Was als gemeinsames Weihnachtsfest geplant gewesen war, entfaltete sich vor Abbys Augen zu einer emotionalen, zukunftsweisenden Grundsatzdiskussion. Da wurde sachlich argumentiert, es wurde gezetert und schwarz gemalt, eine scharfe Zunge, vom Alkohol gelockert, bombardierte eine der ihren mit Vorwürfen, bis deren Augen nicht länger trocken blieben.
Zuerst hatte es sie tief getroffen, dass Deverell nicht einen einzigen Blick für sie übrig hatte, im Gegenteil, dass er den ihren gezielt mied. Seine Worte hatten Abby erschreckt. Der, der da sprach, war der neue Deverell. Das war nicht der junge Mann, mit dem sie zur Schule gegangen war, mit dem sie befreundet gewesen war. Doch schon bald sogen die Wortbeiträge der anderen die junge Aurorin vollkommen in ihren Bann. Sie dachte nicht länger darüber nach, was vielleicht vor zwanzig Tagen zwischen ihr und Deverell zerbrochen sein könnte, sondern lauschte Brookes Vorschlägen, runzelte die Stirn ob Geraldines Worten, nickte zu Levins Redebeitrag und starrte schließlich auf Ceenes linken Arm, den diese vor allen präsentierte. Auch wenn in ihr ob Geraldines Geständnis unweigerlich die Frage aufkeimte, wie loyal sie wirklich zum Orden stehen konnte, wenn Circe eine ihrer besten Freundinnen war, auch wenn sie die Umschreibung „meine reinblütigen Freunde“ mehr als unpassend fand, wenn Geraldine von Todesser:innen sprach, und auch wenn der Brief, den sie erhalten hatte, ihnen nichts genutzt, sondern im Gegenteil indirekt Georginas Tod verursacht hatte, musste Abby den Instinkt, Ceene zu widersprechen und ihre Kollegin in Schutz zu nehmen, gewaltsam unterdrücken. Es war ihr erstes Treffen als vollwertiges Ordensmitglied, es stand ihr nicht zu, Ceene das Wort zu verbieten. Trotzdem bereitete es Abby beinahe körperliche Schmerzen, zusehen zu müssen, wie eine von ihnen vor aller Augen derart angegangen wurde, dass ihr sogar die Tränen in den Augen standen, und niemand sprach auch nur ein Wort, um Geraldine den Rücken zu stärken.
Dabei hatte es wichtige Ansätze gegeben, die sie nicht aus den Augen verlieren durften. Wann, wenn nicht hier und heute, sollten sie ihre Ideen zu konkreten Plänen ausformen?
Abby wartete, bis Geraldine zu Ende gesprochen hatte, und räusperte sich. Sie setzte sich kerzengerade hin und suchte Ceenes und Geraldines Blick. „Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, wenn wir uns gegenseitig Vorwürfe machen. Unsere Feindinnen und Feinde sind da draußen, und wir sind zu wenige, um zu riskieren, dass wir noch mehr Leute verlieren – ob durch Meinungsverschiedenheiten oder durch... andere Dinge.“ Abby brauchte nicht auszusprechen, woran sie dachte. Sie hielt einen Moment inne und blickte sich um, suchte auf den Gesichtern der älteren Mitglieder nach der Erlaubnis, zu sprechen. „Mir fallen aus dem Stand dutzende Fragen ein, die wir einer Todesserin stellen könnten und die uns weiterbringen würden.“ Die Rothaarige griff Levins Worte auf und begann an den Fingern abzuzählen, was sie diese Circe Pendergast, von der alle sprachen, fragen würde, hätte sie die Gelegenheit dazu. „Wer außer dir gehört noch zu den Todesserinnen und Todessern? Wie beeinflusst Voldemort das Ministerium? Welche eurer Leute sitzen dort auf wichtigen Posten? Gibt es Todesserinnen oder Todesser in Hogwarts? Was werden eure nächsten Schritte sein? Habt ihr weitere Angriffe geplant, und wenn ja, wer sind die nächsten Ziele? Welche Pläne verfolgt Voldemort? Von wem kommen die Vorschläge für weitere Ziele? Wen zu verlieren würde eurer Sache schaden? Wo trefft ihr euch? Was wisst ihr über eure Feindinnen und Feinde? Woher habt ihr diese Informationen? Was weißt du über einen anonymen Brief an Geraldine Lovett betreffend des fünften Dezembers?“ Abby hielt inne. Nun wäre sie doch froh gewesen um einen Löffel Suppe oder wenigstens einen Schluck Wasser.
Sie wusste nicht, wie viel sie sagen, wie weit sie sich einmischen durfte, und doch hatte die angehende Aurorin noch mehr zu sagen – viel mehr. „Also wir könnten diese Circe entführen, ihr Veritaserum verabreichen, sie befragen und anschließend oblivieren. Auf keinen Fall darf Voldemort wissen, welche Informationen wir haben, das würde sie nutzlos machen. Also stellt sich die Frage, wer von uns Veritaserum brauen kann. Und wo und wie wir an Circe herankommen können. Abgesehen davon, dass wir jemanden brauchen, der einen bombensicheren Gedächtniszauber zustande bringt.“ Abby wandte den Kopf und sah nun Brooke direkt an.
Es wurde Zeit, mit offenen Karten zu spielen. Die anderen mussten wissen, was am fünften Dezember geschehen war. „Du hast vorher gesagt, wir sollten gemeinsam entscheiden, Brooke. Ich glaube, noch viel wichtiger ist, dass wir gemeinsam planen und gemeinsam handeln. Deverell, Georgina, Bertie und ich, wir waren eigentlich viel zu wenige, um Hogwarts im Fall der Fälle zu verteidigen.“ Ihr Mund fühlte sich trocken und pelzig an, kaum dass sie Georginas Namen laut ausgesprochen hatte. Abby senkte den Blick auf die Flamme der Kerze, bis sie ihr Licht auch dann noch sah, wenn sie die Augen schloss, um zu blinzeln. Mit gesenktem Blick fuhr sie fort, leiser als zuvor. „Wir wurden von zwei Jugendlichen überrascht. Sie sind als Schüler und Schülerin aufgetreten, und sie haben Deverells und mein Gesicht gesehen, ehe sie disappariert sind. Sie wissen, wer wir sind. Wir sollten uns in Zukunft auch maskieren, wenn wir für den Orden unterwegs sind. Wir sollten gemeinsam planen und mehr Leute losschicken. Und wir sollten besonders vorsichtig vorgehen. Wir sind nicht viele und wir können es uns nicht leisten, noch jemanden zu verlieren.“ Nicht, wenn es so verdammt weh tat. Nicht, wenn jeder Verlust an den Grundfesten rüttelte und sie dazu brachte, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Das hier war kein Spiel. Abby wollte nie wieder eine Leiche aus irgendeinem Wald abtransportieren müssen.