Erdgeschoss - Wohnbereich

  • In times like these

    we need each other

    20.09.2022, morgens

    @Deverell Rudolphus Burton & Landon Featherstone



    "Hey Rude, bist du schon wach?", die Papiertüten raschelten verführerisch, als Landon mit den Einkäufen in den Wohnraum trat, eine glühende Leichtigkeit umspielte seine Gestalt, ein Lächeln zierte seine Lippen- ein alles andere als gewöhnlicher Anblick. Lange hatte der Forscher nicht mehr so gestrahlt- jegliche Freude war von der Schwere der letzten Monate verschlungen worden, die sonst wie ein düsterer, bedrohlicher Schatten über seinen Zügen lag- doch das vergangene Wochenende der Auszeit, der Hoffnung und Wärme hatte Spuren hinterlassen. Landon hatte keine Lust sich den Kopf darüber zu zerbrechen und das tröstlich warme Gefühl in seiner Brust damit zu zerstören: Mit Gedanken darüber was genau das nun zwischen ihm und Ted war, schien es in den Momenten der Zweisamkeit doch so klar, oder ob es moralisch vertretbar war, ob er seine verstorbene Frau vielleicht hinterging (er wusste sie würde es verstehen, würde sich das bisschen Glück in seinem Leben wünschen) oder gar seit wann er sich in Männer verliebte. All das spielte keine Rolle, spielte keine Rolle mehr in diesen schweren Zeiten wo weitaus erschütterndere Themen seine Gedanken beanspruchten, wahre Sorgen ihn zerfraßen- warum also sich auch noch um das Schöne im Leben sorgen?

    Dass seine gute Laune auch im Quartier des Ordens nicht verschwinden wollte und das obwohl die leblose Gestalt Berties in besagten Gemäuern ruhte, die sonst doch stets eine drückende Schwere in seinem Herzen entfachte, sprach wohl besonders laut, zeigte nur einmal mehr wie wichtig Ted für Landon geworden war, wie sehr er die Hoffnung die von dem Professor ausging brauchte.

    Da Deverell nicht auf seine eher zaghafte Frage in den Raum reagierte, ging der Forscher vorerst davon aus, dass der Werwolf noch schlief- war schließlich nicht selbstverständlich zur frühen Stunde schon so aktiv zu sein wie der Kräuterkundler, welcher bereits seine Pflanzen versorgt hatte, nur um danach ausführlich für Rude einzukaufen- Landon entledigte sich seines Mantels und machte sich auf den Weg in die Küche wo er leise pfeiffend begann besagte Einkäufe auszupacken. "Was meinst du, Watson? Wollen wir ein leckeres Frühstück zubereiten?", wurde der kleine Bowtruckle gefragt, welcher Landon seit der Entführung nicht mehr von der Seite wich und es sich heute auf der Schulter seines Besitzers bequem gemacht hatte, von welcher er das rege Treiben des Kräuterkundlers kritisch beäugte. Doch das entging Landon komplett, der aus der stoischen Miene seines Begleiters so etwas wie Zustimmung zu lesen glaubte: "Klingt gut, vielleicht wird Rude ja von dem verführerischen Geruch eines ausgiebigen Frühstücks wach, meinst du nicht?"- oder weil du die Küche in Brand setzt, hätte Watson wohl geantwortet, wäre er der menschlichen Sprache mächtig, doch so blickte er seinem Besitzer nur stumm entgegen bevor dieser, wieder leise pfeiffend, einem seiner liebsten Hobbies nachging: Schon bald brutzelten Rühreier, Tomaten und Champions in der Pfanne, köchelte das Porridge, frischer Saft und warmer Tee und knackige Scheiben Toast warteten bereits auf dem gedeckten Essenstisch. Landon hatte sich sogar mit exotischen Ausflügen zurückgehalten und so duftete es tatsächlich verführerisch nach einem klassischen (wenn auch vegetarischen) English Breakfast, als Landon die letzten Handgriffe erledigte und- perfektes Timing- Geräusche vernahm die Deverells Erscheinen ankündigten. Mit einem breiten Lächeln und einem herzlichen: "Guten Morgen", wurde der junge Werwolf empfangen, ehe Landon das Offensichtliche aussprach: "Ich hab Frühstück gemacht, setz dich ruhig", und dem Gegenüber einen vollgetürmten Teller reichte, ein leises: "Hoffe du hast Hunger", auf den Lippen, ehe er sich selbst am Tisch niederließ: "Wie gehts dir, wie war das Wochenende?", wollte der Featherstone schließlich von Deverell wissen- schließlich war er das erste Mal seit seinem Ordensbeitritt ein paar Tage nicht hergekommen- ehe er erklärte: "Hab einiges eingekauft, aber wenn du noch irgendwas anderes brauchst kann ich das später auch gerne vorbeibringen. Und ich hab ein paar neue Bücher und ein Spiel mitgebracht was mein Sohn mag... oder naja, früher mochte", Kieran war leider in einem Alter wo er sich zu cool für die meisten Spiele fühlte, ein Gedanke der Landon für einen Augenblick aus dem Konzept brachte, ehe er fast schon vorsichtig fragte: "Vielleicht probieren wir das nach dem Essen aus?"

  • ⭐︎⭐︎⭐︎ it's a new dawn, it's a new day, it's a new life | 27 juni/ nachmittags ⭐︎⭐︎⭐︎

    Haden Whittaker

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    We turn not older with years but newer every day.

    - Emily Dickinson


    Virginia stieß einen lauten Ächzer aus, als sie mit einer schwungvollen Bewegung zwei volle Einkaufstüten auf die Theke abstellte. Sie wischte sich mit dem Ärmel ihres T-Shirts über die Stirn und schnappte sich dann ein kühles Bier aus einem der Vorratsschränke. Manche hätten sich vielleicht das Leben leichter gemacht und die Tüten leichter gezaubert – nicht so Virginia. Vielleicht lag es daran, dass sie einfach zu faul gewesen war, oder aber ihr hingen immer noch die mahnenden Worte ihrer Mutter im Kopf, dass sie langsam in ein Alter kam, wo der Metabolismus nicht mehr so einwandfrei funktionierte wie noch in jüngeren Jahren und sie anfangen sollte, auf ihre Linie zu achten. Damals hatte sie nur empört geschnaubt und gesagt, dass es weitaus wichtigere Dinge im Leben gab, als das Schlankhalten von Frauenkörpern, doch sie hatte sich seitdem öfters erwischt, lieber doch die Treppen zu nehmen, als einfach zu apparieren oder es sich zweimal zu überlegen, ob sie die Tüte Chips wirklich brauchte. Sie hasste sich ein bisschen dafür und versuchte die Sache vor sich selbst mit der Tatsache zu rechtfertigen, dass etwas Bewegung dem Körper nie schaden konnte und da sie noch nie Fan von sportlicher Betätigung gewesen war, es sicherlich keine blöde Idee, war, mal damit anzufangen.

    Virginia ließ die Einkaufstüten eingepackt in der Küche stehen und ging die paar Schritte zum Wohnbereich, um sich dort erst einmal auszuruhen. Sie erkannte eine Person lesend auf einem der Tische sitzen. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Diese Umrisse hätte sie überall erkennen können.

    Didiii“, rief sie zur Begrüßung aus und plumpste dann auf die Couch vor dem Tisch. Mit einem Ploppen öffnete sich der Verschluss der Flasche und sie nahm einen tiefen Schluck. „Darauf habe ich mich die ganze Zeit gefreut“, meinte sie, warf einen Blick auf ihre Uhr, um zu sehen, ob es nicht vielleicht etwas früh für das erste alkoholische Getränk am Tag war und zuckte dann mit den Schultern. Als ob sonst jemand in diesem Land auf solche Dinge achtete. Auf dem Weg war sie an mindestens drei Pubs vorbeigekommen, in denen eine Runde an halbstarken Typen dabei war, sich ordentlich einen reinzustellen.

    Ich hab’s mir auf jeden Fall verdient. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer das war. Nächstes Mal melde ich mich definitiv nicht freiwillig, alleine alles zu besorgen. Stell dir vor, du bist Hausfrau und hast so eine Großfamilie. Ich glaube, allein wegen der ganzen Einkäufen würde ich mir nach einer Woche die Kugel geben“, sprudelte sie los und schloss dann kurz seufzend die Augen. Wahrscheinlich amüsierte er sich gerade über ihren erschöpften Anblick, weshalb sie mit immer noch geschlossenen Augen in gespielt strengem Ton sagte: „Komm du erst mal in mein Alter!“ Sie atmete langgezogen aus, strengte sich an, dabei besonders dramatisch zu wirken und musste dann anfangen, zu lachen.

    Ich habe übrigens spannende News“, meinte sie dann immer noch leicht lachend und öffnete wieder die Augen. Auch wenn es schon gut zwei Wochen her war, seitdem sie sich mit Braelyn getroffen hatte, hatten sie und Haden in letzter Zeit kaum eine ruhige Minute gefunden, um über die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu sprechen: ihr Privatleben natürlich.

    Aber vorher will ich wissen, wie es dir geht“, meinte sie. Selbst Virginia wäre es komisch vorgekommen, ihren Gossip ungefragt bei ihm abzuladen, bevor er überhaupt die Chance hatte, ein Wort zu sich zu sagen. Sie hatte sich immer noch nicht ganz daran gewöhnt, nicht tagtäglich Teil seines Lebens zu sein und so automatisch alles mitzubekommen. Diesen Umstand versuchte sie, mit der sicherlich nervigen Angewohnheit zu kompensieren, ihn über jedes ach so nichtige Detail über seinen Alltag auszuquetschen.

  • Noch bevor Virginia ins Wohnzimmer trat, wusste Didi, dass sie es war. Er hörte es am Schnauben, an der Art und Weise wie die Einkaufstüten auf die Theke in der Küche fanden. Er schmunzelte. Immer und immer wieder war es in den letzten zwei Jahren so gewesen. Die Frau kaufte mehr als sie tragen konnte und statt das zu tun, was Hexen taten und die Taschen einfach schwebend zu transportieren, rappelte sie sich jedes Mal aufs Neue ab. Und immer und immer wieder trat sie dann mit hochrotem Kopf zu ihm, japste nach Luft und jammerte über ihr Alter. Dabei war es lächerlich. Virginia war die schönste Frau, die er kannte. Die bemerkenswerte Hexe, die je getroffen hatte. Ihr Geist war scharf, wie eine glänzende Klinge. Sie kannte die richtigen Worte, trat so inbrünstig für das ein, an was sie glaubte. Wie könnte man sie nicht bewundern? Wie könnte das Alter, Zeit ihr je etwas anhaben?

    Seine braunen Augen flogen über die letzten Worte des Satzes. ...aus diesem Grund stellen postnatale Störungen ein ernstzunehmendes Risiko dar.

    Didiii“ Der junge Mann hob den Schopf an, ein breites Lächeln lag auf seinen Lippen als sich Virginia zufrieden auf das Sofa fallen ließ. "Gigi", grinste er als sich die Bierflasche auch schon zischend öffnete. „Darauf habe ich mich die ganze Zeit gefreut" Ihr Blick glitt zu ihrer Armbanduhr. "Nach vier ist immer eine Interpretationssache", warf er amüsiert ein, während sich sein Schopf leicht zur Seite neigte und er die Hexe, interessiert musterte.

    Ich hab’s mir auf jeden Fall verdient. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer das war. Nächstes Mal melde ich mich definitiv nicht freiwillig, alleine alles zu besorgen. Stell dir vor, du bist Hausfrau und hast so eine Großfamilie. Ich glaube, allein wegen der ganzen Einkäufen würde ich mir nach einer Woche die Kugel geben“ Es tat gut, dass sich manche Dinge nie änderten. Haden lachte. "Du hast nachgelassen. Ist schon offensichtlich", schmunzelte er und strich mit dem Daumen über die Seite seines Buches. Sie schnaubte. Er liebte es, wenn sie es tat. Es war ehrlich, authentisch. Da war nichts, was sie zurückhielt. Nicht zwischen ihnen. „Komm du erst mal in mein Alter!“, konterte sie und Haden rutschte auf dem Tisch etwas nach vorne. Seine Augen funkelten auf. "Dann habe ich ja noch Ewigkeiten Zeit." Sie lachten, er schüttelte amüsiert den Kopf. Sie fehlte ihm.

