Erdgeschoss - Im alten Wohnzimmer

  • Virginia war nicht für ihr diplomatisches Geschick bekannt. Dass ihre Unterbrechung des Gespräches ebenso allen Regeln der Höflichkeit entbehrte, war deshalb bestimmt wenig überraschend für ihre Ordenskolleg*innen. Vor Haden hatte sie sowieso keine Scham, ungefiltert das zu sagen, was ihr in den Dickschädel kam, doch auch Geraldine sollte sie inzwischen gut genug kennen, um zu wissen, dass die Schottin ebenjene englische Höflichkeit vermissen ließ, die sie vielleicht aus ihren gehobenen Kreisen gewohnt war. Ein amüsiertes Lächeln umspielte ihre Lippen, als die Aurorin gefasst auf ihren Vorschlag reagierte.

    Natürlich“, entgegnete sie beschwichtigend. Eine gute Tasse Tee hatte schließlich noch alle Probleme relativiert. Davon war sie ganz unironisch überzeugt. „Und hey ist ja eigentlich auch ganz praktisch“, meinte sie, als sie ihren aufkommenden Nieser unter Kontrolle gebracht hatte und hoffte, dass Geraldine ihre Worte nicht allzu ernstnahm. Sie ließ sich seufzend auf das Sofa neben Haden sinken und band ihre Haare zu einem unordentlichen Zopf zusammen.

    Du bist krank?“, richtete sich dieser an sie und sie drehte ihren Kopf zu ihm ein Ausdruck gespielter Verblüffung in ihren Zügen. „Wie hast du das gemerkt? Schon mal darüber nachgedacht, Heiler zu werden?“, meinte sie. Doch das Universum strafte sie direkt im nächsten Moment für diese Stichelei, indem ihre Nase zu kribbeln begann und sie ein weiteres Mal ihren Kopf in der Armbeuge versenkte, um die anderen vor ihren Bazillen zu verschonen. „Ja“, antwortete sie deshalb resigniert, nachdem sie sich ausgiebig geschnäuzt hatte und nahm mit einem dankbaren Blick die Teetasse entgegen. Virginia ignorierte seine Frage und pustete vorsichtig, sodass sich die Oberfläche der heißen Flüssigkeit leicht kräuselte. "Nachher kommst du mit zu mir. Ich kümmere mich drum“, fuhr er bestimmt fort, als wäre sie seine Tochter, die eine Dummheit angestellt hatte. „Ist ja gut“, erwiderte sie trotzig, obgleich sich ein Lächeln auf ihre Lippen eingeschlichen hatte. „Ich füge mich ja schon dem Willen des Herrn Doktor.“ Virginia lehnte sich zurück und nippte vorsichtig an ihrem Tee, während sie den anderen beiden lauschte. Sie nickte leicht bei Hadens Worten. Er wusste schon, wovon er sprach. Sie hatte das Glück, dass sie bisher kein ähnliches Schicksal ereilt hatte. Ihr Bruder mochte vielleicht etwas exzentrisch sein, fürs Ministerium arbeiten und beruflich Tiere umbringen, doch ansonsten war er eigentlich ziemlich in Ordnung. Sie wollte sich nicht ausmalen, was es bedeutete, wenn man irgendwann feststellte, dass sein Freundes- und Familienkreis sich ideologisch so weit von einem selbst entfernt hatte, dass man darüber nur noch den Kopf schütteln konnte. Sie hatte schon in der Schule einen Bogen um Typen wie Kavanagh oder Havisham gemacht. Vielleicht war es besser, dieses Thema ruhen zu lassen.

    Es erscheint mir auf jeden Fall sinnvoll, jemanden in Hogwarts zu haben“, stimmte sie Haden zu. Ihre Gedanken schwenkten kurz zu Ted. Dann erinnerte sie sich, dass sich sein eigener Bruder als Todesser entpuppt hatte. Vielleicht nicht die beste Voraussetzung. „Zumindest das Ministerium ist doch schon ordentlich dabei, sich ihre kleine Kommandoarmee heranzuzüchten“, gab sie abfällig von sich. „Allein darauf sollte jemand mal ein Auge werfen.“ Viel mehr als halbgare Gerüchte drangen nicht an ihre Ohren, doch es grauste ihr bei der Vorstellung, was sie den Schüler*innen heutzutage beibringen mochten.

