Erdgeschoss - Hausflur

  • ┤the return of the ghost├

    07.02.25 |   Edgar C. Rooney



    Bereits zum dritten Mal tippte Virginia geistesabwesend mit ihrem Zauberstab an die Tasse, um ihren erneut kaltgewordenen Kaffee wieder zu erwärmen. Mit jedem Mal schien er etwas von seinem Geschmack zu verlieren, doch eine Gourmet war an ihr sowieso nicht verloren gegangen. Sie saß mit einem Bein angewinkelt auf einem der immer noch etwas modrig wirkenden Sessel, den sie aus dem Wohnzimmer in eine Ecke des Speisezimmers befördert hatte. Dort saß sie lieber als im Wohnzimmer mit seinen mottenzerfressenen Polstermöbeln und nach Doxiemist stinkenden Vorhängen – auch nach all den Jahren hielt sich etwas von dem penetranten Geruch. Oder aber er hatte sich so in ihr Gedächtnis eingeprägt, dass ihn ihr Gehirn ihr vorschwindelte.

    Auf der Sessellehne thronte ein massives Buch, das sie aufmerksam studierte, während sie sich immer wieder Notizen in einem kleinen Heft machte, welches etwas umständlich Platz auf ihrem Oberschenkel gefunden hatte. Ein Schreibtisch wäre ohne Frage praktischer gewesen – doch den großen Tisch in der Mitte des Raumes ignorierte sie.

    Das laute Ticken einer Uhr und das Knistern und Knacken des Kamins waren alles, was die andächtige Stille störte. Manchmal strich sie sich eine verirrte Strähne ihrer langen, dunklen Haare hinters Ohr. Manchmal nahm sie einen Schluck von ihrem Kaffee. Manchmal blätterte sie irritiert ein paar Seiten zurück und machte sich eine neue Notiz. Dies war nicht die Art von Arbeit, die sie normalerweise bevorzugte, war sie doch am liebsten unter Menschen, redete mit ihnen, verhandelte mit ihnen, schwirrte herum. Sie hatte das intrinsische Bedürfnis, stets beschäftigt zu sein. Stillstand fiel ihr schwer. Die wenigen Momenten, in denen sie zur Ruhe kam und es schaffte, ihren Geist nicht unablässig wandern zu lassen, waren Juwelen in sich – rar und kostbar.

    Das Geräusch, das aus dem Flur erklang, drang vorerst nicht an ihr Bewusstsein. Die Tür, die sich öffnete und schloss, die Schritte, dann eine weitere Tür, die ging. Erst als sie im Blickwinkel eine Bewegung wahrnahm, schreckte sie hoch und hätte dabei fast ihre Tasse umgeworfen. „Jesus fucking Christ“, entkam es ihr reflexhaft, noch bevor sie die Person überhaupt identifiziert hatte. Der gute Muggeleinfluss ihrer Mutter zeigte sich bei ihr vor allem beim Fluchen.

    Erst dann erkannte sie den Mann, der nun ins Speisezimmer des Grimmauldplatz eintrat und ihre Kinnlade klappte ihr für einen Moment buchstäblich herunter, bevor sie wieder Kontrolle über ihre Mimik erreichte. Edgar Cornelius Rooney. Jesus fucking Christ indeed. Wie lange hatte sie ihn nicht gesehen? Vier Jahre? Er war kurz vor ihr verschwunden. Nicht jedoch aus akuten Sicherheitsbedenken, sondern weil ihm irgendein verlockendes Jobangebot ins Ausland gezogen hatte. Virginia war erst wütend gewesen, dass er seine Karriere vor ihren Kampf gestellt hatte, hatte in einem Moment stiller Kontemplation allerdings ihren Frieden damit gefunden. Er hatte seine Arbeit schon immer geliebt. Es hätte sie nicht überraschen sollen. Enttäuscht war sie trotzdem.

