Erdgeschoss - Speisezimmer und Küche

  • Es war das erste mal, dass Geraldine sich am Grimmauldplatz Nr. 12 geborgen fühlte. Die rustikale Abgeschiedenheit des leerstehenden Hauses kam ihr plötzlich wie ein sicherer Rückzugsort vor. Und Brookes warme Hand auf ihrer Schulter zu spüren, zog die Hexe sanft in die Realität zurück. Noch immer konnte sie die Tränen fühlen, die langsam ihre Wangen hinabrannen, aber sie fühlte sich nicht mehr so verloren. Nicht mehr so verängstigt wie ein Kind das ganz alleine durch ein Wald voller Ungeheuer laufen muss. Und auch ihre Angst davor, langsam verrückt zu werden, ebbte langsam ab. Sie war verwirrt. Doch dass sie sich noch keinen Reim auf das machen konnte, was geschehen war, war ganz normal. Ihr Geist hatte schon begonnen zu rattern, dabei war noch gar nicht richtig in ihrem Kopf angekommen, was überhaupt geschehen war. Es war ganz normal, dass sie Panik hatte. Mit ihrer linken Hand drückte Geraldine den Arm von Brooke, der auf ihrer Schulter lag und hielt sie einen Moment einfach fest. Sie war froh, nicht allein sein zu müssen.

    Dankbar nahm Geraldine einen Schluck von dem Wasser, das Brooke ihr anbot. Es half, den unangenehmen Geschmack aus ihrem Mund zu spülen, auch wenn ein Rest des bitteren Gefühls auf ihrer Zunge hängen blieb. Die Hand der Aurorin zitterte noch ein wenig, allerdings hörten ihre Gedanken immer mehr auf zu rasen. Sie atmete tief ein und aus, während Brooke ungläubig fragte, was die Todesser mit all dem zu tun haben sollten. Mit ganzer Kraft versuchte Geraldine, sich zu konzentrieren, um den Hintergrund ihres Verdachts zu erklären: "Letztes Jahr, als Elias entführt wurde, haben die Todesser ja das dunkle Mal über London erscheinen lassen." Sie war sich sicher, dass Brooke sich daran erinnerte. Immerhin war sie eine derjenigen gewesen, die den Todessern damals in die Quere gekommen war. "Ich wusste damals noch nichts vom Orden, aber ich war mit Eliana zur gleichen Zeit in London unterwegs. Als wir das Mal gesehen haben, hat Eliana auf einmal furchtbare Angst bekommen." Geraldines Stimme bebte. Sie umklammerte ihr Wasserglas und stürzte noch einen Schluck herunter. Ein Teil von ihr wünschte sich, dass es etwas Stärkeres wäre, aber jetzt Alkohol zu trinken, war mit Sicherheit eine schlechte Idee. "Ich war natürlich auch nicht glücklich das Mal zu sehen, aber ich wusste dass ich nicht unmittelbar in Gefahr schwebe. Meine Familie war früher gut mit den Todessern befreundet, daher konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie jemals etwas versuchen würden. Und Eliana hatte gerade Emrys geheiratet, sie war schwanger von ihm, deshalb habe ich nicht verstanden, warum sie sich so sehr gefürchtet hat. Ich wusste, dass sie keine Reinblüterin ist, aber ich dachte immer, dass sie eine Halbblüterin wäre." Die Worte sprudelten nur so aus Geraldine heraus. Es tat gut, jemandem all die Dinge anzuvertrauen, die sie über ein Jahr in ihrem Herz eingeschlossen hatte. "Aber sie ist muggelstämmig gewesen Brooke. Deshalb war sie so panisch. Beim ersten Zaubererkrieg - als wir noch in Hogwarts waren - hatte sie schon jeden Tag Angst, dass jemand ihren Eltern etwas antun würde. Daran habe ich mich bis zu dem Tag nur nicht erinnert, weil sie früher so unauffällig war." Viele Muggel waren im ersten Zaubererkrieg sinnlos ermordet worden. Es hatte niemandem etwas gebracht und nur Wunden aufgerissen, die vielleicht niemals verheilen würden. "Als sie dann nochmal das dunkle Mal gesehen hat, muss die ganze Furcht von damals zurück gekommen sein. Sie hat mir erzählt, dass sie Emrys nie richtig geliebt hat, sondern dass sie ihn nur geheiratet hat, weil sie schwanger war und für ihren Sohn das beste wollte. Für Kean." Eines ihrer vielen Patenkinder. Er würde sie mehr brauchen, als all die jungen Männer, deren Patentante sie zuvor gewesen war. "Sie hatte so Angst davor, dass die Zeiten zurück kommen, in denen Menschen wie sie und ihre Eltern von Todessern gejagt wurden, dass sie ihre eigenen Gefühle hinten angestellt hat und mit Emrys zusammengekommen ist. Um den Schutz seines reinblütigen Namens zu haben. Weil seine Familie so angesehen ist." Und aus Todessern bestand. Alles in ihr schrie danach, das Geheimnis von Emrys zu enthüllen, doch sie konnte fühlen, wie ihr Handgelenk bei dem bloßen Gedanken daran, brannte und zog. Wenn sie den unbrechbaren Schwur ignorierte, würde dieser furchtbare Tag noch wesentlich schlimmer werden. "Sie hatte Angst Brooke, ich weiß nicht genau wovor, aber sie hatte das Gefühl, dass die Todesser hinter ihr her sind." Einer ganz bestimmt. Geraldine konnte es jedoch nicht sagen, weshalb sie absichtlich vage blieb. "Eliana hat zu mir gesagt, dass wir ihre Eltern aus England schaffen sollen, wenn sie stirbt und es mir komisch vorkommt. Sie hat ihre Erinnerungen so verzaubert, dass sie sich nicht daran erinnern, dass sie eine Tochter haben. Eliana wollte es so, damit sie nicht in das ganze Chaos der Zaubererwelt rein gezogen werden. Aber jetzt wo Eliana nicht mehr da ist, ist der Zauber gebrochen und sie werden sich erinnern. Und vielleicht ist schon jemand unterwegs, um ihnen etwas anzutun." Mit eindringlicher Miene schaute Geraldine Brooke an: "Wir müssen Elianas Eltern aus England wegbringen."

  • Brooke hätte Geraldines Gefühle nachvollziehen können. Auch sie hatte den Moment gehabt, in dem der Grimmauldplatz sich wie ein Zuhause angefühlt hatte, wie ein Platz, in dem man sicher war. Mit der Zeit war es jedoch eher ein Gefühl des Eingesperrt Seins gewesen, denn die dunklen Wände konnten einem bedrohlich nahekommen. Da war ihr neues Zuhause, ihre Wohngemeinschaft mit Elias, einfach etwas vollkommen anderes. Es fühlte sich passend an, es war einfach ein Gefühl von Geborgenheit, aber auch Freiheit in dem kleinen Fachwerkhaus in Hastings. Doch dass Geraldine hier, jetzt, das Gefühl hatte, dass sie sicher war: Ja, Brooke hätte es verstanden. Und so gab es auch keine Diskussion darüber, was zu tun war. Gab es keine Diskussion, ob sie der Hexe zur Seite stand, auch wenn sie nicht mit jeder Einstellung von ihr zurechtkam. Solche Gefühle waren zweitrangig im Moment der Not – und jeder verdiente die Hilfe, die man in einem solchen Moment brauchte.
    Es war faszinierend zu sehen, wie Geraldine von der gebrochen wirkenden Hexe in einem Moment zu der Aurorin wurde, die sie war. Nicht einmal, weil sich optisch viel veränderte, nein, aber es war spannend mitzubekommen, wie sie in Gedanken schon weiterdachte. Die Erkenntnis dessen, was mit Eliana passiert war, schien nicht allzu lange her zu sein und trotzdem schien sie bereits zu arbeiten. Vielleicht war es ihr Weg, mit den Gefühlen umzugehen und Brooke würde die ältere Hexe gewiss nicht dafür verurteilen. Auch wenn es ihr in diesem Moment doch das Herz brach, denn immerhin hatte sie Eliana ebenfalls kennengelernt. Nicht viel, aber als Ehefrau ihres früheren Chefs, bei dem sie just gekündigt hatte … Sie war die Frau gewesen, wegen der sich Brooke von Emrys immer weiter zurückgezogen hatte, doch sie hatte sehr nett und freundlich gewirkt. Ob es ihm gut ging? Ob er … Nein, sie durfte nicht wieder in diese Spirale an Gedanken verfallen, so einfach sie auch kommen mochten. Und so konzentrierte sie sich auf das, was Geraldine in Gedanken durchzugehen ging, auch wenn nicht klar war, ob sie es für Brooke oder doch eher für sich selbst tat. Beides war vollkommen okay, denn Brooke würde zuhören – und ja, vielleicht war das hier für einen Moment so ein wenig, wie die Zusammenarbeit mit Emrys gewesen war. Auch er hatte ihr oft von seinen Vermutungen und Ideen erzählt und sie hatten gemeins- Vermalledeite Gedanken. Weg damit.
    Es war wenig überraschend, dass Geraldines Familie früher mit den Todessern befreundet war und es war anzunehmen, dass in ihrem Freundeskreis zumindest Personen mit sehr konservativen Ansichten waren, so wie sie es ja selbst auch schon erzählt hatte. Was allerdings Eliana in diese Angst versetzt hatte, das konnte Brooke nicht wissen und der Umstand, dass auch Emrys deutlich konservativer zu sein schien als sie Anfangs geglaubt hatte, hätte Eliana jedoch in Sicherheit wiegen sollen – zumindest bis Geraldine die Bombe platzen ließ, die selbst Brooke für einen Moment aus ihrer Rolle der mitfühlenden Zuhörerin schmiss und sie die Augen vor Überraschung weit aufreißen ließ. Muggelstämmig? Nicht, dass Brookes es in irgendeiner Form interessiert hätte, aber nein, das hatte sie nun wirklich nicht gedacht, schon gar nicht, wenn man bedachte, dass … „Wusste denn Emrys davon?“ Leise, mehr zu sich selbst, war sie doch eigentlich niemand, der sich mit Klatsch und Tratsch beschäftigte, konnte Brooke die Frage jedoch nicht verkneifen, ehe sie sich zur Konzentration berief – etwas, das schon im nächsten Moment wieder zusammenbrach als die nächste Erkenntnis sie erschütterte. Eliana hatte als Emrys nie geliebt und ihn nur wegen seines Namens geheiratet? Das … Also … ?!?!
    Dafür, dass Brooke eine Zeit lang einmal gedacht hatte, sie würde ihn wirklich gut kennen, schien ihr gesamtes Bild noch mehr erschüttert zu werden als Elias ihr einmal versucht hatte, zu erklären. Und langsam, ganz langsam, im Hinblick auf all das, was sie in Erfahrung gebracht hatte, Geraldines und Elias‘ Warnung beachtend, die Informationen zusammentragend, die sie nun heute bekommen hatte … Eine eisige Faust klammerte sich um ihre Brust, schien ihr die Luft abzuschnüren, während die letzten Worte Geraldines zwar noch in Brooke nachklangen, sie diese jedoch nicht mehr wirklich wahrnahm. Denn die Erkenntnis dessen, der düstere Verdacht, der sie überkam, die Vorstellung dessen, was die Worte der Aurorin bedeuten konnten … Hatte Emrys Eliana …? Horror stand in ihrem Blick. Für einen kurzen Moment stand diese Möglichkeit im Raum, schien es nur logisch zu sein, denn wenn er beispielsweise erfahren hatte, dass sie muggelstämmig war? Dass sie ihn nur benutzt hatte? Ob er … Nein. Nein! Brooke schüttelte den Kopf. Es war nicht fair, solche Gedanken zu haben, es war nicht in Ordnung, nur weil sie selbst ihm inzwischen mit deutlicher Skepsis begegnete und wusste, dass sie ihm nicht mehr vertrauen konnte. Aber das hieß ja nicht automatisch, dass er ein Mörder war. Und es ging nicht um sie, nicht um ihre wirren Vermutungen. Es ging um Eliana – oder besser gesagt um ihre Eltern, wie Geraldine zuletzt klargemacht hatte. Und so schüttelte Brooke den Gedanken ab, ehe ihr Blick fester wurde und sie nickte. „Natürlich. Weißt du, ob sie Verwandte im Ausland haben? Oder irgendeinen Ort an Rückzugsmöglichkeiten?

  • Nicht nur Geraldine war aufgewühlt von dem, was sie zu erzählen hatte. Sie konnte sehen, wie Brookes Gesicht sich mit jeder neuen Enthüllung ein kleines bisschen mehr verzog, bis die Aurorin schließlich mit ihrer Erzählung zum Ende kam. Brooke war bis vor kurzem die Assistentin von Emrys gewesen. Sie hatte ihn sicherlich gut gekannt, immerhin waren die beiden jeden zusammen gewesen. So wie sie ihren Freund Emrys kannte, hatte er sicherlich keine Gelegenheit ausgelassen, die junge Frau um den Finger zu wickeln und mit seiner Mentoren-Masche um den Finger zu wickeln. So wie er es auch bei Jonathan getan hatte.

    "Ich weiß es nicht", antwortete Geraldine knapp auf die Frage, ob Emrys von Elianas Blutstatus gewusst hatte. "Aber er weiß eine Menge über ziemlich viele Leute." Ihr Handgelenk fing wie schon so oft an, zu brennen. Sie hatte schon genug gesagt, jedes weitere Wort wäre vermutlich zu viel. Wobei der Orden auch ohne ihre Hilfe schon bald entdecken würde, auf welcher Seite Emrys stand. Die Hinweise verdichteten sich schließlich mit jeder Woche, die ins Land zog. Daher beließ Geraldine es für den Moment mit dieser knappen Antwort zu Emrys und versuchte sich stattdessen darauf zu konzentrieren, was sie für Elianas Eltern tun konnten. Familie Cordova. Das war Elianas alter Name gewesen. Viele Jahre und Ehemänner später hatte sich kaum noch jemand an ihren Mädchennamen erinnert, doch Geraldine hatte ihn nicht vergessen. Sie hatte keine Minute ihres Gesprächs im September 2020 vergessen. Damals hatte ihre Freundin ihr alles erzählt, die ganze Geschichte. Nicht nur das, was man von außen sah, wenn man Eliana zum ersten mal kennenlernte.