    Ich habe übrigens spannende News." Didi hob die Brauen an. Interessiert wanderte sein Blick über ihre Züge. „Aber vorher will ich wissen, wie es dir geht“ Er seufzte. Für einen Moment sah auf die Seiten seines Buches, ehe seine Mundwinkel wieder emporzuckten. "Gut. ich habe nochmal über die Sache mit dem Kupferkessel nachgedacht und ich glaube es wäre schön, wenn man außer dem Spazieren noch andere sportliche Betätigungen hätte. Es gibt eine Reihe spannender Artikel, die nochmal darlegen wie wichtig auch körperliche Aktivität für die Gedächtnisleistung ist", erklärte er und schlug das Buch zu. "Ich dachte ich schreib vielleicht einige Profispieler an. Das wäre eine Win-Win-Situation. Die Baked Beans..." So nannte Didi die alten Herrschaften, die sich im Rahmen der Seniorenveranstaltung trafen. "...hätten Spaß und die Spieler könnten es für ihre PR nutzen. Ich dachte direkt an Finlay. Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, frag ich ihn." Ziemlich zufrieden mit sich sah er zu Virginia herüber. "Ist eine mega Idee ich weiß und jetzt erzähl mir von den News." Er legte das Buch zur Seite und stützte sich mit den Händen auf der Tischplatte ab. "Hat Earnestine einen neuen Liebhaber? Würde ihr vielleicht mal guttun, so als Ausgleich." Didi schmunzelte, während er in einem rhythmischen Takt seine Ferse gegen das Tischbein schlug. Interessiert lagen seine braunen Augen auf seiner Freundin. "Ist aber auch okay, wenn deine Story, weniger spannend ist. Ich schraube meine Ansprüche runter."

  • Nach vier ist immer eine Interpretationssache.“ Sie musste schmunzeln. Wäre sie noch mal zehn Jahre älter gewesen, oder würde einfach mehr Zeit mit ihrem Vater verbringen, hätte sie wahrscheinlich in diesem Moment die Fingerguns rausgeholt. So beließ sie es nur bei einem amüsierten Schnauben. „Exakt“, gab sie zurück. Wer sich diese Regelung ausgedacht hatte, hatte auf jeden Fall noch nie etwas von Sektfrühstück gehört und das allein war Grund genug, um sich nicht an sie zu halten.

    Auch wenn sie in ihrer melodramatischen Pose sein Lachen nun auch noch mit einem empörten Blick strafte, konnte sie nicht umhin, ihrem Gesicht eine gewisse Sanftheit zu verleihen, sobald ihre Augen etwas länger auf ihm ruhten. Virginia genoss seine Anwesenheit. Es lag immer eine Form von Leichtigkeit in der Luft, wenn sie zusammen waren, ohne je ins Oberflächliche abzurutschen. Es tat gut, ihn so in sich ruhend zu sehen.

    Virginia entging nicht, dass sein Blick kurz zu seinem Buch huschte. Sie drehte den Kopf etwas, um zu erkennen, in welche Welt er abgetaucht war, bevor sie ihn dabei gestört hatte. Sie musste nur die ersten zwei Wörter des Titels lesen, um zu erkennen, dass es kein Vergnügen, sondern Arbeit gewesen war. Eine Unterscheidung, die für manche ambivalent war, für sie jedoch ziemlich klar. Sie fühlte sich nicht schuldig, ihn dabei unterbrochen zu haben, lehnte sich wieder zufrieden an ihrem Bier nippend zurück und lauschte seinen Worten. Eine Spur legte sich über ihre Augen, als sie ihm zuhörte. Stolz.

    Es war schön zu sehen, mit welcher Ernsthaftigkeit er sich engagierte. Davon konnten sich einige eine Scheibe abschneiden. Auch wenn Virginia immer davon ausgegangen war, dass es eine Form von Opportunismus und Initiative brauchte, um etwas zu bewegen, mehr Tun als Denken, mehr schnelles Handeln als ewiges Schwadronieren – seitdem sie Haden kannte, wusste sie seine Fähigkeit, abzuwägen und zu reflektieren zu schätzen. Manchmal kam man mit Besonnenheit weiter als mit Überstürzung.

    Klingt super“, meinte sie ehrlich lächelnd. „Meine Mutter schwört ja auf Pilates, aber eine kleine Runde auf dem Besen ist da vielleicht aufregender.“ Und dann fügte sie noch schmunzelnd an: „An dir ist ja ein richtiger Entrepreneur verloren gegangen.

    Sie lachte auf seinen Kommentar hin. „Was heißt hier ‚neuer‘. Hatte sie mal einen alten, von dem ich nichts mitbekommen habe?“, sie sah ihn halb ernsthaft interessiert, halb scherzend an und blickte dann sicherheitshalber einmal hinter sich, um zu sehen, ob sie auch wirklich alleine waren. Ihre Schamgrenze war zwar recht hoch, doch manche Gespräche konnten gut und gerne unter vier Augen bleiben.

    Ich muss dich enttäuschen. So einen heißen Gossip habe ich leider nicht im Angebot“, sie schmunzelte erneut. Dann blickte sie ein zweites Mal hinter sich. Doch sie schienen noch immer allein. Virginia wusste auch nicht, woher ihre plötzliche Paranoia kam, doch etwas in ihr sträubte sich bei dem Gedanken, dass der ganze Orden von bestimmten Teilen ihres Privatlebens erfuhr. Sie war in vielen Hinsichten ein offenes Buch, doch bestimmte Dinge wollte sie lieber nur mit den Personen besprechen, denen sie voll und ganz vertraute. Sie hob ihren Blick und suchte seine Augen. „Erinnerst du dich noch an Braelyn, also dass ich dir mal von ihr erzählt habe? Meine Ex von vor hundert Jahren – da wo du dir wahrscheinlich noch in die Windeln gemacht hast“, sie schenkte ihm ein zynisches Lächeln, „jedenfalls habe ich sie zufällig vor ein paar Wochen getroffen. Sie war auf einmal in der Galerie“, sie hielt kurz inne und rief sich die Situation vor Augen. Komisch war das gewesen. Die plötzliche Anspannung, die da zwischen ihnen gestanden war. „Und ich habe sie aus irgendeinem Impuls heraus gefragt, ob wir uns mal treffen wollen. Also einfach so. Ohne Hintergedanken. Dachte, es wäre vielleicht nett.“ Sie seufzte. „Und das haben wir dann letztens gemacht.“ Virginia wandte ihren Blick ab und lenkte dann ihre Aufmerksamkeit auf die Bierflasche vor sich. Endlich konnte sie mal mit jemanden darüber reden, der nicht ihre Mutter war, die vor lauter Neugierde einen Trotz in Virginia geweckt hatte, der ihrem Fünfzehnjährigen Ich alle Ehre gemacht hätte, ihrem Bruder, der nicht viel mehr als ein halbwegs interessiertes Hm herausbrachte oder Patrick, mit dem sie aus unerfindlichen Gründen irgendwie auch nicht so recht über so etwas sprechen wollte.

  • Ich muss dich enttäuschen. So einen heißen Gossip habe ich leider nicht im Angebot“, grinste Virginia, bevor sie über die Schulter sah und ihr Blick durch das dunkle Zimmer in das Innere des Hauses flog. "Wir sind alleine", sagte Haden ruhig und so etwas wie Mitleid schlich sich in seine Züge. Er verstand sie. Natürlich tat er es. Für das gleiche einzustehen, bedeutete nicht, dass sich automatisch eine Freundschaft, eine tiefe Verbundenheit entwickelte. Es sagte nichts darüber aus, ob man sich mochte, sich hingezogen fühlte oder die Gespräche genoss. Ja, es war vollkommen irrelevant. Darum ging es nicht.

    Virginia sah auf und ihre Blicke kreuzten sich. Haden lächelte. „Erinnerst du dich noch an Braelyn, also dass ich dir mal von ihr erzählt habe? Meine Ex von vor hundert Jahren – da wo du dir wahrscheinlich noch in die Windeln gemacht hast“, grinste sie süffisant und mit gespielter Tragik legte sich Haden die Hand auf sein Herz, verzog die Züge als hätte ihn ein spitzer Pfeil getroffen. Er lachte kurz auf, ließ die Hand wieder sinken, ehe sie weitererzählte:" „...jedenfalls habe ich sie zufällig vor ein paar Wochen getroffen. Sie war auf einmal in der Galerie" Didi hob die Brauen leicht an, sein Kopf neigte sich zur Seite. Auf einmal in der Galerie? Ein Zufall? Schicksal? Er glaubte nicht daran. „Und ich habe sie aus irgendeinem Impuls heraus gefragt, ob wir uns mal treffen wollen. Also einfach so. Ohne Hintergedanken. Dachte, es wäre vielleicht nett.Einfach so? Ohne Hintergedanken? Ein loser Impuls? Ein verstecktes Schmunzeln legte sich auf Hadens Lippen. "Ich verstehe", sagte er ruhig und seine Ferse stieß ein letztes Mal gegen das Tischbein, ehe seine Füße in der Luft über den abgetretenen Dielen verharrten.

    Und das haben wir dann letztens gemacht“, endete Virginia und sah auf die Bierflasche in ihren Händen hinab. Kaum merklich hob Haden die Brauen, wanderten seine dunklen Augen über ihre Wangen, ihre Züge und die gerade Nase. Ohne Hintergedanken. Klar. Nur sah dieses Gesicht nicht aus als hätte es bei alldem keine Hintergedanken, keine kurze Versuchung gegeben.

    Ausatmend stützte sich Haden mit den Armen an der Tischplatte ab, glitt zurück auf seine Füße und trat zum Sofa hinüber. Er verharrte als sich ihre Beine beinahe berührten. Ein sanftes Lächeln schlich sich auf seine Lippen als ihr dunkles Haar im gedämpften Licht, das durch die schweren Vorhänge fiel, schimmerte. Atemzug für Atemzug schwieg er, ehe er sich hinabbeugte und ihr die Bierflasche aus den Händen stahl.

    Sein Blick wanderte über das Etikett und seine Züge verzogen sich. "Ich weiß immer noch nicht, wie du das trinken kannst", grinste er und hob die Falsche dann an die Lippen. Die Flüssigkeit floss seine Kehle hinab und der Geschmack von Hopfen und Malz breitete sich auf seiner Zunge aus. "Man gewöhnt sich an alles, mh?", schloss er und war es nicht so? War es nicht so gewesen als er nach Russland geflohen war, als er zurückgekehrt war, um kurz darauf nach Amerika aufzubrechen? War das weit entfernte Land nicht irgendwie über die Zeit ein Zuhause geworden, weil Virginia bei ihm gewesen war? Und auch jetzt, in diesem tristen, modrigen Haus, versteckt vor Augen, die sich ihren Tod wünschten, hatten sie sich doch an den Umstand gewöhnt. Nicht jeder Morgen war dunkel, nicht jede Nacht war voller Angst, wenn die Bedrohung ganz unterschwellig jede Sekunde des Tages begleitete.

    Schwere Pfoten trafen auf die alten Dielen, brachten sie zum Knacken, als ein riesiger Hund, seinen schweren Körper auf die beiden zubewegte. Immer näher kam der Rottweiler, sah erst zu Haden hinauf und dann zu Virginia. Er verharrte, sein Schwanz richtete sich auf und wedelte sanft, aber freudig durch die Luft. Er tapste weiter, drückte seinen massigen Körper gegen Haden, bevor er sich Virginias Fingern widmete und sie vorsichtig ableckte. Ein leises Jaulen entkam seiner Schnauze, als er sich auf die Hinterläufe setzte und seinen mächtigen Kopf auf ihrem Oberschenkel ablegte. Dunkle Knopfaugen musterten sie. Haden schmunzelte. "Also...", begann er, seine Fingerspitzen glitten über Rogers Kopf, ehe er sich neben seine Freundin auf das Sofa fallen ließ. "Ihr habt euch getroffen und dann?", fragte er interessiert und drehte seinen kurzgeschorenen Schopf, um ihr Profil zu mustern. "Stehst du noch auf sie? Habt ihr rumgemacht?", fragte er und hob die Flasche ein weiteres Mal an seine Lippen, ehe er sie an Virginia zurückreichte. "Ich denke...", sagte er langsam, als würde er jedes seiner Worte genau abwiegen. Sein Kopf fand auf die Rückenlehne, sein Blick glitt zur dunklen Holzvertäfelung. "...es ist normal, dass es etwas verwirrend ist, wenn man jemanden wieder trifft für den man mal Gefühle hatte, oder?"

