Erdgeschoss - Speisezimmer und Küche

  • Was als gemeinsames Weihnachtsfest geplant gewesen war, entfaltete sich vor Abbys Augen zu einer emotionalen, zukunftsweisenden Grundsatzdiskussion. Da wurde sachlich argumentiert, es wurde gezetert und schwarz gemalt, eine scharfe Zunge, vom Alkohol gelockert, bombardierte eine der ihren mit Vorwürfen, bis deren Augen nicht länger trocken blieben.

    Zuerst hatte es sie tief getroffen, dass Deverell nicht einen einzigen Blick für sie übrig hatte, im Gegenteil, dass er den ihren gezielt mied. Seine Worte hatten Abby erschreckt. Der, der da sprach, war der neue Deverell. Das war nicht der junge Mann, mit dem sie zur Schule gegangen war, mit dem sie befreundet gewesen war. Doch schon bald sogen die Wortbeiträge der anderen die junge Aurorin vollkommen in ihren Bann. Sie dachte nicht länger darüber nach, was vielleicht vor zwanzig Tagen zwischen ihr und Deverell zerbrochen sein könnte, sondern lauschte Brookes Vorschlägen, runzelte die Stirn ob Geraldines Worten, nickte zu Levins Redebeitrag und starrte schließlich auf Ceenes linken Arm, den diese vor allen präsentierte. Auch wenn in ihr ob Geraldines Geständnis unweigerlich die Frage aufkeimte, wie loyal sie wirklich zum Orden stehen konnte, wenn Circe eine ihrer besten Freundinnen war, auch wenn sie die Umschreibung „meine reinblütigen Freunde“ mehr als unpassend fand, wenn Geraldine von Todesser:innen sprach, und auch wenn der Brief, den sie erhalten hatte, ihnen nichts genutzt, sondern im Gegenteil indirekt Georginas Tod verursacht hatte, musste Abby den Instinkt, Ceene zu widersprechen und ihre Kollegin in Schutz zu nehmen, gewaltsam unterdrücken. Es war ihr erstes Treffen als vollwertiges Ordensmitglied, es stand ihr nicht zu, Ceene das Wort zu verbieten. Trotzdem bereitete es Abby beinahe körperliche Schmerzen, zusehen zu müssen, wie eine von ihnen vor aller Augen derart angegangen wurde, dass ihr sogar die Tränen in den Augen standen, und niemand sprach auch nur ein Wort, um Geraldine den Rücken zu stärken.

    Dabei hatte es wichtige Ansätze gegeben, die sie nicht aus den Augen verlieren durften. Wann, wenn nicht hier und heute, sollten sie ihre Ideen zu konkreten Plänen ausformen?

    Abby wartete, bis Geraldine zu Ende gesprochen hatte, und räusperte sich. Sie setzte sich kerzengerade hin und suchte Ceenes und Geraldines Blick. „Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, wenn wir uns gegenseitig Vorwürfe machen. Unsere Feindinnen und Feinde sind da draußen, und wir sind zu wenige, um zu riskieren, dass wir noch mehr Leute verlieren – ob durch Meinungsverschiedenheiten oder durch... andere Dinge.“ Abby brauchte nicht auszusprechen, woran sie dachte. Sie hielt einen Moment inne und blickte sich um, suchte auf den Gesichtern der älteren Mitglieder nach der Erlaubnis, zu sprechen. „Mir fallen aus dem Stand dutzende Fragen ein, die wir einer Todesserin stellen könnten und die uns weiterbringen würden.“ Die Rothaarige griff Levins Worte auf und begann an den Fingern abzuzählen, was sie diese Circe Pendergast, von der alle sprachen, fragen würde, hätte sie die Gelegenheit dazu. „Wer außer dir gehört noch zu den Todesserinnen und Todessern? Wie beeinflusst Voldemort das Ministerium? Welche eurer Leute sitzen dort auf wichtigen Posten? Gibt es Todesserinnen oder Todesser in Hogwarts? Was werden eure nächsten Schritte sein? Habt ihr weitere Angriffe geplant, und wenn ja, wer sind die nächsten Ziele? Welche Pläne verfolgt Voldemort? Von wem kommen die Vorschläge für weitere Ziele? Wen zu verlieren würde eurer Sache schaden? Wo trefft ihr euch? Was wisst ihr über eure Feindinnen und Feinde? Woher habt ihr diese Informationen? Was weißt du über einen anonymen Brief an Geraldine Lovett betreffend des fünften Dezembers?“ Abby hielt inne. Nun wäre sie doch froh gewesen um einen Löffel Suppe oder wenigstens einen Schluck Wasser.

    Sie wusste nicht, wie viel sie sagen, wie weit sie sich einmischen durfte, und doch hatte die angehende Aurorin noch mehr zu sagen – viel mehr. „Also wir könnten diese Circe entführen, ihr Veritaserum verabreichen, sie befragen und anschließend oblivieren. Auf keinen Fall darf Voldemort wissen, welche Informationen wir haben, das würde sie nutzlos machen. Also stellt sich die Frage, wer von uns Veritaserum brauen kann. Und wo und wie wir an Circe herankommen können. Abgesehen davon, dass wir jemanden brauchen, der einen bombensicheren Gedächtniszauber zustande bringt.“ Abby wandte den Kopf und sah nun Brooke direkt an.

    Es wurde Zeit, mit offenen Karten zu spielen. Die anderen mussten wissen, was am fünften Dezember geschehen war. „Du hast vorher gesagt, wir sollten gemeinsam entscheiden, Brooke. Ich glaube, noch viel wichtiger ist, dass wir gemeinsam planen und gemeinsam handeln. Deverell, Georgina, Bertie und ich, wir waren eigentlich viel zu wenige, um Hogwarts im Fall der Fälle zu verteidigen.“ Ihr Mund fühlte sich trocken und pelzig an, kaum dass sie Georginas Namen laut ausgesprochen hatte. Abby senkte den Blick auf die Flamme der Kerze, bis sie ihr Licht auch dann noch sah, wenn sie die Augen schloss, um zu blinzeln. Mit gesenktem Blick fuhr sie fort, leiser als zuvor. „Wir wurden von zwei Jugendlichen überrascht. Sie sind als Schüler und Schülerin aufgetreten, und sie haben Deverells und mein Gesicht gesehen, ehe sie disappariert sind. Sie wissen, wer wir sind. Wir sollten uns in Zukunft auch maskieren, wenn wir für den Orden unterwegs sind. Wir sollten gemeinsam planen und mehr Leute losschicken. Und wir sollten besonders vorsichtig vorgehen. Wir sind nicht viele und wir können es uns nicht leisten, noch jemanden zu verlieren.“ Nicht, wenn es so verdammt weh tat. Nicht, wenn jeder Verlust an den Grundfesten rüttelte und sie dazu brachte, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Das hier war kein Spiel. Abby wollte nie wieder eine Leiche aus irgendeinem Wald abtransportieren müssen.

  • Brooke hatte gerade zu Ende gesprochen, in der Hoffnung, dass die aufgebrachten Gemüter sich wieder ein wenig beruhigen und sie an einer Lösung arbeiten würde, doch da erschallte auch schon Geraldines Stimme, die mit jedem Wort lauter zu werden schien. Und es war anfangs nicht einmal so, dass Brooke der Hexe widersprochen hätte, nein, sie unterstützte deren Ansicht – doch dann drifteten die Worte weiter ab, wurde aus all dem hier ein neues, noch persönlicheres Thema und Brooke hätte am Liebsten laut aufgeseufzt. Sie hatte eine ähnliche Diskussion mit Geraldine gehabt als diese dem Orden beigetreten war. Hatte von ihr gehört, wie sie mit ihren alten Reinblutkontakten noch immer freundschaftlich war. Und sie hatte auch verstanden, dass es für jemanden, der in diese Traditionen hineingeboren war, sehr viel schwerer war, damit zu brechen. Hatte auch verstanden, dass dort vielleicht noch immer Ängste hineinspielten, doch genau so Personen wie Geraldine würden sie brauchen. Personen, die über ihren eigenen Tellerrand sahen und das Übel erkannten, mit welchem die Todesser:innen vorgingen. Und dennoch … Geraldines Worte, ihre Offenbarung, half nicht bei dem Thema. Half in keiner Weise und auch wenn Brooke sich damals dazu entschieden hatte, Geraldine zu vertrauen, weil alles andere bei Mitgliedern, die dem Orden beigetreten waren, letztlich zu noch mehr Unstimmigkeiten geführt hätte, so verstand sie danach jeden im Raum, der das nicht tun konnte. Und hoffe trotzdem darauf, dass sich die Situation noch irgendwie beruhigen würde – auch wenn es gewiss nicht half zu sagen, dass man bereits von seinen reinblütigen Freundin Informationen zur Hilfe bekommen hatten. Denn auch wenn Brooke Geraldine hier nicht alleine stehen lassen wollte: Was waren diese Informationen gewesen? Ein Tropfen auf den heißen Stein? Denn wirklich erreicht hatte der Orden bisher noch nichts, mit Ausnahme einer zerbrochenen Kugel, einer Toten und mehreren Personen, die von den Todesser:innen gefoltert und gequält worden waren.
    Und so flachte die Diskussion nicht ab, wurde angeheizt durch Deverells Worte, doch Brooke war dankbar, dass als nächstes Levin das Wort ergriff, doch es schmerzte sie zu hören, dass auch dort das Misstrauen mitschwang. Sie verstand es, wirklich. Doch sie war nach wie vor der Ansicht, dass all das nicht helfen konnte. Und so konzentrierte sie sich auf die wichtigeren Aussagen, nickte bei seinen Worten zum Thema Terroristen und hofft, dass seine Frage dieses Gespräch in eine Richtung lenken würde, das ihnen helfen konnte – doch im ersten Moment vergeblich. Und sie verstand Ceenes Wut, sie spürte sie ja selbst in sich. Verstand, was sie empfand, verstand den Wunsch, etwas dagegen zu unternehmen, doch das, was sich hier anbahnte, war ein elementares Problem. War eine Zerreißprobe für den Orden, wenn es so weitergehen würde. Geraldines Worte wirkten klein gegen Ceenes, wirkten wie der Versuch einer Entschuldigung, die in Brookes Augen nicht angebracht war. Es war nicht Geraldine gewesen, die Schuld an all dem war. Und es war nicht in Ordnung, dass sie hier nun so angegangen wurde. Und auch wenn Brooke dazu neigte, sich zurückzuhalten, sich nicht einfach in eine Diskussion einzumischen, die sie nicht speziell betraf, weil sie nicht in Ceenes Schuhen steckte, so sammelte sie sich trotzdem – nur um im nächsten Moment zu Abby zu blicken, nicht unbedingt überrascht, denn schließlich hatte die zweitjüngste in der Runde nicht das erste Mal das Wort ergriffen. Und doch trat mit jedem Wort der Hexe ein feines Lächeln auf Brookes Lippen, ein wenig Dankbarkeit. Es war schön zu sehen, dass Abby trotz alledem, was sie erlebt hatte, noch so hier sitzen und sich einbringen konnte. Sinnvoll, jene beruhigend, die sich hier hochgeschaukelt hatte.
    Und sie stimmte Abby zu, nickte zu den Fragen, dem Grundplan, der im Raum stand, den sie ja selbst auch irgendwie eingeworfen hatte, auch wenn der Umstand, dass sie jemanden brauchten, der einen perfekten Obliviate durchführen konnte, unter Umständen sehr viel kritischer war. Wer wäre dazu in der Lage? Earnestine? Richard vielleicht? Aber ja, genau das waren die Dinge, die sie absprechen und über die sie sich Gedanken machen mussten, wenn sie tatsächlich diesem Plan folgen wollten. Und so nickte sie erneut zu Abbys Worten, unterstützte sie in dem, was sie sagte, auch wenn sie nicht in jedem Gedanken bei ihr war. In Hogwarts selbst wären zumindest noch Richard und Elias gewesen, wenn etwas passiert wäre und sie durften logischer Weise auch nicht alle gleichzeitig auftauchen, um einer Falle zu entgehen. Aber ja, sie wäre damals selbst gerne mitgegangen, hätte etwas getan als nur rumzusitzen und abzuwarten. Und so schwieg sie, ließ Abby aussprechen, ehe sie überrascht die Augenbrauen zusammenzog, ihr Herz schneller zu schlagen begann. Deverell und Abby waren nicht maskiert gewesen?! Den Blick kurz kritisch zu dem anderen Werwolf gleiten lassend, zurück zu Abby, versuchte sie, ihre Irritation zu verbergen, die Fragen in ihrem Kopf, warum die beiden nicht eine Form von Verkleidung gewählt hatten. Es war zu spät dafür, half nicht, über das, was gewesen war, zu sprechen, weil sie es nicht ändern konnten. Und so nickte sie erneut, ehe sie die Pause nach der langen Rede nutzte, um nun selbst das Wort zu ergreifen. Sie würde nicht sagen, wie vorsichtig Deverell und Abby nun sein mussten, das wussten sie sicher selbst. Doch es gab anderes, was sie thematisieren mussten. „Heute ist ein sehr emotionaler Abend. Für alle von uns. Wir werden uns zusammensetzen und überlegen müssen, wie wir vorgehen. Gemeinsam. Und wie Abby gesagt hat, ist es wichtig, dass wir auch gemeinsam planen und handeln. So dass alle von uns mit den Entscheidungen leben können. Wir sind eine Gemeinschaft, die hier agiert.“ Sie ließ kurz den Blick durch die Gruppe gleiten, ehe sie tief einatmete und weitersprach. Es war nicht unbedingt Brookes Art, Dinge als gegeben anzusehen. Dinge als gegeben anzusprechen. Eher Vorschläge, Meinungen abzugeben, doch diese Diskussion hier verlangte danach, denn auch wenn Abby mit ihren Worten, ihren Vorschlägen das Thema in eine andere Richtung versucht hatte zu lenken, so war das auch schon vorher nicht gutgegangen. Und so sah sie dieses Mal direkt zu Ceene und zu Geraldine, ehe sie ruhig, aber bestimmt weitersprach: „Wir können es uns nicht erlauben, die gerechtfertigte Wut gegeneinander zu richten. Wir sitzen hier alle, weil man der Ansicht war, dass wir dem Orden helfen können. Dass man uns vertrauen kann. Und wenn wir anfangen, uns gegenseitig anzugehen, dann brauchen wir gar nicht erst weiterzumachen.“ Ein kurzes Nicken in Geraldines Richtung. War sie anfangs mehr als kritisch gewesen, vertraute sie der Hexe doch auch teilweise. Sie hatten zusammen die Eltern von Emrys‘ Ehefrau in Sicherheit gebracht. Hatten Informationen ausgetauscht. „Es ist vollkommen logisch, dass wir nicht immer einer Meinung sind. Aber es kann nicht sein, dass wir andere aufgrund ihrer Herkunft deshalb angehen. Wir brauchen und wollen doch Menschen haben, die erkennen, dass die alten Traditionen der Reinblüter nicht mehr zeitgemäß sind. Also lasst uns nicht deswegen aufeinander losgehen, sondern zusammenarbeiten.“ Und damit hoffte sie, das Gespräch zurück zu dem zu bringen, wo sie vorhin gewesen waren. Zurück dahin, dass sie sinnvoll und konstruktiv zusammenarbeiten. „Ich denke, wir sollten uns im neuen Jahr gemeinsam hinsetzen und überlegen, was wir wollen, was wir planen können und dann entsprechend handeln.“ Ein feines Lächeln in Richtung Abby. „Und jeder sollte sich bis dahin Gedanken machen, was seine persönlichen Grenzen sind, denn diese sollten wir nicht verletzen.“ Viele Worte. Unnatürlich viele für die Hexe. Und so lehnte sie sich beinahe ein wenig atemlos zurück und versuchte ihren schnellen Herzschlag zu beruhigen.

