederschmetternde und furchterregende Überlegung, dass da etwas Wahres dran sein könnte. Es würde alles verändern und im Zweifel seine, aber noch vielmehr Aereas Welt zerstören.
    Und Levin hatte es gar nicht richtig mitbekommen, dass Gia sich bewegte, sondern spürte dann erst ihre Arme um sich, als sie sich bereits vorgelehnt hatte. Dankbar erwiderte er die Umarmung. Es war eine schöne Geste, auch wenn Levin ahnte, dass sie vielleicht auch nicht allzu viele zur Auswahl gehabt hatte. Wie sollte man darauf auch reagieren? Er wusste es selbst auch nicht. Die erste Frage von Gia konnte, wollte Levin nicht beantworten. Er hatte sie sich auch schon oft gestellt. Ja, was war dann? Er wusste nicht einmal mehr, ob dabei der Umfang ihrer Beteiligung eine Rolle spielte – oder ob die Tatsache an sich, dass sie dort ihre Finger im Spiel hatte, ausreichte, um jegliche Bande zu kappen. Wie sollte er das beantworten? Und so war er froh über Gias zweite Frage. Er nickte. „Ja, sie weiß es. Wir haben es gemeinsam rausgefunden. Auch Aerea und die restliche Familie der Adlers wissen es, aber niemand sonst. Wenn es nach ihrem früheren Ehemann ginge, würde es auch nie jemand erfahren. Er ist Merlin sei Dank nicht mein Vater.“ Levin wusste nicht, ob Gia die Geschichten über Agathas Mann kannte – aber es war kein Geheimnis, dass er ein Todesser und dafür in Askaban gewesen war. „Ich hab bisher keine Hinweise auf sie in diesen Unterlagen gefunden“, sagte er dann und ein wenig mehr Sachlichkeit kehrte in seine Stimme zurück, verschwand bei den nächsten Worten jedoch direkt wieder. „Es darf einfach nicht sein.“ Seine Stimme war belegt. „Aber… ich kann auch nicht sagen, dass es vollkommen ausgeschlossen ist. Wir wissen nicht, welche alten Verbindungen hier vielleicht noch am Werk sind.“ Er ließ das so im Raum stehen, weil er sich kein weiteres Urteil erlaubte. Er wollte nicht, dass etwas an der Sache dran war – aber er würde den Teufel tun und sein Gefühl verleugnen, dass es zumindest möglich war.

  • Sie wusste nicht, wovon sie mehr überrascht sein sollte – von der Offenbarung, dass Levin der Sohn Agatha Adlers war oder dass diese womöglich etwas mit dieser Akte zu tun hatte, welche ausgebreitet vor ihnen lag. Beides klang einfach zu absurd, um wahr zu sein. Ihr Freund hatte doch nichts von dieser rothaarigen, schönen Hexe, außer die Freundlichkeit, mit der sie anderen begegneten. Und genau diese Eigenschaft war es, die Gia an der unglaublichen Vermutung Levins zweifeln ließ – auch wenn sie sehr wohl wusste, dass Geraldine Lovett mit Sicherheit nicht grundlos solche Thesen in den Raum stellen würde. Sie kannte Agatha Adler nicht gut und behauptete auch gar nicht, in das Innerste der Hexe blicken zu können, aber die Mutter von Aerea war ihr gegenüber ausgesprochen freundlich gewesen, hatte sich mit ihr unterhalten und viel von ihrem Leben erzählt – an einige dieser Details musste die junge Heilerin nun zurückdenken und fragte sich, wie Levin in dieses von Leid und Veränderungen geprägtes Leben passte.
    Agatha hatte in ihrem Gespräch damals auch ihren reinblütigen Ehemann erwähnt, doch dass dieser nicht der Vater des jungen Mannes ihr gegenüber war, beeilte sich dieser schnell klarzustellen. Warum er damit aber so viel Erleichterung verband, verstand Gia nicht vollständig, denn auch wenn Agatha ihren Ehemann erwähnt hatte, wusste sie nicht viel über diesen Mann, den sie nach wie vor für den Vater von Aerea hielt. Ganz offensichtlich schien das aber ein wunder Punkt für Levin zu sein, weshalb sie sich vornahm, nicht danach zu fragen, warum er so froh darüber war, einen anderen Vater zu haben.
    „Aber dann weißt du, wer dein Vater ist? Konntest du zu ihm auch Kontakt aufnehmen?“, stellte sie dennoch eine Frage an Levin, doch etwas zu neugierig, um das Thema einfach fallen zu lassen. Wenn sie gewusst hätte, was die Antwort darauf war – sie hätte sicherlich gar nicht erst gefragt.
    So kam das Thema aber schnell zu dem eigentlich Grund, warum ihr Freund seine leibliche Mutter angesprochen hatte. Es war deutlich zu hören, wie sehr er sich um Fassung bemühte, aber seine Stimme verriet ihn. Besorgt sah Gia zu Levin auf, dachte darüber nach, was sie sagen konnte, damit er sich besser fühlte, auch wenn sie wusste, dass kein Wort diese Wirkung haben konnte. Wie fühlte man sich auch, wenn man nicht nur erfuhr, wer seine Mutter war, sondern auch noch dazu, dass sie womöglich in den Tod eines Menschen verwickelt sein könnte. Es fiel Gia schon schwer, das zu glauben, obwohl Agatha für sie nur die Mutter von Aerea war – sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie Levin sich fühlen musste. Sie ließ ihn noch einen Moment lang weiter sprechen, noch immer nach einer Möglichkeit suchend, ihm seinen Schmerz zumindest ein wenig zu nehmen.
    „Wir hätten doch sicher schon längst einen Hinweis auf sie in den Akten gefunden, wenn sie etwas damit zu tun hätte“, versuchte sie ihn zu beruhigen – eine bessere Lösung war ihr nicht eingefallen. Mit einem gezwungen zuversichtlichen Lächeln sah sie ihm entgegen, bevor sie die Hand hob und ihm über den Oberarm strich. „Außerdem habe ich mich mit ihr schon einmal ziemlich lange über die Muggelwelt unterhalten. Sie schien sehr interessiert und offen zu sein. Und sie ist sehr nett. Das passt doch gar nicht hierzu“, folgten weitere zuversichtliche Worte und auch wenn Gia wusste, dass es nicht mehr als ein Ablenkungsversuch war, begann sie sogar selbst, es ein wenig zu glauben. Aber gleichzeitig war da auch diese nagende Ungewissheit in ihrem Kopf, die sie nicht vergessen ließ, dass sie es mit der Menge an Informationen, die sie in diesem Moment hatten, niemals würden ausschließen können. Auch wenn sie es sehr gern wollte.
    „Aber wir können ja auf Nummer sicher gehen und nach mehr Informationen als dem hier suchen.“ Sie deutete auf die vor ihnen ausgebreitete Akte. „Vielleicht weiß Mrs. Lovett ja mittlerweile mehr.“
    Es war ein riskantes Unterfangen, aktiv nach mehr Informationen zu dem Fall zu fragen. Aber andererseits hatte die Aurorin ihnen auch schon einmal eine Akte zur Verfügung gestellt – warum sollte sie es nicht also noch einmal tun?

