Von dem Zustand des eigenen Körpers war ihr nicht viel klar. Es waren in diesem jetzigen Augenblick unterschiedliche Dinge, die ihr offensichtlicher waren als die Schürfwunden, die Schnitte oder die Hämatome, die sich über ihre schmutzige Haut zogen und in einem eigenartigen Muster ineinander verwoben waren. Ihr Rücken musste wie ein Jackson Pollock aussehen. Doch es waren nicht die oberflächlichen Wunden, die ihr die letzte Kraft raubten, die sie so geschwächt hatten. Es waren so viele andere Faktoren; die Erschöpfung, die das Gehen der letzten Schritte und das Ablegen der Kleider von ihr gefordert hatte, die Glieder, die keine Kraft mehr in sich trugen und auf Dauer nachgaben. Es war die Schwäche, die sie bei jedem Schritt begleitete, die ihr mit jedem Moment bewusster wurde, die sie nicht losließ.
Es würden ab einem gewissen Punkt auch die inneren Schmerzen ans Bewusstsein dringen, die langfristigen Konsequenzen würden sich sichtbar machen, ob Flüche angewandt wurden und welcher Art diese waren. Und es würde sich dann erst bewusst machen, welche Schäden sie wirklich noch bekämpfen musste. Layla hoffte einfach, dass sie diese - so schnell es irgendwie möglich war – beseitigen und Mittels Zaubern und Tränken selbst behandeln könnte. Sobald sie wieder einen Zauberstab hatte, sobald sie diagnostiziert hatte, was da in ihr brodelte, konnte sie sich damit befassen, was sie erwartete, was sie was sie tun könnte. Jetzt wäre sie einfach nur sehr froh darum, wenn sie diese oberflächlichen Wunden loswerden konnte, wenn sie zumindest optisch wieder zu ihrem alten Sein zurückkehrte.
Layla wartete, bis sich der Stoff gelöst hatte und zog auch diesen von den eigenen Schultern. Es war sehr erleichternd, dass er ihre ohne Umschweife geholfen hatte, die Situation nicht ausnutzte, sondern professionell und freundschaftlich auf die Sache blickte. Die Augenlider sanken herab, sie atmete tief ein, dann drehte sie den Kopf zu ihm. Das Gesicht ihres Gegenübers war für sie kaum zu lesen. Was dachte er? Was sah er? Es wirkte beherrscht, ruhig, aber nicht auf eine strenge Art und Weise. Es war immer noch weich, zugänglich. Er hatte sich nach Innen abgeschottet, nicht in den eigenen Gedanken verloren, zumindest sah es ganz danach aus.
In dem Moment der Stille fuhr sie mit dem Finger an seinem Arm entlang und griff nach seiner Hand. Sanft drückte sie seine Finger, ließ diese auch nicht los, als sie vorsichtig ein Bein und dann das andere über den Wannenrand zog. Ebenso wie davor waren diese Bewegungen langsam und vorsichtig. Sobald sie darin stand, legte sie eine Hand seitlich auf den Rand und ließ sich sinken, verzog das Gesicht, als sich die Schmerzen über ihren Rücken bis in ihren Nacken und ihre Fingerspitzen zogen. Sie vermied jegliche Geräusche, vermied das Aufschreien oder Seufzen oder irgendwas, krallte sich nur so an dem Wannenrand fest, bis ihre Knöchel weiß hervortraten. Bis sie saß.
Erst dann schien sich der Schmerz etwas zu lösen, wenn auch nur zu einem kleinen Anteil, sodass sie die Hand von dem Wannenrand lösen konnte, diese zum Wasserhahn ausstrecken konnte und aufdrehte. In der ganzen Zeit löste sie ihre Finger von nicht seinen, sie zog sogar leicht an ihnen, als ob sie wollte, dass er sich auf der anderen Seite der Badewanne, auf der trockenen Seite, hinsetzte. Der Kopf wurde gesenkt, an der Wange wurde er auf den angezogenen Knien abgelegt, die Augen blieben noch einen Moment geöffnet, betrachteten ihn, während das warme Wasser in die Wanne floss. Die Schmerzen pochten noch in ihrer Wirbelsäule, weshalb sie die Lippen für einen Moment aufeinanderpresste.
Nach einem Moment öffnete sie die Augen, versuchte sich an einem Lächeln. „Was ist deine Lieblingsspeise, Jonas, und warum?“ Es mochte wie eine unnötige Frage wirken, Smalltalk, den sie so gar nicht mochte, über den sie nicht gerne nachdachte, aber sie wollte einfach seine Stimme hören und abgelenkt werden.
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Jonas versuchte ganz bewusst sich von den Gedankengängen in seinem Inneren zu lösen, das hier und jetzt einfach an ihm vorbeiziehen zu lassen ohne sich allzuviele Gedanken darum zu machen, welche Konsequenzen Laylas Zustand haben konnte, oder eher: wie er überhaupt zustande gekommen war. Er schaltete gewissermaßen auf Durchzug, ließ die Eindrücke an sich vorbeirauschen, wusste, dass dies der einzige Weg war, wie er gerade wirklich produktiv und hilfreich sein konnte. Wenn er sich in dem weshalb, wie und wer verlor, würde er sich in etwas reinsteigern, was weder Laylas Situation zuträglich wäre, noch ihm irgendetwas brachte. Also atmete er tief durch, konzentrierte sich auf die Finger an dem Verschluss des BH’s, war bedacht darauf, so wenig wie möglich ihrer Haut zu berühren, um sie nicht versehentlich durch Druck auf eine lädierte Stelle zu verletzen.
Kaum, dass er diese Arbeit vollendet hatte, zog er sich zurück, wartete ab, während Layla sich die Träger von den Schultern striff und auch dieses vorletzte Kleidungsstück den Boden fand. Als die ehemalige Hufflepuff den Kopf zurück über ihre Schulter wandte, erwiderte Jonas ihren Blick, hob ein wenig fragend die Augenbrauen, wie um seine Frage von zuvor noch zu unterstreichen. Layla jedoch erwiderte nichts. Statt einer Antwort - oder als genau diese? - hob sich der Arm der Hexe, und die Finger ihrer Hand striffen zunächst seinen Arm, entlockten dem Zauberer nun eine Reaktion, ein skeptisches Zusammenziehen der Augenbrauen. Was wurde das, Layla? Im nächsten Moment griff die brünette Hexe nach seiner Hand und zog ihn daran zur Badewanne. Jonas legte den Kopf ein wenig zur Seite, kommentierte die Situation allerdings nicht, sondern gab nach, half ihr als Stütze beim Einstieg in die Wanne und sah aufmerksam zu, wie sie sich die Hexe in eine sitzende Position zu setzen suchte. Und auch wenn sie keinen Laut von sich gab, bemerkte Jonas ihren Schmerz, sah ihn in ihrer verkrampften Haltung und den weiß hervortretenden Knöcheln, spürte ihn in dem Griff an seiner eigenen Hand. Er begleitete sie bei ihrem Abstieg, glitt in die Hocke. Erst als sie fest saß und mit der freien Hand den Wasserhahn bediente, folgte der Waliser ihrer nonverbalen Aufforderung und sich ebenfalls hin, fand seinen Platz auf der anderen Seite des Wannenrands, parallel zu der ehemaligen Hufflepuff und wartete ab. Er hinterfragte nicht, weshalb sie ihn nicht fortschickte - er hatte sich bereiterklärt ihr zu helfen. Und wenn sie nicht allein sein wollte, konnte er das akzeptieren.