    Ich denke, es schadet auf jeden Fall nicht, mal mit ihm zu sprechen, wenn du denkst, dass er dafür empfänglich ist“, meinte sie an Geraldine gewandt.

  • So schnell wie Geraldines Empörung hoch gekocht war, ließ sie nun auch schon wieder nach. Virginia und sie waren einfach wie zwei entgegengesetzte Pole, die eine direkt, frech und schottisch, die andere stolz, altmodisch und englisch. Doch die Aurorin kam auch mit Ceene klar, die noch eine ganze Spur rotziger war als Gigi, daher hatte sie sich so langsam an all die Menschen beim Orden gewöhnt, die so anders waren als sie. In manchen Momenten ertappte sie sich sogar selbst dabei, dass ihre hochwohlgeborene Sensibilität sie verließ und dass sie bei den derben Sprüchen ihrer Mitstreiter den ein oder anderen Kommentar beisteuerte. Sie war nicht mehr genau die gleiche arrogante Hexe, die vor zwei Jahren das erste mal den Grimmauldplatz Nr. 12 betreten hatte.

    "Ist schon okay, manchmal frag ich mich auch, ob ich Tomaten auf den Augen hatte, als ich meinen Freundeskreis in Hogwarts aufgebaut habe. Das würde auf jeden Fall einiges erklären", schloss sie das Thema daher letzten Endes doch lächelnd ab. Dann ließ sie sich für eine Weile ins Sofa sinken und hörte nur amüsiert dem Sparring von Haden und Virginia zu, die einen neuen Hausarzt zu haben schien. Und Dr. Whittaker nahm seine Aufgabe offensichtlich sehr ernst. "Hör besser auf Haden, ich hab das Gefühl er macht dir die Hölle heiß, wenn du einen Tag länger krank bist, als du sein müsstest", streute sie in die Konversation ein und nahm sich noch einen Hexencracker. Nebenbei schielte sie auf den chaotischen Zopf von Virginia und fragte sich, ob es too much wäre, wenn sie die Haare ihrer Mitstreiterin flechten würde. Einen Moment rang sie mit sich, dann fragte sie einfach. "Sag mal, darf ich deine Haare flechten? Dieser Zopf macht mich einfach fertig", sagte sie etwas weniger feinfühlig als geplant, aber mit einem gutgemeinten, platten Lächeln im Gesicht.

    Glücklicherweise war Virginia nicht allzu empfindlich was die Details der Diplomatie anging, weshalb Geraldine ein paar Minuten später auf der Lehne des Sofas saß und sich an den Haarsträhnen der Schottin zu schaffen machte, die unter ihr saß und mittlerweile auch auf den Geschmack der Hexencracker gekommen war. Geraldine drehte sie jedem am Grimmauldplatz an. Das hier fühlte sich an wie eines der Sleepover, die sie in ihrer Kindheit mit Circe und Emrys gehabt hatte. Nur ohne dunkles mal und Reinblutwahn, was eine schöne Abwechslung darstellte.