  • Ja, seine Mutter verstand es scheinbar darauf, der Öffentlichkeit verschiedene Gesichter zu präsentieren. Levin hatte ihre düstere Seite kennenlernen „dürfen“, hatte verstehen müssen, dass sie Geheimnisse in sich trug, die ein anderes Bild von ihr zeichnen würden als das, was Gia nun von ihr hatte oder zu haben schien. Auch Levin war sich sicher, noch lange nicht alle Facetten seiner Mutter kennengelernt hatte – und auch wenn es vielleicht bequemer gewesen wäre, dies auch niemals zu tun, so wollte er es eines Tages wissen. Wollte verstehen, wer sie war, wofür sie wirklich stand, um vielleicht auch sich selbst besser einordnen zu können. Er glaubte nicht an die absolute Vorbestimmung durch die eigenen Gene – aber irgendetwas war da, was sie verband. Da glaubte er fest dran.
    Was er von seinem Vater hatte, wusste er nicht sicher und er würde es wohl auch nicht mehr herausfinden – denn dieser war tot. Allem Anschein nach hatte der frühere Mann seiner Mutter seinen Vater getötet. Einen Heiler, die einzige offensichtliche Verbindung, die Levin zu diesem Mann hatte. Diesem zweiten Fremden, der ihm so viel hätte bedeuten können, wenn Arthur Adler ihm nicht die Chance dazu genommen hätte. Was für ein Mensch wäre er heute, wenn er bei seiner Mutter aufgewachsen wäre? Wenn dieser Heiler sein Vater hätte sein dürfen? Und was wäre gewesen, wenn er Arthur Adler – einen Todesser – für seinen Vater gehalten hätte? Wäre er heute ein anderer? Es war müßig, darüber nachzudenken, doch man konnte es ihm nicht verübeln. Es wäre ein anderes Leben gewesen.
    Gias Frage ließ Levin schlucken und den Kopf einen Moment senken. Er verspürte Schmerz in seiner Brust, keine wirkliche Trauer um den unbekannten Heiler, aber Trauer um die verlorenen Jahre. „Ich kenne seinen Namen. Und weiß, dass er Heiler war. Er lebt nicht mehr.“ Es fühlte sich komisch an, darüber zu sprechen, denn es wirkte wie eine Verharmlosung, Beschönigung. Er wurde ermordet. Das müsste Levin sagen. Doch es kam ihm nicht über die Lippen – denn die Bedeutung dieses Satzes hatte er noch immer nicht richtig begriffen. Es würde dafür keine Wiedergutmachung geben können. Gab es sowieso nicht und zudem war Arthur Adler ebenfalls tot. Das Verbrechen würde nicht mehr aufgeklärt werden. Doch eines Tages, da war Levin sich sicher, würde er mehr über diesen Mann rausfinden. Dann, wenn er bereit dazu war.
    Und so fuhr er schließlich fort, erzählte Gia davon, was Geraldine erwähnt hatte, und sie schlug vor, mit dieser noch einmal zu reden. „Ja, du hast vermutlich recht“, sagte Levin resignierend und ließ sich gegen die Stuhllehne fallen. „Aber ich muss leider sagen, dass… meine Mutter… nicht ganz die ist, die du gerade beschrieben hast. Da steckt mehr dahinter. Das musste ich auch erst lernen…“ Schmerzhaft. „Ich meine… sie hat mir versichert, dass sie diese alten Verbindungen nur noch aufrechterhält, um sich und uns zu schützen. Ihr früherer Ehemann ist ein Todesser gewesen“, sagte Levin nun doch, falls Gia es nicht wusste. „Viele scheinen von ihr die gleiche Loyalität zu erwarten. Und auch wenn sie sagt, dass diese nicht echt ist… ich weiß nicht. Sie bewegt sich zu mühelos durch all diese Verquickungen.“ Ja, es wurde offenkundig, dass Levin seiner Mutter noch nicht oder nicht mehr richtig traute. Dass ihr Gespräch ihn zwar ein wenig beruhigt hatte, dass er sich jedoch stets davor fürchtete, dass sie in all das zu tief hineingeraten könnte. Er wollte ihr keine unlauteren Motive unterstellen – doch Angst war manchmal Grund genug dafür, schlimme Dinge zu tun. „Vielleicht können wir Ms Lovett wirklich fragen. Und haben dann mehr… Gewissheit.“ Er wollte diese nicht. Aber er musste sie haben.


    ENDE

  • The world is in need of its knights once again


    03.07.2021, Früher Abend


    @Brooke Hutton, @Elias G. Cooper und @Richard Martin Emmerich


    Mit einem metallenen Knarzen fiel die schwere Haustür ins Schloss, mit diesem Tun gefühlt die gesamte Welt dort draußen aussperrend, verbannend, sich wieder als die kleine Welt verschließend, welche der Grimmauldplatz Nummer 12 für seine mehr oder minder regelmäßigen Besucher darstellte. Seinen Trenchcoat in aller Ruhe ausziehend, um ihn dann in die Obhut einer der Kleiderhaken im Eingangsbereich zu übergeben, ging das in die Tage gekommene Mitglied des Ordens die üblichen Gewohnheiten durch, um sich ein Bild der Lage zu machen. Im Speisesaal führte gerade jemand ein angeregtes Gespräch, insgesamt drei… nein, vier Gesprächsteilnehmer meinte der Zauberer zu erkennen. Davon ab schien es im restlichen Haus still zu sein.


    Sollte man von Ordensmitgliedern erwarten ihre Wochenenden hier oder im anderweitig aktiven Dienst zu verbringen? Eine gute Frage. Einerseits sollten sie alle Ressourcen gegen das Schaffen der Schwarzmagier einsetzen, andererseits waren die meisten der Mitglieder eben dies auf einer freiwilligen Basis, im Grunde Zivilisten die ihre Fähigkeiten „für das Gute“ einsetzen wollten. Nicht dieselbe Mentalität wie zu seinen Zeiten, als sich magische Eliten zusammentaten, viele von ihnen ehemalige „Soldaten“, wie die gewöhnlichen Menschen sagen würden, weil es der beste Weg für sie war ihre Fähigkeiten einzusetzen. Oder gar das einzige Leben war, das manche von ihnen kannten. Umso bemerkenswerter, dass zwei eifrige Mitkämpfer des modernen Ordens ihn in der Vergangenheit kontaktiert hatten, um ihre Fähigkeiten zu verbessern, sodass ihre Chancen gegen die momentane Generation der Schwarzmagier zumindest etwas stiegen. Bedauerlicherweise erlaubten ihre alltäglichen Verpflichtungen es nicht, dass Emmerich die beiden durch ein hartes Trainingsprogramm im Stile seiner früheren Ausbildung peitschen konnte, um das Bestmögliche aus ihnen herauszuholen. Dafür fehlte ihnen die notwendige Zeit und hohe Frequenz ihrer Treffen, ohne welche sich ein Training mit hervorragenden Ergebnissen nur bedingt realisieren ließ.