    Abermals stiegen die Tränen in Geraldine empor. Zu wissen, dass den Erinnerungen, die sie mit Eliana hatte, nie mehr Neue hinzugefügt werden würden - Es brach ihr das Herz. So viele Geschichten waren noch nicht zu Ende erzählt gewesen. Es hatte noch so viele Fälle aufzuklären gegeben, so viele Liebschaften und Partys. Es fühlte sich an, als würde jemand ihr in den Bauch treten, wenn Geraldine an all das dachte, was nicht sein würde. So als würde ihr die Luft aus dem Körper entzogen werden. Abermals krallte die Aurorin sich an Brooke fest und versuchte, flach und ruhig zu atmen. Sie konnte die Gefühle herunterkämpfen. Für den Moment. Sie würde trauern, schreien und weinen, aber erst später. Jetzt musste sie ruhig bleiben, um Brooke zu erzählen, was sie tun mussten. Es war der letzte Dienst, den Geraldine ihrer Freundin erweisen konnte. Und es war eine Möglichkeit, sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren, als diese Verzweiflung, die in ihr aufstieg, wenn sie nicht dagegen ankämpfte.

    "Ich habe keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Ich glaube Eliana hatte keine Geschwister." Sie überlegte kurz. Eine Idee war bereits in ihr gereift, ein Plan, den sie schon seit längerem in der Schublade hatte. Geraldine hatte gehofft, nie darauf zurückkommen zu müssen. Aber es war ihr letztes Ass im Ärmel. "Du kennst doch meinen Freund Anthony, oder?" Es war mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass Anthony Slughorn und sie seit über einem Jahr Dates hatten. Sie hatten sich gegen eine vorschnelle Hochzeit entschieden. Es war vielleicht nicht so ganz der Weg der Reinblüter, aber sie war keine Achtzehnjährige mehr, die den Ruf ihrer Familie retten musste. "Sag es auf gar keinen Fall jemandem, aber Anthony hat einen Neffen, der in Amerika lebt. Bei den Muggeln." Sie sagte das Wort so, als würde Anthonys Neffe genau so gut auf dem Mond unter Aliens leben können. "Terry heißt der und er ist ein... Squib." Geraldine schaute sich um, so als könnte jeden Moment hinter einer Gardine ein Reinblüter hervorspringen, der diesen Makel der Slughorns enthüllen würde. "Die Slughorns wollten nicht, dass hier jemand Wind davon bekommt, dass ein Squib in ihrer Familie ist, deshalb haben sie Terry nach Amerika geschickt. Der wohnt jetzt in der Nähe von Boston und vermietet da Wohnungen an magische Senioren. Vielleicht können Elianas Eltern ja in so eine Wohnung ziehen, dann wäre auch jemand da, der ein bisschen guckt, dass ihnen nichts passiert." Es war ein wilder Plan, das musste sie zugeben, und Anthony würde mit Sicherheit nicht begeistert sein. Aber es war das beste, was ihr auf die Schnelle einfiel.


    ENDE


    // @Kai Kowalski  Byron Clairmont Felicienne Tavernier @Jonas Myrddin Fawley @Layla Laeticia Havisham Aaron Mayberry  @Richard Martin Emmerich  Luke Naydenov  Beatrice Mae Tremblay  Patrick C. O'Rourke  @Abby Seymor  @Deverell Rudolphus Burton  Henry McGuilles  @Ceene Nosmion 


    25.12 Abends


    Lautlos segelte magischer Schnee von der Decke des Speisezimmers hinab und Geraldine schnippte eine der künstlichen Flocken von ihrer Schulter, während sie eine Schale mit Kartoffeln auf den Tisch stellte. Sie wiegte sich leicht zur Musik des alten Plattenspielers hin und her, die irgendwo zwischen nostalgisch und festlich rangierte. Früher hatte sie Weihnachten geliebt, die bekannten Gesichter ihrer Verwandten, das Lametta und den herzhaften Geruch von Bratensauce.

    Dieses Jahr war alles anders. Nicht die Gesichter von Augustus, Jonathan oder William blickten ihr von der bescheiden gedeckten Tafel entgegen, sondern Hexen und Zauberer, mit denen sie im Traum nicht erwartet hätte, eines Tages Weihnachten zu feiern. Laut fluchte die Aurorin, als sie sich einen Schub heiße Suppe über die Finger spritzte. Bedrohlich schwappte die Brühe in alle Richtungen und der Topf drohte ihr schon aus den Händen zu gleiten, ehe eine der anwesenden Personen in letzter Sekunde ihren Zauberstab zückte und die Suppe den letzten Meter zur Tafel schwebend überlebte. Sie alle waren angespannt, daran konnten weder die Musik, noch die eilig angebrachten Weihnachtsdekorationen etwas ändern. Das ausgehende Jahr war voller Rückschläge für den Orden des Phönix gewesen. Ariadne Dippet hatte angefangen ihr wahres Gesicht zu offenbaren und ihr neues Sicherheitskommando verbreitete ungehindert Angst und Schrecken unter den Feinden der Ministerin. Wie Wasser ganze Berge aushöhlen konnte, mahlten sich die Todesser immer tiefer in die magische Welt hinein und räumten dabei nach und nach alle aus dem Weg, die ihnen in die Quere kamen. Geraldine konnte immer noch nicht das selbstzufriedene Gesicht von Circe aus ihren Erinnerungen verbannen, als sie Jaydan Branson wie einen Schwerverbrecher verhört hatte. War das die Zukunft die ihnen allen blühte? Jeden Tag wartete Geraldine darauf, dass ein Windstoß ihr wackeliges Kartenhaus aus Lügen und Hoffnungen zum Einsturz bringen würde. Dass jemand vom neuen Sicherheitskommando in die Aurorenzentrale kam und ihr sagte, dass sie ihr Büro räumen musste.

    "Also, wer möchte alles etwas Suppe? Die hab ich extra aus einem schicken Restaurant in der Winkelgasse kommen lassen!" Es war seltsam still, während Geraldine nach und nach die Teller der anderen Gäste füllte. Jedes Augenpaar in das sie schaute, erzählte eine andere Geschichte, aber sie alle sahen gezeichnet aus. Ihre Hoffnung, dass man all das Leid, das ihnen in den letzten Wochen widerfahren war, mit teurem Essen wegspülen konnte, bewahrheitete sich nicht, als sie den ersten Löffel zu ihren Lippen führte.

    Sie verschluckte sich. Hustend röchelte Geraldine und spuckte die Hälfte der Suppe wieder aus. Entschuldigend lächelte sie in die Gruppe, doch das Schmunzeln wollte ihre Augen nicht recht erreichen. Es war schwer, so zu tun als wäre alles in Ordnung, so kurz nachdem Georgina im verbotenen Wald von Hogwarts ermordet worden war. Sie hatte die Heilerin nicht eng gekannt, doch während ihrer gemeinsamen Zeit beim Orden waren sie sich näher gekommen. So nah, dass es sich wie ein Tritt in den Bauch angefühlt hatte, als sie auf einmal weg gewesen war. Auch Bertie hatte sie bisher kaum gekannt, doch was ihm zugestoßen war, konnte sie nicht aus ihren Gedanken raus bekommen. Ihre Gedanken kreisten von Desaster zu Desaster und die Reihe von Katastrophen nahm kein Ende. Ceene, die beinahe in den Flammen ihres eigenen Geschäfts ums Leben gekommen wäre und natürlich Eliana, deren mysteriöser Tod Geraldine bis in ihre Alpträume verfolgte.

    Geraldine umschloss ihren Löffel fester, so als wäre er ihre letzte Verbindung zur Realität. Sie wollte einen Witz machen, die Stimmung auflockern, aber ihr fiel keine flotte Anekdote ein. Alle ihre Cocktailpartys und Soirees hatten sie nicht auf so etwas vorbereitet.

  • Ich fürchte, Weihnachtsstimmung ist mit Ceene nicht zu machen.

    Und ein kleine TW platziere ich hier auch schonmal:

    TW Alkoholmissbrauch


    Ceene hatte keine Ahnung, warum sie sich das hier antat. Sie war überhaupt nicht in Weihnachtsstimmung, nicht seit dem Streit mit Kai, nicht seit dem, was im Verbotenen Wald passiert war. Georgina war tot und sie saßen hier und taten was genau? Sich vormachen, alles sei in bester Ordnung? Das hier war nichts als eine schäbige Illusion. Sie machten sich doch alle nur etwas vor, versuchten Normalität zu simulieren, wo es keine Normalität mehr gab. Sich hier zu versammeln, am Weihnachtstag, war eine Farce, eine Verhöhnung von Georgina und Bertie. Wenn sie mit ihnen hier hätten sitzen können, wäre es vielleicht möglich gewesen, so etwas wie ein Weihnachtsfest abzuhalten, aber jetzt gerade war das alles einfach nur geschmacklos.
    Also: Wieso war Ceene hier?
    Weil sie gehofft hatte, dass Kai auch auftauchen würde? Nein. Daran lag es ganz bestimmt nicht. Wäre Kai hier gewesen, hätte sie auf dem Absatz kehrt gemacht. Es war besser, wenn sie einander vorerst nicht begegneten.
    Wenn es ihr nicht um Kai ging, um was dann?
    Ceene hatte keine Antwort darauf. Gut möglich, dass sie einfach gerade nur unter Menschen sein wollte, um nicht irgendwo alleine zu versacken. Wobei es den anderen gegenüber nicht sehr fair war, denn gerade war sie absolut keine gute Gesellschaft. Außer einer Begrüßung war noch nichts über ihre Lippen gekommen, zumindest keine weiteren Wörter. An ihrem Whiskey, den sie ohne Eis trank, nippte sie hingegen beständig und sie war bereits angetrunken im Ordensquartier angekommen. Im Monkshood hatte sie sich ein paar mehr Tassen Glühwein gegönnt und zum Abschied noch einen Eierpunsch mit Sahne, was sich jetzt, nach dem Apparieren, rächte. Ihr war furchtbar flau im Magen, aber trotzdem trank Ceene einfach weiter.
    Die Stimmung war ohnehin miserabel. Niemandem war wirklich zum Feiern zumute. Die Weihnachtsdeko wirkte so deplatziert wie ein Troll in einer Ballettschule und die widerwärtig fröhliche Weihnachtsmusik, die aus dem magischen Plattenspieler, war einfach nur belastend.
    Kommentarlos ließ Ceene ihren Teller zu Geraldine schweben, die sich für diesen von vorneherein zum Scheitern verurteilten Versuch, weihnachtliche Stimmung im Grimmauldplatz Nr. 12 zu verbreiten, verantwortlich zeichnete.
    „Ich würd auch was nehmen“, schob Ceene noch hinterher, als ihr Teller bereits unsanft neben dem Suppentopf gelandet war. Ihre Worte gingen fast in der Jazz-Melodie unter, zu der eine schrecklich grelle Stimme "Dancing, dancing with the frosty flakes" trällerte.
    „Den Tropfenden Kessel als schickes Restaurant zu betiteln ist aber schon ein ziemlicher Stretch“, versuchte sie noch einen unbeholfenen Witz zu reißen, der aber als solches gar nicht erkennbar war, denn weder ihre Stimmfarbe noch ihre Mimik ließen einen Rückschluss darauf zu, dass sie diese Aussage eine humoristische Note besaß. Und so wirkten die Worte viel eher wie ein bissiger Vorwurf.

  • Brookes Blick verweilte irgendwo an einer Ecke im Raum, nicht wirklich in die Runde blickend, denn sie wusste nicht, was sie sagen sollte. All das hier war eine Farce, wirkte aufgesetzt und auch wenn es sie vielleicht näherbringen sollte, so hatte Brooke das Gefühl, dass due Kluft nur tiefer geworden war. Nicht, weil sie untereinander gestritten hatten, weil es Probleme an sich gab. Nein, es war das Wissen um das, was Anfang Dezember geschehen war. Das Wissen darum, was mit zwei Personen aus ihrer Mitte heraus passiert war. Das Wissen darum, dass die Todesser:innen vor nichts zurückschreckten. Ein Wissen, das sie alle gehabt hatten, das nicht Neu war. Sie alle hatten gewusst, womit sie es zu tun haben würden, auch Bertie und Gia. Und trotzdem war es so surreal, was passiert war. Es war stets etwas anderes, wenn man selbst betroffen war, es schien fast so als würden sie es nicht wahrhaben wollen. Doch die Leere, die dort war, das Gefühl der Schuld, der Trauer, des Unverständnisses … Es war erdrückend und es gab nichts, was Brooke lieber gemacht hätte als einfach zu gehen. Die Musik, den künstlichen Schnee hinter sich lassend, sich in eine Decke einmurmelnd auf der Couch in Hastings und einfach nur eine Runde dort zu sitzen. Weinend, stumm, alleine, vielleicht auch zu zweit … Aber ganz gewiss nicht dieses Spektakel hier, das ihr Fell innerlich sträuben ließ.