„Hmm” gab er kehlig, aber ruhig von sich, räumte sich auf ihre Frage hin einen kurzen Augenblick des Zögerns ein, in welchem er überlegte, seinen Blick durch den Raum schweifen ließ, bis ihm etwas einfiel. „Ich weiß nicht, ob es das Lieblingsgericht ist, aber als ich in Nepal war, gab es so… Teigtaschen, gefüllt mit Gemüse und Erbsen.” Er verzog ein bisschen den Mund, wollte ihm doch partout nicht einfallen, wie das Gericht hieß. „Sorry, ich weiß nicht wie es heißt. Aber ich erinnere mich, dass ich eine Stadt besucht habe und dort an jeder Straßenecke welche angeboten wurde - und überall schmeckten sie anders.*” Ein begeisterter, ungläubiger Ausdruck hatte sich aus seinem Gesicht gefestigt, während er sich an das so fremde und doch so bekannte Geschmackserlebnis erinnerte. Gut, zugegeben, vielleicht war es ihm auch bloß so in Erinnerung geblieben, weil er seit Tagen nichts gegessen hatte und er an jedem Stand umsonst eine der Teigtaschen zum probieren angeboten bekommen hatte. Er war dankbar gewesen und hungrig. Also vielleicht nicht das beste Gericht, das er hätte wählen können. Er zuckte mit den Schultern. „Zuhause hab ich mich immer gefreut, wenn es Cawl** gab, aber ich glaube das war so ein Kindheitsding. Könnte dir jedenfalls nicht sagen, was daran so toll ist?” Joa. Und das war das. Der Blick richtete sich auf die Hexe, deren Körper inzwischen maßgeblich mit Wasser bedeckt war. „Und was ist mit dir, Night?”, erfragte er, ließ seiner Stimme wieder etwas neckischeres anhaften, war es für den Moment doch leicht zu vergessen wie es ihr eigentlich erging. Ja, auch trotz der Tatsache, dass sie nackt neben ihm saß. „Was ist dein Lieblingsgericht?”* = Samosas. Er meint Samosas
** = Walisischer Lammfleischeintopf. -
Das unheimlich heiße Wasser erzeugte so viel Dampf, dass die beiden Gestalten schon bald nach dem Einlassen in eine Wolke gehüllt waren. Da die Tür des Bads geöffnet war, verzog sich nur ein geringer Teil der Luft, sodass die Silhouetten des Mobiliars und auch ihnen immer noch erkennbar waren, sie sein Gesicht sehen konnte, die strahlend blauen Augen erkennen konnte. Das Wasser schwappte gegen ihren Körper und wusch den ersten Schmutz von ihrer Haut, sodass es schon bald eine grau-braune Farbe annahm. Es fühlte sich unheimlich schön und angenehm an, wie eine warme, liebevolle Umarmung, ähnlich der, die sie vorhin erhalten hatte, als die Hitze sie umhüllte.
Für diesen anfänglichen Moment schloss sie die Augen, unterbrach ihren Blickkontakt damit, um dieses anhaltende Gefühl zu genießen, das zu einem Teil den Schmerz nahm. Es war, als ob das heiße Wasser ihre Muskeln entspannte. Zumindest die Muskeln, die nach dieser Ewigkeit noch irgendwie übrig geblieben waren. Layla hoffte darauf, dass sie keine langfristigen Folgen erwarteten und sie baldigst schmerzfrei durch das Leben wandern konnte. Dass sie sich wieder normal bewegen konnte, sie wieder trainieren konnte, schmerzfrei und losgelöst. Dass sie ihrem Alltag nachgehen konnte, den sie mit jeder Pore ihres Seins vermisste. Sie war ein Mensch, der gerne viel beschäftigt war, der sich gerne viele Sachen vornahm, der nicht ruhte, bis alles erledigt war. Eine Mischung aus Arbeit und spaßiger Freizeitgestaltung. Wann hatte sie das letzte Mal zu lauter Musik getanzt, wann das letzte Mal auf ein Bier verabredet? Sie wollte all dem nachgehen. Sie wollte leben. Es war ihr so unangenehm, so unselbstständig zu sein, so abhängig von einer weiteren Person. Auch wenn diese Person es ihr nicht zum Vorwurf machte, es ihr nicht vorhielt, sie sich auch sehr wohl fühlte in der Konstellation, war es eigenartig. Es war eine Sache von Stolz und von Eitelkeit. Sie hatte nicht ein Leben lang darauf hingearbeitet, alleine sein zu können, auf eigenen Beinen zu stehen, um in der Blüte ihres Lebens nachzugeben und sich von jemandem abhängig zu machen, der sie am Ende des Tages waschen müsste. Nein, Layla war nicht bereit, so ihr Leben zu verbringen. Obwohl es sich gerade sehr gut anfühlte..
Die geschwächte Frau lauschte seiner angenehmen, tiefen Stimme, während er von seinen Erlebnissen erzählte, und fuhr dabei mit der freien Hand über ihre Beine, wusch den Schmutz von ihnen. Sie hoffte, dass die Seife, die an seinem Oberteil so gut gerochen hatte, ebenfalls hier war, und sie sich nachher daran bedienen könnte. Der Schmutz löste sich langsam, verdreckte das Wasser nur noch mehr. Vielleicht müsste sie bald eine weitere Wanne einlassen. Währenddessen ließ sie seine Hand nicht los, drückte immer wieder sanft die Finger zusammen, wie um sich zu vergewissern, dass er noch da war. Obwohl sie ihn hörte, seine Worte vernahm, schien ihr das nicht zu reichen.