    Doch das sollte sie nicht davon ab halten an dem zu feilen, was schon vorhanden war oder den jüngeren Generationen ein paar Anstöße zu geben, in welche Richtungen sie sich noch entwickeln konnten. Die ersten Treffen waren diesbezüglich erfolgreich verlaufen. Mr. Cooper, ein Kollege an der Schule für Hexerei und Zauberei, hatte erste Erfolge in seinen defensiven magischen Fähigkeiten bewiesen. Fähigkeiten, die sein Erlebnis letzten Jahres in Zukunft verhindern können sollten, sofern er weiter konsequent an sich arbeiten würde. Er hatte auf jeden Fall viel Potenzial, das es bedacht zu fördern galt. Zu geübte Magier bekamen schnell zu viele Optionen, wie sie ihre Fähigkeiten einsetzen könnten. Seine Leistungen erarbeitete er sich kooperativ mit Ms. Hutton, der zweiten Auszubildenden. Ms. Hutton hatte den Professor Anfang des Jahres schriftlich kontaktiert, besorgt um ihre Fähigkeiten sich magisch zu verteidigen. In ihrer Position in der magischen Strafverfolgung, gerade im momentanen politischen Klima, würde sie früher oder später wohl oder übel auf entsprechendes Können zurückgreifen müssen, schlimmstenfalls als Einsatz in einem Kampf um ihr Überleben. Hässliche Aussichten. Umso besser, dass auch sie zunehmend größere Erfolge zeigte. Sicher waren sowohl Mr. Coopers als auch Ms. Huttons Fähigkeiten bisher noch eher als „grundlegend bis fortgeschritten“ zu bezeichnen, aber mit der Zeit sollten sie trotz der widrigen Rahmenbedingungen zumindest nicht zu unterschätzende Herausforderungen für ihre Widersacher darstellen. Bei den letzten Treffen hatten sie sich vorrangig auf das Ablenken offensiver Zauber konzentriert. Es war eine äußert praktische Weise der defensiven Duellmagie, da das Geschick des Anwenders hier stärkeren Einfluss ausübte als bei einem direkten Block, bei dem mitunter die magische Veranlagung beider Duellanten eher ins Gewicht fiel. Außerdem handelte es sich dabei um eine fortgeschrittene Technik die, wenn man sie ausführlich genug übte, eine ganz eigene Duelltechnik entstehen ließ, in der man sich ganz darauf konzentrierte die Zauber des Gegenübers gegen ihn einzusetzen. Leider forderte solch ein Duellstil auch eine deutlich höhere Aufmerksamkeit des Verteidigers gegenüber seines Umfeldes, immerhin konnte eine solche Technik innerhalb einer Gruppe verheerende Konsequenzen haben. Umso wichtiger, dass seine Schüler sich in einem geschützten Umfeld mit dieser Technik vertraut machen konnten.


    Nachdem er angeklopft und auf eine etwaige Reaktion gewartet hatte, betrat Richard das Büro im zweiten Stock wie schon zu den letzten Terminen, um festzustellen, dass ihn auch hier keine weiteren Überraschungen erwarteten. Hmm. Die Diskussion im Erdgeschoss hatte sich inzwischen auf den Hausflur verlagert, zumindest schallten die Stimmen deutlich klarer durch das Treppenhaus hinauf. Das sollte sich jedoch in den nächsten Minuten beruhigen, andernfalls würde Richard wieder nach unten steigen und das Gespräch zielführend moderieren. Heute hatte er nicht unbedingt einen flexiblen zeitlichen Rahmen für die Übungen eingeplant, da er im Anschluss noch zum Anwesen reisen und Arthur begrüßen würde. Sein Sohn war über den letzten Monat von seiner Arbeit beansprucht worden, eine ungewöhnlich lange Zeit innerhalb der Emmerichs, seiner Familie fernzubleiben. Außerdem versprach Richard sich von der so intensiven Involvierung seines Sohnes in die Vorgänge der letzten Wochen eine Sammlung interessanter, zu verarbeitender Daten und Informationen. Mit etwas Glück konnte Arthur im indirekt die ein oder andere Frage beantworten, die den Familienvater schon seit ein paar Wochen beschäftigten.


    Als die Tür hinter ihm die Geräusche eines neuen Gastes verlauten ließ, drehte der betagte Auror sich eben dieser zu „Guten Tag, ich hoffe Sie fühlen sich heute körperlich und mental fit. Berichten Sie, wie verliefen Ihre Übungen in der Zwischenzeit? Kam es zu Ereignissen, in denen Sie gefordert wurden? Hat sich die Stimmung in Ihrem Umfeld inzwischen verändert?“ und er reichte seinem Gegenüber zur Begrüßung die Hand.

