Es war das erste mal, dass Geraldine sich am Grimmauldplatz Nr. 12 geborgen fühlte. Die rustikale Abgeschiedenheit des leerstehenden Hauses kam ihr plötzlich wie ein sicherer Rückzugsort vor. Und Brookes warme Hand auf ihrer Schulter zu spüren, zog die Hexe sanft in die Realität zurück. Noch immer konnte sie die Tränen fühlen, die langsam ihre Wangen hinabrannen, aber sie fühlte sich nicht mehr so verloren. Nicht mehr so verängstigt wie ein Kind das ganz alleine durch ein Wald voller Ungeheuer laufen muss. Und auch ihre Angst davor, langsam verrückt zu werden, ebbte langsam ab. Sie war verwirrt. Doch dass sie sich noch keinen Reim auf das machen konnte, was geschehen war, war ganz normal. Ihr Geist hatte schon begonnen zu rattern, dabei war noch gar nicht richtig in ihrem Kopf angekommen, was überhaupt geschehen war. Es war ganz normal, dass sie Panik hatte. Mit ihrer linken Hand drückte Geraldine den Arm von Brooke, der auf ihrer Schulter lag und hielt sie einen Moment einfach fest. Sie war froh, nicht allein sein zu müssen.
Dankbar nahm Geraldine einen Schluck von dem Wasser, das Brooke ihr anbot. Es half, den unangenehmen Geschmack aus ihrem Mund zu spülen, auch wenn ein Rest des bitteren Gefühls auf ihrer Zunge hängen blieb. Die Hand der Aurorin zitterte noch ein wenig, allerdings hörten ihre Gedanken immer mehr auf zu rasen. Sie atmete tief ein und aus, während Brooke ungläubig fragte, was die Todesser mit all dem zu tun haben sollten. Mit ganzer Kraft versuchte Geraldine, sich zu konzentrieren, um den Hintergrund ihres Verdachts zu erklären: "Letztes Jahr, als Elias entführt wurde, haben die Todesser ja das dunkle Mal über London erscheinen lassen." Sie war sich sicher, dass Brooke sich daran erinnerte. Immerhin war sie eine derjenigen gewesen, die den Todessern damals in die Quere gekommen war. "Ich wusste damals noch nichts vom Orden, aber ich war mit Eliana zur gleichen Zeit in London unterwegs. Als wir das Mal gesehen haben, hat Eliana auf einmal furchtbare Angst bekommen." Geraldines Stimme bebte. Sie umklammerte ihr Wasserglas und stürzte noch einen Schluck herunter. Ein Teil von ihr wünschte sich, dass es etwas Stärkeres wäre, aber jetzt Alkohol zu trinken, war mit Sicherheit eine schlechte Idee. "Ich war natürlich auch nicht glücklich das Mal zu sehen, aber ich wusste dass ich nicht unmittelbar in Gefahr schwebe. Meine Familie war früher gut mit den Todessern befreundet, daher konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie jemals etwas versuchen würden. Und Eliana hatte gerade Emrys geheiratet, sie war schwanger von ihm, deshalb habe ich nicht verstanden, warum sie sich so sehr gefürchtet hat. Ich wusste, dass sie keine Reinblüterin ist, aber ich dachte immer, dass sie eine Halbblüterin wäre." Die Worte sprudelten nur so aus Geraldine heraus. Es tat gut, jemandem all die Dinge anzuvertrauen, die sie über ein Jahr in ihrem Herz eingeschlossen hatte. "Aber sie ist muggelstämmig gewesen Brooke. Deshalb war sie so panisch. Beim ersten Zaubererkrieg - als wir noch in Hogwarts waren - hatte sie schon jeden Tag Angst, dass jemand ihren Eltern etwas antun würde. Daran habe ich mich bis zu dem Tag nur nicht erinnert, weil sie früher so unauffällig war." Viele Muggel waren im ersten Zaubererkrieg sinnlos ermordet worden. Es hatte niemandem etwas gebracht und nur Wunden aufgerissen, die vielleicht niemals verheilen würden. "Als sie dann nochmal das dunkle Mal gesehen hat, muss die ganze Furcht von damals zurück gekommen sein. Sie hat mir erzählt, dass sie Emrys nie richtig geliebt hat, sondern dass sie ihn nur geheiratet hat, weil sie schwanger war und für ihren Sohn das beste wollte. Für Kean." Eines ihrer vielen Patenkinder. Er würde sie mehr brauchen, als all die jungen Männer, deren Patentante sie zuvor gewesen war. "Sie hatte so Angst davor, dass die Zeiten zurück kommen, in denen Menschen wie sie und ihre Eltern von Todessern gejagt wurden, dass sie ihre eigenen Gefühle hinten angestellt hat und mit Emrys zusammengekommen ist. Um den Schutz seines reinblütigen Namens zu haben. Weil seine Familie so angesehen ist." Und aus Todessern bestand. Alles in ihr schrie danach, das Geheimnis von Emrys zu enthüllen, doch sie konnte fühlen, wie ihr Handgelenk bei dem bloßen Gedanken daran, brannte und zog. Wenn sie den unbrechbaren Schwur ignorierte, würde dieser furchtbare Tag noch wesentlich schlimmer werden. "Sie hatte Angst Brooke, ich weiß nicht genau wovor, aber sie hatte das Gefühl, dass die Todesser hinter ihr her sind." Einer ganz bestimmt. Geraldine konnte es jedoch nicht sagen, weshalb sie absichtlich vage blieb. "Eliana hat zu mir gesagt, dass wir ihre Eltern aus England schaffen sollen, wenn sie stirbt und es mir komisch vorkommt. Sie hat ihre Erinnerungen so verzaubert, dass sie sich nicht daran erinnern, dass sie eine Tochter haben. Eliana wollte es so, damit sie nicht in das ganze Chaos der Zaubererwelt rein gezogen werden. Aber jetzt wo Eliana nicht mehr da ist, ist der Zauber gebrochen und sie werden sich erinnern. Und vielleicht ist schon jemand unterwegs, um ihnen etwas anzutun." Mit eindringlicher Miene schaute Geraldine Brooke an: "Wir müssen Elianas Eltern aus England wegbringen."