Erdgeschoss - Im alten Wohnzimmer

  • All we know

    17.06.2022

    Byron Clairmont  Felicienne Tavernier  Aaron Mayberry  Luke Naydenov  @Geraldine Lovett 
    @Deverell Rudolphus Burton  @Abby Seymor  @Ceene Nosmion  Henry McGuilles


    Es wurde Zeit, dass sie alle einmal wieder zusammenkamen. Earnestine war sich sicher, dass es dringend nötig war, dass sie sich austauschten und gemeinsam überlegten, was sie nun tun sollten. Die Ereignisse hatten sich dramatisch zugespitzt und auch wenn es gut war, dass sie den Kelch vor den langen Fingern von Lord Voldemort hatten sichern können, so hatte sich an weiteren Fronten so viel entwickelt, was ihre Mission ernsthaft bedrohen könnte. Ihre Feinde – denn diese waren auch im Kommando und in der Strafverfolgung zu finden, da war Earnestine sich sicher – hatten nun die offizielle Erlaubnis, sie bei Bedarf legal und damit folgenlos zu töten, sie zu foltern und zu benutzen. Wenn ihr Unterfangen zuvor schon gefährlich gewesen war, war es das nun umso mehr. Nicht einmal mehr die Öffentlichkeit konnte einen nun noch schützen, wie die junge Quidditchspielerin am eigenen Leib hatte erfahren müssen. Earnestine wusste noch nicht, was hinter all dem steckte, mit wem die Spielerin gegebenenfalls unter einer Decke steckte, ob sie alleine oder im Auftrag gehandelt hatte oder ob auch hier ihre Feinde ihre Finger im Spiel gehabt hatten. Sie war selbst nicht vor Ort gewesen, aber die Nachrichten hatten sie erreicht, dass es bei einigen Mitgliedern ihrer geheimen Vereinigung anders gewesen war. Vielleicht konnten sie Informationen beisteuern, die für sie alle wichtig waren.

    Sie hatte eine Art Tagesordnung aufgestellt, auch wenn sie die anderen darüber noch nicht in Kenntnis gesetzt hatte. Es würde am Ende natürlich auch die Möglichkeit geben, weitere Anmerkungen zu machen, aber zunächst würde es ihnen vielleicht helfen, wenn sie ihre Gedanken sortierten. Earnestine wusste, dass das letzte Treffen an Weihnachten schwierig verlaufen war. Dass sich Gräben auftaten zwischen den Mitgliedern, weil sie unterschiedliche Vorstellungen zur Vorgehensweise hatten. Das war normal und an sich nicht besorgniserregend, wenn nicht über all dem immer die Angst schwebte, dass sie sich nicht vertrauen konnten, dass sie nicht am selben Strang zogen. Sie mussten zusammenhalten, denn es wurde immer deutlicher: Sie waren alles, was sie noch hatten.

    Earnestine hatte das Quartier vorbereitet und den Raum mit einigen Kräutern vollgehängt. In einer Ecke dampften ein paar Räucherstäbchen, die unaufdringlich ihren Duft in dem Raum verteilten. Für alle Mitglieder lag ein Stück Pergament und eine Feder samt Tintenfässchen bereit, sodass sie sich Notizen machen konnten, wenn sie das wollten. Earnestine begrüßte alle Eintreffenden freundlich, doch auch an ihrem Gesicht waren die letzten Ereignisse nicht spurlos vorbeigegangen. Sie sah müde aus, abgekämpft, was vielleicht auch mit dem Gegenstand, dem kleinen Kelch zu tun hatte, der seit einigen Wochen wieder in ihrer Obhut hier im Grimmauldplatz war. Auch über diesen mussten sie sprechen.

    Sie wartete, bis alle Platz genommen hatten oder sich anderswo im Raum aufhielten, ehe sie das Wort ergriff. Die allgemeinen Gespräche schienen erstorben zu sein, sodass sie beginnen konnte. „Ich will keine Zeit mit unnötigen Worten verlieren und stattdessen direkt zur Sache kommen. Ihr alle habt mitbekommen, was am Wochenende passiert ist und welche Folgen das hatte. Kann irgendjemand etwas zu den Geschehnissen sagen? Ich habe gehört, einige von euch waren vor Ort.“ Sie blickte in die wohl zumeist ernsten Gesichter und ließ sich selbst auch auf ihrem Stuhl nieder. „Ist euch etwas aufgefallen? Irgendetwas Ungewöhnliches?“


    //Beachtet bitte bei diesem Gruppenposting folgende Hinweise: Alle Aspekte, die ihr bereits im Board für Mitgliederaktivitäten habt anklingen lassen, - und noch ein paar mehr - werden auf jeden Fall zur Sprache kommen. Um die Übersichtlichkeit zu wahren und tatsächlich sinnvoll Informationen zu teilen, würden wir euch jedoch bitten, in den Redebeiträgen erst einmal immer nur auf das Bezug zu nehmen, was Earnestine als inhaltliches Oberthema reingibt. Natürlich könnt ihr auch schon Querverbindungen ziehen, aber es wäre uns lieb, wenn wir mit Earnestine den jeweiligen Themenwechsel einleiten könnten, damit auch wirklich alle wichtigen Informationen geteilt worden sind und nichts untergeht. Keine Sorge, am Ende gibt es die Möglichkeit, auch alle Themen anzusprechen, die noch nicht gesagt worden sind, und auch Earnestine hat noch ein paar Neuigkeiten für euch.

  • So richtig hatte Geraldine sich noch nicht an die Räucherstäbchen gewöhnt, die diesen Nachmittag am Grimmauldplatz ihren durchdringenden Geruch verbreiteten. Erfolglos versuchte die Aurorin den Rauch mit ihrer Hand weg zu wedeln, während sie Platz auf dem staubigen Sofa nahm und die Beine überschlug. Sie würde den Gestank wohl ertragen müssen. Langsam trudelten auch die anderen Ordensmitglieder ein, sie alle sahen aus als wäre das Wochenende nicht spurlos an ihren vorbeigegangen. Geraldine hatte seit dem Quidditchspiel noch nicht mit allen geredet, Ceene und sie waren zwar zusammen abgehauen und hatten noch gesprochen, aber am meisten hatte die Reinblüterin eigentlich an Finlay denken müssen. Er und die anderen Spieler der Montrose Magpies waren völlig verstört vom Platz gegangen, ohne dass jemand sich um sie gekümmert hätte. Wie traumatisierend musste es sein zu sehen, wie eine Spielerin, mit der man regelmäßig spielte, plötzlich tot von ihrem Besen rutschte und wie ein nasser Sack auf den Boden krachte? Es fühlte sich an, als wären sie in einem Alptraum. Immer wieder hatte Geraldine an den kurzen Moment denken müssen, in dem Ceene und sie einfach nur zu zweit neben der Leiche von Iseult Morley gestanden hatten. Sie hatte nicht getraut, Iseults Augen zu schließen oder sie sonst irgendwie zurecht zu machen, eine Entscheidung die sie jetzt bereute. Morrigans Leute hatten die Leiche der Quidditchspielerin weggebracht. Und so wie sie die Leiterin des Sicherheitskommandos kannte, war es dabei nicht wichtig gewesen, würdevoll mit der Toten umzugehen. Geraldine seufzte und vergrub für eine kurze Weile ihr Gesicht in den Händen und wünschte sich in einer anderen Welt aufzuwachen, wenn sie die Augen wieder öffnete. Aber so leicht war das nicht.

    Es war gut, dass der Orden Earnestine auf ihrer Seite hatte. Ihre Anführerin sah mitgenommen aus, doch trotzdem nahm sie sich die Zeit, jeden von ihnen mit einem echten Lächeln zu begrüßen. Als alle Gespräche erstorben waren und jeder der Anwesenden erwartungsvoll zu Earnestine schaute, ließ diese keine Zeit verstreichen und kam direkt zum Punkt. Natürlich ging es um das Quidditchspiel, das Thema das ihre Gedanken seit Tagen beherrschte.

    Für ein paar Sekunden herrschte nur betretenes Schweigen, ehe Geraldine schließlich das Wort ergriff. Ihre Stimme war zitternd und während sie sprach, wanderten ihre Blicke zu Ceene und Finlay, die mit ihr auf dem Feld gestanden hatten. "Mir ist etwas aufgefallen. Als Ceene und ich runter zu den Spielern gerannt sind, habe ich mit einer der Jägerinnen von den Montrose Magpies gesprochen. Ich glaube sie heißt Jolene Brandon-". Fragend sah sie zu Finlay, falls er den Namen bestätigen wollte, dann fuhr sie fort. "Obwohl Jolene unter Schock stand war sie ganz klar der Meinung dass Iseult komplett ungerechtfertigt getötet worden ist. Dabei hatte Iseult ja ein paar Sekunden vorher erst Flüche auf die Tribünen abgefeuert. Das hat für Jolene gar keine Rolle gespielt". Ihre bebende Stimme war dem Tonfall gewichen, den sie manchmal vor Gericht aufsetzte, wenn sie eine Theorie präsentierte. "Was ich damit sagen will ist, dass Jolene ihre Teamkollegin nicht für den Angriff verantwortlich gemacht hat. Vielleicht hat sie ja gedacht, dass die Attacke irgendwie gestaged gewesen ist. Wenn Iseult eine radikale Reinbluthasserin gewesen wäre, wie es im Tagespropheten steht, dann hätten ihre Teamkollegen doch auch anders reagiert und vorher schon was gemerkt, oder? Aber für die schien es absolut unmöglich, dass Iseult von sich aus die Zuschauer angegriffen hat. Die waren nur sauer auf das Ministerium." Sie deutete auf eine Ausgabe des Tagespropheten auf dem Wohnzimmertisch die Ariadne Dippet zeigte, wie sie den Orden der Merlin lachend in die Kamera hielt, den Riona Belby für ihre Tapferkeit verliehen bekommen hatte. "Vielleicht war es ein Trick, damit die Zaubereiministerin eine Rechtfertigung für ihr neues Gesetz hat." Geraldine lehnte sich wieder zurück. "Aber das ist nur so ein Gedanke den ich hatte, es kann immer auch sein, dass Iseult eine isolierte Extremistin war. Komisch finde ich es trotzdem."


    // Geraldine meldet sich als erstes und erzählt vor allem, was sie mit @Ceene Nosmion und Henry McGuilles erlebt hat