Bei seiner Erzählung erschien ein Lächeln auf ihren Lippen, sie öffnete die Augen wieder. Sie mochte es, wenn er viel redete, wenn er über sich erzählte. Vieles, was nicht unbedingt einer Beleidigung nahe kam. Der Kopf lag immer noch auf ihren Knien, die dunklen Locken, die ins Unermessliche gewachsen waren, schwommen im Wasser, verabschiedeten sich auch da von dem oberflächlichen Schmutz. „Wie war es in Nepal?“, fragte sie leise, interessiert. Sie wusste, dass er von Samosas sprach, aber sie würde ihn nicht belehren, nicht den Besserwisser raushängen lassen, dafür war es für sie zu entspannt. „Wie genau kamst du dahin? Wo warst du davor?“ Ihre Fragen gingen in die Tiefe, verlangten indirekt, dass er weitersprach, dass er sie von ihren Gedanken und ihren Schmerzen ablenkte, dass er das angenehme Gefühl des Wassers verstärkte. Bei seiner Frage legte sie das Kinn auf die Knie, verzog das Gesicht nachdenklich, fuhr sich mit der Hand währenddessen über die Oberschenkel. Dann seufzte sie und schloss genussvoll die Augen, als ihr der Geschmack ihrer Lieblingsspeise in den Kopf kam. Weil sie bei dem Gedanken schon fast sabberte, fiel ihr nicht auf, dass er sie bei ihrem alten Namen nannte. „Schokoladenkuchen mit einer großen Portion Sahne. Oder Schokomuffins! Uff..“ Danach war sie immer kurz vor dem Erbrechen, weil es zu viel Zucker in ihr System brachte, doch bei Merlin, dafür würde sie alles andere aufgeben. Jede Pastavariation, jeden Snack, alles. „Weil es mir das Gefühl gibt, Zuhause zu sein. Meine Mutter hatte einen solchen jeden Sonntag gebacken, und für mich gab es immer nur ein winziges Stück, weil mein Bruder und mein Vater so gierig waren.“ Wieder drehte sie den Kopf zu ihm. „Und als ich dann bei meiner Großmutter lebte, habe ich die Tradition fortgeführt. Sogar in Hogwarts habe ich häufig einen gebacken.“ -
Jonas hielt den Blick größtenteils geradeaus gerichtet, während er sprach, ließ ihn lediglich hin und wieder kurz auf den Boden oder gen Decke schweifen, um irgendetwas anderes zu beobachten. Sein Gedanke war, Layla damit gleichermaßen Privatssphäre wie Gesellschaft zu ermöglichen. Ob ihm das gelang konnte wohl nur die ehemalige Hufflepuff entscheiden. Er fragte sie allerdings nicht danach, ließ sich stattdessen auf das von ihr gewählte Thema ein, antwortete ausführlich und wahrheitsgemäß. Er beobachtete die Verfärbung des Wassers nicht, ging aber auch nicht davon aus, dass sie allzu schnell wieder das Bad verlassen würden. Immerhin hatte die Hexe zuvor so ausgesehen, als wäre es durchaus mehrere Monate her, dass sie ein Bad gesehen hatte. Da konnte sowas schonmal dauern. Und wenn nur um das warme Wasser an der eigenen Haut zu genießen. Jonas erinnerte sich an sein eigenes erstes warmes Bad im Grimmauldplatz, kurz nach seiner Rückkehr. Zwar hatte er sich auf seiner Reise mittels Magie oder gelegentlich auch in einem Fluss oder See baden können, doch ein warmes Bad, das war in den zwei Jahren unterwegs vielleicht ein oder zweimal vorgekommen, wenn er mal eine Nacht in einem Gasthaus verbracht hatte.
„Keine Ahnung”, erwiderte er auf ihre Frage danach, wie Nepal gewesen sei und verlor sich auf der Absurdität dieser Aussage in ein kurzes, kehliges Lachen. „Ich hab nicht viel davon gesehen. Also vermutlich schon, aber mich nicht konzentriert. Nicht darauf.” Er zuckte mit den Schultern. Dieser kleine Abstecher war nicht für den Orden gewesen, auch wenn er schlussendlich dort eine Spur gefunden hatte. Er hatte nach Marius gesucht, dessen Spuren wiederum in das ferne Land geführt hatten. Er wusste nicht mehr so genau, wie er ausgerechnet auf Nepal gekommen war, doch er hatte nach seinem Freund gesucht - hatte einer Finte nach der anderen nachgejagt, hatte sich tief in die Gebirge begeben, nur um schlussendlich keinen Funken weiter gewesen zu sein. Er hatte keine Ahnung, wo er war. Vielleicht, durchfuhr es den Zauberer mit einem ergebenen Seufzen, war er einfach tot. Vielleicht wäre das sogar das Beste.
Die restlichen Fragen der Hexe verhingen für einen Moment in der Luft, dann runzelte Jonas die Stirn, schüttelte ein wenig den Kopf. „Sorry. Können wir über was anderes Reden?” Das war ein wunder Punkt, gewissermaßen, so wie es eigentlich die ganze Reise war. Er sprach nicht gerne darüber, selbst nicht mit den Leuten aus dem Orden. Die Fährten, die er verfolgt hatte, hatten schlussendlich alle in einer Sackgasse gelandet - und keine von ihnen war sonderlich angenehm gewesen. Die zusätzlichen Narben auf seiner Haut sprachen Bände darüber, doch er war nicht bereit, sich jetzt zu erklären. Er hatte dem Orden die wichtigsten Infos über seine Reise mitgeteilt. Alles andere… blieb lieber da, wo es war.