  • Es war eine Sache gewesen, von dem Angriff auf das Turners zu hören, eine völlig andere Ceenes Narben zu sehen und den Hass, der jedem ihrer Worte anhaftete, zu spüren. Zwar hatte er selbst die Diskussion angestoßen und empfand bei dem Anblick ihrer verbrannten Haut eine Abscheu den Tätern gegenüber, die sich nicht in Worte fassen ließ, aber dennoch konnte er sich ihren harschen Versprechungen nicht vollen Herzens anschließen.
    Ein Teil von ihm hätte das zu gern getan. Hätte Feuer mit Feuer bekämpft und all das Leid und die Verzweiflung mit gleicher Münze zurückgezahlt. Er dachte an die zahllosen Nächte, in denen er von Ellies Wimmern aufgewacht war, ohne sie in den Arm nehmen zu können, weil sie die Berührung nicht ertrug. Er dachte an Antonia, die er seit ihrer Flucht aus dem St. Mungos nicht mehr gesehen hatte. An John Smith, dessen kleine Tochter ihre leibliche Mutter nie kennenlernen würde. An Bertie, der noch immer nicht zu Bewusstsein gekommen war. Und an Georgina, die ihr Leben im Tausch für ein zerbrochenes Stück Glas verloren hatte.
    Wie konnte man nur im Angesicht solcher Gräuel von Enttäuschung sprechen? Wie konnte man nicht rasend werden und den Wunsch hegen, Vergeltung zu fordern? Wie konnten sie auch nur eine Sekunde daran denken, dass moralischer Anstand und Regeln sie beschützen würden, wenn alles um sie herum vor die Hunde ging und die Verantwortlichen frei waren ihre Leben so weiterzuführen, als sei nie etwas geschehen?
    Als Abby ihre Stimme erhob, zuckte Deverells Blick zu ihr hinüber und verweilte zum ersten Mal an diesem Abend im Gesicht seiner Freundin. Nach außen hin waren ihre Argumente gut gewählt. Sie erinnerte daran, dass sie zu wenige waren, als dass sie untereinander in Streit geraten durften, und konzentrierte sich auf konkrete Schritte, statt sich an der Grundsatzdiskussion zu beteiligen.
    Trotzdem wünschte Deverell fast, sie würde zweifelsfrei Stellung beziehen. Noch immer fragte er sich, ob sie ihn für das, was er in jener Dezembernacht hatte tun wollen, verurteilte. Ob sie nach diesem Blick hinter die Fassade begriffen hatte, was er war und dass nichts von dem Jungen übrig war, den sie einmal gekannt hatte.
    Stattdessen versetzten gerade ihre letzten Worte ihm einen Stich. Er war derjenige, der darauf bestanden hatte, dass sie einen offiziellen Besuch als Tarnung nutzten. Er hatte so nah wie möglich an seiner Schwester sein wollen, falls es einen Angriff auf das Schloss gegeben hätte. Wegen der Spur, die auf ihm lag, hatten sie sich nicht einfach einschleichen können. Es war seine Schuld gewesen, dass sie sich nicht getarnt hatten. Seine Schuld, dass sie nicht näher bei den anderen gewesen waren.
    Nichts davon sprach Abby aus. Genauso wenig, wie sie davon erzählte, dass er die vermeintlichen Jugendlichen beinahe in Stücke gerissen hätte, als sie ihnen begegnet waren, noch bevor klar gewesen war, dass es sich nur um eine Verkleidung handelte.
    Deverells Kehle fühlte sich rau und trocken an. Gerne hätte er etwas zu ihr gesagt. Aber es war weder die Zeit noch der Ort dafür und in seinem Kopf wollten sich nicht einmal die richtigen Worte finden lassen. So verstrich der Moment, ohne dass er die Stimme erhob, und Brooke meldete sich stattdessen zu Wort. Wo Abbys Ansprache und Levins Worte zuvor den Grundstein gelegt hatten, baute die andere Werwölfin nun darauf auf und versuchte die Situation zu deeskalieren, indem sie von Gemeinschaft und Einheit sprach.
    Deverell biss sich auf die Unterlippe. Er respektierte das, was sie sagte. Vor allem respektierte er den Versuch, sie alle hinter einer Sache zu vereinen, die wichtiger war, als einzelne Antipathien. Aber genau da lag auch die Aschwinderin in der Glut begraben. Das hier war größer als sie. Es war größer als der Gedanke, dass sie nichts tun durften, was einem von ihnen vielleicht schlecht aufstieß. Wenn sie immer Rücksicht auf jeden einzelnen nahmen, konnten sie sich am Ende zwar auf die Schulter klopfen, was für gute Menschen sie doch waren, aber in der Zwischenzeit würden weiter unschuldige Leiden. Oder sterben. Und Deverell ertrug es nicht, so etwas noch ein einziges Mal anzusehen, wenn er es hätte verhindern können.
    Mehr als ein leises Schnauben hinter verschränkten Armen, das sowohl als Zustimmung als auch als Ablehnung hätte gedeutet werden könnten, hatte er jedoch nichts beizutragen. Er wusste, dass er heute nicht in der Lage wäre, auch nur irgendjemanden am Tisch zu überzeugen. Aber, solange sie nun endlich in Bewegung gerieten, musste er das auch gar nicht.