    Der verlorene Sohn. Alas!“, grüßte sie ihn sarkastisch und mit gespielter Theatralik, und so als ob er lediglich ein paar Stunden zu spät zu einem Termin kam – und nicht als ob sie sich seit Jahren nicht gesehen hatten und ihr Kontakt zuletzt weniger als spärlich gewesen war. Ihr Blick fiel über sein Erscheinungsbild und für einen Moment konnte sie sich nicht entscheiden, welche der Emotionen, die in ihr aufgewühlt wurden, am stärksten war. Die Verärgerung darüber, dass er sich so wenig gemeldet hatte. Die Traurigkeit, dass sie sich so voneinander entfremdet hatten. Die Erleichterung, dass er noch am Leben war und alle Gliedmaßen besaß. Die leise Anspannung, die sich immer in ihr manifestierte, wenn sie in seiner Nähe war. Die Freude, ihren alten Freund wieder zu sehen?

    Letzteres, entschied sie, als sich ein breites Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. „Hättest dich ja auch mal ankündigen können“, meinte sie vorwurfsvoll und grinste dennoch unablässig, während sie sich aus ihrem Sessel erhob, um ihn zur Begrüßung in den Arm zu nehmen. „Schön dich zu sehen, Idiot.

  • Als Edgar zurück in die frische Luft des Abends trat - wobei frisch mehr als relativ war - gähnte er ausgiebig und streckte träge die Arme in die Höhe. Das Gespräch mit Huxley hatte sich wie erwartet in die Länge gezogen und sie hatten sich zu einem Follow-Up in ein paar Wochen verabredet, um dem Professor die Zeit für weitere Recherchen zu geben. Wenigstens hatte sein Hass für Whiskey ihn vor der Trunkenheit bewahrt, die langsam aber sich von Huxley Besitz ergriffen hatte. Edgar hatte lediglich lustlos an dem Glas genippt und es noch halbvoll stehen gelassen. Es war ein produktiver erster Tag zurück in England, doch noch konnte er sich nicht ins Bett fallen lassen. Denn um zu seinem Bett zu kommen, musste er sich erst noch einer möglichen Konfrontation stellen. Der Gedanke alleine bereitete ihm Bauchschmerzen. Vielleicht waren das aber nur die kleinen Schmetterlinge der Vorfreude.

    Edgar sah auf seinen großen Koffer hinunter und seufzte. Er sehnte sich danach, die Flügel auszubreiten und lautlos über die Stadt zu gleiten. Stattdessen setzte er sich in Bewegung und trat einen langen Marsch an. Verschwommen zogen die bekannten Straßen an ihm vorbei. Muggel gingen ihren abendlichen Beschäftigungen nach und beachtet ihn kaum. Seine Gedanken schwammen im Geräuschemeer der großen Stadt. Immer wieder driftete sie zu dem Arzt zurück, dem er in Huxleys Büro begegnet war, ein Mister Martini. Das Fazit war eindeutig: Er war ein schrecklich unangenehmer Typ. So ehrenwert sein Beruf auch war und so clever er am Ende geklungen hatte, das machte die fehlende Persönlichkeit nicht wieder wett. Auch die spindligen Finger und die Porzellanhaut heimten ihm keinerlei Sympathiepunkte ein. Edgar fragte sich was zu so einer Kälte im Herzen führte und ob es irgendetwas gab, dass ihm im Leben Freude bereiten konnte. Hatte so jemand Freunde und wenn ja, waren diese ebenso unangenehm? Was tat er, wenn er von einer langen Schicht nach Hause kam? Behielt er das gleiche Miesepetergesicht und starrte sich selbst im Spiegel an?

    Beinahe wäre Edgar auf der sinnlosen Suche nach Antworten über einen Mann, der ihn kein Stück interessierte, am Grimmauldplatz 12 vorbei gelaufen. So blieb er abrupt stehen, lächelte kurz in sich hinein und verschwand dann im Inneren. Wie vertraut ihm all das noch war und wie sehr es sich schon hier nach nach Hause kommen anfühlte. Edgar bewegte sich bedächtig, als wolle er die schlafenden Erinnerungen nicht zu unsanft wecken. Er hängte die Mantel an einen Ständer neben der Tür, strich mit den Fingern liebevoll über die dunklen Möbel und ließ seinen Koffer unbedacht im Flur stehen. Dann lauschte er. Eigentlich war immer jemand hier und es war zu früh, als dass sie schon ins Bett gegangen sein könnten.