Laylas Erzählungen über ihr Lieblingsessen kam ihm also Willkommen und ein kurzes Schmunzeln glitt über seine Lippen, während er sich mit der freien Hand über den Nacken strich. „Ah, Schokolade und… Schokolade. Ich glaube, ich erkenne ein Muster”, witzelte er, dann jedoch wurde er wieder ruhig, gab ihre Begründung doch deutlich interessantere Details preis, verriet nicht nur etwas über das Verhältnis zu ihrer Mutter, sondern auch zu ihren grundsätzlichen Verhältnissen. Sie war zu ihrer Großmutter gezogen. Weshalb? „Wie kommt es, dass du bei deiner Großmutter gewohnt hast?” Nun wandte der Zauberer doch den Blick zu der Dame in der Badewanne. „Wenn du nicht drüber sprechen willst, ist das ok.” Immerhin hatte auch er entschieden ein Thema nicht vertiefen zu wollen. Sie war ihm keine Antwort schuldig. Das hier sollte eine entspannende Unterhaltung werden, keine, die Dinge aufwühlte, Emotionen löste, die sie beide nicht haben wollten. Der Zauberer lächelte, als sie Hogwarts erwähnte. Auch wenn er es damals vielleicht nicht immer so bewusst gehabt hatte: Eigentlich war die Zeit innerhalb der Schlossmauern eine sehr glückliche, entspannte gewesen. Zumindest die Unbeschwertheit der damaligen Zeit wünschte er sich gelegentlich zurück. „Ah, das Geheimnis der Hufflepuffs”, warf er ein. Er selbst hatte in all den Jahren nie einen Abstecher in die Schulküche unternommen - aber vielleicht auch, weil es ihn einfach nicht genug interessiert hatte. Wenn er etwas gebraucht hatte, hatte er einen seiner Freunde geschickt. Nun jedoch erschien es ihm ein passendes Thema zu sein. „Also… nun wir beide wohl so schnell nicht mehr dorthin kommen: Wo genau hat sich die Schulküche versteckt?” Er hatte es einmal versucht aus Aneurin herauszubekommen, war damit aber nicht sehr weit gekommen. Oder vielleicht hatte er es auch nur einfach vergessen... -
Damals, kurz nach seiner Ankunft in Großbritannien, hatte er allen Mitgliedern des Ordens die wichtigsten Informationen mitgeteilt, die er über seine zwei Jahre der Abwesenheit sammeln konnte, die er in seinem Ermessen als wichtig oder erwähnenswert empfand. Sie erinnerte sich kaum an die Erkenntnisse, waren es keine gewesen, die besonderen Wert für ihre Mission hatten, keine Informationen, die sie verarbeiten konnten, weshalb der Rest der Erzählung nicht abgespeichert wurde. Es war zu der damaligen Zeit, die gar nicht so lange zurücklag, zu viele Informationen gewesen, zu viele neue Empfindungen, zu viele Veränderungen. Außerdem war es Jonas gewesen, niemand, dem sie damals besonders große Bedeutung geschenkt hatte, dessen Worte und Erzählungen, solange sie keinen Mehrwert für ihre Organisation und Zukunft erzeugten, vergessen waren. Sie erinnerte sich nicht mehr an die Orte, die er gesehen hatte, und auch die Motivation, dies für eine so lange Zeit zu tun, waren ihr unbekannt. Diese hatte er nicht verdeutlicht. Wer war sie, nach diesen Informationen zu fragen, zu bohren, wo sie kein Anrecht darauf hatte, wo sie keine Rechenschaft verlangen konnte.
Und, das musste man der Hufflepuff auch zugutehalten, obwohl sie von neugieriger Natur war, gerne nachfragte und mehr über den Menschen erfuhr, war sie an einem Punkt in ihrem Leben, wo sie selbst wusste, welche Geheimnisse der Mensch in sich wahren konnte und manchmal auch musste, welche Herausforderung dies für das Individuum darstellte und welcher Bedeutung diese waren. Es war das Recht des Menschen selbst, zu entscheiden, wem er was erzählen wollte, welche Informationen er weitertrug, und Layla verstand, dass die Grenze des jungen Fawleys damit erreicht war. Deshalb nickte sie auf seine Frage, entschuldigte sich jedoch auch nicht für das bisherige Fragen. Denn, und dies, so hoffte sie, wäre ihm klar, hätte er nicht beantworten müssen, wenn er nicht wollte. So schätzte die junge Frau ihr Gegenüber auch ein; ein Merkmal, das sie an ihm akzeptierte.
Bei dem Gedanken an Schokolade trieb es ihr die Spucke im Mund zusammen. Sie hatte schon so lange keine Schokolade gegessen, schon so lange kein Essen genossen, das nicht Brot oder pampiger Reis war, keinen guten Wein getrunken, kein.. Ihr Magen knurrte und sie verzog das Gesicht. Beschämt? „Sorry, ich liebe einfach Schokolade, dass mich der Gedanke daran direkt mitreißt“, raunte sie darauf nur und hielt sich die freie Hand an den Bauch. Die Beine streckte sie im Schmutzwasser aus und begann dann, weil es gerade so passend erschien, den Dreck von ihrem Oberkörper zu reiben. Ihre Hautfarbe schien förmlich eine andere Schattierung anzunehmen, sobald das Dunkel wegkam.
Dieses Mal wandte sie den Blick ab, nicht, weil es ihr zu intim wurde, wie sie nun vor ihm saß (Layla scherte sich nicht um diese alten Konventionen und hatte schon früh gelernt – Dank gebühre diesbezüglich ihrem lieblichen Cousin Jonathan –, sich mit Nacktheit abzufinden, da sie schon diverse Male in den Badezimmern der Schule von jenem in die Ecke gedrängt und geshamet, ja, gemobbt wurde), sondern weil sie einen Moment überlegte. Das Verfolgen ihrer eigenen Hand schien ihr eine gute Entschuldigung dafür zu sein, die sich nun langsam über die Brust herauf bis zu dem Hals und die Schultern bewegte. „Meine Eltern sind nicht so gut auf mich zu sprechen“, erzählte sie, ein entschuldigendes, halbherziges Lächeln auf den Lippen. Sie würde sich gern für ihre Fehler als Kind bei ihnen entschuldigen, doch dazu mussten sie sich zunächst eingestehen, dass sie das mittlere von fünf Kindern schlecht behandelt hatten, dass sie sie weggegeben hatten, weil es damals zu jung und zu dumm war, um die Ausmaße der eigenen Magie zu verstehen. Sie hätten das direkte Gespräch suchen müssen, und dessen waren sie nicht Imstande. Sie schüttelte den Kopf. Es war albern, daraus noch ein Geheimnis zu machen, dem so viel Macht zu geben, wie sie es immer getan hatte. „Ich habe in einem Ausbruch meiner Magie meinen Bruder von seinem fliegenden Besen befördert und er ist unglücklich aufgekommen. Er war nicht mehr zu retten.“ Ihre Stimme gewann über den letzten Satz an Kühle, das Verträumte von eben war verschwunden. „Ich glaube, sie halten es mir immer noch vor. Es ist nicht schlimm, alles ein Teil der Vergangenheit, nicht wahr?“ Ihre freie Hand fuhr über das eigene Gesicht, rieb auch da den Schmutz von den Wangen. Wie gerne hätte sie jetzt ein Stück Schokokuchen, das würde ihre Laune wieder erhellen.
