Erdgeschoss - Speisezimmer und Küche

  • Tatsächlich war Jonas erstaunlich guter Dinge, was die Sache mit dem Koffer anging. Klar, auch Heiler konnten nicht alles richten, was dunkle Magie zerstörte, doch Jonas hatte dahingehend ein beinahe blindes Vertrauen in seine Mitstreiter. Bisher allerdings, war der Zauberer ja auch immer glimpflich davon gekommen. Zwar konnte er anhand gewisser Narben an seinem Körper bereits von der ein oder anderen Begegnung mit schwarzmagischen Flüchen berichten, doch nichts davon hatte den Zauberer wirklich derart außer Gefecht gesetzt, dass es seinen Mut verloren hatte. Nein, was sollte ihm schon passieren, solange er einen Heiler in seiner Gegenwart hatte? Zugegeben, vielleicht war er auch einfach ein wenig… rastlos und übermütig. Aber was hatte er schon zu verlieren?
    Ein Nicken also bestätigte Levin, dass er mit seiner Einschätzung richtig lag. Natürlich hatte er Recht - hatte denn je etwas anderes zur Debatte gestanden? Ein Gefühl des Triumphes hatte den ehemaligen Gryffindor überfallen, ohne dass er sagen könnte, woran dies tatsächlich lag. Vielleicht einfach nur das Wetter. Oder so.
    Kaum dass Levin also bestätigte, dass er bereit war und seinen Griff um den Zauberstab verstärkt hatte, griff Jonas nach den beiden Schnallen des Koffers, ließ sie zeitgleich aufspringen, wartete einen kurzen Augenblick ob etwas geschah und drückte dann die beiden Kofferhälften auseinander, sodass sich der Inhalt für die beiden Zauberer offenbarte. Dass nichts geschah und es sich bei dem Inhalt tatsächlich nur um einen Haufen Papiere handelte… enttäuschte Jonas um ehrlich zu sein ein wenig. Wie… langweilig.
    Levin hob den Zauberstab und murmelte ein paar Zauber und auch wenn Jonas diese Zauber nicht kannte, verstand er genug, um zu begreifen, dass Levin sich vergewissern wollte, dass auf den Papieren kein böser Zauber lag. Clever. Er hingegen hätte wohl einfach nach dem Papier gegriffen, hah. Levin hingegen wollte wohl auf Nummer sicher gehen, nahm eines der Medikamente auf magische Art und Weise aus dem Koffer, sodass sie beide es lesen konnten, ohne es zu berühren.
    Aufmerksam ließ Jonas seinen Blick über die Zeilen wandern, blieb ebenfalls an den zwei Worten hängen, die Levin vorlas. Er mochte nicht viel über die Muggelwelt wissen, doch Fernsteuerung, das kannte er - immerhin hatte Marius ihn mehr als einmal versucht dazu zu überreden mit ihm irgendein Videospiel zu spielen. (Was durch Jonas chronische Irritation über die kleinen Menschen im Fernseher, die auf Knopfdruck taten, was man wollte aber stets verhindert worden war.) Der Sickel, der ebenfalls auf Levins Geheiß aus dem Koffer schwebte wurde ebenfalls begutachtet, aber eher als unwichtig bedacht - der könnte genauso gut von Jessica McWhite selbst stammen. Kein eindeutiges Indiz. „Ich meine, dass das eindeutig eine Sache wäre, der Auroren nachgehen würden. Ein zerbrochener Zauberstab ist ein Zeichen. Man zerbricht die Zauberstäbe von Magiern, die aus der Gesellschaft ausgestoßen werden, ganz bewusst, auch wenn es natürlich quatsch ist und jeder Zauberer sich einfach einen neuen Zauberstab besorgen könnte. Es ist ein Symbol dafür, nicht dazuzugehören. Unter der Herrschaft des dunklen Lords haben sie das mit muggelstämmigen gemacht.
    Man hatte den Zauberstab der muggelstämmigen Hexen und Zauberer vor ihren Augen zerbrochen, um ein Zeichen für sie und alle ihre Angehörigen zu setzen: Sie waren nicht Teil dieser Gesellschaft. Doch hier machte das keinen Sinn. „McWhite war doch reinblütig, oder? Angenommen ihre Angreifer waren keine Muggel - warum sollten sie dann ihren Zauberstab zerbrechen?
    Die Stirn des Walisers legte sich in Falten. Egal wie man es wandte und drehte: Das hier war eindeutig ein Indiz, das hätte verfolgt werden müssen. Es warf zu viele Fragen auf. Und die wohl offensichtlichste war: Warum wies das Ministerium diese Hinweise zurück? Dann wiederum war das wohl die am einfachsten zu beantwortenste Frage. „Sie haben schonmal ihre Leute ins Ministerium geschleust“, entgegnete er und lehnte sich nun ebenfalls ein wenig zurück, bevor er den Blick vom Koffer nahm und wieder auf Levin richtete. „Es würde mich nicht wundern, wenn es wieder der Fall wäre.“ Dabei war es unerheblich ob diese Leute wussten, für wen sie arbeiteten oder nicht. Die Erkenntnis dass das Ministerium selektierte, was von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden sollte, bedeutete, dass dort etwas nicht mit rechten Dingen zu ging. Vielleicht war es zu viel zu behaupten, dass die Todesser das Ministerium im Griff hatten, doch es zeigte, dass eine entsprechende Gesinnung bereits vorhanden war. Dann wiederum - was hätten Fanatiker und Rassisten von dem Tod einer Reinblüterin? Würden sie ausgerechnet da nicht weiter recherchieren wollen, um den Tod eines so noblen Mitgliedes der Gesellschaft aufklären zu wollen? Es sei denn…
    Jonas hielt inne, zögerte einen Moment. Ging dieser Gedanke zu weit? Spann er hier eine verrückte Theorie aus, die keinen Sinn ergab? Er biss sich nachdenklich auf die Zunge. „Was hätte das Ministerium davon, den Tod einer Reinblüterin nicht aufzuklären? Was hätte das Ministerium davon, die Welt im Glauben zu lassen, dass es Muggel waren, die diese Hexe umbrachten?
    Oder begab er sich hier auf Terrain, dass für Levin schon längst offensichtlich war? Hing er nur hinterher? Wenn man die Welt im Glauben ließ, eine Reinblüterin wäre von Muggeln ermordert worden, schürte das Angst und ein Feindbild und es machte ohnehin schon konservative Magier empfänglicher für ganz offenen Rassismus. Die Wahl von Ministerin Dippet machte das offensichtlich. Die Gesellschaft befand sich in einem Wandel - aber was, wenn dieser Wandel ganz bewusst herbei geführt worden war?

  • Levin war mit Jonas einer Meinung – das waren alles deutliche Hinweise, denen Auror*innen oder andere Mitglieder der Strafverfolgung ihrer Jobbeschreibung nach nachgehen müssten. Eine Selbstverständlichkeit quasi, eine Offensichtlichkeit, der sich niemand entziehen konnte – was im Umkehrschluss für Levin ebenso wie offenbar für Geraldine Lovett bedeutete, dass das hier jemand mit Absicht nicht weiter verfolgte. Dass die Strafverfolgung ihren Job mit Absicht nicht machte. Was genau das bedeutete, war dennoch schwierig zu fassen, denn die Entscheidungsverläufe innerhalb der Behörde nicht wirklich transparent. Es gab für jeden Bereich Vorgesetzte, sodass sie hier ebenso Schuldige suchen könnten wie unter den normalen Angestellten. Einen Nachweis würden sie so jedoch niemandem gegenüber haben – außer Levin entlockte Geraldine Lovett, auf wessen Geheiß die Ermittlungen nicht fortgeführt wurden und ob sie davon ausging, dass diese Handlung bewusst getätigt wurde. Es war unklar, wo der Kopf der Schlange war – oder wie viele sie überhaupt besaß. Das Ministerium und die Strafverfolgung waren sicher keine Instanzen, denen Levin einfach so vertraute, doch in der Öffentlichkeit hatte die Strafverfolgung bisher einen akzeptablen Ruf. Nicht zu lasch, nicht zu restriktiv, auch wenn Levin die Härte vieler Regelungen sicherlich stärker kritisierte als viele andere, weil er im Monkshood die direkten Auswirkungen zu sehen bekam. Das Ministerium selbst polarisierte mit dem Kurs zunehmend, gewann Gegner*innen und Unterstützer*innen wohl gleichermaßen, sodass die Stimmung aufgeladen war und sich auch die Strafverfolgung nicht mehr lange einer klaren Positionierung entziehen konnte. Das hier in dem Koffer waren wohl erste klare Anzeichen dafür, in welche Richtung diese gehen würde.
    Levin nickte zustimmend, als Jonas das mit dem Zerbrechen der Zauberstäbe erwähnte. Er hatte darüber gelesen, hatte es ja als Adoptivkind von Muggeln nicht selbst mitbekommen. Es war ein Teil des Terrors von Dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf und seinen Unterstützer*innen gewesen – eine Machtdemonstration und die klare Botschaft, dass Muggelstämmige es nicht verdienten, Mitglieder der magischen Gemeinschaft zu sein. Was also hatte Jessica McWhite getan, um dieses Symbol in den Augen dieser Menschen zu verdienen? Denn nein, ein Zufall war das sicher nicht. McWhite war reinblütig gewesen, merkte Jonas an. Ein Umstand, den sie nicht aus den Augen lassen durften. Es war unangenehm genug, auf diese Weise darüber nachzudenken, denn eigentlich mühten sie sich in ihrem Weltbild ja doch, diesen Attributen keine Aufmerksamkeit in dem Sinne zu schenken. Doch wer ignorierte, dass andere dies nicht so handhabten, ignorierte auch die Probleme – das konnten sie sich bei einer solchen Sache schlicht nicht leisten, denn alles konnte etwas bedeuten. Dieser Ansicht war Jonas offenbar auch und als er noch einmal fragte, was das Ministerium davon hätte, eine Reinblüterin umzubringen, verschränkte Levin die Arme vor der Brust und legte den Kopf schief. „Jessica McWhite war im St. Mungo keine Unbekannte. Sie hat öfter mal bei uns gearbeitet und insbesondere die Entwicklung mancher Tränke vorangetrieben. Und soweit ich das von Bertie mitbekommen habe, der mit ihr in einem Labor gearbeitet hat, ging es bei ihren Experimenten auch um die Verbindung von magischen und Muggel-Praktiken. Das könnte manchen Personen ein Dorn im Auge gewesen sein“, sagte er leise. Es war an sich offensichtlich, jetzt, wo sie so darüber sprachen. Doch vorher war es ihm nicht aufgefallen, denn er hatte einfach nicht geglaubt, dass so wenig ausreichen konnte, um bei diesen Menschen in die Schusslinie zu geraten. Dass so wenig reichte, um zu sterben. „Ich weiß nur, dass der Tagesprophet nicht müde wird, diese Vorfälle-“ -Morde, schoss ihm durch den Kopf, doch er sprach es nicht aus – „dazu nutzt, die neue Politik von Dippet zu rechtfertigen. Sie sagt es selber auch. Sicherheit. Letztlich geht es aber um Macht, oder? Sie will Gründe für diese Einschränkungen und so findet sie sie, denn die Leute fangen an, Muggel immer mehr als Gefahr zu sehen.“ Er hatte sowas schon von Leuten gehört. Ein Raunen auf den Straßen, das davon kündete, dass Muggel eine Gefahr für ihre Gemeinschaft waren. „Ich glaube, wir denken also an das vollkommen Gleiche“, sagte er und rieb sich kurz über die Augen. Es war wirklich schlimmer, als sie gedacht hatten. Wahrscheinlich hatten sie sich bisher auch nur nichts anderes eingestehen wollen. „Ich hätte nur nicht gedacht, dass sowas wie McWhites Handlungen schon ausreichen, um…“ …um in Gefahr zu geraten. Er schüttelte den Kopf. „Vielleicht war es bei Elias nicht anders.“ Sie hatten nach großen Gründen gesucht, die Befürchtung gehabt, dass er wegen seiner Mitgliedschaft im Orden entführt worden war, dass sie mehr wussten, als sie sollten. Doch am Ende war es vielleicht nur eines gewesen: reiner Rassismus. Weil Elias‘ Eltern muggelstämmig waren. Nichts an dieser Vermutung war erleichternd, doch es konnte ihnen vielleicht auch neue Hoffnung geben – dass sie noch nicht enttarnt worden waren.