  • Earnestine Newburn war für Ceene bislang nur ein Name gewesen, der immer mal wieder in den Gesprächen anderer Ordensmitglieder gefallen war. Begegnet war sie der Hexe bis zum heutigen Tage aber noch nie, weshalb in Ceene der ketzerischer Gedanke herangereift war, bei der großen Geheimniswahrerin könnte es sich lediglich um ein Gespenst handeln. Kein echtes Gespenst, sondern vielmehr ein Konstrukt. Eine fiktiver Gatekeeper, nicht greifbar, weder für die Feinde des Ordens, noch für den Orden selbst, aber dennoch die eine oberste Instanz, die alles zusammenhielt.
    Aber Earnestine Newburn war echt. Eine Hexe aus Fleisch und Blut. Trotzdem wurde sie von Ceene angestarrt, als sei sie nichts weiter als ein Phantasma, eine bloße Illusion. Das dem so war, war vor allem der bizarren Situation geschuldet, in der sich die Achtundzwanzigjährige gerade wiederfand. Die “Dekoration” und die Räucherstäbchen riefen bei Ceene Erinnerungen an den Wahrsageunterricht in Hogwarts wach, bei dem es selten darum gegangen war, Wahres auszusprechen oder einen klaren Gedanken zu fassen.
    Aber auch wenn Ceene skeptisch war und sie noch nicht abschätzen konnte, was gleich auf sie und alle anderen zukommen würde, dass sie sich heute und hier versammelten, war grundlegend richtig, um nicht zusagen absolut notwendig. Der Mord an Iseult, die neuen Sonderbefugnisse des Kommandos - die Luft zum Atmen wurde für sie, aber auch für alle anderen, die es noch wagten, Kritik am Ministerium zu üben, immer dünner. Einfach aufzugeben, zu fliehen, nur um die eigene Haut zu retten, kam wohl für keinen von ihnen infrage. Nur so weitermachen wie bislang konnte sie auch nicht. Sie durften es einfach nicht. Das waren sie nicht nur Gia und Bertie, sondern jetzt auch Iseult schuldig. Das Ministerium und die Todesser waren bereit, bis zum Äußersten zu gehen, um ihre Ideologie durchzusetzen und sich all derer zu entledigen, die ihnen ein Dorn im Auge waren. Die Frage war also: Wozu waren sie bereit?
    Diese drängendste aller Frage wurde von Earnestine allerdings nicht gestellt, als sie das Wort ergriff. Stattdessen kam sie auf das Quidditchspiel zu sprechen, bat um Einschätzungen derer, die vor Ort gewesen waren. Geraldine sprach als Erste und sie tat es in einer Weise, die Ceene komplett abging. Aber sie war auch nicht mit Joe befreundet oder hatte Iseult nahegestanden und ihr Beruf als Aurorin brachte es wahrscheinlich schlicht und ergreifend mit sich, dass sie sich selbst in Anbetracht schlimmster Verbrechen und Vorfälle auf eine sachlich-analytische Ebene zurückzog. Doch dann sagte sie noch etwas, was Ceene nicht mehr einfach nur stillschweigend hinnehmen konnte.
    “Iseult war keine isolierte Extremistin”, ging sie Geraldine scharf an und warf sich auf ihrem Sessel nach vorne. Die nächsten Worte milderte sie allerdings schon wieder ab, weil sie der älteren Hexe auch heute noch dankbar für ihr geistesgegenwärtiges Handeln war, “Ich hab es dir schon auf der Tribüne gesagt und ich sage es dir jetzt noch einmal: Das war nicht sie.”
    Ceene suchte mit ihren Augen nach Finlay und Abby.
    “Ihr habt sie gekannt. Sie war eure Teamkameradin. Sie hätte so etwas niemals getan. Nicht Iseult. Jemand muss sie verhext oder irgendwie sonst manipuliert haben”, wiederholte Ceene den Verdacht, der auch ihr sofort im Stadion gekommen war, als Iseult die VIP-Tribüne mit Flüchen eingedeckt hatte, “Hab ich einen Beweis dafür? Nein. Aber das Riona Belby nicht nur einen verbotenen Fluch eingesetzt hat, sondern dafür auch noch mit nem scheiß Orden behangen wurde und, welch Zufall, dem gesamten Kommando kurz darauf ein fucking Freifahrtschein ausgestellt wird, das sagt doch schon alles. Das ist doch dasselbe beschissene Muster, wie schon bei der Museumseröffnung. Die haben damals nur nicht Paloma auf dem Schirm gehabt. Ich wünschte, sie hätte Dippet voll erwischt.”

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    @Geraldine Lovett , Henry McGuilles , @Abby Seymor

  • Abby hatte damit gerechnet, dass sie darüber sprechen würden. Sie hatte gefürchtet, dass Iseults Name fallen würde. Dennoch war es ein kleiner Schock, als es tatsächlich passierte. Augenblicklich spürte die Rothaarige, wie sich ein Klumpen in ihrer Kehle manifestierte, den sie nicht schlucken konnte. Sie biss sich auch die Lippen. Es half nicht. Während Geraldine ihre Theorien zum Besten gab und Ceene Iseult verteidigte, saß Abby zwischen ihren Mitstreiter:innen und kämpfte mit den Tränen.

    Wie immer in den zehn Tagen, die vergangen waren, gewannen die Tränen. Abby schniefte und schluchzte, so leise sie konnte. Sie wischte wieder und wieder über ihre Augen, fort mit den Zeichen der Schwäche, doch kaum hatte sie sie abgewischt, kamen neue Tränen nach. Es war ihr unangenehm, hier vor allen zu weinen. Es war ihr schon unangenehm gewesen, als nur Deverell sie dabei gesehen hatte, in der Nacht nach Iseults Tod. Doch Deverell stand ihr nahe. Das taten nicht alle hier Anwesenden. Manche waren für Abby kaum mehr als Fremde.

    „Ich hab- sechs Monate lang- mit Iseult- zu-sa-hammen gelebt“, presste Abby hervor. Es war ihr kaum möglich, zu sprechen, immer wieder musste sie innehalten, wenn ein weiterer Schluchzer ihre schmalen Schultern erbeben ließ. „Tut mir leid…“, murmelte sie. Sie blickte keines der anderen Ordensmitglieder direkt an. Sie hatte ihren Blick auf das leere Blatt Pergament vor sich gerichtet.

    Abby holte tief Luft und atmete deutlich hörbar aus. „Iseult war total angepasst.“ Sie musste sich jetzt zusammenreißen. Sie musste sagen, was sie wusste. Sie musste Iseult verteidigen, ehe die irrsinnige Idee, Iseult könnte aus freien Stücken gehandelt haben, weitergesponnen wurde. „Sie hat sich an jedes bescheuerte Gesetz gehalten, hat sogar jeden Muggelbesuch gemeldet, obwohl wir in Muggellondon gewohnt haben und alles. Sie sagte, sie steht zu sehr in der Öffentlichkeit. Sie wollte nicht negativ auffallen, um ihrem Team nicht zu schaden. Alles, was sie wollte, war Quidditch spielen.“ Und jetzt war sie tot. Für immer. Abbys Stimme erstarb.

    Sie hätte gern noch mehr gesagt. Sie hätte gern gesagt, dass Iseult ein Opfer war. Dass sie sie missbraucht hatten, um die neuen Gesetze zu implementieren. Dass ein einfach Entwaffnungszauber gereicht hätte, um die vermeintliche Gefahr, die von Iseult ausging, abzuwenden. Aber all das war bereits angedeutet worden, und Abby brachte die nötige Sachlichkeit nicht mehr auf. Anstelle dessen blickte sie nun direkt zu Geraldine hinüber. In Abbys Augenwinkeln glitzerten noch die Tränen, als sie fortfuhr: „Das war Mord! Sie haben sie einfach ermordet! Hättest du das nicht wissen müssen, Geraldine?“ Erneut sprach die Wut aus Abby, die sie seit Iseults Tod andauernd vollkommen überraschend und unangemessen heftig überkam.

    Wut und Tränen. Abby schrie Leute in der Bahn an, die Darling ungefragt anfassten. Sie brach in Tränen aus, wenn es im Supermarkt kein Hundefutter mehr gab. Sie blaffte Deverell an, wenn er ihr eine Sicherheitsfrage stellte, ehe er sie in seine Wohnung bat. Ihre ganze Welt schien nur noch aus Wut und Tränen zu bestehen. Abby war zu einem Schiffchen geworden, das von den Wogen der Emotionen hin- und hergebeutelt wurde. „Ich dachte, dafür bist du Mitglied des Kommandos Sicherheit. Die haben doch bestimmt darüber gesprochen. Haben sich für diesen Geniestreich gratuliert. Unter denen hättest du dich umhören sollen, anstatt auch nur daran zu denken, Iseult könne eine Extremistin gewesen sein.“ Im Grunde vertraute Abby Geraldine. Sie hatte lange mit ihr zusammengearbeitet und wusste, dass sie eigentlich auf derselben Seite standen. Dennoch, wie hatte die Aurorin es geschafft, sich in den Kreisen des Kommando Sicherheit zu bewegen und noch immer keinen einzigen Hinweis auf einen Plan, der hinter Iseults Ermordung stand, aufgeschnappt zu haben – weder im Vorhinein, noch in den vergangenen zehn Tagen. Es gab nur zwei mögliche Erklärungen. Entweder, Geraldine war absolut unfähig – und das war sie nicht – oder aber, ihre Kolleg:innen beim Kommando ahnten etwas. Man misstraute ihr. Gespräche erstarben, wenn sie dazu kam. So musste es sein. Vielleicht hatten sie Geraldine durchschaut.

  • // Geraldine eskaliert ein bisschen @Abby Seymor </3


    Es war nichts ungewöhnliches, dass Angehörige von Menschen die Verbrechen begangen hatten, bis zum allerletzten Moment nicht daran glauben wollten, dass ihre Freunde wirklich schuldig waren. Jede Mutter glaubte zu wissen, dass ihr Kind immer ein Engel gewesen war. Jeder Ehemann war sich sicher, dass seine Frau niemals das Zeug zur Mörderin hätte. Und in jedem Freundeskreis gab es nur ungläubige Blicke und heftigen Widerspruch, wenn jemand aus den eigenen Reihen unter Verdacht stand, etwas ausgefressen zu haben, denn "wir wussten wie sie war" und "das wäre einfach nicht die Person, die wir kennen". Geraldine hatte diese Geschichten in ihrer Karriere als Aurorin schon alle gehört, doch so weh es tat, den meisten Leuten fehlte einfach die Fantasie, um sich auszumalen, zu was für schrecklichen Gedanken manche Menschen im Geheimen fähig waren. Unauffällige Leute konnten zu Verbrechern werden, auch wenn es ihnen nicht auf die Stirn geschrieben stand. Sogar Iseult Morley. Es war nicht Geraldines Hauptverdacht, doch es war eine Möglichkeit, die sie ihrer Meinung nach im Hinterkopf behalten sollten, ehe sie sich vorschnell in Verschwörungstheorien verrannten.

    Wie immer stieß die Reinblüterin mit ihren Ansichten auf wenig Gegenliebe. Ceenes Worte waren entschieden, doch Geraldine respektierte die Meinung der jungen Frau. Sie hatte es schon beim Quidditchspiel gesagt und ihre Argumente waren gut. Die ganze Sache stank bis zum Himmel, der Todesfluch von Riona Belby und kurz darauf die weitere Ausdehnung der Befugnisse des Sicherheitskommandos. Es fühlte sich beinahe an wie eine konzertierte Aktion. Geraldine nickte stumm bei den Worten von Ceene, musste jedoch abrupt stoppen, als die Grünhaarige darüber sinnierte wie schön es wäre, wenn Paloma El-Halabi damals Ariadne Dippet erwischt hätte. Halb ablehnend, halb belustigt funkelte die Aurorin über den Tisch, ehe Abby Seymor als nächste das Wort ergriff. Sie hatte Iseult von allen hier vielleicht am nächsten gestanden und es ging nicht spurlos an Geraldine vorbei, ihre Kameradin unter Tränen zu sehen. Abby war sonst so taff und schlagfertig, dass es sich doppelt komisch anfühlte, sie so am Ende zu erleben. Was sie sagte, darüber wie angepasst und regelkonform Iseult gelebt hatte, ließ Geraldine ihre bisherigen Theorien noch einmal neu überdenken. Es klang wirklich immer mehr danach, als habe Iseult nicht von sich aus gehandelt. Die Aurorin beschloss, sich vorerst der Gruppenmeinung anzuschließen, anstatt auf ihrer Meinung zu beharren. Nur weil sie als Ermittlerin gearbeitet hatte hieß das nicht, dass sie immer Recht hatte.

    Dann sprach Abby auf einmal direkt mit Geraldine und mit voller Wucht fühlte sich die Aurorin an das unangenehme Gespräch mit Ceene kurz nach Weihnachten zurückversetzt. Wieder starrten alle sie an und wieder war sie der Sündenbock dafür, dass etwas Schlimmes passiert war. Ihr Magen fühlte sich an, als würde alle Luft entweichen und für ein paar Sekunden bewegte Geraldine nur wie ein Fisch ihren Mund, ehe sie ein Wort herauspressen konnte. Was sollte sie dazu sagen? Am liebsten wäre sie über den Tisch gesprungen und Abby an die Gurgel gegangen, denn sie war es wirklich Leid. Die andauernden Verdächtigungen, Zweifel an ihrer Loyalität und die Darstellung, dass Geraldine nicht genug für den Orden tuen würde. Abby trauerte, ja, doch das gab ihr nicht das Recht, Geraldines Spionage beim Sicherheitskommando infrage zu stellen. Eisig funkelte die Aurorin durch den Raum und fixierte Abby mit einem Todesblick. "hÄtTeSt dU dAs NiChT wIsSeN mÜsSeN gErAlDiNe?", äffte sie Abby wutschnaubend nach, nach Luft schnappend vor Erregung. "Woher hätte ich das wissen sollen Abby? Glaubst du, Ariadne Dippet oder du weißt schon wer kommen vorher zu mir und erzählen mir ihre Pläne? Nein! Ich riskiere alles beim Sicherheitskommando, wenn die mich erwischen gehe in nach Askaban oder direkt sechs Fuß unter. Ich kann nicht einfach so da reinspazieren und total offensichtlich nach Morrigan O'Carrolls Geheimplänen fragen, ohne dass es sofort super auffällig ist. Wie stellst du dir das denn eigentlich vor?" Sie machte eine dramatische Pause und blickte durch das Wohnzimmer. "Wenn ihr meine Hilfe nicht wollt, sagt es einfach und ich gehe." Sie hatte sich richtig in Rage geredet. Normalerweise war es nicht Geraldines Art, doch sie war wirklich bereit, den Grimmaudplatz hier und jetzt zu verlassen. Es reichte ihr. Wütend knallte sie ihre Kaffeetasse auf den Tisch und warf Abby einen weiteren finsteren Blick zu.