  • Die Skepsis, die seine Blicke und kurzen Seitenkommentare transportieren, bemerkte sie sofort. Virginia musste vielleicht auch eher sich selbst als Haden etwas vormachen. Er schien sich direkt seine eigenen Gedanken zu machen. „Das war wirklich ein Impuls“, bekräftigte sie ihre Worte. „Also in dem Moment“, fügte sie an. Denn nachdem sie ihren Vorschlag ausgesprochen und sie einen Termin ausgemacht hatten, hatte sie sich natürlich Gedanken gemacht. Ihre Fantasie war seit jeher lebhaft gewesen, weshalb sie sich diverse Szenarien in ihrem Kopf ausgemalt hatte, wie ihr Treffen verlaufen würde. Die Realität war natürlich wie immer weitaus nüchterner gewesen. Weder hochdramatisch noch hochromantisch war ihr Treffen mit Braelyn gewesen. Etwas angespannt zuerst, dann angenehm, dann wieder angespannt. Es war in gewisser Weise ein Drahtseilakt gewesen – nicht wirklich ein platonisches Treffen zwei alter Freundinnen auf der einen Seite, ein klassisches Date andererseits auch nicht. Sie war verstummt, wartete auf eine Reaktion seinerseits, die sie dazu animierte, fortzufahren. Haden würde sicher einen guten Ratschlag haben – und selbst wenn er ihr zu etwas raten würde, das ihr nicht zusagte, würde dies ihr helfen, ihre eigenen Gefühle etwas besser sortieren zu können.

    Hey“, protestierte sie schwach, als er ihr im nächsten Moment die Bierflasche aus der Hand stibitze. „Mich hier einfach meiner simplen Freuden des Lebens berauben! Du magst das doch noch nicht mal“, meinte sie kopfschüttelnd und verdrehte dann grinsend die Augen, als er einen Schluck nahm und sich prompt über den Geschmack ausließ. „Ja tut man“, erwiderte sie. „Man muss sich aber auch nicht an alles gewöhnen“, sagte sie dann altklug. Wenn man die Wahl hatte, es mit seinem Gewissen vereinbaren konnte und niemandem damit schadete, musste man ihrer Meinung nach gar nichts tun, auf das man keine Lust hatte. „Manche Dinge kann man auch einfach den Leuten lassen, die sie mehr verdienen.“ Sie versuchte, ihm die Flasche wieder wegzunehmen. Erfolglos. „Sicher, dass ich dir nicht lieber einen Tee machen soll?“, schlug sie dann vor – auch wenn sie eigentlich wenig Lust hatte, schon wieder aufzustehen. „Ob du das aber verdient hättest, muss ich mir noch mal überlegen“, fügte sie dann noch hinzu und lachte erneut. Das Geräusch von Krallen auf Holzboden kündigte Roger an und sie wandte erwartungsvoll ihren Kopf nach ihm um. Das große Tier tapste behutsam auf die beiden zu, blickte streng zu ihnen hoch, wie um ihnen zu sagen, dass sie mit dem Kabbeln aufhören sollten. Virginias mahnende Gesichtszüge wichen einer beinahe kindlichen Freude und sie hielt ihm ihre Hand zum Beschnuppern hin, die er langsam begann, abzuschlecken. Ihre Mundwinkel zogen sich in die Höhe und sie begann ihn mit beiden Händen hinter den Ohren zu kraulen. Sie spürte wie sie das Gewicht von Haden, der sich neben ihr niederließ, tiefer in die Couch sinken ließ.

    Virginia seufzte. „Ja, genau. In so ‘ner Bar in London”, begann sie ihre Erzählung fortzusetzen, bevor er direkt mit den nächsten Fragen herausplatzte. Sie lachte kurz auf und erwiderte seinen interessierten Blick, ehe sie ihm die Flasche, die er ihr hinhielt, aus den Fingern klaubte. „Du bist ja schlimmer als meine Mutter. Lass mich doch erst mal von vorne erzählen“, ermahnte sie ihn und genehmigte sich einen weiteren Schluck. Sie seufzte ein zweites Mal. Wie wahr seine Worte doch waren. Virginia nickte langsam. „Jup“, erwiderte sie und zog dann nachdenklich die Brauen zusammen, während sie einen Punkt in der Ferne fixierte. Ihre Hände strichen noch immer durch Rogers Fell. „Extrem verwirrend“, stimmte sie ihm zu.

    Na ja jedenfalls“, setzte sie erneut an. „Erst war es eigentlich voll okay, sie hat bisschen von ihrem Job erzählt, ich von meinem, ich hab‘ sie nach ihrer Familie gefragt und so weiter, was man sich halt so erzählt, wenn man sich zwanzig Jahre nicht gesehen hat. Aber dann“, sie stockte kurz und versuchte sich, daran zu erinnern, wie sie auf das Thema gekommen waren, „na ja sie hat mich gefragt, warum ich im Ausland war. Ich wollte sie nicht anlügen und habe so ein paar vage Andeutungen gemacht und ich hatte das Gefühl, sie hat entweder keinen blassen Schimmer, was politisch gerade so abgeht, oder sie ist extrem gut darin, so zu tun als ob alles tutti wäre.“ Virginia hielt inne. Es war merkwürdig gewesen, wie Braelyn so gar nicht verstanden hatte, weshalb es für bestimmte Personen gefährlich sein konnte, sich im Land aufzuhalten. Keinen verständnisvollen Blick hatte sie geerntet, als sie auf die Anspannungen angespielt hatte, die vom Ministerium ausgingen. „Ihr Onkel war im Orden, weißt du?“, erzählte sie dann langsam, immer noch den Punkt in der Ferne anstarrend. „Also damals. Er ist dabei umgekommen. Sie hat mir davon erzählt, als wir noch in der Schule waren – aber ich glaube, sie weiß nicht wirklich was passiert ist. Ich habe das auch erst rausgefunden, seitdem ich selbst hier bin. Ich glaube, das hat sie schon damals abgeschreckt.“ Virginia wusste auch nicht genau, wieso sie Haden nun diese komplexe Hintergrundgeschichte erzählte. Er hatte schließlich nur danach gefragt, ob sie rumgemacht hatten. Doch sie hatte Gefühl, dass alles miteinander zusammenhing und sie dachte, es sei notwendig, dass er alle Details kannte, um ihre Situation wirklich nachzuvollziehen. „Na ja und ich habe einfach das Gefühl bekommen, als interessiere sie sich null für das, wofür wir hier tagtäglich unseren Arsch riskieren und das hat mich total irritiert.“ Sie riss ihren Blick los und schaute zu Haden, der interessiert ihrem Monolog lauschte. „Weil auf der anderen Seite… nun ja ich hab schon mit ihr geflirtet. Sie ist schon attraktiv. Und… na ja…“, sie ließ ihren Satz unvollendet ausklingen und fuhr dann leicht gequält fort: „Ich glaube, ich habe mich damals auch ein bisschen scheiße verhalten… also als wir – als ich mich von ihr getrennt habe.“ Virginia seufzte ein drittes Mal und stieß dann einen frustrierten Laut aus, bevor sie ihren Kopf an Hadens Schulter legte. „Ich weiß auch nicht, Didi.

  • Die dunklen Augen des Heilers lagen auf einem Topfen, der sich langsam seinen Weg über die die Bierflasche bahnte. Am langen Hals entlang, hinunter über das kupferfarbene Etikett. Er lauschte Virginias Worten, versuchte sie wirklich zu verstehen. Wie seltsam es sein musste jemanden nach zwanzig waren wiederzusehen. Jemanden, der einem einmal die Welt bedeutet, für den das eigene Herz so fieberhaft geflattert hatte. Zwanzig Jahre. Er wäre 43.

    Na ja sie hat mich gefragt, warum ich im Ausland war. Ich wollte sie nicht anlügen und habe so ein paar vage Andeutungen gemacht und ich hatte das Gefühl, sie hat entweder keinen blassen Schimmer, was politisch gerade so abgeht, oder sie ist extrem gut darin, so zu tun als ob alles tutti wäre“, erklärte Virginia weiter und Haden zog die Brauen zusammen als der Tropfen nun über die Hälfte des Etikettes geronnen war. Alles tutti. Es erinnerte ihn schmerzlich an etwas. Es erinnerte ihn so bitter an jemanden. Politik muss kein Fels zwischen uns sein, Haden.

    Didi räusperte sich und seine Lippen pressten sich für einige Atemzüge aufeinander. Es gab Werte, es gab Ansichten, über die man nicht hinwegsehen konnte. Es gab diese Gräben, die so tief waren, dass selbst Freundschaft, Liebe sie nicht überwinden konnte. Daran glaubte er.

    Virginia sprach weiter und nun als sie den Onkel erwähnte, der vielleicht auch einmal auf diesem Sofa gesessen hatte, da löste er seinen Blick von der Flasche. Wie ist er gestorben?, lag es ihm auf der Zunge aber er bremste sich. Er würde sie an einem anderen Tag danach fragen.

    Ich weiß auch nicht, Didi", seufzte sie abermals und nun endlich legte sich ein feines Schmunzeln auf seine Lippen. Er lehnte seinen Schopf sanft gegen ihren und hob die Hand, um ihr sanft durch das dunkle Haar zu streichen. "Ich denke...", begann er ruhig und leise und seine Brust vibrierte beruhigend bei jedem Wort. "...man kann ihr keinen Vorwurf machen, wenn sie Angst hat." Er schwieg für einige Momente und Roger starrte zu ihnen hinauf, ehe er mit einem großen Satz neben Virginia auf die weichen Polster sprang und seinen Kopf auf ihrem Schoß bettete. "Aber...ich denke es ist kompliziert, wenn man sein Herz an jemanden hängt, der nicht bereit ist..." Er zögerte. Schneeflocken tanzten vor seinen Augen und irgendwo dort in der Dunkelheit lauerten Joschas gerötete Wangen. "...der nicht die gleichen Werte hat." Er schluckte schwer und seine Brust hob sich, hob sich immer weiter, ehe er ausatmete. Starr war sein Blick geworden als er nun alten Erinnerungen nachhing, die ihm noch immer einen seichten Schauer über den Rücken trieben, die etwas unter der Oberfläche zum Wanken brachten. Wie viele Nächte hatte er danach in Virginias Armen geweint? Wie oft sich gewünscht nie fortgegangen zu sein, sein Herz nie auf diese Weiser verschenkt zu haben?

    Haden schloss für einen Moment die Lider und begann eine ihrer langen Haarsträhnen um seinen Finger zu wickeln. Sie hatten sich. Reichte das nicht?

    "Ich denke die Frage ist, wie scheiße du warst. Vielleicht wollte sie dir auch aus Prinzip einfach nicht zustimmen", schloss er und leckte sich abwesend über die Unterlippe. "Oder du flirtest echt mies. Hast du vielleicht gesagt, dass dich ihr Kopf an einen Blumenkohl erinnert?", fragte er und lachte leise auf als er seine Nase nun in ihrem Haar vergrub. "Oder hast du diesen anzüglichen Witz über den Typen mit der langen Zunge erzählt." Er grinste, dann löste er sich ein Stück von ihr, um ihren Blick zu finden. "Der ist wirklich gut." Noch ein letztes Mal lachte er auf, ehe seine Züge wieder ernster wurden. "Im Grunde ist sie selbst schuld, wenn sie nicht sieht, was sie an dir haben könnte. Du bist..." Er verzog das Gesicht, schmunzelte dann und strich ihr eine dunkle Strähne hinter das Ohr. "...schon ganz okay irgendwie."

