Erdgeschoss - Wohnbereich

  • Byron blinzelte auf ihre Worte hin. Sie ... wusste es nicht? Das war weit weg von der Antwort, die er sich erhofft hatte. Es ließ die Vermutung zu, dass Gwenda versiert genug in Legilimentik war, um in sein Innerstes einzudringen, aber es auf so unkontrollierte Art und Weise tat, dass sie sich nicht davon abhalten konnte, Dinge zu sehen, die sie nichts angingen. Er zuckte unter dem Schlag gegen seine Schulter zusammen. Sie hatte schon immer harte Kanten gehabt, vermutete er zumindest. Das hatte sich bereits darin gezeigt, wie sie zum Orden gestoßen war. Unsauber und unkontrolliert und chaotisch. Er fühlte sich schlecht, dass er der Meinung war, ihr starker walisischer Akzent unterstrich ihre ruppige Art nur noch stärker. Es war der Grund, wieso man überhaupt erst auf sie aufmerksam geworden war. Es hätte ihn beruhigen müssen, dass ihre Zivilcourage zumindest Beleg war für die richtigen Überzeugungen. Der Trost blieb aus, beim Gedanken daran, er könnte heute etwas entblößen, das Zweifel an seiner eigenen Weltanschauung bei ihr aufkommen ließ.

    Byron schielte nach ihrer Handgeste Richtung Sofa zur Tür. Noch hatte er die Gelegenheit, seine Meinung zu ändern. Einen eleganten Rückzieher zu machen, bevor Dinge ans Tageslicht kamen, die er besser für sich selbst behalten hätte. War er überhaupt an einem Punkt, an dem er es brauchte? Das Abwägen seiner Optionen zeigte sich in Form des leichten Zuckens seines Augenlids. Sie interessierte sich nicht für die grausamen Erinnerungen, deren Detailtiefe er irgendwo tief in seinem Inneren vergraben hatte und sich nur dann erlaubte auszupacken, wenn alles andere über ihm zusammenbrach. Es reichte nicht, um ihn optimistisch für dieses Unterfangen zu stimmen. Nach einem langen Ausatmen nickte er schließlich, setzte sich auf das Sofa, nicht ohne dabei mehrfach zu versuchen, eine halbwegs gemütliche Position zu finden, nur um es dann doch aufzugeben. Nichts hiervon würde angenehm werden. Es war besser, sich von dieser Illusion zu verabschieden. Er hob die Augenbrauen als Reaktion auf den Versuch, die Situation irgendwie aufzulockern. Seine Lippen trennten sich für einen Moment, doch er schloss den Mund rasch wieder, als er merkte, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war, etwas Besserwisserisches oder Schnippisches zu erwidern. Gwenda gegen sich zu wissen, würde nicht helfen, wenn es darum ging, seine intimsten Gedanken vor ihr zu schützen. Er sah auf seinen Zauberstab, zögerte lange, bevor er ihn neben sich legte, musste gar dem Reflex widerstehen, nach dem Gefühl der Leere in seiner Hand erneut danach zu greifen. Ihm gefiel die Vorstellung nicht, sich nicht gegen die Frau zur Wehr setzen zu können, ihr gänzlich schutzlos ausgeliefert zu sein.

    "K-Kann das passieren? Dass mein Kopf platzt?" Die Angst war ihm deutlich anzuhören. Bisher hatte er nicht davon gelesen, traute der Hexe aber zu, das ein oder andere erlebt zu haben. Er schob die Schulterblätter zusammen, ein Versuch, etwas aufrechter zu sitzen und nicht wie ein Häufchen Elend auszusehen. Wissen wiedergeben. Darin war er gut. Meistens. "Ich weiß, dass es unterschiedliche Ansätze gibt. Manche sagen, Emotionen seien das größte Hindernis. Sich von ihnen zu lösen, sei der erste Schritt." Wie auch immer das funktionieren sollte. "Und dann gibt es welche, die ... eine falsche Realität vortäuschen?" Erneut hörte es sich an, als würde er eine Frage stellen. "Ich schätze aber, das ist eher etwas für erfahrene Hexen und Zauberer." Er fuhr sich mit den Handflächen aufgeregt über die von Stoff bedeckten Oberschenkel. "Also ... was genau ... soll ich jetzt machen?"

  • Gwenda antwortete Clairmont zunächst nur mit einem lang gezogenen Laut, ehe sie wenig vertrauenserweckend abwinkte. „Nah.“, antwortete sie kurz angebunden und schüttelte den Kopf. „Denke nicht.“ Ungeachtet der persistierenden Unsicherheit des unfreiwilligen Schülers zog Gwenda nun ihre Hosenbeine an und ließ sich breitbeinig auf dem Stuhl gegenüber des Sofas nieder. Als Clairmont dann jedoch tatsächlich eine eifrige Erklärung zum besten gab, kräuselte ein süffisantes Schmunzeln ihre Mundwinkel. „Fünf Punkte für Ravenclaw.“, scherzte sie ohne auch nur eine Sekunde zu bezweifeln, dass sie den Journalisten dem passenden Haus zuordnete und bettete ihre Hände sichtlich bereit auf ihren Oberschenkeln. Ihre Pose war nicht unähnlich einer Fluglehrerin, die gleich Tipps zum besseren Absprung zum Besten geben würde.

    Absprung war allerdings auch das Wort, das durch Gwendas Gedanken kreiselte. Mit Murtagh hatte das Training etwas eigentümlich Intimes gehabt. Sie hatten ihre Finger miteinander verschränkt, ihre von der Anstrengung schwitzigen Stirne gegeneinander gepresst und versucht sich gegenseitig zu führen. Es hatte der Legilimentik zumindest einen Teil der schmerzhaften Übergriffigkeit genommen und erst als eine gewisse Sicherheit bestanden hatte, war die Okklumentik dazu gekommen.

    Clairmont würde sie trotzdem sicher nicht das Händchen halten. Sie bezweifelte, dass der (oder die Todesser, die sich dem Zauber als Attacke bedienen würden, auf feinfühlige Einwilligung warteten oder sich um Sicherheit bemühen würden. Vielleicht war Schocktherapie hier ohnehin der beste Weg.