  • Elias war nicht Teil des Ordens geworden, weil er es für eine höhere Berufung gehalten hatte. Es war ihm schlicht wie eine Notwendigkeit erschienen. Untätigkeit konnte ihn nicht schützen. Er hatte nie die Option gehabt Mitläufer zu sein, man hatte ihn in der ersten Stunde dieses Kampfes auf die gegenüberliegende Seite gestellt. Es war etwas, dass Menschen wie Geraldine Lovett nicht verstehen konnten, weil sie diese Erfahrung nie gemacht hatte und auch nicht machen konnte. Sie hatte das Privileg einer Wahl gehabt und auch wenn er es Leuten wie ihr auf eine gewisse Weise ahoch anrechnen musste, dass sie sich nicht dafür entschieden hatten, den Rest der Gesellschaft ihrem Schicksal zu überlassen oder sich gar auf die Seite der Unterdrücker zu stellen, so spürte er die Unterschiede, die zwischen ihnen standen manchmal allzu deutlich. Für sie war diese Gruppierung eine politische, vielleicht eine ethische und moralische Entscheidung. Dass Risiko, welches sie einging war privater Natur, in seinem Ausmaß und Umfang weitestgehend auf ihre eigene Person beschränkt. Die Menschen, die starben waren für sie Fälle, keine Freund*innen, keine Partner, keine Angehörigen. Hatte sie jemals in den Tagespropheten geblickt und Lügen über einen Menschen gelesen, den sie geliebt hatte? Er bezweifelte es. Elias hatte Iseult Morley nicht gekannt. Aber er hatte Fiona Aileanach und Eliana Trevelyan gekannt, er hatte Freya gekannt und Monate nach seiner Entführung seinen eigenen Namen zwischen den Zeilen gelesen. Er verstand sie, diese Wut auf ein System, dass das Leid und Sterben von Menschen in Kauf nahm, manchmal gar herbeiführen mochte. Er verstand diese ohnmächtige Hilflosigkeit angesichts der Fragen, die man selbst nicht beantworten konnte und die doch keineswegs mit den Berichten des Tagespropheten zu erklären waren.

    Geraldine und Abby steigerten sich in einen Austausch emotionaler Anschuldigungen hinein, während Elias für einige Momente einfach nur zuhörte. Es war nicht das erste Mal, das ein Treffen des Ordens auf die ein oder andere Weise eskalierte. Die Situation in der sie sich befanden war angespannt und niemand war immer rational und vernünftig, wenn es um das eigene Leben oder das von geliebten Menschen ging. Dennoch konnten sie es sich nicht leisten, solche Differenzen Oberhand nehmen zu lassen. Es stand zu viel auf dem Spiel.

    Wir wissen, dass auf die Berichterstattung des Propheten und die „Ermittlungen“ des Ministeriums kein Verlass ist. Es erscheint mir auch mehr als verdächtig, dass die Kommando-Hexe sich für einen Todesfluch entschieden hat, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt eine Haft in Askaban, wenn nicht gar den Dementorenkuss hätte erwarten müssen.“, bemerkte er schließlich. „Die Wahrscheinlichkeit, dass der Tod dieser jungen Frau auf die ein oder andere Weise den Todesserinnen oder dem Ministerium zu verschulden ist, erscheint mir auch nicht unwahrscheinlich. Aber wir wissen nicht, was geschehen ist.“, Elias blickte für einen Moment zu Geraldine, die in einem Anflug egozentrischen Dramas angedroht hatte, das Handtuch zu schmeißen. „Wir riskieren alle unser Leben. Ich verstehe jeden, der dazu nicht mehr bereit ist und den Luxus hat, wieder in ein sicheres Leben zurückzukehren. Genug Menschen haben diese Option nicht.“, Iseult Morley, Georgina , Bertie, Freya und Fiona – es gab zahllose Menschen, die in diesen Kampf geraten waren, vielleicht ohne zu wissen, was und wem sie gegenüberstanden. Geraldine Lovett musste dieses Risiko nicht eingehen. Sie musste nur verstehen, dass dies eine Option war, die viele von ihnen nicht hatten und dass es trotzdem kein Akt großmütiger Gnade von ihr war, sich auf das Niveau der verlorenen Seelen hinabzubegeben anstatt sich komfortabel den Todesserinnen anzuschließen. Das hier war nicht der Ort für falsch verstandenen Heldenmut.

    Abby, Ceene, es tut mir Leid, dass ihr eine Freundin verloren habt.“, Elias ließ den Blick für einige Sekunden auf den beiden jungen Frauen verharren.

  • Es war erwartbar gewesen, dass weitere Verluste auch zu weiteren Spannungen innerhalb des Ordens führen würde. Earnestine überraschte es daher nicht, dass die Stimmung aufgeladen war. Allerdings überraschte es sie sehr wohl, mit welchem Misstrauen Geraldine Lovett begegnet wurde – nicht weil sie wirklich für diese Frau bürgen konnte, aber weil sie doch gedacht hatte, dass sie einander wenigstens vertrauten. Doch dies schien nur bedingt der Fall zu sein, worauf sie auch in Zukunft einen Blick haben musste. Das Untereinander war für Earnestine heute jedoch nicht so wichtig. Natürlich war es von Relevanz, wie die Ordensmitglieder zueinander standen, aber wichtiger war es, ihre Sache voranzubringen – etwas, was ihnen bisher nur bedingt gelungen war. Dieses einschneidende Ereignis hatte ihnen ihre Ohnmacht nur wieder vor Augen geführt. Sie durften nicht tatenlos zusehen und waren doch viel zu oft dazu verdammt. Doch Earnestine hatte etwas in der Hinterhand, was das vielleicht ändern konnte. Es gab Informationen zu teilen, doch zunächst musste der Frieden in die Gruppe zurückkehren.
    Es überraschte Earnestine auch nicht, dass mit Blick auf die junge Frau, die ihr Leben bei diesem Spiel verloren hatte, viele Ungereimtheiten zu berichten waren. Dass es nicht zu ihr passte, etwas dergleichen zu tun. Dass es möglich war, dass all das gestellt gewesen war. Sie hatten keine Beweise, da hatte Ceene Nosmion vollkommen recht, doch auch Earnestine sah die Verbindungen. Earnestine war froh, als Elias Cooper in den Streit eingriff. Alle waren emotional aufgeladen und das zeigte sich in den Worten und der Art zu sprechen. Der Professor für Zaubertränke und ehemalige Heiler fand die richtigen Worte, um die Situation zu entschärfen und die Gefühle der anderen dennoch nicht zu übergehen. Earnestine schloss sich an. „Geraldine hat sicher ihr Möglichstes getan. Ich denke nicht, dass Vorwürfe zielführend sind. Ich bin froh, dass sie bei uns ist und im Kommando die Augen offen hält.“ Sie nickte der Aurorin zu. „Auch mir tut es leid für all jene, die an diesem Wochenende eine Freundin, eine Weggefährtin verloren haben. Ich höre, was ihr sagt, und ich stimme euch zu. All das klingt nicht nach einem Zufall. Dennoch: Es stimmt auch, dass wir keine Beweise haben – und sowieso keine Stelle, an die wir uns wenden können.“ Sie seufzte, stützte die Hände auf den Tisch und sah in die Runde. „Wir müssen weiterhin davon ausgehen, dass dem Ministerium nicht zu trauen ist. Keinem, der dort arbeitet, und der sich unserer Sache nicht angeschlossen hat oder sofort anschließen würde. Vertraut nicht euren Nachbar*innen, nicht euren ehemaligen Schulkamerad*innen. Wir wissen nicht, wo der Feind Augen und Ohren hat.“ Ihre Worte waren drastisch, doch die Zeiten waren drastischer. Es blieb ihnen nichts anderes übrig. „Wir müssen zudem davon ausgehen, dass das Ministerium ihre neue Gesetzeslage rigoros ausnutzen wird – und dass unter dem Deckmantel der Sicherheit mehr Überfälle, mehr Morde geschehen werden. Ich verstehe, was du sagst, Elias – aber für einen Rückzug ist es zu spät. Es kann jeden von uns treffen, vollkommen unabhängig von unserem Engagement. Jenes aber kann uns wenigstens die Option geben, uns zu wehren, wenigstens irgendetwas zu tun.“ Wieder blickte sie in die Runde, fixierte Abby, Geraldine, Elias, Ceene und all die anderen vor Ort mit ihrem Blick. Sie hoffte nicht, dass ihr in diesem Punkt jemand widersprechen wollte. Sie konnten es sich schlicht nicht leisten, mehr Leute zu verlieren. „Gibt es noch etwas zu diesem Thema hinzuzufügen? Irgendetwas Auffälliges, was ihr beobachtet habt?“ Sie wollte das Thema nicht einfach abhaken, sondern allen die Möglichkeit geben, sich dazu noch zu äußern. Sie selbst allerdings hatte auch noch Informationen zu einem anderen Thema zu teilen, weshalb ihr daran gelegen war, dass das Treffen voranschritt.


    //Damit es weitergeht, freuen wir uns auch über schnelle und einfache Reaktionsposts, falls nichts mehr hinzuzufügen ist. Byron Clairmont  Felicienne Tavernier  Aaron Mayberry Luke Naydenov  @Geraldine Lovett  @Deverell Rudolphus Burton  @Abby Seymor  @Ceene Nosmion  Henry McGuilles

  • //Sorry, das hier ist kein "kurzer" Reaktionspost, sondern nur ein Haufen Gefühlsdusel und Drama. xD

    Abby läuft, noch bevor Earnestine das Wort erhebt, aus dem Raum. Sie muss wohl mal auf die Toilette... Ich werde mich später wieder einklinken, wenn ich darf.//



    Kaum hatte Geraldine ihren ersten Satz gesprochen, sprang Abby auf. Sie stand da und starrte ihre ehemalige Arbeitskollegin und Mentorin an. Wie konnte sie es wagen? Sie hatte sie tatsächlich nachgeäfft! Wie sie es hätte wissen sollen? Fragte sie das hier gerade wirklich? Wusste Geraldine, was Spion:innen normalerweise taten, wofür sie gut waren? Sie war es doch, die Todesser:innen ihre Freund:innen nannte und die mit Mitgliedern des Kommando Sicherheit per du war. Würde man Abby fragen, was der Orden des Phönix plante, sie würde nicht darüber sprechen können. Aber sie wüsste zumindest, was abging. Und selbst wenn sie es nicht wüsste, wäre es ihr aufgrund ihrer Verbindungen zu den anderen ein leichtes, es herauszufinden. So ähnlich musste das Kommando Sicherheit auch funktionieren. „Ich dachte, dafür bist du dort.“ Abby reichte es. Sollte Geraldine doch gehen, wenn ihr die Sache zu heiß war. Bisher war Abby keine einzige brauchbare Information bekannt, die sie durch Geraldine erhalten hatten.

    Abby, die wütende Abby, stand noch immer am Tisch, die zitternden Hände zu Fäusten geballt. Ihre Schultern bebten, Tränen glitzerten auf ihren geröteten Wangen. Sie hätte Geraldine all das an den Kopf geworfen, dass sie keine Hilfe war und doch gehen sollte, wenn sie es so wollte. Wenn sie zu feig war, weiterzumachen. Da aber erhob Elias Cooper die Stimme. Der ruhige Elias, der Heiler, der selbst einmal von ihren Feind:innen entführt und gefoltert worden war. Abby sah ihn nicht an. Sie stierte noch immer in Geraldines Richtung, aus der dieser für sie vollkommen unerwartete Angriff gekommen war. Cooper hatte recht. Verdammt recht. Geraldine konnte, wenn sie keine Lust mehr hatte, einfach gehen. Aber Abby konnte das nicht. Sie hatte gekündigt. Sie hatte Freund:innen und Familie, die nicht reinblütig waren. Deverell war ein Werwolf. Sie selbst war von Todesser:innen im Wald gesehen worden. Abby steckte mitten in dieser Geschichte. Für sie war der Kampf gegen Voldemort und seine Schergen längst zu einem Kampf ums eigene Überleben geworden.

