Tatsächlich war Jonas erstaunlich guter Dinge, was die Sache mit dem Koffer anging. Klar, auch Heiler konnten nicht alles richten, was dunkle Magie zerstörte, doch Jonas hatte dahingehend ein beinahe blindes Vertrauen in seine Mitstreiter. Bisher allerdings, war der Zauberer ja auch immer glimpflich davon gekommen. Zwar konnte er anhand gewisser Narben an seinem Körper bereits von der ein oder anderen Begegnung mit schwarzmagischen Flüchen berichten, doch nichts davon hatte den Zauberer wirklich derart außer Gefecht gesetzt, dass es seinen Mut verloren hatte. Nein, was sollte ihm schon passieren, solange er einen Heiler in seiner Gegenwart hatte? Zugegeben, vielleicht war er auch einfach ein wenig… rastlos und übermütig. Aber was hatte er schon zu verlieren?
Ein Nicken also bestätigte Levin, dass er mit seiner Einschätzung richtig lag. Natürlich hatte er Recht - hatte denn je etwas anderes zur Debatte gestanden? Ein Gefühl des Triumphes hatte den ehemaligen Gryffindor überfallen, ohne dass er sagen könnte, woran dies tatsächlich lag. Vielleicht einfach nur das Wetter. Oder so.
Kaum dass Levin also bestätigte, dass er bereit war und seinen Griff um den Zauberstab verstärkt hatte, griff Jonas nach den beiden Schnallen des Koffers, ließ sie zeitgleich aufspringen, wartete einen kurzen Augenblick ob etwas geschah und drückte dann die beiden Kofferhälften auseinander, sodass sich der Inhalt für die beiden Zauberer offenbarte. Dass nichts geschah und es sich bei dem Inhalt tatsächlich nur um einen Haufen Papiere handelte… enttäuschte Jonas um ehrlich zu sein ein wenig. Wie… langweilig.
Levin hob den Zauberstab und murmelte ein paar Zauber und auch wenn Jonas diese Zauber nicht kannte, verstand er genug, um zu begreifen, dass Levin sich vergewissern wollte, dass auf den Papieren kein böser Zauber lag. Clever. Er hingegen hätte wohl einfach nach dem Papier gegriffen, hah. Levin hingegen wollte wohl auf Nummer sicher gehen, nahm eines der Medikamente auf magische Art und Weise aus dem Koffer, sodass sie beide es lesen konnten, ohne es zu berühren.
Aufmerksam ließ Jonas seinen Blick über die Zeilen wandern, blieb ebenfalls an den zwei Worten hängen, die Levin vorlas. Er mochte nicht viel über die Muggelwelt wissen, doch Fernsteuerung, das kannte er - immerhin hatte Marius ihn mehr als einmal versucht dazu zu überreden mit ihm irgendein Videospiel zu spielen. (Was durch Jonas chronische Irritation über die kleinen Menschen im Fernseher, die auf Knopfdruck taten, was man wollte aber stets verhindert worden war.) Der Sickel, der ebenfalls auf Levins Geheiß aus dem Koffer schwebte wurde ebenfalls begutachtet, aber eher als unwichtig bedacht - der könnte genauso gut von Jessica McWhite selbst stammen. Kein eindeutiges Indiz. „Ich meine, dass das eindeutig eine Sache wäre, der Auroren nachgehen würden. Ein zerbrochener Zauberstab ist ein Zeichen. Man zerbricht die Zauberstäbe von Magiern, die aus der Gesellschaft ausgestoßen werden, ganz bewusst, auch wenn es natürlich quatsch ist und jeder Zauberer sich einfach einen neuen Zauberstab besorgen könnte. Es ist ein Symbol dafür, nicht dazuzugehören. Unter der Herrschaft des dunklen Lords haben sie das mit muggelstämmigen gemacht.“
Man hatte den Zauberstab der muggelstämmigen Hexen und Zauberer vor ihren Augen zerbrochen, um ein Zeichen für sie und alle ihre Angehörigen zu setzen: Sie waren nicht Teil dieser Gesellschaft. Doch hier machte das keinen Sinn. „McWhite war doch reinblütig, oder? Angenommen ihre Angreifer waren keine Muggel - warum sollten sie dann ihren Zauberstab zerbrechen?“
Die Stirn des Walisers legte sich in Falten. Egal wie man es wandte und drehte: Das hier war eindeutig ein Indiz, das hätte verfolgt werden müssen. Es warf zu viele Fragen auf. Und die wohl offensichtlichste war: Warum wies das Ministerium diese Hinweise zurück? Dann wiederum war das wohl die am einfachsten zu beantwortenste Frage. „Sie haben schonmal ihre Leute ins Ministerium geschleust“, entgegnete er und lehnte sich nun ebenfalls ein wenig zurück, bevor er den Blick vom Koffer nahm und wieder auf Levin richtete. „Es würde mich nicht wundern, wenn es wieder der Fall wäre.“ Dabei war es unerheblich ob diese Leute wussten, für wen sie arbeiteten oder nicht. Die Erkenntnis dass das Ministerium selektierte, was von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden sollte, bedeutete, dass dort etwas nicht mit rechten Dingen zu ging. Vielleicht war es zu viel zu behaupten, dass die Todesser das Ministerium im Griff hatten, doch es zeigte, dass eine entsprechende Gesinnung bereits vorhanden war. Dann wiederum - was hätten Fanatiker und Rassisten von dem Tod einer Reinblüterin? Würden sie ausgerechnet da nicht weiter recherchieren wollen, um den Tod eines so noblen Mitgliedes der Gesellschaft aufklären zu wollen? Es sei denn…
Jonas hielt inne, zögerte einen Moment. Ging dieser Gedanke zu weit? Spann er hier eine verrückte Theorie aus, die keinen Sinn ergab? Er biss sich nachdenklich auf die Zunge. „Was hätte das Ministerium davon, den Tod einer Reinblüterin nicht aufzuklären? Was hätte das Ministerium davon, die Welt im Glauben zu lassen, dass es Muggel waren, die diese Hexe umbrachten?“
Oder begab er sich hier auf Terrain, dass für Levin schon längst offensichtlich war? Hing er nur hinterher? Wenn man die Welt im Glauben ließ, eine Reinblüterin wäre von Muggeln ermordert worden, schürte das Angst und ein Feindbild und es machte ohnehin schon konservative Magier empfänglicher für ganz offenen Rassismus. Die Wahl von Ministerin Dippet machte das offensichtlich. Die Gesellschaft befand sich in einem Wandel - aber was, wenn dieser Wandel ganz bewusst herbei geführt worden war?