    Roger hob den massigen Kopf und als hätte er die Worte von Haden verstanden, sie wirklich gänzlich begriffen, da drang nun ein tiefes Bellen durch das Hauptquartier. "Ist gut. Wir lieben sie", sagte er und strich dem Rottweiler sanft über die Schnauze. Seine Finger glitten über das dunkle Fell, bis sie Roger hinter dem Ohr kraulten. "Ich denke, du solltest nochmal mit ihr reden. Wenn du sie magst und du dir vorstellen könntest, dass es mehr sein kann, dann spiel mit offenen Karten und sag ihr, was du mir gesagt hast." Er lächelte als der Hund seinen Kopf nun etwas in den Nacken legte. "Sag ihr wie es bei dir angekommen ist und dass du jemanden daten willst, der die gleichen Ansichten teilt." Seine Stimme war ernst als er die Hand sinken ließ und wieder zu Virginia sah. Schalk glitzerte in seinen Augen. "Und denk an safer sex."

  • Sie bemerkte nicht, wie Hadens Blick abwegig auf der Flasche ruhte, die Andeutung von Melancholie die in ihm lag. Sein Räuspern deutete sie lediglich als verspäteten Reflex, sich dem Geschmack des Bieres zu entledigen. Virginia war viel zu vertieft in ihr eigenes Dilemma, als im ersten Moment den Transfer hinzubekommen, die Analogie zwischen ihrer Geschichte und seiner zu sehen. Vielleicht kamen sie ihr doch zu unterschiedlich vor. Sie wusste, dass sie selbst erbarmungslos in ihren Ratschlägen war. Wenn jemand nicht rafft, dass wir von einem Haufen korrupter und blutrassistischer Idioten regiert werden, dann vergiss es. Heb dir deine Zuneigung für Personen auf, die das Herz am rechten Fleck haben. Doch Virginia wusste auch, dass die Welt nicht so einfach funktionierte. Dass nicht alles so schwarz und weiß war und dass man sich manchmal nicht aussuchen konnte, an wem man hing. Sie widerstand dem Drang, an ihrem Fingernagel herumzukauen – nicht zuletzt weil Roger ihren Finger wenige Sekunden zuvor noch liebevoll abgeschleckt hatte.

    Sie kam sich ein bisschen albern vor, aus dieser eigentlich recht banalen Sache so ein großes Drama zu spinnen. Trotzdem tat es gut, ihre Gedanken laut auszusprechen. Ihre Augen hefteten sich auf Roger, während sie Hadens vorsichtig vorgetragenen Worten aufmerksam lauschte. Das Sofa gab leicht nach, als das große Tier neben ihr Platz nahm. Geistesabwesend begann sie seine weichen Ohren zu kraulen.

    Okay warte“, wand sie protestierend ein. „Mein Herz hängt gerade noch an nicht so viel. Lass uns nicht übertreiben. Es war ein Date, also nee kein Date, ach egal, du weißt schon“, doch schon während sie sprach, ratterte es in ihrem Gehirn und der ungewöhnlich schwere Ton Hadens nahm auf einmal eine andere Bedeutung an. Ihre Worte verliefen sich im Nichts. Virginia hob leicht ihren Kopf und drehte ihn langsam, sodass sie nun seinen starren Gesichtsausdruck zur Kenntnis nahm. Er schloss seine Augen, berührte eine ihrer Haarsträhne und sie spürte ein Ziehen in ihrer Brust. Virginia konnte es nicht aushalten, ihn so zu sehen. Sie wusste genau, woran er dachte und es machte sie wütend, dass es jemand geschafft hatte, sein Herz in so viele Stücke zu teilen, sodass er immer noch daran zu knabbern hatte. Doch sie wusste ebenso, dass ihre Wut ihm nichts brachte. Also schluckte sie sie herunter. Zusammen mit einem weiteren Zug des Bieres. Ihre Brauen hatten sich leicht zusammengezogen. Es war keine paar Tage her, dass sie ihn gesehen hatte. In ihrer Galerie. Leibhaftig. Doch Virginia brachte es nicht über sich, Haden davon zu erzählen. Es war nicht ihre Art, unehrlich mit ihm zu sein. Doch sie wollte ihn lieber vor den Gefühlen beschützen, die womöglich an die Oberfläche sprudeln würden, sollte sie ihm davon erzählen.

    Haden“, es kam nur selten vor, dass sie seinen richtigen Namen benutzte, wenn sie unter vier Augen waren. „Hey“, fuhr sie mit sanfter aber bestimmter Stimme vor. „Er ist es nicht wert, dass du so viel über ihn nachdenkst.“ Ihr Kopf senkte sich wieder auf seine Schulter. „Lenk dich lieber damit ab, dir Gedanken über meine absurden Probleme zu machen“, fuhr sie scherzend fort und legte ihre Hand behutsam auf seine. Roger hatte seinen Kopf leicht gehoben und betrachtete die beiden beinahe fragend. „Oder Roger?“, meinte sie an ihn gewandt, hob ihre Hand wieder und strich dem Tier einmal über die Stirn, bevor sich ihre Finger wieder seinen Ohren widmeten. Er gab einen schnaufenden Laut von sich. „Siehst du, findet Roger auch“, meinte sie und lächelte.

    Ich denke die Frage ist, wie scheiße du warst. Vielleicht wollte sie dir auch aus Prinzip einfach nicht zustimmen.“ Virginia seufzte. „Na ja, wir hatten uns alles möglich versprochen und kaum war ich ein paar Monate von der Schule, ist mir das mit Fernbeziehung und allem einfach zu viel geworden. Du weißt, wie sprunghaft und ungeduldig ich jetzt bin. Du willst nicht wissen, wie ich mit 18 war.“ Sie lachte. Doch es war ein bitteres Lachen. Damals hatte sie nicht geglaubt, weitere zwei Jahre warten zu können. Sie hatte Angst davor gehabt, wie sehr sie in all der Zeit auseinanderdriften würden, in der Braelyn noch zur Schule ging. Die unbefriedigenden Besuche an Hogsmeadewochenenden hatten nicht geholfen. Entweder alles oder nichts. Lieber aufhören, wenn es richtig wehtun würde, als die Beziehung langsam implodieren zu lassen. So hatte sie damals gedacht. Inzwischen wusste sie, dass es immer um Kompromisse ging, wenn man eine Beziehung führen wollte. Perfekt war es nie. Außer vielleicht ganz zu Beginn.

    Sie prustete unweigerlich. „Entschuldigung, darf ich dich daran erinnern, dass du mal zu jemandem gesagt hast, wie geborgen du dich bei ihm fühlst, weil er riecht wie… dein Hund“, gab sie spielerisch tadelnd zurück und ihr Brustkorb vibrierte durch ihr unterdrücktes Lachen, das sie nicht länger zurückhalten konnte, als er auf einen ihrer Spezialwitze anspielte. „Hallo? Der ist wirklich gut“, protestierte sie und schüttelte lachend ihren Kopf, als seine Augen die ihren fanden. „Vielleicht hätte ich den Witz erzählen sollen“, meinte sie und fuhr dann lachend fort: „Damit wäre ich bestimmt bei ihr gelandet.

    Virginia nahm ihre Hand von Roger, als dieser schwerfällig seinen Kopf hob und ein gutmütiges Lächeln ersetzte ihr abebbendes Kichern, als sie dem Austausch der beiden folgte. „Vielleicht sollte ich einfach Roger daten“, schlug sie immer noch scherzend vor und senkte dann seufzend wieder ihren Kopf auf Hadens Schulter.

    Ja“, entgegnete sie fast eine Spur trotzig und schnaufte dann amüsiert bei seinen letzten Worten. „Aye aye, Mr. Heiler“, entgegnete sie und wandte dann frustriert ein: „Sollte es überhaupt so weit kommen.“ Nicht dass es an ihrem Interesse mangelte. „Ich muss auf jeden Fall noch mal mit ihr reden. Irgendwann. Der Ball liegt gerade bei ihr. Aber ich glaube, ich hab’s auch echt ein bisschen verkackt“, gab sie dann zu. „Bin dann noch mal auf die Trennungssache zu sprechen gekommen. Ich hatte irgendwie das Bedürfnis, mich dafür zu entschuldigen. Aber das war natürlich voll der Stimmungskiller“, sie verzog ihr Gesicht bei der Erinnerung. „Nicht so der klügste Move von mir, gebe ich zu. Und dann…“, sie verdrehte beim Gedanken über sich selbst die Augen. „Na ja…dann bin ich voll abrupt einfach gegangen. Keine Ahnung, was da mit mir duchgegangen ist, aber ich hatte zu viel getrunken und konnte die Situation irgendwie nicht so gut handeln und dachte, was die Situation jetzt auf jeden Fall besser macht, wäre ein dramatischer Abgang.“ Der Zynismus triefte. Sie stöhnte abermals frustriert auf und blickte zu ihm hoch. „Ich weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Gab leider auch keinen Plottwist, wo sie mir hinterhergerannt ist und wir dann noch heftig rumgemacht haben.“ Sie lachte erneut. Damit war seine ursprüngliche Frage auch beantwortet.

  • Haden lauschte den Worten seiner Freundin und als sie geendet hatte, da warf er ihr einen tiefen Blick zu. Er liebte sie, wie eine Schwester tat er es. Aber eine selbstkritische Beurteilung ihres Verhaltens war für sie doch eher ein stockender Prozess. "Du...", begann er und konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken. Er atmete hörbar aus und kratzte sich an der Nase. "Also du bist einfach gegangen, nachdem sie dir nicht die Antwort geben hat, die du hören wolltest?", hakte er nach und hob die Brauen leicht an. Seine Mundwinkel zuckten als er den Kopf leicht schüttelte und ihn dann wieder auf ihrem bettete. „Erklär mir nochmal kurz, wieso der Ball jetzt in ihrem Spielfeld liegt, wenn du einfach einen Abgang gemacht hast?“ Ein feines Schmunzeln legte sich auf seine Lippen als Roger nun begann den Stoff von ihrer Jeans mit der Zunge zu traktieren. „Hört sich für mich eher an als solltest du in die Puschen kommen, wenn du sie nochmal sehen willst. Oder wie würdest du reagieren, wenn sie dich einfach stehen gelassen hätte?"

    Hadens dunkle Augen wanderten über die Wandvertäfelungen als ein kurzes Schweigen sickerte zwischen sie, mischte sich mit dem dröhnenden Ticken der Uhr. "Gut, fassen wir das Drama nochmal zusammen", begann er und seine Mundwinkel zuckten. Roger gab ein leises Schnauben von sich. "Ihr habt euch getroffen und es lief gut. Besser als gedacht. Und auch wenn du es nicht zugeben willst, scheint sie immer noch was in dir auszulösen. Dann hattest du das Bedürfnis ihr zu erklären, wieso es damals lief wie es lief und als sie das nicht ganz verstanden hat und du überfordert warst, hast du einen Abgang gemacht und sie sitzen lassen", erklärte er und schloss die Augen als sich sein Arm um ihre Schulter legte. "Und jetzt sitzen wir. Ich ziemlich cool und du wie ein Trauerkloß und warten darauf, dass sie sich bei dir meldet." Er strich Virginia mit den Fingerspitzen sanft über den Arm und ein leises Schmunzeln legte sich auf seine Züge. "Ja, ich glaube ich bleibe dabei. Wenn du sie nochmal sehen willst, solltest du zu ihr gegen. Was bringt es dir jetzt hier zu hocken und auf einen Schritt von ihr zu warten, der vielleicht nie kommt?"