Doch das brauchte es nicht einmal unbedingt. Die Frage nach der Schulküche rief nämlich Erinnerungen hervor, die sie wieder ablenkten, die ihr einen schwelgenden Blick verliehen. All die Male, die sie dort mit Jared gesessen war, um ihre Comics zu lesen und Schokokuchen zu essen, all die Male, die sie mit der ein oder anderen Person aus der Unterstufe dort gebacken hatte, all die Male, die sie zum Mitternachtsessen dort gesessen war, weil sie während der normalen Zeit des Abendessens gelesen hatte.. Sie öffnete wieder die Augen und hob die Augenbrauen. „Wenn ich dir verrate, wo sie ist, kriege ich das wohlduftende Shampoo, nach dem du riechst?“ -
„Ich merk’s”, erwiderte Jonas mit einem seichten Schmunzeln. Die Betrübung von zuvor, seine Weigerung über seine Reise in Details zu sprechen, schien schon wieder verdrängt zu sein. Er war dahingehend auch nicht nachtragend. Er hatte seine Gründe, warum er darüber nicht sprechen wollte und solange Layla das akzeptieren konnte, war für ihn alles in Ordnung. Fragen durfte sie ja, dafür würde er sie nicht verurteilen. „Also ist das mein Auftrag, sobald du aus dem Bad bist?”, fragte er mit einem neckischen Grinsen auf den Lippen, „Dir einen Schokokuchen zu besorgen?” Ob er in der Lage wäre einen selbstzubacken, wusste er nicht. Das Kochen gelang ihm nach seinen zwei Jahren im Exil inzwischen deutlich besser - ja, er hatte sogar Freude daran gefunden, sich an neuen Rezepten auszuprobieren. Backen allerdings hatte er nie gelernt. War es deutlich schwerer als Kochen oder im Grunde genauso leicht zu erlernen? Vielleicht sollte er sich aber bei Laylas erstem Schokokuchen seit Lange nicht zwingend daran versuchen. Immerhin wollte er nicht Schuld sein, wenn das dann gehörig in die Hose ging und die ehemalige Hufflepuff enttäuscht war.
Ein Schweigen überkam Layla, als er nach dem Grund dafür fragte, dass sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen war. Jonas hatte nicht vor, sie nach etwas zu fragen, dass zu bedenken ihr schmerzte, aber er hatte ihr fairerweise ja auch direkt angeboten, dass sie seine Frage unbeantwortet lassen konnte. Das war ja selbstverständlich. Doch Laylas Schweigen war keine Ablehnung seiner Frage, es schien vielmehr ein Nachdenken zu sein, eine Suche nach den richtigen Worten. Welche Worte dann als erstes über ihre Lippen kamen, entlockten dem Zauberer ein knappes Glucksen. „Ja… Willkommen im Club”, gab er mit bitterem Amüsement von sich, schüttelte dann aber knapp - und wohl entschuldigtend gemeint - den Kopf. Das war ihre Geschichte, nicht seine. Er hatte sie gefragt, also würde er sich auch ihre Antwort anhören, ohne dazwischen zu quatschen. Kurz wandte er den Blick zur Seite in der Hoffnung ihr damit auch optisch die Aufmerksamkeit zu schenken, die ihre Erzählung verdient hatte. Layla jedoch hatte sich inzwischen gestreckt und schien sowieso eher mit ihrem Körper beschäftigt, weshalb auch Jonas den Blick wieder von ihr nahm, lieber die zum Teil gekachelte Badezimmerwand betrachtete.
Die Geschichte, die allerdings hinter der Abneigung Laylas Eltern zu stecken schien, entlockte Jonas ein leichtes Stirnrunzeln, ein zusammenziehen der Augenbrauen. Oh. Er wusste dass solche Sachen passierten, dass die emotionalen Ausbrüche von Kindern zu Situationen führten, die für jemand anderen tödlich endeten. Es war im Grunde keine Seltenheit, nichts Unbekanntes. Und doch war es jedesmal eine Katastrophe, die die Familie heimsuchte.
Jonas wusste nicht, was er sagen sollte. Er empfand Bedauern für die Situation Laylas und gleichermaßen Verständnis wie Unverständnis über die Reaktion ihrer Eltern. Einerseits konnte er verstehen, wie ein solches Ereignis an den Eltern nagen mochte, andererseits war ihm unverständlich, wie man nach dem Verlust eines Kindes ein weiteres von sich stoßen konnte. Und dennoch verbalisierte er diese Gedanken nicht. Es würde nichts ändern. Weder ein geäußertes Mitleid, noch gutes Zusprechen, dass die Vergangenheit Vergangenheit war und ihre Eltern darüber hinwegkommen sollten und sie andernfalls nicht verdient hätten. Es kam ihm leer vor, unbedeutend, gerade von jemandem wie ihm, der Layla im Grunde kaum kannte. Was also sollte er sagen?
Als sich die Lippen des Zauberers trennten, wusste er noch nicht, was seine Kehle verlassen würde und doch kam er dem Drang nach, etwas zu sagen. „Als ich vierzehn war..”, begann er, hielt kurz inne, überlegte ob es vierzehn oder fünfzehn gewesen war. Egal, es spielte keine Rolle. „In den Sommerferien, verliebte ich mich in ein Mädchen aus der Umgebung. Nicht weit weg von unserem Haus war ein Hof, wie es sie in Wales beinahe überall gibt.” Er schüttelte den Kopf, nein, das war nicht die Besonderheit, es gab schließlich auch in der Welt der Magie Menschen, die sich um die Landwirtschaft kümmern mussten. „Sie war ein Muggel und meine Eltern davon erfuhren, haben sie mir verboten, das Haus zu verlassen.” Er wog den Kopf hin und her, ein kurzes schelmisches Grinsen huschte auf seine Lippen, auch wenn es die Augen nicht wirklich zu erreichen vermochte. „Ich habe mich natürlich rausgeschlichen.” Offensichtlich. Welcher vierzehnjährige hörte schon auf seine Eltern? Vielleicht hätte er es besser getan - auch wenn ihn das vielleicht seine ersten Male gekostet hätte. Doch so unbesiegbar er sich in diesem Sommer auch gefühlt hatte: Er war es nicht gewesen. „Sie starb. Die Muggel sagen, sie lief bei einem Sommergewitter über die Ebene, war der höchste Punkt, wurde von einem Blitz getroffen.” Nun zogen sich die Augenbrauen zusammen, ob der Regungen, die nach wie vor in seinem Inneren wohnten, ihn Bitterkeit schmecken ließen. „Doch sie wurde so nah vor der magischen Barriere unseres Hauses gefunden…” Der Kopf des Zauberers wog sich zur Seite, ließ offen, was er seit Jahren nur impliziert hatte, nie aber in Erfahrung hatte bringen können. Und plötzlich kam er sich unsagbar dumm vor, Layla davon erzählt zu haben. Er schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid. Das… hat nichts mit deiner Geschichte zu tun. Außer: ‚Eltern sucht man sich nicht aus’, schätze ich.”