    "Achja, also was ich wegen Richard noch sagen wollte...", nahm die den Gesprächsfaden von vorhin wieder auf "ich glaube er hat sich nicht zurückgezogen, weil er uns nicht mehr unterstützt, sondern er fokussiert sich gerade mehr auf Hogwarts. Er war ja damals mein Ausbilder im Ministerium und Richard schmiedet einfach immer Pläne und versucht alle Situationen zu analysieren. Er ist ein Stratege. Wahrscheinlich glaubt er, dass er in Hogwarts mehr ausrichten kann als von hier..." Kurz ließ sie die Worte sacken und konzentrierte sich auf ein besonders herausforderndes Büschel von Virginias Haaren. Viele beim Orden fanden, dass sie zu wenig taten und dass sie aktiver werden mussten. Vielleicht war es bei Richard auch so? Geraldine war sich nicht sicher, was sie davon hielt. "... und vielleicht hat er auch Recht. Virginia hat es ja gerade schon gesagt, Morrigan O'Carroll versucht in Hogwarts eine Art Junior-Armee aufzubauen, ich glaube sie bequatschen die Kinder da schon, damit sie sich nach ihrem Abschluss direkt dem Sicherheitskommando anschließen." Das Kommando war mittlerweile zu einer Parallelbehörde des Aurorenbüros angewachsen, so allgegenwärtig, dass Geraldine sich manchmal fragte, wer eigentlich wirklich das Sagen hatte. "Und das Kommando wird immer schlimmer. Manche benutzen mittlerweile andauernd die unverzeihlichen Flüche, ich konnte es bis jetzt umgehen, aber ich glaube ein Paar Leute vom Kommando finden es richtig geil, diese dunkle Magie zu benutzen." Sie dachte an ihren einstigen Freund Emrys, den sie mittlerweile als Todesser enttarnt hatten. Er hatte früher mit schwarzer Hexerei experimentiert. Auch sie hatte das ein oder andere Experiment gewagt. Sie waren sich einst so ähnlich gewesen, aber mittlerweile hatten ihre Wege sich immer weiter voneinander entfernt. "Sorry, ich drifte etwas ab. Ich glaube dass Richard uns helfen könnte, in Hogwarts nicht den Überblick zu verlieren. Ich rede auch öfters mit meiner Freundin Pandora Moran, sie ist die neue Hauslehrerin von Slytherin. Sie liebt es Gerüchte zu teilen, aber ich glaube wir sollten ihr lieber nichts vom Orden erzählen. Ich bin nicht ganz sicher, wo sie steht."

  • shaking this dust off?

    04. September 2025, nachmittags

    Ordensmitglieder  


    Im Gebäude des Grimmauldplatz 12 vermengte sich an diesem Nachmittag der Geruch von Feuchtigkeit, der die Tapete der Wände zum Kräuseln brachte, mit ... was auch immer in der Küche vor sich hin zu brodeln schien. Byron hätte einen Blick hinein gewagt, wenn er nicht Stimmen gehört hätte. Es war jemand da. Eine erleichternde Feststellung. Die Stimmen waren nicht klar genug, dass er auch nur irgendetwas von dem verstand, was gesagt wurde, aber die Tatsache, dass sie sich rege auszutauschen schienen, veranlasste ihn dazu, einen Bogen uns Esszimmer zu machen und sich stattdessen ins alte Wohnzimmer zu begeben. Die Tür knarzte beim Öffnen, zeigte damit deutliche Altersspuren, wie der Rest des Hauses auch. Egal, wie sehr sich die restlichen Ordensmitglieder darum bemühten, diesen Ort in Schuss zu bringen, er wirkte immer noch trist, geprägt von Dunkelheit. Byron fuhr mit dem Finger über einen Lampenschirm auf einem der kleinen Tische, sammelte damit Staub auf, den er mit einem Rümpfen seiner Nase gen Boden rieseln ließ. Beim Zustand des Quartiers hätte man meinen können, dass sich kaum jemand hierher verirrte. Er wusste mit Sicherheit, dass es nicht stimmte, obwohl er zu denen gehörte, die sich nicht ganz so oft hier aufhielten. Manchmal hatte er das Gefühl, das Haus wehrte sich gegen sie. Wie sonst war es möglich, dass der verdreckte Dauerzustand sich so hartnäckig hielt?

    Vielleicht hätte er viel öfter hier sein und seinen Mitstreiter:innen beim Entrümpeln helfen sollen. Meist war er damit beschäftigt, die Vorräte an Zaubertränken aufzufüllen. Es musste als Beitrag vorerst reichen.