    Haden schlug die Lider wieder auf und sein Kopf drehte sich leicht zur Seite, um Virginia ansehen zu können. "Ich denke wirklich, dass das zu den Dingen gehört, die man irgendwann bereut. Nichts ist schlimmer als das Gefühl etwas nicht gesagt zu haben." Dass er mit zweierlei Maß maß, merkte er nicht oder wollte es vielleicht auch gar nicht. "Egal wohin es euch führt. So wirst du dich immer fragen, was vielleicht gewesen wäre." Denn er tat er auch, oder nicht? Manchmal da fragte auch er sich, was gewesen wäre, wenn er diese verschneite Straße nicht hinter sich gelassen hätte. Was passiert wäre, wenn Joscha ihm nachgelaufen, ihn aufgehalten hätte. Vielleicht hätte er es ihm anders erklären müssen, andere Worte finden. Aber war es nicht irgendwann genug gewesen? Hatte diese halbe Jahr, so schön es auch gewesen war, nicht nur gezeigt, dass sie in anderen Realitäten lebten, dass über Gefühle hinaus, dort nichts war, was sie verband? Haden schluckte als er sich auf die Innenseite der Wange bis und seine Finger nun ruhig auf Virginias Arm ruhten. "Rede mit ihr. Nichts tun hat es nie besser gemacht."

  • Virginia merkte selbst, wie bescheuert sich das anhörte. Laut ausgesprochen wirkte ihr Verhalten um einiges kindischer als in ihrer Vorstellung. Dass Haden sich das Grinsen kaum verkneifen konnte, half auch nicht wirklich, sich eine passende Rechtfertigung zu überlegen.

    Na ja“, erwiderte sie etwas ungeduldig mit der Zunge schnalzend. Doch dann schnaubt sie resigniert auf. Er hatte ja Recht. Sie hatte sich wie eine pubertierende Teenagerin verhalten, die nicht die nötige emotionale Intelligenz hatte aufbringen können, sich der Situation angemessen zu verhalten. In der Retrospektive erschien vieles um Einiges klarer. Doch Virgina wusste, dass sie diese Einsicht wahrscheinlich nicht daran hindern würde, in Zukunft ähnlich absurde Aktionen abzuziehen. Es war eben nicht ihre Stärke, klug und durchdacht zu handeln, wenn es auch die Option gab, impulsiv seinen Gefühlen zu folgen.

    Es war nicht, dass mir die Antwort nicht gefallen hat. Darum ging es ja gar nicht, sondern…“, sie stockte. Sondern was eigentlich? Was hatte sie dazu veranlasst, so plötzlich den Raum zu verlassen? Ein undefinierbarer, frustrierter Laut drang aus ihrer Kehle. „Ehrlich gesagt, keine Ahnung, Didi. Whiskey macht mich komisch“, kam sie nun mit der schlechtesten Ausrede auf, die ihr spontan einfiel.

    Na ja pass auf“, startete sie einen neuen Versuch, ihm klar ihre Logik klar zu machen. „Ich hatte sie das erste Mal gefragt, ob wir uns sehen wollen… und dann war ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt Lust hat, mich noch mal zu sehen, deshalb meinte ich, dass sie sich bei mir melden soll. Ich will ja nicht, dass sie dann immer nur aus Höflichkeit zusagt, aber eigentlich keinen Bock draufhat“, erklärte sie nachdrücklich und hob dann sanft Rogers Kopf an, um ihn davon abzuhalten, ihre Hose in ein Hundespielzeug zu verwandeln.

    Sie seufzte und konnte dann nicht anders, als in sein amüsiertes Schmunzeln einzusteigen, als er ihre glorreichen Taten in seinen Worten so nüchtern wiederholte. Virginia hielt kurz inne, als er seine Zusammenfassung beendet hatte und lachte dann.

    Weiß ich ja nicht, ob du so cool bist“, startete sie dann immer noch lachend eine Gegenoffensive. „Du wirkst eher wie so eine alte, weise Tante, die sich mal lieber an ihre eigenen Ratschläge halten sollte“, meinte sie trotzig und vergrub sich in seinen Arm. Dann seufzte sie erneut. „Warum hast du eigentlich immer recht?“, fragte sie dann, ihre Stimme dumpf durch den Stoff seines Hemdes und richtete sich dann wieder auf. Er hatte schon immer gute Ratschläge gegeben. Dennoch hielt sie sich, stur wie sie war, viel zu selten an sie.

    Aber ich weiß ja gar nicht, was ich will. Du lässt es so klingen, als wäre das schon eine total ausgemachte Sache“, sagte sie schließlich nachdenklich. Wahrscheinlich war das überhaupt der Knackpunkt. Doch die implizierte Frage würde er ihr auch nicht beantworten können. Was sie wollte, musste sie allein mit sich selbst ausmachen und sie war sich sicher, dass es ihr alles andere als leichtfallen würde. Schließlich umfasste diese Frage verschiedene Dimensionen: Was sie kurzfristig wollte, was sie langfristig wollte, was klug war, was taktvoll war?

    Aber es stimmt schon. Nichts tun hat wirklich nie etwas besser gemacht“, kam es ihr dann ernsthaft über die Lippen. Ein Lächeln breitete sich über ihren Mund aus, während sie sich aufrichtete. „Du weißt schon, wie lieb ich dich habe, ja? Obwohl du ein Klugscheißer bist, der meine tollen Witze nicht verdient hat“, meinte sie mit sanftem Witz und grinste ihn fürsorglich an. Ihr Blick wanderte einen Moment geistesabwesend in die Ferne, bis sie sich ruckartig aufrichtete. „Scheiße“, fluchte sie aus dem Nichts und sprang vom Sofa. Roger gab einen unzufriedenen Laut von sich. „Ich hatte Eis gekauft und total vergessen, dass in die Gefriertruhe zu bringen“, erklärte sie sich und hastete dann lauthals fluchend in die Küche.

  • Die Dielen über ihren Köpfen knarzten leise, dumpfe Schritte waren zu hören und Hadens Blick wanderte für einen Moment gen Decke. Ob Scip es war, der abermals vor unzähligen ausgebreiteten Tagespropheten saß, um nur die winzigste, die geringste Spur zu finden? -Möglich.

    Haden legte seinen Arm etwas fester um Virginia und seine Fingerspitzen strichen sanft über ihre Schulte. „Warum hast du eigentlich immer recht?“, murmelte sie in den Stoff seines Shirts und seine Mundwinkel zuckten hinauf. Eine ausgesprochen gute Frage. Vielleicht weil er ziemlich clever war, weil er sich angestrengt hatte, niemals ein wirklicher Greengrass zu sein. Weil er reflektierte und sich einfühlen konnte. Vielleicht weil er neben Virginia, nie wirklich jemanden gehabt hatte dessen Ratschläge ihm weiterhalfen, auf den er sich hatte verlassen können. Dinge, die ihm in den Sinn kamen. Dinge, die er niemals aussprechen würde, um neben einen Kugelscheißer nicht auch noch ein arroganter Fatzke zu sein. "Weil ich eine alte weise Tante bin. Haben wir doch schon geklärt", gab er schmunzelnd zurück und neigte den Kopf langsam zur Seite, um ihn auf ihrem dunklen Haar zu betten. Seicht bewegten sich die Strähnen als sein Atem über sie hinwegbrandete und er die Augen schloss.

    Aber ich weiß ja gar nicht, was ich will. Du lässt es so klingen, als wäre das schon eine total ausgemachte Sache“, durchbrach Virginia die Stille und ein leises Lachen löste sich aus Hadens Kehle. Zugebenermaßen hörte es sich auch an wie eine ausgemachte Sache, aber er wollte Virginia keine Diskussion aufzuzwingen, für die sie vielleicht noch nicht bereit war. "Sag ich gar nicht", protestierte er deshalb und hob den Kopf ein Stück an, um auf sie hinabzusehen. "Ich sag nur, dass du dich bewegen musst, wenn du der Sache auf den Grund gehen willst. Du wirst nicht herausfinden, was du willst, wenn du nur rumsitzt." Ein bestätigendes Nicken folgte seinen Worten als er den Kopf wieder auf Virginias gleiten ließ und zu Roger sah, der leise schnaubend vor sich hindöste.

    Einige Moment vergingen als sich Virginia schließlich von ihm löste und auch Haden seinen Arm zurück auf die Lehne hinter ihr schob. Ein breites Grinsen lag auf ihren Zügen und Haden mochte, wie ihre Augen dabei funkelten. Sie erinnerten ihn irgendwie immer an den See, der auf dem Grundstück seines Vaters gelegen hatte. Im Herbst, wenn die Blätter von den Bäumen gefallen und manche von ihnen friedlich auf der glitzernden Oberfläche getanzt hatten.

    Du weißt schon, wie lieb ich dich habe, ja? Obwohl du ein Klugscheißer bist, der meine tollen Witze nicht verdient hat“, sagte sie und Hadens Züge verzogen sich leicht. Theatralisch fasste er sich mit der Hand auf die Brust und sackte gespielt getroffen an der Lehne etwas herunter. Er lachte. "Ich kann nichts dafür, dass die Wahrheit manchmal wehtut", gab er zurück und seine Brauen wippten empor. Doch Virginias Blick war längst entglitten, verweilte in der Ferne. "Ich...", begann Haden und streckte die Hand nach ihr aus. Doch ehe er sie überhaupt hatte berühren können, da fegte ein Ruck durch ihren Körper. Alarmiert sprang sie auf die Füße, Roger und Haden zuckten zusammen, der Hund bellte. „Scheiße.“

    "Was ist los?!"

    Ich hatte Eis gekauft und total vergessen, dass in die Gefriertruhe zu bringen.“ Und da jagte Virginia bereits davon, ließ Haden und Roger zurück, die vielsagende Blicke tauschten. Ein Seufzten verließ seine Lippen als seine Hand den massiven Kopf des Rottweilers tätschelte, der ein seichtes Schnauben ausstieß und sich auf dem Sofa nun auf die Seite rollte. "Naja die Ausrede ist wenigstens neu."


    -Ende-

  • I admit my faults, I own my scars,

    In every mistake, I find who we are.

    mittags, 09.02.2025

    Haden Whittaker & Nikaya Daly


    Nikaya hatte sich schon während ihrer Schulzeit gewünscht, etwas zu verändern. Sie hatte gehofft, dass es einen organisierten Widerstand gab- und dass sie diesen eines Tages irgendwie unterstützen könnte. Mit dem neuen Jahr war ihr Wunsch in Erfüllung gegangen, und doch war letztlich alles anders als gedacht: Die Löwin war davon ausgegangen, dass sich ihre Machtlosigkeit, dieses Gefühl der Ohnmacht, das sie in der aktuellen Gesellschaft so oft verspürte, mit einer aktiveren Rolle ändern würde. Sie hatte gedacht, sie hätte der schrecklichen Realität bereits in den letzten Jahren ins Gesicht gesehen. Doch sie hatte sich getäuscht. Diese Erkenntnis kam mit jedem Blick in die Akten, mit jedem Gespräch. So viele verlorene Mitglieder: Professor Cooper, Bertie, Gia... die Liste schien kein Ende zu nehmen. Nikaya hatte zuvor ihre Vermutungen gehabt. Sie wusste, wie ungerecht und unsicher die Welt war, in der sie lebten. Doch wie viel Tod und Schmerz mit einer aktiven Rolle im Widerstand einherging- das wurde ihr erst nach und nach bewusst. Denn Vermutungen und theoretische Überlegungen waren etwas anderes als die Realität. Es war anders, Namen zu lesen und zu hören, Schilderungen... Und mit ihrem neuen Bewusstsein kam auch eine andere Erkenntnis: Im Widerstand hatte ihr Stolz keinen Platz! Je mehr Nika über ihr Gespräch mit Haden nachdachte, desto deutlicher wurde ihr, wie falsch sie sich verhalten hatte. Dass sie tatsächlich geglaubt hatte, er würde sie wegen ihres Alters verurteilen, erschien ihr im Rückblick beinahe naiv. Und mit jedem vergehenden Tag wuchs das schlechte Gewissen.