Jonas lehnte sich ein wenig zurück, legte die freie Hand leicht hinter sich auf den Boden, um sein Gewicht zu stützen. Ein kurzes Seufzen entfuhr ihm. Er hätte einfach seine Fresse halten sollen. Glücklichweise schien Layla diese Unhöflichkeit nicht davon abzuhalten, weiter das Gespräch mit ihm zu suchen. Und tatsächlich vermochte ihre Forderung es, ihm ein kurzes Glucksen zu entlocken. „Mein Shampoo?” Er nickte kurz, warf ihr ein neckisches Grinsen zu. „Einverstanden, wir haben einen Deal, Miss Night.” Er würde dafür wohl kurz das Bad verlassen müssen, hatte er das Shampoo doch bereits in seinen Rucksack gepackt, bevor Layla aufgetaucht war. Aber das wäre ja nun nicht wirklich das Thema. Nun, außer natürlich. „Ich fürchte aber, du wirst meine Hand loslassen müssen, damit ich es holen kann.” Der blaue Blick glitt zu der Hexe neben sich. Dass ihre Hände nach wie vor miteinander verschränkt waren, kümmerte ihn nicht - doch er konnte nicht gleichzeitig ihre Hand halten und das Shampoo holen gehen. -
Die mandelförmigen Augen wurden aufgerissen, als er davon sprach, ihr einen Schokoladenkuchen zu besorgen. Natürlich hatte sie in ihrer Notlage nicht immer davon geträumt, wie Schokolade auf ihrer Zunge schmeckte, waren ihre Prioritäten, was ihre Wünsche und ihre menschlichen Bedürfnisse betraf, andere, doch gab es die Momente der Trance, der halluzinierten Bilder und Momente aus ihrem Leben, wo sie die Geschmacksexplosion in ihrem Mund gespürt hatte. Diese Einbildung hatte ihr manchmal einen winzigen Moment der Freude geschenkt. Zumindest in den seltenen Momenten, in dem ihr Schmerz sie so betäubt hatte, ihr Hunger sie so gequält hatte, dass sie ihren Körper zu verlassen schien. Aber es war nicht das, woran sie gerade dachte, denn das Bild eines Schokoladenkuchens blendete ihren Blick, füllte ihre Gedanken, sodass sie für einen Moment lang gar nichts anderes mehr sehen konnte. „Was?“ purzelte es fast schon überfordert über ihre Lippen. Wollte er sagen, dass sie gleich so einen Kuchen haben könnte? Dass sie Schokolade schmecken könnte, wenn sie aus dem Bad kam? Ein verträumtes Lächeln fand sich über die Zeit auf den Lippen der Hungrigen. So ein Schokokuchen wäre wirklich, wirklich toll, aber gleichzeitig wusste sie, dass das Besorgen eines Kuchens auch andere Konsequenzen mit sich brachte. Sein Verschwinden. Layla blinzelte mehrfach, um die Vorherrschaft des Schokoladenkuchens über ihre Gedanken zu lösen, um sich in das Hier und Jetzt zu begeben.
Und sie war noch nicht bereit, seine Hand loszulassen. Sie war noch nicht bereit, allein zu sein, seine Anwesenheit aufzugeben. Sie war nicht bereit.
Es grenzte an Absurdität, wie man den eigenen Charakter um 180 Grad wenden konnte, welches Verhalten man an den Tag legte, wenn man an einem Tiefpunkt angelangt war. Wenn das ursprüngliche Verhalten zueinander, die Rolle, die man bisher in einer zwischenmenschlichen Beziehung – ganz gleich, ob diese positiver oder negativer Natur war – eingenommen hatte, gänzlich eine andere wurde, sich für den Augenblick wandelte und eine ganz neue Beziehung bildete. Layla hatte ihn verachtet. Respektiert, aber verachtet. Er hatte ihr oft das Gefühl gegeben, zu schwach zu sein, zu langsam, zu.. einfach. Sie hatte sich in seiner Anwesenheit bedeutungslos gefühlt, überflüssig. Nicht, weil sie ein Identitätsproblem hatte, weil sie sich immer so fühlte, sondern weil er dieses Gefühl vermittelte. Als ob ein einzelner Mensch ihr das Existenzrecht abgesprochen haben könnte. Und das, ohne ein Wort zu sagen. Es hatten die Blicke von ihm gereicht, um ihr diesen Beigeschmack zu verleihen. Bei jeglichen Treffen hatte sie ein Gespräch mit ihm vermieden, keinen Blick in seine Richtung geworfen. Und jetzt saß sie hier und wollte nicht, dass er ging.
Es war nicht klar, wie lang sie diese Art von Verhalten füreinander an den Tag legen würde, wie lange es gut gehen würde, bevor wieder ein Missgeschick geschah und sie aneinander an die Gurgeln gerieten. Es war unklar, ob sie bei dieser Art bleiben würden oder ob sie wieder zu alten Mustern zurückkehren würden. Es war unklar, wann oder ob es passierte. Und diese Frage interessierte sie nicht, sie quälte sich nicht damit, darüber nachzudenken, wann es vorbei sein könnte, sondern genoss seine Freundlichkeit, seine Erzählungen, seine Hand in ihrer.
„Nein, der Kuchen kann warten“, flüsterte sie, übte mit den rauen Fingern sanft Druck auf seine Hand aus und hob den Blick, um ihn wieder anzusehen. Ein leichtes Lächeln umspielte die Mundwinkel, als er zu seiner Geschichte anstimmte. Einer Geschichte, mit der sie niemals gerechnet hatte, eine Liebesgeschichte aus dem Mund des sonst so kalten Jonas‘. Und es war süß, wie sich ein schelmisches Grinsen auf die Lippen stahl, weil es zeigte, welche Gefühle es auch noch heute in ihm auslöste, auch wenn es die Augen nicht berührte. Doch die Geschichte zog ihr schnell das Lächeln aus dem Gesicht und motivierte die Stirn zu einem Runzeln. Sie starb. Durch einen Blitzschlag. In der Nähe seines Hauses. Es war die Art, wie er betont hatte, dass sie ein Muggel war, dass man ihm verboten hatte, sie zu sehen. Es war die Art, gewisse Aussagen zu wählen, die sie wissen ließen, dass seine Familie wohl Probleme mit einer solchen Verbindung hatte. Hatten sie es deswegen vermieden? Wie sehr hatte es das Herz eines so jungen Mannes gebrochen? Seine Liebe in diesem Alter zu verlieren? Gab er sich die Schuld dafür, wie sie es damals getan hatte? Wobei sie nichts dafür konnten.. Das Hinterfragen der Handlungen von Eltern, das Kritisieren der eigenartigen Verhaltensweisen, die nach einem solchen Vorfall an den Tag gelegt wurden, das vergebliche Suchen nach einer Lösung dieses Problems, all diese Bemühungen musste man hinter sich lassen. Sie hatte es tun müssen und er hatte Ähnliches getan. Sie hatten sich beide von ihren Familien gelöst. Zumindest ging Layla durch seine Erzählung und das, was sie auch bisher von ihm erfahren hatte, davon aus, dass er keine Bindung mehr zu ihnen hatte. Und ähnlich wie bei ihm hatte sie in diesen Moment nichts dazu zu sagen. Dafür kannten sie sich zu wenig.