  • Elias konnte nicht von sich behaupten, die Übungen mit Brooke und Richard Emmerich herbei zu sehnen. Er hatte Verteidigung gegen die dunklen Künste während seiner Schulzeit nur deshalb erfolgreich abgeschlossen, weil Freya ihn dabei unterstützt hatte. Defensive Magie war ihm dabei noch weiter leichter gefallen, als offensive Zauber. An seinem magischen Talent hatte es nie gelegen, viel mehr an dem Unwillen, Gewalt anzuwenden. Er war nicht Heiler geworden, um anderen Menschen Schaden zuzufügen. Aber er war auch kein Heiler mehr. Die Stunden, die er mit Brooke und Emmerich verbrachte, erinnerten ihn nur an jede der unfreiwilligen Wendungen, die sein Leben in den letzten Jahren genommen hatte. Sein Widerwillen, sich mit dem magischen Kampf zu befassen, war ein Privileg vermeidlich friedlicherer Zeiten gewesen und er hatte bitter für seinen Irrglauben bezahlt.
    Es fühlte sich nicht wie eine Wahl an, sondern wie eine Notwendigkeit.
    Er hatte mehr zu verlieren, als nur sein Leben. In den letzten Monaten war diese Erkenntnis für ihn noch deutlicher geworden. Elle hatte nach dem Angriff auf den Laden ihres Mannes das Land verlassen. Ein Angriff, der nur darauf abgezielt zu haben schien, ihm vor Augen zu führen, dass diese Menschen wussten wer er war und was ihm etwas bedeutete. Die Kaswans waren seine Freunde. Sahir sein Patenkind. Wenige Wochen später war Isaac für die dritte Aufgabe des trimagischen Turniers ausgewählt worden. Elias hatte von der Sekunde an, in der sein Sohn die Arena betreten hatte, um ihn gebangt. Nicht nur wegen der Aufgabe, sondern auch wegen all der Fremden, die sich auf dem Gelände des Schlosses herumgetrieben hatten. Er hatte die Mutter von Hilda wiedergesehen, die ihn einige Wochen zuvor im Gang aufgehalten hatte.
    Sie war es gewesen, die ihm ein weiteres Mal gezeigt hatte, wie wenig er von den Erlebnissen des vergangenen Jahres hinter sich gelassen hatte.
    Sein Überleben hatte er nur dem Mut anderer Ordensmitglieder zu verdanken. Manchmal wusste er selbst nicht, wie viel von ihm sie noch hatten retten können. Seine Chance für eine zweite Begegnung dieser Art brauchte er nicht ausrechnen. Er ahnte, dass auch die Hilfe von Emmerich nur ein Tropfen auf einen heißen Stein war und es letztendlich mehr als fraglich war, ob er etwas gegen Personen würde ausrichten können, für die Mord beinahe zum Alltag gehörte. Er wollte nicht wie ein blindes Schwein zur Schlachtbank geführt werden, in der elenden Gewissheit, dass er nicht sein Möglichstes getan hatte, um diesen Ausgang zu verhindern.
    Er hatte kurz mit Brooke und einigen der anderen Ordensmitgliedern gesprochen, als er im Grimmauldplatz angekommen war, aber ihm war nicht nach Unterhaltungen. Meistens hoffte er nur, diese Treffen schnell hinter sich zu bringen.
    Nach einer Weile hatte er die Treppe in das obere Stockwerk erklommen und die Tür zu dem Raum geöffnet, in dem Emmerich sie für das Training erwartete. Der ältere Mann reichte ihm die Hand und Elias nahm sie entgegen und drückte sie kurz. Er vermied es, die meisten anderen Menschen länger zu berühren, als die Regeln der Höflichkeit es unbedingt geboten. Eine weitere Sache, die sie ihm genommen hatten.
    Mr. Emmerich.“, er erwiderte die Begrüßung des Mannes und nickte knapp. „Ich danke Ihnen für Ihre Zeit. Ich habe mich mit den Zaubern befasst und Fortschritte erzielt. Die rein defensive Magie fiel mir aber schon immer leichter.“, fügte er dann hinzu und ließ die Beantwortung der anderen Fragen bewusst aus. Er wusste nicht, was er hätte sagen sollen.

  • Eigentlich hätten sich Elias und Brooke wohl geehrt fühlen dürfen, dass Professor Emmerich sich der Aufgabe angenommen hatte, sie in Verteidigung gegen die dunklen Künste zu unterrichten. Er hatte einen hervorragenden Ruf, viele Jahre an Erfahrung und war somit jemand, zu dem man aufblicken konnte. So gerne Brooke das auch getan hätte und so viel Respekt sie auch vor dem älteren Mann hatte, von dem auch im Ministerium in den höchsten Tönen gesprochen wurde, so sehr konnte sie diesen Stunden wohl genauso wenig abgewinnen wie Elias. Es war ein notwendiges Übel, daraus geboren, dass ihre magischen Fähigkeiten lange unterdrückt gewesen waren und sie diese meist nur dann eingesetzt hatte, wenn es darum ging, anderen zu helfen. Brooke war an sich keine schlechte Hexe, auch wenn sie das wohl anders bewerten würde. Sie hatte sicherlich ein gewisses Potenzial, doch dieses schlummerte meist, zeigte sich nicht und versteckte sich hinter der Fassade ihres doch trotz der Arbeit noch irgendwie sehr muggeligen Lebens. Auch wenn der Umzug in den Grimmauldplatz dafür gesorgt hatte, dass die meisten Annehmlichkeiten erst einmal entfallen waren. Hier war sie dazu aufgefordert, sogar ganz alltägliche Zauber zu nutzen, was sie immer wieder einmal verzweifeln ließ.
    Dabei waren ihr schwere Zauber nicht einmal unbedingt fremd. In ihrer Zeit beim Besenregulationskontrollamt hatte sie regelmäßig Besen auf Verzauberungen überprüfen müssen, gerade bei den groß angelegten Quidditchspielen. Das hatte, nach anfänglichen Schwierigkeiten, ganz gut geklappt. Aber auch da hatte es daran gelegen, dass es darum ging, andere zu beschützen. Eine Erkenntnis, die Brooke immerhin in den letzten Monaten, in denen sie mit Mr. Emmerich und Elias zusammen trainierte, erhalten hatte. Ja, sie war besser, wenn es darum ging, für andere einzustehen. Wenn sie sich selbst zu verteidigen hatte, sah das problematischer aus. Erkenntnisse, die für ihren künftigen Aufenthalt bei den Aileanachs wichtig waren, aber noch wichtiger war es eben, dass ihre Zauberkünste auch dem entsprachen, was sie versprochen hatte: Sie wollte helfen, die Kinder vor möglichen Angriffen zu schützen. Und so musste sie diese Stunden nehmen, hatte den Professor ja genau deshalb kontaktiert. Und da sich Mister Emmerich bereiterklärt hatte, sie ebenfalls zu unterrichten, wollte sie zumindest das Bestmögliche erreichen, das ihr möglich war.
    Sie hatte sich eben noch kurz mit Elias ausgetauscht, aber dann auch die Zeit genutzt, noch einmal ihr provisorisch eingerichtetes Zimmer aufzusuchen, um dem Trubel unten ein wenig zu umgehen, sich ein wenig sammeln zu können, bevor es gleich losging. Elias war tatsächlich nur wenige Schritte vor ihr, als er das Zimmer betrat und auch wenn er bereits einen Teil von Professor Emmerichs Frage aufgriff, so hatte auch Brooke diese noch vernommen, jetzt, wo sie wenige Sekunden später in den Raum trat. „Guten Tag“, erwiderte auch sie in die Runde und nutzt die Möglichkeiten, den beiden Männern nur kurz zuzunicken. Auch sie bevorzugte weniger Körperkontakt, sofern es möglich war. „Im Ministerium ist es recht angespannt, auch wenn es ein wenig wie die Ruhe vor dem Sturm wirkt.“ Dass ihr eigener Chef Brooke immer mehr Sorge bereitete, teilte die junge Frau nicht mit. Mit Emrys Trevelyan als Leiter der magischen Strafverfolgung war die Situation besonders schwierig – auch aufgrund ihrer privaten Verwicklungen mit ihrem Vorgesetzten. Und doch … Seit den Vorfällen im April war Brookes Misstrauen stetig gewachsen. Und es wurde nicht besser, auch wenn sie diese Gedanken jetzt zur Seite schieben musste. „Die Trockenübungen verlaufen ganz okay“, führte sie die Fragen des Professors weiter aus, einen kurzen Blick auf Elias werfend, denn die nächsten Worte waren ehrlich, auch wenn sie gleichzeitig Sorge hatte, dass es eventuell etwas triggern könnte. Was sie wirklich nicht wollte. „Aber ich habe die Sorge, dass dies in einer Kampfsituation anders aussieht.