  • Es erfüllte Jonas mit Sorge, so offensichtlich vor Augen geführt zu bekommen, welche Missarbeit die Aurorenzentrale leistete. Ihm war ja bereits zu seiner Zeit in der Zentrale bewusst gewesen, dass die Hoffnungen, die er sich während seines Abschlussjahres gemacht hatte, regelrecht naiv gewesen waren. Doch so sehr er damals auch unter der Büroarbeit, die ihm insbesondere von Umbridge und Rai aufgedrückt worden war gelitten hatte, hatte er schlussendlich doch immer geglaubt zumindest sein Bestes zu tun, das zu tun, wofür die Zentrale ins Leben gerufen worden war: Dem Hinterfragen suspekter Vorfälle und der Verfolung schwarzer Magier. Unschuldsvermutung hin oder her - wenn etwas derart auffällig nach noch offenen Enden stank, erwartete er, dass zumindest eine kleine Einheit sich weiter damit beschäftigte. Dass das nun, wie Lovett behauptete, keineswegs der Fall war, bereitete Jonas Kopfzerbrechen. Hatte sich die Situation in der Zentrale etwa derart verschlimmert? Wenn nicht einmal mehr die Auroren verdächtigen Aktivitäten nachgingen, wer dann?
    Auf seine Anmerkung hinsichtlich der zerbrochenen Zauberstäbe während des Zaubererkrieges reagierte Levin mit einem Nicken. Dieser Umstand war ihm also bekannt, allerdings hatte der Waliser das auch nicht zwingend angezweifelt. Nicht nur, dass im Orden das Thema des vermeintlichen Blutstatus eigentlich nie zur Sprache kam (es sei denn, es war derart auffällig, wie es das bei jemandem wie ihm war, reagierte Jonas doch noch immer auf alles, was auch nur ansatzweise aus der Muggelwelt stammte mit Irritation und Unverständnis), es war für Jonas auch selbstverständlich, dass man sich als Mitglied ihrer Gruppierung mit der Vergangenheit auseinandersetzten. Sie wussten als einige wenige, dass der dunkle Lord zurückgekehrt war, dass er kein Schatten der Vergangenheit war, sondern ganz real, noch irgendwo verborgen und doch bereits wieder eine Bedrohung. Entsprechend wäre es nur naiv von den Mitgliedern des Ordens nicht mit seiner Schreckensherrschaft während des Krieges zu beschäftigen.
    Und du meinst diese Personen würden an ihr ein Exempel statuieren wollen?“, schlussfolgerte Jonas aus den Ausführungen Levins, runzelte ein wenig die Stirn. Ja, damit gäbe es wohl ein Motiv, aber seiner Meinung nach, passte da irgendetwas noch nicht zusammen. Mrs. McWhites Engagement im Mungos in allen Ehren - gab es da nicht eher Andere, die in den Augen der Todesser und ihrer Unterstützer bestraft gehörten? War das Vergehen von Mrs. McWhite nicht recht… milde?
    Dann wiederum hatte Levin mit seinen nächsten Worten natürlich Recht. Kein Tag verging, an dem der Tagesprophet nicht darüber berichtete, wie wichtig und sinnvoll die neuen Gesetze Mrs. Dippets waren, dass sie endlich die Sicherheit schufen, die sie alle schon so lange ersehnt hatten. Die Frage hier war also, was hier Grund für was war? Waren die Vorfälle der vergangenen Monate - auch jener um Jessica McWhite - Grund für Dippets Gesetze? Oder waren Dippets Gesetze der Grund für den Mord an Jessica McWhite?
    Und je mehr Leute das glauben, je mehr Menschen in Angst vor Muggeln oder Halbwesen leben, desto krasser dürfen die nächsten Gesetze werden, ohne dass die Mehrheit der Geselleschaft rebelliert.“ Das war eine einfache Rechnung - und gerade das machte diese Erkenntnis wohl so schockierend.
    Ein Nicken Jonas’ folgte, kaum dass Levin andeutete, dass sie hier offensichtlich dasselbe dachten. Ja, im Grunde, wenn man eins und eins zusammenzählte, war ganz eindeutig, was hier passierte. Noch unklar allerdings: Waren die Vorfälle, der Mord an McWhite, die vermehrten Werwolfangriffe, die verschwundenen Hexen und Zauberer bloß Zufälle, die die Medien ausschlachteten und dem Ministerium in rechte Stückchen zerteilten? Oder waren sie bewusst gelegte Fährten, Manipulationen jener Anhänger Voldemorts, um ihre Ideologie in der Mitte der Gesellschaft zu verbreiten? Plausibel wäre es jedenfalls. „Es macht leider Sinn. Das war letztes Mal ihr Problem, nicht wahr? Dass sie einen Großteil der Menschen ängstigten, dass sie nicht die Retter waren, sondern die Unterdrücker.“ Jonas machte eine kurze Pause, fuhr sich mit der linken Hand ein wenig zweifelnd über das Gesicht. War es wirklich so schlimm, wie er befürchtete? „Wenn sie die Angst diesmal jedoch auf etwas anderes fokussieren, wenn sie durch Dippets Politik die Wege ebnen - was geschieht, wenn Dippet in den Augen der Gesellschaft nicht mehr radikal genug ist?“ Er verbalisierte die Frage nicht, doch sie stand ganz offensichtlich im Raum: Würde die magische Gesellschaft sich dann nach jemandem sehnen, der die „Dinge in die Hand nahm“? Eine einzelne Person, die unbeschränkt von Politik und Gesetzen, tat was „notwendig“ war? Tja, und wer würde dann wohl auf der Bildfläche erscheinen?
    Ein ungläubiges, verzweifeltes Lachen verließ die Kehle des ehemaligen Gryffindors und er sank ein wenig in sich zusammen. Kurz schüttelte Jonas den Kopf, als er auf das Motiv Elias zu entführen zu sprechen kam. Er war nicht sicher, ob Levin damit Recht hatte, dafür war es womöglich noch ein wenig zu früh, doch ein Ziel würde es definitiv sein, denn es ging nicht nur um seinen Blutstatus. Es ging eher um die Position, die er damit einnehmen sollte. „Der Leiter einer so wichtigen Abteilung im Mungos muggelstämmig? Könnte auf jedenfall einem Schema entsprechen.“ Er beließ es bei dieser vagen Aussage, denn er hatte das Gefühl, dass sie hier noch nicht alle Fakten kannten, dass noch ein ganz wichtiger Faktor fehlte. Nur was?
    Jonas seufzte. „Wir sollten uns die anderen Fälle ansehen, nicht nur den von McWhite. Vielleicht, wenn wir die Verbindung herstellen, die das Ministerium nicht herstellen wollte… geben sie uns Hinweise auf das, was hier wirklich vor sich geht.

  • Levin hatte noch nie Einblicke in die Arbeit des Ministeriums bekommen – nicht wirklich jedenfalls. Er wusste nicht, was dort hinter den Kulissen ablief und war der Institution bisher so gut es ging ferngeblieben. Was wussten sie schon? Es gab nur Gerüchte – doch deren Wahrheitsgehalt war immer eine andere Frage. Tatsächlich hatte er lange geglaubt, dass eine Einrichtung wie das Ministerium einer gewissen autonomen Selbstkontrolle unterlag. Wenn so viele Menschen gemeinsam arbeiteten, konnten gewisse Machenschaften, gewisse Tendenzen doch nicht einfach so Verbreitung finden. Der Vorgänger von Dippet war zwar als eher konservativ, insgesamt jedoch auch als rechtschaffend bekannt gewesen und soweit Levin wusste, galt dies lange auch für die bekannteren Führungspersonen, für Teile des Zaubergamots ebenso. Doch entweder hatte sich etwas geändert und er hatte sich jahrelang getäuscht – am wahrscheinlichsten war eine Kombination aus beidem. Mit Dippets Wahlsieg war ein harter Wind aufgekommen, doch Levin glaubte nicht daran, dass es immer schon so gewesen war. Hoffte es zumindest – denn wenn es früher einmal anders gewesen war, deutete dies zumindest daraufhin, dass eine Rückkehr dahin in irgendeiner Form möglich war. Konnten sie mehr hoffen als das?
    „Vielleicht“, musste er ehrlich auf Jonas‘ Nachfrage antworten. Sie hatten im Grunde ja keine Ahnung, warum und wer Jessica McWhite das angetan hatte. Vielleicht war alles ganz anders – doch die Hinweise ließen ihre Vermutung zumindest zu. „Vielleicht war sie auch nur ein Zufallsopfer – oder eben eine Kombination aus beidem. Vielleicht auch ein… leichtes Opfer.“ Weil sie nicht damit gerechnet hatte. Er schluckte. Gab es überhaupt jemanden, der in dieser Form damit gerechnet hatte? Auch Elias war überrascht worden. So drastisch war das Vorgehen bisher nicht gewesen.
    Levin nickte, als Jonas zusammenfasste, was auch in seinem Kopf schon einige Zeit herumspukte. Er hatte es auf der Wahlveranstaltung gesehen, dass viele Menschen empfänglich waren für Ängste gegenüber Menschen, die von Lykanthropie betroffen waren, vor Muggeln oder anderen Wesen, die nicht in das Bild einer Hexe oder eines Zauberers passten. „Sie machen sich ihren Weg damit leichter – und legitimieren ihn so vermeintlich.“ Denn es war klar, dass eine Politikerin wie Dippet auf Dauer auf die Zustimmung der Menschen angewiesen war, wenn sie ihren Kurs weiter auf diese Weise fahren wollte. Wenn größere Teile der Gesellschaft der Überzeugung wären, dass diese ganzen Einschränkungen Quatsch waren, dann könnte sie so nicht weitermachen.
    „Der Gedanke gefällt mir nicht, dass sie dazugelernt haben könnten, aber ja. Ich denke auch, dass sie ihre Rolle in all dem in ein besseres Licht rücken wollen. Als Retter auftreten und sich selbst damit legitimieren. Den Terror durch vermeintlich andere ausüben lassen. Klingt plausibel“, sagte Levin nachdenklich, dachte über Jonas‘ Frage nach. Ja, was passierte, wenn Dippet nicht mehr radikal genug ist? „Vielleicht ist sie es sogar. Ich traue dieser Frau alles zu“, meinte Levin und zuckte mit den Schultern. Die Frage war nur, ob sie nicht irgendwann trotzdem dazu gezwungen war, jemandem Platz zu machen, dessen Ruf ihm vorauseilte – oder ob sie irgendwann (oder schon jetzt?) eine Marionette dieses Mannes wurde, vor dem sich noch immer so viele Menschen fürchteten. „Wir haben keine Ahnung, wie tief die Verbindungen zwischen dem Ministerium und Du-weißt-schon-wem vielleicht schon sind. Ob seine Leute nicht bereits wieder oder immer noch entsprechende Positionen im Ministerium besetzen. Du hast doch dort einmal gearbeitet – was meinst du? Ist das möglich?“ Es war wahrscheinlich eine naive Frage. Natürlich war es möglich – es war schon einmal möglich gewesen. Und doch hatte Jonas in die Abläufe hineinschauen können. War ihm damals etwas aufgefallen?
    Levin verstand Jonas‘ Reaktion, als dieser ein wenig auf dem Stuhl zusammensackte. So fühlte er sich auch schon seit Wochen. Aber es half ja nichts – diese ganzen Erkenntnisse durften sie nicht entmutigen, sondern ihnen klarmachen, wie wichtig ihre Arbeit war. Und trotzdem gab es Momente wie diese, in denen Levin sich am liebsten verkrochen hätte. Alleine der Gedanke, dass Elias all das einzig und allein wegen des Hasses dieser Menschen auf Muggel erleiden musste, machte ihn krank. „Du meinst, wir schauen uns die Ausgaben des Tagespropheten mal ein bisschen genauer an?“ Denn wenn sie recht hatten mit ihrer Idee, dann würden all diese Fälle dort auftauchen. Denn was brachte es der Gegenseite, diese extra gelegten Fährten nicht medial zu spielen? Sie brauchten die Aufmerksamkeit, wenn sie ihre Ziele erreichen wollten. Jonas hatte recht – dort würden sie vielleicht mehr Anhaltspunkte finden können. Doch würden sie dafür Geraldines Hilfe brauchen. „Ich weiß immer noch nicht, ob wir Geraldine Lovett trauen können. Aber irgendwie müssen wir an mehr solcher Hintergrundinformationen kommen. Hast du eine Idee?“, fragte er schließlich. Ohne Einblick in die Akten waren sie doch beinahe aufgeschmissen.

  • Es war schwer hier irgendetwas mehr zu tun, als zu spekulieren. Auch wenn Geraldine Lovetts Hinweise nützlich und wichtig waren - das vermochte er gar nicht zu bestreiten - ohne die richtige Beweislage und eine Fortsetzung der Recherchen auf Basis dieser Indizien, würde weder der Orden noch das Aurorenbüro irgendetwas beweisen können. Das galt natürlich vornehmlich auch für Jessica McWhites Tod.
    Vielleicht, war hier also wohl die einzige Aussage, die sie beide treffen konnten. Vielleicht war Jessica McWhite Opfer einer größeren Sache geworden, vielleicht war sie auserkoren worden, als Beispiel zu dienen. Vielleicht aber auch nicht. Die Frage war, ob sie dieses kleine Wörtchen jemals würden weglassen können.
    Das Nicken, welches Levin ihm noch wenige Momente zuvor geschenkt hatte, wusste Jonas nun, da sein Gegenüber von einer vermeintlichen Legitimierung immer einschränkenderer Gesetze sprach, zu erwidern. Ja, es war eine Milchmädchenrechnung, denn natürlich konnte eine so perspektivische Berichterstattung, eine derartige Verzerrung der Wirklichkeit nicht tatsächlich die massiven Einschränkungen von Freiheit und Recht legitimieren, doch wenn die Mehrheit der Bevölkerung das nicht sah, wenn sie glaubten, was Tagesprophet und Ministerium ihnen erzählten, dann würden es weniger Menschen hinterfragen. Es würde allgemeinhin akzeptiert werden. Jede weitere Einschränkung, jede weitere rassistisch motivierte Gesetzlegung würde hingenommen werden, bis sie in einem Staat angekommen waren, den der dunkle Lord und seine Anhänger schon einmal zu errichten versucht hatten.
    Dass sie dazugelernt hatten, davon mussten sie leider ausgehen, denn auch wenn es wohl alle von ihnen nur ungern sahen: Sie waren Menschen - und die lernten dazu. „Sie wären dumm, wenn sie es noch einmal auf dieselbe Art und Weise versuchten.“ Denn das hatte ja offensichtlich nicht funktioniert - und das war gewiss nicht nur der Verdienst eines kleinen Jungen gewesen. Der überraschende Niedergang des dunklen Lords mochte es beschleunigt haben - doch es war nicht der Grund gewesen. Die meisten Menschen hatten sich nicht getraut dem Regime zu widersprechen, doch keiner hatte daran gedacht die alte Terrorherrschaft nach dem Fall des dunklen Lords aufrecht zu erhalten. Etwas, dass wenn seine Anhänger hier wirklich hinter den politischen Veränderungen steckten, diesmal anders sein könnte. Wenn sie ihre Gedankengut tatsächlich vor dem Großteik der Gesellschaft zu legitimieren schafften, lag es nicht länger an der Machtposition eines Einzelnen, dann wurde es eine grundsätzlich strukturelle Veränderung.
    Ein seichtes, beinahe belustigtes Schnauben war die Antwort auf Levins Frage, ob er es für möglich hielte, dass die Todesser schon jetzt das Ministerium unterwandert hatten. „Keine Frage“, musste er nämlich bedauerlicherweise erwidern. „Es würde mich nicht wundern, wenn die Leute, denen wir neulich verhüllt begegnet sind, ohne Maske im Ministerium wiederzufinden sind.
    Das bezweifelte er wirklich nicht. Seine Eltern mochten seinerzeit noch zu jung gewesen sein, um dem dunklen Lord dienlich zu sein - oder wie alle Fawleys nur zu feige Stellung zu beziehen - doch Jonas wusste genug über die Gesinnung der beiden um zu ahnen, dass sie auch ohne das dunkle Mal tun würden, was es brauchte, um ein erneutes Aufsteigen des dunklen Lords zu ermöglichen. Und wenn Quill und Aubrey Fawley nur die Spitze des Eisbergs waren… nunja.
    Das sowieso. Selbst wenn wir den gedruckten Worten keinen Glauben schenken können, sollten wir sie lesen, um zu wissen, was sie die Menschen glauben machen wollen.“ Vielleicht ging seine Vermutung hier zu weit, vielleicht war Elias aus anderen Gründen auf das Visier der anderen geraten, doch es wäre schon ein ziemlich großer Zufall, nicht wahr? Dass er muggelstämmig war und eine wichtige Position in der magischen Gesellschaft bekleidete… das konnte den anderen nicht gefallen. Vielleicht war es aber auch nur ein netter Beigeschmack gewesen. Wer wusste schon, was als nächstes geschah?
    Jonas wollte darüber nicht nachdenken, denn auch wenn sie natürlich mit offenen Augen umherwandeln mussten (jetzt mehr denn je), auch wenn sie immer wachsam zu sein hatten, war Wahrsagerei noch nie etwas gewesen, von dem er allzu viel gehalten hatte. Sie würden nicht vorhersagen können, was die Zukunft brachte, aber sie mussten auf alles vorbereitet sein.
    Ein paar sichere Hintergrundinformationen aus dem Ministerium wären dahingehend ein guter Ansatz, doch wie daran gelangen? Soweit er wusste, war keines der Ordensmitglieder im Ministerium, geschweige denn der Aurorenzentrale, tätig. Entsprechend hüllte der Waliser sich zunächst in ein unsicheres Schweigen, fuhr sich mit der linken Hand über Kinn und Gesicht, suchte in diesen nachdenklichen Regungen nach einer Lösung, bis ein leises Schnalzen der Zunge verriet, dass seine grauen Zellen ein Schlupfloch entdeckt hatten. „ Ich könnte versuchen, meine alte Stelle wiederzubekommen“, setzte er an, zuckte mit den Schultern, „Ich weiß nicht, ob sie mich nochmal nehmen würden, aber wenn ich eine gute Ausrede finde und das Jahr von vorne beginne…“ Ein fragender Blick aus blauen Augen glitt zu dem Heiler neben sich. Konnte auch schief gehen - aber was hatten sie zu verlieren? Im schlimmsten Fall, fing er sich eine Absage ein und sie wären genauso klug wie vorher. Nicht so dramatisch, oder? Und ein bisschen Würde konnte er dann wohl doch noch für die Sache des Ordens opfern.