  • Unter anderen Umständen, in einem anderen Leben, hätte Ceene vermutlich Mitleid mit Geraldine empfunden. Sie hätte die Hexe bedauert, deren Welt in sich zusammengefiel und die miterleben musste, wie ihre Freunde sich mit dem Dunklen Lord gemein machten, sich sein Zeichen auf den Unterarm brennen ließen und in seinem Namen Unschuldige terrorisierten, weil sie der festen Überzeugung waren, dass sie aufgrund ihrer Abstammung, aufgrund des Blutes, das in ihren Venen floss, das Recht dazu hatten, über anderen zu herrschen, sie zu erniedrigen und, sollten sie es wagen, diese natürliche Ordnung anzuzweifeln, dauerhaft aus der Gesellschaft zu entfernen, auf die eine oder andere Weise. Aber dieses andere Leben gab es nicht. Die Konsequenz dessen, was sie erlebt, durchlebt und überlebt hatte, war, dass Geraldines Erklärungen nichts zu ändern vermochten. Die reinblütige Hexe mochte ihnen gerade ihr Herz ausschütten, für Ceene klangen ihre Worte hohl, waren ohne jedes Gewicht.
    Um zu verhindern, dass noch mehr schlimme Dinge passieren.
    Weil das ja bislang so gut funktioniert hatte. Die Ältere belog sich doch nur selbst, wenn sie glaubte, auf diese Weise irgendjemandem helfen zu können. Sie machte sich etwas vor, weil sie nicht wahrhaben wollte, dass ihre Freundin ein niederträchtiges, menschenverachtendes, herzloses Monster war, das bereitwilligen den Tod anderer in Kauf nahm, um sich selbst Genugtuung zu verschaffen.
    Ihrem betretenen, tränenverschleierten Blick hielt Ceene eisern stand und ihre Oberlippe zuckte unversöhnlich. Aber sie sagte nichts, stattdessen füllte sie ihr Glas ein weiteres Mal nach, obwohl sie wusste, dass sie eigentlich schon mehr als genug hatte. Das Bisschen, was von ihrem Kreislauf noch übrig war, war durch das Aufspringen heftig im Mitleidenschaft gezogen worden und ein bitterer Geschmack brannte in ihrem Rachen. Ihr Magen brodelte wie ein Kessel auf zu großer Flamme.
    Es war Abby, die sich traute in dieser angespannten Situation als Nächste das Wort zu ergreifen und sie tat es mit bewundernswerter Ruhe. Während Ceene von ihren Emotionen getrieben wurde, sich dem Zorn und dem Schmerz bereitwillig hingab, reihte die rothaarige Löwin eine Frage an die nächste und stellte ganz nüchtern Überlegungen dazu an, was bei einer Entführung Circes zu berücksichtigen war. Für Ceene hatte das Ganze einen bitteren Beigeschmack, weil Circe auch gegen sie einen Gedächtniszauber angewandt hatte. Aber sie war bereit, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.
    Und dann erzählte Abby mit belegter Stimme, was im Verbotenen Wald geschehen war. Dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Todessern erkannt worden waren, die sich wiederum als Schüler getarnt hatten. Damit waren Deverell und Abby unmittelbar in Gefahr, während sie selbst mit nichts weiter dastanden als mit einer kaputten Glaskugel.
    Brooke sprang Abby sogleich bei. Auch sie mahnte an, einig zu bleiben, sich nicht gegeneinander zu wenden, sondern zusammenzuarbeiten. Das alles ließ sich Ceene noch gefallen, aber der Vorschlag, mit dem Brooke endete, brachte ihr Blut wieder zum Kochen. Anstatt hier und jetzt endlich mal etwas Konkretes zustande zu bringen, eine Idee, wie sie Circe in die Finger bekommen konnte, schob sie alles ins nächste Jahr. Immer wurde alles nur aufgeschoben, weggeschoben und verdrängt. Ja, sie brauchten einen Plan, das sah Ceene ein. Sie konnten nicht einfach kopflos losschlagen, aber warum diesen Plan nicht jetzt schmieden? Ach ja, weil sie sich erst einmal noch Gedanken machen sollten, was die persönlichen Grenzen waren. Wollte Brooke es nicht verstehen? Genau diese beschissenen Grenzen, diese selbstauferlegten Hemmnisse, diese sorgsam kultivierten Skrupel waren die Ketten, die sie jetzt sprengen mussten, ansonsten würden sie den Todessern auch weiterhin hoffnungslos unterlegen sein und immer nur aus der Defensive heraus kämpfen.
    „Genau, jeder geht jetzt nochmal in sich und lotet für sich bitte aus, ob er Opferlamm oder Wolf sein will“, ätzte sie, aber die Worte waren vom Alkohol verwässert, der jetzt endgültig seinen Tribut forderte. Obwohl sie fest auf ihrem Stuhl saß, geriet die Welt stark in Schieflage. Die Gesichter um sie herum verloren an Kontur und ein Zittern lief durch ihren Körper.
    Mit Mühe presste sich Ceene an der Tischplatte empor, stieß gegen ihren Teller und Suppe spritze über ihre Hände. Alles drehte sich. Aus der einen Kerze wurde ein ganzer Kandelaber.
    „Ich werd sie kriegen. Mit oder ohne euch“, verkündete Ceene, tastete nach der Wand, die zum Ausgang führte, und hoffte, dass ihre zittrigen Beine sie noch bis zur Toilette im Flur tragen würden.

  • //Abby ist eher für Nägel mit Köpfen... Henry McGuilles und @Geraldine Lovett werden direkt angesprochen.//



    Während Deverell stumm blieb und Brooke einen versöhnlichen Ton anschlug, war es Ceene, die Gift und Galle spuckte. Es war unübersehbar, dass sie Tatsachen schaffen wollte. Sie war bereit zu handeln und würde, so fürchtete Abby, irgendwann auch allein und möglicherweise unüberlegt vorpreschen, um sich an denen zu rächen, die ihren Laden und ihr Leben zerstört hatten.

    Als die Grünhaarige mit ihrer unheilvollen Ankündigung den Raum verlassen hatte, drehte Abby den Kopf. „Würdest du nach ihr sehen, bitte?“ Sie wandte sich leise an Finlay. Er war derjenige, von dem sie noch am ehesten glaubte, dass Ceene seine Gegenwart akzeptieren würde. Ihn würde sie nicht wegschicken. Und in dem Zustand, in dem ihre ehemalige Verwandlungslehrerin sich gerade befand, sollte niemand allein gelassen werden.

    Abby verstand Ceenes Frustration. Auch sie sah keinen Sinn darin, mit weiteren Plänen zu warten. Warum wollte Brooke erst im neuen Jahr darüber sprechen, wie sie verfahren wollten? Ein Jahreswechsel würde an den Tatsachen und ihrer Ausgangslage rein gar nichts ändern. Im Gegenteil, sie alle würden dem neuen Jahr wesentlich zuversichtlicher entgegenblicken können, wenn sie gleich heute einen groben Plan beschlossen, den sie alle vertreten konnten. „Ich finde, wir sollten nicht länger warten“, Abby blickte zu Brooke hinüber, das Blitzen in ihren Augen irgendwo zwischen Herausforderung und purer Entschlossenheit. „Persönliche Grenzen sind nichts, was man sich im stillen Kämmerchen für sich überlegen kann. Persönliche Grenzen werden einem erst bewusst, wenn man an sie stößt – in der Diskussion mit anderen oder, wenn man im Begriff ist, sie zu überschreiten.“ Abby wusste, wovon sie sprach. Als sie Deverell auf das Mädchen hatte zuspringen sehen, in jener Nacht im Verbotenen Wald, da war eine ihrer persönlichen Grenzen erreicht gewesen. Eine Grenze, die ihr zuvor nicht bewusst gewesen war. „Wir sollten heute noch einen groben Plan absprechen. Wir brauchen eine Perspektive. Ceene braucht eine Perspektive. Bevor sie ohne uns irgendetwas Unüberlegtes tut.“ So wichtig es war, die Grenzen einzelner zu respektieren, so wichtig war es, jene, die handeln wollten und mussten, zu unterstützen.

    „Ich glaube, der Entführungsplan ist ganz gut. Ich bin eine ganz passable Duellantin und könnte mir vorstellen, zusammen mit ein oder zwei anderen die Entführung selbst zu übernehmen.“ Beinahe automatisch war ihr Blick zu Deverell und Geraldine gehuscht. Sie drei waren die ausgebildeten Auror:innen in der Runde, auch wenn Abby es verstehen würde, wenn Geraldine ihre ehemals beste Freundin nicht angreifen wollen würde. Allein bei der Vorstellung, Olivia entführen zu müssen, wurde Abby übel. „Mit der Besitzerin des Turners haben wir wohl auch jemanden, der sich um Veritaserum kümmern könnte. Damit bräuchten wir noch jemanden, der einen Gedächtniszauber zustande bringt.“

    Und die Frage nach den persönlichen Grenzen? Bisher hatte sich niemand konkret gegen eine Entführung ausgesprochen. Abby glaubte auch, einschätzen zu können, wer aus ihrer Runde am ehesten ein Problem damit haben könnte, gegen Circe Pendergast vorzugehen. Also wandte sie sich zuletzt direkt an Geraldine. „Wenn wir ihr nichts weiter antun, wenn wir sie nur befragen und dann wieder gehen lassen, wäre eine Entführung dieser Circe für dich in Ordnung?“ Abby hatte keineswegs vor, irgendwelche Grenzen, von denen Brooke zuvor gesprochen hatte, zu übergehen. Sie glaubte nur nicht, dass es ihnen in irgendeiner Form helfen würde, länger zuzuwarten. Was diese Gruppe brauchte, war eine ordentliche Portion Entschlossenheit. Und die konnte Abby Seymor beisteuern.

  • Die begonnene Diskussion gewann an Farbe, während sich unterschiedliche Meinungen durchmischten. Finlay brachten die Stimmen zum Schweigen, auch wenn er eine klare Meinung vertrat: Ihre Weltansicht war die Richtige. Punkt. Sie waren die Guten, wieso kämpften sie sonst gegen die Todesser? Wenn es daran einen Zweifel gäbe, wären sie alle doch nicht hier? Aber ja. Irgendwo verstand auch Finlay, dass es einen Unterschied geben musste, nicht nur darin auf welcher Seite man stand. Die Guten unterschieden sich auch in der Vorgehensweise von den Bösen, sie töteten nicht einfach. Aber was, wenn es irgendwann keine andere Wahl gab? Jeder wusste doch, was mit den Bösewichten geschah, wenn man ihnen kein Ende setzte. Sie kamen zurück und das Drama begann von Neuem. Trotzdem war Finlay zugänglich für Brookes' Worte, ihre Ansichten, die eine Gemeinschaft zur Entscheidung berechtigen wollte und dabei einen Gegenschlag zunächst nicht ausschloss. Ganz anders als Geraldine, die mit ihrer Entrüstung Finlays' Aufmerksamkeit auf sich zog. Sein Innerstes schien sich geradezu zusammenzuziehen, als er ihren Worten lauschte. Sie war enttäuscht. Enttäuscht. Fassungslos starrte der Neunzehnjährige Geraldine entgegen, doch er vollbrachte es nicht seinen Mund zu öffnen und etwas zu erwidern. Zu sehr schockierte ihn jenes Wort, schaffte es sich unerbittlich in seinen Verstand einzubrennen. Dabei mischten sich immer mehr Stimmen in die Diskussion, brachten gute und sinnvolle Argumente, fanden Worte, die Eindruck hinterließen.

    Finlay jedoch vermochte es nicht, Deverell und Levin die angemessene Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient hätten. Denn zu sehr nagte er an dem Wort der Enttäuschung, konnte kein Verständnis für Geraldine und ihre Freundschaften aufbringen. Schließlich waren es Ceenes' wütende Worte, die dem Schotten aus der Seele sprachen. Entschlossen beließ er seinen Blick auf Geraldine, während Ceene ihren Hass verbalisierte. Finlay stimmte ihr bereitwillig zu, ließ sich mitreißen und schwieg doch weiterhin. Als das Glas der Grünhaarigen auf den Tisch niederging, war er froh darum, dass Ceene kein Blatt vor den Mund nahm. Sie einfach aussprach, was sie dachte, obschon es von so viel Hass verdunkelt war. Nur wie sollten sie auch anders denken können? Nach allem, was die Todesser ihnen und ihren Nächsten angetan hatten. Geraldines' Erwiderung nach jener Offensive hätte gewiss so manches Herz erweicht, denn ihre Worte klangen ehrlich, aber Finlay sah darin nur die naive Hoffnung auf etwas, dass niemals eintreten würde. Geraldines' Urteilsvermögen war offenkundig miserabel, sie hatte nichts geahnt und nicht wirklich etwas erfahren. Davon auszugehen, dass Circe ihr etwas verriet, war ein Strohhalm, der nicht existierte.