    Du konzentrierst dich jetzt einfach nur. Wenn du mich fragst, gibt es zwei Sachen die helfen. Erstens: Arschbacken anspannen. – Kein Scherz. Konzentrier‘ dich auf’s Loch, als wärst du dir nicht sicher, ob der Eintopf vom Mittagessen nicht vielleicht doch gekippt war.“ Ein weiteres Nicken verlieh den Worten, die ganz danach klangen, als wollte sie Clairmont auf den Arm nehmen, Nachdruck. Es war ihr voller Ernst. Immerhin klang der zweite Tipp wesentlich sinnvoller und seriöser. „Zweitens: Mach‘s nicht zu kompliziert für den Anfang. Jemanden in die Irre führen oder in Gedanken lügen kriegen vielleicht Leute hin, die das seit Jahren trainieren. Du sicher nicht – schätzt du richtig.“ Bevor Clairmont diesen Satz in Gwendas stets belegter Tonlage als Unterstellung verstehen konnte, hob die Hexe eilig eine Hand und neigte den Kopf zur Seite. „Ich auch nicht.“, ergänzte sie bereitwillig.

    Einen Augenblick lang zögerte sie und wog ihre folgenden Worte kurz ab. „Versuch dir das langweiligste vorzustellen, an was du denken kannst. Kennst du diesen Moment kurz vor‘m Aufwachen, wenn du im Halbschlaf aber schon durchgehst, welche ätzenden Aufgaben den Tag über auf dich warten? Versuch‘s damit. – Gut.Das war nun eindeutig ein Abschluss. Eine Lehrstunde über Theorien würde jemand wie Rooney erteilen können, sie dagegen war eher der Typus: ins kalte Wasser springen. Ironisch, wenn man bedachte, dass Gwenda nicht einmal eine besonders gute Schwimmerin war.

    Es folgte kein Herunterzählen, keine letzte Aufmunterung oder Rückversicherung, sondern Gwenda hob simpel ihren knorrigen Zauberstab und richtete ihn direkt auf die Stirn ihres Gegenübers. Der gesprochene Zauber war ein einzelnes, simples Wort: „Legilimens.

    Die Realität kippte nach vorne. Gwenda fühlte sich fern an den Versuch erinnert, mit einem kalten Messer ein zu dickes Stück Butter zu zerteilen. Ihr erster, möglichst zaghafter Versuch ging nur langsam voran. Der junge Zauberer kämpfte sichtlich, zuerst war ein ein sanftes nach Vorne gleiten, dann verlieh sie ihrer Konzentration jedoch den Nachdruck, den sie bei Murtagh benötigt hatte und zerdrückte das imaginäre Stück Butter regelrecht mit roher, gedanklicher Gewalt.

    Es wurde dunkel.


    // on the road. Einfärben hole ich im Laufe des Abends nach.

  • So langsam nahm er Gwenda ihre beiläufige Art übel. Sie schien nicht im Geringsten darum bemüht, ihm irgendwie weiszumachen, das hier würde nicht so schlimm werden. Normalerweise befürwortete er diese realistische Herangehensweise. Allerdings mangelte es der Hexe an der Einfühlsamkeit, die eine Virginia besaß. So grob sie im Umgang sein mochte: Im Gegensatz zur Waliserin schien sich die Schottin leichter erweichen zu lassen, eine sanftmütige Ader hindurch blitzen zu lassen. Gwendas Abwinken hatte beinahe etwas unangenehm Spöttisches, als würde sie sich einen Scherz daraus machen, ihm die Angst in den Körper zu treiben. Er kommentierte seinen wachsenden Missmut nicht, schließlich würde er gleich mehr oder weniger in ihrer Gewalt sein. So nah sein Zauberstab auch war, es wäre dumm, nach ihm zu greifen. Unter ihnen durfte es auf keinen Fall eskalieren. Sie standen auf der gleichen Seite. So musste Byron über die Sache nachdenken. Nicht anders.

    Ihre Bewältigungstaktiken klangen mehr als seltsam, doch er musste ihr zugute halten, dass sie ernsthaft bemüht klang, ihm etwas Hilfreiches an die Hand zu geben. Augenblicklich spannte er bei ihren Worten die Muskeln an, hatte die Augenbrauen fokussiert zusammengeschoben. Seine Mimik stellte definitiv nach, was sie da wenig elegant zu beschreiben versuchte. Er atmete tief aus, nickte auf ihre Worte hin. Sie hatte recht. Sich zu übernehmen, wäre fatal. Zum Glück besaß er genug Bescheidenheit und Ehrfurcht vor der Thematik, dass ihm diese Taktik nicht ernsthaft in den Sinn gekommen wäre. Er presste die Lippen aufeinander, spürte sein Herz mit mehr Druck gegen seinen Rippenkäfig klopfen. Halbschlaf war nicht das beste Stichwort, wusste er doch zu gut, wohin seine Gedanken als allererstes in letzter Zeit gingen, kaum dass ihm langsam sein Bewusstsein morgens auflauerte. An etwas Langweiliges denken, das klang doch ... gut. Sie gab ihm keine Gelegenheit, sich auf den Zauberspruch vorzubereiten. Er zuckte zusammen. Es fühlte sich an, als würde aus ihrer Zauberstabspitze eine Hand heraus geschossen kommen, die sich an seiner Stirn vorbei in seinen Kopf hinein kratzen wollte. Keine Samthandschuhe. Byron hielt den Atem an, verwendete jegliche Kraft darauf, sich gegen sie zu wehren. Es war nicht von langer Dauer. Der Zauber entfaltete sich in Form einer Faust, die ihm direkt ins Gehirn schlug und damit erbarmungslos Gedanken herausschütteln wollte. Irgendetwas Langweiliges. Er verzog sein Gesicht, offensichtlich bemüht darum, das Bild des Zähneputzens aufrecht zu halten. In seinem kleinen Badezimmer in London. Es war ein vertrauter Geschmack auf seiner Zunge, der sich schlagartig wandelte. Das Haus seiner Eltern, wo die Fliesen im Badezimmer einen unansehnlichen Grünton hatten und die Zahnpasta minziger schmeckte. Seine Eltern. Muggel. Er wollte nicht bei ihnen verweilen. Das Bild änderte sich erneut. Hogwarts. Sein Kopf sprang unwillkürlich vom Badezimmer zum Gemeinschaftsraum der Ravenclaws. Es musste am steigenden Druck in seinem Schädel liegen. Ein blonder Lockenschopf trat in sein Sichtfeld. Ihr erheiterndes Kichern rang in seinen Ohren. Freya. Etwas in seinem Inneren zog sich zusammen. Schmerz, den er irgendwo tief in seinem Innersten vergraben hatte und nun gespürt werden wollte. Nein. Er wollte das nicht. Er musste sich Gwendas Ratschläge ins Gedächtnis rufen. An Banales denken. Es funktionierte nicht. Vor seinem Auge erschien in leuchtendem Rot das Wort Schlammblut, wie es sich kurzweilig in seine Hand gefressen hatte, ihn auslachte. Alicia Dolohow. Die Person, bei der er nicht hatte landen wollen. Er musste letztlich wieder Luft holen bei der unausweichlichen Erinnerung an die Qualen, die sie ihm zugefügt hatte. Die Narbe, die sie ihm geschenkt hatte. Wie fühlt es sich an? Die vertraute Stimme legte sich über den Schmerz, erdrückte ihn auf beschwichtigende Weise. Es hätte angenehm sein müssen, doch es löste Panik in ihm aus. "Stopstopstopstop!" Sie musste schleunigst raus aus seinem Kopf.