    Ein leises Rascheln drang aus dem Wohnzimmer und Edgar ging vorsichtig auf die Tür zu. Er fürchtete, dass jemand wie Kowalski ihm vor Schreck gleich einen Fluch an den Hals hetzen würde, wenn er nicht aufpasste. Also schob er die Tür langsam auf und bewegte sich noch langsamer ins Innere. Offensichtlich trug diese Strategie keine Früchte. Auf dem Sofa saß Virginia MacGuffin und zuckte heftig zusammen, als er in ihrem Blickfeld auftauchte. "Nicht ganz.", erwiderte er auf ihren Fluch und grinste sie breit an. "Aber nah dran."

    Zögernd machte er zwei weitere Schritte in den Raum. Er versuchte ihren Ausdruck zu lesen und zu erkennen, ob ihn eine Faust oder eine Umarmung erwartete. So ganz schien sie es aber selbst nicht zu wissen. Ihr sarkastischer Kommentar konnte nicht das zucken ihrer Gesichtsmuskeln verbergen. Während Edgar es schaffte, dass sein Grinsen stabil aussah, ging es ihm dabei nicht so anders als ihr. Er fühlte sich schuldig und schämte sich dafür, dass er den Kontakt so hatte schweifen lassen. Doch er wollte auch vor Freude explodieren und sie ganz fest an sich drücken. Und dann war da noch das Andere. Virginia war in den letzten vier Jahren nicht weniger attraktiv geworden.

    Dann endlich spiegelte sie seine Freude und stand auf. "Wieso? Hättest du dich dann extra für mich zurecht gemacht?" Er zog sie fest an seine Brust und schlang beide Arme um ihren Rücken. Der Geruch ihrer Haare trat ihm in die Nase und seine Augen begannen zu brennen. Er war wieder zu Hause. "Hab dich vermisst, Zicke."

  • Sie wollte mit den Augen rollen, doch ihre Mimik hatte inzwischen wirklich keinen Raum für weitere Emotionen mehr. Hätte sie ihn nicht gekannt, wäre ihr dieser Kommentar überraschend vorgekommen von einem Mann, der so professionell aussah. Das Jungenhafte, das sie noch an ihm kennengelernt hatte, war einem – auf den ersten Blick – seriösem Äußeren gewichen, doch auch wenn Virginia durchaus bewusst war, dass Edgar so etwas wie eine Koryphäe auf seinem Gebiet war, strahlte er auf sie nie die Autorität aus wie er es vielleicht bei den jungen Leuten tat, die er ausbildete. Für sie war er immer noch der neugierige, etwas zu selbstsichere Mann, der genauso gut einen blöden Witz machen wie hitzig diskutieren konnte. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte sie jedes der Tattoos gekannt, die sich unter seiner adretten Kleidung verbargen. Es mussten etliche hinzugekommen sein. Zu lange war es her. Und für sie war er immer noch derjenige, der einfach abgehauen war, der sich monatelang nicht meldete und der ihr das Herz gebrochen hatte.