    Ende.

  • Knowing is not enough. I must take action.
    @Cuthbert Kirby

    02.05.2021, abends


    Mit einem leisen Seufzer rieb sich Brooke die Schläfe, strich über die Stellen, die ihre Kopfschmerzen vielleicht verringern würden, auch wenn sie sich keine große Hoffnung beimaß. Der Vollmond war zwar schon wieder ein paar Tage her, doch sie spürte die Auswirkungen noch immer, er saß ihr noch in den Knochen, denn dieses Gefühl hatte sie auch im gesamten letzten Jahr nicht loslassen können, geschweige denn vermutete sie, dass es jemals möglich sein würde. Ihre Haare hatten inzwischen wieder den goldblonden Farbton, etwas, das sie nach jeder Nacht des Verwandelns durchführen musste, damit ihr natürliches braunes Haar nicht plötzlich zur Geltung kam. Es war eine weitere Fassade, nur ein kleines Merkmal, doch jedes kleinste Merkmal konnte dazu führen, dass sie irgendwann einmal auffliegen würde. Und dass die Personen, die ihr Geheimnis bisher geschützt hatten, auffliegen und mit Strafen zu rechnen hatten. Es waren Sorgen, die in den letzten Wochen und Monaten nur noch schmerzhafter geworden waren. Doch es waren nicht nur ihre persönlichen Sorgen, die sie umtrieben. Nein, es waren die Gründe, warum sie hier in dieser fremden Küche saß, einem Ort, an dem sie das Gefühl hatte, sich manchmal einfach zurückziehen zu können, wenn alles zu viel wurde. Es waren Gründe, die dafür gesorgt hatten, dass Elias nun in Hogwarts als Professor unterrichtete. Es war all das, was passiert war. Was sie selbst erlebt hatten, was beim Merlin-Festival vorgefallen war und alles, was danach gekommen war.
    Erneut fiel Brookes Blick auf den Artikel aus dem Tagespropheten, den sie in den vergangenen Tagen schon so oft durchgeschaut hatte. Es war eine erschreckende Erkenntnis gewesen, die langsam in ihr herangereift war. Das Wissen, dass der Vorfall mit Mister Williamson und seiner Frau, dass das … Sie war damals dort gewesen. Vor Ort, kurz bevor sie beide verschwunden waren. Sie hätte vielleicht etwas tun können, so naiv dieser Gedanke auch war. Nein, letztlich hätte sie nichts bewirken können, unwissend wie sie gewesen war. Und gelähmt, wie sie sich jetzt noch immer fühlte. Es war ein leichtes gewesen, sich für Elias stark zu machen. Bei der Suche zu helfen, auch wenn sie wusste, dass das sicherlich nicht einfach gutausgehen würde. Es war besser ausgegangen als sie alle gedacht hatten, auch wenn sie niemals den Ausdruck in Berties Augen vergessen würde, nachdem er den Cruciatus-Fluch abbekommen hatte. Sie hatte es verstanden, kannte das Gefühl. Nein, sie hatten damals Narben davongetragen, doch keiner so schlimm wie Elias. Und das war erst der Anfang gewesen, es gab so vieles, das unter der Oberfläche versteckt war, was sie nicht wussten…
    Erneut glitt Brookes Blick über den Artikel, die Lippen zu einem stummen Strich zusammengepresst. Sie hatte die Ohren offen gehalten in den letzten Wochen. Sie war aufmerksam gewesen, doch all das schien nicht zu reichen. Und jetzt … Eine Verbreitung nicht bewiesener Aussagen in Bezug auf die Existenz und Aktivität von Sie-wissen-schon-wem und seiner Anhänger*innen erscheint ebenso wie das Heraufbeschwören des Dunklen Mals über London vor einigen Wochen wie ein geschmackloser Witz auf Kosten all jener, die damals Verluste erlitten haben. Sie konnte den Blick nicht von den Äußerungen ihres Vorgesetzten nehmen. Ihres Chefs, ihres Vertrauten. Ihres … ja, was war er eigentlich? Die Gefühle, die sie im letzten Jahr für Emrys Trevelyan entwickelt hatte, waren nicht verschwunden, doch waren sie einem feinen Schmerz gewichen. Er hatte ihr nie etwas versprochen und doch hatte er so viel für sie getan. Sie hatte ihm nie vorhalten können, dass sie in ihrer Naivität mehr empfunden hatte, dabei war er frisch verheiratet und hatte nun einen kleinen Sohn. Nein, es war ihr Fehler gewesen und mit der Zeit hatte sie gemerkt, dass es weniger weh tat, ihn zu sehen. Der Schmerz war noch nicht vollständig verschwunden, doch er würde mit der Zeit vergehen, da war sich Brooke sicher. Oder zumindest hoffte sie es.
    Und trotzdem … Sie hatte die Worte Emrys‘ viele Male gelesen. Hatte versucht, etwas zwischen den Zeilen zu sehen. Ob es wirklich seine Worte gewesen waren? Noch war ihr keine Gelegenheit gegeben gewesen, ihn zu fragen, ob er wirklich glaubte, dass es sich bei der Aktion beim Merlin-Festival nur um einen geschmacklosen Witz gehandelt hatte. Oder ob es der Versuch war, die Zauberergemeinschaft nicht zu beunruhigend, während man im Hintergrund der Sache deutlich gründlicher nachging. Es war etwas, das Brooke zwar falsch fand, aber was immerhin dieses bedrückende Gefühl vertrieben hätte, das an ihr nagte. Es musste einen Grund für all das geben, es konnte nicht anders sein. Denn ja, Brooke vertraute Emrys vorbehaltlos. Und so gerne hätte sie mit ihm gesprochen, hätte ihm erzählt, was sie wusste, doch das war nicht nur ihr Geheimnis. Es war das so vieler Menschen und sie würde es niemals preisgeben, auch wenn es sie innerlich ein wenig zerriss, nicht ehrlich zu ihm sein zu können.
    Sie hörte ein leises Geräusch und musste nicht aufblicken, um zu sehen, wer in der Tür stand. Nein, das war nicht nötig. Und so hob sie auch nicht den Blick, ehe sie mit dem Finger erneut über die Zeilen strich, nur um dann leise zu sprechen zu beginnen. „Er ist nicht dumm, weißt du?“ Brookes Blick glitt nach oben, zu Bertie, sah ihn an, vielleicht nach Verständnis suchend. „Er ist ein brillanter Mann.“ Ein Guter. Wie gerne wollte sie Bertie erzählen, dass Emrys sie beschützt hatte. Dass er mit einer der Gründe war, warum sie so viel Glück hatte, dass sie sich noch frei bewegen konnte. Glück, das andere nicht hatten. Doch das wiederum war ein Geheimnis, das sie bisher nur Levin anvertraut hatte. Es war ebenfalls etwas, das sie nicht erzählen konnte, weil es eben nicht nur ihr eigenes war. Und so musste sie nun wiederum verschwiegen anderen gegenüber sein, die auch schon so oft gezeigt hatten, dass sie für sie da waren. Vielleicht wäre es besser, einfach aufzuhören. Ihren Job aufzugeben. Damit sie nicht ständig in diese Zwickmühlen kam. Doch das konnte sie nicht, denn ihr lag etwas an der Arbeit und vielleicht … „Ich würde so gerne etwas tun können“, kam es beinahe verzweifelt über ihre Lippen. „Ich glaube nicht, dass alle in der Abteilung korrput sind, Bertie.“ Emrys am Allerwenigsten (haha). „Aber ich weiß nicht, wie ich mich nützlich machen kann. Für den Orden.“ Dabei saß sie doch indirekt an der Quelle. Nur wie sollte sie das mit ihrer Loyalität Emrys‘ Gegenüber verbinden und zugleich etwas bewegen? Es war eine Verzweiflung, aus der sie gerade keinen wirklichen Ausweg zu finden schien.

  • @Brooke Hutton


    So richtig wollte Geraldine noch nicht in die Umgebung des Grimmauldplatz Nr. 12 hineinpassen. Mit ihrem goldverzierten Hexenkostüm und dem altmodischen Schmuck, den sie an Hals, Armen und Ohren trug, hatte sie bereits die Aufmerksamkeit einiger der sprechenden Gemälde auf sich gezogen. Anscheinend hob sich ihr äußeres genug von dem der anderen Ordensmitglieder ab, um die Bildnisse der Black-Familienmitglieder dazu zu bringen, sie als Blutverräterin anstatt als Schlammblüterin zu beleidigen. Vermutlich sollte sie es als Kompliment nehmen. Geraldine hatte den Fehler gemacht, den Vorhang vor dem Bild von Walburga Black aus Neugierde zu lüften - Als die Mutter von Sirius Black erkannt hatte, dass ihr zur Abwechslung mal eine Reinblüterin gegenüberstand, hatte sie wie eine Irre geschrien: "UNWÜRDIGE! Sie sollten sich schämen, das Erbe ihrer Familie zu BESUDELN! Sie sind nicht besser als all diese SCHLAMMBLÜTER, die mein edles Haus beschmutzen! ABSCHAUM!". Für einige Sekunden hatte die Aurorin nur entsetzt vor dem Portrait gestanden und sich die Hasstiraden angehört, ehe sie eilig den Vorhang wieder zu zog. Während Walburga ihr noch aus dem Flur hinterher brüllte, war Geraldine schon in das Esszimmer geflohen, hatte die Tür hinter sich zu geknallt und gehofft, dass das übergeschnappte Gemälde sich früher oder später wieder beruhigen würde. Dumpf hallte das Gezeter der ehemaligen Black-Matriarchin durch die Flure des Hauses, so dass Geraldines Miene sich erhellte, als sie einen alten Plattenspieler auf dem Esszimmertisch entdeckte. Gut möglich, dass vor ihr auch schon jemand anders in diesem Haus Ärger mit Mrs. Black gehabt hatte und dass Musik der einzige Weg war, ihr Geschrei zu übertönen. Mit einer Bewegung ihres Zauberstabs ließ Geraldine eine der Platten, die in einem verstaubten Pappkarton lagerten, durch die Luft schweben. Als die Nadel des Plattenspielers aufsetzte, atmete sie tief durch und bewegte sich rhythmisch zur Musik längst vergangener Zeiten.
    Vor einer Woche hatte Richard sie in Greater Lovett House besucht und ihr alles erzählt. Wie fehlende Puzzelteile hatte das, was er berichtete, immer mehr Sinn ergeben. Die Aktion vom Merlin-Festival, die Entführung von Elias Cooper, das Schicksal von Jessica McWhite und Richard Barker, das alles hing tatsächlich irgendwie zusammen, wie Geraldine es geglaubt hatte. Vor einem Jahr hatte sie noch an der Oberfläche gekratzt, jetzt hatte die Aurorin zumindest eine ungefähre Vorstellung davon, was in der magischen Welt wirklich hinter den Kulissen vor sich ging. Wenn sie ehrlich war, dann wünschte Geraldine sich manchmal, dass sie nicht so verdammt neugierig gewesen wäre. Denn es waren eine Menge Dinge ans Licht gekommen, die vielleicht besser geheim geblieben wären. Zu gut erinnerte sie sich an Nicolas wutverzerrte Fratze, als sie ihn im Hortensiengarten von Greater Lovett House mit den Dingen konfrontiert hatte, die sie von Agatha Adler wusste. Sie hatte sich definitiv in Gefilde vorgewagt, in denen sie nichts zu suchen hatte. Und ein Teil von ihr vermisste die einfacheren Zeiten, in denen sie sich hinter ihrer Ignoranz versteckt hatte. Die vielen Jahre, in denen sie Emrys und den Todessern einfach vertrauen konnte, dass sie schon das richtige tun würden. Auf den sonnendurchfluteten Gartenpartys ihrer Familie und inmitten der festlichen Bälle ihrer reinblütigen Freunde, war es leicht zu vergessen, dass der Luxus in dem sie schwelgten, von weniger gutgestellten Zauberern bezahlt werden musste. Manchmal plagte Geraldine ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht schon vor vielen Jahren mehr Fragen gestellt hatte. Jessica McWhite war schließlich mit Sicherheit nicht die erste Hexe gewesen, die dem Machthunger der Todesser zum Opfer gefallen war. Geraldine hatte währenddessen kein Festbankett ausgelassen.
    Wegen ihrer Scham hatte Geraldine sich bisher kaum getraut, allzu viel Kontakt mit den anderen Ordensmitgliedern aufzunehmen. Was mussten sie von ihr denken? Die Reinblüterin war nicht so vermessen zu glauben, dass sie einfach so mit offenen Armen empfangen werden würde. Schließlich war sie selbst Teil jener reinblütigen Obrigkeit, die einige am Grimmauldplatz für die engsten Verbündeten des dunklen Lords hielten. Womit sie Recht hatten. So kam es, dass Geraldine die letzten Tage nur zwei mal am Grimmauldplatz aufgetaucht war, zuerst mit Richard, als er sie den anderen vorgestellt hatte. Die Aurorin war so aufgeregt und nervös gewesen, dass sie sich kaum einen Namen hatte merken können. Sie hatte versucht, natürlich und nahbar zu wirken und dabei viel zu laut gelacht und nervös an ihrem Armreif herumgespielt wie eine Erstklässlerin. Zwischen all diesen jungen Menschen wirkte sie furchtbar alt, aus einer anderen Welt und Zeit gefallen. Sie war befremdet davon, wie viele hier Muggelkleidung trugen und dass es keinen Hauselfen zu geben schien, der den Grimmauldplatz aufräumte.
    Ihr zweiter Besuch war einige Tage später gewesen. Geraldine hatte das Gefühl gehabt, dass sie etwas für das Allgemeinwohl beisteuern sollte. Schließlich war sie vermutlich das mit Abstand reichste Mitglied des Ordens. Bei ihrem ersten Treffen hatte sie aufgeschnappt, dass irgendwer darüber nachdachte, einen Hund zum Grimmauldplatz mitzubringen, weshalb sie in der Winkelgasse voller Eifer eine leuchtend rote Hundeleine gekauft hatte. Als sie im Ordensquartier angekommen war, hatte sie nur ein paar Stimmen von oben gehört, aber sich nicht getraut, das Gespräch dort zu unterbrechen. So richtig konnte sie die Geheimnistuerei, die sie noch von Levin und Georgina kannte, noch nicht abschütteln. Geraldine konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass die Leute hier ihr noch nicht so richtig vertrauten und sie wollte nicht wie eine Spionin rüberkommen, indem sie auf einmal in eine vielleicht vertrauliche Unterhaltung reinplatzte. Daher hatte sie einfach für eine Viertelstunde alleine in der Küche gesessen, die Hundeleine hin und hergeschoben, bis sie es nicht mehr aushielt und wie eine Verbrecherin disappariert war.
    Heute war ihr dritter Anlauf, mit jemandem ein möglichst normales Gespräch zu führen. Zumindest konnte die Aurorin sicher sein, dass jetzt jeder von ihrer Anwesenheit wusste, nachdem sie die Black-Familiengemälde so aufgescheucht hatte. Und die Hundeleine lag nicht mehr auf dem Esstisch. Vielleicht hatte sie schon jemand gefunden und zum Einsatz gebracht?