  • Vielleicht hätte es doch ein besseres Safeword gebraucht…
    Kaum dass Gwenda die weiche Schicht, die sie zurückgehalten hatte, passiert hatte, schlug ihr chaotische Anspannung und der bittere Anflug von Angst und Nervosität entgegen. Sie spürte die aufgewühlten Emotionen, als wären sie ihre eigenen, spürte den geistigen Schlag in der Magengrube, den sie dem jüngeren Zauberer verpasste. Allerdings hatte sie die Chance, sich zu fangen und sich von der überwältigenden Empfindung zu distanzieren. Ein flaues Gefühl in der Magengrube, ein leises Ziepen auf dem Handrücken, blieb jedoch. Gwenda widerstand dem Drang, sich zu kratzen und ihre eigene Konzentration wanken zu lassen.
    Reiß dich zusammen, Clairmont!, blaffte sie; jedoch erklangen die Worte nur in seinem Kopf. Gwenda dachte nicht einmal daran, sich bereits nach ein paar wenigen Sekunden zurückzuziehen, und sie forderte von ihrem unglücklichen Schüler das gleiche Durchhaltevermögen ein, für das sie sich selbst rühmte.
    Wenn du nach drei Sekunden schon einknickst, noswaith dda. Willst du dem Legilimentor vielleicht gleich noch deine Adresse aufschreiben? Sollen wir ihn zum Tee einladen?
    Gwenda war laut. Was nach einer schroffen Schikane klang, war tatsächlich ihre Methode, um das gehässige Säuseln aus einer düsteren Erinnerung zu überlagern. Ihr selbst stellten sich die feinen Härchen auf den Armen auf; wieder musste sie sich dagegen wehren, sich auf Clairmonts Gefühle einzulassen. Doch sie vertrieb das Bild einer jungen Frau und das entrückte Lachen mit derselben Rohheit, mit der sie bereits in Clairmonts Kopf eingetreten war.
    Sie hatte es ihm versprochen.
    Also trat sie einen Schritt zurück. Es war schwer, sich durch den aufgewühlten Wirbel zu kämpfen, allerdings griff sie nun zielsicher nach einer anderen Erinnerung, die ihr einerseits harmlos vorkam und die andererseits ein dankbarer Zugang war. Gwenda kannte die Badezimmer im Turm der Ravenclaws – sogar das der Jungs.

    Sie glitt zurück in den Raum und zwang Clairmont dazu, sich umzusehen. Sie umkreiste ihn, ohne sich zu manifestieren, jedoch blieb ihr Geist direkt vor dem feinen, hübschen Gesicht eines blonden Mädchens stehen. Sie strahlte eine Wärme aus – und gleichzeitig schien in ihrer Mitte bereits der kalte Schmerz von Verlust zu pulsieren, weil eine andere Erinnerung sie drohte zu überlagern.
    Hätte die echte Gwenda im maroden Wohnzimmer im Grimmauldplatz nicht mit angestrengtem Starren die Brauen zusammengezogen, hätte sie sich in diesem Moment vielleicht zu einem kurzen Schmunzeln hinreißen lassen. Sie hatte einen Plan, von dem sie sicher war, dass er Clairmont nicht gefallen würde. Ihrer Meinung nach brauchte er den Schubs und nicht die Samthandschuhe und das Händchenhalten.
    Süß., kommentierte Gwenda die eingefrorene Szenerie mit hörbarem Zynismus. Sie hielt sie fest umklammert, als würde sie eine Katze im Genick packen, die ihre Medikamente nicht nehmen wollte. Ab und an wackelte die Szene ein paar Schritte vor, ein paar Schritte zurück, kehrte jedoch immer wieder zum gleichen Standbild zurück. Macht ihr gleich rum? Bisschen viel zu feuchtes Teenager-Knutschen? Oder hast du dich nicht getraut? Ohw. Weißt du – Verliebtheit kitzelt immer ein kleines bisschen, wenn man mit Legilimentik drin rumbohrt. – Wollen wir nachschauen? Oder schmeißt du mich raus?
    Gwenda provozierte bewusst. Das Ravenclaw-Bad machte es ihr besonders leicht, den alten Tonfall eines school bullies zurückzuholen, dabei kannte sie das Kitzeln, von dem sie sprach, nur aus ihren eigenen Gedanken, die sie verbissen und peinlich berührt versucht hatte zu verstecken. Ihr hatte es geholfen. Also würde sie Clairmont auch zumindest einmal versuchen zu zwingen.