  • In der Nacht auf den 5. Februar


    Die zerbrochene Hälfte lag stumm und dunkel an ihrem Platz. Für das Bruchstück war es bedeutungslos, wie hoch das Opfer gewesen war, das diese Errungenschaft gekostet hatte. Die Magie, die in dem Inneren des Gegenstandes schlummerte, fühlte nicht und sie dachte nicht. Das Leben und Sterben der Menschen kümmerte sie nicht. Tage und Woche vergingen, ohne das sie ihr Geheimnis an ihre Hüterinnen preisgab. In einer Nacht aber, die für Zauberer und Hexen so bedeutungslos ist wie jede andere, schien etwas in den Tiefen des Gegenstand zu erglühen. Erst war es ein einzelner Funken, ein flimmerndes Leuchten. Dann begann das Licht in feinen Bahnen zu wandern, bis es es einen neuen Punkt erreichte und in seinen warmen Glanz tauchte. Wie einzelne Sterne funkelten sie im Inneren des Gegenstands. Von der Bruchkante wurde das Licht in wirren Formen an die Decke des Raumes geworfen, malte feine Lichtpunkte in die Spinnenweben, wie Prismen an einem Sonnentag. Die heile Seite der Kugel zeichnete ein anderes Bild, das zwischen den diffusen, taumelnden Lichtern nur schwer zu erkennen war. Wenn eine der Hexen sich jedoch dicht über das Objekt beugte, wenn ihr Körper einen Teil des Raumes in Schatten tauchte, dann konnten auch sie das Muster erkennen, welches hauchzart im Inneren der Kugel zu erkennen war und sich an den Wänden widerspiegelte.


    // @Geraldine Lovett und Luke Naydenov

  • Luke Naydenov


    Unruhig wälzte Geraldine sich sich zwischen den schwitzigen Laken hin und her. In ihren Träumen war sie auf der Flucht, wie so oft in den letzten Monaten. Sie rannte durch die Dunkelheit, aber sie wusste nicht mehr vor wem. Während sie durch die langgezogenen Gänge von Greater Lovett House irrte, konnte die Hexe an den Fenstern die Gesichter ihrer einstigen Freunde sehen, die sie anstarrten. Jonathan, Emrys, Nicolas, Circe. Glass splitterte und plötzlich standen sie alle vor ihr, mit erhobenen Zauberstäben und Augen, in denen nur noch das Weiße zu erkennen war. Sie erkannten ihre alte Freundin nicht mehr. Geraldine blickte sich abgehetzt um, doch die Wände kamen immer näher und ihr Atem wurde immer lauter, sodass an Flucht nicht zu denken war. Zitternd tastete die Aurorin nach ihrem Apfelholzstab. Ein Knacken war zu hören und als sie auf ihre Hände schaute, konnte sie nur noch morsches Holz sehen das zwischen ihren Fingern zerbröselte. Die Todesser hatten sie umzingelt wie ein Rudel Hyänen. Plötzlich stand Geraldine am Geländer des Balkons. Ein Fluchtweg? Sie hatte keine Wahl. Ohne sich umzudrehen, sprang Geraldine in die Tiefe, doch da wo der Boden warten sollte, wartete nur noch mehr Dunkelheit. Ihr Magen drehte sich um, während sie immer tiefer und tiefer in den Abgrund stürzte.

    Das Bett ächzte, als Geraldine sich mit einer jähen Bewegung an der Matratze festklammerte und vom Gefühl zu Fallen aus dem Schlaf gerissen wurde. Sie griff nach ihrem Zauberstab, dessen helles Holz dieses mal zum Glück nicht durch ihre Berührung zerbrach. Doch ehe sie einen Lumos aussprechen konnte, bemerkte sie, dass hunderte kleine Lichtpunkte um sie herumtanzten wie bei einer Diskokugel. Sie richtete sich auf und fuhr sich mit der Hand über die Wange. Ihr Alptraum hing Geraldine immer noch in den Knochen.

    Nur ihr noch immer schnell gehender Atem und das rhythmische Geräusch der alten Wanduhr durchbrachen die Stille in regelmäßigen Intervallen. Geraldine zuckte zusammen als die Uhr einen tiefen Gong erschallen ließ, der klang wie ein zeremonielles Instrument des fernen Asiens. Es war Mitternacht. Sie hatte noch nicht allzu lange geschlafen - Trotzdem sehr lebhaft. Erst jetzt gewöhnten sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit und ihre Gedanken sammelten sich langsam. Sie war nicht in Gefahr, sondern sie war am Grimmauldplatz Nr. 12. Es war wieder einmal ihre Schicht beim Bewachen des Artefakts. Brooke und sie waren so weit gegangen, dass sie sogar nachts im gleichen Raum mit der zerbrochenen Kugel schliefen, um Diebe und Angreifer abzuwehren. Nachdem an Weihnachten klar geworden war, dass der Orden sich keine weiteren Fehler mehr erlauben konnte, hatten sie ihre Anstrengungen noch einmal intensiviert, um dem Geheimnis der Kugel aus dem verbotenen Wald auf die Schliche zu kommen. Geraldine hatte alles versucht, uralte Beschwörungen, sie hatte Weihrauch verbrannt und sogar ein bisschen ihres Bluts auf die Kugel tröpfeln lassen, aber nichts hatte dem Glas seine Mysterien entlocken können. Bis jetzt.

    Fasziniert fiel Geraldine im Nachthemd auf die Knie und näherte sich der Kugel. Die Dielen knarzten unter ihr, während sie vorwärts krabbelte, so als könnte der Zauber enden, wenn sie sich zu abrupt bewegte. Hunderte goldene Punkte erfüllten das staubige Zimmer und bildeten so etwas wie eine Sternenkarte an der Wand. Es erinnerte sie an Spielzeug, das man kleinen Kindern gab, damit sie besser schlafen konnten. Nur dass das hier definitiv keine Spielerei war, sondern mehr dahinter stecken musste. Für einige Sekunden bestaunte Geraldine was sie sah, ehe ihr einfiel, dass sie sofort Brooke holen musste. Was immer gerade geschah, war genau das, worauf sie seit Wochen gewartet hatten. Es war das erste mal seit einer ganzen Weile, dass mal etwas geschah, was sie tatsächlich weiterbringen konnte. Vielleicht war Georginas und Berties Opfer doch nicht umsonst gewesen.

    Ein silbrig-bläuliches Licht erfüllte das alte Büro, als ein prächtig gefiederter Pfau aus Geraldines Zauberstab hervorsprang. "Brooke, komm sofort zum Grimmauldplatz. Die Kugel hat sich in eine Art Lichtspiel verwandelt." Mit diesen Worten würde ihr Patronus in wenigen Minuten Brooke finden, wo auch immer sie gerade war.