    Mit einem Nicken hielt sie wie die anderen auch ihren Teller hin, unfähig zu sprechen. Es war viel zu viel passiert, das sie aufgewühlt hatte, viel zu viel, was aktuell geschah. Bertie, der oben lag, nur unweit von ihnen entfernt. Von dem sie nicht wussten, wann und wie er wieder gesund werden würde. Gia, die nicht mehr hier war, die nie wieder unter ihnen sitzen würde. Und das alles wegen dieses komischen Dings, das sie in die Hände bekommen hatten, was Deverell und Abby mitgebracht hatten. Ja, es mochte wichtig sein, doch aktuell schien nichts so wirklich relevant, schien alles in einem Schleier aus Grau und Schwarz unterzugehen. Dass ihr Zusammentreffen mit einem alten Bekannten zusätzlich als Belastung hinzukam, war nichts, was in diese Runde gehörte, doch es zerrte zusätzlich an ihren Nerven und für einen kurzen Moment blickte sie beinahe sehnsüchtig zu Ceenes Glas mit Whiskey, wissend, dass ihr der Alkohol nicht bekommen würde. Nicht einmal dieser schwache Trost, die Möglichkeit, sich irgendwie abzulenken, war ihnen vergönnt. Nicht hier zumindest. Vielleicht sollte sie einmal wieder Heron besuchen gehen …

    Eine gehobene Augenbraue war alles, was Brooke zu den aktuellen Gesprächen beizutragen hatte. Es war wohl wirklich ein Witz – oder zumindest ein Versuch – denn Brooke hätte Geraldine niemals im Tropfenden Kessel gesehen. Zumindest nicht als eine Person, die sich von dort Essen für die Gruppe hier besorgte. Ja, es war eine liebe Geste gewesen und tatsächlich mochte sie die Gegenwart der Reinblüterin, auch wenn diese noch so manches Mal eine Auffasung vertrat, die Brooke nicht verstand. Doch Geraldine hatte wirklich viel dafür getan, sich zu ändern. Auch einen Teil ihres alten Lebens hinter sich gelassen. Sie wirkte noch immer ein wenig fehl am Platz, so wie es auch bei Richard manches Mal den Eindruck hinterließ, doch sie gehörte hierher. Da waren keine bösen Gedanken, da war kein Vorwurf, dass sie den Brief weitergeleitet hatte. So sehr Brooke auch jemanden dafür anklagen wollte, was mit Bertie und Gia geschehen war, so hatten sie alle immer gewusst, in welche Gefahr sie sich begeben würden. Und so zwang sich die Hexe zu einem kleinen, beinahe unscheinbaren Lächeln. Und auch wenn es ihre Augen nicht erreichen mochte, so waren die Worte ehrlich gemeint. „Danke dir, Geraldine. Die Suppe ist lecker.

  • Zunächst war es Finlay wie eine gute Idee vorgekommen, dem Chaos des Aileanach-Zuhauses zu entfliehen und dem Abendessen im Grimmauldplatz Nr. 12 beizuwohnen. Keine verrückten, pubertären Geschwister mit ihren anstrengenden Fragen oder eine überaus emotionale, schwangere Verlobte, der das Fehlen ihres Halb-Bruders deutlich zusetzte. Allerdings war die Atmosphäre im Hauptquartier des Ordens tatsächlich noch um Einiges schwieriger, was natürlich aufgrund der ganzen Ereignisse dieses Jahres und vor allem des Dezembers keine wirkliche Überraschung war. Der Tod der Heilerin, Georgina, die auch Finlay kaum gekannt hatte, wog schwer über allen Anwesenden. Dazu kam was mit Bertie passiert war, dem Finlay häufig genug Unrecht getan hatte und um den man sich noch immer sorgte. Es war nicht nur Reue, die der Schotte dabei empfand, wenn er nun an seinen zukünftigen Schwager dachte, sondern auch Wut darüber was man ihm angetan hatte. Das Leid, welches die Todesser jedoch über ihre Welt brachten, summierte sich unaufhörlich: Angriffe, Morde, Zerstörung, Folter und nun auch die Tötung von Ordensmitgliedern. Jenen, die solcherlei doch verhindern wollten. Die Todesser hatten eine Kontrolle und Macht erworben, der man kaum noch wusste Herr zu werden. Eine zermürbende Vorstellung, die auch in Finlay Unzufriedenheit, sowie den Wunsch zurückzuschlagen, nährte.

    Schweigend hielt er sich zurück, versuchte viel mehr noch seinen Platz in diesen Reihen zu finden und starrte einen Augenblick nachdenklich auf die Suppe, welche er ausgerechnet von Geraldine erhalten hatte. Einer Frau, die er einstmals für eine Todesserin gehalten und die sich letztlich als das genaue Gegenteil herausgestellt hatte. Nachdem die Suppe probiert wurde, nickte auch er, fing die Worte des kurzen Gesprächs' auf und hob seinen Blick gen Geraldine. "Für den Tropfenden Kessel is' die aber wirklich gut." Flüchtig flackerte dabei sein Blick gen Ceene, welcher man die Verbitterung deutlich ansehen konnte. Vorzuwerfen war ihr dies jedoch nicht, denn auch sie hatte viel verloren. Beinahe ihr eigenes Leben, nach welchem besonders eine Todesserin so gierig hungerte. Eine, die noch immer ungestraft durch Großbritannien zog und die Weihnachtstage wahrscheinlich in vollen Zügen genoss. Das alles, während so viele andere gelitten hatten, dem Tod ihrer Freundin nachhingen oder noch immer mit den Folgen der Todesser-Angriffe zu kämpfen hatten. Ausatmend richtete er seinen Blick auf Brooke, versuchte etwas in seinen Gedanken zu finden, was er mitteilen könnte und dass ihr etwas der Tristesse und Trauer zu nehmen vermochte. Doch da war nichts, was angebracht hätte sein können, also zog er es vor sich zunächst still der Suppe zu widmen und den anderen das Reden zu überlassen, auch wenn dies scheinbar eher schleppend von statten ging.

  • Es hatte lange gebraucht, bis Levin sich auf den Weg hierher gemacht hatte. Er hatte eigentlich niemanden sehen wollen. Nicht einmal seine Familie hatte er Weihnachten besucht – weder die eine noch die andere. Ihm war nicht zum Reden zumute. Nicht zum Feiern, nicht zum Singen. Himmel, Levin war nicht einmal mehr zum Essen zumute. Wahrscheinlich schon seit Wochen nicht. Seit Georginas Tod. Seit Berties Verletzungen. Doch er war ja nicht naiv und wusste, dass er essen musste, weshalb er das auch machte. Manchmal. Es war eine beschissene Zeit und sie würde nicht besser werden. Nicht einfach so. Vielleicht nie.
    Doch genau diese trübsinnigen Gedanken hatten am Ende dazu geführt, dass er sich doch von der Liege in seiner kleinen Praxis im Monkshood erhoben hatte, um in den Grimmauldplatz zu kommen. Die kleine Feier, die dort ausgerichtet wurde, war überhaupt nicht das, wonach ihm der Sinn stand, aber tatsächlich hatten ihn die dunklen Gedanken daran erinnert, dass es Menschen gab, die diese teilten und die sich diesen trotzdem nicht ergaben. Die dagegen kämpfen wollte, was auch immer es sie kosten würde, weil sie an eine andere, vielleicht eine bessere Welt glaubten. Oder weil ihnen nichts anderes übrigblieb, als genau das zu hoffen. Und diese Menschen waren heute Abend mit Glück alle vor Ort und auch wenn das nichts wirklich besser machte, so machte es vielleicht wenigstens Levins Hoffnung wieder lebendig. Sie kämpften weiter. Ohne Gia, ohne Bertie, ohne seine Freunde, die er verloren hatte und die er so unendlich vermisste. Aber für sie. Für sie alle.
    Als er im Grimmauldplatz auftauchte, stieg ihm Essensgeruch in die Nase und der Klang von Weihnachtsmusik sowie einigen wenigen Stimmen umfing ihn. Natürlich war hier kein lustiges Treiben, keine Ausgelassenheit. Wo sollten sie diese auch hernehmen? Niemand von ihnen war unbekümmert. Er streckte vorsichtig den Kopf durch die Tür des Speisezimmers und sein Blick fiel zunächst auf die Schneeflocken, die ohne Kälte und Nässe von der Decke auf sie herabregneten. Dann erst trat er ein und nickte allen einmal zu, ein schiefes Lächeln auf den Lippen, das seine wahren Gefühle und die unendliche Müdigkeit aus seinem Gesicht ja doch nicht verbergen konnte. Dass auch Ceene und Finlay hier waren, freute Levin – es schien ihnen soweit gut zu gehen, was nach der Nacht, in der das Turners gebrannt hatte, nicht selbstverständlich war. Er ging zu Brooke, die sich gerade einem Teller Suppe gewidmet hatte, und schloss kurz seine Arme um sie. Es tat gut, sie zu sehen, denn auch wenn es naheliegend gewesen wäre, so hatten sie sich in den letzten Wochen viel zu selten gesehen. Wahrscheinlich hatten sie sich beide in ihrem Leid vergraben und damit das Ungesündeste befördert, was man in einer solchen Situation tun konnte. Einsam bleiben, wenn man es eigentlich nicht wollte. „Hallo Brooke“, sagte er leise während der Umarmung, ehe er sich wieder von ihr löste. „Es tut gut, dich zu sehen“, fügte er ebenso leise an und lächelte sie kurz an. Der Geruch der Suppe ließ Levins Magen knurren, denn er hatte heute noch nichts gegessen und wollte es eigentlich auch nicht. Doch sein Körper schien anderer Meinung zu sein. „Wer hat gekocht?“, fragte er, nahm sich einen Teller, der an einem freien Platz stand, und holte sich nun doch etwas zu essen. „Riecht lecker“, bemerkte er, ehe er sich mit dem Teller neben Brooke setzte und den ersten Löffel aß. „Frohe Weihnachten“, fügte er leise an und blickte in die Runde. Die Schwere der Worte konnte man leicht raushören. Das hier war kein frohes Weihnachtsfest, obwohl sie es sich doch sicherlich alle irgendwie wünschten.

  • Wie ein Panther im Käfig lief Kai das Stück zwischen Grimmauldplatz 11 und 13 auf und ab, wobei sie sich immer wieder nervös durch die Haare fuhr und hastige Blicke in alle Richtungen warf. Hinter den Fenstern der Häuser sah man Weihnachtsbäume funkeln und das Licht flackernder Kerzen fiel auf die menschenleere Straße. Hier und da schallte Gelächter heraus. Irgendwo gab es einen Streit.

    Kai zog ihren Umhang enger um sich. Ihr war kalt. Das Unwohlsein war jedoch nicht nur dem winterlichen Abend geschuldet. Es waren Ceenes Worte, die noch immer in ihrem Kopf nachhalten, die ihr dieses frostige Gefühl gaben. War es wirklich aus zwischen ihnen? Nein. Nein, das konnte nicht sein. Sie machten nur eine Krise durch. Das passierte halt mal. Bald schon würden sie wieder von ihrer gemeinsamen Zukunft träumen. Ganz bald.

    Wieder machte Kai kehrt und ging in die andere Richtung. So langsam müsste sie sich wirklich mal entscheiden ob sie eintreten wollte oder einfach wieder nach Schottland apparieren sollte. Irgendwer würde sicher auch im Eberkopf mit ihr Weihnachten feiern und wenn es nur einer der Schrumpfköpfe war.

    Doch noch bevor sie den Gedanken zu Ende denken konnte, hörte sie mit einem Mal Schritte, die sich schnell näherten. Kai hechtete ein Stück weg und kauerte sich hinter einem Busch. Das letzte was sie jetzt brauchte war es, Ceene hier vor der Tür zu begegnen. Doch es war nicht ihre (Ex-)Freundin, die auf die Stelle trat an der Kai noch eben gestanden hatte. Ein sanftes Lächeln legte sich auf Kais Lippen als sie Levin erkannte. Es war immer eine Erleichterung zu sehen, dass es jemandem aus dem Orden gut ging. Insbesondere nach der Sache mit Georgina, bangte Kai jeden einzelnen Tag um ihre Freunde.

    Nachdem Levin in der Nummer 12 verschwunden war, stieß Kai einen tiefen Seufzer aus. “Ach, was soll’s”, murmelte sie zu sich selbst und betrat nun endlich auch selbst das Hauptquartier.

    Sofort wurde sie von warmer Luft und dem Duft deftigen Essens empfangen. Leise Musik klang aus dem Esszimmer herüber. Kai schluckte den Rest ihrer Nervosität herunter und betrat den Raum. Als erstes sah sie wie niedergeschlagen die Stimmung war. Dann sah sie Ceene. Es war als wär ihr ein Zentaur direkt gegen die Brust gerannt. Alles in ihr schrie danach sich auf dem Absatz umzudrehen und davon zu preschen.

    Doch sie gab ein wenig freudiges “Frohe Weihnachten.” von sich und setzte sich zwischen die anderen. Mit aller Kraft kämpfte sie gegen den Drang an Ceene anzusehen. Lieber begutachtete sie die Suppe. “Das riecht ja lecker.