  • Gwendas Stimme in seinem Kopf war lauter als alles andere, das sich darin abspielte. Dominant und einnehmend nahm sie Kontrolle von ihm. Byron fühlte sich, als würden ihm Türen vorm Gesicht zugeschlagen werden, die er versuchte zufluchtssuchend zu öffnen. Aus dem Zusammenbeißen seiner Zähne wurde ein frustriertes Knirschen. Er mochte die Worte nicht, die sie ihm so skrupellos entgegen schmetterte, wusste aber, dass sie recht hatte. Resilienz. Er brauchte mehr davon. Hatte er sie nicht mal gehabt? Was war in den vergangenen Jahren mit ihm passiert? Ein Schwächling war aus ihm geworden, dem die Zügel über seine eigenen Gedanken entglitten. Beinahe bereitwillig gab er sie der Hexe in die Hand. Rastlos fühlte er sich beim Versuch, durch die Bibliothek seiner Erinnerungen zu blättern, auf der Suche nach etwas Harmlosem. Etwas, womit sie Gwenda abschütteln konnte. Stattdessen wurde er von sich selbst betrogen. Es zeigten sich Fetzen, die er verborgen halten wollte. Man konnte es schon fast als Glück bezeichnen, dass die Waliserin sich eine mit Freya in der Hauptrolle raus gepickt hatte, um ihn zu schikanieren. Nicht, dass es ihm möglich gewesen wäre, dies in dem Moment anzuerkennen.

    Eine Kälte ging durch seinen Hinterkopf, gefolgt von einem schmerzhaften Ziehen, als würde Gwenda ihm auf ruppige Weise an den kurzen Haarsträhnen ziehen, ihn zwingen, den Blick auf das Bildnis seiner Ex-Freundin gerichtet zu lassen. Auf ihr Lachen, das ihm im Ohr rang, sich biss mit den harschen Worten seiner Mentorin. Und dann verstummte. Wut quoll in ihm auf. Darüber, dass sie ihn wohlwissend quälte. Schmeißt du mich raus? Ihm war klar, was sie zu bezwecken versuchte. Sie wollte ihn anstacheln, ihn dazu bringen, alles abzuschütteln, was er an Emotionen zu fühlen drohte. Etwas in ihm pochte wild. Ein Herzschlag? Schmerz? Er wusste es nicht. Seine Oberlippe zuckte unkontrolliert, je länger er Freyas Gesicht fixierte. Mit einem zittrigen Ausatmen bemühte er sich drum, das Bedürfnis loszulassen, seine Hand an ihre Wange zu legen. Das hier war nicht echt. Es war eine Erinnerung. Nichts weiter. Was auch immer er empfand, war nicht mehr als ein Abbild der Empfindungen seines alten Ichs. Es passierte nicht jetzt. Gwenda konnte ihm damit nicht weh tun. Oder? Er konzentrierte sich auf seine Muskeln, darauf, sie zu entspannen. Es klappte nur bedingt. Das Badezimmer im Hintergrund verschwamm in einem gemächlichen Tempo. Er blickte um sich. Wie unter dem Druck eines Wasserstrahls zerflossen die Wände. Freya stand nicht mehr im Badezimmer, sie saß in Madame Puddifoots Café. Das Pochen in Byrons Innerem intensivierte sich. Ob Gwenda es ebenso spüren konnte? Er schluckte, wollte den Kloß bekämpfen, der ihm die Luft abzuschnüren drohte. Das hier war nicht echt. Er klammerte sich an ihre Worte von eben. Reiß dich zusammen, Clairmont! Er atmete tief aus.

    Der Platz ihm gegenüber wurde leer. Der Tee war kalt. Das kitschige Valentinstagskonfetti fiel auf den Tisch, statt in Freyas Haarpracht zu landen. Die Hexe musste spüren, wie sich Verwirrung in Byrons Kopf ausbreitete. Er fühlte, wie er den Halt unter den Füßen verlor. "Ich brauche eine Pause. Bitte."

  • Dieses Mal gab die Hexe der Bitte nach.
    Sie ließ den Zauberstab sinken, und die rasenden Emotionen, die verwaschenen Bilder von Cafés und alten Flammen, rissen ab, als wären sie nie real gewesen. Was auch auf Gwendas Seite blieb, war das Gefühl von Schwindel, während sich ihr eigener Herzschlag überschlug – unsicher, ob er nun in einem ruhigen Körper schlug oder in einem, den man gerade magisch heftig geschüttelt hatte. Glitzernde Schweißtröpfchen hatten sich auf der Oberlippe der Drachenwärterin gebildet, und sie seufzte betont, ehe sie sich auf ihrem Stuhl zurückfallen ließ und sich mit dem Handrücken über das Gesicht wischte. „Puh“, ließ sie dabei verlauten und betrachtete den Stadtzauberer eine Weile aufmerksam.

    Ihre Mimik unterschied sich kaum von ihrer üblichen verdrießlichen Maske, nur dass sich tatsächlich eine dünne Sorgenfalte zwischen ihre dichten Brauen gegraben hatte. Clairmont wirkte gehetzt, vielleicht sogar ein wenig blass. Sie wartete ein paar Sekunden, um sicherzustellen, dass er nicht die wankende Jungfer spielen würde, nickte aber schließlich – überraschend zufrieden. „Das war doch schon mal gar nicht so schlecht.“, lobte sie schlicht und erhob sich von ihrem Stuhl. Es war kein hohler Trost. Es war nicht zu erwarten gewesen, dass Clairmont sie hätte herausdrängen können, allerdings hatte er es zumindest ansatzweise geschafft, die einzelnen Szenen im Fokus zu behalten und nicht zur Gänze zu verlieren. Es war ein Anfang. Und der zumindest kurz zugedrehte Rücken war das einzige bisschen Privatsphäre, das sie ihm in diesem Moment anbieten konnte.

    Mit federnden Schritten schlenderte sie hinüber zu dem zuvor achtlos zur Seite geworfenen Mantel und begann, in dessen Taschen zu kramen. „Manche Leute bekommen’s wohl nie hin, jemanden rauszuhalten. Aber was du gerade unbewusst probiert hast, ist auch eine Taktik. Du könntest damit noch weitergehen. Dich so sehr in irgendetwas verbeißen, dass deine Emotionen so heftig zum Überkochen bringt, dass es jemand anderen zwangsläufig überrollt. Müsste jedenfalls auch funktionieren, denke ich.“ Das Fachsimpeln der ehemaligen Ravenclaw wurde von einem ungetrübten Achselzucken begleitet. Es war kein rezitiertes Buchwissen, kein verifizierter Fakt, aber eine Annahme, die ihr extrem naheliegend schien, wenn sie davon ausging, wie sie Okklumentik und Legilimentik bisher erlebt hatte; jemanden mit der puren Wucht von Emotionen zu erschlagen, musste möglich sein. Es sei denn natürlich, man hatte es mit einem abgebrühten, gefühllosen Monster zu tun. „Wenn du schamlos bist: Vielleicht sogar Sex.