    Er nahm seinen Umhang ab, legte ihn über die Rückenlehne des Sofas, ehe er sich drauf plumpsen ließ. Mit einem tiefen Seufzer sah er sich in dem Raum mit dunklen Wänden um, stellte einen Arm auf der Armlehne auf, um seinen Kopf abstützen zu können. Zugegeben, obwohl dieses Haus unheimlich sein konnte, fühlte er sich an keinem Ort so sicher wie hier. Er war nur zugänglich für die kleine Gruppe an Menschen, denen er vertraute. Der kleinen Gruppe, um die seine Gedanken in den vergangen Tagen gekreist waren. Byron war sich bewusst, wie vorsichtig sie sein mussten. Earnestines Nachricht war unmissverständlich gewesen. Und doch konnte ihm sicherlich niemand verübeln, dass er wissen wollte, wie es den anderen ging. Was aus der Wunde in Ems Schulter geworden war. Was passiert war, nachdem Alistairs Stimme laut und deutlich über den Campingplatz geklungen war. Wie Gwenda oder Scipio oder Nikaya die Nacht erlebt hatten. Er schloss die Augen, nur für einen winzigen Moment. Dass er leicht weg döste, lag nicht zuletzt darin, dass die bedrückenden Wände des Grimmauldplatzes 12 ihn in Sicherheit wiegten. Er war nicht allein, musste sich der Müdigkeit nicht widersetzen, so ungemütlich dieses Sofa auch war. Es war der Klang von Schritten, der ihn sich wieder aufrichten ließ.


    //Ich war mal so frei und habe etwas gestartet. Es darf dazukommen, wer möchte :3

  • "Aufwachen, Schlafmütze!", das Kissen, das Nikaya in Richtung Byron warf, landete neben ihm- absichtlich. Nach den eigenen Erlebnissen der Finalnacht, nach den Schilderungen von Verletzungen, wollte die Daly keinesfalls riskieren, dem Clairmont wehzutun, auch wenn er auf den ersten Blick gesund aussah. Nur lose hatte sie sich bisher mit einigen Ordensmitgliedern ausgetauscht, wusste, dass es allen mehr oder weniger gut ging, doch erst heute, durch den Stress ihrer Ausbildung, hatte sie Zeit gefunden, länger in den Grimmauldplatz zu flohen. Mit Gwendas Salbe waren die Spuren des Kampfes mittlerweile zumindest äußerlich nicht mehr zu erkennen, doch auch die lebensfrohe, rebellische Nikaya hatte die Erlebnisse auf dem Campingplatz nachhaltig geprägt. Das Lächeln auf ihren Lippen war trotzdem schief, verriet den gleichen Schalk wie immer, doch die Erschöpfung ließ sich nicht so einfach aus den Zügen der jungen Hexe verbannen. Mit einem leisen Seufzen ließ sie sich neben Byron fallen; ihre dunklen Augen fanden seine Gesichtszüge und musterten ihn eindringlich. Die Frage, die über Nikayas Lippen kam, war ernster, als ihr Gesichtsausdruck im ersten Moment vermuten ließ: "Alles in Ordnung?", keine Spur von ihrer sonstigen Leichtigkeit, eine Frage, die mehr bedeutete, tiefer ging. Sie schob dem Zauberer die Keksdose entgegen, die sie mitgebracht hatte, und nahm sich selbst einen Cookie: "Merlin, war das viel die letzten Tage", stellte sie mit einem weiteren Seufzer fest, während sie sich tiefer ins Sofa sinken ließ. "Gwen kommt, glaub ich, auch gleich. Dann können wir endlich mal in Ruhe darüber reden, was in dieser verfluchten Finalnacht alles passiert ist." Es war der Hexe anzusehen, dass ihre sonstige Neugier sich vor allem mit Sorge mischte. Alles schien momentan im Umschwung, und es war seltsam, bisher kaum Möglichkeiten gehabt zu haben, mit den anderen zu sprechen. Wobei, zumindest mit Gwen hatte Nikaya unfassbar viel geredet. Unter anderem hatte sie sich anhören müssen, dass sie besser auf sich selbst statt auf Eden hätte aufpassen sollen. Allein der Gedanke sorgte dafür, dass die Daly sich ein weiteres Mal erschöpft über die Augen fuhr. Das alles hier war neu, die Ereignisse auf dem Campingplatz zu schrecklich, um sie in so kurzer Zeit bereits gänzlich verarbeiten zu können. Es änderte nichts an ihrem Tatendrang- ganz im Gegenteil. Und doch war da zum ersten Mal das gefährliche Gefühl der Angst, das sich auch nachts in ihre Träume schlich.

