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quest: des geheimnisses heller schein
Samstag, der 01. Januar 2022
Tick. Tack. Tick. Tack. Tick. Tack. Tick. Tack.
Das war das einzige Geräusch, das in der alten, heruntergekommen Hütte am Rande eines britischen Dorfes zu hören war. Die alte, fast raumhohe Standuhr stand in der Nähe der eingefallenen Eingangstüre – mit einigen gemurmelten Zaubersprüchen hatte sie sie vor einigen Stunden wieder zum Laufen gebracht, auch wenn die Zeit dennoch nicht zu vergehen schien. Außerdem war es eiskalt, selbst die goldklimmende Zigarette in ihren Händen konnte ihrem Zittern kein Ende bereiten. Und auch das rot-orangene Feuer, das seit einigen Minuten in dem kleinen, steinernen Kamin prasselte, konnte die unglaubliche Kälte nicht vertreiben, sondern tauchte lediglich den Raum in ein schimmerndes Licht. Es verlieh der heruntergekommenen Hütte eine noch bedrückendere Atmosphäre.
Ein lautes Keuchen übertönte für einen kurzen Augenblick das Ticken der Standuhr. „Scheiße“, murmelte Agatha mit belegter Stimme in ihrer deutschen Muttersprache und zog ihren linken Arm zurück gegen ihren Oberkörper, legte die Glaskugel gerade noch geistesgegenwärtig auf ihrem Schoß ab. Es war beinahe wie an diesem Morgen, als sie auf das brennende Stück ihrer Haut gesehen hatte und sich ein beklemmendes Gefühl in ihrer Magengegend ausgebreitet hatte – nach einer langen Silvesternacht, die sie nach einem kurzen Besuch auf den Festivitäten der Familie Rosier schließlich glücksselig mit ihrem Muggelnachbarn und seinen Gästen verbracht hatte, war sie noch immer mit Restalkohol im Blut durch die Schmerzen aufgewacht und plötzlich stocknüchtern voll Angst direkt zum Dunklen Lord appariert. Gemeinsam mit drei anderen Hexen und Zauberern war sie dafür auserkoren worden, eine zerbrochene Glaskugel Tag und Nacht zu bewachen. Es war ihr erster Auftrag nach dem Tod von Loke Stafford, der sie noch immer unglaublich beschäftigte. Und dennoch war es der erste Auftrag gewesen, der nicht den Tod eines unschuldigen Menschen oder das Zerstören einer Familie beinhaltete – sie war fast schon erleichtert gewesen, auch wenn natürlich noch immer ein immenser Druck auf ihr lastete. Sie wusste auch nicht, ob der Dunkle Lord von ihr als Unsägliche erwartete, die Geheimnisse der zerbrochenen Glaskugel zu ergründen; oder aber, ob es ein Test war: Vielleicht durfte sie es auch nicht tun, vielleicht war es sogar strengstens verboten. Er hatte nichts gesagt, sie lediglich aus seinen schlangenartigen Augen angesehen und sie hatte sogleich der Mut verlassen, hatte nicht nachgefragt.
Stattdessen saß sie nun hier, übernahm die erste Schicht vollkommen verkatert und unglaublich müde. Und nun hatte sie es tatsächlich auch noch geschafft, sich an dem Teil zu schneiden – sie hatte es lediglich näher betrachtet, um vielleicht eine Ursache für die Bedeutsamkeit herausfinden zu können. Sie konnte eben doch nicht aus ihrer Haut, ihr Ehrgeiz war ob der Eintönigkeit und Tristesse der heruntergekommenen Hütte bedeckt. Sie musste es dem Dunklen Lord schließlich nicht sagen und außerdem, außerdem hatten sich ihre Okklumentik-Fähigkeiten in den letzten Monaten merklich verbessert. Sie traf sich regelmäßig mit einer ehemaligen Kollegin aus dem kanadischen Zaubereiministerium, selbst Witwe eines verurteilten Verbrechers und brachte daher Verständnis für ihre Situation auf, verriet sie nicht. Schließlich wusste sie auch aus Agathas Gedanken, wie sehr sie ihre Entscheidung bereute – und dass sie nun ihren Beitrag dazu leisten wollte, den Ausbruch eines Krieges zu verhindern, gleichzeitig aber mitspielen musste, um nicht sterben zu müssen. Nun, die Geheimnisse des Mysteriums der zerbrochenen Glaskugel versprachen auch, nicht sofort offenbart zu werden. Der Gegenstand, selbst das Material war ihr fremd erschienen und sie hatte lediglich ihre Beobachtungen auf einem Stück Pergament notiert, doch die äußere Betrachtung war schnell vorüber gewesen. Es hatte nicht viel gegeben, was erwähnenswert gewesen wäre. Danach hatte sie es genauer untersuchen wollen und die Glaskugel hochgehoben, die jedoch ihrem festen Griff entglitten und beim Fallen eine feine Linie in ihren linken Unterarm geschnitten hatte. Sie hatte sie gerade noch auffangen können und würde sie wohl sogleich zurück an ihren angestammten Platz bringen.