    Als die Löwin an diesem Sonntag im Grimmauldplatz ankam, suchte sie das Haus nach vertrauten Gesichtern ab- und fand am Ende nur das vertrauteste von allen im Wohnzimmer. Ihr Entschluss stand fest. Haden schien in einen Zeitungsartikel vertieft, hatte ihre Ankunft noch gar nicht bemerkt. Die Stimmung zwischen ihnen war seit dem Gespräch im Dezember distanziert. Nikaya hatte zunächst trotzig darauf reagiert und war trotzdem weiterhin in den Kupferkessel gekommen. Dort war sie dem älteren Zauberer so gut es ging mit höflicher Kühle aus dem Weg gegangen. Doch im letzten Monat war ihr diese Distanz zunehmend ins Herz gefahren. Sie tat weh- und mit ihr kamen die Schuldgefühle. Wie viele der ehemaligen Ordensmitglieder hatte auch Haden gekannt? Wie viele Verluste hatte er miterlebt? Nikaya war klar geworden, dass sein Zögern bezüglich ihrer Aufnahme keineswegs aus Böswilligkeit oder gar Überheblichkeit kam. Es war allein die Sorge gewesen, die ihn zu seinen Zweifeln getrieben hatte. Und auch wenn sie trotz all der neuen Erkenntnisse ihre Entscheidung nicht bereute, obwohl sie noch immer glaubte, dass sie den Herausforderungen gewachsen war- oder es zumindest versuchen musste-, verstand sie inzwischen Hadens Beweggründe. Merlin, mittlerweile konnte sie sogar jene Menschen verstehen, die lieber die Augen vor der Wahrheit verschlossen, anstatt sich ihr zu stellen. Sie wollte selbst kein solcher Mensch sein, und ein Teil von ihr blieb kritisch. Doch zugleich erkannte sie, dass nicht jeder bereit war, alles zu riskieren.

    Mit einem leisen Räuspern machte die junge Hexe schließlich auf sich aufmerksam, nachdem ihre dunklen Augen einige Augenblicke lang auf der lesenden Gestalt Hadens geruht hatten. Sie lehnte im Türrahmen, und ihre lockere Haltung täuschte beinahe darüber hinweg, dass sie angespannt war. Beinahe. Haden kannte sie mittlerweile wohl gut genug, um hinter die Fassade zu blicken. "Hey, irgendwelche interessanten Neuigkeiten?", fragte sie, schüttelte jedoch gleich darauf den Kopf und straffte die Schultern, bevor sie auf den ehemaligen Chef zuging. "Darf ich mich zu dir setzen?", sie deutete auf den freien Sessel. "Ich… ich glaube, wir müssen reden. Und ich… ich schulde dir eine Entschuldigung." Nun war die Unsicherheit doch deutlich in ihrem Tonfall zu hören, während Nikaya zögerlich auf eine Antwort wartete.

  • Zaubereiministerium, London. Der Brunnen der Magischen Geschwister im Atrium des Zaubereiministeriums wird generalsaniert. Aufmerksam zuckten die Augen des Heilers über die Zeilen, die er wieder und wieder gelesen hatte. Er stockte, fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe und kritzelte mit der Feder ein „Weshalb?“ an den Rand der Zeitung.

    Das Ledersofa knarzte, als er sich zurücklehnte und für einen Moment ins Leere starrte. Weshalb? -Nun, im Grunde lag die Antwort wohl auf der Hand. Ein leises Seufzen entkam seiner Kehle, als er die Zeitung aufschüttelte und sein Geist sich wieder zwischen den Zeilen verlor.

    In der Zwischenzeit sind Geldspenden, die dem St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen zugute-. Ein Räuspern riss Haden von den Zeilen los, und als er die schmale Gestalt im Türrahmen sah, da flackerte für den Bruchteil einer Sekunde etwas in seinem Blick. Es war nicht so, dass Nika und er sich in den letzten Wochen nicht gesehen hatten. Nein, Nika war weiterhin in den Kupferkessel gekommen, und auch hier waren sie sich eins ums andere Mal über den Weg gelaufen. Doch fast nie waren sie bei ihren Aufeinandertreffen allein gewesen. Es war, als bräuchte es die älteren Herrschaften oder die anderen Ordensmitglieder als Zone zwischen ihnen, als Dämpfer, als die Mitte eines Kompromisses. Und ja, sicherlich vermisste ein Teil von ihm die Gespräche, das gemeinsame Lachen, wenn sie nach dem Bingoabend die Reste des Popcorns einsammelten. Doch all das kam ihm weit entfernt vor, wie ein Relikt aus alter Zeit. Diese Menschen waren sie nicht mehr und es schmerzte, dass er bis heute nicht verstand, wann ihnen all das durch die Finger geronnen war. „Hey, irgendwelche interessanten Neuigkeiten?

    Haden schob sich auf dem Sofa etwas hinauf, doch ehe er zu einer Antwort ansetzen konnte, schüttelte Nika bereits den Kopf. „Darf ich mich zu dir setzen?

    Natürlich“, sagte er und doch spannte sich seine Haltung etwas an, als sie zu ihm trat. Die langen Beine, die er ausgestreckt hatte, zog er nun ein wenig an, um ihr etwas Platz zu machen. „Ich… ich glaube, wir müssen reden. Und ich… ich schulde dir eine Entschuldigung.“ Für einige Herzschläge sah Haden Nika ausdruckslos an. Ihr letztes wirkliches Gespräch war nun schon einige Monate her und obgleich die Zeit die Wogen etwas geglättet hatte, so hatte Haden nur wenig Lust, diese Kiste abermals zu öffnen. Er war es satt, für etwas angeklagt zu werden, dass er nie gemeint, nie gesagt hatte. Er hielt sie nicht für ein Kind. Er war es wieder und wieder durchgegangen. Bei Merlin, er hatte mit ihr geschlafen. Doch all das hatte Nika nicht sehen können, nicht sehen wollen. Und auch wenn Haden verstand, dass ihr Leben gerade an ihren Nerven zerrte, dass sie Kummer und Leid hatte ertragen müssen, so hatte auch seine Geduld Grenzen.

    Die Zeitung raschelte, als er sie nun auf den schmalen Tisch mit den mächtigen Klauenfüßen vor ihm legte. „Worüber willst du reden?“, fragte er ausatmend, als er sich ein paar der Kekskrümel vom Shirt bürstete und das Kinn dann wieder anhob. Aufmerksam legten sich seine braunen Augen auf sie, tasteten jeden Zentimeter ihrer Züge ab und suchten nach … er wusste es selbst nicht. Doch noch da glaubte er nicht, dass dies hier wirklich in einer Entschuldigung enden würde, sondern abermals in einer weiteren Auseinandersetzung darüber, dass ihre Ansichten nicht dieselben waren. „Du kannst, wenn du willst. Virginia hat sie mitgebracht. Sind meine Liebsten“, erklärte er und schob die Schokokekse mit Kürbiscremefüllung zu ihr.

  • Anspannung, die zu einer solchen Distanz führte. Sie war zwischen Haden und Nikaya geraten, seit Corys Verschwinden, seit die Verzweiflung sie zu Taten getrieben hatte, die sie nun bereuten. Oder war es weitaus mehr als nur das? Eine Frage, die die Daly in den letzten Wochen immer häufiger beschäftigte. Denn die Distanz erklärte sich nicht durch einen kleinen Ausrutscher, über den sie einfach hätten sprechen können. Den sie eigentlich lange hinter sich gelassen hatten- oder? Nein, sie saß tiefer, und auch in jenem Moment spürte Nikaya das so deutlich, so schmerzhaft. Hadens Anspannung war beinahe so greifbar wie die eigene, als die junge Hexe sich niederließ. Ihre Worte kamen zögerlich über die Lippen, dabei wollte sie sie doch schon länger loswerden. Und die Distanz blieb deutlich im Gesicht des Zauberers. Sie tat noch immer weh.

    Worüber willst du reden? Die Frage klang irgendwie kühl, beinahe herausfordernd, und Nikaya konnte spüren, wie die Schuld erneut ihr Herz zusammenzog. So viel Schmerz und Verlust ruhten in diesen Mauern. Sie hatte es immer geahnt, doch nie verstanden. Vielleicht verstand sie es noch immer nicht. Nicht vollkommen. Kurz huschten ihre dunklen Augen schuldbewusst gen Boden, sie schluckte schwer, während sie versuchte, die richtigen Worte zu finden, um zu beschreiben, was sie beschäftigte. Das Angebot mit den Keksen kam lange, bevor Nikaya ihre Antwort fand. Zögerlich nahm sie einen der Kekse, rang sich ein kurzes "Danke" ab, bevor ihre Hände begannen, mit der Leckerei in ihren Fingern zu spielen. Einmal atmete die Löwin tief durch, dann zwang sie sich, erneut den Blick von Haden zu suchen. Ein Blick, in dem mittlerweile so viel mehr lag als die alte Freundschaft und Zuneigung.

    Erneut schluckte Nikaya, ehe sie gestand: "Ich hab das alles falsch eingeschätzt." Kaum merklich schüttelte sie den Kopf. "Ich… ich weiß auch nicht, warum ich so… Als du mir damals vom Orden erzählt hast, da war ich einfach… ich war auf mich konzentriert, weißt du?" Erneut schüttelte die junge Hexe den Kopf. Natürlich wusste Haden. Er war dabei gewesen! "In letzter Zeit haben Menschen in meinem Umfeld irgendwie viel verheimlicht oder Entscheidungen ohne mich-" Sie unterbrach ihren Gedankenfluss, schüttelte nun entschiedener den Kopf, ehe sie sich korrigierte: "Ach, ist egal, es spielt keine Rolle, wieso. Ich habe überreagiert. Hab mich irgendwie verraten gefühlt, ohne das gesamte Bild zu sehen. Und das…" Sie schluckte schwer. "Das tut mir wirklich, wirklich leid."

    Kurz zuckte Schmerz über ihre Gesichtszüge, erneut musste Nikaya schlucken: "Ich hab… ich hab von all den Verlusten erfahren. Natürlich gibt es die, und ich hätte… ich…" Ich, ich, ich. Da war noch immer zu viel Ich.

    Erschöpft fuhr die Daly sich über die Augen, bevor sie Haden wieder anblickte. Die Sorge stand offen in ihrem Gesicht: "Kanntest du sie alle? Bertie, Gia, Prof- Elias? Musstest du all diese Verluste… musstest du sie miterleben?"

    Ja, Nikaya verstand mittlerweile, dass Hadens Zögern, seine Sorgen bezüglich ihres Beitritts, nichts damit zu tun hatten, dass er sie unterschätzte. Nein, er machte sich einfach Sorgen. Sehr angebrachte Sorgen, wenn sie die Lage bedachte, in der sie sich befanden…

  • Die mit blauen Blüten verzierte Untertasse klapperte, als Haden das feine Porzellan anhob und an seinem Kaffee nippte. Das Geschirr passte nicht so recht zu dem jungen Mann, der – wie viele der anderen Ordensmitglieder – fehl am Platz in dem Haus wirkte, das als ein Museum längst vergangener Zeiten hätte dienen können. Und es war noch immer ein seltsamer Gedanke, dass Haden zwischen ähnlichen Mauern aufgewachsen war, immer unter dem wachsamen Auge seiner Großeltern, die den Namen Greengrass wie eine Trophäe an ihrer stolz geschwellten Brust getragen hatten. Wie eigenartig es doch war, dass Haden es zumindest äußerlich geschafft hatte, all diese Altlasten abzulegen. Er war ein Whittaker durch und durch – was auch immer das bedeuten mochte. Ein Name ohne Familie, ein Name ohne Geschichte oder Erinnerung. Und vielleicht schmerzte diese Anonymität mitunter mehr als der Umstand, den Namen einer Familie zu tragen, die ihn erst belogen und schließlich verstoßen hatte. Wie dem auch sei: es spielte keine Rolle mehr.

    Schweigend lauschte Haden den Worten von Nikaya. Ja, sie hatte es völlig falsch eingeschätzt. Ja, sie war vollkommen auf sich konzentriert gewesen. Und ein Teil von Haden war noch immer gekränkt, dass sie ihm nicht wirklich zugehört, dass sie geglaubt hatte, seine Worte würden reinem Zweifel entspringen.

    Er hatte sie nur beschützen wollen. Denn es war schlichtweg ein Fakt, dass sie in ihren jungen Jahren nicht über die Erfahrungen verfügte, die älteren Zauberern und Hexen zuteilwurden. Es lag nicht an ihrer Person, nicht daran, dass – was sie ihm stets vorgeworfen hatte – er sie für ein Kind hielt. Nein, es war Sorge gewesen, einen weiteren Menschen zu verlieren. Es war die Sorge gewesen, jemanden in etwas hineinzuziehen, der nicht verstehen konnte, was dort auf ihn niederprasseln würde.