    Die Idee, Circe gefangen zu nehmen und zu befragen, erschien Finlay da weitaus realistischer. Etwas, dass Abby gekonnt aufgriff und bereits einen Plan zu formulieren schien. Noch immer still lauschte er nun den Worten seiner ehemaligen Quidditchkapitänin, während er sich doch nicht in der Lage fühlte, die klugen Einfälle von Abby konstruktiv zu ergänzen, denn sie schienen alles abzudecken. Ihre Fragen waren wirklich sinnvoll und beunruhigten Finlay gleichermaßen. Gab es Todesser*innen in Hogwarts? Wen griffen sie als Nächstes an? Denn natürlich würden die Todesser nicht still sitzen bleiben. Genauso wenig wie das Ministerium oder dieses neue Kommando. Wahrscheinlich waren längst nächste Schritte geplant, doch sie hatten natürlich keine Ahnung. Worauf mussten sie als Nächstes vorbereitet sein? Noch beunruhigender, gar schockierend, war der Umstand, dass die Mörder von Georgina die Gesichter zweier Ordensmitglieder gesehen hatten: Abbys und Deverells'. Waren sie nun die nächsten Ziele der Todesser? Finlays' Blick flackerte zu Abby, die allein durch ihre Ausbildung im Ministerium in stetiger Gefahr schwebte, in deren Fokus zu rücken. Der Schotte spürte, wie sein Herzschlag sich bei dem Gedanken beschleunigte, dass diese zwei Ordensmitglieder potenziell auf der Abschussliste der Todesser stehen würden. Machte das nicht alles noch dringlicher? Zeigte, dass sie absolut keine Zeit verschwenden durften? Sie mussten wissen, ob die Todesser sie identifiziert hatte und dafür brauchten sie Circe. Während seine Gedanken an Aufregung gewannen, nahm er das trunkene Nuscheln von Ceene nur am Rande wahr, ganz im Gegensatz zu ihrem aufstehen. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, während er zusah, wie Ceene sich erhob und schwankend vom Tisch abwendete. Finlay zweifelte die Worte von Ceene in keiner Weise an, im Gegenteil, er war überzeugt davon, dass sie zur Not genügend Hilfe fand, um auf eigene Faust gegen Circe vorzugehen. Finlay selbst würde bereitwillig zu jenen gehören, die ihr dabei zur Seite stehen würden. Die Art wie sie sich jedoch vom Tisch löste, ließ auch Sorge zu, nicht allein des Alkohols wegen. Die grünhaarige Hexe war nicht allein, gerade nicht im Orden, auch wenn die anderen noch nicht verstanden hatten, dass sie Recht hatte. Während er Ceene nachsah, zog Finlay seine Augenbrauen zusammen und kreuzte schließlich Abbys' Blick. Ein Nicken folgte ihren Worten, ehe er sich erhob. "Ja, sicher." Finlay schob seinen Stuhl und den von Ceene zurück an den Tisch, ehe er sich zur Seite wendete und der Hexe folgte. Dabei sah er einen Augenblick gen Deverell, vermochte es aber nicht, Worte zu finden, die seinen Zuspruch für die vorherige Ansprache des Zauberers ausdrücken konnten. Stattdessen eilte er sich schließlich, um Ceene aufzuholen und ihr beim Weg zur Toilette zu helfen, damit sie einen Teil ihrer Würde behalten durfte.


    // Viele Gedanken zum Geschehen und schließlich wird auf Abbys' Bitte hin @Ceene Nosmion nachgeeilt, um ihr zu helfen.

  • //Sorry für die lange Wartezeit, Uni is the worst und so <3


    Nachdem sie mit zitternder Stimme geendet hatte, hielt ein kurzer Moment der Stille in der Küche Einzug. Wie Asche nach einem Vulkanausbruch legte sich betretenes Schweigen über die Mienen die Anwesenden, ehe ausgerechnet Abby Seymor das Wort ergriff. Sie war zum ersten mal bei einem der Ordenstreffen dabei und normalerweise hätte Geraldine der jungen Muggelstämmigen wohl wenig Aufmerksamkeit geschenkt, aber in diesem Moment war sie erleichtert, dass der unangenehme Moment endlich endete. Als sich die Gesichter der anderen kollektiv zu der Rothaarigen drehten, fühlte Geraldine sich, als wäre endlich die Pistole von ihrer Brust genommen worden. Sie atmete tief ein und aus und langsam beruhigte sich ihre Atmung wieder. Noch immer klammerten sich ihre Hände an der Arbeitsplatte fest, doch langsam löste sich ihre Schreckstarre auf. Sie hasste es, dass die anderen Ordensmitglieder sie verurteilen und sie schämte sich dafür, dass sie trotz der Verbrechen der Todesser nicht einfach so entschlossen vorgehen wollte, wie der Rest des Ordens. Für Finlay, Abby und Deverell schien die Lösung so offensichtlich zu sein, aber sie hatten nicht ihr ganzes Leben mit den Menschen verbracht, gegen die sie nun kämpften. Es war leicht, ein Monster aus jemandem zu machen, über den man nichts wusste. Viel schwerer war es, all das auszublenden was sich gegen die Verbrechen von Circe, Emrys, Nicolas, Jonathan und Agatha aufwiegen ließ. Die vielen Jugenderinnerungen, Momente in denen sie sich gegenseitig geholfen hatten. All das Vertrauen, das so lange zwischen ihnen bestanden hatte. Geraldine konnte es nicht einfach so wegwischen, ihre Vergangenheit war ein Teil von ihr und würde es immer sein.

    Trotzdem fand sie, dass ein Teil dessen was Ceene sagte, wahr war. So unangenehm es war, die Aurorin verstand, dass sie nicht nur wegen ihrer persönlichen Gefühle weiterhin untätig bleiben konnten. Sie mussten die Todesser mit Gewalt stoppen, denn das war die einzige Sprache, die sie verstehen würden. Der Spott in den Stimmen der Reinblüter war jedes mal eindeutig zu hören, wenn sie über den "kleinen Widerstand" sprachen, die paar Verzweifelten, die die neue Ordnung nicht annehmen wollten. In den Augen der Todesser war der Orden keine ernstzunehmende Gefahr. Solange sich dieser Eindruck nicht änderte, würden die Anhänger des dunklen Lords mit ihren Abscheulichkeiten fortfahren, ohne sich vor Konsequenzen zu fürchten. Ohne Blutvergießen konnte dieser Konflikt nicht enden. Das war die harte Wahrheit. Für Geraldine kam es jetzt darauf an zu verhindern, dass es diejenigen traf, die sie sich zu beschützen geschworen hatte. Sie würde niemanden vor seiner oder ihrer gerechten Strafe bewahren können, aber sie konnte versuchen die Aufmerksamkeit zumindest von Nicolas und Jonathan wegzulenken. Der Gedanke dass den beiden jungen Männern etwas zustieß, war unerträglich für die Hexe. Ihre jugendliche Selbstüberschätzung und Arroganz hatte sie in eine ausweglose Situation gebracht. Nick hatte ihr im Hortensiengarten entgegengeschleudert, dass er keine andere Wahl mehr hatte, als den Anweisungen von Lord Voldemort zu gehorchen, wenn er den Zorn des schwarzen Magiers auf ihn und sein Umfeld nicht entfesseln wollte. Sie hatte die Angst in seinen Augen gesehen. Auch wenn Nicolas sich selbst in seine missliche Lage gebracht hatte konnte Geraldine nicht anders, als Mitleid mit ihm zu empfinden. Sie wollte nicht, dass ihm etwas zustieß.

    Ebenso wenig wollte sie, dass Circe etwas passierte, trotz allem was sie heute gehört hatte. Nachdem Ceene mit großem Getöse herausgetaumelt war, hatte Abby begonnen ihren Plan zu präsentieren, wie sie Circe entführen und befragen konnten. Hörte sie sich eigentlich selbst reden? Zumindest war Abby Seymor besonnen genug, als dass sie Circe nichts antun wollte. Wenn Geraldine in die Gesichter von Deverell oder Finlay sah, war sie sich bei den anderen hier in der Runde weniger sicher. Sie trugen das Feuer junger Männer in ihren Herzen, die glaubten beim noblen Kampf für ihre Ideale unsterblich zu sein. Bis sie es nicht mehr waren. Genau dieses Feuer war es, das schon Nicolas, Jonathan und so viele andere an den Rand des Abgrundes geführt hatte. Als Abby sich am Ende ihrer Worte wieder direkt an Geraldine wandte, schluckte die Hexe. "Wenn ihr das wirklich machen wollt, müsst ihr es ohne mich tun. Ich wäre mehr ein Hindernis als eine Hilfe für die Mission. Aber ich halte euch nicht auf." Ihr Blick war fest und hielt dieses mal auch denen der anderen Ordensmitglieder stand. Die Aurorin wusste, wo ihre Grenzen waren und sie war nicht bereit, ihre einstmals beste Freundin zu verschleppen. Das konnte niemand hier von ihr erwarten.

  • Brooke hatte Nachsicht, hatte Verständnis. Für Ceene, für ihre Situation und auch dafür, dass die Hexe anders dachte als sie. Das war in Ordnung, das war zu akzeptieren und da gab es keine Diskussion drüber. Sie waren hier Individuen mit eigenen Meinungen, was es deutlich schwerer machte, diese zusammenzubringen, was aber trotzdem nicht bedeutete, dass sie die Meinung anderer einfach übergehen und ignorieren konnten. Und ja, ein Teil von Brooke verstand Ceene, hätte gerne selbst zum Alkohol gegriffen, doch es ging nicht. Und es war keine Lösung, wenn sie alle betrunken herumpöbelten, sich gegenseitig beschuldigten und damit das Grundkonstrukt dessen, was der Orden die letzten Jahre aufgebaut hatte, zu zerstören. Ein Konstrukt, das schon lange vor Brookes Beitritt existiert hatte und welches für sie die Grundlage des Miteinanders hier war. Und trotzdem war da das leise Knurren, aus den Tiefen ihrer Brust, welches für beinahe alle hier unhörbar erklang, als Ceene erneut das Wort ergriff, Gift verspritzte, als ob es etwas brachte, jene anzugreifen, die hier waren. Es mochte Ironie sein, vielleicht waren jene Worte aber auch explizit gewählt, denn Ceene wusste schließlich, was Brooke war. War es nie gesagt worden, so gab es wenig Interpretationsspielraum. Doch nicht einmal das war es, was Brooke störte. Nein, so wie sie die Meinung anderer akzeptierte, erwartete sie das auch umgekehrt. Und bissige, unnötige Bemerkungen halfen hier nicht, waren fehl am Platz. Wäre Ceene nicht so betrunken gewesen, hätte Brooke etwas dazu gesagt, doch so presste sie nur die Lippen aufeinander, blickte der Hexe nach, während sie aus der Tür wankte und blickte kurz zu Finlay, der auf Abbys Bitten hin Ceene folgte. Es war sicher besser so.
    Und so wanderte ihr Blick zurück zu Abby, sah die Herausforderung im Blick der Jüngeren, doch es war nichts, was die Hexe provozierte. Sie waren hier nicht auf gegensätzlichen Seiten. Sie wollten alle dasselbe, es half nichts, wenn sie sich gegenseitig herausforderten. Doch es gab etwas, das Abby bei all der Diskussion, bei all den Gesprächen in dieser Runde übersah. Vielleicht hatte sie, was das anging, auch einen anderen Standpunkt, aber für Brooke war es keine Option, in dieser Runde eine Entscheidung zu treffen. Hypothesen aufstellen, sich Gedanken machen, ja. Und genau deshalb hielt sie sich zurück, hörte den Worten der Jüngeren zu, wie es sich gehörte, wartete auch noch ab, als Geraldine angesprochen wurde und ihre Worte sprach. Worte, die sicherlich entweder jetzt oder aber später zu Diskussionen führen würden. Mit einem Nicken reagierte die braunhaarige Hexe, denn genau darum war es ihr gegangen. Jeder hatte seine eigenen Grenzen und auch wenn Brooke Geraldine nicht in all ihren Entscheidungen verstand: Solange sie dem Orden half, war sie Willkommen. Zumindest für Brooke.
    Doch mochte Abby auch anderer Meinung sein, so war das Thema für Brooke noch nicht durch. Ja, sie mochten einen groben Plan haben, eine Idee, doch diese musste wohlüberlegt sein, nicht an einem Abend heruntergebrochen. Und schon gar nicht in dieser Runde. Und so räusperte sie sich erneut, blickte kurz in die Runde, ehe ihr Blick auf Abby liegen blieb, ruhig, die Herausforderung der Jüngeren nicht erwidernd, denn schließlich ging es ja nicht darum. „Einen groben Plan zu überlegen ist sicher nicht verkehrt, das haben hier ja schon einige getan.“ Ein feines Lächeln, ein Zeichen, dass ihre Worte nicht böse gemeint waren. „Aber das hier ist kein offizielles Meeting.“ Es war überhaupt kein Ordens-Meeting, es war ein Zusammenkommen von jenen, die gelitten hatten, es noch immer taten. Und das war gut so, aber … „Es sollten alle an den finalen Entscheidungen beteiligt sein, jeder kann sich Gedanken machen, Schwachstellen im Plan finden, die dafür sorgen könnten, dass alles schiefläuft. Denn das können wir uns genauso wenig erlauben wie Perspektivlosigkeit. Oder Unüberlegtes.“ Langsam lehnte sie sich zurück, spürte noch immer die Müdigkeit des letzten Vollmonds in ihren Knochen. Es gab viel zu viel, das bei diesem Plan noch besprochen werden musste. Aber heute war nicht der richtige Tag dafür. Denn nur weil Ceene einen Rachefeldzug starten wollte, hieß das nicht, dass sie einfach nun alles auf den Kopf stellen und nicht mehr für einen ordentlichen Plan sorgen sollten. Das half keinem von ihnen.