  • Das Gezeter war im ganzen Haus zu hören, wie immer, wenn Walburga Black meinte, sich Gehör verschaffen zu müssen. Eine Zeit lang war es deutlich ruhiger gewesen, in den Tagen, in denen hier nicht so viel losgewesen war. Vielleicht war es Brooke aber auch nur so vorgekommen, dass es seit ihrer Rückkehr sehr viel lauter zuging. Natürlich, auch bei den Aileanachs war es laut gewesen, doch das war eine andere Form. Aktiv, lebensbejahend, voller Freude war die Lautstärke der beiden Jüngsten gewesen und Brooke hatte sich davon anstecken lassen. Hatte diese Momente des unbeschwerten Lebens genossen, denn viel zu schnell würde einen die Realität wieder einholen, würden all die grausamen Dinge, die vor ihrem Aufbruch noch passiert waren, sie wieder einholen. Die Sache mit Bartholomew Peasegood, die Erinnerungen an den Cruciatus-Fluch, der Brooke getroffen hatte, die Nacht, in der der Wolfsbanntrank nicht geholfen hatte …
    Sie hatte noch keine Erklärung für all das, sie wusste nur, dass Peasegood ein Todesser gewesen war. Doch es war nicht nur Peasegood bei der Ministerin gewesen, es hätte nicht gepasst. Zu viele Ungereimtheiten existierten, zu viele Probleme, die sich nicht klären ließen und die dafür sorgten, dass die wenigen, unbeschwerten Wochen gleich wieder grau und düster wirkten und dafür sorgten, dass Brooke am Liebsten gegangen wäre. Weit weg, irgendwohin, wo sie mit all dem hier nichts zu tun haben würde. Doch sie wusste, dass das keine Option war, dass sie niemals vor der Verantwortung davonlaufen würde. Sie war vielleicht nur ein kleines Rädchen im Widerstand gegen den Dunklen Lord, doch auch ein kleines Rädchen konnte etwas bewirken – oder zumindest fiel es auf, wenn es weg war. Nein, sie würde diesen Kampf fortsetzen, würde dafür kämpfen, dass es Kinder wie die der Aileanachs und andere einmal besser haben würde. Und so blieb sie, auch wenn die Erinnerungen sie in manchen Momenten zu überwältigen versuchten und die zuvor so sicher wirkenden Mauern des Grimmauldplatzes nur noch düster und deprimierend waren. Ja, es war sogar so, dass sich Brooke Gesellschaft wünschte. Gesellschaft, die sie von diesen tristen Wänden ihres aktuellen Zuhauses ablenkte – und so war das Geschrei des black’schen Gemäldes eine willkommene Ablenkung, was Brooke dazu veranlasst hatte, den Weg nach unten zu finden – nur um dort jemanden vorzufinden, von dem sie zwar bereits gehört hatte, dass sie nun auch dabei war, der sie aber aufgrund des Umstandes, dass sie sich um die Aileanachs gekümmert hatte, bisher nicht begegnet war: Geraldine Lovett.
    Geraldine Lovett, die Frau, die Brooke versucht hatte zu verhören – nur um am Ende mit einer Wahrheit konfrontiert zu werden, die sie geschockt hatte. Nicht einmal, weil sie es nicht hatte glauben können, sondern weil es Elias‘ Warnung untermauert hatte. Die Frau, bei der Brooke erfahren hatte, dass Emrys sie angelogen hatte. Dass er mehr wusste, dass ihm die Fälle bekannt gewesen waren, die beim Merlin-Festival erwähnt worden waren. Die Frau, die Brookes letzte Klammerung an ein wenig Hoffnung darauf, dass der Leiter der magischen Strafverfolgung zu den Guten gehörte, zumindest ins Wanken gebracht hatte. Ein Wanken, das mit jedem Tag, der verging, mit jeder neuen Gesetzesänderung stärker wurde. Besonders jetzt, nachdem fünf – fünf – angeblich fälschlich verurteilte Todesser und Todesserinnen wieder freigelassen worden waren. Mitunter eine Person, die ebenfalls den Lovett-Nachnamen trug.
    Für einen Moment blieb Brooke in der Tür stehen, beobachtete die Aurorin, wartete, dass diese den Moment verarbeitet hatte. Ob sie bereits gewusst hatte, dass Brooke auch dazugehörte? Ob es sie verwunderte, verunsicherte? Das zitternde, so verwirrt wirkende junge Ding in ihrem Büro im Vergleich zu der jungen Frau, die nun ruhig, abwartend hier stand, Teil eines geheimen Ordens? Ob sie wusste oder annahm, dass Brooke sie damals bespitzelt hatte? Die junge Frau konnte es nicht sagen. Lange hatte sie der anderen nicht vertraut, hatte Sorge um ihre Freunde gehabt. Georgina, Levin, Elias … Doch Professor Emmerich hatte für Geraldine Lovett gebürgt. Der Mann, der dafür sorgte, dass sogar Brooke inzwischen in der Lage war, sich notdürftig verteidigen und vielleicht sogar angreifen zu können. Auch wenn sie ihn ebenfalls nicht sonderlich gut kannte, so vertraute sie ihm – und wenn sie anfingen, sich gegenseitig nicht zu vertrauen, dann war ihre gesamte Mission zum Scheitern verurteilt.
    Ein feines Lächeln bildete sich auf den Lippen der jungen Hexe, ehe sie leicht nickte und in Richtung Ofen ging, auf dem noch ein wenig lauwarmer Tee im Kessel war. Sie schenkte sich etwas ein, ehe sie zum Tisch ging, sich dort niederließ und Geraldine Lovett anblickte. „Ich habe Sie lange für eine Spitzel der Todesser gehalten.“ Keine Verurteilug, keine Anklage. Eine einfache Feststellung.

  • Als sie das Knarzen der alten Holztreppe hörte, fror Geraldine für einen Moment ein. Ein Teil von ihr hatte gehofft, dass heute niemand da sein würde und dass sie vielleicht wieder in ein paar Minuten unbemerkt gehen konnte. So würde ihr der peinliche Moment noch eine Weile erspart bleiben, in dem sie unweigerlich jemand nach ihren eigenen Verstrickungungen mit den Todessern fragte. Die Entlassung ihrer Tante aus Askaban kam zu einem... Schwierigen Moment. Jahrelang hatte Geraldine gebetet, dass Rosemary endlich freikommen würde, doch jetzt wo die alte Dame in Greater Lovett House untergekommen war, musste die Aurorin plötzlich wie auf Eierschalen umherschleichen. Niemand wusste, ob Rosemary damals unter dem Imperius-Fluch gestanden hatte, oder ob sie eine bereitwillige Helferin ihres brutalen Ehemanns gewesen war. Geraldine hatte es niemals glauben wollen, aber tief im Herzen wusste sie, dass hinter der Fassade der zerbrechlichen, alten Dame etwas anderes schlummern könnte. Sie hatte es bisher nicht gewagt, Rosemary nach der Wahrheit zu fragen. Aber egal was sie sagen würde, ihre Tante durfte auf keinen Fall von der Existenz des Ordens erfahren. Zu groß war die Gefahr, dass sie sich verplapperte, egal ob mit oder ohne Absicht.
    So natürlich wie sie konnte, lächelte Geraldine, als Brooke die Küche betrat. Von allen Mitgliedern des Ordens war die Assistentin von Emrys eine derjenigen, denen sie diesen Akt des Widerstands am wenigsten zugetraut hätte. Bei Richard war es keine Überraschung gewesen, in Levins Augen hatte sie bereits das Feuer der Revolution brennen sehen und selbst bei der unscheinbaren Georgina White war ihr nach einer Weile eine besondere Standhaftigkeit aufgefallen. Doch Brooke Hutton? Geraldine hatte sie bisher für eine Marionette von Emrys gehalten, liebenswürdig, aber ahnungslos. Umso mehr war es eine Erleichterung, dass seine unauffällige Assistentin auf ihrer Seite stand. So sehr sie Emrys noch um der alten Zeiten willen liebte, es war sicher nicht schlecht, wenn ihn jemand von ganz nahe im Blick behielt. Wenn die Todesser im Ministerium etwas versuchten, würde ihr alter Schwarm eine Schlüsselrolle einnehmen. Seinen großen Auftritt würde Trevelyan sich mit Sicherheit nicht nehmen lassen, dafür kannte Geraldine ihn einfach zu gut.
    Aufmerksam folgte der Blick der Aurorin den Bewegungen von Brooke, die sich seelenruhig einen Tee einschenkte, während im Hintergrund noch immer der Plattenspieler seine Melodie durch den Raum spülte. Geraldine verzichtete darauf, mit einer geistreichen Begrüßung das erste Wort zu ergreifen. Hier am Grimmauldplatz fühlte sie sich noch immer wie eine Fremde, daher wollte sie zunächst sehen, wie die andere das Gespräch anfangen wollte. Sie hatte vieles erwartet, aber nicht das, wofür sich Brooke letzten Endes entschied. Geraldine eine Spionin der Todesser? Sie schnaubte kurz amüsiert und kratzte sich am Kopf. Das war näher an der Wahrheit dran, als sie zugeben wollte. Es war noch nicht so lange her, dass die Hexe tatsächlich darüber nachgedacht hatte, den Todessern alles zu erzählen, was sie über den Orden herausgefunden hatte. Es wäre typisch Geraldine, sie hätte sich als geniale Geheimagentin feiern lassen können und den Orden wahrscheinlich schon dem Untergang geweiht, ehe er wirklich aktiv werden konnte. Es war für sie der süßeste Genuss, absichtlich mit ein paar beiläufigen Worten riesige Wellen zu schlagen, um dann so zu tun, als wäre das ganze keine große Sache. Den Orden mühelos und mit einem frisch geschminkten Lächeln zu zerstören, während die wichtigtuerischen Todesser keine Ahnung von dieser Bedrohung gehabt hatten: Es wäre der ultimative Coup gewesen. Doch sie hatte es nicht getan. Die Hexe hatte es nicht übers Herz gebracht, nachdem sie so viele Mitglieder des Ordens persönlich kennen gelernt hatte. Levin, der ihr letztes Jahr ohne Fragen zu stellen mit dem Bericht über Jessica McWhite geholfen hatte. Georgina, die so nervös, aber tapfer am Hafen auf sie gewartet hatte. Und natürlich Elias Cooper, der bereits durch die Hölle gegangen war, sich jedoch nicht kleinkriegen ließ. Sie hatte nicht den einfachen Weg wählen können und jetzt saß sie hier.
    "Da sind Sie hier bestimmt nicht die einzige", antworte Geraldine schmunzelnd und lud Brooke mit einer Handbewegung ein, ebenfalls am Küchentisch Platz zu nehmen. "Ich glaube, ihr Freund Levin hat bei jedem unserer Treffen gedacht, dass ich du-weißt-schon-wen in meiner Handtasche versteckt hab." Zum ersten mal schallte das echte, helle Lachen der Aurorin durch das alte Haus der Blacks. Dann wurde ihre Miene einen Hauch ernster. "Sie glauben nicht, wie erleichtert ich bin, dass diese ganze Geheimnistuerei jetzt vorbei ist. Zumindest ein Teil davon." Für einige Sekunden verstummte Geraldine, dann setzte sie erneut an: "Fast alle meine Freunde sind Reinblüter, wissen Sie? Denen kann ich nichts hiervon erzählen." Ihr Blick schweifte ab. Bei vielen ihrer Bekannten wäre sie nicht überrascht, wenn sie Schergen des dunklen Lords waren. Diejenigen, die ihr am nächsten waren, waren gleichzeitig auch immer weiter von ihr entfernt. Geraldine wedelte mit den Händen, so als könnte sie ihre Sorgen auf diese Weise vertreiben. "Aber wie steht es um Sie, meine Liebe? Ich hatte Sie nach unserem Gespräch vor ein paar Monaten auch nicht gerade als Guerillakämpferin eingeschätzt, aber hier sitzen wir." Abermals lachte sie. "Wer hätte es gedacht."