    Bei dieser Vermutung zog sie die Mundwinkel nach unten, und einen Moment lang hielt sie mitten in der Bewegung inne. Offensichtlich dachte sie nach, stimmte sich selbst in Gedanken zu und begann, den Kopf zu wiegen. Selbst wenn der Anwender des Zaubers nicht prüde wäre, würde ihn das sicherlich gehörig verunsichern, und ein klitzekleines Zögern war manchmal immerhin alles, was ein Verbündeter brauchte, um zur Hilfe zu eilen.

    Ist natürlich gefährlich, wenn’s doch zu emotional wird. Ein richtig mieser Legilimentiker kann jemandes Erinnerungen auch komplett manipulieren und dir Sachen einflüstern, die nicht wahr sind – aber ich denke, das ist nicht möglich, wenn man den Zauber mitten im Kampfgetümmel rausballert. Das braucht Fingerspitzengefühl.

    Die Hexe schnaubte und überkreuzte plötzlich die Finger ihrer linken Hand, um mit dieser Geste dreimal gegen ihre Brust zu klopfen. „Und ich hoffe mal, dass niemand neben jemandem schläft, der das nachts versuchen würde. – Rauchst du?

    Offensichtlich endlich fündig geworden, drehte sich Gwenda wieder herum und offerierte Clairmont nicht etwa eine praktische Schachtel Zigaretten, sondern einen kleinen Lederbeutel, der nach Tabak und anderen Kräutern duftete. Die dazugehörige Pfeife hatte sie sich beim Sprechen bereits in den Mundwinkel geklemmt.
    Sie konnte sich vage daran erinnern, dass sie um ihn schon einmal den erdigen Geruch von Rauch vernommen hatte, wusste aber nicht, woher er gestammt hatte, geschweige denn, was er rauchte. Sie pflegte jedem ihren Tabak mit einer Selbstverständlichkeit anzubieten, als gäbe es gar keine Alternative zu ihrer Pfeife. Das war die Sache mit Hexen wie Gwenda – mit Familien wie den Manawydans. Sie waren keine Reinblüter, auf gewisse Art aber genauso eigenartig, wenn nicht sogar eigenartiger. In ihrer Welt, nicht selten fern von den Städten, die sie sich mit Muggeln teilten, war die Zeit irgendwann stehen geblieben, und traf man mehrere von ihnen, konnte man wirklich leicht daran zweifeln, ob man nun 1726, 1899 oder 2025 am Tisch saß.

  • Erlösung. Ihr Rückzug kam mit einem unangenehmen Ziehen, brachte erst dann Erleichterung, als die Erinnerungen gänzlich hinfort gewischt wurden. Ein Schwindelgefühl breitete sich in ihm aus. Sein Kopf fühlte sich mit einem Mal leicht an – nicht auf berauschende Weise. Eher, als müsse er mit den Händen danach greifen, aus Angst, er könnte wie voller heißer Luft emporsteigen. Erst beim Öffnen der Lippen, dem Ansatz eines Lautes, fiel ihm auf, wie schwer sein Atem ging. Es hatte mehr Anstrengung gekostet, als ihm klar gewesen war. Vermutlich hatte er sie in dem Moment nur bedingt wahrgenommen, war er doch viel zu beschäftigt damit gewesen, sie nicht zu viel Kontrolle über sein Inneres erhalten zu lassen. Es wirkte unfair, wie wenig er geschafft hatte, so unruhig, wie sein Körper nun reagierte. "Ich glaube, mir ist schlecht", platzte es schließlich aus ihm raus. Er hielt sich eine Hand an den Mund, versuchte, kräftig zu schlucken und das widerliche Gefühl in seinem Mund loszuwerden.

    Es war ein kleiner Trost, dass Gwenda immerhin auch etwas geschafft war von dieser Übung. Er bedachte sie eines vorsichtigen Blickes, fast schon ehrfürchtig und schamerfüllt. Schließlich hatte sie gerade einen Einblick in seinen Kopf erhalten, hatte Details über seine Vergangenheit erfahren, über die er nicht innerhalb des Ordens redete. Abstrus, dass es einfacher war, von Alicia Dolohow zu erzählen als von Freya Bràigheach. Zu seinem Glück fragte Gwenda nicht danach, wollte keine Details wissen, sondern hatte ein Kompliment für ihn übrig. Die Überraschung darüber schaffte es, die Übelkeit ein Stück in den Hintergrund zu rücken. "Wirklich?", entkam es ihm ungewollt ungläubig. Vom Piesacken vor wenigen Sekunden noch war nichts übrig. Eine Spur von Anerkennung war in ihrer Stimme herauszuhören – und nährte die Hoffnung in Byron, er könnte das hier irgendwann hinbekommen. Sie drehte ihm den Rücken zu, machte es damit unmöglich, ihre Mimik weiter zu deuten. Er nutzte den Moment des unbeobachtet Sein, um sich selbst kräftig auf die Brust zu klopfen, den Rest des flauen Gefühls einfach auszuhusten.
    "Was ... habe ich denn gerade probiert?" Seine Stimme war beim Herauspressen der Frage noch ein wenig kratzig. Er war sich nicht ganz sicher, was genau gerade passiert war. Nur, dass es ihm eine nicht proportional große Menge an Anstrengung abverlangt hatte. Was sie vorschlug, brachte ihn dazu, sie etwas verdattert anzustarren. Mit Emotionen überrollen. Er hielt es ja bereits selbst kaum aus, so viel zu spüren. Es hatte seinen Grund, dass er die Erinnerungen an Freya ganz weit weg geschoben hatte. Minimal weiteten seine Augen sich bei der Vorstellung, er würde bewusst in einem solchen Moment an Sex denken. Genau das, was er sich aktuell nicht leisten konnte.