    Ein Kampf, den man auch verlieren konnte. Davon wusste Geraldine nichts. Hatte sie jemals einen geliebten Menschen verloren? Hatte sie je einen leblosen Körper aus der Nähe gesehen? Abby hatte Georginas erkaltenden Leichnam aus dem Verbotenen Wald geschafft. Sie hatte vor nicht einmal zwei Wochen ihre Mitbewohnerin verloren. Hatte Geraldine Lovett auch nur den Hauch einer Ahnung, wie sich so etwas anfühlte? Vermutlich nicht. Dabei war sie doppelt so alt wie Abby.

    Abby hasste Geraldine für ihre Worte. Sie hasste die Welt für diese Ungerechtigkeit. Sie wollte, dass jemand bestraft wurde. Sie wollte, dass ihre Feind:innen so litten, wie sie es tat. Die Welt würde brennen, würde es nach Abby Seymor gehen.

    Und dann sprach Elias Cooper Abby sein Beileid aus. Und Abbys wütende Fassade brach erneut in sich zusammen. Ihre Fäuste erschlafften, ihre Unterlippe bebte, ein Schluchzen entrang sich ihrer Brust. Die junge rothaarige Hexe wandte sich um und stürmte aus dem Raum und auf die Toiletten zu.

  • Vielleicht war in den letzten beiden Jahren zu viel passiert, als dass Brooke hier sitzen und weinen konnte. Vielleicht waren da auch einfach keine Tränen mehr, die es zu weinen gab. Es war eine unschöne Taubheit, die sie in den letzten Wochen ergriffen hatte, das Gefühl, dass schlechte Neuigkeiten aufeinanderfolgend Tagesordnung waren. Auch wenn es die kleinen Lichtblicke, die Zeit fernab des Ordens gab, die ihr dazu verholfen hatten, zumindest wieder ein wenig Alltag im Leben zu haben, so wirkten sie immer nur wie eine kurze Flucht, bevor die Realität sie einholte. Und diese saß nun hier mit am Tisch, umgab sie in dem feinen Duft der Räucherstäbchen, spiegelte sich in den Augen der Anwesenden wider, in dem Erlebten. Es hätte niemals ein frohes, hoffnungsvolles Treffen werden können, nicht nach dem, was beim Quidditchspiel passiert war. Nicht bei all den Ereignissen der letzten Monate, inzwischen sogar Jahre. Brooke konnte noch immer nicht ganz begreifen, dass es nur zwei Jahre waren, die sie im Orden war. Es fühlte sich wie zehn an bei all dem, was in Rekordgeschwindigkeit geschehen war. Nein, das hier war kein fröhliches Treffen, aber vielleicht gab es die Möglichkeit, ihnen eine gemeinsame Richtung zu geben. Denn auch wenn Brooke sich mit dem Orden identifizieren konnte, wenn er ihr Leben geworden war, so hatten die Streitigkeiten und Diskussionen der letzten Monate auch an ihrem Nervenkostüm gezerrt. Und so hatte sie sich mit dem feinen Funken an Hoffnung hingesetzt, den Blick aus dem Auge über die Anwesenden streichen lassend – ehe es wieder einmal eskaliert war.
    Sie hatte sich zurückgehalten, hatte dieses Mal nichts gesagt. Es fühlte sich an, als würden alle beschwichtigenden Worte sowieso in den Ecken des Raumes verhallen. Iseult war auch ihr keine Fremde gewesen. Sie hatten gemeinsam Quidditch gespielt, sich später im Rahmen von Brookes Arbeit oft gesehen. Auch sie hatte den Verlust erlebt, wenn auch nicht so schwer wie Abby oder Finlay. Oder alle anderen Freund:innen Iseults. Und sie verstand die Wut, die Trauer, kannte das selbst schließlich nur zu gut. Doch die Anschuldigungen, das Misstrauen, das zwischen ihnen gesät wurde … Es ließ sie erschaudern und sich zurücklehnen, die Lippen aufeinandergepresst, das Unwohlsein spürend, das sie immer empfand, wenn sie in der letzten Zeit den Grimmauldplatz betrat. Sie lauschte Elias‘ ruhiger Stimme, hörte seine Bedeutung. Nein, nicht jeder hatte das Privileg, in sein Leben zurückzukehren. Für die meisten unter ihnen war dies nicht mehr möglich. Geraldine besaß die Möglichkeit, aber das war trotzdem kein Grund, ihr immer und immer wieder mit Misstrauen zu begegnen. Doch das war etwas für eine andere Runde, es würde diese hier nur weiter aufheizen – sofern das denn möglich war, denn im nächsten Moment stürmte Abby auch schon aus dem Raum.
    Brooke widerstand dem Drang, ihr nachzulaufen Es gab dafür besser geeignete Personen und auch wenn es nicht fair war, so hatte sie die Situation im April noch immer nicht vergessen. Und es gab Informationen, die sie nicht teilen wollte, doch die hierhin gehörten, so schmerzhaft sie vielleicht sein mochten. Und so nickte Brooke auf Earnestines Worte, schluckte kurz, ehe sie versuchte, sich die Szene wieder vor Augen zu führen. Es war ein Bruchteil einer Sekunde gewesen und hätte sie sich nicht auf ihre Sinne verlassen können, wäre sie nicht das, was sie war, sie hätte es abgetan. „Es könnte möglich sein, dass der Angriff auf die Tribüne bekannt war.“ Ihre Stimme schien nicht ganz fest, wankte ein wenig, ehe sich Brooke räusperte und den Blick auf den Tisch gerichtet hielt. Es gab nicht viele, die die Tragweite dessen, was sie nun erzählte, verstehen würden, doch zumindest Elias und Levin hatten um ihre Gefühle gewusst. „Ich habe mir mehrfach Gedanken gemacht, ob ich mich nicht versehen habe, aber ich bin mir verhältnismäßig sicher, dass Emrys Trevelyan seinen Zauberstab schon bewegt hatte, bevor die ersten Angriffszauber die VIP-Tribüne getroffen haben.“ Einen kurzen Moment Stille, ehe sie leise Luft holte, den Blick noch immer irgendwo auf den Tisch gerichtet. Nicht, weil da noch Gefühle waren, nein, weil sie sich schämte. Schämte für sich selbst, für die Naivität, die sie damals aufgebracht hatte. „Es ist natürlich möglich, dass er mit einem solchen Angriff gerechnet hat und das würde ich ihm nicht absprechen wollen. Er weiß, was er tut.“ Sie musste es schließlich wissen. Wie bitter die Wahrheit doch schmeckte. „Aber in Anbetracht der Vermutungen wäre es auch möglich, dass das keine Überraschung war.“ Und damit verstummte sie, lehnte sich wieder zurück und ließ die Worte nachklingen.

  • Die Streitereien am Tisch der Ordensmitglieder:innen fühlten sich schier unerträglich an. Sie waren die kleine Gruppe an Kämpfer:innen, die sich dem Bösen widersetzen wollten und anstatt die furchtbare Tat zu sehen, schlicht als unverzeihliches Verbrechen anzuerkennen und dann konkrete Pläne für einen Gegenschlag zu überlegen, verlor man sich in gegenseitigen Vorwürfen und Streitereien. Natürlich war es verständlich, dass Ungereimtheiten auftraten, aber Finlay hatte seit dem Spiel kaum ein anderes Thema mehr gekannt: Seine Mannschaft wurde befragt, manche Mitglieder gar belagert und einzelne Teile des Teams dachten sogar darüber nach zu wechseln. Die Anweisung ihres Managers war klar, sie mussten nun unauffällig wirken und sich möglichst angepasst zeigen. Doch die Furcht, welche durch die Ermordung von Iseult in ihre Mannschaft, einen einst sicheren Raum, gesickert war fühlte sich verdorben und grässlich an. Ganz davon abgesehen, dass Iseult nicht einfach eine beliebig auszutauschende Persönlichkeit war: Mit ihrem Teamgeist, ihrem lockeren Lächeln und doch fähigen Führungsstil, ihrer liebevollen Art, hinterließ sie eine schmerzende Wunde, in der bereits früh herumgewühlt wurde.

    Finlay wollte darüber nicht mehr reden oder nachdenken, er fühlte sich ausgebrannt und erstarrt. Sicherheit, egal an welchem Ort, war eine vollkommene Illusion. Und umso mehr der Fokus auf die Mannschaft gerückt war, desto stärker hatte er den Geschmack von Verfolgungswahn auf seiner Zunge schmecken dürfen. Er hatte Angst um seine Familie, nicht nur weil zusätzlich zu den Todessern nun auch offen auf Seiten des Ministeriums gemordet werden konnte, sondern auch weil er Mitglied im Orden war. Was, wenn das Ministerium davon erfuhr? Was würde dann aus Ainsley werden, aus Prue oder seinen Geschwistern? Aber jene Gedanken durften ihn nicht lähmen, musste er regelmäßig abschütteln, wissend, dass es nur den Weg nach vorne gab. Sie mussten kämpfen, denn es tat sonst niemand. Es lag in ihren Händen, die Todesser auszuschalten, das Zaubereiministerium zu entlarven und der Dorn in dessen Vene zu sein, um sie langsam ausbluten zu lassen.

    Schweigend lauschte er dem Streit zwischen Geraldine, Abby und Ceene, nickte nur fahrig auf die Worte von Elias hin und erstarrte dann doch für den Moment, als Abbys' Wut in sich zusammenbrach. Finlay konnte in diesem Augenblick nicht in ihre Richtung sehen, zu Abby, seiner ehemaligen Kapitänin, der Gryffindor, welcher er blind vertraute und deren Leben ein ums andere mal entzwei gerissen wurde. Ebenso wenig konnte er ihr folgen oder sich bewegen, alles was er tat war atmen und den Tisch vor sich anstarren, hoffend, dass Abbys' Tränen versiegen und die anschließende kurze Stille, abschließend wäre.

    Erst als Earnestine wieder ihre Stimme erhob, vermochte er es seinen Kopf anzuheben und ihr entgegenzustarren, obschon die Anspannung aus seinem Körper nicht weichen wollte. Dennoch war die Hoffnung groß, dass ihre Worte dazu beitrugen, den Streit und das Gespräch um Iseults' Ableben vorerst zu beenden. Denn Finlay war es leid über Iseults' Tod nur zu sprechen, er wollte handeln, sich aus der Starre und dem anwachsenden Druck lösen. Rache üben für das Grauen, was man ihr angetan hatte, wie ihr Tod benutzt worden war, um ein grausames Gesetz einzuführen, wie man sie kaltblütig ermordete, vor den Augen eines ganzen Stadions und dafür von ihrer Regierung auch noch einen Orden bekam. Langsam atmete er aus, griff nach einem Becher, um seine Kehle zu befeuchten als Brooke ihre Stimme vorsichtig erhob. Finlay verstand nicht gleich, was sie andeutete und trank weiter, doch schließlich drückte die Schwere jener Anschuldigung auch seine Schultern nieder. Es war gut, dass Abby raus gelaufen war. Denn wenn der Angriff keine Überraschung war, die Wächter auf der Bühne darauf gewartet hatten, dann... Scharf einatmend stellte Finlay seinen Becher wieder auf dem Tisch ab. "Wir sind uns alle einig, dass das Ministerium verseucht wurde von den Todessern und wissen sehr genau, dass sie unsere Feinde sind. Aber wir hier drin, jo, alle hier im Grimmauldplatz, wir ziehen an einem Strang, das ist doch keine fucking Frage mehr." Konnten sie jetzt nicht einfach darüber reden, was sie vielmehr tun wollten? Wie sie antworten würden? Und wenn es nur darum ging einen Namen von ihrer Liste auszuwählen, um diesen in die ewigen Jagdgründe zu befördern, Hauptsache sie taten etwas und hörten auf wie stetige Opfer nur zu ertragen. Ausatmend sah Finlay zu Brooke, hob langsam seine Schultern. "Und das mit der keine Überraschung, ey, ich wünschte das würde mich überraschen, aber... tut es nicht. Es ist übel, das zu hören, aber ganz ehrlich? Fühlt sich an, als ob es einfach reinpasst. Gut, dass du das gesehen hast." Es nahm wahrscheinlich die übrigen Zweifel bei so manch einem Mitglied hinfort und vielleicht vermochten sie nun, gemeinsam geradeaus zusehen, bereit gemeinsam einen Plan zu entwerfen.