  • Freitag, 03. Juni 2022


    Luke Naydenov


    Byron starrte auf die Tasse Tee, die vor ihm auf dem Tisch stand, die Hände streng zusammengefaltet und seinen Kopf stützend, sodass seine gesamte Haltung Besorgnis ausstrahlte. Das als Heißgetränk gedachte Gebräu war schon lange kalt geworden und hatte nichts mehr von seinem Trost spendenden Charakter übrig. Es gab ohnehin nichts, was in den letzten Tag auch nur einen Hauch von Trost schenken konnte. Wie sollte es, bei all dem, was er und seine Leidensgenossen hatten mitmachen müssen? Es machte keinen Unterschied, dass er Georgina oder Bertie nicht allzu nahegestanden hatte. Sie waren gute Menschen. Sie hatten für das Richtige gekämpft - und sie hatte es das Leben gekostet. Und was aus Bertie wurde? Das konnte niemand so richtig sagen. Und selbstverständlich war sie da, die Angst, dass es einen selbst auch treffen konnte. Dass alles umsonst sein könnte. Dass es am Ende ohnehin keinen Unterschied machte. Zumal es untereinander auch nicht immer reibungslos ablief. Byron gab sich beste Mühe, sich im Hintergrund zu halten, den Frieden zu wahren - aber bei Merlin, es war so ungeheuer schwer, wo er mit Mary und Ciaran im Verborgenen weitaus Größeres plante.


    Ein Seufzer entwich ihm - eher ungewollt - und er blickte von der Tasse auf, um Brooke ein halbherziges Lächeln zu schenken. Es waren Menschen wie sie, die ihn dazu motivierten, nicht vollkommen zu resignieren. Es gab sicherlich kaum eine Hexe, die trotz all dem, was sie hatte erleben müssen, das Herz am rechten Fleck hatte. Manchmal, selbst wenn er das nie laut sagen würde, überkam ihn der Drang, ihr sanft übers Gesicht zu streichen, ihr zu sagen, dass er sie ansatzweise verstehen konnte. Er selbst war vor Jahren durch dunkle Magie gezeichnet worden, wenn auch "nur" am Bein. "Das macht etwas mit einem", rutschte es ihm trotz aller Selbstbeherrschung dennoch raus. Er schüttelte den Kopf, als wolle er sich selbst bändigen, ehe er die Arme vor der Brust verschränkte. "Ich glaube sie schöpfen Verdacht", sprach er weiter, als hätte er die vorherigen Worte nie von sich gegeben. "Ich würde gerne etwas tun, aber ..." Noch eine Manipulationsaktion, die konnte er sich nicht leisten. Sein Pokerface drohte mit jeder Negativschlagzeile mehr zu bröckeln. Und immerhin ging es hier nicht nur um ihn - er hatte eine Verantwortung. Den anderen Ordensmitgliedern gegenüber.

  • They know.

    28.08.2022

    Felicienne Tavernier


    Es hatte lange genug gedauert, bis Levin an diesem Punkt angekommen war. Zu lange vielleicht, denn es wäre sicherlich besser gewesen, er hätte es früher gesagt, hätte früher darüber gesprochen. Doch nach all den Ereignissen, all den Erschütterungen hatte es den richtigen Moment nicht gegeben, das redete er sich zumindest ein, wenn er darüber nachdachte. Doch jetzt war es vorbei, jetzt musste er etwas sagen. Nach allem, was gewesen war. Ob Brooke Elias die Wahrheit gesagt hatte? Ob sie ihm ebenso wie Levin berichtet hatte, was in der Vollmondnacht durch ihren Kopf gegangen war? Levin wusste es nicht. Aber er hatte begriffen, dass allzu viele Geheimnisse gefährlich werden konnten. Und so hatte er Elias um ein Treffen gebeten, im Grimmauldplatz, fernab von neugierigen Ohren und Augen.
    Das Monkshood und seine Praxis funktionierten irgendwie weiter. Mussten es ja, was war die Alternative? Wenn er nicht weitermachte, fiel ein entscheidender Anlaufpunkt weg. Doch er hatte die Sicherheitsmaßnahmen erhöht, arbeitete enger mit den anderen zusammen, wenn jemand zur Behandlung kam, um irgendwie für die eigene Sicherheit zu sorgen. Das, was da geschehen war, durfte nicht noch einmal geschehen. Denn dass er noch lebte, war einem Zufall zu verdanken. Einem dummen Zufall, dem er jetzt sein Leben verdankte. Vielleicht war es bei Landon ähnlich gelaufen und jetzt steckte er in all dem hier mit drin, ob freiwillig oder nicht. So durfte das nicht sein, wenn sie mit dem, was sie machten, Erfolg haben wollten. Sie durften weniger Fehler machen. Weniger Rückschläge abkriegen. Sich weniger auf ihr Glück verlassen. Vielleicht hatte Elias es von Anfang an richtig gemacht, nach dem Geschehenen nach Hogwarts zu gehen. Das Schloss schien wie eine Insel zu sein, wo dieser Kampf der Welt nur bedingt ankam. Aber ob das auf Dauer stimmte, wusste keiner von ihnen. Wenn die Todesser*innen das Ministerium so sehr unterwandert hatten, wie es aktuell den Anschein machte, dann war auch da irgendwann die Hoffnung verloren. Das durften sie nicht zulassen. Doch wie sollten sie es verhindern?
    Levin fuhr sich mit beiden Händen durch’s Gesicht und strich sich die Haare nach hinten, die wie immer ein wenig machten, was sie wollten. Erst dann trat er in den Grimmauldplatz ein, der sich wie von Geisterhand vor ihm aufgetan hatte. Niemand beobachtete ihn und so verschwand er nach drinnen. Levin mochte das Haus nicht. Er konnte nicht einmal mehr sagen, warum genau das so war. Doch irgendetwas daran hatte auf ihn nie den Eindruck gemacht, hier wirklich willkommen zu sein. Wichtig war es nicht, aber ein Leben konnte er sich hier definitiv nicht vorstellen.
    Mit einer Kanne Tee und einer Tasse ließ er sich am Tisch in der Küche nieder und wartete auf Elias. Es war gut, seinen Mentor wiederzusehen und mit ihm sprechen zu können, so unschön der Anlass dafür auch war. Und so fackelte Levin nun endlich auch nicht mehr lange, sondern kam nach der Begrüßung und einer eingeschenkten Tasse heißem Tee zum Punkt: „Ich bin vor einiger Zeit angegriffen worden. Im Monkshood“, sagte er ruhig und blickte Elias über den Rand seiner Tasse hinweg an, als er daraus noch einen Schluck nahm. „Der Typ hat Fragen gestellt. Verbindungen gezogen. Sie… scheinen zu wissen, wie sie suchen können“, schloss er und beobachtete Elias‘ Reaktion. Es tat ihm leid, das hier sagen zu müssen, was er heute sagen würde. Aber es ließ sich nicht ändern. Sie mussten vorsichtiger sein. Sie alle, die in Verbindung mit Elias standen.

  • In gewisser Weise war es eine deprimierende Erkenntnis, dass Elias nur noch ungute Befürchtungen hatte, wenn man ihn um ein Treffen bat. Er konnte sich an eine Zeit erinnern, in der er positive Beweggründe angenommen hatte, doch mittlerweile hatte Erfahrung in eines besseren belehrt. Dass Levin ihn nicht in den Grimmauldplatz gebeten hatte, um mit ihm Karten zu spielen, war von Anfang an offensichtlich gewesen. Für manche Dinge gab es keine guten Gründe, erst recht nicht in einer Zeit wie dieser. Manchmal stellte er sich vor, nicht mehr hinzugehen. Seinen Job aufzugeben und sein Haus nie wieder zu verlassen. Er hätte es nicht getan. Diese Menschen im Orden – Menschen wie Levin – hatten Opfer für ihn erbracht, die nicht aufzuwiegen waren und selbst wenn es nicht so wäre, hätte er das Leben nicht haben wollen, in dem er seinen Freund*innen den Rücken zukehrte. Und so war er gegangen, mit der pflichtschuldigen Selbstverständlichkeit eines Menschen, der bereits ahnte, dass er nicht würde hören wollen, was man ihm zu sagen hatte.

    Er ging die Begrüßung durch und nahm den Tee an, den Levin ihm einschenkte. Es dauerte nicht lange, bis Levin auf den Punkt kam. Wenn es nicht so bitter gewesen wäre, hätte er lachen können. „Ich habe es beinahe erwartet. Das tut mir Leid, Levin“, erwiderte er in ähnlicher Tonlage wie sein ehemaliger Auszubildender. Das schlechte Gewissen, das ihn heimsuchte, würde Levin auch nicht mehr helfen. Er hatte versucht, die Menschen zu warnen, mit denen er etwas zu tun hatte. Manchmal hatte es ihn frustriert, dass die wenigsten von ihnen bereit zu sein schienen, ihr Leben wirklich zu verändern. Es war nicht einmal, dass er annahm, dass sie seinen Worten keinen Glauben schenkten. Vielmehr vielleicht die Ahnung, dass niemand bereit war die eigene Freiheit zugunsten der Sicherheit maßgeblich einzuschränken, der nicht bereits am eigenen Leib erfahren hatte, was es bedeutet, es nicht zu tun.

    Er hatte es selbst erlebt, hatte genau den selben Fehler gemacht. Er hatte um die Gefahren gewusst und sie bis zu einem gewissen Punkt ignoriert, weil er sich eingeredet hatte, dass er im St. Mungo gebraucht wurde, dass er Geld verdienen musste, dass niemand ausgerechnet ihn angreifen würde. Die Menschen in den Schlagzeilen waren immer andere.

    Für diese naive Ignoranz hatte er teuer bezahlt und er hasste es, Menschen die ihm etwas bedeuteten in seinem Namen in die gleiche Falle tappen zu sehen. Es war nicht seine Schuld, das wusste er. Und doch fühlte es sich immer wieder so an, als hätte er versagt. Sein Verhalten in diesem Herbst vor zwei Jahren war nicht ungeschehen zu machen, egal wie sehr es ihn schmerzen mochte, immer wieder an das Ausmaß der Folgen erinnert zu werden.