    Aber in diesem Moment schob sie all das in den Hintergrund. Auch das war zu lange her. Ihr Grinsen war wie angetackert, auch wenn seine nächsten Worte ihre Brauen tadelnd in die Höhe beförderten. „Das hättest du wohl gerne“, erwiderte sie. Es war lange her, doch dadurch dass ihre abrupte Trennung nicht geendet hatte, weil einer von ihnen unglücklich in der Beziehung gewesen war, weil sie sie sich zu heftig gestritten hatten (zumindest hatten sie sich immer wieder vertragen) oder weil irgendetwas anderes zwischen sie gekommen war (zumindest nichts Reales), schien auch nach all den Jahren immer noch etwas in der Luft zu hängen. Vielleicht bildete sie es sich auch ein. Vielleicht war es einfach nur die vertraute Nähe einer Person, die man lange kannte. „Dann hätte ich noch länger drüber nachdenken können, welche Sprüche richtig ziehen, um dir ein absolut schlechtes Gewissen zu machen“, fügte sie dann noch hinzu, doch ihre grünen Augen verrieten längst, wie sehr sie sich über seine Rückkehr freute.

    Virginia merkte sein anfängliches Zögern und frohlockte innerlich. Seinen Respekt vor ihr hatte er nicht verloren. Doch es war schnell offensichtlich, dass sie lieber ihre Arme um ihn schlang als ihn mit Ablehnung zu strafen. Sie vergrub ihr Gesicht an seinem Hals und für einen Moment lang fiel ein Stück von der Anspannung, die sie die letzten Monate begleitet hatte, die Sorgen und Gedanken, die Fragen und Überlegungen – sie fielen von ihr ab und betteten sich in die vertraute Umarmung. „Ich hoffe, dass du das hast“, kam es dumpf aber bestimmt aus der Umarmung heraus und dann lachte sie. „Ich dich auch“, gab sie dann immer noch leicht lachend zurück.

    Vorsichtig löste sie sich und suchte seinen Blick. Ihre Gedanken flogen zu Braelyn und sie musste daran denken, wie unangenehm es für sie sein würde, wenn sie ihr erzählte, dass Edgar zurück war – wenn er es denn war? „Bist du zurück zurück? Oder ist dir nur der spontane Einfall gekommen, dass du uns mal wieder einen Besuch abstatten könntest?“, fragte sie vorwurfsvoll und hoffnungsvoll zugleich, als sei sie seine Ehefrau, die er mit 13 Kindern, sieben Katzen und vier Hunden hatte sitzenlassen. Virginia wusste, dass Braelyn sie in Verdacht gehabt hatte, wegen Edgar mit ihr Schluss gemacht zu haben. Fälschlicherweise wohlgemerkt. Auch das: viel zu lange her. Doch die Zeit hatte eine merkwürdige Eigenschaft an sich, zu ihr aufzuholen. Nicht dass Virginia davon ausging, dass noch einmal irgendetwas zwischen Edgar und ihr passieren würde. Sie hatten schon vor Jahren darüber gesprochen, dass sie als Freund*innen besser funktionierten – oder zumindest, dass alles andere nicht drin war. Schließlich glaubte er immer noch an diesen Fluch mit dem Spiegel. Virginia war sich sicher, dass er wirklich daran glaubte. Dass sie nach wie vor skeptisch war, hatte sich nicht geändert. Doch auch das war zu lange her, als dass es wieder aufgekocht gehörte.

    Hast du Zeit mitgebracht, dass wir uns richtig unterhalten können oder verschwindest du gleich wieder für unbestimmte Zeit?“, setzte sie dann noch eine weitere Frage hinterher. Er musste wohl oder übel in Kauf nehmen, sich noch für eine Weile solche Sprüche anzuhören. Zu viel Zeit vergangen, als das ihr Ärger noch heiß war – er schwelte vor sich hin und wartete darauf mit einem Gnadenstoß kühler Apologetik ausgelöscht zu werden. Sie wollte wirklich wissen, wie es ihm ging, was er getrieben hatte, was er nun vorhatte zu tun. In vier Jahren konnte viel passieren.