Sie senkte ihren Kopf, schloss die Augen und legte ihre Stirn an seine Knöchel, ließ sie an dieser Stelle ruhen. Sie atmete einige Male tief durch. Es war eine Geste des Mitgefühls, des Respekts. Es war eine Geste, die der spanische Teil ihrer Familie bei ihren Eltern gemacht hatten, als ihr Bruder beigesetzt wurde, eine Geste, die ihre Großmutter ein einziges Mal gemacht hatte: Als Layla ihr Schicksal akzeptiert hatte und gegenüber ihren Eltern keinen Groll mehr hegte. Eine Geste, die das Kleinkind gemacht hatte, um sich zu bedanken für ihre Liebe, ihr Mitgefühl und ihre Akzeptanz.
Sie war froh, dass es keine besonders auffällige Geste war, sodass sie den Kopf nur etwas heben musste, um das Kinn auf dem Wannenrand abzulegen. Die Augen öffneten sich. Sie blickte auf seine Hand in ihrer und verzog das Gesicht. „Ich will sie aber nicht loslassen“, gab sie leise zu und schob die Unterlippe schmollend vor. Hatte er denn seinen Zauberstab nicht dabei? Aber sie wusste, dass sie nur mit Seife den Schmutz von ihrer Haut kriegen könnte, wenn sie Seife hatte. Und sie wollte gut riechen. Sie wollte wieder weiche Haut und weiches Haar haben. Sie brauchte diese Seife.
Eher widerwillig löste sie ihre Finger von seinen. Sofort fühlte sich ihre Hand nutzlos und leer an und sie blickte kurz auf diese herab. Dann schaute sie zu ihm, lächelte. „Beeil dich!“ Und mit diesen Worten beugte sie sich hervor und entließ das Schmutzwasser aus der Wanne. Während dieses Augenblicks ließ sich nach hinten sinken, sodass ihr Haar im Wasser war und wusch es mit den Fingern. -
Es war ein ehrlich gemeintes Angebot gewesen, auch wenn Jonas es unter einem leidlichen Unterton, einer gespielten Theatralik versteckt hatte. Es würde ihm nichts ausmachen, gleich, wenn Layla etwas Zeit für sich brauchte - vielleicht um sich umzuziehen, vielleicht um einfach einen Moment für sich zu sein, kurz in die Stadt zu apparieren, dort einen Schokoladenkuchen zu kaufen und innerhalb weniger Minuten wieder zurück zu bringen. Wenn es das war, was Layla wollte, was ihr ein Gefühl des Zuhause seins, der Sicherheit geben würde, wäre es wohl das Mindeste was er ihr anbieten konnte. Ein Angebot jedoch, das offensichtlich für Verwirrung bei der ehemaligen Hufflepuff sorgte. Das kleine „Was?“ welches aus ihrem Mund hopste, zeigte, wie surreal ihr die Vorstellung vorkam, weshalb Jonas den Blick ein wenig anhob, um etwas mehr Ernshaftigkeit in seine Worte rutschen zu lassen. „Wenn du willst, kann ich dir einen Schokokuchen besorgen, wenn du mit dem Baden fertig bist. Finde bestimmt irgendwo noch einen.“ Es war ja immerhin mitten am Tag. Die Geschäfte hatten offen und dank Magie würde er keine lange Wegstrecke zurücklegen müssen. Und sobald Layla aus dem Bad gestiegen und sich wieder im Bett oder auf dem Sofa - je nachdem, was ihr eben mehr zusagte - eingefunden hatte, war Jonas sicher, dass sie ein paar Minuten im Grimmauldplatz ohne ihn überleben würde. Der Treffpunkt des Ordens war der sicherste Ort, den Jonas kannte und Layla wirkte nicht derart ernsthaft verletzt, als dass sie seine konstante Aufmerksamkeit bedurfte.
Dass das nicht war, was Layla in diesem Augenblick wollte, dass sie seine Gegenwart der eines Schokokuchen bevorzugte, konnte Jonas nicht wissen - er hinterfragte aber auch nichts, was hier geschah, machte sich keine Gedanken um das was sein würde, blieb im hier und jetzt, weil es ja doch keinen Sinn machte, sich zu fragen, was dieser so veränderte Umgang miteinander nun für Konsequenzen haben würde. Das hier war eine Ausnahmesituation, für ihn hatten sonstige Befindlichkeiten nichts zu suchen. Ganz gleich wie sehr er Layla sonst auch aufzuziehen vermochte - in einer Mission des Ordens würde das für ihn ja auch keine Bedeutung haben.
Es mochte eine Weile dauern, bis Jonas den Ernst einer Situation begriff, manchmal musste man ihn mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl schonmal erschlagen - doch sobald er verstand, worum es ging, vermochte der Zauberer es, seine persönlichen Befindlichkeiten zurückzustecken und sich auf das zu konzentrieren, was wesentlich war. Und in diesem Moment war das eben Laylas Wohlbefinden.
Doch Layla lehnte sein Angebot ab, kaum dass sie es verstand, gab ihm ganz nonverbal zu verstehen, dass das nicht war, was sie in diesem Moment wollte und mit einem knappen Nicken gab er zu verstehen, dass er ihre Entscheidung akzeptierte. Der kurze Druck ihrer Hände wurde erwidert, dann wandte sich das Gespräch seltsam ernsteren, tiefgründigeren Themen zu.
Jonas wusste nicht so Recht, warum er bereit war, Layla diese Geschichte zu erzählen. Es war lange her, dass er irgendwem gegenüber davon gesprochen hatte - selbst gegenüber jenen Menschen, denen er einst derart vertraut hatte, war das Thema stets verschwiegen geblieben. Größtenteils, weil er keinen Sinn darin sah, über etwas zu sprechen, dass ohnehin nicht mehr zu ändern war. Jene Ereignisse hatten in jenem Sommer hatten wohl den endgültigen Keil zwischen ihn und seine Familie getrieben und doch wusste er wohl eigentlich, dass sie nur ein Auslöser gewesen waren. Zu sehr hatte er sich bereits von den Ideologien seiner Kindheit gelöst gehabt, seine ganz eigenen, so anderen Erfahrungen dazu gemacht, welche Menschen wertvoller waren als andere.