  • Mit müden Augen blickte Brooke auf das Pergament vor ihr, die Feder in der Hand, die nicht mehr wirklich aufrecht stand und die bereits diverse Tintenflecken auf dem Papier hinterlassen hatte. Eigentlich hatte sie die Nacht nutzen wollen, um erneut ins Tagebuch zu schreiben, denn in den letzten Tagen und Wochen war so viel passiert, dass sie einfach nicht mehr weiterwusste. Dass sie im Grunde rund um die Uhr in ihr Buch hätte schreiben und damit doch nicht alles hätte ausrücken können. Die Offenbarung Dorans, dass Brooke ihn verwandelt hatte, ihre Entschlossenheit, sich dem Ministerium auszuliefern, die letztlich verhindert worden war. Die Schuld, die sie auf ewig mit sich herumtragen würde, während all das, was sowieso gerade passierte, nicht weniger wurde. Die Last immer größer wurde und letztlich nichts zu helfen schien. Nicht einmal die Ankündigung hatte ihr ein wenig Erleichterung verschafft, auch wenn Brooke nicht der Ansicht war, dass sie diese überhaupt verdiente. Es war für sie klar: Sie war nur noch draußen aufgrund Doran. Weil er entschieden hatte, dass sie sich nicht stellen sollte. Es war eine Verpflichtung, die sie ihm gegenüber hatte, eine Verpflichtung, die sie mehr als nur ernst nahm – und die letztlich trotzdem dazu geführt hatte, dass sie alle Mitglieder des Ordens in die Realität eingeweiht hatte. Es war das Mindeste gewesen, denn den wahren Grund hätte sie nicht erzählen können. Nicht ohne sich nicht doch zu überlegen, direkt ins Ministerium zu marschieren und sich auszuliefern.
    Diese Nacht war sie in Hastings. Es war ruhig dort, war ein Rückzugsort geworden, von dem Brooke vor vier Monaten wohl nicht gedacht hatte, dass er es tatsächlich werden könnte. Doch auch wenn das Reinblütermuseum nicht weit war, so fühlte sie sich in Elias‘ Zuhause heimisch. So heimisch, dass sie nicht einmal erschrak als plötzlich ein silbrig-blauer Pfau vor ihr auftauchte und in Geraldines Stimme zu sprechen begann. Vielleicht war sie auch zu müde, im Nachhinein würde Brooke das nicht genauer sagen können. Doch in dem Moment, in dem sie die Worte hörte, weiteten sich die Augen der jungen Hexe, brauchte es keine Sekunde an Überlegung, ehe sie auch schon nach ihrem Zauberstab gelangt und mit einem Plopp aus Hastings verschwunden war. Nur zwei paar verschlafene Hundeaugen schauten ihr nach, doch da war Brooke bereits längst, noch in Pyjama gekleidet, im Grimmauldplatz angekommen und die Stufen nach oben gehechtet, nicht einmal mehr daran denkend, dass sie Geraldine seit der Bekanntgabe von Brookes ‚Art‘ nicht mehr gesehen hatte.
    Abrupt blieb die Hexe stehen, noch immer in vollkommenem Erstaunen, in einem Zimmer, das in einen warmen Glanz getaucht war. Bildnisse malten an den Wänden, zogen dort umher, ergaben keinen Sinn, doch lösten beinahe so etwas wie eine Entspannung in Brooke aus. Ein kleiner, hauchzarter Funken von Erleichterung, dass das, was sie gefunden hatten, was Gia das Leben und Bertie seine Gesundheit gekostet hatte, nicht nur ein wertloses Stück Glas gewesen war. Und so stand sie für einen Moment dort, stumm, ehe sie den Blick in Richtung Boden wendete, auf dem Geraldine saß. Nur kurz, ehe ihr Blick wieder durch den Raum glitt, stockte, hängenblieb, sie die Augenbrauen runzeln ließ. Alles wirkte wie zufällig, wild, nicht sortiert, doch da war ein Muster an der Wand, das sie nicht sofort zuordnen konnte, das zu geordnet zu wirken schien. Ob es ihre Sinne waren oder spielten ihre Augen ihr einen Streich? Brooke konnte es nicht genau sagen, doch während sie noch einen Moment zwischen der Wand und der Kugel hin- und herblickte, runzelte sie leicht die Stirn, ehe sie ein paar Schritte durch den Raum machte, sich auf die entgegengesetzte Seite stellte. Ihr Körper warf einen Schatten an der Wand, doch es schien nicht auszureichen. „Ich glaube …“ Brookes Hand deutete in die Richtung, zeigte auf das, was sie meinte, nicht wissend, ob Geraldine es auch sah – und dann machte sie ein paar Schritte auf die Kugel zu, wuchs ihr Schatten an den Wänden, während sie noch immer wie gebannt auf die Wand starrte.

  • Brooke und Geraldine brauchten keine großen Worte, als die Jüngere das Büro betrat und erkannte, dass sich endlich was getan hatte bei der seltsamen Glaskugel. Sie hatten auch mehr als lange genug gewartet, gebangt und gehofft, darauf, dass doch noch etwas passieren würde. Das Mysterium war gelüftet, zumindest ein kleines bisschen mehr als vorher. Und ihnen beiden war die Erleichterung in den Gesichtern anzusehen. Die Last, die sie auf ihren Schultern getragen hatten fiel von ihnen ab. Ihre Geduld hatte sich ausgezahlt und vor allem: Georginas Opfer war nicht umsonst gewesen. Ihre Mitstreiterin war nicht sinnlos im verbotenen Wald getötet worden. Wer immer Geraldine den Tipp zugespielt hatte, dass etwas in Hogwarts geschehen sollte, hatte ihr die Wahrheit mitgeteilt. Es war tatsächlich etwas auf den Ländereien der magischen Schule versteckt gewesen. Auch wenn sie einen extrem hohen Preis dafür bezahlt hatten, war Georgina nicht ohne Grund in den Tod gegangen. Was immer die gläserne Kugel zu bedeuten hatte, sie war für die Todesser wichtig. Dass ein Teil des Rätsels und damit auch ein Teil der Lösung jetzt in der Hand des Ordens war, bedeutete dass es doch Todesser gab, die bereit waren, den dunklen Lord zu hintergehen.

    Wie gebannt starrte Geraldine auf die Wand, an der die Lichter tanzten wie eine kleine Galaxie. Erst nach ein paar Sekunden bemerkte sie, dass Brooke mit ihrem Körper einen Schatten warf, durch den ein Teil des Lichts verdeckt wurde. "Was machst du?", fragte Geraldine zunächst verwirrt, ehe sie erkannte dass nur ein bestimmter Part der leuchtenden Punkte nicht mehr zu sehen war. Wenn man ganz genau hinschaute, dann konnte man sehen, dass ein Teil der Bilder sich unregelmäßig bewegte, fast schon fluchtartig, als ob die Kugel gar nicht wollte, dass man ihre Symbole verstand. Ein anderer, kleinerer Ausschnitt, bewegte sich weniger. Geraldine war kein Profi was Astronomie anging, aber waren das vielleicht Sternbilder? Sie würden jemanden fragen müssen, der sich besser damit auskannte.