Zunächst aber verzog Agatha das Gesicht und versuchte, ihren Schmerz wegzuatmen. Ihre Haut schien regelrecht zu pulsieren und kleine Blutstropfen rannen über ihren Unterarm. Sie biss die Zähne fest aufeinander, als sie mit dem Zeigefinger der rechten Hand über die feine Linie strich, die sich quer über das Dunkle Mal zog. Die blicklosen Augen des Totenschädels schienen sie zu verspotten, während die Schlange sich träge durch die Augenhöhlen und den offenen Mund schlängelte. Übelkeit stieg in ihr auf und sie musste den Blick abwenden, ehe sie die Ärmel ihrer Jacke schnell herunterzog und fest auf die Stelle drückte. Ihr entwich kein Schmerzenslaut, auch wenn sie zusammenzuckte. Zittrig atmete sie tief ein und wieder aus – das würde noch eine lange Nacht werden.
Donnerstag, der 06. Januar 2022
Sie seufzte.
Erneut würde sie eine Nacht mit dem Bewachen der mysteriösen Glaskugel verbringen dürfen. Die drei anderen Todesser übernahmen meist die Schichten über den Tag verteilt, da sie einer festen Arbeit nachging und ihr Fernbleiben im Zaubereiministerium unangenehme Fragen aufwerfen würde – für die nächste Woche hatte sie dennoch einige Tage Urlaub beantragt, denn schon nach so kurzer Zeit zehrten die durchwachten Nächte an ihren Kräften. Sie war auch nicht mehr jung, das wurde ihr in derartigen Situationen schmerzlich bewusst.
Ihrem Ziel, das Geheimnis der zerbrochenen Glaskugel zu lüften, war Agatha jedoch keinen Zentimeter nähergekommen. Nach ihrer erneuten durchwachten Nacht hatte sie am Sonntag sehr lange geschlafen und lediglich am Abend den Pub in ihrer Straße aufgesucht, wo sie ihren Nachbarn mit seiner Ehefrau und seinem noch verbliebenen Gast aus den schottischen Highlands getroffen hatte. Die drei Muggel hatten sie schließlich zu sich eingeladen – und sie hatte nach einigen Bedenken zugestimmt und sich mit ihren Fish & Chips dazugesetzt, jedoch kaum an den lebhaften Unterhaltungen partizipiert. Es war ihr zu viel gewesen und ihre Gedanken hatten sich nur um die mysteriöse Glaskugel und ihre Angst vor einem erneuten Versagen bewegt, auch wenn sie dankbar für die Gesellschaft gewesen war. Es tat ihr nicht gut, zu lange alleine zu sein – und einen Großteil ihrer Kontakte hatte sie in den letzten Wochen und Monaten seit der Konfrontation mit William auch abgebrochen, ihr war lediglich ihre Familie geblieben. Ihre sinnlosen Affären hatte sie allesamt beendet (oder hatten sich in Eugene Pendergasts Fall von selbst erledigt), hatte sogar den goldenen Siegelring einem bestürzten Earl Redvers nach beinahe dreißig Jahren wieder zurückgegeben und hatte nun auch endgültig den Kontakt zu Aldwyn Godwins abgebrochen. Es tat ihr nicht gut. Stattdessen hatte sie sich vor allem um sich selbst gekümmert, viel Zeit mit ihren Töchtern verbracht, sich um ihre Enkel gekümmert und war schließlich sogar noch ein drittes Mal Großmutter geworden, als ihre Aerea einige Tage nach Weihnachten einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hatte. Aidan. Ja, sie hatte einige Kapitel ihres Lebens unwiderruflich beendet und nicht wenige Menschen wunderten sich über ihr seltsames Betragen, doch es ging ihr letztlich so gut damit. Sie hatte beinahe die Hoffnung, eines Tages wieder glücklich zu werden, die sie erdrückende Schwere ihrer Schuld hinter sich zu lassen.