    Nikaya versuchte, das Gefühl von sich zu schieben, das auch in diesem Moment gefährlich über ihre Gestalt kroch. Sie wandte den Blick vom Kamin ab und sah stattdessen wieder zu Byron. "Okay, ich bin zu ungeduldig." Sie mimte den unbeschwerten Tonfall, den sie im Alltag gerne anschlug, und knuffte ihren Gegenüber etwas ungestüm in die Seite. "Erzähl von deinen Heldentaten! Wen hast du in der Nacht episch gerettet?" Das schiefe Lächeln auf ihren Lippen, das schelmische Glitzern in ihren Augen- so typisch für die Gryffindor- blieb jedoch unecht. Ihr Verhalten war ein Bemühen um Normalität, um Leichtigkeit, aber nicht mehr als ein Versuch und sie wussten es wohl beide.

  • Kai hatte darauf gebrannt, endlich zum Grimmauldplatz zurück zu kehren. Einzig Virginias strenge Worte hatten sie davon abgehalten, direkt am Morgen des 31. Augusts hier aufzuschlagen. Stattdessen hatte sie die zähen Stunden damit verbracht, bei ihrer neuen Lieblingsnachbarin abzuhängen und ihr so viel es ging bei dem kleinen Baby unter die Arme zu greifen. Einmal war sie sogar ins St. Mungo, um zu schauen, ob Llew noch da war. Seine kleine Stichwunde hatten sie aber offensichtlich schnell verarzten können und ihn noch am selben Tag nach Hause geschickt. In der Zwischenzeit hatte sie versucht so viele Informationen über ihre Ordenskollegen einzuholen, wie sie konnte. Virginia war mit ihr auf dem falschen Campingplatz gewesen, die war also okay. Einige der anderen konnte sie per Eule erreichen. Andere hielten sich mehr bedeckt.

    Als es endlich Zeit war aus ihren Löchern zu kriechen, nahm Kai die U-Bahn von Greenwich nach Islington und ging den Rest zum Grimmauldplatz zu Fuß. Vor den Hausnummern 11 und 13 stand bereits eine bekannte Gestalt in seinem typischen Tweed-Anzug. Er sah gut aus vor dem Hintergrund eines früh-herbstlichen Londons. Kai machte einen Satz nach vorn und fiel Edgar um den Hals. Dann schnappte sie sich seine Hand und musterte sie eingehend. "Geht schon wieder.", versicherte er in seinem Cockney-Akzent, der so gar nicht zu seiner Erscheinung passen wollte. Er schenkte ihr ein müdes Lächeln. Kai schüttelte den Kopf. "Ich schwöre dir, wenn wir die O'Carroll zu fassen kriegen, ich box der so die Nase kaputt." Edgar lachte und drückte Kai noch ein wenig enger an sich. Sie teilten dieselbe Erleichterung darüber, einander wohlauf zu sehen und endlich hier zu sein.

    Gemeinsam betraten sie die Nummer 12, als sie sich ihnen offenbarte. Aus dem Esszimmer drangen dumpfe Stimmen. Die walisischen Akzente - an die Kai sich inzwischen gewöhnt hatte und über die sie nicht mehr dauernd lachen musste - stolperten mit einer ungewohnten Emotionalität vor sich hin. Genaue Worte konnte sie nicht ausmachen. Zumindest waren die beiden auch am Leben. Kai wollte schon in die Küche stürmen, sie in den Arm nehmen und einen Kessel mit heißer Schokolade aufsetzen, als Edgar sie sanft am Arm griff.

    "Lass mal lieber. Es klingt als bräuchten die einen Moment." Kai schmollte, musste aber zugeben, dass Edgar Recht hatte. Also setzten sie ihren Weg ins Wohnzimmer fort. Offensichtlich hatte der halbe Orden entschlossen, dass genau jetzt der Zeitpunkt für eine Zusammenkunft war. Byron und Nikaya waren ebenfalls hier. Erleichterung brachte Kais Herz dazu, schneller zu schlagen.

    "Das will ich auch hören!", rief sie zur Begrüßung und schmiss sich dann zwischen die beiden auf das Sofa. Jeder von ihnen bekam einen Arm um die Schulter gelegt und ein geflüstertes und sehr viel ernsteres: "Ihr seid okay, oder?"