    Noch immer im Nachthemd rappelte sich Geraldine auf und wischte sich die Holzspäne des modrigen Bodens von den Armen. Langsam positionierte sie sich neben Brooke und gemeinsam mit ihr schaute sie dabei zu, wie sich ihre schmalen Schatten an der Wand zu einer größeren Fläche verbanden. Es war ein bisschen wie im chinesischen Schattentheater, nur dass die beiden Schauspielerinnen das Skript nicht kannten. "Glaubst du das sind Sternbilder? Ich kenne mich kaum mit sowas aus." Sie überlegte und legte den Kopf schief. "Aber das könnte der große Wagen sein, oder? Oder ist das der kleine?" Fragend drehte Geraldine sich zu Brooke.

  • Ob Brooke es auch so ausgedrückt hätte wie Geraldine? Dass Georgina nicht umsonst gestorben, ohne Grund gegangen war? Auch wenn sie den Grundgedanken nachvollziehen konnte und im Gegensatz zu einige anderen im Orden Geraldine nie bezüglich der Informationen konfrontiert hatte, so sah es die Hexe doch anders. Doch, Georgina war ohne Grund gestorben. Bertie lag ohne Grund verletzt im Grimmauldplatz, sich seit Monaten nicht regend. Ohne Grund, denn das, was die Todesser:innen machten, hatte nichts mit einem Grund zu tun. Es war sinnlos, was sie taten, war falsch und somit würde das Opfer von Georgina und Bertie letztlich zwar eines sein, das ihnen vielleicht weiterhelfen konnte – und trotzdem hätte Brooke jederzeit diese Erkenntnis gegen ihre beiden Weggefährt:innen eingetauscht. Wissend, dass es hier keine richtige Entscheidung gab, denn letztlich war es gut und wichtig, dass sie die halbe Glaskugel gefunden hatten. Dass sie nun hier sein konnten, dieses Spektakel erlebten. Und hätte es auch vielleicht den Druck auf ihren Herzen mindern können, so war es nur von noch größerer Schwermut an das erinnert zu werden, was im vergangenen Dezember passiert war. Doch diese Gedanken mussten nun verschwinden, verdrängt werden, während Brooke ihren Blick auf das Gebilde an der Wand richtete.
    Geraldines Worte drangen nicht wirklich zu der Hexe durch, während sie sich im Raum bewegte, versuchte, das Bild zu verdeutlichen, die Punkte an der Wand hervorstechen zu lassen, doch erst als sich auch die andere Hexe dazugesellte, schienen die Punkte langsam einen Sinn zu ergeben, erschien ein Bild, zarte Linien, funkelnde Punkte – und Brookes Reaktion war ein Nicken, gefolgt von einem Schulterzucken. „Ich weiß es nicht“, kam es geflüstert über die Lippen der Hexe, während sie ihre geschärften Sinne nutzte, um vielleicht noch etwas zusätzliches zu finden, etwas mehr, das auf den ersten und zweiten Blick unterging. Doch da war nicht mehr, waren diese Sterne und sonst nichts, schien es ganz so, als wäre das alles – und doch eben nicht alles, wenn sie genau darüber nachdachten. „Möglich.“ Auf welche Aussage Geraldines sich die Zustimmung bezog, war wohl nicht ganz klar, doch Brooke meinte damit, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es ein Sternbild sein konnte, nicht unwahrscheinlich war. Ein Sternbild, das … Sie wusste es nicht. Wusste nicht, ob das, was sie sahen, wirklich alles war. Und zumindest für den Moment war das auch noch nebensächlich, denn schließlich waren Geraldine und sie nicht allein. Nun, hier, in diesem Moment, beide in ihren Schlafgewändern, waren sie natürlich nur unter sich, doch es gab weitere, andere Personen, die informiert werden mussten. Earnestine natürlich, aber auch die anderen Ordensmitglieder, jede Person, die sie erreichen konnten. Das bedeutete ein Notfallmeeting, so uneins sie sich auch teilweise waren.
    Kannst du bitte das Bild aufzeichnen? Falls es verblassen sollte?“ Brooke blickte noch einmal auf die funkelnden Lichter, sich das Bild einprägend, ehe sie langsam von der Kugel zurücktrat und das Chaos wieder auszubrechen begann. „Ich informiere die anderen.“ Ein kurzes Nicken, ehe sie einige Schritte von Geraldine wegtrat. Sie hatten noch nicht über die Offenbarung gesprochen, doch Brooke wusste schließlich gut genug, dass Geraldine von Halbwesen nicht gerade die höchste Meinung hatte. Und so nickte sie kurz ihrer Mitstreiterin zu, ehe sie sich auch schon umdrehte, die besetzten Zimmer aufsuchend, alle, die noch im Grimmauldplatz waren, weckend, ehe sie sich daran machte, ihrerseits den Patronus zu beschwören, einen zarten, kleinen Schmetterling, der im ersten Augenblick viel zu gebrechlich schien als dass er es jemals mit einem Dementoren aufnehmen könnte (und Brooke hatte auch nicht vor, es in naher Zukunft auszuprobieren), ehe sie ihm ihre Worte mitgab, um die anderen Ordensmitglieder zu informieren.

    Ende

  • Rückblick auf Dienstag, den 26. April 2022

    Später Abend

    Luke Naydenov @Deverell Rudolphus Burton

    Marktgeschrei  @Richard Martin Emmerich




    Vor den Fenstern war es längst Nacht geworden. Regen tropfte vom Himmel und malte Schlieren an die Scheiben, von denen niemand Notiz nahm. Seit einigen Stunden schon, seit sie direkt aus dem Ministerium zum Grimmauldplatz geeilt war, saß Abby hier und starrte auf einen metallenen Kelch. Den Kelch. Seit Wochen hatte sie ihre freien Nachmittage, ihre Nächte, Stunden um Stunden hier verbracht. Es schien nichts mehr zu geben als diesen Raum, diesen Kelch, immer wieder. Die Tage und Nächte flossen ineinander.

    Und doch war heute ein ganz besonderer Abend. Auch wenn niemand außer ihr selbst davon zu wissen schien. Auch wenn keines der Ordensmitglieder, die heute im Grimmauldplatz ein und aus gegangen waren, ein Wort darüber verloren hatte. Auch wenn sie die Briefe ihrer Familie, die Päckchen von Jonas und Leandra ungeöffnet auf ihrem Bett in der WG zurückgelassen hatte. Heute war ein besonderer Tag gewesen. Vielleicht lag es daran, dass Abby sich nicht auf das Buch konzentrieren konnte, das vergessen neben ihrem Stuhl am Boden lag („Schwarzmagische Flüche erkennen, aufspüren und bannen, Band II“).