  • Neugierde lag in Brookes Augen, während sie die Hexe beobachtete, sich ihren Geruch einprägte. Wie die andere vor Amüsement schnaubte, dann in eine Verlegenheitsgeste ausbrach. Zumindest war es das, was Brooke interpretierte, denn solche Gesten kannte sie von sich selbst nur zu gut. Immerhin schien es ein guter Start zu sein, denn diese Information, die direkte, offene Aussage hätte auch zu anderen Reaktionen führen können. Nicht, dass das in Brookes Interesse gelegen hätte, nein, sie hatte kein Bedürfnis, andere Menschen zu verletzen oder zu vergraulen. Brooke war überzeugt davon, dass sie jemand so fähigen wie Geraldine in ihren Reihen gebrauchen konnten. Doch es würde nichts bringen, die ganze Zeit umeinander herumzuschleichen, weshalb die junge Hexe sich für den Schritt entschieden hatte, der sonst nicht so ihrem Wesen entsprach. Nicht, weil es unter Umständen ein unangenehmes Gespräch werden konnte, sondern weil es generell ein Gespräch werden würde. Zumindest würden sie dies führen müssen, denn auch wenn Brooke Geraldine vertraute, vertrauen würde, so hatte sie gewisse Aussagen der Hexe nicht vergessen. Und es war besser, reinen Tisch zu machen als das Gesagte ungesagt zwischen ihnen stehen zu lassen – und vielleicht war da auch ein Funken der Rebellion in der jungen Frau, der Funke, der durch den Orden noch verstärkt worden war. Nicht blinder, wilder Aktionismus, sondern der Wunsch, gegen das Unrecht in der Welt einzustehen.
    Doch noch waren sie nicht an diesem Punkt, noch drehte sich das Gespräch nicht um diesen Part, nein. Sie waren auf einer anderen Ebene, einer guten, ruhigen, offenen und so nahm Brooke gerne Platz, leicht nickend. „Die Möglichkeit war sicher nicht auszuschließen“, kam es ein wenig hölzern, aber mit dem Versuch, diese Stimmung einzufangen, über Brookes Lippen, auch wenn das helle Lachen die Hexe leicht zusammenzucken ließ. Brooke war noch immer leicht aufzuschrecken, besonders nach dem Zwischenfall mit Bartholomew Peasegood. Doch schon im nächsten Moment war sie wieder konzentriert, auch wenn die Emotionen ein wenig verworren waren. Brooke konnte verstehen, dass es schwierig war, nicht mit Freunden darüber zu sprechen. Sie konnte es nur zu gut, denn schließlich war der Orden nicht das einzige Geheimnis, das sie vor anderen verbergen musste. Doch dass Geraldines Freunde vorrangig Reinblüter waren, war nicht das eigentliche Problem der Sache. Der Orden war nicht gegen Reinblüter, war nicht dafür, diese auszurotten oder sich Untertan zu machen. Nein, Reinblüter waren hier genauso Willkommen wie andere, da gab es keinerlei Probleme. Das Einzige, was für Geraldine wohl eher ein Thema sein konnte, war die Einstellung ihrer sogenannten Freunde. Etwas, das Brooke wiederum nicht wirklich verstehen konnte. Wenn man für eine Sache einstand, sich bewusst dagegenstellte, wie konnte man dann mit jemandem, der andere Ansichten hatte, befreundet sein? Es ging hier nicht um einen musikalischen Geschmack, sondern um die Würde der Muggel und Zauberer und Hexen. Und so war das Mitgefühl, welches Brooke für die andere empfand, nur gering. Vorhanden, natürlich, denn alles musste differenziert betrachtet werden. Und doch … Sie hatte Geraldines Worte eben nicht vergessen.
    Ich glaube, das betrifft nicht nur Reinblüter“, kam es trotzdem noch immer lächelnd über die Lippen der jungen Frau, denn es war wohl wahr: Niemand durfte vom Orden erfahren, wenn es sich denn vermeiden ließ. Die Personen, die es bereits wussten, schwebten schließlich auch in Gefahr. An mancher Stelle vielleicht sogar noch einmal mehr als sie alle, denn zumindest dem Anschein nach schienen die Ordensmitglieder ihre Rolle halbwegs gut zu spielen, wenn man einmal von der grauenvollen Entführung Elias‘ absah. „Ich hatte nicht erwartet, eine so gute Schauspielerin zu sein“, kam es beinahe sogar mit einem Hauch von Amüsement über Brookes Lippen. „Die Nervosität hat sicherlich dabei geholfen, diesen Eindruck zu hinterlassen.“ Ja, das naive, unschuldige Dummchen, das die Welt nicht so erleben, das beschützt werden wollte. Es war ein Bild gewesen, in dem sie sich nie hatte sehen wollen. In dem sie sich nie gesehen hatte. Aber dem Anschein nach passte diese Rolle auf sie – und wenn sie weiterhin im Ministerium arbeiten würde, dann würde sie wohl mit diesem Eindruck weiterhin hausieren gehen müssen. Außer bei Emrys. Er würde sie sofort durchschauen, hatte es schon viel zu früh getan, hatte mehr gewusst über sie als beinahe alle anderen. Kannte sie vielleicht sogar besser als manch anderer, auch wenn er diesen Part von ihr nicht kannte. Es ihr vielleicht nicht einmal zutrauen würde. Und hatte Brooke eigentlich vorgehabt, etwas anderes zu sagen, hatte sie doch eigentlich ein viel wichtigeres Thema auf den Tisch bringen wollen, so mahlten nun ihre Kieferknochen, griffen die Finger ein wenig zu fest um die Tasse. Der Vollmond war nur noch eine Woche entfernt, weshalb ihre Reizbarkeit schon jetzt leicht erhöht war, was sich in den kommenden Tagen noch stärker entwickeln würde. Doch noch war sie ruhig, war nur die innere Unruhe vor einer Frage, die sie sich eigentlich schon längst selbst beantwortet hatte, die sie jedoch nicht in ihrer finalen Form wahrnehmen wollte. Und so holte sie tief Luft, die für sie persönliche, egoistische Frage stellend anstelle dessen, was sie eigentlich hatte sagen wollen.
    Sie haben damals berichtet, dass Sie Ihre Berichte dem Ministerium vorgelegt haben.“ Eine Erinnerung an das Gespräch, das sie vielleicht jetzt, einige Monate später noch einmal anders bewerten würde. Doch Brooke hatte diese Worte nie vergessen – und so konnte sie nicht anders als weiterzusprechen. „Emrys“ – der Name kam viel zu leicht über ihre Lippen, auch wenn dieses nagende Gefühl, dieses innere Flattern, inzwischen so gut wie versiegt war, nur noch ein Hauch der Gefühle, die sie ihm in vielleicht falscher Voraussetzung einmal entgegengebracht hatte – „hat behauptet, er hätte noch nie von diesen Informationen gehört.“ Eine Feststellung, denn dass Geraldine Lovett hier saß, machte wohl deutlich klar, wem man bei dieser Aussage mehr Glauben schenken konnte. Und Brooke wollte nicht fragen, wollte nicht, dass dieses zarte Band an Hoffnung, nicht der falschen Person vertraut zu haben, letztlich wirklich brach. Doch Elias hatte sie gewarnt und Brooke hatte ihm versprochen, nicht blind zu sein. Und auch sie wollte es nicht sein. Und so kam die Frage, vor der sich die junge Frau fürchtete, über ihre Lippen, während ihre Finger sich zu fest in die Tasse vor ihr krallten. „Kann man ihm vertrauen?

  • Es war eine unerwartete Erleichterung, dass Brooke so direkt zu Geraldine war. Die Hexe war es gewohnt, immer zwischen den Zeilen lesen zu müssen, weil niemand mehr wirklich das sagte, was er meinte. Stattdessen lebten sie in einer Zeit, in der sich alle gegenseitig misstrauten. Dass es beim Orden anders lief, hatte die Aurorin schon direkt zu Beginn bemerkt, als sie ungewohnt herzlich begrüßt worden war.

    "Ja, natürlich", bemerkte Geraldine knapp auf Brookes Kommentar, dass nicht nur Reinblüter nichts von den Aktionen des Ordens erfahren durften. Auch für die anderen war es sicherlich nicht leicht, ihren Familien und Freunden vorzuenthalten, wie viel sie aufs Spiel setzten. Gerade diejenigen mit Muggelverwandtschaft mussten Schwierigkeiten haben, zu erklären, was für ein seltsamer kalter Krieg zwischen den britischen Magiern brodelte. Es waren verschiedene Welten in denen sie lebten. Und jemand, der nicht wusste, wie gefährlich Zauberei sein konnte, wusste vielleicht gar nicht, in welcher Gefahr er schwebte. Ein Grund mehr, die magische und nichtmagische Welt zu trennen. Die Macht der Magie war so groß, dass skrupellose Zauberer und Hexen sie früher oder später benutzen würden, um Muggel auszunutzen oder zu bestehlen. Es diente nicht nur dem Schutz der Magier, dass die Muggel nichts von ihrer Existenz wussten, das ganze funktionierte auch anders herum.

    "Es ist überraschend, zu was man fähig sein kann, wenn die Situation es erfordert. Ich habe wirklich keine Ahnung gehabt, als sie vor einigen Monaten in meinem Büro waren." Geraldine hatte Brooke unterschätzt, wie sicher schon viele vor ihr. Die treuen Augen, das rehhafte, scheue Gesicht und die sanfte, leise Stimme sorgten dafür, dass die junge Frau nicht wie eine Gefahr wirkte. Ganz im Gegenteil, sie flog unter dem Radar und wurde übersehen. "Aber es ist auch seltsam, sich als jemand oder etwas auszugeben, was man gar nicht ist. Wenn ich mit meinen Freundinnen spreche, tue ich immer noch so, als würde ich mir keine Sorgen wegen der Todesser machen, sondern es sogar gut finden, was sie tun." Ihr Ton war eindringlich geworden. Die Worte sprudelten plötzlich aus Geraldine heraus, obwohl sie gar nicht vorgehabt hatte, so offen zu sprechen: "Und es fühlt sich so normal an, noch über die alten Witze zu lachen, wissen Sie? Ich liebe es, eine Reinblüterin zu sein, mit allem was dazu gehört. Mit den Bällen und den Traditionen. Obwohl der Orden das Richtige tut, habe ich Angst dass rauskommt, wie ich wirklich denke. Ich will nicht meine Freunde und mein altes Leben verlieren. Nunja..." Sie konnte wohl kaum Verständnis für ihre Luxusprobleme erwarten, während andernorts Leute in Lebensgefahr schwebten. Daher schwieg die Ältere vorerst und lächelte traurig, während auch sie sich eine halbe Tasse des lauwarmen Tees einschenkte, den Brooke vom Ofen genommen hatte. Hagebutte.

    Geraldine ahnte, wohin die Reise gehen würde, als Brooke den Bericht über Jessica McWhite erwähnte, über den sie vor einigen Monaten in ihrem Büro gesprochen hatten. Schon damals hatte sie das Gefühl beschlichen, ein großes Fragezeichen im Kopf der jungen Frau aufgerissen zu haben. Dass sie die Nerven gehabt hatte, Emrys mit seinen Unwahrheiten zu konfrontieren, überraschte Geraldine jedoch. Sie hatte Brooke nicht als so forsch eingeschätzt - und ihr damit abermals zu wenig zugetraut. Abfällig lachte die Aurorin auf, als Brooke berichtete, wie Emrys abgestritten hatte, von irgendetwas zu wissen. "Pah." Gerne hätte sie mehr gesagt, doch beim bloßen Gedanken daran konnte sie schon einen stechenden Schmerz an ihrem Handgelenk spüren. An der Stelle, die Emrys vor Jahrzehnten ergriffen hatte, als sie den unbrechbaren Schwur leistete, niemandem von seinem Todesser-Geheimnis zu erzählen. Auch Hinweise darauf schienen den Schwur schon nervös zu machen. Geraldine war nicht scharf darauf herauszufinden was passierte, wenn sie den Bogen überspannte, daher fasste sie sich kurz. Einfühlsam lehnte sie sich nach vorne, ergriff Brookes Hand, mit der diese fest ihre Tasse umklammert hielt und antwortete: "Nein." Zu gerne hätte sie mehr gesagt, doch sie konnte nicht. Schon jetzt brannte ihr Arm, als hätte sie ihn in heißes Wasser getaucht. Geraldine blickte entschuldigend, denn sie konnte nicht mehr sagen, alles was sie tat ließ sich schon als Antwort lesen. Sie hoffte, dass Brooke verstand.

  • Aber es ist auch seltsam, sich als jemand oder etwas auszugeben, was man gar nicht ist. Brooke hätte gerne widersprochen. Hätte gerne gesagt, dass man auch in den Reinblutkreisen zu seinen Überzeugungen stehen sollte. Doch sie wusste genau, dass es heuchlerisch gewesen wäre. Ausgerechnet sie, die sich im letzten Jahr so darum bemüht hatte, irgendwie doch noch ins Ministerium zu passen. Nicht einmal, weil sie dort unglaublich gerne arbeitete. Obwohl ihr die Arbeit in der Abteilung für magische Strafverfolgung Spaß gemacht hatte, dieses Kombinieren von Ideen und Gedankengängen etwas war, das Brooke konnte. Obwohl es nicht einmal wirklich relevant für ihre Stelle gewesen war. Aber all das, all das Drumherum war letztlich doch nur dafür da, damit niemand herausfand, was sie wirklich war. Auch sie tat nach außen hin so, als würde sie die Machenschaften ihrer Abteilung für gut befinden, während es innerlich in ihr zu brodeln begonnen hatte. Während sie jeden Tag darüber nachdachte, dass diese Ungerechtigkeiten nicht weiter existieren konnten. Ja, es wäre nicht fair gewesen, über Geraldine Lovett zu urteilen. Diese Menschen waren sicher jahrelang ihre Bezugspersonen gewesen. Und dass es muggelfreundliche ReinblüterInnen schwer hatten, nun, dafür gab es leider aus der Vergangenheit genügend Beispiele. Und so würde sie Geraldine für dieses Denken nicht verachten, auch wenn ein feines Rümpfen über ihre Nase lief als die Hexe ihre Freunde erwähnte. Freunde, die eben vielleicht fanden, dass Muggel und Muggelstämmige nichts wert waren. Wie man mit jemandem, der solche Gedanken hatte, letztlich befreundet sein konnte, war Brooke nicht klar. Ab einer bestimmten Stelle war einfach ein Weg der Rückkehr ausgeschlossen. Nein, sie konnte nicht alles gutheißen, war vielleicht auch im letzten Jahr strikter geworden, was das anging. Sie hatte sich schon bei anderen Freunden gewundert, wie diese so etwas akzeptieren konnten, hatte auch bei Levin nicht verstehen können, warum er Mirjam verziehen hatte. Doch es war nicht an ihr, das Verhalten anderer zu be- und verurteilen. Geraldine würde mit sich selbst im Reinen sein müssen, das war das Einzige, was hier zählte. Sie musste sich wohl fühlen mit den Entscheidungen, die sie traf. Sowohl für den Orden als auch für ihr normales, privates Umfeld. „Ich kenne diese Welt nicht, weshalb ich sie nicht verurteilen möchte“, erklärte sie ruhig, die andere Hexe anblickend. „Allerdings wäre es für mich schwer, Menschen, die Mord und Zerstörung als gut und richtig ansehen, als meine Freunde zu betrachten.“ Geraldine war offen und ehrlich gewesen und Brooke würde dies mit derselben Offenheit belohnen. „Aber ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach ist.
    So wenig einfach wie das, was sie nun gleich erfahren würde. Es war nichts, was sie nicht schon befürchtet hatte. Nichts, was Brooke vollkommen überraschend traf. Entgegen Geraldines Gedankengängen hatte Brooke Emrys tatsächlich nicht konfrontiert, es war erst durch Geraldines Gespräch dazu gekommen, dass sie mehr erfahren hatte. Indirekt war es also die Aurorin gewesen, welche das Misstrauen noch weiter geschürt hatte. Nein, so forsch war sie nicht und würde es wohl auch nicht sein, obwohl sie mit jedem Mal im Ministerium mehr Druck und mehr Wut verspürte. Doch letztlich war das irrelevant, denn die Reaktion Geraldines, hier, jetzt, war eindeutig. Ein feines Zittern ging durch Brookes Körper und sie musste sich daran hindern, die Hände zurückzuziehen. Kann man ihm trauen? Nein. Die Aussage war klar, deutlich – und innerlich schien sich in der jungen Frau ein Knoten zu lösen. Die Lippen aufeinandergepresst, nickte sie, verharrte für einen Moment, den Blick auf die Tasse gerichtet. Nein. Emrys Trevelyan war nicht zu trauen. Eine Feststellung, die Brooke hatte kommen sehen und die hier, jetzt, trotzdem noch schmerzte. Ein Schmerz, eine Erkenntnis. Sie war in die Höhle des Löwen geraten, unwillentlich. Und irgendwann war sie nicht mehr rausgelaufen, hatte die Gefahr zwar nicht ignoriert, aber beschönigt. Nein, sie war wohl keinen Deut besser, es war naiv gewesen – und es würde der Moment kommen, in dem sie sich damit beschäftigen musste. In dem sie die Erkenntnis verarbeiten, um die Zeit, die sie ihm vertraut hatte, weinen würde. Doch nicht hier, nicht jetzt. Sie konnte nicht, konnte sich nicht die Blöße geben und auch wenn ihre Augen verräterisch schimmerten, würde sie nicht weiter darüber reden. Geraldine konnte nicht wissen, was das für Brooke bedeutete, sie würde es auch nicht so schnell wissen. Dass es nicht nur die arme, junge Frau war, die naiv ihren Vorgesetzten angehimmelt hatte. Nein, es war so viel mehr – und etwas, das indirekt auch die Hexe vor ihr betraf.
    Ein Schniefen, ein Strich über die Augen, bis sie sich beruhigt hatte, wieder aufblickte. Es gab noch einen wichtigen Punkt, einen, der sich zwar auch auf sie bezog, aber den sie nicht wegen sich selbst erwähnen wollte. Nein, sie lief unter dem Radar, war nicht bekannt für das, was sie mit sich trug. Es war der Grund, warum sie überhaupt erst in Emrys‘ Falle getappt war, doch das konnte Geraldine nicht wissen. Aber Brooke hatte nie ihre Worte vergessen. Und so verbannte sie den Schmerz, fokussierte sich auf das, was ihr schon immer einfach gefallen war: Sich für andere einsetzen. „Wie Sie sicher festgestellt haben, ist der Orden für alle offen.“ Vermutlich hatte Geraldine bereits von Berties Beteiligung gehört. Der Werwolf war schließlich nicht unbekannt, zumindest wenn man sich mit dem Forschungslabor ein wenig beschäftigt hatte. „Wir diskriminieren niemanden, nur weil er eine Krankheit hat.“ Ob es heuchlerisch war, dass Brooke nun darüber sprach, weil es indirekt auch sie selbst betraf? Sie konnte es nicht sagen. Doch es war ein letzter Punkt, der ihr wichtig war, bevor sie Geraldine wirklich ihr Vertrauen um des Ordens Willen aussprechen konnte. „So wie es grausame Reinblüter gibt, gibt es auch grausame Halbwesen. Das heißt aber nicht, dass alle so sind.“ Das Kinn ein wenig anhebend, konnte man wohl sehen, dass ihr dieses Thema am Herzen lag. Vielleicht lag sogar so etwas wie Herausforderung in den blauen Augen, während Brooke abschätzend zu Geraldine herübersah. Ja, sie hatte die Worte der Aurorin nicht vergessen. Hatte nicht vergessen, dass diese unregistrierte Werwölfe nach Askaban sperren wollte.