    Edgar nahm derweil auf einem der Ohrensessel Platz und überschlug die Beine. Sein Blick ging wiederholt zur Tür als warte er sehnsüchtig darauf, dass auch alle anderen eintreffen würden und er sich persönlich von ihrem Wohlergehen überzeugen konnte. "Hat jemand von Em gehört?"

  • Kaum merklich zuckte Byron zusammen, als das Kissen in seine Richtung geflogen kam. Offensichtlich hatte Nikaya sich für einen unkonventionellen Weg entschieden, um ihn wachzurütteln. Dabei hätte ihr klar sein müssen, dass der gesamte Orden in den vergangenen Tagen im Abwehrmodus war und es nicht die beste Idee war, sie anzugreifen - und wenn es mit etwas so Harmlosem wie einem Kissen war. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als könnte er damit die Augenringe wegwischen, und bemühte sich im Anschluss darum, ihr ein schwaches Lächeln zu schenken. „Alles in Ordnung.“ Es war ein maßloses Schönreden seines Gemütszustands. Obwohl er überraschenderweise nicht ganz so nutzlos gewesen war in der Finalnacht, ja sogar ohne auch nur einen Kratzer davongekommen war, wollten seine Gedanken ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. Zumindest bis jetzt. Erst in dem Moment ließ er das Gefühl der Erleichterung darüber zu, dass sie am Leben war.

    „Dir geht es gut“, dachte er mehr oder weniger laut. Es war keine Frage, es war eine Feststellung. Sie trug keine offensichtlichen Spuren von Wunden mit sich, was nicht alle von ihnen behaupten konnten. Ganz überzeugend war ihr Enthusiasmus zwar nicht, aber alleine die Tatsache, dass sie bemüht drum war, bewies, sie war noch einigermaßen sie selbst. Er nickte, als sie Gwens Dazustoßen ankündigte. Anscheinend hatte sich fast der gesamte Orden dazu entschieden, dass genug Zeit vergangen war, um sich wieder ins Quartier zu wagen. Die kurzweilige Stille nutzte er, um mit seinen ungeduldigen Fingern gegen die Lehne des Sofas zu trommeln, ein wenig peinlich berührt zu gähnen. „Wo-", setzte er an, schloss aber abrupt wieder den Mund, als sie die gleiche Idee zu haben schien und ihn über die Finalnacht ausfragte. Irritiert schoben sich seine Augenbrauen zusammen. Sie versuchte, das Ganze herunterzuspielen. Womöglich aufzulockern, damit der Schatten der Ereignisse den Grimmauldplatz nicht noch dunkler färbte. Es war dennoch unangemessen. „Heldentaten? Das ist nicht wi-" Er wurde unterbrochen vom Eintreffen von Kai und Edgar, bei deren Anblick sich seine Brust nochmals etwas weniger bleiern anfühlte. Augenblicklich spannten sich seine Muskeln bei der Berührung Kais an, nur um sich wenige Sekunden später wieder zu entspannen. Etwas unbeholfen legte er einen Arm um Kai, gab ihr eine halbe Umarmung und tätschelte kurz ihre Seite. Es hätte nicht offensichtlicher sein können, dass er nicht der Experte für Körperkontakt war. „Wir sind okay. Geht es euch gut?“ Sein Blick huschte zu Edgar, der etwas angespannt auf dem Sessel wirkte. Es sollte sich schnell zeigen, wieso.

    „Em ging es den Umständen entsprechend gut, als wir uns getrennt haben“, versicherte er, ohne wirklich zu wissen, was danach passiert war. „Wir waren in der Nacht zusammen. Em war fantastisch. Wäre ich alleine gewesen, wäre ich vermutlich nicht mehr hier.“ Die Bewunderung, die er für das andere Ordensmitglied hegte, war durch die Erlebnisse nur gewachsen. Wie konnte man so jung und schon so beeindruckend sein?