Dass es solche Erfahrungen in seinem Leben gegeben haben musste, war natürlich kein Geheimnis. Warum sonst sollte ein Fawley, jemand der von der Ideologie und dem Bestreben des dunklen Lords und seiner Anhänger eigentlich nur profitieren würde, sich dem Orden anschließen, bereit gegen alles zu kämpfen, was ihm von klein auf anerzogen worden war? Doch bisher waren diese Motive und Erfahrungen nicht hinterfragt worden - und vermutlich hätte man von Jonas selbst dann auch keine sinnvolle Antwort erhalten. Er war niemand, der sich zur Erklärungen oder Statements hinreißen ließ, passte sich lieber den Geschehnissen an, wartete ab, was andere in ihm sehen wollten und bestätigte dann entweder ihre Meinung oder enttäuschte sie ganz bewusst. Im Grunde war das ungewöhnliche seiner Geschichte also nicht, was er erzählt hatte, sondern dass es wahr war, dass er keine Konnotation in eine Richtung legte, die eigentlich nicht seinem Bild entsprach.
Jonas erwartete keine verbale Antwort der Hexe, war wohl ganz froh darum, dass sie einfach schwieg. Die kurze Geste, die sie ihm entgegenbrachte, wurde dem Waliser nicht in ihrer vollen Bedeutungen bewusst, auch wenn sie nicht beiläufig an seiner Aufmerksamkeit vorbeilief. Er bemerkte die Geste, verstand, dass ihr irgendeine Bedeutung innewohnen musste, konnte ihre Bedeutung aber nicht vorher sagen. Stattdessen glitt der Blick über die Hexe, war beinahe schon bereit nach der Bedeutung zu fragen, als Layla stattdessen sprach, sich nicht bereit dazu erklärte, ihn gehen zu lassen. In einer anderen Situation hätte Jonas wohl darüber gespottet und vielleicht sogar einen anzüglichen Kommentar zum Besten gegeben, so jedoch schmunzelte er lediglich kurz. „Dann wird das mit dem Shampoo aber schwierig…“ Am Ende würde er die Entscheidung aber ihr überlassen. Wenn sie ihn allerdings nicht losließ, würde sie wohl einen anderen Preis für die Information überlegen müssen. Schlussendlich jedoch lösten sich die verschränkten Finger voneinander und Layla gab ihn frei. Mit einem kleinen Grinsen, nickte er, dann erhob er sich aus der sitzenden Position, huschte aus dem Badezimmer zurück in Richtung des Schlafzimmers und wühlte dort ein wenig in der Tasche, bevor er auch schon fündig wurde, und sich zurück zum Badezimmer begab.
Als Jonas in das Badezimmer zurückkehrte, hatte Layla sich ein wenig mehr in das Wasser sinken lassen. Der Waliser trat an die Badewanne heran, ging dann in die Hocke und überreichte der ehemaligen Hufflepuff das gewünschte Shampoo. Die Unterarme stützte er dabei auf den Wannenrand, halfen dem Zauberer das Gleichgewicht zu halten, während sein Blick auf der jungen Frau vor sich ruhte. Wie seltsam die Vorstellung war, dass sie in wenigen Minuten nach seinem Shampoo riechen würde. So banal und dennoch so befremdlich. Aber nichts, worüber er sich in diesem Moment Gedanken machen sollte. Also wirklich. -
old acquaintances, new friendships
Friday, June 7th - im Abendrot
@Brooke HuttonEs war Sommer geworden in England und über dem Grimmauldplatz lag eine warme Abendluft. Pollen kitzelten in der Nase und der Geruch von frisch gemähtem Gras hing in der Luft. Auf den Straßen waren einige Menschen unterwegs, die entweder von der Arbeit nach Hause kehrten oder aber zu abendlichen Aktivitäten aufbrachen. Keiner von ihnen hatte den Hauch einer Ahnung, was sich direkt neben ihnen befand. Für sie waren die Häuser an diesem Platz wie alle anderen in Islington. Und so liefen sie ohne zweimal darüber nachzudenken an ihnen vorbei.
Im Inneren der Nummer 12 aber versteckte sich eine völlig andere Welt. Eine Welt, die sich momentan in akuter Gefahr befand. In diesem Haus gab es sich bewegender Bilder, Hauselfen und eine ganze Gruppe von Hexen und Zauberer, die versuchten ihre eigene Welt zu retten. Koste es was es wolle.
Kostet tat es Kai Kowalski gerade vor allem ihre Nerven. Haareraufend stand sie vor einer Wand in einem der Schlafzimmer und starrte auf die daran angehefteten Zettelchen. Diese Notizen bildeten einen Zeitstrahl. Einen unvollständigen Zeitstrahl. Diese Abfolge von Ereignissen enthielt eine große Lücke, die es zu füllen gab. Irgendjemand hatte irgendetwas mit Ceene angestellt und Kai musste herausfinden wer und was. Zumindest hatte sie eine vage Vermutung welche Gruppe dahinter stand und dieser Gedanke gefiel ihr ganz und gar nicht.
Natürlich begab sich Ceene ständig in Gefahr. Das Ministerium vor Turner’s nicht gerade freundlich gegenüber gestellt und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Ceene den Laden komplett auseinander pflückten. Doch wenn es nun auch die Anhänger des dunklen Lords auf ihre Freundin abgesehen hatten, dann konnte Kai einfach nicht mehr tatenlos zusehen. Sie hatte damals Ceene nichts von dem Orden gesagt um sie zu schützen, nun wusste sie nicht mehr, wie sie sie ohne den Orden beschützen sollte.
Doch Kai konnte auch ihren Schwur nicht brechen. Sie alle hatten sich zur Geheimhaltung verpflichtet. Doch das Schweigen wurde von Tag zu Tag schwerer. Es lastete ihr auf den Schultern und ging ihr nie aus dem Kopf. Nicht einmal beim Quidditch oder bei den Kämpfen im Untergrund. Die Sorge um Ceene und die Schuldgefühle darüber sie anlügen zu müssen, waren immer da. Konstant.
“Verfluchter Kröterkack!”, rief Kai schließlich aus. Sie hatte nicht genug Informationen um die Lücke zu schließen. Nicht einmal einen Punkt an dem sie beginnen konnte weitere Nachforschungen anzustellen. Es war hoffnungslos. Wahrscheinlich sollte es sie es für heute einfach sein lassen. Es war bereits dunkel draußen und Ceene war sicher schon zu Hause. Also begann Kai ihren Schreibkram zusammen zu sammeln und sich auf den Feierabend vorzubereiten.
Gerade als sie aber das Schlafzimmer verlassen wollte, sah sie eine Gestalt an der Tür vorbei ziehen. Vielleicht war es besser, wenn sie erst einmal ein wenig runterkaum, bevor sie zu Ceene zurück kehrte. Sie wollte ihrer Freundin nicht noch mehr Anlass zur Sorge geben. Nein, sie musste ihr Halt geben. Nicht andersherum.
“Hey, Brooke! Warte ma'!”, rief Kai ihrer alten Klassenkameradin nach. “Was hast’n du so vor heute Abend?”, fragte sie anschließend. “Ich glaub, ich brauch ein Feierabendbutterbier. Leistest du mir Gesellschaft?” -