  • Er hatte sie vermisst. Er hatte all das hier vermisst; dieses Haus und die Menschen darin, bei denen man sich sicher sein konnte, dass sie auf derselben Seite standen. Es war eine Gruppe, in der man ganz man selbst sein durfte, ohne sich über Reaktionen oder Konsequenzen Sorgen zu müssen. Gleichzeitig zogen sie einander auch zur Verantwortung und machten sich gegenseitig zu besseren Menschen. Edgar liebte Finnland und war in seinem Projekt ganz und gar aufgegangen, doch so etwas hatte er dort nicht gehabt. Der Orden war seine kleine Familie und es tat gut endlich zu wissen, dass sie ihn nicht vergessen hatten. Sicherlich würde es einige Zeit dauern, bis er wieder richtig drin war und auch die neuen Mitglieder kennen gelernt hatte, aber schon jetzt begann sich das heimatliche Gefühl einzustellen.

    Doch von all den Menschen, die im Grimmauldplatz ein- und ausgingen, hatte er sich am meisten nach einem Wiedersehen mit Virginia gesehnt. Jetzt wo er sie so ansah zerrte die Erleichterung darüber, wieder in ihrer Nähe zu sein, schmerzhaft an seiner Brust. Sie waren beide älter geworden in den letzten fünf Jahren. Er hatte die Vierzig überschritten und sie war nicht weit davon entfernt. Längst waren sie nicht mehr die Jungspunde von damals, doch Edgar konnte den rebellischen Wirbelwind noch immer in ihr erkennen. Sie war weniger edgy aber nicht weniger auffällig. Damals hatte er sie ernsthaft heiraten wollen. Noch immer glaubte er, dass es so gekommen wären, wäre da nicht der Spiegel gewesen. Jetzt liebte er sie noch immer. Nur anders. Mehr wie eine Schwester. Nein, definitiv nicht wie eine Schwester. Wie eine beste Freundin, die viel zu scharf war und von der man trotzdem unbedingt die Finger lassen musste.

    "Ah, ja, natürlich." Edgar nickte verständnisvoll ehe seine Mundwinkel asymmetrisch wieder in die Höhe wanderten. "Du warst noch nicht sonderlich schlagfertig. Entschuldige, dass ich dir die Vorbereitungsphase abgesprochen habe."

    Edgar wollte sie nicht wieder loslassen. Erst jetzt merkte er, wie wenig Nähe er in den letzten Monaten erfahren hatte. Ab und zu hatte er zwar jemanden in Finnland kennen gelernt, doch die letzte Begegnung dieser Art war schon lange her. Mit seinen Freunden dort gab es eher Händeschüttteln und Schulterklopfen als enge Umarmungen und Zärtlichkeit. Es tat so gut, sich einfach für den Moment in die Freundschaft fallen zu lassen. Etwas in seiner Brust wurde weicher und wärmer. Seine Schultern senkten sich. Er hatte nicht gespürt, wie angespannt er gewesen war.

    Ewig konnte die Umarmung jedoch nicht anhalten und schließlich lösten sie sich wieder voneinander. Ihr Geruch blieb in seiner Nase hängen. Aus feuchten Augen blinzelte er sie an. Die Tränen waren unbemerkt über seine Wangen gerollt. Nun wischte er sie mit dem Handrücken weg. "Ich bin zurück zurück.", bestätigte er. "Wir haben die Ausgrabung offiziell als abgeschlossen erklärt. Es gibt noch einige umliegende Stellen, die man sich in der Zukunft noch einmal vornehmen sollte, aber dafür brauchen wir neue Genehmigungen und es wird dafür ein ganz neues Team zusammengestellt, denke ich. Sie haben mir die Leitung erneut angeboten, wenn es soweit ist, aber ich glaube, ich bleib eine Zeit hier."

    Mit diesen Worten ließ er sich dann auch auf das Sofa plumpsen, von dem Virginia eben aufgestanden war und beantwortete so auch ihre zweite Frage. "Für dich, liebste Gigi, habe ich endlos Zeit." Er grinste ihr entgegen und klopfte auf den Sitz neben sich. Sie konnten sich vielleicht nicht die ganze Nacht umarmen, aber sie konnten sich nahe sein. "Ich bleib heute Nacht hier, denke ich. Möchte morgen den Zug nach Sommerset nehmen." Bis dahin konnten sie eine Flasche Wein aus dem Küchenschrank klauen, beieinander Sitzen und sich all die Geschichten erzählen, die sie im Leben des Anderen verpasst hatten.