    Byron rieb sich mit de Fingern die Knöchel der anderen Hand, gab ihnen damit etwas Beschäftigung. „War jemand bei Alistair und weiß, was genau passiert ist?“ Er hatte seine Stimme gehört, wusste mit Sicherheit, dass er an der Demaskierung O'Carrolls beteiligt gewesen war. Alleine konnte er unmöglich gewesen sein. Oder?

  • Nichts war in Ordnung. Daran konnten weder Worte noch verzweifelte Versuche von Leichtigkeit etwas ändern. Nikaya wusste das ebenso wie ihr Gegenüber, doch sie ging mit dieser Erkenntnis anders um. Ihre dunklen Augen verrieten sie- verrieten, dass ihr Lächeln nicht ganz echt war, ihre Worte, die Leichtigkeit, die sie suggerierten, ebenso wenig. Byron hingegen schien keineswegs in der Stimmung, es ihr gleichzutun. Die Schwere lag offensichtlich auf seinen Schultern, düster und zermürbend; Nika erkannte den Widerspruch in seinen Zügen und spürte unwillkürlich eine Mischung aus Schuld und Sorge. Es passte zu seinem Gemüt, zu dem Eindruck, den die Löwin bisher von dem in ihren Augen eher verbissenen Zauberer gewonnen hatte. Und doch, es war mehr als nur das: Was hatte er in jener schrecklichen Nacht erlebt? Nika wollte bereits zurückrudern, während Byron zu antworten begann- doch seine und ihre Worte wurden von weiteren Stimmen unterbrochen.

    Beinahe war es Erleichterung, die ihr Herz flutete, als ihre dunklen Augen auf Kai fielen. Dabei war es nicht fair, Byrons Umgang mit dem Geschehenen zu verurteilen; auch das wusste Nika. Sie verurteilte ihn auch nicht- im Gegenteil, sie verstand ihn. Doch die junge Hexe sehnte sich auch nach Themen, die ihrem Alter angemessener waren, versuchte irgendwie einen Umgang mit den Geschehnissen zu finden, der ihren Tatendrang nicht stoppte. Die Schwere jedenfalls, war für die Daly leichter auszuhalten, als Kai sich zwischen sie stellte und ihr warmer Arm sich um ihre Schulter legte. Im Gegensatz zu Byron liebte Nika den Körperkontakt, brauchte ihn sogar, und sofort spürte sie, wie sich ihr Körper bei Kais Anwesenheit ein wenig entspannte. Mit einem Nicken beantwortete sie die ernste Frage der anderen, überließ aber Byron die Antwort. Währenddessen musterte sie erst Kai ein wenig intensiver, dann ebenso besorgt Edgar. Aufmerksam lauschte sie schließlich Byrons Worten und konnte sich lebhaft vorstellen, wie fantastisch Em gewesen war. Ein Anflug von Anerkennung und Begeisterung huschte über ihr Gesicht, ein Versuch von Leichtigkeit- doch er verschwand schnell wieder. Nikayas Züge verdunkelten sich zunehmend, wurden ernster, besorgter. Besonders, als Byron Alistair erwähnte, schnürte sich ihr Herz schmerzlich zusammen. Der Schrei des Mannes hatte sie auch in den letzten Nächten noch bis in ihre Träume verfolgt. "Er streitet mit Gwenda in der Küche", antwortete sie mit belegter Stimme und schluckte schwer. "Sieht zumindest auf den ersten Blick so aus, als würde es ihm halbwegs gut gehen, aber was heißt das schon?" Ihre Worte klangen mehr nach einem Nuscheln, während sie sich tiefer ins Sofa sinken ließ. Nikaya hatte den Streit nicht unterbrechen wollen, als sie im Grimmauldplatz eingetroffen war. Die bloße Erleichterung, dass die beiden überhaupt noch streiten konnten, hatte ihr zunächst gereicht. Nun jedoch wartete sie in einer Mischung aus Neugier und Angst auf weitere Schilderungen der Finalnacht. Nikaya wollte wissen, musste wissen, was noch passiert war- und doch spürte sie, dass jeder Versuch von Leichtigkeit endgültig dahin war. Ihre Keksbox bot sie trotzdem der ganzen Runde an. Ein wenig Nervennahrung hatten sie sich schließlich wirklich alle verdient.

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