  • Wenn es ihr besser gegangen wäre, hätte Ceene vielleicht versucht, die Stimmung irgendwie aufzulockern. Früher war sie kein Kind von Traurigkeit gewesen, hatte auch in den beschissensten Phasen ihres Lebens immer einen Grund gefunden, heiter und ausgelassen zu sein. Als sie mit Paloma im Monkshood gesessen hatte, da war sie kurz fröhlich gewesen. Aber hier, im dunklen Grimmauldplatz Nr. 12, im Beisein von Menschen, die schwer an Kummer zu tragen hatten, waren ihre Gedanken so düster und das Herz so eng, dass nicht einmal ein Dementoren ihren Gemütszustand noch hätte verschlechtern können. Jede Leichtigkeit ging ihr ab. Es war ihr körperlich und mental offenbar unmöglich, nicht übellaunig und bitter zu sein. Trotzdem kam es Ceene nicht in den Sinn, die Zelte abzubrechen und zu verschwinden, um den anderen nicht noch zur Last zu werden. Die Stimmung konnte sie ohnehin nicht ruinieren und vielleicht wurde aus dem Abend ja noch irgendwas. Vielleicht waren sie in ein paar Stunden alle hackedicht, heulten wie die Schlosshunde und ergingen sich in wüsten Rachefantasien.
    Levin kam zur Tür herein. Er sah ziemlich beschissen aus und fügte sich damit ganz gut in ihre Runde ein, Geraldine ausgenommen, die sah immer noch wie das blühende Leben aus, wenn auch ein wenig ernüchtert, weil die Konversation am Tisch im besten Falle bemüht war und sie vermutlich unsicher war, ob die weihnachtliche Kulisse, die sie aufgebaut hatte, nicht bald schon wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen würde.
    Die Chancen dafür stiegen dafür mit einem Mal beträchtlich, denn unmittelbar nach Levin betrat noch eine weitere Person das Speisezimmer.
    Ihre Blicke begegneten sich nur kurz, aber dieser kurze Moment war vollkommen ausreichend, dass Ceene zur Salzsäule erstarrte. Kai sah unmittelbar wieder weg, nahm den am weitesten von ihr entfernten Sitzplatz ein und bedachte Ceene von da an mit keinem weiteren Blick mehr, aber das konnte nichts mehr ändern. War der Grünhaarigen eben noch flau gewesen, jetzt war ihr kotzübel. Verkrampft saß sie auf ihrem Stuhl und starrte Kai einfach nur an. Ceenes erster Instinkt war Flucht. Sie war drauf und dran einfach aufzuspringen und das Ordensquartier wortlos zu verlassen. Aber sie tat es nicht. Kai mochte die meisten Menschen in diesem Raum länger als sie kennen, im Grimmauldplatz noch mehr ein Zuhause sehen als sie - aber das waren jetzt auch ihre Leute, das war auch ihr Rückzugsort. Und sie war zuerst hier gewesen. Wenn jemand zu gehen hatte, dann war es Kai.
    Ceene setzte ihr Glas an die Lippen und kippte sich den Whiskey in den Mund. Kaum, dass sie das Glas wieder auf dem Tisch abgesetzt hatte, schenkte sie sich nach. Sie würde nicht einfach den Schwanz einziehen und Kai das Feld überlassen. Aber sie brauchte definitiv mehr Alkohol, um mit dieser abgefuckten Situation klarzukommen.


    _____
    I'm already sorry.

  • //I'm sorry as well... Abby kommt zu spät und verdirbt die nicht vorhandenen Stimmung.//



    Die letzten zwanzig Tage waren vergangen, ohne dass Abby wirklich von ihnen Notiz genommen hatte. Seit jenem Sonntag funktionierte sie nur noch. Sie ging zur Arbeit. Sie kam nach Hause. Sie aß irgendetwas. Sie schlief, manchmal, ein paar Stunden. Abby wusste, dass sie irgendwann weitermachen musste. Dass sie sich zusammenreißen musste. Dass das, was sie gesehen hatte und nicht vergessen konnte, nur der Anfang war. Es würde schlimmer kommen, bald schon, viel schlimmer.

    Es hätte auch sie erwischen können. Sie und Deverell. Dieser Gedanke hatte sich in ihrem Kopf festgekrallt. Wären sie nur ein wenig schneller gewesen, etwas früher dran, hätten sie und die anderen die Wachzeiten vertauscht... Abby hasste sich für Gedanken wie diesen. Trotzdem. Sie waren noch am Leben. Ob diejenigen Mitglieder des Ordens, die schon länger dabei waren und mit Georgina und Bertie Seite an Seite Pläne geschmiedet hatten, es ihr übel nahmen? Sie wusste es nicht. Abby hatte nie nachgefragt.

    Sie war ein paar Mal dort gewesen, seit sie den Grimmauldplatz betreten durfte. Sie hatte Gesichter wiedererkannt. Sie hatte im Vorbeigehen genickt. Aber eigentlich war sie nur sporadisch dort, hin und wieder, wenn ihr die weihnachtliche Stimmung und die Fröhlichkeit und Besinnlichkeit der Welt draußen zu viel geworden war. Sie hatte an Berties Bett gesessen, wenigstens für ein paar Minuten, bis sie es nicht länger ertrug. Sie hatte nach der Glaskugel gesehen, der vermaledeiten zersprungenen Kugel. Sie wollte sichergehen, dass sie noch da war. Dabei hatte sie ihnen bisher nichts, rein gar nichts genutzt.

    Abby wusste nicht, ob Deverell den Grimmauldplatz mied oder ob sie nur zufällig immer genau dann dort war, wenn er nicht dort war. Sie hätte ihn gern gesehen. Er würde sie vielleicht verstehen können.


    Der 24. Dezember war gekommen und gegangen. Abby war bei ihrer Familie gewesen, hatte Päckchen verteilt und Päckchen geöffnet – und sich sehr früh in ihr ehemaliges Kinderzimmer zurückgezogen. Und heute war sie hier. Sie hielt es für ein gutes Zeichen, dass sie eingeladen worden war. Niemand wollte sie verstoßen. Und doch kam sie spät. Sie blieb im Türrahmen stehen und ließ den Blick durch den Raum wandern. Irgendwo dudelte Musik, es roch beinahe aufdringlich stark nach Essen und irgendjemand hatte Dekoration aufgehängt. „Guten Abend“, murmelte Abby und kam auf den Tisch zu. Sie erkannte mehr und weniger bekannte Gesichter. Nur jenes Gesicht, auf das sie gehofft hatte, fehlte. Und vielleicht war das gar nicht so schlecht. Denn die Stimmung war im Keller, das war jedem einzelnen Gesicht anzusehen.

    Abby setzte sich neben Finlay, ließ jedoch einen Platz zwischen ihnen frei. Sie brauchte ein wenig Raum. Sie fühlte sich wie ein Fremdkörper. Noch einmal musterte sie die Anwesenden. Sie alle wussten, dass sie dabei gewesen war. Das Gesicht der jungen Hexe blieb ausdruckslos. Sie schüttelte nur andeutungsweise den Kopf, als ihr Suppe angeboten wurde. So blieb der Teller, der vor Abby Seymor stand, unberührt.

    Und dann, irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, hielt sie es nicht mehr aus. „Ist das eigentlich euer Ernst?“ Sie hatte leise gesprochen, doch Abbys Augen glühten. Alle taten, als sei nichts gewesen. Als sei alles gut. Und machten dabei ein Gesicht, das ihre Taten Lügen straffte. Abby war nicht hierhergekommen, um zu spielen. Sie war nicht gekommen, um zu funktionieren. Es reichte, wenn sie das im Ministerium und in Glendalough tun musste.

    Sie saß hier an einem Tisch mit den einzigen Menschen auf der Welt, die wussten, was passiert war – und sie aßen Suppe und hörten Weihnachtsmusik?!? „Das ist echt geschmacklos... Können wir nicht wenigstens die Musik ausmachen? Und das Licht? Und vielleicht eine Kerze anzünden oder so?“ Wenn nicht, dann würde sie wohl auf der Stelle gehen müssen.

    Abby wollte niemandem die Stimmung verderben. An diesem Tisch allerdings war die Gefahr dafür verschwindend gering. Hier war nichts, das ihre Worte hätten verderben können.

  • Nach und nach tröpfelten die Mitglieder des Ordens in die Küche. Es musste der herzhafte Duft von Geraldines Suppe sein, dessen oberflächlich weihnachtlicher Zauber sie zumindest für einen Moment ihre Sorgen vergessen ließ und herlockte. Daran wollte sie glauben, auch wenn sie insgeheim wusste, dass es nicht so war. Gegen die dunkle Stimmung, die sich in den Gesichtern der anderen spiegelte, konnten ihre teuren Köstlichkeiten nichts ausrichten. Das goldene Licht des Kronleuchters schien gedimmt und die Musik aus der Ecke erinnerte sie mehr an ein gruseliges Glockenspiel, als an geborgene Weihnachten.

    Geraldine entschloss sich, den Kommentar von Ceene einfach zu ignorieren und ihr stattdessen großzügig Suppe auf den Teller zu schaufeln. Wenn sie nur Essen aus dem tropfenden Kessel gewohnt war, würde heute vielleicht doch noch jemand ein schönes Weihnachtswunder erleben. "Hier bitte", sagte Geraldine tonlos und schob nach und nach allen etwas Brühe zu. Sie versuchte zu lächeln, aber selbst ihr fiel es zunehmend schwer, die Fassade aufrecht zu erhalten. Doch sie wollte nicht, dass Finlay das Gefühl bekam, zu einer Truppe gestoßen zu sein, die selber nicht mehr an ihre Ziele glaubte. Es war ein sich schließender Kreis, dass ausgerechnet er dabei geholfen hatte, Ceene aus dem Feuer zu retten und dass er nun hier saß. Sie hatte das Potenzial des jungen Mannes schon vor Monaten erkannt, auch wenn sie aus zwei verschiedenen Welten kamen. Jemand hatte erzählt, dass Finlay schon bald Vater werden würde. So jung. Hoffentlich würde er immer für sein Kind da sein können und nicht wie Georgina eines Tages einfach aus dem Weg geräumt werden.

    Geschirr klirrte und erst jetzt bemerkte Geraldine, dass ihre Hand zitterte. "Entschuldigung", nuschelte sie nervös und war erleichtert, als die Stimme von Levin erklang, der zum Glück die Aufmerksamkeit von ihr weglenkte. Er hatte schonmal besser ausgesehen. Die Hexe deutete eine Verbergung an, als er nach der Urheberin der Suppe fragte. Auch Kai und Abby hieß sie mit höflichen Floskeln willkommen, wobei ihr die Spannungen zwischen Kai und Ceene nicht entgingen. Die Luft schien elektrisch aufgeladen zu knistern, als die beiden sich sahen. Jemand hatte ihr vor einer Weile beim Bewachen des Artefakts erzählt, dass Kai und Ceene in einer komplizierten Beziehungskonstellation zueinander standen und dass es vor einer Weile ernsthaftes Drama bei den beiden gegeben hatte. Wenn diesem Abend noch eine Sache gefehlt hatte, dann war das eine große Beziehungskrise.

    "Darf ich?" fragte Geraldine und griff über den Tisch nach Ceenes Whiskeyflasche. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass das braune Gesöff aus einer besonders erlesenen Quelle stammte, aber das war der Aurorin gerade egal. So wie sie Ceene einschätzte, reichten ein paar Tropfen des Whiskeys aus, um einen Troll außer Gefecht zu setzen. Sie würde der Grünhaarigen nicht den Spaß gönnen, sich als einzige abzuschießen. Vorsichtig, um ihre Fingernägel nicht abzubrechen, goss Geraldine sich ein und nahm direkt einen Schluck. Sie verzog das Gesicht, ließ sich aber ansonsten nichts anmerken. Hoffentlich knallte das Zeug schnell.

    Bevor der Alkohol die Hexe in seine warmen Arme schließen konnte, machte Abby ihrem Ärger Luft. Sie war dabei gewesen, in jener Nacht im verbotenen Wald. Daher konnte Geraldine ihre Gefühle verstehen. Sie atmete sogar auf, denn eigentlich sprach Abby nur das aus, was ohnehin alle am Tisch dachten. Wie konnten sie hier so ruhig sitzen, während Georgina ermordet worden war? Jeder an diesem Tisch fühlte sich schuldig. Aber sie konnten sich nicht in ihrer Misere suhlen. So sehr es weh tat, sie mussten weitermachen. Dass alle von ihnen heute Abend hier waren, aßen und tranken und sich nicht unterkriegen ließen, das war nicht geschmacklos, sondern es war das, was Georgina gewollt hätte. Zumindest redete Geraldine sich das ein, denn sie wusste nicht wie tief sie alle fallen würden, wenn sie der Trauer freien Lauf ließen. Abby war nicht die einzige, die sich schlecht fühlte und jeder ging anders mit Trauer um.

    "Gut, dann mach ich die Musik eben aus", verkündete Geraldine eisig, stand auf und drückte einen Knopf am Plattenspieler. Lähmende Stille erfüllte das Esszimmer, nur unterbrochen vom spitzen Klingeln der letzten Löffel, die noch Suppe von Tellern kratzten. Als nächstes hob die Aurorin ihren Zauberstab und ließ das Licht an der Decke erlöschen. Kurz flackerte es, ehe die tanzende Flamme einer alten Kerze aus Bienenwachs, die seit Ewigkeiten auf der Küchentheke gemodert hatte, Geraldines Gesicht gespenstisch erhellte. Vorsichtig platzierte sie die Kerze auf dem Tisch, so dass die Mienen der anderen Ordensmitglieder fahl golden beleuchtet wurden. Zu Beginn war sie wütend auf Abby gewesen, dafür dass sie die mühsam aufgebaute Stimmung zerstörte. Doch jetzt wollte Geraldine ernsthaft wissen, wie es weitergehen sollte. Vielleicht war es wirklich keine schlechte Idee, gemeinsam von Georgina Abschied zu nehmen. "Will... Irgendwer was sagen?" Suchend schaute Geraldine sich zu den anderen um. Es war eine komische Situation.