    „Du hast recht. Sie suchen nach weiteren Hinweisen. Ich weiß, dass ich der beste Anhaltspunkt war, den sie hatten. Du bist nicht der erste, zu dem sie durch mich gefunden haben.“ Elias verstummte. Die Liste war zu lang geworden. Er würde keinen der Namen je wieder vergessen. „Wenn ich dir helfen kann, ob mit Sicherheitsvorkehrungen oder mit irgendetwas anderem, sag es mir bitte“, schloss er einen Moment später. Er wusste nicht, wann es geschehen war oder was Levin danach getan hatte. Er konnte nur hoffen, dass der jüngere Heiler unterstützt worden war, dass er sich irgendjemandem eher anvertraut hatte.

  • Dass Elias es beinahe erwartet hatte, konnte Levin nachvollziehen. Das Vorgehen des Angreifers war so planvoll erschienen, dass Levin nun auch verstanden hatte, dass sie das Muster längst erkannt hatten. Dass er nicht der einzige war, den sie in diesem Rahmen erwischt hatten, wusste er zwar noch nicht, aber es erschien ihm naheliegend. Dass Elias versucht hatte, sie alle zu warnen, wusste Levin. Doch er war noch immer der Meinung, dass es nicht anders gegangen wäre. Dass er sein Verhalten nicht so sehr hätte ändern können, wenn er gleichzeitig seine Arbeit im Monkshood hätte aufrechterhalten wollen. Und diese Arbeit war ihm wichtig, auch jetzt noch. Er konnte damit nicht aufhören, jetzt erst recht nicht. Denn es würde kaum besser werden, sondern eher schlechter. Levin schüttelte den Kopf. „Muss es nicht“, antwortete er und meinte es auch so. Es war nicht Elias‘ Schuld. Sie alle waren am Ende selbst dafür verantwortlich, wie sie sich im Angesicht der Gefahr verhielten. Und er hatte sich so entschieden, soweit man diesen ganzen Mist überhaupt eine Entscheidung nennen konnte.
    Als Elias bestätigte, dass es bereits andere getroffen hatte, sah Levin auf. „Wen?“, fragte er und er dachte an Brooke, an Patrick, an all die anderen Menschen, die dafür in Frage kamen. Es konnte nicht Brooke sein, denn sie hätte ihm davon erzählt, oder? Obwohl er selbst auch lang genug gebraucht hatte, um es auszusprechen. Es gab zu viele Optionen und alle davon beunruhigten ihn. Sie hatten bereits zu viele Verluste erlitten. Manchmal fragte er sich, wie sinnvoll das, was sie machten, tatsächlich war. Sie kamen keinen Schritt vorwärts, sondern gingen eher regelmäßig fünf zurück. Es war frustrierend und es wurde immer gefährlicher. Sie spürten es alle.
    Dann schüttelte er den Kopf. „Nein. Ich hab mit den anderen aus dem Monkshood gesprochen und gewisse Vorkehrungen getroffen. Ich kann da nicht aufhören, aber ich… wir haben es sicherer gemacht.“ Er wusste nicht, ob Elias ihn für naiv hielt. Vielleicht war er das, weil er diese Arbeit im Monkshood so hochhing. Doch er sah es ja, wenn er dort war: Seine Hilfe machte einen konkreten Unterschied. Es war nicht möglich, sich soweit zurückzuziehen, dass es absolute Sicherheit gab. „Dieser Typ wollte wissen, wo du zu finden bist, wenn du nicht in Hogwarts bist“, knüpfte Levin schließlich an seinen Bericht an und trank einen Schluck Tee. „Ich denke, er weiß nun, dass dein Haus magisch geschützt ist, wenn er klug ist.“ Er hatte ihm den entscheidenden Hinweis gegeben. Er hatte gesagt, dass er es ihm nicht sagen konnte. Zum Glück war es so. Levin hatte keine Ahnung, was er vielleicht gesagt hätte, wenn er etwas hätte sagen können. Wenn es weitergegangen wäre. Wenn dieser Typ nicht unterbrochen worden wäre. Levin rieb sich die Hände. Er konnte die Hitze in seinen Gliedmaßen regelrecht wieder spüren. „Meinst du nicht, dass sie irgendwann denjenigen finden, der es ihnen sagen kann?“ Ob derjenige es auch tun würde, wollte Levin nicht beurteilen – aber zumindest sollten sie darüber nachdenken. „Sie kennen keine Grenzen. Das weißt du.“

  • Landon, er ist ein alter Freund von mir. Und die Kaswans, sie haben das Land verlassen, nachdem ihr Laden zerstört wurde“, erwiderte Elias schlicht auf Levins Frage und erlaubte sich nicht, sich emotional auf die Bedeutung dieser Worte einzulassen. Sein Schuldbewusstsein war ebenso wenig hilfreich wie deplatziert. Er konnte nicht rückgängig machen, was diesen Menschen zugestoßen war. Es hatte bereits lange vor seiner Entführung begonnen, mit den Dingen, die Freya getan haben musste, um in das Visier dieser Menschen zu geraten. Auch ihr konnte er keine Vorwürfe machen, auch wenn er sich nicht selten fragte, was an diesem Tag oder vielleicht schon in den Wochen und Monaten davor geschehen war. Wahrscheinlich würde er es nie endgültig erfahren. Freya hatte nie viel über ihre Arbeit gesprochen. Er hatte es auch nicht hören wollen. Die Vorstellung, dass jemand den er liebte sich freiwillig solcher Gefahr aussetzte, was zu beängstigend erschienen. Mittlerweile konnte er nur auf diese alte Variante seiner selbst zurückblicken und sich fragen, wie er jemals so naiv hatte sein können.

    Was ist mit deiner eigenen Wohnung? Mit deinen Freund*innen oder Eltern?“, Elias blickte zu seinem ehemaligen Auszubildenden. Er wusste nicht viel über Levins Privatleben, war auch nicht der Meinung gewesen, dass es ihn etwas anging. Mittlerweile erschien es ihm jedoch leichtsinnig so zu tun, als ließe sich ihre restliches Leben von dem Trennen, was sie für den Orden taten. Er hatte selbst erlebt, dass die Todesser*innen nicht dafür zurückschreckten, unbeteiligte Menschen als Mittel zum Zweck zu benutzen, sie als Druckmittel einzusetzen. So wie sie es auch mit Levin selbst getan hatten. Elias seufzte und nickte dann langsam. Es wunderte ihn nicht, dass sie nach seinem Zuhause suchten und es war auch nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie erkannten, dass er sich magischer Mittel bedient hatte, um es zu schützen. Er fragte sich oft, wie lange er noch in Hogwarts tätig sein konnte. Es war ein Risiko. Irgendwann würde er seine Kinder vermutlich von der Schule nehmen müssen und gezwungen sein, komplett unterzutauchen. Die Hoffnung, dass es nicht dazu kommen würde, schwand und war mittlerweile meist der Hoffnung gewichen, überhaupt noch die Gelegenheit zu einem solchen Schritt zu haben, bevor es zu spät war.

    Ja. Der Ort kann nur aus freien Stücken offenbart werden. Die Person weiß um das Risiko. Ich ahne, dass es nicht mehr ewig so weiter gehen kann. Mit der Zeit müssen wir vermutlich alle mehr in den Untergrund treten“, schloss er nach einigen Sekunden des Schweigens. Manche von ihnen hatten es schon tun müssen, andere agierten noch relativ frei. Doch so mehr sie über die Todesserinnen lernten, so mehr sie ihnen in den Weg traten und ihre Pläne unterbanden, so gefährlicher würde es für sie alle werden.

  • Levin hatte nicht in dieser Intensität mitbekommen, wie weit die Griffe der Todesser*innen schon reichten. Wie viele Leute in ihrem Umfeld bereits von ihnen angetastet worden waren. Dass es auch Landon getroffen hatte, erschreckte ihn. Er hoffte, dass es dem anderen gut ging, verhältnismäßig wenigstens, denn dass man das nicht einfach vergessen konnte, wusste er nur allzu genau. Dass Elias es einfach sagte, keine weitere Regung zeigte, konnte Levin irgendwo verstehen, doch es irritierte ihn trotzdem. So als wäre es normal und richtig, dass sie sich an all das gewöhnten, weil es ja doch immer wieder passierte. So sollte es nicht sein und doch war es so. Das war nichts, was sie sich ausgesucht hatten.
    Als Elias ihn fragte, was mit seiner Wohnung war, mit seinen Eltern, wusste Levin nicht, was er darauf antworten sollte. Er hatte darüber nachgedacht, hatte an seine Eltern gedacht und er hatte auch versucht, ihnen zu sagen, was geschehen könnte, was in der magischen Welt aktuell passierte. Doch über die Jahre hatten sie sich entfremdet und das galt auch für das, was in seiner Welt passierte. Seine Mutter hatte es nicht wirklich verstehen wollen, hatte abgewunken und gemeint, dass schon nichts geschehen würde. Sie war immer schon so gewesen. Sorglos, optimistisch. Er hatte gesagt, dass er Leute um Hilfe bitten könnte, doch sie hatte es abgelehnt. Levin würde sich über ihre Entscheidung nicht hinwegsetzen, auch wenn ihm nicht wohl dabei war. Er musste es akzeptieren, dass sie sich so entschieden hatten, seine Mutter, sein Vater, seine Schwestern. Es gab keinen anderen Weg.
    An seine eigene Wohnung hatte er nicht wirklich gedacht. Er hielt sich dort eh kaum auf, war eher im Monkshood oder im Mungos, doch vielleicht wäre es keine schlechte Idee, sich auch der Wohnung mehr zu widmen. Der Wohnung, die er sich mit Mirjam teilte – wie sollte er ihr erklären, was er machte? Warum er einen solchen Aufstand machte? Er hatte keine Ahnung. Sie würde Fragen stellen, die er nicht beantworten könnte. Auch der Gedanke an Freund*innen hatte ihn umgetrieben, doch er musste ehrlich zugeben, dass es da kaum noch welche gab. Erst recht keine, die nicht selbst im Orden waren oder zu denen er aktuell noch Kontakt hatte. Wen sollte er also schützen? Damit war er zu spät, wenn er an Bertie und Gia dachte. Und so nickte er vage auf Elias‘ Fragen und hoffte, dass er auf diese Weise das Thema beenden konnte. Er hatte sich gekümmert, so gut es eben ging. „Ja“, fügte er hinzu, um das Nicken zu unterstreichen.
    Es erleichterte Levin, dass Elias sich der Gefahr ganz offenkundig ausreichend bewusst zu sein schien. Er war in dieser Hinsicht bereits sehr weitgegangen, hatte sein Zuhause geschützt, seine Arbeitsstelle gewechselt, war aus der Öffentlichkeit im Grunde verschwunden. Levin hatte Respekt vor diesem Schritt, denn dieser war Elias sicher nicht leichtgefallen. Aber was sollte er sonst tun? Er war schon so viel länger auf der Zielscheibe. Er nickte. Ja, Untergrund. Sie alle würden sich verstecken müssen. Doch er hatte keine Ahnung, wie das auf Dauer die Lösung sein konnte. Konnte es nicht. Natürlich hofften sie alle, dass sich die Welt eines Tages wieder ändern würde. Aber wie sollte sie? Sie konnten sich dafür einsetzen, dass es so kommt, aber sicher konnten sie sich nicht sein. „Du hast sicherlich recht. Ich glaube aber, dass nicht alle es so sehen werden.“ Er dachte an die Stimmen im Orden, die radikaler waren. Die mehr tun wollten. Die anders auftreten wollten. Er hatte keine Ahnung, was richtig war.