  • Bedächtig nickte Geraldine bei Brookes provokanten Worten. Auch sie hatte ihre Schwierigkeiten mit Mord und Zerstörung, weshalb sie hier saß und nicht den Todessern half. Doch die Aurorin hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie einigen ihrer Freunde vielleicht noch helfen konnte. Diejenigen, die es nicht besser wussten, vor Dummheiten bewahren könnte. Nicolas und Jonathan waren schließlich noch so jung, dass sie gar keine Ahnung hatten, worauf sie sich einließen. Ihr jugendlicher Leichtsinn hatte sie verleitet, den falschen Versprechungen von Voldemort zu folgen, aber waren sie wirklich genau so schuldig wie die älteren, skrupelloseren Todesser? Für Geraldine waren sie das nicht, und daher musste sie alles versuchen, um sie vor Unheil zu bewahren. Ebenso war in ihrem Herzen auch ein Funke des Mitgefühl für Agatha Adler übrig geblieben. Sie hatte Richard Barker ermordet, ja, aber in ihren Augen hatte die Aurorin echte Reue gesehen. Und den Willen, einen neuen Weg einzuschlagen. "Gut und Böse sind manchmal nicht so klar voneinander abzutrennen, wie man denkt. Aus einer Mörderin kann eine Heldin werden, die viele Leben rettet, das habe ich selbst schon erlebt." Sehr poetisch. "Aber manchmal ist ein Mörder auch einfach nur ein Mörder, da haben Sie schon Recht." Es machte keinen Sinn, so zu tun als wären die Todesser missverstandene Wesen. Und sie war es leid, die Verbrechen der Reinblüter zu relativieren. Geraldine tolerierte wahrscheinlich mehr als die meisten anderen Ordensmitglieder, aber Emrys und seine dunkle Brut hatten den Bogen schon lange überspannt. "Ich will nur einfach niemanden abschreiben, der sich noch ändern kann. Das können Sie bestimmt verstehen." Sie strich sich unbewusst eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte.

    Kurz konnte Geraldine förmlich fühlen, wie Brooke vibrierte, als sie auf Emrys zu sprechen kamen. Was immer die junge Frau mit ihm zu tun hatte, es musste mehr sein als nur eine gewöhnliche Arbeitsbeziehung. Vielleicht hatten sie eine Affäre gehabt? Sie sah Brooke prüfend an. Oder war Emrys ihr "Mentor" gewesen, wie er es auch bei Jonathan war? Sie wusste, wie überzeugend er sein konnte, wie er andere in seine Fänge lockte. Emrys tiefe Stimme und der walisische Akzent sorgten dafür, dass man sich aufgehoben fühlte und seine Sorgen schnell vergas. Sie selbst hatte sich seinem Charme nie ganz entziehen können. Doch sie wusste, dass Emrys kein Problem damit hatte, jemanden fallen zu lassen, wenn er keinen Nutzen mehr in jemandem sah. Eliana hatte es anklingeln lassen. Ihre Hochzeit hatte mit Sicherheit nicht aus Liebe stattgefunden, sondern weil Emrys einen Erben haben wollte. Gerne hätte Geraldine nachgefragt, Brooke ihren Rat angeboten, doch ehe sie dazu kamen, schnitten sie auch schon das nächste Thema an.

    Werwölfe. Es war kein Geheimnis, dass die meisten Reinblüter - Geraldine eingeschlossen - diese Wesen für eine Bedrohung hielten. Der Orden war jedoch von Menschen geschmiedet worden, die in der Anwesenheit von Werwölfen eine Bereicherung sahen, keine Belastung. Und damit musste sie leben. "Ich habe schon von Mister Kirby gehört", antwortete Geraldine etwas kurz angebunden. "Und ich habe nichts gegen ihn, solange er nicht an Vollmond mit mir spazieren gehen will." Sie lachte schrill, so wie sie es immer tat, wenn ein Witz ihre Nervosität überspielen sollte. "Ich bin keine Werwolfhasserin oder sowas", rechtfertigte die Hexe sich. Zumindest sah sie sich selbst nicht so. Froh darüber, dass die meisten Werwölfe vom Ministerium kontrolliert wurden, war sie allerdings trotzdem. Aber Cuthbert Kirby und seinesgleichen waren mit Sicherheit nicht das größte Problem, das die Zaubererwelt derzeit hatte. Es gab viel größere Gefahren, um die es sich zu kümmern galt und wenn auch Werwölfe dabei auf ihrer Seite waren, dann wär es vermessen, diese Hilfe nicht anzunehmen. Sie wollte sich öffnen, toleranter werden und die Hand ausstrecken, auch wenn es nicht immer leicht war. Schritt für Schritt. Selbst für Werwölfe und andere Halblinge.

    "Darf ich dich etwas fragen?" Geraldine war beiläufig zum Du übergegangen. Wenn sie zusammen Lord Voldemort aufhalten wollten, dann steckten sie so sehr unter einer Decke, dass man auf die Formalitäten verzichten konnte. "Wie war es, als du und Levin Elias gerettet habt? Die Todesser, die euch begegnet sind - Hattest du das Gefühl, dass sie auch Angst hatten? Oder waren die total abgebrüht? Entschuldige, dass ich so direkt frage, aber ich muss seit Monaten darüber nachdenken, wie es sich in dem Moment angefühlt haben muss." Sie wusste ganz genau, wer damals dabei gewesen war. Doch Geraldine wollte wissen, wie Nicolas, Agatha, Alicia und der mysteriöse vierte Todesser sich verhalten hatten. Ob die Geschichte, die sie sich einredete, darüber dass Nicolas noch fast ein Kind war, stimmte. Ob Agatha wirklich so sehr gezögert hatte, wie sie ihr weismachen wollte.

  • Es waren schöne Worte, die Geraldine hervorbrachte. Worte, die sicher auch wahr waren. Nein, gut und böse war nicht immer klar voneinander zu unterscheiden, manchmal gingen sie ineinander über. Und die Welt war nicht schwarz-weiß, auch wenn es sich manches Mal so anfühlte. Es war eine Diskussion, die Brooke auch schon mit Levin gehabt hatte, wegen Personen in seinem Leben. Und ja, Menschen konnten Reue zeigen, konnten sich ändern. Sie würde gewiss niemals so etwas in Frage stellen. Aber das hieß noch lange nicht, dass sie sich mit Menschen abgeben wollte, die so dachten. Die wie Geraldines Freunde waren. Es war nicht ihre Welt, war ihr fremd, dass man so denken konnte. Sie wünschte jenen auch nicht den Tod an den Hals, nicht einmal den Todesser*innen. Wie konnte man also ein Kollektiv an Menschen verabscheuen, die man nicht einmal kannte, die einem nichts getan hatten? Ja, vielleicht gab es die Chance, dass sich manch einer von ihnen änderte. Vielleicht würde Geraldine sogar etwas bewirken können, das wollte Brooke nicht einmal abstreiten. Hätte jemand vor ihr gestanden und ihr glaubhaft erzählt, dass es ihm so ginge – Brooke hätte nicht gezögert, zu helfen. Mit genügend Skepsis, aber sie würde es tun. Sie würde sich nicht von Taten einzelner, von Menschen wie Emrys Trevelyan, die ihr Vertrauen missbraucht hatten, vorschreiben lassen, keine Empathie mehr zu empfinden. Aber auf Reinblüterbälle zu gehen, die Traditionen zu formen und sich Witze zu erzählen, die mehr als unpassend waren? Nein, zu so etwas hätte sie sich nicht hinreißen lassen. Glaubte sie, auch wenn sie es natürlich nicht beurteilen konnte. Sie war nicht in der Position und so würde sie Geraldine Lovett dafür auch nicht verurteilen. Sie alle sehnten sich doch ein Stück weit zurück nach der Normalität, nach dem, was in ihrem Leben in keiner Weise mehr herrschte.
    Und so änderten sich die Themen des Gesprächs, wanderten weiter, als würden sie einige der schwierigen Parts überspringen. Nein, Brooke hatte wirklich keine Lust über ihre Verbindung zu Emrys zu sprechen und gewiss nicht mit jemandem, der ihm zumindest im Ministerium nahestand. Was die Verbindung zwischen Geraldine und Emrys war, konnte die junge Frau nicht sagen, aber es war auch nicht wichtig. Sie lenkte das Thema lieber dorthin, wo es relevant war, denn es ging um Geraldines Leben im Orden. Darum, dass sie ihre Ängste entweder besiegen oder zumindest zur Seite schieben musste. Es war okay, Angst zu haben. Wirklich. Aber nicht, wenn man sich gegenseitig vertrauen musste. „Wenn Sie bei Vollmond mit ihm spazieren gehen würden, wären Sie so sicher wie sonst nie an Vollmond“, kam es über Brookes Lippen, eine feine Falte zwischen ihren Augenbrauen. Geraldine hätte ihr vorhalten können, dass sie das für sich selbst tat, hätte sie von Brookes Krankheit gewusst. Doch das tat sie nicht. Und so war das, was die junge Hexe machte, auch nicht für sich. Sie würde nicht unter der Einstellung der anderen leiden. Es waren Menschen wie Bertie, aber auch andere Werwölfe, die in der Öffentlichkeit standen. Soweit sie wusste, gab es sogar noch einen weiteren Werwolf, auch wenn Brooke diesem bisher noch nicht begegnet war. Sie trat für ihre Rechte ein – damit andere diese auch bekamen. Und es gab kein Ich habe nichts gegen ihn, solange… Es gab nur ein Ich habe nichts gegen ihn. Doch das war eine Einstellung, die sie nicht erzwingen konnte und auch nicht wollte. Geraldine würde es von selbst lernen müssen – und dann vielleicht weitergeben können.
    Die Änderung der Anrede störte Brooke nicht. Es war okay, es war passender, denn ja, sie mussten sich vertrauen. Formalitäten schafften Barrieren – und so war es in Ordnung. Was Brooke jedoch verwunderte, war die Frage nach den Todesser*innen. Dass Geraldine wegen Elias‘ Rettung fragte: Das war irgendwie logisch, es kam des Öfteren vor, auch wenn Brooke so wenig wie möglich darüber sprach. Sie war ein Teil davon gewesen, doch es stand ihr nicht zu, über das, was dort geschehen war, zu reden. Es waren Elias‘ Erinnerungen. Doch diese Frage ging in eine andere Richtung. Ob die Todesser*innen Angst gehabt hatten? Die Menschen, die Elias gefoltert hatten? Und was genau wollte sie wissen? Wie es sich für Elias, Levin, Jonas und die anderen angefühlt hatte? Oder wie es für die Todesser*innen gewesen war? Erneut bildete sich die Falte zwischen Brookes Augenbrauen, mahlte sie mit den Kiefern, sich darauf berufend, dass sie nicht voreilig urteilen sollte. Es war eine seltsame Frage, doch vielleicht lagen die Gedanken um ihre Bekannten aus der reinblütigen Gesellschaft dahinter? Der Gedanke, dass sie vielleicht dazu gezwungen worden waren, Elias zu foltern? Ein Gedanke, dem Brooke nicht nachgehen wollte, denn zu deutlich hatte sie noch das Bild vor Augen, wie er im Monkshood gelegen hatte. Wie sein Körper ausgesehen hatte. Die Narben, die nie verschwinden würden. Die Angst, die sie alle empfunden hatten. Nein, Brooke wusste nicht, ob sie jemals jemandem für das, was sie Elias angetan hatten, verzeihen konnte. Sie konnte es sich nicht vorstellen, denn da war nur Wut, dieses Gefühl, das sie schon die letzten Wochen so oft begleitet hatte. Und es kostete sie Überwindung, ruhig sitzen zu bleiben und der älteren Hexe nicht an den Kopf zu werfen, dass es sie einen Dreck interessierte, was die Todesser*innen empfunden hatten.
    Einatmen. Ausatmen. Der Ärger mochte zwar in Brookes Gesicht stehen, denn es war lesbar wie ein offenes Buch, doch trotzdem war ihre Stimme gefasst, ruhig, war nur ein feines Zittern hörbar. „Ich kann nicht sagen, ob jemand von ihnen Angst hatte.“ Eine Hand unter den Tisch nehmend, sie zur Faust ballend, um irgendwo ihre Wut zu kanalisieren. Vielleicht suchte Geraldine einfach nur nach Antworten, sie konnte sie deshalb nicht verurteilen. Doch alles an diesem Gesprächsteil war der jungen Werwölfin mehr als Zuwider. „Nicht jede*r von Ihnen hat Todesflüche oder ähnliches benutzt.“ Levin und sie hatte man vorrangig daran hindern wollen, ins Haus zu gelangen. Ob es Taktik gewesen war oder damit zu tun hatte, dass jemand vielleicht nicht so abgebrüht gewesen war, hätte sie nicht sagen können. Sie hatte auch nicht darauf geachtet, es hatte wichtigeres gegeben. „Es wurde der Cruciatus-Fluch benutzt und man hat versucht, Elias mit Fiendfyre zu verbrennen. Mir scheint, dass das zumindest ziemlich abgebrüht war.“ Eine Kälte hatte sich in die Stimme der jungen Frau geschlichen, etwas, das sie von sich selbst so nicht kannte. Doch es fühlte sich so unglaublich schwer an, die eigenen Emotionen in den Griff zu kriegen. Mit jeder Woche schien es schwieriger zu werden. Und so war der Blick, den sie Geraldine nun entgegenbrachte, nicht mehr wirklich mit dem ruhigen Gemüt der jungen Frau in Einklang zu bringen.