    Tief in ihre Gedanken versunken saß Abby vor einem Schreibtisch in einem kleinen Raum des riesigen Hauses, jenem Raum, in dem bereits die unglückselige halbe Glaskugel aufbewahrt worden war. Sie hatte ihr Geheimnis eines Tages preisgegeben. Abby saß vornübergebeugt, ihr Gesicht ruhte auf ihrer Hand, aufgestützt auf dem Ellbogen. Die Finger der anderen Hand strichen über die geschwungenen Verzierungen des Kelchs. Die Hoffnung, dass es sich mit ihm ähnlich verhalten würde, dass auch er sich ihr irgendwann offenbaren würde, hatte sie aufgegeben. Auch die Begeisterung, mit der sie zu Beginn den Kelch nach Zaubern untersucht hatte, stundenlang, war der Gleichgültigkeit gewichen. So schön er anzusehen war, der Kelch hatte sie bisher keinen Deut weiter gebracht. Georgina war noch immer tot, Bertie schwer verletzt, Deverell und sie selbst schwebten in Lebensgefahr und Brooke hatte ein Auge verloren. Und wofür das alles? Damit sie am Abend ihres Geburtstags mutterseelenallein hier sitzen und ein dummes, wunderhübsches Stück Metall bewachen konnte.

    Der schmerzende Knoten, der sich im Lauf der letzten Wochen in ihrer Magengegend eingenistet hatte, machte sich erneut bemerkbar. Abby biss die Zähne aufeinander, so fest, dass ihr Kiefer schmerzte.

    Wer wäre denn schon gekommen, um heute mit ihr zu feiern? Mit wem, wenn nicht mit dem Kelch, hätte sie den Abend verbracht? Mit Iseult und Darling vielleicht. Aber ansonsten... Es gab Menschen, die Abby gern um sich gehabt hätte. Menschen, die sich alle von ihr abgewandt hatten. Olivia sprach nicht mehr mit ihr. Freckles zog die Gesellschaft achtbeiniger Menschenfresser der ihren vor. Ihre Familie hatte Abby seit Wochen nicht mehr gesehen. Und Deverell...

    Abby hielt inne. Sie glaubte, irgendwo im Haus ein Geräusch gehört zu haben. Oder spielten ihr ihre Sinne, geschwächt durch den andauernden Schlafmangel, einen Streich? Die Finger, die eben noch beinahe zärtlich über die Oberfläche des Kelches gewandert waren, umschlossen den Griff ihres Platanenstabs. Abby lauschte.

  • Ehrlich gesagt: Brooke war froh, dass dieser Abend ruhiger war. Dass sie ein wenig Zeit für sich hatte, auch wenn die Entscheidung, noch den Grimmauldplatz aufzusuchen, sicherlich nicht unbedingt förderlich für die Einsamkeit war. Doch in den letzten Tagen, Wochen, Monaten schien die Zeit so selten still zu stehen, schien alles an ihnen vorbeizurasen und noch immer außerhalb ihrer Kontrolle zu sein. Ja, der Orden hatte ein Stück Kontrolle zurückbekommen als sie den Kelch gefunden hatten. Etwas, das die Anhänger Voldemorts mit Todessicherheit hätten haben wollen. Doch die Umstände, wie der Orden es letztlich geschafft hatte, saßen Brooke noch immer im Magen. Sie waren nur ein Teil all dessen, was geschah. Die Erkenntnis, dass sie Doran zum Werwolf gemacht hatte, das Bauchflattern, welches Brooke in Herons Nähe verspürte, die Aussprache mit Seamus, aber ganz besonders Cornelia Blomqvists Familienverlust und der Umstand, dass Elias sie kurzfristig zu ihnen geholt hatte. Es war das einzig richtige gewesen, Brooke hatte ihn ja erst darauf aufmerksam gemacht. Ja, die Todesser hatten das junge Mädchen am Leben gelassen, doch das hieß nicht, dass sie sicher war. In Hastings jedoch war sie es gewesen, auch wenn sie selbst das vielleicht nicht so empfunden hatte. Auch wenn es lange dauern würde, bis sie sich überhaupt wieder auch nur ansatzweise sicher fühlte.
    All diese Ereignisse sorgten jedoch dafür, dass Brooke sich ausgerechnet heute damit begnügte, ihre Ruhe zu haben. Vielleicht würde irgendwann ein Brief ihrer Mutter in dem Postfach auftauchen, das sie extra für die Korrespondenz mit ihr gemietet hatte. Eine Karte, einige Tage zu spät. Und vielleicht würde Brooke sich darüber freuen. Doch nicht heute. Und so ließ sie das unangenehme Gefühl über sich ergehen, das einen immer überfiel, wenn man den Grimmauldplatz betrat, öffnete die Tür zu den dunklen Gängen – und atmete für einen Moment tief ein, die Augen geschlossen. Die Schicht im Monkshood war relativ ruhig gewesen, doch bevor sie nach Hause ging, konnte sie zumindest einmal kurz vorbeischauen, ob noch Hilfe benötigt wurde. Es war ein Standardweg, den Brooke inzwischen immer nahm, wenn sie von der Arbeit kam. Doch unten war alles leer, schien es beinahe wie ausgestorben. Es war nur ein Hauch von Erleichterung, der von Brookes Schultern fiel, denn auch wenn ihr Pflichtgefühl sie hergerufen hatte, so war sie doch trotzdem nicht traurig darum, direkt weiter nach Hastings apparieren zu können. Vielleicht würde sie sogar noch einen kleinen Kuchen backen. Und ein wenig Zeit mit Charlie und Ernie kuschelnd vor dem Kamin verbringen …
    Die Stufen in den ersten Stock nehmend, blickte sich Brooke noch einmal um, rümpfte leicht die Nase. Es lagen Gerüche in der Luft, bekannte, doch sie mochten auch schon am Verfliegen sein, sie konnte es nicht sagen. Seit dem Aufeinandertreffen mit den Todesser:innen im Februrar war ihr Sehsinn geschwächter, dafür schienen die anderen sich noch ein wenig verstärkt zu haben. Erst als sie auf dem Weg in den zweiten Stock war, wurde die Vermutung stärker, dass der Grimmauldplatz tatsächlich nicht ausgestorben war. Ob noch immer jemand den Kelch bewachte? Bei der Kugel hatten Geraldine und sie den Job übernommen und Brooke war nicht traurig darum, das dieses Mal nicht machen zu müssen. Anfangs hatte sich Earnestine drum gekümmert, aber durch die Ereignisse der letzten Woche konnte sich Brooke nicht mehr daran erinnern, ob noch jemand anderes dafür zuständig gewesen war. „Hallo?“ Viel zu laut hallte ihre Stimme durch die Nummer 12, ehe sie die Stirn leicht in Falten legte. „Ist jemand da?

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