  • Mit einem Stirnrunzeln beobachtete Earnestine den Abgang der jungen Seymor, ehe sie ihre Worte an sie hatte richten können. Sie wollte ja gar nicht leugnen, dass sie nicht auch Verständnis für die Situation der jungen Hexe hatte. Natürlich hatte sie das. Auch sie hatte damals Freunde und Freundinnen verloren. Kannte den Schmerz, die Lücken, die diese hinterlassen hatten. Und sie wusste auch, dass man nach Schuldigen suchte und hoffte, diese auf einfache Art und Weise zu finden. Aber so einfach war es nicht – oder doch. Denn Abby musste nur ein wenig weiterschauen, ihren Blick zu jenen richten, die heute nicht hier waren, sondern sich mutmaßlich in der Zentrale des Kommandos beglückwünschten. Nicht Geraldine war die Böse. Nicht die Menschen, die hier waren und die den Tod ihrer Freundin dennoch nicht hatten verhindern können. Nein, es waren jene Menschen, die diese Verbrechen verübten. Denn dass es ein Verbrechen gewesen war – ein fingiertes noch dazu – davon mussten sie nach den heutigen Schilderungen wohl auch weiterhin ausgehen. Earnestine verstand, was in der jungen Hexe vorging. Aber auf die Befindlichkeiten einzelner konnten sie keine Rücksicht nehmen. Sie mussten weitermachen. Einander vertrauen, weil sie sonst nichts hatten.

    Nachdem Earnestine geendet hatte und noch eine abschließende Frage in den Raum gegeben hatte, öffnete Brooke Hutton den Mund. Erst leise, dann mit festerer Stimme berichtete nun auch sie von dem, was sie gesehen hatte. Earnestine wusste nicht um die Bedeutung, die diese Schilderungen für die junge Hexe hatten, und zugegebenermaßen hätte sie sich dafür auch nicht interessiert. Brooke Hutton war nicht die erste und auch nicht die letzte Person, die sich in jemandem getäuscht hatte. Doch das spielte hier keine Rolle. Denn was wichtiger war, war die Überlegung, dass der Leiter der Strafverfolgung noch wesentlich mehr Menschen getäuscht hatte und vielleicht auf einer Seite stand, deren Kern er zu bekämpfen versprochen hatte. Er stand in den Fußstapfen derjenigen, die Jagd auf die Todesser*innen nach Voldemorts Sturz gemacht hatten, und nun verhöhnte er sie? Doch Earnestine überraschte es nicht. Die Entwicklungen des Ministeriums verhießen schon seit Jahren nichts Gutes mehr. Dass mächtige Feinde in dessen Reihen waren, damit hatte sie fest gerechnet. Was sie auf Dauer brauchen würden, waren mehr Namen – um jene herauszufiltern, die ihnen noch Hoffnung geben konnten. Befürchtungen, dass das Ministerium bis dahin jedoch vollständig verloren war, verfügten jedoch leider auch über eine hohe Eintrittswahrscheinlichkeit. Auch Finlay Aileanach schien diese Einschätzung zu teilen, steuerte jedoch keine neuen Informationen bei.

    Earnestine nickte in Brookes Richtung. „Danke, Brooke. Natürlich können wir uns nicht sicher sein. Ich verstehe dein Zögern. Allerdings können wir daraus lernen, dass wir umso wachsamer sein müssen. Dass das Ministerium nicht unser Freund ist, wissen wir schon lange – doch wie sehr es in den Händen unserer Feinde ist, wird sich erst mit der Zeit offenbaren.“ Sie blickte in die Runde und sah jeden einzelnen an. Niemand erhob mehr das Wort, sie alle waren sicherlich von den letzten Ereignissen niedergeschmettert worden. Es war Zeit für einen Lichtblick – wenn es denn einer war.

    Mit einem lauten Geräusch ließ sie eine kleine Mappe auf den Tisch fallen. „So.“ In ihre Stimme war ein geschäftsmäßiger Ton gekommen, der unterstrich, dass die Zeit des Trübsals nun vorbei sein musste. „Ich weiß, dass diese letzten Tage hart für einige von euch waren. Aber wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken. Wir müssen schneller sein als unsere Feinde. Besser. Und wir haben etwas, was uns die Möglichkeit dazu gibt.“ Sie öffnete die Mappe und hielt eine originalgetreue Zeichnung der Kugelhälfte in der Hand, die sie zu dem mysteriösen Gegenstand geführt hatte, der sich noch immer in der Obhut des Ordens befand. „Wir arbeiten noch daran herauszufinden, was es mit dem kleinen Kelch auf sich hat. Aber wir sind bis dahin nicht zur Untätigkeit verdammt. Stattdessen habe ich mich mit der Kugelhälfte beschäftigt, die Brooke und Finlay zum Kelch geführt hat. Sie ist unsere einzige, weitere Spur und wir sollten ihr nachgehen.“ Sie legte die Zeichnung zurück in die Mappe. „Ich habe ein Duplikat anfertigen lassen, das sich exakt auf meine Aufzeichnungen bezieht. Wir müssen mehr darüber herausfinden. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass es sich bei der Kugel um einen Teil einer Zentaurenprophezeiung handeln muss. Doch es gibt nur einen Weg herauszufinden, woher sie stammt und was noch mit ihr in Verbindung steht. Ich bin mir sicher, dass die Bibliothekarin der großen Bibliothek in der Winkelgasse etwas darüber weiß. Es wäre gut, sie zu befragen. Ich weiß nicht, was wir am Ende dieses Weges finden werden, aber ich weiß, dass wir ihn gehen müssen.“ Sie sah erneut in die Runde. „Wer sich dafür bereit fühlt, kommt im Anschluss an die Besprechung zu mir.“ Sie seufzte und klappte die Mappe wieder zu. „Gibt es weitere Themen? Fragen oder Anliegen, die ihr in die Runde geben wollt?“


    //Wichtig: Earnestines Auftrag muss nicht in einem eigenen Post angenommen werden. Auch Fragen eurer Charaktere zu der Thematik sind hier im Posting nicht sinnvoll aufgehoben. Alle Informationen zu diesem Auftrag erhaltet ihr per PN. In diesem Posting können nun weitere Themen platziert werden, über die eure Charaktere gerne in diesem Rahmen sprechen wollen.

  • #2 Das Notizbuch des Feindes

    Samstag, 05.11 | später Vormittag | Henry McGuilles


    Toms Blick war so fest auf die ungeöffneten Pergamentrollen vor ihm auf dem Tisch gerichtet, dass seine Augen langsam begonnen hatten zu tränen. Er hatte beim Betreten des Hauses, in dem er sich mit Finlay befand, eine Augenbinde getragen, weshalb er keine Ahnung hatte wo genau er sich befand. Alles was er wusste, war, dass sie sich noch immer in London befanden und Finlay seine Hilfe brauchte bei der Entschlüsselung von Unterlagen. Das an sich wäre sicher nicht Grund genug gewesen für so viel Geheimniskrämerei, aber scheinbar steckte doch mehr dahinter als Fin bereit war ihm zu sagen. Wäre es nicht Finlay, dann hätte Tom definitiv nicht zugestimmt mit ihm zu kommen und sich temporär blind zu machen um ihren Aufenthaltsort nicht bestimmen zu können. Dass Fin sich in Kreisen bewegte, die scheinbar sehr gut koordiniert waren und vielleicht sogar in Richtung des geheimnisvollen Widerstands gegen das Ministerium reichten, hatte Tom spätestens Anfang des Jahres bemerkt, als diese Brooke Person bei ihm aufgetaucht war. Als er sich später ein wenig umgesehen hatte, hatte er herausgefunden, dass diese Person früher professionell Quidditch gespielt und mal im Ministerium gearbeitet hatte – für Emrys Trevelyan. Also noch etwas wo er sich wirklich nur auf Finlays Wort verlassen hatte müssen. Der Detektor, den Brooke angebracht hatte, funktionierte – zumindest glaubte Tom das, denn er war noch nie aktiviert worden in den acht Monaten seit der Installation – aber das war noch lange nicht ausreichend für sein ultimatives Vertrauen. Früher vielleicht, aber nicht mehr jetzt. Wenn es demnach Brooke gewesen wäre und nicht Finlay, die ihn nach seiner Hilfe gefragt hätte, dann hätte er wohl abgelehnt.

    Aber so saß er nun an diesem alten Tisch und traute sich kaum den Blick zu heben, mit der Befürchtung etwas zu sehen, was nicht für seine Augen bestimmt war. Sie befanden sich in einem Raum der sehr altmodisch eingerichtet worden war, ein bisschen so wie Tom sich immer das Haus von Scipios Eltern vorgestellt hatte. Alt, sehr unmodern, aber das Geld war dennoch deutlich erkennbar in jedem Möbelstück. Der Boden knarzte leicht unter ihren Fußsohlen und eine dicke Staubschicht lag auf den Bilderahmen der Gemälde an den Wänden. Spontan hätte Tom darauf getippt, dass Finlay vielleicht nebenbei für einen reichen Reinblüter arbeitete, aber er verwarf den Gedanken wieder bevor er zu viel darüber nachdenken konnte. An sich sollte es keine Rolle spielen was genau es war das ihn heute hierhergebracht hatte. Solange er wieder lebend rauskam und nicht mit der Gewissheit sterben musste, dass Fin am Ende doch sein Verderben gewesen war, dann konnte er damit klarkommen. Irgendwie. Außerdem gewann ja doch seine Neugierde am Ende und Finlay war sich nicht zu schade gewesen ganz schön anzuteasen worum es sich bei den Dokumenten handelte. Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her während er darauf wartete, dass Finlay zurückkam mit Getränken. Vorsichtig griff der Waters nach der Tasche, die er mitgebracht hatte, die Augen niedergeschlagen und die Wangen etwas gerötet, weil er seine Aufregung ja doch nicht ganz zu unterdrücken wusste. Daraus zog er einige Unterlagen hervor, meistens Ausschnitte aus dem Tagespropheten oder kleine Notizzettel, auf denen in Eile Einzeiler vermerkt worden waren, wenn ihm etwas eingefallen war zu gewissen Themen, die er nicht vergessen wollte oder denen er noch nachgehen wollte. Da er bei der Arbeit keinen Laptop verwenden konnte, kam es in diesem Fall ganz gelegen, dass er sich stattdessen ein organisiertes System angeeignet hatte was all seine Unterlagen anbelangte. Nach dem Angriff im letzten Jahr achtete er noch genauer darauf und hielt die Unterlagen zu all den Recherchen, welche interessant wären für eine gewisse Gruppe, versteckt. Die meisten interessanten Spuren, denen er gerne nachgegangen wäre, waren inzwischen wahrscheinlich kalt oder es war dafür gesorgt worden, dass sie kalt gegangen waren. Aber es waren auch scheinbar unscheinbare Notizen hier, welche lediglich Daten auflisteten und kurzen Notizen dazu, etwa wann welche neuen Gesetze unter Dippet erlassen worden waren und andere Zeitabläufe, die Tom für relevant gehalten hatte.

    Er zog den dicken Packen Unterlagen hervor und legte ihn vor sich auf den Tisch, darauf bedacht die Pergamentrollen von Finlay nicht zu berühren. In dem Moment kam Finlay etwas stürmisch wieder zur Tür herein und Tom zuckte leicht zusammen. „Das ist hier wirklich … interessant eingerichtet.“, murmelte der Waters aufgrund jeglicher mangelnder Fähigkeit Smalltalk zu führen in diesem Moment und nahm dankbar einen Schluck des Getränks das Finlay ihm gereicht hatte. „Wirst du mir erklären was das sind oder darf ich das auch nicht wissen?“ Aufmerksam blickte Tom Fin über den Tisch hinweg an bevor sein Blick bedeutungsschwer zu den Unterlagen wanderte, welche nicht von ihm stammten.