  • TW (im ersten Teil) Gewaltphantasien, Beschreibungen von Tod


    Zwanzig Tage lang hatte Deverell keinen einzigen Fuß über die Schwelle des Grimmauldplatz Nr. 12 gesetzt, aber es hätten genauso gut mehrere Monate gewesen sein können. In den ersten Tagen hatte er sich eingeredet, dass es das beste war, eine Weile unterzutauchen. Die vermeintlichen Todesser hatten nicht nur ihre Gesichter gesehen, sie kannten auch seinen Vornamen. Und während Abby ihnen vielleicht noch durch die Finger gleiten könnte, war es Dank der Spur ein Leichtes zu überprüfen, wo er sich aufhielt. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn fanden.
    Während er wartete, waren Tage und Wochen zu einer merkwürdigen Einheit verschmolzen, als hätte man sie in einen Schmelztiegel gegeben und solange über einem offenen Feuer köcheln lassen, bis sie kaum noch voneinander zu unterscheiden waren. Mehrfach hatte er sich bei dem Wunsch ertappt, Unruhe und Schmerz in Alkohol ertränken zu können, um sie nur noch durch einen wabernden Schleier irgendwo zwischen Delirium und Realität wahrnehmen zu müssen. Die nagende Angst aber, er hochprozentige Geist aus der Flasche könne ihm nicht nur die Last, sondern auch das letzte bisschen Kontrolle über sich nehmen, hatte ihn davon abgehalten. Stattdessen hatte er getan, was er seit jeher am besten gekonnt hatte – er hatte sich zurückgezogen und alle Brücken hinter sich so gut es ging abgebrochen. Er hatte versucht die Erinnerung an jene Dezembernacht in Arbeit zu ertränken und jeden Gedanken an eine Welt außerhalb seiner eigenen vier Wende unterdrückt.
    Nachts jedoch, wenn sein Körper zu müde war, um sich weiter aufrecht zu halten, und es nichts mehr gab, was ihn hätte ablenken können, kehrten die immergleichen Bilder wie leidsuchende Dementoren zu ihm zurück:
    In manchen Nächten waren es der Geschmack von Blut und Erde, der Geruch nach Angst, das Gefühl sich vollkommen in Zorn und Raserei zu verlieren. Der Gedanke an das, was er getan hätte, hätte Abby ihn nicht aufgehalten, drehte ihm den Magen um und weckte in ihm das Gefühl wegrennen zu wollen. Nur dass es vor sich selbst und den abscheulichen Dingen, die er um Haaresbreite getan hätte, kein Entrinnen gab. In diesen Momenten ekelte er sich so sehr vor sich selbst, dass er es kaum ertragen konnte. Da gab es keinen Vollmond, keine Krankheit und kein Monster, das er hätte verantwortlich machen können. Keine Ausreden, an die er sich hätte klammern können. Nur die wilde, unbändige Verzweiflung eines Menschen, der einen Blick auf sein ungeschöntes Spiegelbild geworfen hatte und den Anblick nicht ertrug.
    In anderen Nächten sah er Georginas leere, anklagende Augen. Ihre Lippen, die sich leicht geöffnet zu einem überraschten O geformt hatten, ohne dass ein rettender Zauber sie verlassen hätte. Er sah Bertie, dessen Körper sich in einem letzten Reflex wie der eines kleinen Kindes schützend zusammengerollt hatte. Seine Haut, die im mondlosen Sternenlicht mehr wie das Wachs einer kürzlich verglühten Kerze glänzte als wie die Haut eines lebendigen Wesens.
    In diesen Nächten fühlte Deverell wie die Wut in einem Brustkorb um sich schlug. Wütend zu sein war einfach. Einfacher als zu trauern. Einfacher als zu verzweifeln. Auch wenn ein Teil von ihm wusste, dass es falsch und verachtenswert war, wünschte er sich in diesen Nächten, Abbys Fluch hätte sein Ziel verfehlt. Er wünschte sich, er hätte nur einen Atemzug länger gehabt. Eine Sekunde, um zu beenden, was sein blinder Zorn ihn hatte tun lassen. Nicht, weil es das Richtige gewesen wäre. Sondern weil diese widerwertigen Menschen, für die das Leben anderer Menschen nicht mehr wert war als der Dreck unter ihren Nägeln, es verdient hatten. Weil keiner von ihnen je wieder einen anderen Verletzen können sollte.
    Und vielleicht brauchte es ein Monster, um dafür zu sorgen.
    Deverell wusste nicht, wann dieser Gedanke wie ein Mantra für ihn geworden war, ein Rettungsring, an den er sich klammern konnte. Es war als könnte er selbst Absolution finden, wenn seine Wut und seine Gewalt nur das richtige Ziel fanden. Als könne der Zweck jedes Mittel rechtfertigen. Und auch wenn eine kleine Stimme in seinem Innersten ihm vehement zuzuflüstern versuchte, dass man Feuer unmöglich mit Feuer bekämpfen konnte, war es einfacher sie zu ignorieren und sich selbst dadurch wieder auf die Beine zu helfen.


    Als Deverell im Ordensquartier ankam, waren bereits leise Musik und gedämpfte Gespräche zu hören. Er hatte nicht damit gerechnet, überhaupt jemanden anzutreffen, aber vielleicht hatten sie alle, ähnlich wie er, angenommen, dass es wohl kaum einen besseren Tag als diesen gab, wenn man sichergehen wollte, dass niemand das eigene Verschwinden bemerkte. Ihre Gegner waren zu erpicht darauf den Schein aufrecht zu erhalten, als dass sie den Weihnachtsabend damit verbracht hätten, sie zu überwachen.
    Bei dem Gedanken, dass Georginas Mörder vielleicht gerade an einem warmen Kaminfeuer umringt von ihren Liebsten saßen und sich die Bäuche vollschlugen, hätte er am Liebsten gegen eine Wand geschlagen. Aber stattdessen atmete er tief durch und folgte dem Geruch der Suppe in Richtung Esszimmer. Blinde Zerstörung würde niemanden helfen. Genauso wenig wie sich einzuigeln.
    Er hatte die kleine Feier gerade erreicht, als die Musik abrupt verstummte und Geraldine Lovett sich suchenden Blickes an die Anwesenden wandte. Der Raum war nun dunkel. Nur eine einzelne Kerze erhellte beinahe gespenstisch die Gesichter der Ordensmitglieder.
    Deverell blieb mit verschränkten Armen im Schatten des Türrahmens stehen und räusperte sich: „Ich will.“
    Er wartete eine Sekunde, wie als rechnete er damit, dass jemand Einspruch erhob oder ihn wieder vor die Tür jagte. Aber so sehr er sich selbst auch verantwortlich für das Geschehene machte, er bezweifelte, dass es einer der anderen tat. Während sein Blick durch die Runde schweifte und Abby dabei vielleicht ein wenig zu rasch überging, atmete er tief durch. Dann erst begann er so ruhig wie möglich zu sprechen: „Ist wahrscheinlich pietätlos, weil alle trauern. Und weil Weihnachten ist. Und weil ich der Letzte bin, der ein Recht hat mit sowas anzufangen, nachdem ich bei jeder Gelegenheit den Kopf in den Sand stecke und mich verpisse… Aber davon, dass wir den Scheiß gar nicht aussprechen, wird es nicht besser. Also ist dieser Moment wohl genauso gut wie jeder andere.
    Ich finde, es wird Zeit, dass aufhören so zu tun, als wäre das hier eine politische Sache. Als müssten wir die Menschen nur aufrütteln und könnten diesen Kampf mit Worten und gutem Willen gewinnen. Dieser weichgespülte Gutmenschenkram, den wir hier abziehen, funktioniert nicht.
    Wir… wir können nicht immer nur springen, wenn etwas passiert und hoffen, dass alles gut wird, wenn wir nur genug Angriffe verhindern. Wir sind zu wenige dafür. Wir sind nicht gut genug koordiniert. Und wenn wir weiter nur reagieren, können wir nur verlieren. So etwas wie mir Gia und Bertie darf uns nicht wieder passieren. Es wird Zeit, dass wir diejenigen sind, die angreifen. Wir müssen herausfinden, wer unsere Feinde sind, wo sie sich verstecken und sie unschädlich machen. Das ist das Einzige, was wir besprechen sollten, wenn wir schon einmal alle hier sind.“

  • Bis Abby den Raum betrat, hätte Ceene darauf gewettet, dass sie diejenige sein würde, an der dieser fragile Versuch, Weihnachten im Grimmauldplatz stattfinden zu lassen, scheitern würde. Aber der Grünhaarigen reichte bereits ein Blick zu ihrer einstigen Schülerin, um zu wissen, dass diese Annahme nun nicht mehr zu halten war. Abby war im Verbotenen Wald gewesen, als die Todesser Gia getötet und Bertie so schwer verwundet hatten, dass es einem Wunder glich, dass er überhaupt noch am Leben war. Für sie alle, die sie hier im Tisch saßen, war das, was kaum einen Steinwurf von den Schlossmauern Hogwarts entfernt geschehen war, ein heftiger Schock gewesen, der alles verändert hatte – aber Abby, sie hatte es miterlebt. Ceene wusste nicht, was genau passiert war, weil sie es zu keinem Zeitpunkt darauf angelegt hatte, irgendwelche Details in Erfahrung zu bringen. Es interessierte sie auch nicht. Sie brauchte keinen minutiösen Bericht, keine präzise Schilderung, weil es nichts änderte. Die Todesser hatten, wieder einmal, Fakten geschaffen und der Orden war, wieder einmal, unfähig gewesen, das Schlimmste zu verhindern. Das war alles, was für Ceene zählte. Aber für Abby lagen die Dinge anders. Sie musste mit den Erinnerungen leben, musste damit zurechtkommen, dass sie nicht hatte verhindern können, was passiert war, wobei ihr natürlich niemand einen Vorwurf machte, genauso wenig die Deverell. Sie hatten sich aufgeteilt. Als die Todesser Gia und Bertie angriffen, waren sie nicht in der Nähe gewesen. Aber für Abby durfte das kaum einen Unterschied machen.
    Geraldine bot auch Abby einen Teller Suppe an, den diesen aber mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfschütteln ablehnte. Anschließend kam Geraldine an Ceenes Platz und griff, begleitet von einer Frage, die lediglich rhetorischer Natur war, nach der Whiskeyflasche. Im ersten Moment befürchtet Ceene, die reinblütige Hexe wollte ihr den Alkohol wegnehmen und sie bedachte sie daher mit einem giftigen Blick, aber zu ihrer Überraschung schenkte sich Geraldine lediglich selbst ein und stellte die Flasche anschließend wieder vor Ceene ab.
    Und dann teilte Abbys Stimme die Stille. Sie sprach nicht laut, aber ihre Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Geraldine ließ die Musik verstummen und auch die festliche Beleuchtung fiel einem simplen Schwenk ihres Zauberstabs zum Opfer. Lediglich eine einzelne Kerze, die sie in der Mitte des langen Tisches platziere, spendete anschließend noch Licht. Tiefe Schatten krochen in die Gesichter der Versammelten. Trotz der Aufforderung Geraldines traute sich niemand, die bleischwere Stille, die schlagartig Einzug gehalten hatte, zu durchbrechen. Alle am Tisch blieben stumm. Umso gespenstischer wirkten die zwei Worte, die ihnen plötzlich vom Eingang her entgegenwehten. Dort stand, ohne dass jemand sein Kommen bemerkt hatte, Deverell. Ein starrer Schemen, die kräftigen Arme vor der Brust verschränkt, wie ein Bote des Unheils. Es hätte Ceene nicht überrascht, wenn gleich noch ein Donnergrollen ertönt und ein göttlicher Blitz über die Decke gezuckt wäre. Alle Augen ruhten in diesem Augenblick auf ihm. Was er dann sagte, was er sie alle wissen und spüren ließ, stieß bei Ceene auf allergrößte Zustimmung. Deverell sprach ihr geradezu aus der Seele und so griff sie seine Worte unmittelbar auf, kaum, dass er geendet hatte.
    „Er hat recht. Mit allem. Wir befinden uns in einem Krieg und dieser Krieg ist schon lange nicht mehr mit Diplomatie zu gewinnen. Das Ministerium unter Dippet rollt den Todesser in aller Öffentlichkeit den roten Teppich aus und die Leute beklatschen sie auch noch dafür. Wir sind auf uns gestellt. Die Fronten sind klar und wenn wir nicht endlich zurückgeschlagen und alles in die Waagschale werfen, was wir noch aufzubieten war, dann war's das. Für uns alle. Sicher, die Chancen stehen leider auch beschissen, wenn wir uns wehren. Möglich, dass wir alle dabei draufgehen werden, wenn wir anfangen denen ans Bein zu pissen. Aber ich geh lieber bei dem Versuch drauf, Circe Pendergast den Kopf vom Hals zu trennen, als im nächstbesten Hinterhalt einen Todesfluch von hinten ins Kreuz zu bekommen.“

  • Schweigend legte Finlay seinen Löffel neben den Teller, als Abbys' Worte erklangen. Sie hatte recht, so wie Abby immer Recht gehabt hatte. Und wie schon zu Schulzeiten zog Finlay ihren Worten nach, hörte auf sich dem Essen zu widmen und warf ihr einen prüfenden Blick zu. Abby hatte jedes Recht dazu wütend zu sein, kein friedliches Weihnachten haben zu wollen, sondern ihre Faust gegen eine Wand zu schleudern oder vorzugsweise in das Gesicht einer gewissen Todesserin. Die Musik verstummte, ebenso wie die Weihnachtsdekoration verschwand und das Beisammensein noch schwermütiger zu werden schien. Doch was wurde nun von ihm erwartet? Die einen schienen noch immer fest im Griff der Trauer, versuchten vielmehr mit der Situation zurecht zu kommen, während anderen Zorn aus jeder Pore zu tropfen schien. Finlay verstand die Wut und den Zorn, allerdings war dies keine neue Situation, es war ein Zustand geworden. Es half diese Empfindungen ins Training und Quidditch zu stecken, aber was taten jene, die nicht regelmäßig Metallkugeln auf Gegenspieler schlagen konnten? Ich will. Die Stimme eines Mannes erklang, von dem Finlay zwar bereits gehört, aber den er noch nicht in Aktion erlebt hatte. Rude oder Burton, Deverell? Jener, der mit Abby, Gia und Bertie dabei gewesen war. Finlay sog seine Worte auf, waren es doch genau die, auf die er solange gewartet hatte. Seine Freunde und er hatten darüber gesprochen, Ceene und Joe schienen mehr als nur willig zur Tat zu schreiten, aber im kleinen Kreis seiner Freunde war soetwas schwer fassbar: William der versuchte die gesellschaftliche Situation zu ignorieren, Logan der Großbritannien für seine Reise den Rücken zugekehrt hatte und Prue die sich wahrlich auf anderes zu konzentrieren hatte. Hier aber wäre so etwas wirklich realisierbar, ein Gegenschlag mit diesen Hexen und Zauberern konnte nicht nur ihren Feinden weh tun, sondern wirklich etwas bewirken.