  • Elias nickte, als Levin ihm bestätigte, dass er Vorsorge getroffen hatte. Letztendlich lag es ohnehin nicht in seiner Verantwortung und es wirkte nicht, als würde der jüngere Heiler weiter über dieses Thema sprechen wollen. Sie mussten alle ihre eigenen Entscheidungen treffen. Manchmal gab es keinen guten Rat. Levin sprach weiter und wieder nickte Elias langsam. Er wusste nicht, ob der Heiler sich selbst unter jenen sah, die einen anderen Weg gehen wollten. Es stand außer Frage, dass es Menschen im Orden gab, die mit dem bisherigen Vorgehen nicht zufrieden waren und auch solche, die schlicht nicht bereit zu sein schienen, ihre Leben tiefgehend zu verändern.
    Er seufzte und hob eine Schulter. „Niemand von uns kann sagen, wie es weitergehen wird“, erwiderte er nach einem Moment des Schweigens. Manchmal hätte es es sich gewünscht, wie vermutlich alle, die Zeiten wie diese erlebten. Einen kleinen Ausblick in eine bessere Zukunft, das Versprechen, dass sich die Dinge wieder ändern würden. Doch die Welt würde sich verändern, so wie sie es immer tat. Ein Wechsel aus Aufstieg und Fall, über Jahrhunderte und Jahrtausende. Es half nichts, sich zu wünschen, man wäre in einem anderen Zeitalter geboren worden. Keiner von ihnen konnte sagen, ob sie ein Neues erleben würden, ob sie nah an einem Wendepunkt standen oder ob es noch viele Jahre geben würde, in denen der Aufstieg der Todesser*innen voranschritt.
    Elias erinnerte sich an eine Zeit, in der mit nichts als Pessimismus auf die Zukunft geblickt hatte. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass er optimistisch war, aber irgendwann in den vergangenen Monaten hatte er wieder so etwas wie Hoffnung gefunden. Wenn nicht für sich selbst, dann zumindest für seine Kinder.
    Er wusste, dass es Stimmen im Orden gab, die glaubten, dass der Zweck die Mittel heiligte und das es am Ende egal war, wie etwas erreicht wurde, so lange sie das Ziel vor Augen hatten. Es war schwer, manchmal vielleicht unmöglich, auf die Gewalt und Grausamkeit nicht mit eben diesen Mitteln zu reagieren. Manchmal fühlte er diesen Wunsch nach Rache, das Bedürfnis die Todesser*innen dafür zu bestrafen, was sie ihm angetan und genommen hatten. Und doch bestärkten auch diese Gedanken ihn letztendlich nur in dem Glauben, dass sie es nicht zulassen durften, sich auf diese niederen Bedürfnisse reduzieren zu lassen. „Wir werden alle vor Entscheidungen gestellt werden, die wir nicht treffen wollen und ich weiß, dass wir uns auch weiterhin oft nicht einig sein mögen. Aber ich glaube trotzdem, dass wir an den Dingen festhalten müssen, für die wir kämpfen. Ich kann und will nicht all meine Ideale und Moralvorstellungen einem vermeidlich höheren Zweck opfern. Wir wissen nicht wo wir enden werden und ich muss irgendwie mit den Mitteln leben können, zu denen ich gegriffen habe“, sagte er schließlich leise. Es gab einen Unterschied dazwischen, in Selbstverteidigung Todesser*innen unter Steinen zu begraben und sie zu foltern, weil man sich Informationen von ihnen erhoffte. Es gab Grenzen, die er nicht überschreiten konnte, wenn er sich selbst und alles woran er glaubte nicht verlieren wollte.

  • Levin würde manchmal gerne zurückgehen in der Zeit. Besonders wenn er Elias ansah, erinnerte er sich gut an seine erste Zeit im St. Mungo. Die Dinge, die ihm damals als Herausforderungen erschienen waren. Die Dinge, wegen derer er sich Sorgen gemacht hatte. Es war eine andere Zeit gewesen, mit Bertie, mit Gia und Levin wünschte sich all das einfach zurück. Elias ging es sicherlich nicht anders. Seine ehemaliger Mentor hatte einen großen Verlust erlitten und war selbst Opfer der Todesser geworden. Levin mochte sich nicht vorstellen, wie groß die Sehnsucht in Elias manchmal sein musste, einfach wieder zurückzugehen, diese Zukunft und Gegenwart hinter sich zu lassen und nur noch in der Vergangenheit zu sein. Doch das ging nicht. Für sie alle nicht. Die Dinge würden sich vielleicht eines Tages wieder zum Besseren wenden, aber sie waren Realität und unumkehrbar. Sie würde dieses alte Leben nicht einfach so zurückholen können, denn wer auch immer sie damals gewesen waren – es gab sie nicht mehr.
    Und Elias hatte recht. Die Zukunft war ungewiss. Sie konnte alle nur erahnen, was noch auf sie zukommen würde, doch wissen konnten sie es nicht. Vielleicht war es besser so. Vielleicht hätte sie der Mut doch eines Tages verlassen. Levin hätte es verstanden. Es war nicht so, dass er noch nie ans Aufgeben gedacht hatte. Doch was brachte es, es in Erwägung zu ziehen? Wenn die Welt sich weiter auf diese Weise änderte, war es egal, ob man aufgegeben hatte oder nicht. Es würde sie alle ereilen, früher oder später, wenn sie dem nicht Einhalt geboten.
    Elias‘ Worte passten zu Levins Gefühl. Er hatte es nicht auf diese Weise verbalisieren können, doch vielleicht war es genau das, was Elias sagte. Er wollte am Ende dieses Kampfes noch in den Spiegel schauen können. Sich selbst wiedererkennen können. Was auch immer das bedeutete. Levin wusste, was es hieß, Wut in sich zu spüren, doch er war kein Mensch, der diesem Gefühl allzu oft und allzu leichtfertig nachgab. Andere im Orden hatten wenigstens den Eindruck gemacht, dies anders zu sehen. Sie hatten von drastischeren Maßnahmen gesprochen. Von Methoden, die den Todesser*innen näher zu sein schienen als ihnen. Rechtfertige ein höherer Zweck ein solches Vorgehen? Levin war sich nicht sicher. Es betrübte ihn, keine Antworten auf so viele Fragen zu haben. Was brachte es am Ende, dass man sich selbst im Spiegel ansehen konnte, es aber keinen mehr gab? Es einen selbst nicht mehr gab?
    Es schnürte Levin mehr und mehr die Kehle zu. Er hatte lange nicht verstehen wollen, dass das hier ein Krieg war, selbst wenn er noch lange nicht offen ausgetragen wurde. Ob das aber nicht der nächste Schritt war, konnte ihnen niemand sagen. „Ich weiß“, sagte er daher nur mit belegter Stimme. „Ich frag mich nur manchmal…“ Er brach ab und wusste selbst nicht, wie er fortfahren sollte. Wie sollte er Elias das erklären, was er empfand? Als ob es seinem Gegenüber nicht genauso ging? „Kämpfen wir nur gegen etwas oder auch für etwas? Ich habe das Gefühl, dass sich unsere Vorstellungen davon, wie die Welt danach aussehen soll, unterscheiden. Nicht unbedingt meine und deine“, behauptete Levin, auch wenn er nicht einmal mehr das garantieren konnte. „Aber ich denke manchmal, dass es so oder so Opfer geben wird. Die Frage ist nur, ob sie einem selbst etwas bedeuten oder nicht.“ So war es jetzt und so würde es dann auch sein. Denn auch wenn man es nicht immer sehen konnte: Auch ihre Gegner*innen hatten etwas zu verlieren. Und dabei ging es um mehr als nur ihre Vision.

  • Elias ahnte, dass es Einige in den Reihen des Ordens gab, die vor allem von Hass und Wut getrieben wurden. Viele von ihnen waren jung. Sie waren in dieser Welt erwachsen geworden. Für manche von ihnen mochte das Engagement im Orden eine Rebellion sein, gegen ihre Eltern und Familien und die Wertvorstellungen, mit denen sie erzogen worden waren. Für manche von ihnen mochte es moralische Kalkulation sein, eine Abwägung davon, womit man leben konnte und wo man die persönliche Grenze zog. Elias wusste nicht, wie er das hätte beurteilen sollen. Es hatte Momente gegeben in denen ihn es auch wütend gemacht hatte, dass Menschen wie Geraldine Lovett eine Wahl gehabt hatten, sie vielleicht immer noch hatten. Er wusste nicht, ob sie es tun würde, ob er es ihr überhaupt hätte verübeln können. Sie waren aus unterschiedlichen Gründen zum Orden gekommen, hatten unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Es war nur normal, dass sich auch ihre Visionen voneinander unterschieden.

    Elias seufzte und hob die Schultern. „Ja. Das glaube ich auch.“ Für einige Sekunden schwieg er. Er selbst hatte sich die Frage wofür er kämpfte nie stellen müssen. Der Antwort sah er jeden Tag ins Gesicht. Wofür, wenn nicht dafür, dass seine Kinder eine Zukunft hatten? Selbst in den Momenten, in denen er nicht mehr das Gefühl gehabt hatte, für sich selbst kämpfen zu können, hatte etwas in ihm sich daran geklammert, dass er nicht aufgeben konnte, so lange sie ihn brauchten. Irgendwie hatten sie es geschafft, in zumindest ein wenig aus diesem dunklen Loch zu ziehen, in das er nach seiner Entführung gefallen war. Wenn er daran dachte, warum er all das tat, dann waren sie der Grund. Nicht nur Malja, Isaac und Cornelia sondern auch jedes andere Kind, dass das Pech hatte in einer Welt geboren zu sein, die es nicht annehmen wollte. Er war selbst eines dieser Kinder gewesen. Er hatte sich nicht ausgesucht, Teil der magischen Welt zu werden. Seine Jahre in Hogwarts waren immer von der Gewissheit überschattet worden, dass seine Herkunft etwas war, das ihm das Leben kosten könnte. Er war fünfzehn gewesen, als der Krieg geendet hatte, Voldemort als besiegt erklärt worden war. Elias erinnerte sich vage an die Berichte über Prozesse und Verurteilungen und an sein Gefühl der Erleichterung. Für eine Weile hatte er geglaubt, dass es damit vorbei war, dass die Diskriminierung von Menschen aus nichtmagischen Haushalten mit Voldemort gestorben war. Nichts davon hatte der Wahrheit entsprochen. Die erste Wahrheit hatte er schnell gespürt, die zweite jahrelang nicht sehen wollen.

    Ich denke, dass wir in den nächsten Monaten herausfinden müssen, ob unsere Differenzen überwindbar sind.“ Es war zu viel verlangt, dass sie sich in jeder Hinsicht einig waren. Das wusste Elias. Er hoffte, dass sie einen Weg finden konnten, mit dem sie leben konnten. „Als der Krieg zu Ende ging, habe ich wie so viele andere geglaubt, dass sich alle unsere Probleme mit dem Verschwinden der Todesserschaft lösen lassen. Aber das war damals wie heute ein gefährlicher Irrglaube.

    Es gab zu viele Menschen, die vielleicht nicht in den ersten Reihen standen, ihre Unterstützung aber dennoch deutlich machten, zu viele, die es nicht kümmerte, so lange es sie selbst nicht betraf, zu viele, die zu viel Angst hatten, um irgendetwas zu tun. Elias verstand. Er war kein Rebell, kein Held, er wollte das alles nicht und hatte es nie gewollt. Er blickte zu Levin und nickte langsam. Es gab immer Opfer. Vielleicht würden sie dazu gehören. Doch selbst wenn er überleben würde, wenn er einer von denen sein würde, die das Glück hatten, andere Zeiten zu sehen, dann wusste er, dass diese Opfer ihm immer etwas bedeuten würden. Er wollte nicht an einen Punkt gelangen, an dem er glaubte, dass es das Wert gewesen war, dass der Preis den sie gezahlt hatten nicht zu hoch gewesen war. Er war immer zu hoch. Selbst eine utopische Zukunft konnte nicht die Verluste derer aufwiegen, die diese Zukunft nicht erleben würden. Vielleicht war das am Ende der Unterschied. Dass er sich weigerte, ein Menschenleben als Mittel zum Zweck zu betrachten. Nicht einmal das Leben der Menschen, die auf der anderen Seite standen. Er hatte kein Verständnis für sie, er verabscheute was sie taten. Aber er würde ihnen nicht die Menschlichkeit opfern, die sie ihm abzuerkennen versuchten.