  • Wenn man Finlay gefragt hätte, wem man außerhalb des Ordens kompromisslos vertrauen könnte, so hätte er wohl ein paar Namen aufzählen können. Aber unter jenen Namen stand Thomas Dean Waters ganz oben auf seiner Liste. Nicht nur, dass er dem Älteren geradezu blind vertraute, er war auch davon überzeugt, dass er von außerordentlichem Intellekt war. Prue hätte ihm hier vielleicht das Wasser reichen können, aber ansonsten sah es bei seinen Freunden eher dünn aus. Aus diesem Grund war es auch Thomas, der ihm augenblicklich eingefallen war, der garantiert bei der Erforschung des Tagebuchs von Jeff Brooks helfen könnte. Dass er Journalist war und daher grundsätzlich der Wahrheit auf der Spur, ja sicher Erfahrungen beim Recherchieren hatte, qualifizierte ihn dann auch abseits von Finlays' Überzeugungen. Denn der Quidditchspieler hätte sich niemals ohne Thomas an solch ein Projekt gewagt. Eine andere Sache war es, dass Kolya unter keinen Umständen erfahren durfte, dass Finlay den älteren, ehemaligen Gryffindor ins Hauptquartier des Ordens hatte bringen dürfen. Denn Finlay wollte nicht, dass Kolya ihn hasste, obschon er seine Meinung zu jener Angelegenheit durchaus nachvollziehen konnte. Sie lebten allerdings in einer Welt, wo sie nicht mehr den Luxus besaßen, wegzusehen und Finlay wusste darum, wie enttäuscht und hoffnungslos Tom im Bezug auf den Kampf gegen die Todesser war. Für ihn wäre dies nicht nur ein Job, sondern wahrscheinlich - den anderen Ordensmitgliedern nicht unähnlich - ein lebenswichtiger Schritt. Das Zeichen, welches ihm zeigen würde, dass es Hoffnung gab. Obschon Finlay nicht sagen durfte, dass sie im Ordens-Hauptquartier waren, so sprachen die Sicherheitsvorkehrungen und so würde ihre Arbeit auch eine recht eindeutige Sprache sprechen. Aber das Tagebuch durfte den Grimmauldplatz nicht verlassen, weshalb all dies nötig war. Wer wusste schon, was für Aufspürzauber die Gegenseite sonst nutzen konnte. Ob Thomas mit solchen Sicherheitsvorkehrungen gerechnet hatte, nachdem Finlay ihn bei einer "Recherche" um Hilfe gebeten hatte, bezweifelte der Schotte jedoch.

    Grinsend trat Finlay wieder in den Raum, in welchem Thomas auf ihn wartete. Kürbissaft, Wasser und Irn Bru im Gepäck, genauso wie das Tagebuch des verlorenen Mannes, dessen Kinder mit ihnen zur Schule gegangen waren. "Jo, kann man so sagen." Antwortete er auf die Worte von Thomas. "Ziemlich altmodisch, aber man will halt nichts verändern." Die Schultern des Schotten hoben sich, ganz so als wäre das ein Thema, welches in diesen Mauern schon häufiger angebracht wurde. Die Getränke platzierte er auf dem Tisch, ebenso wie die Unterlagen, welche sie zu untersuchen hatten. "Doch... das musst du wissen." Gab Finlay nun zu, der einen Stuhl griff und sich auf jenem neben Thomas niederließ. "Das ist ne' Kopie von Jeff Brooks Tagebuch." Die Worte ließ er zunächst einmal wirken, denn er zweifelte nicht daran, dass Thomas wusste, was mit Jeff Brooks passiert war. Unerwähnt ließ er an jener Stelle allerdings, dass Rude, der als dessen vermeintlicher Mörder gesucht wurde, genau in dem Gebäude Unterschlupf gefunden hatte, worin sie nun saßen. "Der Tagesprophet erzählt Dreck, wie immer. Also teilweise, er ist schon tot, aber er gehörte halt zur Gegenseite. Zu den Bösen." Beinahe leichtfertig wählte Finlay seine Worte, denn für ihn war es kein Problem, dass Jeff Brooks tot war oder einer der ihren dafür verantwortlich sein sollte. In diesem Krieg ging es darum zu überleben, wenn Todesser lebten, starben Ordensmitglieder, weshalb er befand, dass es durchaus Sinn machte, Todesser zu töten. "Wir müssen uns dieses Tagebuch ansehen, da könnten Anhaltspunkte zu den Aktivitäten der Todesser stehen... und wenn einer so was auseinandernehmen kann, dann du." Ein ungewohnter Ernst fand sich in Finlays' Blick, aber auch Stimme, ehe er sich sein eigenes Glas mit Wasser befüllte. "Nur... du darfst das echt niemandem sagen, ja?"

  • Als Finlay wieder erschien und die Tür hinter sich schloss, entspannte Thomas sich etwas. Vielleicht war es die Einrichtung und die gespenstische Stille im Rest des Hauses um ihn herum, aber er fühlte sich ganz und gar nicht wohl hier drin. Schon gar nicht mit dem Wissen, dass Finlay ihn schon zweimal darauf hingewiesen hatte das nichts dieses Haus verlassen durfte und alles unter die absolute Geheimhaltung fiel. Tom konnte Geheimnisse für sich behalten, sehr gut sogar. Er hatte schließlich einen Großteil seines Lebens ein Geheimnis mit sich herumgetragen und so gut es sich auch angefühlt hatte es auszusprechen irgendwann, so wusste er doch sehr genau wie er darum herumkam genau das zu tun. Das hier gerade mochte nicht ganz vergleichbar sein mit seinem Geheimnis von früher, aber es kam wohl nahe genug dran. Und die innere, altbekannte Anspannung bestätigte das nur. Gleichzeitig war es allerdings auch vermischt mit Aufregung und Vorfreude. Das Projekt mit Scipio hatte zwar inzwischen einen großen Platz eingenommen neben seiner Arbeit für das Unicorn, aber es fühlte sich noch immer nicht nach etwas an, das tatsächlich etwas nachhaltig verändern konnte. Zuletzt hatte das Gespräch mit Dippet im Sommer ihm einen Dämpfer verpasst hinsichtlich seiner Hoffnungen, dass nicht alles so verloren war, wie es den Eindruck machte. Das Kelpie-Magazin hatte für Tom insofern einen positiven Effekt gehabt, als dass er nicht länger nur glaubte auf der Stelle zu treten und mit beiden Händen Informationen sammelte, welche er um sich hortet und hoffte eines Tages etwas damit anfangen zu können. Jetzt konnte er es niederschreiben und den Leuten präsentieren. Jetzt konnte er ihnen zeigen an welchen Stellen das Ministerium tatsächlich log oder etwas erfand nur um falsche Fährten zu legen oder die Tatsachen zu verbiegen. Doch er konnte nicht in Erfahrung bringen, ob es wirklich etwas veränderte. Alles was er tun konnte, war zu hoffen und nicht damit aufzuhören, sondern eine Ausgabe nach der anderen herausbringen. Und dadurch, dass es ja doch nur ein Zwei-Personen-Team mit Scipio und ihm war und sie sehr genau aufpassen mussten hinsichtlich möglicher Schnüffler, dauerte es alles ein wenig länger.

    Entsprechend war Tom froh mal etwas anderes vorgelegt zu bekommen, etwas das aber nicht minder aufregend war. Wenn sein Herz bereits schneller gepocht hatte angesichts dieser Atmosphäre um ihn herum, so verdoppelte sein Herzschlag sich jetzt, als Finlay die Bombe platzen ließ. Tom fiel die Kinnlade herunter und starrte Fin ungläubig an. „Ist das dein Ernst?“ In seinem Kopf hatte es bereits zu rattern begonnen. Jeff Brooks war vor einigen Monaten getötet worden. Genauere Informationen hatte es lange Zeit nicht gegeben, alles war äußerst diskret behandelt worden und auch Tom hatte bis ein Artikel im Tagespropheten erschienen war keine Ahnung gehabt wie es dazu gekommen war, dass Brooks auf einmal von der Bildfläche verschwunden gewesen war. Das Ministerium war inzwischen zu einer Black Box geworden und das wenige, das doch heraussickerte, musste äußerst kritisch betrachtet werden. Der Tagesprophet war alles andere als eine zuverlässige Quelle. Aber warum sollte das Tagebuch von Jeff Brooks interessant sein für Fin und … die Leute mit denen er zusammenarbeitet? Und warum glaubte er, dass ausgerechnet Tom ihm da weiterhelfen konnte? Er hatte Brooks nicht gekannt und was er über ihn wusste ließ ihn das auch mit keiner Faser bereuen. Dass sein Tod einem Werwolf untergeschoben wurde überraschte Tom nicht. Zu den Bösen. Als Fin das sagte, schloss Tom seinen Mund und rieb sich über das Gesicht. Todesser. Jeff Brooks war ein Todesser gewesen. Er war der Leiter der Aurorenzentrale gewesen. Und er war wirklich tot. Finlay hatte nicht gesagt, dass es nicht wirklich die Leute gewesen waren, welche auch öffentlich dafür verantwortlich gemacht wurden. Also stimmte es wahrscheinlich. Kolya hatte recht, die Welt war nicht schwarz oder weiß.

    Thomas schluckte schwer. Das war ein ganz schöner Brocken. Wahrscheinlich sollte ihn nach allem was er erlebt hatte im vergangenen Jahr nichts mehr überraschen. Aber es war doch jedes Mal aufs Neue ein Schlag in die Magengrube, wenn er erfuhr wie viele Menschen tatsächlich darauf aus waren jemanden wie ihn von der Bildfläche verschwinden zu lassen und welche Mittel dafür recht waren inzwischen. Er blickte kurz zu Finlay und dann hinunter auf die Unterlage, die zwischen ihnen auf dem Tisch lagen. Dann nahm er einen großen Schluck Wasser. „Natürlich sag ich das niemand. Und jetzt lass uns anfangen. Ich will wissen was der Saftsack für Leichen im Keller hat.“ Wahrscheinlich würde Kolya ihn in einen Koffer packen und erst wieder rauslassen, wenn sie sich am anderen Ende der Welt befänden, wenn er davon erfahren würde in was Finlay Tom gerade hineinzog. Und wahrscheinlich wäre das auch die angebrachte Reaktion auf diese Informationen, bloß leider war die von Tom nicht länger zu erwarten. Entschlossen schnappte er sich die Hälfte des Stapels und zückte einen Bleistift, während Finlay sich die andere Hälfte nahm und sie beide begannen zu lesen.

    Tom führte selbst mehr schlecht als Recht ein Tagebuch. In den letzten Jahren war es ihm zeittechnisch nicht mehr möglich gewesen täglich hineinzuschreiben und gerade das letzte Jahr war voller Lücken, die sich teilweise wochenlang hinzogen. Doch Jeff Brooks schien sehr versessen gewesen zu sein darauf sein Leben so genau wie möglich zu dokumentieren. Seitenlang schien es sich um private Treffen zu handeln, welche der Gute gehabt hatte, kaum etwas nennenswertes. Es war bereits eine gute Stunde verstrichen, in welcher nur das Rascheln von umgeblätterten Seiten im Raum zu hören gewesen war, bevor sich einer von ihnen regte.Als er circa in der Mitte 2020 angekommen war, stutzte Tom. Er blätterte einige Seiten zurück und sah, dass er etwas übersehen hatte. „Fin …“, murmelte er, um die Aufmerksamkeit seines Partners zu bekommen. Inzwischen lagen die beiden Seiten, welche ihn zum Innehalten gebracht hatten, nebeneinander und die Spitze seines Stiftes schwebte über dem Eintrag vom 10. Juli 2020. „Schau mal. Das ist sehr kryptisch. Hast du bisher gesehen, dass er Abkürzungen verwendet, anstatt Namen und Orte auszuschreiben? Ich meine, warum? Es sind seine privaten Aufzeichnungen, wieso so geheimnistuerisch? „P.-Apotheke nach Ladenschluss besuchen, Qualität der Trankzutaten prüfen, insbesondere W.“ – er war erst Leiter der Geheimhaltungsschutz-Behörde und dann der Aurorenzentrale. Warum sollte er in einer Apotheke Trankzutaten überprüfen? Das ergibt doch gar keinen Sinn.“ Kopfschüttelnd stützte Tom den Kopf in seine freie Hand und kreiste die Abkürzungen im Eintrag ein. Dann nahm er sich den Eintrag vom 14. August desselben Jahres vor. Hier legte seine Stirn sich weiter in Falten. Irgendetwas stimmte hier nicht. Wenn Jeff Brooks ein Todesser gewesen war … „Er hat die Uhrzeit notiert, aber dennoch Abkürzungen verwendet. Wenn die Abkürzungen nicht wären, wäre es ein Eintrag wie jeder andere ... Und was meint er mit „auf Muggel achten“?“ Tom sprach in diesem Moment mehr mit sich selbst, als mit Finlay aber das machte wohl kaum einen Unterschied. Wie auch immer Fin zu dieser Kopie gekommen war, dieses Tagebuch verbarg einige Geheimnisse seines toten Besitzers. „Schau mal bitte nach den Ausgaben des Propheten in den Wochen dieser beiden Einträge“, bat er Finlay und schob ihm einen seiner Ordner zu die er mitgebracht hatte. Vielleicht würde sich daraus etwas ergeben können.