    Hätte Deverell nun ein Ziel vorgegeben, wäre Finlay augenblicklich aufgestanden und ihm gefolgt. Ebenso wie er es bei anderen tun würde, welche ihm seinen sehnlichen Wunsch nach einem Kampf gegen ihre Feinde, die Todesser, ermöglichen würden. Ceene fing' die kleine Ansprache von Deverell auf, allerdings vermochte sie es wahrlich, dem Ganzen eine depressive Nuance zu verleihen. Finlay wollte nicht sterben und indem sie aussprach, dass dies eine mögliche Konsequenz des Ganzen war, dämpfte sie unbewusst einen Teil seiner Begeisterung. Er durfte nicht sterben. Hatte Ceene denn gar keine heroischen Filme gesehen? Man sprach nicht davon, dass man dabei draufging, wenn man die Feinde angriff, sondern von dem Erfolg und der Notwendigkeit ihrer Tat. Sicher, es konnte immer passieren, aber Finlay konnte auch jederzeit durch einen Klatscher sterben. Solange es nur eine entfernte Möglichkeit war, war es in Ordnung und er konnte vor sich rechtfertigen, trotz all der Verantwortung diese Gefahren einzugehen. Denn letztlich war dies ebenso seine Pflicht, wie für seine Familie da zu sein: Wenn sie hier nichts tun würden, dann gäbe es keine Welt mehr, in der seine Geschwister ihre Träume verwirklichen konnten, keine Welt, in der seine künftige Tochter - ein noch immer unfassbar seltsamer Gedanke - sicher aufwachsen konnte. "Dann tun wir's. Finden heraus wo Circe Pendergast wohnt, wer ihre Freunde sind und fangen an. Ihre Freunde müssten wir überprüfen und uns über sie informieren. Aber ich weiß nicht, ob es klug ist sie zu töten. Hat sie verdient, absolut, bin ich bei dir Ceene, aber..." Nein. Nicht für alles was die Todesser seiner Familie und seinen Freunden angetan hatten. Für manche Personen auf dieser Welt sollte der Tod eine Erlösung sein. "... sie ist die einzige Spur. Wenn sie stirbt bekommen die anderen Panik oder nutzen das für's zweite Museum, in Gedenken an Circe Pendergast. Können wir sie nicht nutzen, um andere aufzurütteln? Sie ist eine Todesserin. Über sie finden wir vielleicht andere und dann können wir Circe offenbaren." Ja, Finlay wollte einen Kampf und er war sich sicher, dass er den bekommen würde.

  • Ein feines Lächeln lag auf Brookes Lippen, eines, das ihre Augen nicht erreichte, auch wenn es ernst gemeint war. Sie hatte Finlays Blick gesehen, doch genau wie ihm fehlten ihr die Worte, war da die Stille, die sie sonst so mochte, irgendwie falsch. Und doch gab es keinen besseren Vorschlag, gab es nichts, was sich irgendwie richtig angefühlt hätte. Beziehungsweise war das eben der, sich zurückzuziehen, alle zu meiden – und das hatte Brooke in dem Moment, in dem sie sich letztlich dafür entschieden hatte, hier aufzutauchen, zurückgewiesen. Auch wenn sie andere wie Elias gut verstehen konnte. Auch wenn sie ihm – wie niemandem, der heute nicht hier sein wollte – keinen Vorwurf machte. Sie tat das hier nicht für sich, sondern für jene, die es brauchten. Und alle, die es nicht konnten, die ihre Ruhe, ihre Abgeschiedenheit benötigten, sollten diese haben. Und doch gab es ein Gesicht in der Menge, das beinahe so etwas wie Erleichterung in ihrem Blick erscheinen ließ, das dafür sorgte, dass ein wenig der Anspannung von ihren Schultern fiel und als sie sah, dass sich Levin ihr näherte, war es ein einfaches, sich zu erheben und für einen Moment in die Umarmung zu sinken, die Nähe zu spüren und der Trost, der damit einherkam. „Dich auch“, erwiderte sie leise, strich ihm kurz über den Rücken, ehe sie sich löste und ein „Geraldine hat edle Suppe importiert“ nachschickte, das Lächeln schief auf den Lippen. Und doch war es schön, ihn zu sehen, war der Versuch, für einen Moment die Gedanken von allem zu lösen, verlockend. Und doch war es unwahrscheinlich, dass sie es schaffen konnten, nicht in dieser Runde, mit all dem, was sie zuletzt erlebt hatten. Und doch … Für einen Moment nahm Brooke Levins Hand, drückte diese sanft nach den weihnachtlichen Worten, auch wenn sie alle wussten, dass es eben nicht weihnachtlich war. Nein, stattdessen schien die Stimmung immer weiter zu sinken und die Temperatur mit jeder Person, die den Raum betrat, noch ein Stück zu fallen. Brooke hatte auch Kai eine Zeit lang nicht mehr gesehen, was im Hinblick auf ihren einen, doch etwas exzessiven Abend mit diversem Alkohol nicht schlecht gewesen war, denn es war der Hexe gewiss nicht bekommen. Trotzdem bekam auch sie ein Lächeln, ein leises „Hey“, ehe plötzlich leise Worte. Worte, die den sowieso schon nicht funktionierenden Abend gewiss nicht besser machen würden.
    Langsam wanderte Brookes Blick zu der jüngeren Hexe. Der Hexe, mit der sie einst, vor vielen Jahren, einen mehr als unschönen Quidditchunfall geteilt hatte und die Bertie und Georgina gefunden hatte. Dinge gesehen hatte, die niemand von ihnen eigentlich hätte bisher sehen sollen. Und doch waren sie alle gezeichnet, war doch genau das mit der Grund, warum sie hier waren. Und auch wenn sie nicht vollständig mit Abby übereinstimmte, wenn sie fand, dass jeder so trauern oder Sachen verarbeiten sollte, wie es für die Person passte, so blieb sie stumm, abwartend, den Teller ein Stück zurückschiebend. Das hier war nicht für sie, das war nicht ihre Feier. Sie wusste nicht, ob letztlich tatsächlich jemand der Anwesenden das Treffen hier brauchte, ob es ihnen wirklich gut tat, doch sie würde sich zurückhalten, für jene, die es tatsächlich brauchten. Und wenn Abby das Gefühl hatte, dass das falsch war, dann war es okay, wenn sie es mitteilte.


    Ein Blick zu Geraldine, der Versuch, irgendwie zu zeigen, dass es keine wirkliche Kritik an ihr war, was Abby sagte, doch Brooke wusste nicht, ob es ankam, denn im nächsten Moment war es dunkel geworden, erhellte nur noch eine einzelne Kerze den Raum und die Stille schien noch intensiver zu werden, schien noch stärker zu sein. Bis eine Stimme im Raum erklang und sich diverse Augen in Richtung Türrahmen richteten, Deverell anblickend. Und ja, während er sprach, wurde Brookes Blick weicher, kam ein leises Seufzen über ihre Lippen und für einen kurzen Moment blickte sie zu Levin, fing seinen Blick auf und vermutlich dachte auch er zurück an das Gespräch, das sie vor über einem Monat im Monkshood gehabt hatten. Es waren andere Worte gewesen, doch die Aussage war dieselbe – auch wenn Brooke bei weichgespülte Gutmenschenkram beinahe leicht verärgert die Augenbrauen zusammenzog. Es waren Worte, die hier unpassend waren, sie waren nicht hier, um sich gegenseitig fertig zu machen und es half gewiss nicht, anderen nun Vorwürfe zu machen. Auch wenn sie sonst mit ihm übereinstimmte, zumindest bis ein Wort fiel, das ihr selbst schon durch den Kopf gegangen war, doch was sie jedes Mal aufhorchen ließ. Unschädlich. Ein Wort mit so vielen Bedeutungen und von dem immer eine gewisse Unsicherheit ausging. Zumindest bis zu dem Moment, in dem Ceene das Wort ergriff. Es mochte ein Zufall sein, dass jene, die frisch zurückgekehrt oder neu dazugekommen waren, sich nach solchen Taten sehnten. Wäre Brooke jemand gewesen, dem das negativ aufgestoßen wäre, sie hätte es erwähnt. Hätte gesagt, dass es vielleicht sogar ein wenig dreist war, hier nun das Wort in der Form zu ergreifen und indirekte Vorwürfe auszusprechen. Doch sie war es nicht und sie würde sich auch niemals erlauben zu wissen, was andere vielleicht schon für Erfahrungen gemacht hatten. Aus welchem Umfeld sie kamen, wie viel Kontakt es sogar vielleicht schon zu Todesser:innen gegeben hatte. Und doch, während Brooke lauschte, während sie auch in Ceenes Worten das fand, was sie selbst dachte, gab es den Moment, in dem sie erneut missmutig die Augenbrauen zusammenkniff. Circe Pendergast den Kopf vom Hals zu trennen. Gedanken, die Brooke in ihrer Wut auch schon gehabt hatte. Gedanken, die nicht fremd waren. Und trotzdem …
    Brookes Blick glitt zu Finlay, der sich ebenfalls einreihte, den Fackelstab, der symbolisch in Form der Kerze über ihnen zu schweben schien, aufnahm. Es fehlten nur noch die Mistgabeln, mit denen sie sich alle bewaffnen mussten – und auch wenn selbst dieser Wunsch nachvollziehbar war, so war es letztlich genau der Punkt, den Finlay ansprach, der mit eines der größten Probleme war. Und auch wenn Brooke niemand war, der ihre Meinung anderen aufdrängte, der das Bedürfnis hatte, sich nun ebenfalls in das Gesagte einreihen zu wollen, so atmete sie tief ein, ehe sie die Stimme im sanften Kerzenschein erhob. „Wenn wir Circe Pendergast töten, sind wir keinen Deut besser.“ Sie sprach leise, doch mit fester Stimme. „Dann töten wir sie aus Rache, aus der Überzeugung heraus, dass unsere Weltansicht die richtige ist. Was unterscheidet uns dann noch? Und was hilft es uns, blindlings loszugehen, eine einzelne Person unschädlich zu machen, wenn an ihre Stelle fünf, zehn weitere treten können?“ Beschwichtigend hob Brooke eine Hand, als würde sie nur darauf warten, dass jemand temperamentvoll eingrätschen würde. „Ich bin eurer Meinung, dass wir nicht nur reagieren können. Ich möchte sie am Liebsten kidnappen, ihr Veritaserum geben und sie nach allen Einzelheiten ausfragen.“ Ein kurzer, flüchtiger Blick zu Levin. „Aber es hilft weder uns, noch denen, die sich nicht zur Wehr setzen können da draußen, wenn sie nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist.“ So sehr sie all die Wut nachvollziehen konnte, sie mussten hier logisch vorgehen. „Wir haben Anhaltspunkte Dank ihr. Wir müssen davon ausgehen, dass möglicherweise jeder aus dem Sicherheitskommando ein:e potentielle:r Todesser:in ist. Wir brauchen Informationen. Und wir müssen gemeinsam entscheiden, was wir machen mit jenen, von denen wir wissen, dass sie dazugehören.“ So sehr es Brooke auch selbst widerstrebte. So sehr sie lieber anderes gesagt hätte, wusste sie, dass das für sie der richtige Weg war. Und dass ein abrupter Racheakt sie nur wieder nach hinten warf.


    (Äh, ja, hatte so ein paar Posts noch aufzuholen. Relevant für das aktuelle wirst erst nach dem Absatz xD)

  • Wie so oft in letzter Zeit zuckte Geraldine erschrocken zusammen, als sie hinter sich eine unbekannte Stimme hörte. Es war die Stimme von Deverell Rudolphus Burton. Sie hatte bereits von ihm gehört, Brooke hatte ihr erzählt, dass der ehemalige Gryffindor nach einer Zeit der Abwesenheit zum Orden zurückgekehrt war. Wie Abby war er dabei gewesen, als Georgina und Cuthbert angegriffen worden waren. Und auch er schien nicht in Stimmung zu sein, das geschehene einfach so zu akzeptieren. Während er redete, trat die Reinblüterin einen Schritt zurück und verschwand dabei beinahe in der Dunkelheit. Nur das nervöse Trommeln ihrer Fingerspitzen auf der Küchentheke erinnerte die anderen Anwesenden daran, dass sie noch immer dort stand.

    Ihr Blick war auf den blonden jungen Mann gerichtet, der sehr klare Worte an sie alle richtete. Und ja, er hatte recht. Es war wichtig, dass sie aussprachen was hier eigentlich geschah. Die Todesser waren auf dem Vormarsch und der Orden hatte bisher fast nichts gerissen um sie aufzuhalten. Sie hatten Flugblätter verteilt, spioniert und kleine Aktionen gestartet, aber unterm Strich war Georgina tot und Ariadne Dippet hatte eine neue Geheimpolizei eingerichtet, die beinahe deckungsgleich mit den Todessern war. Der Orden musste etwas unternehmen, sonst würde es bald nicht mehr viel geben, was sie retten konnten. Trotzdem drehte sich Geraldine der Magen um bei dem Gedanken, gegen ihre alten Freunde vorzugehen. Es war dumm von ihr, sie wusste schließlich, was Nicolas, Emrys und Circe getan hatten. Trotzdem sah sie noch immer Menschen, mit denen sie ihr halbes Leben geteilt hatte, so viele magische Momente. In der Sekunde, in der sie den ersten Fluch aufeinander abfeuerten, würden die Brücken hinter ihnen für immer abgerissen sein. Nervös rieb sich Geraldine die Hände und versuchte nicht darüber nachzudenken. Ihre Zunge fühlte sich pelzig und trocken an, wenn sie darüber nachdachte, was die anderen hier von ihr erwarteten.