    Er nickte bloß, tat so, als würde er ihren Ratschlag ernsthaft in Erwägung ziehen. Es war keine wirkliche Option, doch sie dazu zu verleiten, es auszuprobieren, sobald sie merkte, wie unangenehm ihm diese Idee aufstieß, wollte er auch nicht. Das Gefühl, ertappt worden zu sein, holte ihn erneut ein. Mekkinó war kein Legilimentiker. So viel glaubte er zu wissen. Nichtsdestotrotz war es nicht fernliegend, davon auszugehen, dass auch er diese Fähigkeit erlernen könnte. Was hielt ihn davon ab, genauso eine Lehrstunde mit dem Todesser zu vereinbaren, dem Em ein hübsches Andenken an die Finalnacht mitgegeben hatte? Er schluckte so unauffällig wie möglich, starrte ihr dann etwas perplex auf die Hand. Ein vertrauter Geruch kroch ihm in die Nase. Beim Inhalt in der Ledertasche musste es sich um Tabak handeln. Irgendwie typisch, dass dies ihre präferierte Art des Nikotin-Konsums war. "Äh. Ja, aber nein. Danke. Ich rauche Zigaretten." Mit leicht zittrigen und etwas schwitzigen Fingern griff er in seine Hosentasche, holte die zerdrückte Packung hervor und klemmte sich einen Glimmstängel zwischen die Lippen. Gwendas beste Idee bisher. Noch bevor er sie sich ansteckte, entfernte er sie wieder, leckte sich über die trocken gewordenen Lippen. "Woher kannst du das eigentlich? Legililmentik und Okklumentik?" Er hatte sich bisher nicht viel Zeit genommen, das andere Ordensmitglied kennenzulernen. Es hatte ihn nicht daran gehindert, eine ordentliche Portion Respekt ihr gegenüber zu empfinden. "Wenn das mit der Okklumentik irgendwann klappen sollte ..." Seinen eigenen Satz ließ er in der Luft hängen, um doch seine Zigarette anzuzünden und an ihr zu ziehen. "Kannst du mir dann auch Legilimentik beibringen?"

  • Als Byron das Angebot der Hexe ausschlug, zuckte diese ungerührt mit den Achseln und zog den ledernen Tabakbeutel zurück. „Wie du meinst, boyo.“, kommentierte sie dabei genuschelt, da sie sich das Mundstück ihrer Pfeife längst zwischen die Lippen geklemmt hatte, während sie noch damit beschäftigt war, mit drei Fingern routiniert im Beutel nach dem Kraut zu fischen. Eher beiläufig sah sie dabei noch einmal zur Seite und beförderte einen alten Weidekorb, der zugestaubt neben dem Sofa gestanden hatte, mit einem lockeren Kick in Clairmonts Richtung – nur für den Fall, dass die Zigarette einen gegenteiligen Effekt haben würde. Gwendas unverhohlen kritischer Blick ließ erahnen, dass sie Zweifel hatte. Sie hielt nicht viel von den kleinen Glimmstängeln, insbesondere nicht von denen, die von Muggeln gefertigt waren. Generell empfand die Drachenwärterin nur wenig Gegenliebe für Dinge, die aus der nicht-magischen Welt stammten, und machte daraus auch keinen besonderen Hehl.

    Als sie mit dem Zauberstab schließlich lose gegen den Pfeifenkopf tippte, zuckten ihre Brauen einmal kurz nach oben. Sie ließ sich Zeit, Clairmont zu antworten, und blies stattdessen die Wangen auf, nur um kurz darauf einen nur halb geformten Rauchkringel von ihren Lippen rollen zu lassen. „Du hast dich unbewusst an anderen Erinnerungen entlanggehangelt. Das war nicht ich. Das ist zwar nicht unbedingt richtige Abwehr, aber trotzdem eine Möglichkeit, zumindest irgendwie abzulenken.“, erklärte sie danach nüchtern und lehnte sich locker gegen die Lehne des Sofas. Es knarzte bedrohlich, allerdings schien sich Gwenda nur wenig daran zu stören.

    Sie war viel zu fixiert darauf, den jüngeren Zauberer so eindringlich zu betrachten, als müsste sie sich sein Antlitz für ein Porträt einprägen. Zwangsläufig ging ihr dabei einmal mehr durch den Kopf, wie wenig sie über ihn wusste. Byron Clairmont erschien ihr auf eigentümliche Art schlüpfrig – auch wenn das nicht unbedingt das richtige Wort war. Er war nicht wirklich scheu, nicht wirklich ausweichend, aber für Gwenda schwer fassbar. Vielleicht, weil ihre Lebensrealitäten meilenweit voneinander entfernt lagen. Es war wahrlich ein Glück, dass sie ohnehin selten eine Stille als unangenehm empfand; denn obwohl sie die Gedanken kurz gleiten ließ, fiel ihr nicht ein einziges Gesprächsthema ein, um die Situation weniger angespannt zu machen. Es kam ihr übergriffig vor, seine Erinnerungen anzusprechen – ganz abgesehen davon, dass sie in Sachen Heuchelei noch immer schlecht gewesen war.

    Dem Journalisten – natürlich – ging es dabei offensichtlich anders. Er war noch fahrig dabei, sich mithilfe seiner Zigarette zu sammeln, als er die erste Frage stellte. Es war natürlich, dass er das wissen wollte. In gewisser Weise schuldete sie ihm wohl auch ein Mindestmaß an Auskunft.
    Nichtsdestotrotz ließ sich Gwenda abermals Zeit und antwortete zunächst nur mit einem abwehrenden Brummen, ehe sie an dem Mundstück schmatzte.

    Es wäre einfach gewesen zu lügen. Allerdings war das nicht unbedingt ihre Art, ganz egal, wie verschlossen sie sich gab. In der Regel antwortete sie auf sämtliche Fragen ehrlich und schonungslos, im Zweifel eben mit „Das geht dich nichts an“, auch wenn eine kleine Notlüge die sozial adäquate Reaktion gewesen wäre.