    Und doch verstand er sie, zumindest ein wenig. Nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen war, war es vielleicht schwierig geworden, ihm zu vertrauen. Das unangenehme Ziehen in seiner Magengegend erinnerte ihn stets selbst daran. Mit Nika zu schlafen war ein Fehler gewesen. Sich einer verzerrten Illusion hinzugeben, weil sein Körper eben wollte, was sein Körper wollte.

    Haden fühlte sich primitiv, gerade erst der Steinzeit entwachsen. Und es störte ihn mehr, als er zugeben wollte, war er solchen niederen Bedürfnissen sonst immer erhaben gewesen. Doch die Hexe stieß etwas in ihm an, und auch wenn es ein Fehler gewesen war, so wusste er in seinem Kern, dass er es doch nicht bereute.

    Haden schwieg, als ihre letzten Worte zwischen den Dielen des Bodens verebbt waren. Seine Brust hob sich, als er sich etwas vorlehnte und die Ellenbogen nun auf seinen Knien abstützte. „Es ist anständig von dir, dich zu entschuldigen“, sagte er und rieb die Handflächen aneinander, während er Nika durchdringend betrachtete. „Mir tut es leid, wenn ich dir das Gefühl gegeben habe, dass du meinen Worten nicht mehr glauben kannst“, sagte er und biss sich auf die Innenseite seiner Wange. „Alles, was ich gesagt habe, habe ich gesagt, um dich zu schützen. Ich verstehe, dass es keine einfache Zeit für dich war. Aber sich von seinen Gefühlen derart einnehmen zu lassen, kann im Orden weit mehr bedeuten als Streit mit einem Freund. Daran solltest du arbeiten, um dich selbst beschützen zu können.

    Ruhig wanderten seine braunen Augen zwischen ihren hin und her.

    Elias war mein Ausbilder. Ich kannte ihn lange, ja.“ Ein schweres Schlucken rann durch seine Kehle, als er sich über das kurze dunkle Haar strich. „Wir alle haben uns der gleichen Sache verschrieben. Das verbindet, wie du sicherlich schon bemerkt hast. Es geht über einfache Sympathie hinaus. Aber ich denke, man muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass wir uns vielleicht zum letzten Mal heute unterhalten, oder dass Virginia nicht wieder durch diese Tür treten wird.“ Es waren finstere Gedanken. Zugegeben nicht besonders aufbauend oder motivierend. Und doch war es die Wahrheit, nicht? Eine Wahrheit, die alle zu gern ausblendeten, so weit von sich wegschoben, bis sie keine Bedeutung mehr hatte.

    Für einige Atemzüge starrte Haden ausdruckslos zum Türrahmen.

    Als wir miteinander ...“, begann er und lenkte seinen Blick zurück zu Nika. „Es tut mir leid, dass es etwas zwischen uns verändert hat.

  • In diesem Haus schien die Schwere der Zeit so gegenwärtig, teilweise so drückend, dass es Nikaya vorkam, als sei sie um Jahre gealtert. So viel Schmerz, so viele schreckliche Erinnerungen zogen sich durch die Geschichte des Ordens. Vielleicht bedeutete das Widerstand. Nikaya hatte sich das einst als etwas Episches vorgestellt- irgendwie heldenhaft und rebellisch, ganz die Gryffindor eben. Doch bereits ihre eigenen Erfahrungen hatten diesem Bild mit jedem Jahr einen Dämpfer versetzt. Und nun, da sie tatsächlich die Chance hatte, wirklich zu helfen, wurde ihr die Schwere dieser Aufgabe- all die Eingeständnisse und Schmerzen, die sie bedeutete- mit jedem Tag deutlicher bewusst. Und es bedeutete auch, Opfer zu bringen: Cory, Haden, nun vielleicht sogar Gwen. Geheimnisse und Gefahr. Es war nicht einfach, und Nika schluckte schwer, während ihre Augen auf Haden ruhten, der noch immer getroffen wirkte. Da war mittlerweile diese schreckliche Distanz zwischen ihnen und an Tagen wie heute wünschte die Daly sich nichts sehnlicher, als sie wieder zu überwinden. Sie nickte also auf seine Worte hin nur kleinlaut, da sie das im Grunde selbst längst wusste. Auch wenn sie die Entscheidungen in der Winkelgasse nicht bereute- nicht einmal die im Verbotenen Wald- … sie waren gefährlich und rücksichtlos. Ihr Temperament ging manchmal einfach mit ihr durch und das forderte seinen Tribut. Zum Beispiel die einst so konstante, gute Verbindung zu Haden...

    Schluckend hörte sie den weiteren Schilderungen zu und wurde sich einmal mehr der Wucht ihres Fehltritts bewusst. Hadens Angst, seine Sorgen- mit den jüngsten Informationen ergab alles plötzlich so viel Sinn. Und das schlechte Gewissen zeichnete sich umso deutlicher in Nikayas Gesichtszügen ab. "Das tut mir wirklich leid. Das wusste ich nicht", murmelte sie erneut, auch wenn die Worte das Geschehene nicht mehr rückgängig machen konnten. Schmerz zuckte durch ihr Gesicht, als Haden weitersprach, als er die ständige Gefahr ansprach, die über ihnen allen hing. Im Grunde war es nicht anders als in der Realität auch: Egal ob muggelgeboren oder Halbwesen, die Gefahr lag bedrohlich über ihnen. Und doch schien sie hier im Orden noch greifbarer, und das machte Nikaya Angst. "Gewöhnst du dich jemals an diesen Gedanken?", wollte sie mit rauer Stimme wissen. "Oder wird er nur… schlimmer… mit jedem Verlust?"

    Dass Haden schließlich selbst eine Entschuldigung aussprach, überraschte die Löwin. Kurz lag Widerspruch auf ihren Lippen- sie wollte ihm erklären, dass er sich nicht für etwas entschuldigen konnte, was nicht allein in seiner Verantwortung lag. Dass sie selbst gewollt hatte, ohne an die Konsequenzen zu denken, und dass das Timing, ihr Verhalten im Anschluss… einfach alles unfassbar unglücklich gelaufen war. "Mir auch", brachte sie am Ende jedoch nur aufrichtig hervor und wagte sich kaum zu fragen: "Glaubst du… glaubst du, das ist final? Oder bekommen wir es wieder hin, dass es sich so anfühlt wie davor? Oder zumindest so ähnlich?"

  • a tiny whisper for help

    18. Oktober 2025, gegen 18 Uhr

    Gwenda Manawydan


    Byron hatte den Blick starr auf die Uhr an der Wand gerichtet. Als er damit angefangen hatte, war es 17:55 Uhr gewesen. Mittlerweile wartete er darauf, dass der große Zeiger endlich auf Punkt 12 zeigte. Unruhige Finger drehten seinen Zauberstab zwischen den Händen. Es war seiner Nervosität zu verdanken, dass er überpünktlich im Grimmauldplatz eingetroffen war. Es war einiges an Überwindung notwendig gewesen, damit er Gwenda um Hilfe bat – aus mehr als nur einem Grund. In der Finalnacht hatte Byron sich persönlich davon überzeugen lassen müssen, dass unter den Todesser:innen ein Legilimentiker war. Mit seinen skrupellosen Fähigkeiten war er in seine Gedanken eingedrungen und hatte ihm etwas Persönliches entrissen, das nicht hätte von großer Bedeutung sein müssen. Doch er hatte sich stets bemüht, unauffällig zu sein. Seine Dienste für den Orden nicht mit anderen Bereichen seines Lebens kollidieren zu lassen. Bei Merlin, er hatte sogar einen Quidditchumhang für die Nacht gekauft. Angesichts der Tatsache, dass nun ein Todesser wusste, ein Journalist des Tagespropheten hatte sich ihnen entgegengestellt, war es das Vernünftigste, sich mit Okklumentik zu befassen. Dabei war unerheblich, ob man ihn für Teil einer Organisation hielt. Es wäre allerdings gelogen, zu behaupten, es sei die einzige Motivation hinter diesem Treffen. Seit der Finalnacht wussten die Mitglieder des Ordens auch, dass es einen Todesser mit ratterndem Zahnradtattoo am Hals gab. Es war sein gut gehütetes Geheimnis, das er in der Stille der Bibliothek seine Finger hatte darüber streichen können – und er wollte alles daran setzen, damit es sein Geheimnis blieb. Byron schloss die Augen, schüttelte vehement den Kopf über sich selbst, ehe er den Blick von der Uhr abwendete. Sie weckte die Assoziation mit dem Raum in Mercury Nightowls Hütte, irgendwo auf den schottischen Inseln. Er konnte es sich nicht leisten, auch nur für eine Sekunde daran zu denken, wie er nur kurz nach dem Anblick eine Grenze überschritten hatte. Wenn er es sich jetzt erlaubte, darüber zu sinnieren, würde es ein Ding der Unmöglichkeit werden, seine Gedanken vor Gwenda zu verschleiern.

    Mit einem leisen Räuspern setzte er sich gerader hin, befahl sich, das Wippen mit den Beinen zu unterlassen. Ein klares Bild vom Campingplatz würde helfen. Gerade, als er die Erinnerungen wachrief, ging die Tür auf. Gwendas Anblick verleitete ihn dazu, sich sofort von der Couch zu erheben. Wie ein Schüler, der ehrfürchtig vor seiner Lehrerin stand. In gewisser Weise war sie genau das. "Hi", kam es ihm leise von den Lippen. Die halbe Wahrheit war, dass er einen ungeheuren Respekt vor dieser Frau hatte. Die ganze Wahrheit war, dass eine gesunde Portion Angst in diesem Respekt mitschwang. "Danke für die ... Nachhilfe." Sein Zauberstab hatte sich mittlerweile so fest in die Kuppe seines Zeigefingers gebohrt, dass er eine Druckstelle hinterließ. "Ich weiß nicht, ob der Legilimentiker irgendeinen Verdacht schöpft, aber ich will nicht, dass das nochmal passiert."

  • Gwenda wusste nicht so recht was sie geritten hatte, als sie Byron Clairmont zugesagt hatte, sie könne ihm in Sachen Okklumentik unter die Arme greifen. Allerdings, so hatte die griesgrämige, walisische Heckenhexe leider erkennen müssen, war das nicht wissen, was sie geritten hatte in den letzten Monaten ohnehin eine Art Dauerzustand geworden. Es war ein Dauerzustand, der sich mit ihrem Beitritt in den Orden des Phoenix, zusätzlich noch einmal intensiviert hatte und der auf ihrer – zumindest ihrer Meinung nach – vielleicht best gehütetsten Eigenschaft basierte: Sie sorgte sich.

    Es war ein gefährliches Unterfangen, dem sie sich hier im Grimmauldplatz angeschlossen hatte – dem sie sich alle hier angeschlossen hatten.

    Vermutlich hatte es bei ihrer Entscheidung, einer Lehrstunde eine Chance zu geben, eine nicht zu verachtende Rolle gespielt, dass nicht sonderlich viele Arme in die Höhe geschnellt waren, als es darum gegangen war, wer sich im Orden vor einem Angriff mit Legilimentik schützen können würde. Ihre eigene Antwort war zögerlich gewesen. Es war eine tödliche Taktik, wenn man versuchte im Geheimen zu agieren; nicht nur für die Angegriffenen, sondern für jedes einzelne Mitglied, das in den Gedanken der anderen aufzufinden wäre.

    Gwenda war zwar weit davon entfernt sich selbst als zuverlässige Okklumentikerin, gar Legilimentikerin, zu betiteln, aber in ihrer Situation war das, was ihr Murtagh im vergangenen Jahr beigebracht hatte, besser als nichts.¹

    Dass sie sich ihrer Sache nichtsdestotrotz nicht vollkommen sicher war, verriet ihr üblicher missmutiger Blick als sie das muffige Wohnzimmer im Erdgeschoss betrat. Schon aus dem Flur hatten schwere Stiefelschritte ihre Ankunft angekündigt und kaum, dass sie die Schwelle des Zimmers betreten hatte, pfefferte sie auch schon ihren üblichen Drachenlederumhang in eine Ecke und rollte sich ohne Umschweife die Ärmel ihres groben Wollpullovers in einem schwer zu definierenden Sumpfgrün empor. Dem ersten Anschein nach stand ihr eher der Sinn nach einer Renovierungsarbeit, anstatt einer feinfühligen Lehrstunde zu einem komplexen Zauber, allerdings stutzte sie, als der junge Zauberer aufsprang und mit seinem sichtlich nervösen Redeschwall begann.