  • Haden Whittaker

    Sonntagabend


    Die letzten Monate waren für den Orden absolut turbulent gewesen. Brooke und Levin hatten Circe entführt, in Geraldines Augen ein Himmelfahrtskommando. Als ob das nicht schon verrückt genug wäre, hatte sich dann auch noch der nächste ihrer engen Freunde als Todesser entpuppt: Dieses mal war es Bhaltair gewesen. Er reihte sich in eine lange Hitparade ihrer Vertrauten ein, die zu ihrer Überraschung das dunkle Mal auf dem Arm trugen. Manchmal fragte sie sich, ob sie eigentlich die einzige Reinblüterin war, die dem dunklen Lord noch nicht die Treue geschworen hatte. Jeder war mittlerweile zum Verdächtigen geworden. Und am Grimmauldplatz herrschte nicht wirklich Einigkeit darüber, wie sie damit umgehen sollten. Die Mitglieder des Ordens waren sich von Anfang an nicht einig gewesen, wie weit sie gehen wollten, um die Todesser aufzuhalten. Sollten sie auf Angriffsmodus schalten, so wie es Brooke und Levin getan hatten? Oder lieber abwarten und das Schlimmste verhindern, ohne sich zu sehr in Gefahr zu bringen? Geraldine gehörte zur vorsichtigeren Fraktion, aber in letzter Zeit hatte sie das Gefühl, dass sie damit zunehmend alleine dastand. Sie wollte einfach das keinem was passierte und es hatte ihr den Magen umgedreht zu akzeptieren, dass Circe, eine ihrer ältesten Freundinnen, eine abgebrühte Reinblutrassistin und Mörderin war.

    Obwohl ihre Sorgen nicht ganz verschwanden, fühlten sie sich doch kleiner an, als sie gemeinsam mit Haden in einer Wolke aus Dampf einen kleinen Rollwagen ins Wohnzimmer des Grimmauldplatz schob. Heißer Hibiskus-, Zitronen- und Kürbistee dampfte auf dem kitschig-altmodischen Teeservice, das sie vor ein paar Monaten für die Küche des Ordens gespendet hatte. "Oh Gott, bei dem Teegeruch muss ich direkt wieder an diese Unterrichtsstunde denken, die ich letztens in Hogwarts gegeben habe." Sie war immer noch nicht darüber hinweg, wie viel verrückter die Kinder gewesen waren, als sie erwartet hätte. "Ich dachte als Aurorin hab ich alles erlebt, aber Kinder sind noch mal ein ganz anderer Level. Sie sollten auch so ein Teeservice verwandeln, aber es ging schon drunter und drüber, bevor ich überhaupt richtig mit dem Unterricht anfangen konnte." Wenn man nicht dabei gewesen war, hörte sich ihre Geschichte wahrscheinlich nicht so interessant an. Haden hatte sich in den letzten Monaten aber recht viel von ihrem Gequatsche anhören dürfen und sich bisher kaum beschwert. Obwohl sie ein ungleiches Duo waren, hatten sie sich nach seiner Rückkehr aus Amerika direkt verstanden. Wenn Geraldine nicht in Greater Lovett House mit ihrem Mann rumhing, war sie mittlerweile oft am Grimmauldplatz und redete mit Haden über Gott und die Welt, um sich von dem Wahnsinn abzulenken, den sie ihr Leben nannte. Und sie war besessen von Hadens Hund Roger. Manchmal kaufte sie sogar Hundeleckerli in der Winkelgasse, nur damit sie sie später an den Hund verfüttern konnte, der nicht mal ihr eigener war.

    Geraldine lies sich wie ein nasser Sack auf das fransige Sofa fallen und blickte Haden an, während sie in ihrem Tee rumrührte. "Ich kann immer noch nicht fassen, dass der Orden Circe entführt hat. Und dass Bhaltair ein Todesser ist. Wir waren vor ein paar Monaten noch zusammen tanzen und er hat mich über seine Kinder voll gequatscht. Ich frage mich, ob ich was zu ihm sagen sollte." Sie blickte nachdenklich in ihre Teetasse, so als würde die Antwort auf all ihre Fragen am Boden der Tasse warten. "Oder ob ich damit alles nur noch schlimmer mache". Nebenbei schob sie sich eine Hand Hexencracker in den Mund, in diesem Moment war Geraldine Lovett ausnahmsweise mal keine feine Lady. Sie fragte sich, ob noch andere Ordenmitglieder gerade am Grimmauldplatz waren und was sie wohl zur aktuellen Lage dachten.


    // Haden und Geraldine sind im Wohnzimmer vom Grimmauldplatz und reden darüber, was gerade eigentlich so läuft. Wer Lust hat, kann gerne dazu kommen!

  • "Ich kannte mal einen Typen der total auf Tee stand", sagte Haden und ein müdes Lächeln legte sich auf seine Lippen. "Es musste immer genau 15 Uhr sein. Da bestand er drauf.“ Er stockte für einige Atemzüge und zuckte leicht mit den Schultern. „Aber das ist lange her", schob er schnell ein und nahm sich eine der dampfenden Tassen. "Duftet herrlich." Warmer Dampf strich über sein Gesicht und kroch ihm in langsamen Wellen in die Nase.

    Haden trat mit einem großen Schritt an Roger vorbei, dessen dunkel Knopfaugen lechzend an der reichlich verzierten Tasse hafteten. Er winselte bettelnd auf, doch Haden ließ sich nur mit einem brummenden Seufzen auf das Sofa fallen. "Stimmt, du warst in Hogwarts", warf er zwischen ihre Worte und sah interessiert zu Geraldine auf. Ein raues Lachen wanderte über seine Lippen und seine dunklen Augen funkelten warm auf. "Weißt du, was ich an Kindern mag? Sie verstellen sich nicht. Die Kleinen zumindest. Sie können das gar nicht. Alles, was du von ihnen bekommst, ist irgendwie immer so echt", sagte er und lächelte sanft. "Traurig, dass uns diese Fähigkeit irgendwann abhandenkommt." Für einen Moment glitt sein Blick durch den Raum, über den dicken staubigen Teppich zu ihren Füßen, den Strauß Sonnenblumen den jemand ans Fenster gestellt hatte. Seine Mundwinkel sanken ein wenig hinab.

    Geraldines Löffel klirrte leise gegen das Porzellan. "Ich kann immer noch nicht fassen, dass der Orden Circe entführt hat", begann sie und sein Blick flackerten zu ihr zurück. "Und dass Bhaltair ein Todesser ist. Wir waren vor ein paar Monaten noch zusammen tanzen und er hat mich über seine Kinder voll gequatscht. Ich frage mich, ob ich was zu ihm sagen sollte.", sagte sie und Hadens Augen weiteten sich ein Stück. "Oder ob ich damit alles nur noch schlimmer mache", fügte sie an und schob sich einen Hexencracker zwischen die Lippen. Stille sickerte zwischen sie. Ungläubige Stille als Haden sich die Lehne wieder etwas hinaufschob. "Und was willst du sagen? Ich hörte von deinen Todessermachenschaft? Ich bin wirklich sehr enttäuscht von dir?" Seine Brauen hoben sich und nun da gewann sein Blick an Intensität. Glaubte sie wirklich, dass das etwas ändern würde? Das Bhaltair und all die anderen sich auf die Knie werfen würden, weil eine alte Bekannte ihre Taten für falsch hielt? Glaubt sie, sie würden dort sitzen, nicken und verstehen welches Unheil sie über Großbritannien brachten. Ihre Gutmütigkeit schmerzte. Sie alle wussten genau, was sie taten, sie alle glaubten an diese wahnwitzige Ideologie oder waren zumindest egoistisch genug für ihren eigenen Profit über Leichen zu gehen. Daran würde Geraldines tadelnder Blick nichts ändern. "Hör zu...", begann er und lehnte sich nun etwas zu der älteren Hexe. "Es ehrt dich, dass du das Gute in Menschen sehen willst. Tut es wirklich aber..." Er zögert kurz, seine Lippen verzogen sich und er griff nach ihren Händen. "...was du da sagst-ich kann es nicht anders sagen- ist Schwachsinn, Geraldine. Sie sind keine Kinder, sie haben ihre Seite gewählt. So wie wir. Sie werden nicht plötzlich ihre Meinung ändern." Hadens Blick lag fest auf ihr und für einen Augenblick wirkte es als hätte er das Blinzeln eingestellt. "Ein Gespräch ist die nächste Kurzschlussreaktion. Wenn wir wirklich etwas bewegen wollen, dann müssen wir unsere Schritte planen, durchdenken, und zwar alle gemeinsam. Emotionale Befindlichkeiten und persönliche Rachefeldzüge bringen uns nicht weiter. Nicht langfristig. Damit schaffen wir uns nur mehr Probleme und müssen noch vorsichtiger sein."

    Seine Brust hob sich als er die Luft tief in die Lunge zog, ihre Finger losließ und sein Rücken zurück zur Lehne fand. Er schüttelte kaum merklich den Kopf, dann rieb er sich mit der Hand über das kurzgeschorene Haar. "Überwache ihn heimlich aber bring nicht deine Position im Ministerium in Gefahr. Wenn es Du weißt schon wer wirklich in der Hand hat brauchen wir dich dort."

  • Aus Hadens Mund hörten sich die Worte, die sie Bhaltair entgegen schleudern wollte, ziemlich hohl an. Er hatte Recht damit, dass eine enttäuschte Freundin von früher für die meisten Todesser kein Grund war, ihr ganzes Leben zu überdenken. Sie hatte bei Nicolas schon erlebt, wie ihre mütterliche Empörung, die niemand bestellt hatte, absolut nach Hinten losgegangen war. Nachdem sie ihn mit seinen Todessermachenschaften konfrontiert hatte, war Geraldine für ihr Patenkind gestorben. Für ihn war sie eine Verräterin und damit dass sie die Risse zwischen ihnen angesprochen hatte, waren die Illusionen, auf denen ihre Beziehung so lange fest gestanden hatte, auf einen Schlag zersprungen.

    "Du hast wahrscheinlich Recht." Trotzig reckte sie ihr Kinn nach oben. "Ich wünschte einfach, die Dinge wären anders." Damit war sie am Grimmauldplatz sicher nicht die einzige. "Und ich wünschte meine Freunde wären nicht alle solche Vollidioten." Geraldine lachte bitter auf. "Wenn es überhaupt noch meine Freunde sind."

    Ihre Finger umschlossen für einen Moment die von Haden und sie schauten sich tief in die Augen. Er hatte Recht damit, dass sie ihre Schritte gut planen mussten. Bisher war jedes mal, dass sie zu impulsiv gehandelt hatten, etwas schief gegangen. Bei jeder Mission hatte Geraldine Angst, dass jemand nicht zurückkommen wurde, so wie bei Georgina und Bertie. Oder als Finlay bei der Reise in die Arktis verletzt worden war - Von Brooke ganz zu schweigen. Sie hatte beinahe verdrängt, was der jungen Frau damals zugestoßen war. Sie waren so wenige, dass jeder Misserfolg sich anfühlte als würde jemand dem Orden einen Arm ausreißen. Und obwohl alle dachten, Geraldine wäre eine blasierte Aristokratin die sich für etwas besseres hielt, sie hatte nach all den Jahren ihre Mitstreiter ins Herz geschlossen.

    "Ich behalte Bhaltair im Auge und mache nichts Dummes, versprochen. Ich würde nicht mit ihm reden, ohne vorher die anderen zu fragen." Im Gegensatz zu manchen anderen am Grimmauldplatz glaubte sie noch daran, dass es das beste war, sich abzusprechen. Sie nahm sich noch einen Hexencracker. "Wusstest du, dass ich Jeff Brooks, meinen Vorgänger in der Aurorenzentrale seit Ewigkeiten kannte, bevor er gestorben ist?" Sie schluckte. "... Bevor Abby, Ceene und ich gegen ihn gekämpft haben, als er Deverell umbringen wollte." Es fühlte sich absurd an, diese Worte laut zu sagen. Sie gehörten in ein Filmskript, nicht ihr Leben. "Wir haben uns hundert mal auf irgendwelchen bescheuerten Reinblüter-Bällen gesehen, Sekt zusammen getrunken und so weiter und so fort. Aber in dem Moment hat er keine Sekunde gezögert, den Todesfluch auf mich zu richten." Sie schüttelte den Kopf und rührte nachdenklich in ihrem Tee herum. Dann beschloss sie, sich nicht weiter in ihrer Trübsal zu suhlen und schob eine verirrte Strähne ihres schwarzen Bobs zurück in Position. "Naja, er hat die Quittung dafür bekommen, dass er so ein Arschloch war. Aber es ist trotzdem komisch."