    Purer Zufall. Ein Freund von mir ist ziemlich gut da drin. Und im letzten Jahr haben wir…“ Die Hexe stockte und verengte die Augen. „Nennen wir es: Nach einer gemeinsamen Erinnerung gesucht. An ein Denkarium sind wir nicht rangelassen worden, ich konnte mich nicht richtig erinnern, also haben wir’s damit probieren müssen. Und dabei hat sich rauskris­tallisiert, dass ich ein Händchen für Okklumentik habe, also haben wir’s… vertieft.“ Das klang sehr trivial – beinahe salopp. Gwendas Mundwinkel zuckten, und sie sah sich genötigt, beschwichtigend die Hand zu heben. „Keine Sorge. Das war… nicht nur ein bisschen Rumprobieren. Wir haben da schon Schweiß reingesteckt. Danach hab’ ich’s mit meinem Onkel vertieft.

    Dass es ihrer und Murtaghs Meinung nach in gewisser Weise um Leben und Tod gegangen war und dass die Okklumentik nötig gewesen war, um einen Einbruch in das Ministerium zu verstecken, waren dann allerdings doch die kleinen Details, die sie ausließ. Nicht einmal Virginia wusste davon. Ein Kopfschütteln folgte so auch auf die letzte Anfrage. „Nein.“, antwortete Gwenda knapp.

    Das würde voraussetzen, dass du jemanden findest, in dessen Kopf du wühlen kannst. Aber dann sehe ich nicht, was du machst, und im schlimmsten Fall richtest du richtig Schaden an. Und in meinen lass’ ich dich nicht rein. Sori.

    Gwenda blies den nächsten Rauchkringel in die Luft, der dieses Mal noch eine ganze Weile durch den Raum waberte. Auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ, spürte sie ihren angestrengten Herzschlag immer noch.

    Lässt du dir Hausaufgaben von mir geben?

  • Ihre ruppige Art wurde unterstrichen von dem Weidekorb, den sie mit einem Tritt in seine Nähe brachte. Byron sah etwas perplex auf ihn herab, als er neben seinen Füßen zum Stehen kam. Egal, wie übel ihm war – er würde ganz sicher nicht vor der Drachenwärterin das Weichei geben und direkt hier in einen Korb kotzen. Im Gegensatz zu ihm schien sie sich nämlich recht schnell wieder gefangen zu haben. Sie saß da, als wäre es ein gewöhnlicher Sonntagnachmittag. Er ging einfach mal davon aus, dass sie all ihre Sonntagnachmittage damit verbrachte, wie ein alter Mann in einem Stuhl zu hängen und mit dem Mund erzeugte Ringe aus Rauch zu perfektionieren. Dass sie ihn damit auf die Folter spannte, weil sie mit ihren Antworten auf seine Fragen auf sich warten ließ, schien sie nicht groß zu kümmern. Byron kniff die Augen leicht zusammen, senkte den Blick auf seine vor sich hin glühende Zigarette, nur für den Fall, dass sein Ausdruck etwas verriet, das er lieber für sich behalten wollte. In jedem Fall war deutlich zu erkennen, dass es in seinem Kopf ratterte, obwohl er eine Pause dringend nötig gehabt hätte. Die zusammengepressten Lippen sollten nicht nur die Übelkeit zurückdrängen, sondern auch das Geständnis, nicht den blassesten Schimmer gehabt zu haben, was er da tat. Er wollte nicht wie der reinste Schwächlich rüberkommen, war sich aber gleichzeitig unsicher, ob der Zug nicht schon längst abgefahren war.

    Umso erleichternder war es, als das Gespräch sich in eine andere Richtung entwickelte. Nicht mehr er im Vordergrund stand, sondern Gwenda. Für so offen hätte er sie nicht gehalten. Ob auch sie zu erschöpft war, um ihn anzublaffen, dass ihn ihre Geschichte einen feuchten Dreck anging? Was die Antwort war, spielte keine Rolle. Er war dankbar drum. Ein Freund hatte ihr das Ganze beigebracht. Automatisch fragte er sich, ob sich mehr hinter diesem Wort verbarg. Es kratzte ihn im Hals, danach zu fragen, dicht gefolgt davon, nach welcher Erinnerung sie gesucht hatten. Doch er wusste, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war, dass er ihre Geduld besser nicht überstrapazieren sollte, solange sie recht einfachen Zugriff auf seine Gedanken hatte. "Was meinst du mit Händchen? Bist du ... ein Naturtalent?" Eindringlich sah er sie an, als wolle er herausfinden, wie das zusammenpasste. Jemand, der offensichtlich kein Blatt vor den Mund nahm, aber die eigenen Gedanken gut vor Fremden verschleiern konnte. Sie ließ ihm nicht viel Zeit, darüber zu sinnieren. Enttäuscht ließ er die Schultern sacken, nickte aber dennoch. "Von was für einem Schaden reden wir genau?" Dass es da eine gewisse Person gab, für die es nicht schlecht wäre, der Legilimentik mächtig zu werden, behielt er für sich. "Ja, natürlich." Das aufkommende mulmige Gefühl versuchte er mit einem weiteren Zug von der Zigarette zu kompensieren. Was auch immer sie vorhatte, ihm mitzugeben, es würde unangenehm werden. "Was für Hausaufgaben?"

  • Der nächste Rauchkringel drehte sich in der Luft und waberte in Form eines Unendlichkeitssymbols in Richtung der verrammelten Fenster. Gwenda hob beide Achseln und ein kurzes Zucken umspielte ihre Oberlippe. Es war unmissverständlich, dass ihre Gesichtsmuskeln ihr befahlen, ein selbstzufriedenes Schmunzeln zu formen, jedoch unterdrückte sie den Impuls eilig mit dem nächsten Paffen. Obwohl die walisische Hexe alles andere als zurückhaltend war, sicherlich nicht so wirkte, als hätte sie Probleme mit ihrem Selbstbewusstsein, empfand sie das wohlige Kribbeln von Stolz stets als unpassend. Es fühlte sich überzogen an – falsch, kindisch.

    Nichtsdestotrotz war es gar nicht so einfach, ihre Lippen wieder in den Griff zu bekommen, während sie ein schlichtes „Sozusagen.“ antwortete. Allerdings hatte Gwenda bisher tatsächlich nur wenig Gelegenheit dazu gehabt, auf ihr ungewöhnliches Talent stolz zu sein. Bisher war es in ihren Augen reine Notwendigkeit gewesen, und Scheitern gehörte ohnehin nicht zu den Alternativen, die sie freiwillig hinnahm. Gwenda war eine verbissene Person – sowohl mental als auch emotional.