  • Es war Brooke anzusehen, dass sie an Geraldines Prioritäten zweifelte. Vielleicht hätte die Aurorin sofort erklären sollen, weshalb sie wissen wollte, wie die Todesser bei Elias' Rettung rübergekommen waren. Es war kein Mitleid - höchstens ein Hauch - sondern das Verlangen danach zu wissen, ob die Geschichten der Todesser stimmten oder nicht. Ob Agatha Adler wirklich so zögerlich gehandelt hatte, wie sie ihr weismachen wollte. Und ob Nicolas tatsächlich nur ein Bauer im Schachspiel des dunklen Lords war, oder ob er eben doch mehr Gefallen daran fand andere zu quälen, als er ihr im Hortensiengarten gestanden hatte. Geraldine wollte ihm glauben, ihrem lieben, scheuen Patenkind, und sie wollte Agatha Adler glauben, dieser armen, gebrochenen Frau, die alles versuchte, um ihre Kinder zu beschützen. Doch sie durfte sich nicht blenden lassen. Nicolas und Agatha repräsentierten die Welt, die sie schon so lange kannte und liebte. Ihre Familie, den schützenden Reichtum der Reinblüter und die Vergangenheit, die sie immer mehr vermisste, desto weiter sie zurücklag. Sie klammerte sich an die Hoffnung, dass die Todesser die sie kannte schon nicht so schlimm sein würden und verschloss dabei bereitwillig die Augen vor der offenkundigen Wahrheit.

    Elias hatte ihr vor einiger Zeit bereits von seiner Entführung berichtet, Brookes Erzählung fügte jedoch einige Details hinzu, die Geraldine noch nicht nicht gekannt hatte. Als sie mit Elias gesprochen hatte, war seine Stimme fest gewesen, doch er hatte vermieden, zu sehr an das zurückzudenken, was ihm passiert war. Sie hatte Fragen gestellt, aber die Aurorin hatte nicht dort nachgebohrt, wo es weh tat. Sie hatte nicht nach der Folter gefragt und von dem Dämonsfeuer hörte sie gerade zum ersten mal. Was immer an jenem Septembertag 2020 geschehen war, es musste ein blanker Alptraum gewesen sein. Und was immer Nicolas und Agatha ihr aufgetischt hatten, sie hatten nicht eingegriffen, als Elias' Leben auf der Kippe stand. Sie hatten zugesehen, vielleicht sogar selber nachgeholfen, einen wehrlosen Mann zu quälen und für immer zu zeichnen. Sie schämte sich für Nicolas.

    Für einige Sekunden schwieg Geraldine mit unglücklicher Miene. "Das klingt wirklich eiskalt. Es muss der absolute Horror gewesen sein." Sie selbst hatte noch nicht oft erlebt, wie ein unverzeihlicher Fluch eingesetzt wurde, geschweige denn Fiendfyre. In ihren Anfangszeiten als Aurorin, als noch die letzten Todesser auf der Flucht gewesen waren, war einer ihrer Kollegen von einem Cruciatus-Fluch getroffen worden. Er war ein bärtiger, großer Mann gewesen, mit wachen Augen und einem klugen Geist. Es war kaum ein Tag vergangen, an dem sie nicht in der Cafeteria gescherzt hatten und Geraldine hatte während ihrer gemeinsamen Ausbildung keinen Trainingspartner erlebt, der sie so oft aufs Kreuz gelegt hatte wie er. Intelligent, gelassen, kompetent. Er war der perfekte Auror gewesen, das hatte sie damals wirklich gedacht. Nachdem er von dem unverzeihlichen Fluch getroffen worden war, hatte sich etwas bei ihm geändert. Das Leuchten war von einem auf den nächsten Tag aus seinen Augen verschwunden, seine Bewegungen waren ihr schwerfälliger vorgekommen und in der Cafeteria hatte er nur noch alleine gegessen. Nach seiner Kündigung hatte Geraldine ihn nie wieder gesehen. Der Folterfluch war aus gutem Grund strengstens verboten.

    "Egal ob die Todesser Angst hatten oder nicht, was sie getan haben ist unverzeihlich." Die ältere Hexe stockte und hustete, weil sie sich an ihrem Tee verschluckte. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, redete sie weiter: "Da gibt es nichts schönzureden. Ich habe gefragt, weil ich herausfinden will, wer Elias das angetan hat. Ob es erfahrene Todesser waren, oder jemand, der selber kaum den Zauberstab gerade halte konnte vor Angst. Aber von dem her, was du erzählt hast, haben die nicht gezögert." Sie ließ unerwähnt, dass sie bereits die Identität von drei der vier dortigen Todesser enthüllt hatte. Geraldine hatte eine Vereinbarung mit Agatha getroffen, die ihnen in Zukunft noch viel mehr nützen würde, als wenn sie die Deutsche jetzt vorschnell auffliegen ließ. Und Nicolas konnte sie nicht verraten, trotz all seiner Lügen. Geraldine brachte es nicht übers Herz. Noch nicht. "Das macht mich krank."

  • Vielleicht hätte Brooke Verständnis gehabt. Für Geraldines Lage. Und dafür, was sie für diejenigen empfand, von denen sie wusste, dass sie auf der dunklen Seite standen. Vielleicht hätte sie ebenfalls Mitgefühl empfunden für jene, die in etwas hineingedrängt worden waren, dessen Ausmaß sie noch nicht einmal verstanden hatten. Oder für jene, die inzwischen bereuten. Hatte nicht eigentlich jeder eine zweite Chance verdient, wenn er einmal etwas Schlimmes getan hatte? Brooke war lange dieser Überzeugung gewesen, glaubte auch heute noch daran. Ja, vielleicht musste sie sogar zum Teil daran glauben, denn der leise Zweifel, dass sie in dieser einen Vollmondnacht vielleicht doch jemanden gebissen oder gar getötet hatte, nagte regelmäßig an ihr. Sie konnte ihn zurückschieben, konnte versuchen, nicht daran zu denken, aber letztlich war er doch da. Und ja, sie hoffte, auch sie würde eine zweite Chance verdient haben. Wie also konnte sie diese anderen absprechen? Doch wenn sie nur an die Verletzungen dachte, an das, was Elias hatte durchleben müssen. An Bertie, wie er im Monkshood gestanden hatte, die Nachwirkungen des Cruciatus-Fluchs spürend … Ein kalter Schauder lief über den Rücken der Hexe, während sie an die Begegnung mit Bartholomew Peasegood dachte. Ander Cruciatus, den sie dort gespürt hatte. Nein, die Vorstellung, was diese Menschen gemacht hatten, sorgte dafür, dass zumindest im Moment, wo sie nicht die Hintergründe kannte, kein Mitgefühl, sondern Wut empfand.
    Ein Nicken, nicht mehr, war die Reaktion auf Geraldines Worte, während Brooke ihre Hand noch immer unter dem Tisch zur Faust ballte, sich ermahnend, dass die Aurorin nichts dafürkonnte. Ein- und ausatmen, dann wurde es wieder besser, verschwand das nagende Gefühl in ihr langsam wieder. Ja, es war der blanke Horror gewesen. Vielleicht sogar für sie alle, die dort gewesen waren, doch so würde Brooke nicht denken. Nein, am Schlimmsten war es für jene gewesen, die gelitten hatten. Und sie hatten es letztlich rausgeschafft. Sie lebten noch, alle. Irgendwie. Dass es wohl mehr Glück als Verstand gewesen war, das brauchte wohl keiner von ihnen zu sagen. Die Todesser hätten sie alle umbringen können – und bis auf Jonas wäre vermutlich niemand von ihnen in der Lage gewesen, sich angemessen zu verteidigen. Etwas, das sich inzwischen geändert hatte, das sich mit jedem Besuch von Professor Emmerich änderte. Der Unterricht gemeinsam mit Elias half, gab der jungen Hexe das Gefühl, stärker und selbstsicherer zu werden. Es waren kleine Fortschritte, aber sie waren spürbar. Vielleicht war es auch dieses Gefühl, das ihre Wut anstachelte, der Gedanke, dass sie beim nächsten Mal nicht mehr so hilflos sein würde.
    Langsam löste sich die Faust unter dem Tisch und Brooke streckte ihre Hand nach vorne, in Richtung der älteren Hexe. Vermutlich war es unpassend, denn Geraldine arbeitete schon viel länger gegen die Schrecken in der Welt als Brooke. Aber trotzdem hatte sie das Gefühl, die andere trösten zu müssen, ihr zu zeigen, dass sie da waren. Auch wenn Geraldine noch Zeit brauchte, um sich an die Halbwesen zu gewöhnen: Sie war hier und sie war bereit, zu lernen. Das war das Wichtigste, das, was sie sich von all jenen, die den alten Traditionen anhingen, wünschen konnten. „Ich weiß nicht, ob wir es jemals herausfinden können.“ Wäre nur nicht das Feuer gewesen, das ihre feine Nase damals beschädigt hatte, der beißende Geruch. Vielleicht hätten sie dann schon mehr gewusst. „Aber mit jeder weiteren Person, die den Orden unterstützt, sind wir ein Stück weiter, um solche Vorfälle in Zukunft hoffentlich vermeiden zu können.“ Ein sanftes, ernst gemeintes Lächeln, ehe Brooke sich wieder zurückzog. Ja, sie würden es hoffentlich schaffen, irgendwann nicht mehr nur hinterherzurennen, sondern etwas bewirken zu können. Da glaubte sie fest dran. Hoffte darauf.

    Ende

  • //TW wegen körperlichem Zusammenbruch(?)

    22. Oktober 2021

    Luke Naydenov & wer noch dazu kommen möchte


    Atmen. Sie musste atmen. Wie eine Erstickende sog Geraldine die modrige Luft des Grimmauldplatz ein, als sie aus dem Kamin stolperte und gegen einen der Küchenstühle krachte. Ihr Schienbein schrie auf vor Schmerz, doch die Hexe bemerkte das Gefühl kaum. Ihre Lunge war wie zugezurrt, alles drehte sich und die Ränder ihres Sichtfeldes wurden schwarz. Nicht wieder dieser Schwindel. Fahrig klammerte die Aurorin sich am Küchentisch fest, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

    Eliana war tot. Rotz und Tränen liefen ihre Gesicht herab, während Geraldine noch immer mit der Realität kämpfte. Sie konnte es nicht glauben. Es durfte einfach nicht wahr sein. Ihre Hand verkrampfte sich und mit einem Mal rutschte ihr der Halt des Tisches weg. Laut knallte es, als die Aurorin auf den Boden fiel und dabei einen Teller mit sich hinunter riss. Wieso hatte Eliana sterben müssen? Geraldine richtete sich mühsam wieder auf, umgeben von Scherben und umgestürzten Möbeln. Ihr war schlecht. Die Hexe strich sich über die Stirn, die von kaltem Schweiß bedeckt war und spürte, wie ihr Mageninhalt nach außen drängte. Gerade noch rechtzeitig taumelte sie zur Spüle und erbrach sich. Mit zittrigen Händen drehte sie den rostigen Hahn auf und hielt ihr Gesicht unter das kalte Wasser. Langsam beruhigte sie sich, jetzt wo sie sich übergeben hatte, doch ihr ganzer Körper bebte noch immer.

    Vor wenigen Minuten hatte sie einen Brief von Emrys erhalten. Es war um Geraldines beste Freundin gegangen, seine Frau Eliana. Als Eliana vor einigen Tagen wie vom Erdboden verschluckt gewesen war, hatte sie erst geglaubt, dass die Heilerin endlich vor Emrys abgehauen war. Er war ein Todesser, sie beide wussten das. Letztes Jahr hatte Eliana ihr alles erzählt, von ihrer Schwangerschaft und dass sie nur bei Emrys geblieben war, um das Leben ihres Sohnes zu beschützen. Was erst wie ein akzeptables - wenn auch wenig romantisches - Arrangement ausgesehen hatte, war jedoch schnell zu einem Alptraum geworden. Eliana hatte Angst gehabt, Angst davor was Emrys tun würde, wenn sie nicht mehr die perfekte Ehefrau spielte. Geraldine hatte gespürt, dass etwas nicht in Ordnung war, aber sie war der Sache nicht nachgegangen, weil ihr andere Dinge wichtiger erschienen waren. Der Orden, ihre Sorge um Jonathan und Nicolas, das ganze Theater um Agatha Adler und ihre Tante Rosemary. Und natürlich die Beförderung in der Aurorenzentrale die sie unbedingt wollte. Ihr war nicht entgangen, dass die Leitung neu besetzt werden würde. Geraldine hatte Tag und Nacht gearbeitet, um ihre Chancen auf den begehrten Posten zu maximieren. Nicht nur um dem Orden helfen zu können, sondern auch weil sie unbedingt beweisen wollte, dass sie es drauf hatte. Dass der Name Lovett noch etwas bedeutete. Sie war eine Närrin, denn ihr blinder Ehrgeiz hatte dazu geführt, dass sie die Zeichen übersehen hatte. Alles war falsch gewesen und vielleicht hätte sie Eliana helfen können, wenn sie nur mehr dagewesen wäre. Stattdessen hatte sie wie immer nur an sich selbst gedacht, daran wen sie zu ihrer Siegesfeier einladen würde, wenn sie es nach ganz oben geschafft hatte im Ministerium. Was brachte ihr der Ruhm, wenn sie nicht diejenigen beschützen konnte, die ihr am nächsten standen? Sie war von ihrer eigenen Geltungssucht angeekelt.

    Abermals würgte Geraldine, doch es kam nichts mehr. Als sie Emrys' Botschaft erhalten hatte, war sie regelrecht zusammengebrochen. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, aber sie musste wohl intuitiv nach dem Flohpulver gegriffen haben und sofort zum Grimmauldplatz gereist sein. Sie wusste nicht wer, aber irgendwer musste hier sein, mit dem sie reden konnte, oder? Sie konnte nicht klar denken, war sich nicht sicher was der Tod von Eliana zu bedeuten hatte. Steckten die Todesser dahinter? Oder war Geraldine verrückt geworden, dass sie hinter jedem Desaster sofort Emrys vermutete? Und wie sollte sie jemals verarbeiten, dass ihre beste Freundin gestorben war? Sie fühlte sich so hilflos. "Brooke!? Richard?! Hallo, ist hier irgendwer?" Die Hexe war sich gar nicht sicher, ob sie in ihrem jetzigen Zustand gesehen werden wollte, doch sie konnte jetzt unmöglich alleine sein. Es tat zu sehr weh.