  • Es war für den immer näherkommenden Herbst immer noch erstaunlich warm in London. Trotzdem hatte die Schottin es geschafft, sich eine gehörige Erkältung zuzulegen. Vielleicht war es auch der Stress. Die Anspannung. Das ewige Hin und Her – da sie immer noch keinen permanenten Schlafplatz hatte. Noch einen ganzen Monat musste sie warten, bis sie endlich wieder in ihre eigenen vier Wände einziehen konnte. Ihr geteiltes, gälisches M(a)c hatte Virginia nur für kurze Zeit zu der Annahme verleitet, dass ihr Untermieter ein kulanter, ihr entgegenkommender Mensch war. Doch leider hatte Mr. McClintock darauf bestanden, ihre Wohnung bis zum letztmöglichen Auszugsdatum behausen zu müssen. Sie hatte langsam die Schnauze voll, andauernd zwischen der einsiedlerischen Hütte ihres Bruder, Patricks rustikalem Reservat und dem Haus ihrer Mutter aka Überwachungsstaat hin und herzupendeln. Nicht selten war sie in den letzten Wochen dazu übergegangen, im Grimmauldplatz zu übernachten. Auch wenn die Stimmung oft gedrückt war, traf sie dort immerhin stets auf Leute, die ihr ein Lächeln auf Gesicht zauberten, mit denen sich entspannt ein anstrengender Tag ausklingen ließ, die sie verstanden und vor denen sie sich nicht verbiegen oder in Geheimniskrämerei verfallen musste. Natürlich gab es auch Spannungen. Virginia hatte Brooke noch immer nicht dafür vergeben, dass sie ihnen wochenlang die Information zu Elias Mörder vorenthalten hatte. Eine Konfrontation hatte sie nicht provozieren wollen, wäre ihr das trotz allem immer noch als ein wenig taktlos vorgekommen, doch ihr eher abgekühltes Auftreten sprach für sich und Virginia war sich nicht sicher, wie lange sie die Fassade wahren konnte, bevor irgendetwas Impulsives aus ihr herausbrach.

    Mit einem sich anbahnendem Niesen, das ihr die Nasenspitze kitzelte, stieß sie behutsam die Tür auf und trat in den düsteren, langgezogenen Flur des Grimmauldplatzes Nr. 12. Sie trippelte schnell die knarzenden Dielen entlang und bahnte sich den Weg zur Küche vor. Dort angekommen lehnte sie sich erschöpft gegen eine der Theken. Virginia setzte den Teekessel auf und vernahm dann aus dem anliegenden Wohnzimmer leise Stimmen. Ihrem lauten „Hallo“, das sie ausrief, folgte sofort ein geräuschvolles Niesen. Sie stieß eine ganze Reihe an anstößigen, schottischen Flüchen aus, während sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch kramte und dabei in Richtung des Wohnzimmers lief. Ihr Blick fiel erst auf ihre Teetassen, bei dessen Anblick sie beschloss, sich lieber dort zu bedienen, als ihre eigenen Teekochaktivitäten weiterzuverfolgen, und dann auf Geraldine und Haden, die es sich anscheinend zu einem Plausch gemütlich gemacht hatte. Sie erhaschte gerade noch die letzten Worte Geraldines.

    Du hast echt kein Händchen dafür, dir die richtigen Freunde auszusuchen, oder?“, meinte sie und lehnte sich dann in den Türrahmen, da sie spürte, wie ihre Nase erneut zu kitzeln begann und sie nicht vorhatte, volle Möhre auf Geraldines antikes Teeservice zu niesen. Dass Geraldine überhaupt noch das Wort „Freund*in“ in den Mund nahm, wenn sie von faschistischen Terrorist*innen sprach. „Vielleicht können wir in Zukunft unsere Strategie, Todesser aufzudecken, so aufbauen, dass wir systematisch alle deine Kontakte durchgehen“, schlug sie mit ihrer angeschlagenen, nasalen Stimme vor und schnäuzte dann in das Taschentuch, das sie endlich aus einer zerknitterten Packung am Bodensatz ihrer Tasche gefunden herausgezogen hatte. Es hatte ein Witz sein sollen, doch ihre Worte klangen um Einiges bitterer als beabsichtigt.

  • Mit dem Klicken der Tür und einem donnernden Niesen begrüßte Virginia MacGuffin die anderen Anwesenden am Grimmauldplatz. Wie gefühlt gerade jeder war sie wahrscheinlich erkältet. Geraldine selbst rechnete dieser Tage damit, jeden Moment krank zu werden. Die engen Gänge des Ministeriums waren die perfekte Brutstätte für alle Arten von Krankheiten und leider blieben die Mitglieder der Obrigkeit nicht von profanen Plagen wie der Grippe verschont.

    Genau im Moment als Geraldine mit ihren Ausführungen geendet hatte, betrat Virginia das Wohnzimmer und lehnte sich lässig in den Türrahmen. Gequält lächelte Geraldine und schüttelte langsam den Kopf auf den Kommentar, dass sie kein Händchen mit ihren Freunden hatte. "Sieht wohl so aus", presste sie hervor und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie tief Virginias Worte sie trafen. Sie schämte sich dafür, dass ihr reinblütiges Umfeld aus Todessern zu bestehen schien, aber sie konnte nicht ändern wer sie war und woher sie kam. Und sie war die einzige im Orden, die zu verstehen schien, dass es nicht nur schwarz und weiß gab. Circe, Emrys, Bhaltair, Agatha und Nicolas, so schrecklich ihre Taten auch waren, handelten nicht aus Grausamkeit. Sie würde diese Vereinfachung niemals akzeptieren. Sie alle waren Sklaven ihres Schicksals, manche mehr manche weniger. Viele von ihnen hatten sich aus Gruppenzwang dem dunklen Lord angeschlossen, jugendlichem Leichtsinn, den Erwartungen ihrer Eltern entsprechend, oder weil sie glaubten es sei der einzige Weg um ihren Lebensstil und ihre Familien zu beschützen. Aber das wollte hier natürlich niemand hören. Und Geraldine wusste, dass es nur eine Seite der Medaille war. Ihre reinblütigen Freunde waren mitverantwortlich für den Tod von Elias, Brooke und Eliana. Sie würde es niemals verzeihen können. Aber im Gegensatz zu den anderen war sie nicht dazu in der Lage, die Todesser nur auf ihre Taten zu reduzieren. Sie hatte zu viel Vergangenheit mit ihnen. Und wenn sie ehrlich war, dann fragte sie sich hin und wieder immer noch, was geschehen wäre, wenn sie vor ein paar Jahren ja gesagt hätte, als Emrys sie in seinem Büro eingeladen hatte, sich dem dunklen Lord anzuschließen. Wer weiß, möglicherweise wäre alles ganz anders gekommen als es jetzt war. Wahrscheinlich nicht.

    "Vielleicht nimmst du dir erstmal eine Tasse Tee, damit du wieder gesund wirst. Wir müssen schließlich fit sein, wenn ich mein Adressbuch raushole und die Todesser hier dann auf der Matte stehen." Geraldine wollte nicht dem Gefühl nachgeben, sich rechtfertigen zu müssen, deshalb wandte sie sich lieber einem neuen Thema zu. "Als ich in Hogwarts war, hab ich übrigens nicht nur Unterricht gegeben, sondern ich hab auch Richard getroffen. Ihr wisst schon, Richard Emmerich, der mich damals für den Orden angeworben hat." In ihrer Welt war ihr alter Mentor eine Aurorenlegende, aber nicht jeder kannte den alten Mann. "Seit er in Hogwarts unterrichtet, ist er ja nur noch ein Kontakt vom Orden, aber nicht mehr so richtig dabei. Ich hab überlegt ob wir versuchen sollten, ihn zurück anzuwerben. Ich könnte mal mit ihm reden. Ist nur so ne Idee, aber ich bin mir sicher, dass er sich mit mir treffen würde, wenn ich ihn frage. Und als er mich in den Neunzigern zur Aurorin ausgebildet hat, war er einer der abgebrühtesten Zauberer, die ich jemals getroffen habe."

  • Mitfühlend verzog Haden die Züge als er die Finger der Hexe leicht drückte. "Sie haben keine Skrupel. Denk an Elias. Sie würden jeden von uns über die Klinge schicken, wenn sie die Chance dazu haben", sagte er und seine Brust zog sich bei dem Gedanken an seinen Ausbilder zusammen. Haden zweifelte nicht einen Moment, dass sein Großvater und all die anderen Geister seiner Vergangenheit erbarmen zeigen würden. Nein, er ahnte, dass der Name Greengrass nichts bedeuten würde, über ihn nicht mehr aussagte als Blutsverräter. Wie absurd es war. Er war nie wie sie gewesen, ganz gleich wie oft sie an ihm rumgezerrt, ihn schick gemacht hatten, damit er auf all diesen pompösen Bällen vorzeigbar gewesen war. Und vielleicht verband Geraldine und ihn diese Vergangenheit, dieser Teil ihrer Geschichte in der Familie und Freunde zu Feinden geworden waren. Nur hatte er schon lange mit ihnen gebrochen, verachtete nichts mehr, nichts weniger als die Wurzeln seiner Abstammung.

    "Ich denke-"

    "Hallo", drang es aus der Küche gefolgt von einem polternden Niesen und einem Mundwerk, dass ihm ein loses Grinsen stahl. Schritte knarzten auf den alten Dielen und kaum einen Moment später, da stand Virginia mit geröteter Nase im Türrahmen. „Du hast echt kein Händchen dafür, dir die richtigen Freunde auszusuchen, oder?“, entkam es ihr etwas spitz, ehe ihr Körper abermals von einem Niesen erschüttert wurde. Hadens Lippen verzogen. „Vielleicht können wir in Zukunft unsere Strategie, Todesser aufzudecken, so aufbauen, dass wir systematisch alle deine Kontakte durchgehen.“ Die Brauen des Zauberers rückten mahnend empor und ein seichtes Räuspern schlich sich aus seiner Kehle. Virginia lag nicht gänzlich falsch, vielleicht hatte sie sogar recht. Aber jemanden in die Ecke zu drängen, führte nur selten zu Erfolg, brachte einem meist nicht mehr ein als giftige Worte und eingeschnappte Mienen. "Sieht wohl so aus", presste Geraldine hervor und Haden sah still zwischen den beiden Frauen hin und her. Er war nicht irre.

    Mit dem Kinn deutete Virginia an sich neben ihn zu setzen. "Du bist krank?", sprach Haden das Offensichtliche aus als er das zerknautschte Taschentuch in ihren Fingern betrachtete. "Wieso bist du nicht zu mir gekommen?" Eine tiefe Falte fraß sich zwischen seine Brauen als er sich erhob und zu dem kupferfarbenen Servierwagen trat. Ein leises Seufzen entkam ihm als er das heiße Gebräu nun in eine weitere der Tassen schüttete, die seine Großmutter wohl in absolute Verzückung versetzt hätte. "Geraldine hat recht, hier", sagte er und reichte seiner besten Freundin den Tee. "Nachher kommst du mit zu mir. Ich kümmere mich drum", entkam es ihm in dem Tonfall den er auch hin und wieder bei besonders widerspenstigen Patienten im Mungo anschlug.

    "Und was Geraldines Bekanntschaften angeht", begann er und seine dunklen warmen Augen legten sich wieder auf die ältere Hexe. "Ich versteh, dass man es sich anders wünscht. Habe ich auch. Aber manche Menschen sind wie sie sind oder sie haben ihre Entscheidungen getroffen. Es bringt uns nichts zu hoffen, das hält uns nur auf." Er schwieg, Roger stieß ein sanftes Brummen aus. Und anders als sonst, da hing er nicht an Virginias Rockzipfel und klopfte mit seinem massigen Kopf gegen ihr Bein, um hinterm rechten Ohr gekrault zu werden. Nein, Rogers Augen lagen auf Geraldine, auf ihren klebrigen Fingern und der Tüte mit Hexencrackern, die er unbedingt wollte.

    Ein leises Seufzen entwich seinen Lippen als er sich mit der Hand über die müden Züge strich. Er ließ sich zurück auf das Sofa gleiten und als Geraldine sprach, glitt sein Blick zurück zu ihr. "Meinst du denn er ist vertrauenswürdig?", fragte er und seine Brauen hoben sich leicht. "Wieso hat er sich aus dem Orden zurückgezogen?" Für einen Moment schwieg er, sein Nacken fand zurück an die Lehne und seine dunklen Augen glitten über die hölzernen Verzierungen über ihren Köpfen. "Es wäre gut jemanden in Hogwarts zu haben, denke ich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die Schule vollkommen außen vor lassen", sagte er langsam und ließ den Schopf zur Seite fallen um Virginias Blick zu finden. "Was meinst du?"

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