    Nachdem Deverell mit seiner Meinung geendet hatte, ergriff Ceene das Wort. Ceene, die beinahe ihr Leben verloren hatte, durch die Hand von Geraldines bester Freundin. Wie immer war die Wortwahl der grünhaarigen Hexe drastisch, doch Geraldine konnte den Zorn und die Verzweiflung in der Stimme der anderen durch den ganzen Raum fühlen. Ihre Einschätzung, dass sie schon an einem Punkt angekommen waren, an dem sie alles auf eine Karte setzen mussten, wollte sie jedoch nicht teilen. Die anderen hier waren vielleicht ruiniert, wenn die Todesser das Ruder übernahmen, aber Geraldine konnte noch immer in ihr altes Leben zurückkehren. Sie wollte es nicht tun und es war nicht unwahrscheinlich, dass mittlerweile Nicolas oder Circe ihr gegenüber misstrauisch geworden waren, aber es erschien der Aurorin doch zu fatalistisch, schon jetzt mit Weltuntergangsfantasien zu starten. Andererseits war sie aber vielleicht auch nur zu ignorant oder naiv, um der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Geraldine wollte nicht glauben, dass rohe Gewalt ihre einzige verbliebene Option sein sollte.

    Finlay schien das ganze eher so zu sehen wie Ceene. Seine nächsten Worte ließen jedoch das Eis in Geraldines Adern gefrieren. Wie er darüber sprach sie zu töten, so als wäre Circe Pendergast eine bloße Schachfigur in einem Spiel, das sie spielten. So als wäre ihre Schuld eindeutig klar, ohne dass die komplexen Motivationen und Zwänge, die Geraldines Freundin steuerten, berücksichtigt wurden. Und was war das für eine Idee, Circes Freunde zu beobachten? Brookes Worte nahm Geraldine zwar zur Kenntnis, doch sie hatte noch mehr zu dem Thema zu sagen. Die Reinblüterin räusperte sich und warf Finlay einen düsteren Blick zu: "Hört ihr euch eigentlich reden? Einfach so beim Abendessen darüber entscheiden, ob jemand leben darf oder nicht? Ist das, was wir hier machen?" Sie machte einen entschlossenen Schritt nach vorne und schaute in die fahl erleuchteten Gesichter der anderen. Ihre Stimme wurde lauter. "Brooke hat Recht. Wenn wir sowas machen, dann sind wir nicht besser als die Todesser. Dagegen kämpfen wir doch, gegen das sinnlose Morden und die Gewalt. Ich finde wir sollten uns weiterhin darauf konzentrieren Leute zu beschützen und die Todesser sabotieren, aber wir können nicht anfangen, einfach Leute zu töten. Da mache ich nicht mit." Sie stemmte die Hände in die Hüften. "Und was Circe angeht, ich kann euch ihre Freunde und Freundinnen gerne alle sagen. Sie war in der Schulzeit meine beste Freundin und ich stehe immer noch in Kontakt mit ihr." Sie schluckte. Früher oder später wäre das sowieso rausgekommen, da konnte sie auch jetzt die Fakten auf den Tisch legen. Trotzdem glitt ihr Blick zu Ceene. Es war wichtig, jetzt nichts falsches zu sagen. "Ich bin mehr enttäuscht von ihr, als alle anderen in diesem Raum. Ehrlich." Sie musste an Agatha und Nicolas denken, daran wie sie geweint und versucht hatten für ihre Taten zu sühnen. Gerne hätte sie von ihnen erzählt, doch es war zu riskant. Dem Orden zu beichten, dass sie die ganze Zeit Kontakt zu Todessern hatte, würde den Rahmen definitiv sprengen. "Aber ich glaube dass wir mehr erreichen, wenn wir unter dem Radar bleiben. Ich habe von meinen reinblütigen Freunden schon oft Sachen erfahren, die wir später gegen sie einsetzen konnten - Das verlieren wir doch alles, wenn wir jetzt frontal angreifen. Und wir riskieren, dass noch jemandem von uns etwas zustößt." Sie fixierte Finlay mit ihren Blicken. "Am Sterben ist nichts heroisch."


    //Edit: Brookes Post kam so eine Minute vor meinem, also bitte nicht wundern wenn es nicht ganz passt. Ich stell mir einfach vor, dass Geraldine so aufgebracht war, dass sie Brooke nicht richtig zugehört hat.

  • Man konnte quasi spüren, wie der Raum, der zuvor den Atem angehalten und sich so klein wie möglich gemacht hatte, plötzlich scharf Luft einsog. Es war wie die Elektrizität, die kurz vor einem Unwetter zu spüren war. Ein Kribbeln, das man noch bis in die Fingerspitzen spüren konnte. Als hätte man einen Knoten gelöst, der sich zuvor fest um ihre Kehlen geschlungen hatte. Was folgte war jedoch kein Aufatmen, sondern irgendetwas zwischen aufkeimender Empörung und erleichterter Zustimmung.
    Deverell versuchte keine Miene zu verziehen, während Ceenes flammender Eifer in rasenden Extremismus umschwang, auch wenn seine Finger bei dem Gedanken jemanden den Kopf abzureißen kurz zuckten und sein Magen sich abwehrend zusammenzog. Die Wut und die Verzweiflung, die hinter diesen Worten standen, konnte er nahezu physisch nachvollziehen. Auch für ihn hatte der Gedanke an gewaltsame Rache noch etwas tröstliches gehabt, wie trockene Holzscheite, die man in ein loderndes Feuer schieben konnte. Doch mittlerweile fühlten die Lohen sich an vielen Tagen mehr wie glühende Kohlen an und der Gedanke an Brutalität und Gewalt war zunehmend mit einem Gefühl von Übelkeit uns Skrupel verbunden. Wenn man diese Gelüste zu lange gären ließ, war es schwer die Grausamkeit dahinter zu ignorieren.
    Wahrscheinlich hatte er deswegen einen Euphemismus ausgesucht. Unschädlich machen. In einer besseren Welt hätte das bedeutet, Menschen wie Circe Pendergast einzusperren und ihnen jede Möglichkeit zu verwehren, anderen schaden zu können. Sie auffliegen zu lassen, damit der Rechtsstaat sein Übriges tun und man selbst mit dem ruhigen Gewissen zu Bett gehen konnte, die eigenen Hände nicht mit Blut besudelt zu haben. Damit man selbst besser sein konnte. Edel. Heldenhaft.
    Deverell hätte gelogen, wenn er behauptet hätten, dass er das im Grunde seines Herzens nicht auch wollte. Genau wie Finlay, Brooke und Miss Lovett. Genau wie Ceene es wollen würde, sobald ihre Gedanken nicht mehr von Wut verzehrt wurden. Sie alle wollten das Richtige tun. Die Guten sein.
    Deswegen war es umso schwerer zu akzeptieren, dass sie sich kompromisslose Ethik nicht leisten konnten. Nicht, wenn sie mit unschuldigen Leben erkauft werden mussten.
    „Hier geht es nicht darum heroisch zu sein. Oder darum, wer moralische Hoheit hat. Tot hat keiner von uns was davon, dass wir besser als die Todesser waren. Ich für meinen Teil wehre mich lieber mit Zähnen und Klauen, als dass ich als Märtyrer sterbe, ohne alles in meiner Macht Stehende versucht zu haben.“, sagte Deverell mit düsterer Miene und war froh darum, dass die verschränkten Arme verbargen, dass er die Hände um sich abzuregen zu blanken Fäusten geballt hatte, „S’ist vielleicht ‘ne Überraschung, aber ich bin genauso wenig auf unnötiges Blutvergießen aus, wie der Rest. Aber die Todesser als das bloßzustellen, was sie sind, reicht schon lange nicht mehr. Nicht, wenn sie das verdammte Ministerium und die Presse auf ihrer Seite haben.
    Wenn wir was erreichen wollen, müssen wir rauskriegen, von wo aus sie die Fäden in der Hand halten und diese Leute entfernen. Mit gewaltlosem Widerstand kommen wir nicht weiter. Wir können nicht darauf hoffen, dass wir die Leute für die nächste Wahl aufrütteln, damit jemand an die Macht kommt, den die Todesser nicht im Sack haben. Wenn wir wollen, dass das System wieder auf unserer Seite ist, brauchen wir einen gezielten Putsch!

    Aber dafür brauchen wir Informationen. Und bei allem Respekt für das, was Sie für den Orden bereits herausfinden konnten, Miss Lovett, momentan haben wir einen feuchten Scheiß. Vielleicht wird’s tatsächlich Zeit, dass wir uns einen von denen schnappen und mit Vertiaserum vollpumpen, bis wir haben, was wir brauchen. Freundlich bitten wird's wohl kaum bringen.“

  • Das gemütliche Beisammensein, das ja doch keines gewesen war, nahm ein jähes Ende. Es waren Rudes Worte, die sie alle aus einer Art Starre herausholten. Levin hätte sie lieber nicht gehört. Er erwischte sich dabei, wie er immer mal wieder ins Leere starrte, wie er sich aus allem rausnahm und die Ohren und Augen regelrecht verschloss. Es war manchmal leichter. Es war manchmal richtig. Denn die Trauer, die er empfand, wenn er an Gias und Berties Schicksal dachte, brauchte auch ihren Platz. Sie waren so lange Freunde gewesen, wirklich gute Freunde. Hatten gemeinsam auf der richtigen Seite gestanden. Und das hatte Gia das Leben und Bertie die Gesundheit gekostet. Sie hatten gewusst, dass das passieren könnte, doch wirklich gewusst, was es bedeutete, hatten sie wohl nicht. Levin jedenfalls nicht. Wie schwer die Trauer war. Wie tief die Angst saß. Wie stark der Hass nagte.
    Levin verstand, was Rude sagte. Er hatte das hier nie als politische Sache betrachtet. Er hatte das hier als etwas verstanden, wie sie Leuten helfen konnten. So wie sie Elias befreit hatten. Wie sie Ceene und Finlay gerettet hatten. Wie sie Jared und anderen geholfen hatten. Ja, dafür war das hier da. Sie waren keine politische Partei, weil ihre Gegner*innen es auch nicht waren. Sie waren aber gleichzeitig auch keine Armee. Sie waren nicht einmal mehr eine sonderlich große Gruppe. Sie waren Leute, die sich in ihrer Verzweiflung zusammengefunden hatten und die sich in der Welt verloren fühlten, weil sie nicht akzeptieren wollten, wohin diese sich entwickelte. Sie waren nicht weniger, aber eben auch nicht mehr als das. Wer von ihnen war schon wirklich ein begnadeter Duellant? Wer von ihnen wusste, wie man gegen andere Menschen vorging? Wie man sie dazu brachte, die Wahrheit zu sagen – und wie man vor allen Dingen verarbeitete, genau das getan zu haben? Wie man es verantworten konnte, Leuten Veritaserum einzuflößen oder ihnen mit Folter zu drohen? Sie hatten doch alle keine Ahnung. Ältere Ordensmitglieder, Richard zum Beispiel, vielleicht, aber dieser schien sich weitestgehend rauszuhalten. Levin vermisste Gias ruhige Art, Berties besonnenen Worte in diesem Moment noch schmerzlicher als sonst. Ihre Stimmen wären in dieser Situation so wichtig gewesen. Auch Elias fehlte hier. Levin hätte gerne gewusst, wie sein früherer Mentor zu all dem stand, selbst wenn er es ahnte. Elias war kein Freund unbedachter Risiken. Doch ob er sich von nun an für immer in Hogwarts verstecken wollte, bezweifelte Levin – immerhin war er mit ihnen bei Ceene und Finlay gewesen. Elias steckte den Kopf nicht in den Sand und seine Stimme hier wäre für Levin richtungsweisend gewesen.
    Doch keiner von ihnen war da. Die Worte der anderen erschreckten Levin nicht. Er war nicht empfindlich, wusste, worum es hier ging. Ja, auch er hatte mit Brooke schon darüber gesprochen, was sie tun sollten. Ob sie Circe Pendergast entführen sollten. Brooke sprach es aus, als sie antwortete. Doch dass sie alle so taten, als würde es sich hier um etwas handeln, was einem offenen Krieg, klaren Fronten oder ähnlichen Dingen in irgendeiner Form nahekam, schockierte ihn. Das hier war kein Krieg. Das hier waren keine klaren Fronten. Sie hatten es mit einem Wust an Mutmaßungen und Vermutungen zu tun und mit einem Ministerium, in dessen Auge sie die Terroristen waren und niemand anderes.
    Er hielt sich zunächst zurück, beobachtete die Sprechenden stumm und aufmerksam. Dass sie so lapidar über das Leben dieser Hexe sprachen, bereitete ihm Unbehagen. Es war gut und richtig, dass Brooke widersprach. Doch schon bald ruhten Levins Augen auf Geraldine. Auf der Hexe, die weitaus mehr Kontakte in diese Welt der Reinblüter*innen hatte, als sie alle. Levin wusste das genau, hatte sie und ihren Bruder kennengelernt. Er konnte ihr ansehen, wie tief sie diese Worte erschütterten, noch bevor sie sprach. Doch die Frage war, aus welchen Gründen sie dieses Unbehagen verspürte – aus den gleichen wie er oder aus ganz anderen?
    Denn auf einmal sagte sie, dass sie mit Circe Pendergast in freundschaftlichem Kontakt stand. Dass sie früher einmal beste Freundinnen gewesen waren. Dass sie von Enttäuschung sprach, weil Circe Pendergast eine Todesserin war, war hoffentlich eine Untertreibung. Rude ging darauf nicht weiter ein, als er wieder sprach, aber bekräftigte seine Worte von zuvor. Doch Levin konnte das so nicht stehen lassen. „Sie kennen Circe Pendergast gut? Und haben nichts… geahnt?“, fragte Levin leise in Richtung Geraldine. Noch immer empfand er ein gewisses Misstrauen der Hexe gegenüber. „Dann wird sie wohl auch Ihnen nichts freiwillig erzählen.“ Denn tatsächlich war das eine Hoffnung gewesen, die Levin empfunden hatte. Dass Leute Geraldine Informationen gaben, weil sie ihr vertrauten. Doch wenn sie das nicht gewusst hatte… Falls sie es nicht gewusst hatte… Dann ging das Vertrauen wohl nicht allzu tief. Er wandte sich mit seinen nächsten Worten an die anderen: „Wenn wir uns verhalten wie die, dann schaden wir unserer Sache nur. Wir brauchen Rückhalt bei den Menschen. Den kriegen wir nicht durch Blutvergießen und andere Attentate. In deren Welt und in der Welt der Öffentlichkeit sind wir die Terroristen. Die machen die Gesetze, wir handeln dagegen. Das sollten wir nicht vergessen.“ Er machte eine kurze Pause. Ihm brannten selbst Fragen unter den Nägeln, die wichtigsten stellte er: „Wenn wir das wirklich machen wollen… Circe Pendergast befragen… Was ist es, was wir konkret wissen wollen? Was für Fragen würden wir ihr stellen wollen? Was könnte uns weiterhelfen?“ Für Levin kam es sehr konkret darauf an, was sich hinter diesem Vorhaben verbarg. Wenn sie keinen guten Plan, keine guten Fragen hatten, was brachte es dann? Denn ja, natürlich könnten sie nach Namen fragen. Doch er ging eh davon aus, dass die meisten Menschen im Ministerium, in diesem ganzen Apparat gegen sie waren. Wozu brauchte er eine Bestätigung? Er konnte sie ja schließlich nicht anzeigen – und sie alle umbringen, nein, das war hoffentlich auch nicht ihr Ziel. Das hätten auch Bertie und Gia nicht gewollt, glaubte Levin.