  • Es tat so gut dieses vertraute Gesicht zu sehen und zu wissen, dass es ihm gut ging. Sie hatten zu viele Verluste erlitten. Immer häufiger verschwanden Menschen. Erst vor ein paar Wochen hatte es wieder einen Anschlag auf ein Geschäft gegeben. Menschen starben. Einfach so. Weil sie sich auf die gute Seite gestellt hatten – oder weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren. Virginia war nicht wirklich davon ausgegangen, dass Edgar etwas zugestoßen war. Doch die Gewissheit, ihn nun wohlbehalten und mit offensichtlich noch vollständig intakten Gliedmaßen in den Arm zu nehmen, beruhigte ihr konstant besorgtes Gemüt. Ein kleiner Teil von ihr war vielleicht sogar dankbar dafür, dass er die letzten Jahre in Sicherheit gewesen war – auch wenn ein viel größerer dagegen anprotestierte, dass es nicht fair war, sie einfach zurückzulassen.

    Virginia lachte nur auf seine Erwiderung. Dieser Moment raubte ihr in der Tat einiges an Schlagfertigkeit. Dabei war dies eigentlich ihr modus operandi im Austausch im Edgar. Sie hatte sich schon immer gerne die Wörter um die Köpfe gehauen. Nie aus Boshaftigkeit. Aus reinem Spaß an der Gewitztheit des Anderen. Es hatte immer viel zu der Spannung beigetragen, die zwischen ihnen herrschte.

    Ein breites, herzliches Lächeln spannte sich über ihre Lippen, als sich die Umarmung zögerlich auflöste und sie seinen Blick auffing. Sie strich mit ihren Zeigerfinger sanft über seine Wange, um die Träne aufzufangen, die sich dort ihren Weg entlang seiner Haut bahnte. Kurz verfing sich ihr Blick in seinen Augen und Wehmut zupfte an ihrer Brust. Dann wandte sie den Blick ab und ließ ein weiteres Lachen erklingen, um wieder etwas emotionale Distanz aufzubauen.

    Virginia ließ sich neben ihm nieder und lauschte seiner Ausführung. Freude und Erleichterung gaben sich die Hand, als Edgar offenbarte, seine Zelte wieder in Großbritannien aufzuschlagen. „Dann hoffe ich mal, dass wir dich davon überzeugen können, auch wirklich länger hierzubleiben“, erwiderte sie und setzte dann ernsthaft hinterher: „Wir brauchen dich. Hier.

    Ein schiefes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus, während sie ihn erneut mit einem Augenrollen strafte. „Das wäre mir neu, dass du endlos Zeit für mich hättest“, gab sie herausfordernd zurück. Ein weiteres Lachen. „Ach so?“, hakte sie gespielt überrascht nach. „Dich vier Jahre nicht blicken lassen, aber dann direkt die Nacht mit mir verbringen wollen. Du alter Schwerenöter.“ Natürlich hatte er das nicht so gesagt und natürlich noch viel weniger so gemeint – davon ging sie jedenfalls nach wie vor aus. Doch sie konnte es nicht lassen. Das vermeintlich harmlose Flirten ergab sich wie automatisch in seiner Nähe.

    Nein, wirklich“, sie überschlug die Beine und das Scherzhafte in ihren Augen wich ehrlicher Zuwendung, „es ist gut, dass du wieder hier bist. Es ist so viel passiert, seitdem du gegangen bist.“ Es war wirklich viel passiert. Sie war über ein Jahr mit Haden in den USA gewesen. Elias war ermordet worden. Die Gesetze schnürten ihnen mehr und mehr die Luft zum Atmen ab. Die Todesser trieben ungenierter wie eh und je ihr Unwesen. Sie hatte jemanden kennengelernt – oder wieder getroffen – die sich als so viel mehr als nur eine belanglose Liebschaft herausstellte. Es war alles so viel komplizierter geworden.