  • I'm paralyzed

    06.05.2023, abends


    Aktuell wirkte alles wie verschwommen. Wirkte alles so, als wäre da zu wenig Luft, als könne man nicht richtig durchatmen. Und das hatte sie auch nicht mehr getan seit einer Woche. Die Verwandlung in der vergangenen Nacht war die Hölle gewesen und zum ersten Mal hatte sich Brooke tatsächlich gewünscht, nicht den Wolfsbanntrank zu nehmen. Wären die Kinder nicht im Haus gewesen … Vielleicht hätte sie es getan. Für eine Nacht nichts zu fühlen, sich nur den Instinkten hinzugeben … Es wäre befreiend gewesen. Doch so war es keine Option gewesen, auch wenn Elias‘ Mutter und Bruder auf Malja, Isaac und Cory aufgepasst hatten. Noch war nicht geklärt, wo die Kinder bleiben würden, ob Malja und Isaac zu ihren Verwandten wollten oder nicht. Noch war nicht geklärt, wie es weitergehen würde, ob Isaac und Cornelia zurück nach Hogwarts gehen würden. Es war noch alles offen – und gleichzeitig war so viel zu planen gewesen. Die Beerdigung hatte in einem Friedwald in Hastings stattgefunden, nur mit engsten Familienangehörigen und Elias‘ engen Freund:innen. Brooke hatte darauf verzichtet, den gesamten Orden einzuladen, denn genauso wie Geraldines Einladung zu ihrer Hochzeit hätte dies gewiss Aufmerksamkeit erregt. Wer wollte, konnte sich noch immer von ihm verabschieden. Es mochte vielleicht egoistisch sein, mochte nicht fair wirken, doch es ging um die Sicherheit der Kinder. Elias‘ Familie, die extra aus den Staaten gekommen waren. Jede zusätzliche Person wäre ein Risiko gewesen und auch wenn Brooke wusste, dass es letztlich kein Todesserangriff gewesen war – oder zumindest dies nicht die Motivation hinter dem Mord gewesen war – so hatte sie noch niemandem erzählt, weshalb Elias hatte sterben müssen. Und eigentlich hatte sie das auch nicht vor.
    Und dennoch … Sie wollte dem Orden nicht die Möglichkeit vorenthalten, sich ebenfalls zu verabschieden. Und auch wenn sie sich eigentlich nur in ihr Zimmer hatte einsperren und schreien wollen, war sie hier, im Grimmauldplatz. Es hatte sie Überwindung gekostet, doch sie hatten sich etwas versprochen. Und mochte die Ehe auch nur dem Zweck gedient haben, so hatte Brooke nicht vor, ihr Versprechen zu brechen. Das hier waren schwere Zeiten – doch jede:r im Orden hatte dasselbe Recht auf Trauer. Und so saß sie dort, schweigend an einem der Tische, diejenigen, die hier waren, gar nicht wirklich wahrnehmend. „Sein Grab ist im Friedwald bei Hastings“, erklärte sie tonlos, als wäre damit alles gesagt. Das war es nicht, doch aktuell war da keine Energie in Brooke, fühlte sie sich ausgelaugt. Selbst den Hass, den sie gegenüber Emrys verspürte, konnte sie heute nicht beschwören. Die Beerdigung, die Verwandlung … All das hatte sie Energie gekostet. Und so schloss sie für einen Moment einfach nur die Augen, auch wenn sie damit nur wieder Elias‘ blutüberströmten Körper in der kleinen Küche sah, die Worte hörte … Und sich ein Schauer über ihren Rücken zog.


    /Für die, die Interesse haben: Aaron Mayberry  Byron Clairmont  @Geraldine Lovett  @Abby Seymor  @Ceene Nosmion  Henry McGuilles  Patrick C. O'Rourke  Willow E. Bulstrode  Virginia MacGuffin

    Zur Info: Enge Freunde von Elias können auch bei der Beerdigung gewesen sein, die wird im kleinsten Rahmen stattgefunden haben. Ob eure Charaktere jetzt dazugehören oder nicht, könnt ihr natürlich selbst entscheiden, aber z.B. Levin, Patrick, Landon oder Virginia werden sicher informiert worden sein.

  • Sie hatte immer noch nicht ganz begriffen, was passiert war. Intellektuell, ja. Emotional? Nein. Wie konnte jemand, der noch wenige Tage zu vor dagewesen war, nun einfach verschwunden sein? Wie konnte das sein? Wie ein schlechter Traum waren ihr sofort die Bilder von Freya in diesem elendigen Keller in den Sinn gekommen, als sie von Elias erfahren hatte. Noch immer verfolgte sie dieser Tag, nach dem nichts mehr so gewesen war wie davor. Und erneut war da diese Wut. Sie war immer besser mit Wut als mit Trauer gewesen. Virginia fragte sich, ob es ein Fehler gewesen war, einfach so zu verschwinden, als sie kalte Füße bekommen hatte. Wäre es nicht besser gewesen, sie wäre geblieben und hätte vor Ort etwas getan? Wie die anderen. Brooke, Levin, Elias. Doch viele waren auch verschwunden. Patrick war gegangen. Einige nicht wieder aufgetaucht. Von Kai hatte sie ewig nichts gehört, geschweige denn von Jonas. Und wie so oft versuchte sie sich an die mahnenden Worte ihres Bruders erinnern, der ihr versichert hatte, dass es niemandem etwas brachte, wenn sie bei irgendeiner unvorsichtigen Aktion draufging. Trotzdem fühlte sie sich schuldig. Es war ihr falsch vorgekommen, dass sie munter und gesund in der letzten Reihe der beschaulichen Runde gestanden hatte, als man Elias begraben hatte. Es kam ihr nun falsch und feige vor, so wenig getan zu haben. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, wie sie Brooke so ansah, die wie ein kleines Häuflein Elend in der Küche des Grimmauldplatzes saß. Sie sah aus, als hätte sie Tage nicht geschlafen, erschöpft, matt.

    Virginia wusste, dass hier und jetzt nicht der Ort war, flammenden Hassreden zu halten, um Vergeltung einzufordern. Sie wusste, dass sie ihre Wut an anderen auslassen musste und trotzdem viel es ihr schwer, ihren Mund zu halten, still zu halten, obwohl alles in ihr danach schrie, etwas zu tun. Sie hielt es nicht länger aus, den Todesser*innen immer einen Schritt hinterher zu sein. Einen nach dem Andern zu verlieren. Gewissenhaft ihre Aufgaben zu erledigen, nur um von einer erneuten Entführung zu lesen. Es frustrierte sie immens.

    Sie atmete ein uns aus und konzentrierte sich dann auf Brooke. Hier war immerhin eine Person, der sie versuchen konnte, aktiv zu helfen. Es war nicht gerade das Outlet, was sie sich wünschte, aber ein Anfang.

    Ihre Hände hatten wie von selbst begonnen, den Teekessel aufzusetzen, der inzwischen laut zu pfeifen begonnen hatte. Sie warf ein entschuldigendes Lächeln in die Runde und goss dann das heiße Wasser in die Kanne. Wie ein ungeschriebenes, britisches Gesetz half Tee schließlich gegen alles. Und wenn nicht gegen alles, dann hatte es immerhin etwas tröstliches. Sie nahm ein paar Tassen aus dem Schrank und entfernte das Sieb mit den Teeblättern, bevor sie eine befüllte.

    Hier“, sagte sie zu Brooke, reichte ihr die Tasse und legte ihr für kurze Zeit eine tröstende Hand auf die Schulter. „Es war eine schöne Zeremonie“, entgegnete sie dann und versuchte so viel Sanftheit in ihre Stimme zu legen, wie sie es zuließ. Ungewohnt für ihr sonst eher aufbrausendes, schottisches Mundwerk. Vielleicht wäre jetzt der Moment gewesen, ein paar emotionale Abschiedsworte zu verlieren, doch in ihrem Kopf war momentan kein Platz für angemessene Reden.

  • Man sollte denken, dass es mit der Zeit leichter werden musste, Abschied zu nehmen. Es fühlte sich nicht so an. Elias war nicht der erste Zauberer, den sie verloren hatten. Georgina war von den Todessern umgebracht worden, bei Bertie dachte Geraldine manchmal, dass der Tod vielleicht ein besseres Schicksal gewesen wäre, als weg getreten in einem Bett am Grimmauldplatz zu verrotten. Eliana war ihr entrissen worden und die Wunden waren gerade erst langsam verheilt. Und nun der nächste Schicksalsschlag. Elias war brutal angegriffen worden und Geraldine konnte es nicht fassen, dass er wirklich tot war.

    Sie hatte nie das Gefühl gehabt, dass Elias Cooper sie besonders mochte, wenn sie ehrlich war, dann hatten sie immer eher einen Bogen umeinander gemacht. Er hatte ihre extravagante Art nicht ausstehen können und in ihren Augen hatte er ihr nie vergeben, dass sie eine Reinblüterin war. Sie hatte seine permanente Ernsthaftigkeit nicht leiden können und er hatte ihre Witze nie lustig gefunden. Das war die eine Seite. Auf der anderen hatten sie von Anfang an ein grimmiges Einverständnis darüber gehabt, weshalb sie am Grimmauldplatz waren. Sie mochten aus verschiedenen Welten kommen, aber sie beide waren sich einig gewesen, dass die Todesser gestoppt werden mussten. Geraldine hatte Elias vielleicht nicht gemocht, doch sie hatte seine Arbeit und Klugheit immer respektiert. Für eine Weile war es ihr sogar so vorgekommen, als wäre Elias neben Earnestine der inoffizielle Anführer des Ordens. Wer sollte jetzt an seinen Platz treten? Keiner wusste es.

    Geraldine nickte nur als Virginia von der Zeremonie sprach. Sie stellte es sich schön vor, in einem Friedwald begraben zu werden. Wieder eins zu werden mit der Natur. Sie selbst war nicht bei der Beerdigung dabei gewesen, Elias und sie hatten sich nicht genug gekannt, außerdem würde ein Besuch der Chefin der Aurorenzentrale nur alle in Gefahr bringen, die außer ihr Abschied von Elias nahmen. Vielleicht würde sie in ein paar Tagen noch nach Hastings apparieren und mit Anthony durch den Wald spazieren, um Elias zu gedenken. Sie wusste es nicht.

    Bisher hatte sie sich nicht getraut, etwas zu Brooke zu sagen. All ihr Worte mussten hohl wirken im Angesicht dessen, was geschehen war. Ihr brannte die Frage auf der Zunge, was wirklich geschehen war, warum Brooke Elias nach Hogsmeade gebracht hatte. Doch Brooke hatte sicher ihre Gründe dafür, nichts zu sagen. "Anthony und ich haben heute Morgen für Elias gebetet", stieß sie schließlich hervor. Sie hatte nicht gewusst, was sie sonst tun sollten und sie hatte Anthony nicht komplett erklären können, warum sie für einen verstorbenen Hogwarts-Professor betete, aber er hatte es stillschweigend akzeptiert. "Gibt es irgendetwas, was wir für dich tun können?"

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