Am Montag hatte sie dann im Zaubereiministerium weitere Recherchen vornehmen wollen, doch die Urlaubssituation hatte es ihr unmöglich gemacht – sie hatte nicht nur einem Kollegen versprochen, nach deren Experimenten zu sehen, und so war sie nur so durch die Büros gehastet statt sich hinter schweren Büchern zu vergraben. In der Halle der Prophezeiungen hatte sie allerdings für einen Moment verharrt und die milchig schimmernden Kugeln aufmerksam betrachtet, aber nein… Ihre Kugel schimmerte nicht. Ihre Kugel konnte von ihr berührt werden. Ihre Kugel schien aus einem anderen Material zu sein. Die Lösung konnte nicht so einfach sein – warum auch sollte der Dunkle Lord eine Prophezeiung von ihr bewachen lassen? Er wusste schließlich, dass sie, auch wenn sie nicht darauf spezialisiert war, als Unsägliche mit diesen Dingen vertraut war. Sie hatte zwar von ihren Kollegen einige Gerüchte über eine Prophezeiung über den Dunklen Lord gehört, aber sie sprachen nicht darüber; ihre Lippen waren fest versiegelt und sie würde auch nicht die Halle danach absuchen, denn sie würde ohnehin nicht fündig werden. Und wenn doch, dann konnte sie sie ohnehin nicht berühren, nicht greifen, nicht mitnehmen, ohne den Verstand zu verlieren. Somit konnte sie auch ihre Theorie ausschließen, dass Nicolas Graf sie aus dem Ministerium gestohlen hatte. Es musste etwas anderes sein. Nur was?
Frustriert saß sie auf dem klapprigen Holzstuhl in der Mitter des Raumes, das Feuer prasselte abermals im Kamin. Tick. Tack. Tick. Tack. Die Minuten vergingen quälend langsam und es war gerade einmal eine halbe Stunde vergangen, seit sie für ihre Nachtschicht gekommen war. Am Morgen hatte sie in ihrer Privatbibliothek nach der Arbeit noch nach einigen Büchern über seltene magische Gegenstände gesucht und sie auch als Lektüre für die Nacht mitgenommen, doch schon nach den ersten Seiten erschienen ihr die Bücher als nicht sehr vielversprechend. Es war eher eine Inventur der magischen Banken und Zaubereiministerien – wenn sie etwas über Koboldkunst wissen wollte, dann war das Buch sicherlich sehr informativ, aber bei ihrer Suche nach der Herkunft der Glaskugel würde es ihr nicht weiterhelfen. Trotzdem: Irgendwie musste sie die Nacht ja verbringen.
Freitag, der 14. Januar 2022
Mit den Fingern ihrer rechten Hand drehte sie fahrig die kleinen Gefäße auf dem Tisch um, betrachtete den Inhalt und stieß dabei eine der Phiolen mit einer giftgrünen Flüssigkeit um. Doch es war ihr gleich – denn endlich, endlich hatte sie den Ansatz einer Theorie, was es mit der zerbrochenen Glaskugel auf sich haben könnte. Und das duldete keinen Aufschub, denn jede weitere Minute des Wartens war eine Minute zu viel.
In einer kleinen Kristall-Phiole fand Agatha schließlich, was sie gesucht hatte, und griff hastig danach. In ihrer Eile stieß sie ein weiteres Gefäß um, doch das störte sie nicht weiter; ein einfacher Putzzauber würde die Flüssigkeiten schon beseitigen und sie musste ohnehin bald wieder einmal in die Nokturngasse, um neue Tinkturen zu kaufen. Mit fahrigen, zittrigen Fingern neigte sie die Phiole über die mysteriöse Hälfte einer einst intakten Glaskugel. Zuerst passierte nichts, doch auch damit hatte sie bereits gerechnet – ihr Versuchsobjekt war schließlich unvollständig, zerbrochen, kein Ganzes. Trotz ihrer Bemühungen in den letzten beiden Wochen hatte sie sich langsam mit der Tatsache abgefunden, dass sie aufgrund dieser Umstände wohl niemals alle Geheimnisse dieses magischen Gegenstandes aufdecken würde. Stattdessen hatte sie den Fokus ihrer Bemühungen darauf gelegt, zumindest die Herkunft, den Ursprung dieser Glaskugel herauszufinden; vielleicht würde sie in diesem Zug auch erfahren, weshalb sie eine so große Bedeutung für den Dunklen Lord hatte. Zumindest würde sie Mutmaßungen anstellen, Theorien aufstellen und sie allesamt wieder verwerfen können. Und tatsächlich…