    Hi“, entgegnete sie trocken und blinzelte erst einmal langsam, während sie ausgiebig an dem Journalisten auf- und absah. Sie und Clairmont hatten bisher noch nicht sonderlich viel miteinander zu tun gehabt. Einerseits, weil sie selbst niemand war, der einfach nur für lockere Schwätzchen im Grimmauldplatz auftauchte, andererseits weil sie eine ausgeprägte Abneigung gegen seine Berufsgruppe verspürte. Nicht unbedingt gegen Clairmont persönlich, sie kannten den ruhigen Mann ja kaum, aber sie hielt sich lieber von Personen fern, deren Beruf es war, ihre Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken.

    Als die Hexe die stramme Haltung jedoch realisierte, verzog ein verschmitztes Schmunzeln ihren rechten Mundwinkel. „Hast du vor mich gleich auch noch Ma‘am zu nennen und einen imaginären Hut zu ziehen, Clairmont?“, fragte sie mit mildem Spötteln in der Stimmen und lehnte sich gegen das Armpolster eines weiteren, sichtlich mitgenommenen, Sessels im Raum. „Brich den mal lieber nicht durch, auch wenn du ihn gleich nicht brauchst.“ Gwendas Nicken bei diesem Satz galt dem Zauberstab in Clairmonts Händen und just tastete sie nach dem schmalen Lederholster, das an ihren Hosenträgern befestigt war.

    Okay… Wollen wir direkt starten? Brauchst du noch ‘nen Tee vorher? Irgendwelche–“ Ein kurzes Runzeln lief über Gwendas Stirn. Einen Moment lang dachte sie darüber nach wie Virginia ihre Lehrstunden in SPHINX abhielt. Per se – und das musste Gwenda neidlos anerkennen – war Virginia eine der besten Lehrpersonen, die ihr je irgendetwas beigebracht hatten. Sie, und sicher auch andere, fühlten sich sicher mit ihr – ganz egal wie ernüchternd Trainings abliefen.

    Nichtsdestotrotz verwarf sie den Gedanken sogleich wieder, sich an der Schottin zu orientieren. Sie besaß weder ihre Umsicht, noch hatte sie vor sich in die Verantwortung zu begeben auf irgendwelche Sensibilitäten Rücksicht nehmen zu müssen. „Vorkenntnisse?

    Die stumpfe Wahrheit war immerhin: Sie würde es nicht können. In ein paar Minuten würde sie in Clairmonts privatesten Gedanken herumstochern ohne versprechen zu können, dass sie wusste wie man nur bestimmte Türen aufzog und andere umging. Daran war sie mit Murtagh nämlich immer gescheitert – auch wenn sie nicht wusste, ob das an der allgemeinen Natur ihres Unterfangens gelegen hatte, nämlich eine Prophezeiung aufzuspüren, oder an den massiven Mauern und Fallschlingen im Kopf des ihr vertrauten Zauberers. Oder ihrem eigenen Unvermögen.



    ¹ Auch wenn Gwenda noch lange keine Chance hatte auch nur zu erahnen, wie speziell ihre Kenntnisse aufgrund ihres Lehrmeisters tatsächlich waren.

  • Byrons Blick blieb starr auf Gwenda gerichtet, als der Drachenlederumhang achtlos in eine Ecke geworfen wurde, noch bevor er sich wie von einer Biene gestochen von dem Sofa erhoben hatte. Schon vom ersten Tag an, bei ihrer Vorstellung im Orden, hatte er ihre Art als ruppig betrachtet. Sie schien sich nicht darum zu scheren, was andere Menschen von ihr hielten, oder ob sie jemanden beleidigte. Eigenschaften, die ihr seinen Respekt einbrachten. Die Fähigkeiten, die sie mitbrachte - und Byron wusste, dass diese sie durchaus zu einem wahren Gewinn für den Orden machten - weckten wiederum Ängste in ihm. Dass es ihm ähnlich ging, wenn er Virginia vor sich stehen hatte, hätte die Vermutung nahegelegt, ihm bereiteten alle Frauen Unbehagen, die ihn ansatzweise an seine Mutter erinnerten. Wenn jemand hätte in Byrons Kopf schauen können, versteht sich. Was Gwenda gleich würde. Die erdigen Farben ihrer Kleidung brachten ihm keine Ruhe.

    Bei ihren Worten schaute er ertappt zu Boden, peinlich berührt davon, wie wenig er in letzter Zeit dazu fähig war, seine Gefühle für sich zu behalten. Vielleicht war sein Gedächtnis trügerisch, doch er glaubte zumindest, früher besser darin gewesen zu sein, ein Pokerface aufzusetzen. Er nahm den Finger von der Spitze des Zauberstabs, fuhr sich mit dem Daumen über die Fingerkuppe, um die Druckstelle wieder loszuwerden. Etwas Schreckhaftes lag in seinem Blick, als er ihn hob, um Gwenda - die einsatzbereit aussah - ins Gesicht zu blicken. "Was, jetzt sofort?" Es war eine dämliche Frage, schließlich war er derjenige gewesen, der sich hierfür gemeldet hatte. Er hätte froh sein müssen, dass sie keine gespielt freundlichen Worte für ihn übrig hatte oder die Spannung ins Unermessliche hob. Offensichtlich wollte sie das Ganze einfach hinter sich bringen. Es war die klügste Weise, an diese Sache heranzugehen. Und doch sträubte sich etwas in Byron dagegen. Furcht vor seiner eigenen Hilflosigkeit? "Ich ... habe Bücher dazu gelesen?" Es klang eher wie eine Frage. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, offenbarten den Frust, den er sich selbst gegenüber empfand. Dieser dämliche Reflex, als allererstes die Bibliothek abzuklappern. Keine Literatur der Welt konnte abbilden, wie es sich anfühlte, wenn einem in die eigenen Gedanken eingedrungen wurde. "Ich fürchte, außer mit Erfahrung als Opfer kann ich nicht dienen." Es waren nur wenige Sekunden gewesen, die der Todesser es geschafft hatte, die schwache Barriere vor seiner Gedankenwelt zu passieren. Es hatte gereicht, um bei der Vorstellung, es könnte sich wiederholen, sein Herz nervös gegen seinen Brustkorb hämmern zu lassen. "Kannst ... also. Es gibt einige Dinge, die privat sind. Denkst du, du könntest ... sie umgehen?" Er befahl sich, nicht an nackte Körper oder eifrig ratternde Zahnräder zu denken. Doch das war nicht das Einzige, das er nicht mit ihr teilen wollte. "Es ist eine Weile her, aber ich will nicht, dass jemand sieht, wie genau das da passiert ist." Mit dem Zauberstab deutete er auf sein Bein, wo die schwarzmagische Narbe sein Bein zierte. Jede:r im Orden wusste von ihr. Wusste auch, welche Hexe dafür verantwortlich war. Kein Geheimnis daraus zu machen, machte die Sache nicht automatisch einfach. Er konnte nicht anders, als ihr in dem Moment auf die Brandnarbe zu starren, die sich über ihre rechte Wange den Hals runter zog.

  • Klar, sofort. Oder musst du vorher noch mal?“, antwortete die Drachenwärterin unvermittelt und hatte längst ihren Zauberstab gezogen. Mit einem langen Schritt überbrückte sie die letzte Distanz zwischen sich und dem jüngeren Zauberer und obwohl dieser kaum kleiner als sie selbst war, war es sehr einfach, von oben an ihm hinabzublicken. Er schien schier zu zerschmelzen vor Unwohlsein und Anspannung. Kurz zuckten ihre Mundwinkel nach unten, und was von außen nach Missfallen aussah, hatte mehr mit ihren eigenen Unsicherheiten zu tun. Er hätte verdient gehabt, dass man ihn anständig rückversicherte. Allerdings wusste sie selbst, dass sie ihm das vermutlich nicht bieten können würde und Selbsterkenntnis war in diesem Fall kein Schritt zur Besserung.

    Die Hexe schnaubte kurz, ehe sie simultan Achseln und Augenbrauen hob und schließlich lang seufzte. „Ich weiß es nicht.“, antwortete sie trocken, jedoch ehrlich auf seine Frage. „Kommt drauf an, was ansonsten für ein Chaos in deinem Kopf herrscht.“ Nach diesen wenig erbaulichen Worten, bemühte sich Gwenda zumindest um den Ansatz eines aufmunternden Lächelns und versetzte Clairmont einen plumpen Klaps gegen die Schulter.
    Ist aber vielleicht kein schlechter Motivator, dich anzustrengen, huh?“, sagte sie dabei hölzern und nickte zurück in Richtung des Sofas.

    Eher unbewusst nahm sie dabei Clairmonts Starren wahr und kratzte sich nachdenklich auf der unebenen und vernarbten Haut ihrer rechten Wange. Um ehrlich zu sein, hatte sie sich zwar bereits einige Gedanken dazu gemacht, wie sie diese Unterrichtsstunde angehen wollte, war jedoch zu keinem zufriedenstellenden Plan gekommen. Also lautete die Devise, es darauf ankommen zu lassen.

    Gwenda hob eine Braue und auf das Nicken folgte nun auch noch eine zumindest halbwegs einladende Geste, wieder Platz zu nehmen. Mithilfe eines lockeren Schlenkers ihres Zauberstabs dirigierte sie einen klapprigen Stuhl auf einen Platz direkt gegenüber dem Sofa; anstatt jedoch Platz zu nehmen, stützte sie sich zuerst mit beiden Armen auf dessen Lehne. „Ich kann dir aber versprechen, dass es mich nicht im Mindesten für deine Wehwehchen und ihre tragischen Geschichten interessiere.“ Die Worte, die in Gwendas Augen eine milde Rückversicherung hätten sein sollen, klangen harsch – nicht unbedingt ungewollt harsch, aber doch rauer, als von ihr beabsichtigt.

    Zwar stimmte es, dass sie sich schlicht und ergreifend nicht dafür interessierte – immerhin hatte jeder sein kleines Päckchen zu tragen, und sie hatte im Umkehrschluss auch wenig Interesse daran, dass man sich in ihre Vergangenheit einmischte –, aber sie hatte auch nicht vor, das andere Ordensmitglied unnötig in die Mangel zu nehmen und mit seinem eigenen Leid zu triezen. Wie erfolgreich sie damit sein würde, lag jedoch noch in den Sternen. Das Stichwort lautete einmal mehr: Fingerspitzengefühl.

    Ich würde ja sagen: Entspann’ dich. Aber ich denke, Druck ist kein schlechter Motivator, wenn’s drum geht, deinen Geist zu verschließen. Wie sagt man so schön? Druck macht aus Scheiße ein freies Abflussrohr?“ Gwendas Mundwinkel zuckten, als sie das Sprichwort grob falsch rezitierte, allerdings folgte einmal mehr ihr betont sorgloses Achselzucken.

    Okay. Spielregeln: Du legst deinen Zauberstab erst mal brav zur Seite. Kein Rückwerfen, verstanden? Wenn’s dir zu viel wird, du das Gefühl hast, dein Kopf platzt oder sonst irgendwas, rufst du... Stop! – Glaube nicht, dass wir ein anderes Safeword brauchen, oder? Magst du kurz rezitieren, was deine schlauen Bücher gesagt haben oder hast du's auch so im Kopf?

    Der Vorteil an dieser Lehrstunde war, dass sie tatsächlich keinen echten Druck hatten. Jedenfalls nicht nach Gwendas Wissensstand. Es ging weder um Leben und Tod, noch hatten sie Zeitdruck, ein Ergebnis zu erzielen. Es hätten die perfekten, geschützten Bedingungen vorliegen können, wäre Gwenda feinfühliger und geduldiger gewesen – und hätte Clairmont nicht wirklich etwas zu verbergen.

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