  • Kleine Vorwarnung: Der Post fällt etwas heftiger aus.


    Hatte bis eben noch betretenes Schweigen geherrscht und kaum jemand ein Wort über seine Lippen gebracht, so brach jetzt eine regelrechte Flut von Redebeiträgen über die Versammelten herein und alle schienen es plötzlich ganz eilig zu haben, sich zu Wort zu melden. Es wirkte fast, als sei ein Bann gebrochen worden, der ihnen allen die Stimme geraubt hatte. Ceene hatte viel zu lange auf diesen Moment gewartet. Sie war Levin und den anderen dankbar, dass sie sie gerettet und aufgenommen hatten, aber es hatte sie zermürbt, dass im Anschluss daran rein gar nichts passiert war. Niemand hatte auch nur versucht an Circe Pendergast für das zur Rechenschaft zu ziehen, was sie ihr und dem Turners angetan hatte. Man hatte bis zu diesem Moment nicht einmal darüber geredet. Als wäre das Feuer keine große Sache gewesen. Einfach nur ein vernachlässigbarer Vorfall von vielen. Nach der Museumseröffnung war Ceene dann der Kragen geplatzt und sie hatte Kai mit einem Trommelfeuer von Vorwürfen und Anschuldigungen überzogen. Ihr Zorn hatte sie vollkommen aufgezehrt, sie in ein Monster verwandelt, das alles, was sie sich zusammen aufgebaut hatten, in Stücke riss. Ihre Beziehung war einem Inferno vergangen, das dem Höllenfeuer im Turners in nichts nachgestanden hatte.
    Dass ihre radikalen Worte eher auf Ablehnung, denn auf Zustimmung stießen, war für Ceene nicht weiter überraschend. Zumindest aber wurde nun endlich mal darüber geredet, Circe dafür zu nutzen, um an die Todesser heranzukommen. Brooke schlug sogar vor, sie zu entführen, und bewies damit zumindest, dass auch sie, bei allen moralischen Bedenken, die Notwendigkeit erkannte, die Initiative zu ergreifen.
    Dann aber meldete sich Geraldine zu Wort und was sie sagte, hatte es in sich. Nicht wegen der Vorwürfe, die sie ihrer Rede vorwegschickte, sondern wegen dem, was sie danach fast schon trotzig den Versammelten eröffnete. Für Ceene war es wie ein Schlag ins Gesicht. Mit einem Schlagring. Dass Geraldine sie dabei auch noch ansah, verstärkte die Wirkung ihrer Aussage nur noch mehr. Nicht nur, dass sie Circe Pendergast als Freundin bezeichnete, nein, sie gestand auch noch freimütig, als wäre nichts weiter dabei, dass sie mit ihr Kontakt hatte. Mit ihr, die ihren Laden vernichtet und sie zum Sterben in den Flammen zurückgelassen hatte.
    Für alles, was noch im Anschluss gesagt wurde, war Ceene nahezu taub. Dass Deverell allen Ernstes einen Putsch gegen das Ministerium in Spiel brachte, bekam sie noch gerade so mit und in ihrer gegenwärtigen Verfassung fand sie den Vorschlag sogar alles andere als absurd. Es traf immer noch die Richtigen. Was von Levin kam, nahm Ceene dann schon gar nicht mehr wahr. Zu leise waren seine Worte, zu laut ihre Gedanken.
    Als er all seine Fragen gestellt hatte und sich ihr endlich die Gelegenheit bot, die Worte, die sich in ihrem Mund angesammelt hatten, auszusprechen, musste Ceene einiges an Beherrschung aufbringen, um nicht zu laut zu werden. Sie war emotional am Anschlag und der Alkohol tat sein Übriges.
    “Weißt du was, Geraldine? Ich stimme dir voll und ganz zu. Du bist mit Sicherheit am meisten von uns allen enttäuscht von Circe Pendergast. Und soll ich dir auch sagen, warum? Weil du die einzige bist, die von ihr enttäuscht ist. Ich bin nicht enttäuscht von ihr - ich verachte diese dreckige Hure. Mit jeder Faser. Und weißt du auch, warum?”
    Ceene sprang von ihrem Stuhl auf und warf diesen dabei fast um. Voller Wut riss sie den linken Ärmel ihres Pullovers hoch und entblößte die Narbe, welche die teerartige Substanz in ihre Haut gefressen hatte. Fast ihr kompletter Handrücken war von rotem Narbengewebe bedeckt, das sich weiter bis hoch zum Ellenbogen zog. Überall dort, wo die Substanz Blasen geschlagen hatte, hatten sich dunkelviolette Spuren gebildet. Dutzender kleinerer und größerer Ringe zogen sich in einem grotesken Muster über die zerstörten Hautschichten.
    “Das ist meine Erinnerung an sie - an deine Circe. Wenn Fin nicht gewesen wäre, würde mein ganzer Körper so aussehen und ich würde tot in meinem ausgebrannten Laden liegen, den sie angezündet hat.”
    Sie durchbohrte Geraldine mit ihrem Blick, starrte sie voller Zorn an und blendete alles andere aus. Genauso wie es auch gewesen war, als sie sich mit Kai gestritten hatte. Alle Dämme waren gebrochen, sie hatte sich nicht mehr kontrollieren können, war bewusst verletzend gewesen, weil da nur noch Schmerz gewesen war. Ein gigantischer, pechschwarzer Mahlstrom in ihrem Herzen, in dem alles Gute verschwunden war.
    “Falls sie also nicht ohnehin bereits von dir gesteckt bekommen hat, dass ich noch am Leben bin, richte ihr gerne Grüße von mir aus, wenn ihr euch das nächste Mal zu Kaffee und Kuchen trefft. Und sag ihr bitte auch: Ich werde auf ihrem verfickten Grab tanzen.”
    Mit vor Wut zitternder Hand griff Ceene nach ihrem Glas und kippte den Whiskey in einem Zug in ihren Rachen. Sie sog scharf die Luft ein, unterdrückte ein Husten und ließ sich wieder auf ihren Stuhl fallen. Energisch donnerte sie dabei das leere Glas auf die Tischplatte - es klang wie der finale Hammerschlag in einem Gerichtssaal.

  • Nachdem Geraldine ihre Worte hervorgebracht hatte, dauerte es nicht lange, bis sie schon Widerspruch erntete. Levin und die anderen glaubten nicht daran, dass Geraldines Strategie in Zukunft noch aufgehen würde. Ihre Versuche, den Todessern Geheimnisse zu entlocken waren in den letzten Monaten wirklich nicht erfolgreich gewesen. Viel mehr war jedes ihrer Treffen mit Emrys, Nicolas oder Circe zum Teil eines wackligen Lügenkonstrukts geworden, bei dem Geraldine alles daran setzte, dass man ihr überhaupt noch etwas erzählte. Es war ermüdend und es machte sie krank, tagein tagaus neue Erklärungen dafür suchen zu müssen, dass sie sich nicht dem Sicherheitskommando anschließen wollte. Dafür, dass sie partout nicht das dunkle Mal auf ihrem Arm haben wollte und dafür, dass sie Jaydan Branson bei der Eröffnung des neuen Museums vor Circe in Schutz genommen hatte. Die andauernden Rechtfertigungen und Halbwahrheiten vor ihren reinblütigen Freunden hatten dazu geführt, dass sie kaum noch selbst wusste, wer sie überhaupt war. Geraldine war durcheinander, schlief zu wenig und sie rechnete jeden Tag damit, dass ihr alles um die Ohren fliegen würde, weil sie sich irgendwo verplapperte. Ein Teil von ihr hoffte sogar, dass es bald so weit war. Wenn sie enttarnt wurde, dann musste sie sich zumindest nicht mehr verstellen. Aber freiwillig zugeben, dass das Haus Lovett, ihre Familie, sich von den Lehren der anderen Reinblüter abgewandt hatte? Ihr schnürte sich der Hals zu, wenn sie daran dachte. Die Bloßstellung, die öffentliche Isolation, es wäre das Ende ihres Lebens wie sie es kannte. Das war der Grund, warum Geraldine noch immer die Todessersympathisantin mimte. Und weil sie die vage Hoffnung hatte, dass Nicolas, Jonathan, Agatha oder Circe eines Tages doch noch Zweifel bekommen würden und beschlossen, sich von Lord Voldemort abzuwenden. Sie würde dann da sein, mit offenen Armen und bereit, einen einfachen Ausweg anzubieten. Ihre Freunde würden dem Orden helfen, die Todesser ein für allemal aus der Welt zu schaffen und am Ende wären ihre Namen reingewaschen, so als wäre nie etwas gewesen. Es war ein alberner Traum, ein Hirngespinst und je mehr Zeit verstrich, umso unwahrscheinlicher wurde es, dass auch nur ein einziger ihrer Freunde sich noch umentschied. Sie alle hatten ihre Seite gewählt und es wurde Zeit, dass Geraldine das endlich akzeptierte. Daher schwieg sie nur zu den Worten von Deverell und Levin, denn die beiden jungen Männer hatten letzten Endes recht. Geraldines Plan hatte nicht funktioniert und jetzt mussten sie was anderes versuchen.

    Ceenes Miene hatte sich in der letzten Minute deutlich verfinstert - Wenn das überhaupt noch möglich war. Nachdem Levin geendet hatte, wandte die Frau mit den giftgrünen Haaren sich geradewegs an Geraldine, der sofort das Blut ins Gesicht schoss. Ihre Hände begannen zu zittern, als sie konfrontiert wurde. Es war ihr unangenehm, vor allen Versammelten so direkt angegangen zu werden. Als Ceene ihren verbrannten Arm zeigte, musste die Aurorin sich bemühen, nicht wegzusehen. Die rote, vernarbte Haut sah schlimm aus. Jeder hier wusste, dass es an ein Wunder grenzte, dass sie noch an einem Stück war, nur weil Finlay sie gerettet hatte, war sie aus ihrem Geschäft entkommen. Eindrücklicher war kaum vorzuführen, auf welcher Seite Circe Pendergast stand. Geraldine fühlte sich als hätte jemand ihr in den Bauch getreten, als Ceene mit ihrem Ausbruch zum Ende kam. Die Blicke der anderen fühlten sich an wie Giftpfeile, die aus allen Richtungen auf sie abgefeuert wurden. Sie räusperte sich und brachte zunächst nur ein unangenehmes Krächzen hervor. "Ich habe Circe nichts über dich gesagt und auch sonst keinem. Über nichts vom Orden." Sie sah in die Runde, so als müsste sie ihre Glaubwürdigkeit beschwören. Vielleicht musste sie es wirklich. "Sie war früher meine Freundin, in der Schulzeit. Und wir waren auch danach noch gut miteinander, aber natürlich sehe ich sie nicht mehr mit den gleichen Augen, seitdem ich weiß, was sie dir angetan hat, Ceene." Geraldine hatte Tränen in den Augen. "Ich wusste immer, dass sie altmodisch drauf ist, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie so etwas tun würde. So etwas Wahnsinniges sieht man doch nicht kommen." Sie holte tief Luft und strich sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht. "Jedes mal, wenn Circe und ich uns jetzt sehen, denke ich die ganze Zeit daran, wie das Turners abgebrannt ist und daran, wie die Todesser letztes Jahr Elias entführt haben. Ich frage mich, ob sie davon auch was wusste oder sogar mitgeholfen hat. Es macht mich total krank. Aber ich treffe sie trotzdem noch, weil ich hoffe, dass sie mir etwas über die Todesser erzählt, was wir benutzen können um zu verhindern, dass noch mehr schlimme Sachen passieren." Der Drang in die Offensive zu gehen machte sich bei der Reinblüterin breit, aber sie kämpfte das Gefühl zurück. Sie konnte nicht glauben, dass jemand dachte, sie würde sich noch sorglos mit Circe zum Kaffee treffen. Nichts an diesen Treffen war mehr sorglos. "Das ist der Grund, warum ich noch Circes Einladungen annehme, nicht weil ich ihr verzeihe, was sie dir angetan hat. Ich bin enttäuscht von ihr weil ich dachte dass ich sie kenne und weil ich mich geirrt habe. Weil ich mich in allen meinen Freunden geirrt habe, die jetzt den Todessern zujubeln." Betreten massierte Geraldine ihre Finger und schaute zu Ceene und den anderen. Ich bin die einzige Reinblüterin hier und ich wünschte ich wäre es nicht, hätte sie beinahe noch hinzugefügt.

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