Agatha konnte es kaum glauben, als die einst klare Flüssigkeit tatsächlich auf die Glaskugel reagierte und sich langsam verfärbte. Zwei Wochen lang hatte sie vergeblich unzählige Bücher durchwälzt, hatte zahlreiche Artikel in diversen Magazinen gelesen – selbst den recht fragwürdigen Quibbler hatte sie durchforstet, so verzweifelt war sie auf der Suche nach einem Ansatz gewesen -, hatte sich mit Kollegen über die Bestimmung der Grundmaterialien von magischen Objekten ausgetauscht und letztlich sogar in den sicherlich längst veralteten Notizen aus ihrer Ausbildungszeit im Westberliner Zaubereiministerium gestöbert. Damals hatte sie ihren Schwerpunkt auf die Erforschung von magischen Kreaturen und deren besonderen Fähigkeiten gelegt, und war mit verschiedensten Dingen in Berührung gekommen: Um die Geheimnisse der Koboldkunst herauszufinden, hatte sie feinste Diademe und Schwerter in ihren Händen gehalten; um Hauselfenmagie besser zu verstehen, hatte sie drei Wesen über Wochen beobachtet und sie bis an ihre Grenzen gebracht; um belastbare Vorhersagen für die Zukunft zu erhalten, hatte sie sich sogar das irrsinnige Geplapper von Zentauren angehört; um Lykanthropie zu heilen, hatte sie sich in Lebensgefahr begeben – und doch war sie trotz ihrer Misserfolge unglaublich fasziniert gewesen. Bis ein wildgewordener Werwolf, der sich nur als Versuchsobjekt ausgegeben hatte und sich an den Unsäglichen für den unglücklichen Tod seines besten Freundes hatte rächen wollen, ihren besten Freund getötet hatte. Ihren Mitbewohner, ihre Vertrauensperson, vielleicht sogar ihren Seelenverwandten. Ein halbes Jahr nach diesem schicksalshaften Tag hatte sie Arthur geheiratet, hatte bald dem Berliner Zaubereiministerium den Rücken zugekehrt und war nach einer kurzen Station in Moskau nach London gekommen, wo sie sich auf die Erforschung der Zeit spezialisiert hatte. Und mit zwei kleinen Mädchen hatte sie ohnehin nicht mehr die Muse gehabt, sich noch weiter mit ihrer früheren Faszination zu beschäftigen. Ihre Unterlagen hatte sie in der hintersten Ecke ihrer Bibliothek verstaut, damit ihre Kinder sie nicht zufällig finden konnten, und selbst bei ihren zahlreichen Besuchen in Deutschland war sie nicht mehr in ihr einstiges Labor zurückgekehrt. Vielleicht hatte sie auch deshalb so lange gezögert, die Notizen aus dem hintersten Winkel ihrer Bibliothek hervorzukramen und einen Blick hineinzuwerfen. Dennoch war sie froh, es letztendlich getan zu haben – denn sie hatte diesen Trank längst vergessen, der in manchen Fällen mit der in einem Gegenstand innewohnenden Magie reagierte. Es funktionierte nicht immer, lediglich bei besonders mächtigen magischen Objekten. Das Diadem, das sie von ihrer Großmutter geerbt hatte und von Kobolden gefertigt worden war, war beispielsweise anfällig, die Flüssigkeit hatte sich in ein sattes Rot verfärbt. Ihre Zeitumkehrer verfärbten sich Gelb, da sie besonders mächtige Magie von Hexen und Zauberern beinhalteten. Aber der ganze Rest ihres Hausrats schien zu schwach zu sein, die Flüssigkeit war klar geblieben – ihr Hauself hatte sie sogar mit einem ganz seltsamen Blick angesehen, als sie ihn schließlich frustriert darum gebeten hatte, Flüssigkeit von der Büste ihres Vorfahren, von Porträts, von Uhren, von ihrem Zauberstab und sogar von ihrem schon seit dreißig Jahren nicht mehr benutzten Besen zu entfernen.
Aber nun, nun hatte sie tatsächlich Erfolg gehabt. Die Flüssigkeit auf der Glaskugel hatte sich in ein dunkles Violett verfärbt – die Glaskugel war also tatsächlich magischen Ursprungs, nicht von Menschen gemacht. Nur dumm, dass es nirgendwo eine Beschreibung gab, welche Farbe welche Magie bedeutete. Dank ihrer eigenen Experimente wusste sie, dass Rot für Koboldhandwerk, Gelb für Zauberkunst und Grün für die Magie von Hauselfen stand. Aber was zur Hölle bedeutete Violett?