  • Mit einem beinahe schon zufriedenen Lächeln betrat Brooke den Grimmauldplatz, schloss die Tür hinter sich. Noch immer fühlte sich ihr Körper mehr als beschissen an und sie hatte noch den unangenehmen Geschmack im Mund, der davon zeugte, dass sie sich heute eindeutig zu viel zugemutet hatte. Ja, der Besuch bei Deverell war in gewisser Weise aufreibend gewesen und nicht nur deshalb, weil der Tag nach Vollmond immer dafür sorgte, dass sich ihr gesamter Körper beschissen anfühlte. Nein, auch das Gespräch an sich war nervenaufreibend gewesen, was jedoch weniger an dem anderen Wolf als an ihr gelegen hatte. So etwas war einfach nicht unbedingt etwas, das ein introvertierter Mensch brauchte und sie hatte das Gefühl, dass sie nach so etwas Kraft tanken, sich zurückziehen musste. Und dennoch … Deverell schien tatsächlich zurückkommen zu wollen. Schien tatsächlich mit dem Gedanken zu spielen, auch wenn das letztlich ja noch nicht hieß, dass es dann auch wirklich passierte. Doch es war ein Erfolg, wenn auch nur ein kleiner. Und mit der Aussicht darauf, was sie morgen machen würde, erschien dieser Tag, so beschissen man sich auch fühlte, tatsächlich ein kleiner Erfolg zu sein. Jetzt würde sie noch kurz schauen, wer hier war, würde die Information kurz weitergeben, damit sich niemand wunderte und dann würde sie nach Hastings gehen, ihrem neuen Zuhause, sich auf die Couch in eine Decke einmummeln und nicht mehr so schnell aufstehen.
    Doch wie es so war, sollte es anders kommen als erwartet. Denn nein, auch kurze Momente der Freude wurden ihnen wohl nicht gegönnt, das Leid wartete schon an der nächsten Ecke – und diese befand sich ausgerechnet wieder einmal im Grimmauldplatz. Sie schienen das Leid magisch anzuziehen, auch wenn Brooke es noch nicht wusste, es nicht ahnte. Sie hatte die Worte der anderen Hexe, die hier war, nicht vernommen, es wäre wohl auch ein Zufall gewesen, wenn sie just in diesem Moment hier gewesen wäre. Doch es dauerte nicht lange, bis sie daraufhin die Küche betrat, sich umblickte und Geraldine Lovett entdeckte. Noch immer war da das feine Gefühl der Skepsis, wenn es um Werwölfe ging, um Halbwesen. Aber bei allem anderen hatte Brooke für sich festgehalten, dass sie der Aurorin vertrauen würde. Und dass sie froh sein konnten, jemand fähiges auf ihrer Seite zu haben. Dass die Lovett etwas verschwieg, dass sie vielleicht mehr zu Emrys wusste als sie sagte – wohl weil er zu ihren reinblütigen Freunden gehörte – war etwas, das sie sicherlich irgendwann einmal noch besprechen würden, doch die ältere Hexe sollte sich nicht so fühlen als wäre sie hier einer Befragung ausgesetzt.
    Und so lächelte Brooke freundlich, während sie das Wort ergriff. „Wunder dich nicht, wenn demnächst Dev-“ Die Worte erstarben auf ihren Lippen als sie den Blick auf die braunhaarige Hexe warf. Denn es brauchte nicht einmal Feingefühl, um zu merken, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Dass etwas ganz und gar nicht okay war. „Geraldine?!“ Ihre Augen weiteten sich für einen Moment, ehe sie sich aus der Starre, die sie überfallen hatte, löste und zu der Hexe eilte. Wenn sie es erlauben würde, würde Brooke ihr einen Arm um die Schulter legen und sie zu einem der Stühle geleiten, denn das, was sie sah, war ein wackeliges Bild, war ein Kartenhaus, das jeden Moment zusammenzubrechen gedachte. Doch so sehr sie sich auch um Geraldine kümmern wollte, so sehr sie gerne versucht hätte, zu helfen, so gab es eine Frage, die zuerst gestellt werden musste, denn immerhin waren sie hier beim Orden und auch wenn Brooke nicht wusste, ob Geraldine aktuell einen Dienst übernommen hatte, so musste das zuerst geklärt werden. Und auch wenn andere die Frage vielleicht auch vollkommen normal ansahen, wenn andere nicht das Gefühl hatten, dass die Frage übergriffig war, so empfand Brooke es durchaus so, denn eigentlich gab sie anderen lieber die Zeit, selbst zu antworten, ehe sie die Frage stellte. Doch hier gab es keine andere Option. „Was ist passiert?“ Denn dass irgendetwas vorgefallen war, das sah wohl jeder.

  • Unerhört verhallten Geraldines Hilferufe in den verwinkelten Gängen des Hauses. Keine Antwort. Sie sollte wohl froh sein, dass das Gemälde von Walburga Black sie nicht bemerkt hatte, denn das Geschrei der Familienmatriarchin war das Letzte, was sie gerade gebrauchten konnte. Bei aller Geschichte und allem Respekt den sie vor dem reinen Erbe der Blacks hatte, konnte Geraldine nicht garantieren, dass sie das ätzende Portrait nicht einfach von der Wand reißen und zerstören würde. Mit ihrem Ärmel wischte die Aurorin sich die Reste des Erbrochenen und einige Tränen aus dem Gesicht, doch die nächste Welle rollte bereits an. Erneut schüttelte Geraldine sich schluchzend und legte die Hand über ihre Augen, so als könnte sie sich damit zwingen, endlich aufzuhören zu Weinen.

    Als sie die Augen schloss, blitzte direkt das Bild von Eliana in ihrem Geist auf. Ihre blonden Haare, das selbstbewusste Lächeln und ihre anpackende Art. Wie sorglos sie mit Augustus geflirtet hatte, selbst als sie mitten in einer Mordermittlung gewesen waren. Sie war ein freier Geist gewesen und hatte das Leben gelebt, wie es gelebt werden sollte. Geraldine konnte ihr Lachen noch hören, ihren wachen Blick auf sich spüren, während sie über eine Leiche gebeugt Theorien aufstellten, wer hinter einem Verbrechen steckte. Sie waren so ein gutes Team gewesen. Warum hatte sie nicht mehr daran festgehalten? Sie hätte niemals erwartet, dass eines Tages Eliana die Leiche sein würde, deren Tod das Rätsel war. Was sollte sie ohne Elianas Rat machen? Ohne ihre Freundschaft? Eliana hatte Geraldine verstanden wie fast niemand anders. Sie beide hatten von Emrys' Geheimnis gewusst, es hatte sie so sehr zusammengeschweißt. Erst letztes Jahr hatte Eliana ihr die Wahrheit über ihre Familie erzählt. Eliana Delvon war Geraldines erste und einzige muggelstämmige Freundin gewesen. Es hatte sie nicht gekümmert, dass ihre Freundin nicht das reine Blut besaß, das sie vorgab in ihren Adern zu haben. Eliana hatte Geraldine so oft die Augen geöffnet für ihre eigene Ignoranz und sie behutsam ermutigt einen anderen, besseren Weg zu gehen. Sie durfte nicht einfach so weg sein.

    Mit einem schmutzigen Spültuch strich Geraldine sich abermals übers Gesicht, um ihre Tränen zurückzudrängen. Sie trug noch immer ihre guten Ohrringe, das feine Hexenkostüm, mit dem sie heute im Ministerium gewesen war und sogar den Hut mit der langen Pfauenfeder. Doch ihr Gesicht wollte so gar nicht mehr zur sonst so aufgeblasenen Selbstpräsentation der Hexe passen. Es war ihr egal.

    Plötzlich hörte die Aurorin die Stimme von Brooke und sie konnte spüren, wie die Anspannung in ihren Muskeln jäh nachließ. Ein Teil der Angst, die sich in ihrem Geist ausgebreitet hatte, ließ schon allein dadurch nach, dass sie nicht länger alleine war. Widerstandlos ließ Geraldine sich von der jungen Frau zum Esstisch geleiten, wo sie mit verstörter Miene Platz nahm. "Danke, dass du-" Weiter kam sie nicht, ehe sie erneut mit den Tränen kämpfte. Sie war so froh, dass jemand da war. Einatmen. Ausatmen. Einige Sekunden schwieg Geraldine und versuchte sich zu beruhigen, damit sie erklären konnte, was los war. Nach kurzer Zeit war sie bereit, langsam zu sprechen. Noch immer bebte ihre Stimme, doch man konnte verstehen, was sie sagte: "Meine Freundin Eliana wurde heute tot aufgefunden." Wie eine Ertrinkende schnappte die Hexe nach Luft. "Emrys hat mir geschrieben, dass sie ermordet wurde." Panik machte sich abermals in ihrer Brust breit. Sie konnte spüren, wie die Hysterie in ihr empor stieg. "Ermordet! Ich glaube dass es die Todesser waren, aber ich weiß noch gar nichts darüber, was passiert ist. Was, wenn ich mir das alles nur einbilde?" Paranoid sah Geraldine sich um. Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie ihrem Instinkt trauen konnte. War es ein Zeichen des Wahnsinns, dass sie Emrys verdächtigte, die Mutter seines Kindes ermordet zu haben? "Warum ist Eliana tot? Das ist doch krank!" Ihre Freundin durfte einfach nicht gestorben sein. "Sie hat niemandem etwas getan Brooke. Keinem. Warum musste ihr sowas zustoßen?" Es waren Fragen, auf die ihre Gesprächspartnerin wohl auch keine Antwort hatte. Doch Geraldine musste sich diese Gefühle von der Seele reden.

  • Vorsichtig, langsam, strich Brooke über Geraldines Schulterblätter, nicht genau wissend, ob die sanfte Berührung der Hexe half. Es fühlte sich immer noch seltsam an, eine solche Nähe aufzubauen, doch sie hatte gemerkt, dass es anderen half. Dass es auch ihr inzwischen half. Und deshalb hoffte sie, dass Geraldine sich melden würde, von ihr wegrutschte, wenn es ihr nicht behagte. Dann würde auch Brooke sich zurückziehen, doch hier, jetzt, da wirkte die andere Hexe viel zu aufgelöst, viel zu unsicher auf den Beinen als dass Brooke sie nicht festgehalten hätte. Ein Kloß, der ihr die Kehle zuzuschnüren versuchte, während sie ihre eigenen körperlichen Schmerzen ignorierte, sich neben die Hexe setzte, nun nach ihrer Hand griff und behutsam darüberstrich. Sie wusste, dass sie die aufgelöste Frau nicht bedrängen konnte, auch wenn jede Fase in ihr danach schrie, wissen zu müssen, was passiert war. Ob sie irgendwo zur Hilfe eilen mussten. Doch sie traute der Aurorin zu, dass sie in der Lage war, ihre eigenen Gefühle im Notfall zurückzustellen – und so kroch die innere Gewissheit, dass das, was passiert war, nicht mehr zu ändern war, in Brooke auf. Der Kloß in ihrem Hals schien in den Magen zu rutschen und sie nickte als Bestätigung, dass es doch selbstverständlich war, hier zu sein, abwartend.
    Während sie wartete, Geraldine die Zeit ließ, die sie brauchte, zog Brooke ihren Zauberstab aus der Tasche, richtete ihn auf eines der Gläser, das sich mit Wasser füllte und dann auf den Tisch vor die Aurorin flog. Danach steckte sie den Zauberstab wieder weg, schenkte Geraldine wieder ihre ungeteilte Aufmerksamkeit – und spürte, wie ihr langsam die Kälte über den Rücken lief. Oh nein … Trauer, Mitgefühl waren in Brookes Gesicht zu lesen. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, wollte sich auch gar nicht ausmalen, wie man sich in diesem Moment fühlen musste. Es musste eine grausame Erfahrung sein, es war ja so schon schlimm genug zu wissen, wenn Fremde starben. Aber dass es innerhalb des Freundeskreises passierte? Wenn es gar Levin traf oder Elias oder … Nein, Brooke durfte nicht darüber nachdenken. Und das war auch besser so, denn die nächsten Informationen trafen sie ebenfalls wie ein Schlag, ließen sie für einen Moment in den Bewegungen innehalten, während sie wie benommen die Hexe anblickte. Emrys hatte es ihr mitgeteilt, dass sie ermordet worden war. Nicht irgendeine Eliana, nein, die Eliana. Emrys‘ Ehefrau, die Frau, der gegenüber Brooke ein mehr als schlechtes Gewissen gehabt hatte, weil sie noch kurz vor der Hochzeit mit- Nein. Nein, sie durfte nicht in diese Richtung denken, musste versuchen, hier nüchtern zu bleiben, auch wenn sie sich wie betäubt fühlte. Wie es Emrys wohl ging? Ob er okay war? Ob er li- Nein! Brookes Finger verkrampften sich. Sie durfte nicht so an ihn denken, durfte nicht in diese Richtung gehen. Die Gefühle, die sie für ihn gehabt hatte, waren vorbei, auch wenn sie sich wohl nie von seinem Charme würde gänzlich losreißen können. Und ja, es war traurig für ihn, es musste grausam sein, besonders weil sein Kind nun ohne Mutter aufwachsen musste. Doch hier, jetzt, ging es weder um Emrys noch um ihre Gefühle. Es ging um Geraldine.
    Nein, Brooke hatte keine Antworten auf Geraldines Fragen. Hatte keine Worte, die das hier besser gemacht hätten. Worte des Trostes waren nett, waren ein Zeichen von Mitgefühl, doch sie würden Geraldine letztlich auch nicht helfen. Und trotzdem strich sie wieder über die Hände der anderen. „Es tut mir so Leid.“ Ehrlich, aber letztlich war es nichts, was helfen würde. Besonders, weil es schien, als dass die Aurorin bereits angefangen hatte, weiterzudenken. Ob sie es sich einbildete, das konnte Brooke nicht erklären, doch es schien ihr irgendwie unpassend, dass ausgerechnet die Frau des Leiters der magischen Strafverfolgung von Todessern umgebracht werden sollte. Besonders, weil es doch immer deutlicher geworden war, dass er die konservative Einstellung der Reinblüter teilte. Warum also … „Warum sollten es die Todesser gewesen sein?“ Mehr eine Frage zu sich selbst als direkt zu Geraldine, denn sie kannte die Hexe nicht gut genug, um zu wissen, was die andere brauchte. Wusste nicht, ob sie lieber diesem Gedanken nachging, um sich abzulenken. Ob sie etwas anderes brauchte. Vielleicht wusste es Geraldine selbst nicht einmal. Und so blickte Brooke auf, sah sie fragend an. „Wie kann ich dir helfen?“ Es war das beste, direkt zu fragen, damit Geraldine sagen konnte, was sie brauchte. Brooke wollte sich nicht anmaßen, zu wissen, wie man in diesem Fall agierte.

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