    Als die Drachenwärterin schließlich abwinkte, schnaubte sie kurz auf. „Pure, ungefilterte Sturheit scheint bei manchen Sachen eben doch Vorteile zu haben.“, scherzte sie selbstironisch. Sie wusste um ihren sorgsam gepflegten schlechten Ruf, den sie auch mit in den Orden gebracht hatte.

    Das kurze, ungewohnt nahbare Lächeln erstarb jedoch wieder binnen Sekunden, als sie den Kopf schüttelte. „Im schlimmsten Fall sorgst du dafür, dass jemand absolutes Gemüse wird. Oder verdrehst Emotionen und Erinnerungen. Als ich in der siebten Klasse war, gab es mal ein ganz cooles Pärchen, das den Quatsch aneinander geübt hat. Romeo ist dann erstmal auf der Langzeit-Station im St. Mungo gelandet. Seinen Abschluss in dem Jahr konnte er sich in die Haare schmieren – der konnte kaum noch seinen eigenen Namen sagen.“ Regelrecht angeekelt zog Gwenda die Nasenflügel kraus, als sie die Geschichte wiedergab, die zu ihrer Zeit in Hogwarts kursiert war, auch wenn sie nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob sie stimmte. Fremde Personen in einem Kopf herumpfuschen zu lassen, war immer gefährlich – umso gefährlicher, wenn man die eigenen Fähigkeiten überschätzte.

    Naja“, schloss sie dann jedoch ab, und ihre Stirn legte sich wieder in die altbekannten, kritischen Falten, während sie Clairmont eindringlich musterte. „Bis zum nächsten Mal“ – daran, dass es ein solches geben würde, schien die Hexe offensichtlich nicht zu zweifeln – „machst du dir eine Liste. Schreib dir im Zweifelsfall eine Szene auf, wenn das als Schreiberling dein Ding ist. Irgendetwas, bei dem es dir leicht fällt, deine Gedanken kreiseln zu lassen, ohne dass es verfänglich werden kann. Schafe zählen, Kätzchen, überlegen, ob du den Herd ausgemacht hast. Vielleicht hilft es zum Einstieg, wenn du dir das vor die Nase halten kannst. Im Idealfall kannst du das in ein paar Wochen dann quasi selbst rezitieren… Und am besten schauen wir dann weiter.

    Sichtlich ins Grübeln geraten, tippte die Hexe mit dem Mundstück ihrer Pfeife gegen ihr Kinn. Sie würde sich selbst vermutlich doch weiter einlesen müssen, falls für Clairmont nicht die gleichen Ansätze funktionieren würden wie für sie. Und das erschien von Sekunde zu Sekunde immer wahrscheinlicher. Sie wusste, dass Murtagh die Sache bereits anders anging als sie, allerdings konnte sie ihn dahingehend nicht um Rat bitten. Zu viele Fallschlingen lagen auf diesem Weg.

  • Ihre Erläuterung zu ihrem natürlichen Talent – oder zumindest die Theorie dahinter – klang einleuchtend. Sie machte einen aufmüpfigen, beinahe trotzigen Eindruck auf ihn. Wenn er genauer darüber nachdachte, ergab es Sinn, dass sie Menschen mit Leichtigkeit davon abhalten konnte, in ihren Kopf zu schauen. So ganz allgemein wirkte sie nicht wie jemand, dem viel an Nähe gelegen war. Weder an körperlicher noch an emotionaler. Er beneidete sie. Trotz aller Rationalität, die er bemüht war, an den Tag zu legen, ließ er sich von seinen Emotionen übermannen. Es war ihnen zu verdanken, dass er damals seinen Namen in den Feuerkelch geworfen hatte. Dass er sich hatte dazu verleiten lassen, Freya um ein Date zu bitten. Dass er einen Artikel beim Tagespropheten manipuliert hatte. Dass er sich dazu hatte hinreißen lassen, Mercury Nightowl zu küssen. Seiner Herausforderung nachgegeben hatte, als dieser seine Hände von seinem Körper genommen und ihm die Kontrolle über die Situation übergeben hatte. Ihm würde die Okklumentik bedeutend schwerer fallen als der Drachenwärterin, die ihm bisher nur eher harte Seiten von sich gezeigt hatte.

    Er nahm ihre Worte ernst. Jemandem das Leben zu zerstören, so sehr, dass der Tod eher ein gnädiges Geschenk war, klang wie sein absoluter Horror. Wenn er sich nicht täuschte, schwang bei Gwenda auch die Sorge um ihn mit. Was es bedeuten würde, jemandem so etwas anzutun. Was es mit einem machte. Mekkinó mochte Todesser sein, doch das hatte er nicht verdient. Die Vorstellung war dennoch verlockend. In seinen Kopf einzudringen und solange darin rum zu wühlen, bis er sich von menschenverachtenden Ideologien und Skrupellosigkeit löste. Es war eine lächerliche Fantasie, die nie in Erfüllung gehen würde. Er sparte sich eine Nachfrage zu Gwendas Mitschüler:innen. Erinnerungen waren trügerisch. Sie würde ihre nutzen, um ihm Angst einzujagen. Angesichts der Tatsache, dass ihm bereits kotzübel war, verzichtete er gerne darauf.

    Er klemmte sich die Zigarette zwischen die Lippen, holte routiniert seine Schreibfeder und ein Stück Pergament aus dem Zauberumhang neben sich und begann, sich Notizen zu machen. Etwas, das unverfänglich war. Er schätzte, es war eine gute Übung, an erster Stelle nicht an einen gewissen Isländer mit markanter schwarzmagischer Narbe zu denken.

    "Verstanden", meinte er knapp. Er hob den Blick, sah, wie sie sich mit der Pfeife gegen das Kinn tippte. Sie hatte sich Mühe gegeben. "Dann schauen wir weiter", wiederholte er zum gemeinsamen Einverständnis. Byron schaffte es, sich ein schwaches Lächeln abzuringen. Es spiegelte sein Inneres nicht gänzlich wider. Das Schlagen seines Herzens verriet ihm, dass er das Ganze hier noch bereuen würde. "Danke."


    Ende.

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