  • "Du redest ja als würde ich alle zwei Wochen untertauchen." Er stupste sie mit der Schulter an und schüttelte empört den Kopf. Edgar war ein Freund von Stabilität. Seine Pläne waren in der Regel langfristig und weit im Voraus gemacht. Das bedeutete aber auch, dass er, wenn er verschwand, lange weg war. Fünf Jahre in Finnland. Davor sieben Jahre in England. Davor 5 Jahre Lettland. Und davor 7 Jahre Schottland. Wenn er dem Muster weiter folgte, würde er erst im Jahr 2032 wieder abreisen müssen. Solange würde es auch mindestens dauern, bis er seine Abhandlung fertig geschrieben hatte. Gigi brauchte sich also wirklich keine Sorgen darüber machen.

    Vorwerfen konnte er es ihr aber nicht. Er hätte besseren Kontakt halten sollen. Mit ihr aber auch mit dem Orden. Edgar hatte nicht verstanden, wie schlimm es hier geworden war. Doch er würde es wieder gut machen. Er war bereit wieder an ihrer Seite zu kämpfen und dieses Land vor diesen ganzen verblendeten Fanatikern zu schützen. "Ich weiß.", sagte er und darin lag bereits das versprechen. "Ich bin hier." Er war für immer ein Teil des Ordens. Er hatte vor vielen Jahren eine Entscheidung treffen müssen und es war vielleicht die falsche gewesen, aber aufgeben hatte er den Orden nie.

    "Also endlos mit Abzug meiner Arbeit und meinen Liebhabern und dem Erhalt meiner Burg - das fordert erstaunlich viel Zeit, wenn man 17 Schlafzimmer hat - und meiner Ordensarbeit, für dich ich so gebraucht werde. Schlafen muss ich manchmal noch und essen. Das ein oder andere Bad könnte mir sicher nicht schaden." Er überlegte kurz indem er den Finger an sein Kinn tippte. "Der Rest gehört ganz allein dir." Zumindest konnte sie all die Zeit haben, die seine Eltern zweifelsohne beanspruchen würden.

    "Ha, ich wünschte ich könnte mit dir die Nacht verbringen. Direkt hier auf dem Sofa." Er lachte obwohl es die Wahrheit war. Das wussten sie beide und sie wussten auch beide, dass es niemals wieder dazu kommen würde. Edgar sah auf den Stoff neben sich und fragte: "Meinst du irgendwer hat es hier schon mal getrieben? Kai und ihre Freundin vielleicht - wie hieß sie noch gleich? Ceene?" Zumindest am Anfang hatte Edgar noch regelmäßig Briefe mit der Polin geschrieben und sie hatte ihn über die Geschehnisse im Orden auf dem Laufenden gehalten. Ceene war kurz nach seiner Abreise dem Orden beigetreten. Einige Monate später war auch dieser Kontakt im Sand verlaufen. "Was ist aus denen geworden? Sind sie noch dabei? Noch zusammen?" Kai schien mit ihr sehr glücklich gewesen zu sein. Hoffentlich war es gut gelaufen. Hoffentlich waren sie beide okay. Bei dem Orden wusste man nie.

    Edgar nickte entschieden und zog seinen Zauberstab hervor. "Dann wird es wohl höchste Zeit, dass du mir alles erzählst, Sweetheart." Er schlenkerte ein wenig damit herum, murmelte ein paar Wörter und schon kamen eine Flasche Rotwein und zwei Gläser herein geschwebt. Edgar zog den Korken mit den Zähnen heraus und schenkte erst Virginia und dann sich selbst ein. "Also, was gibt es Neues? Hier und vor allem bei dir?"

  • Virginia warf ihm einen langen, wenig überzeugten Blick zu. Es war nicht so, dass er per se unzuverlässig war oder nie lange blieb, es war eher die Länge seiner Abwesenheit, die sie kritisierte. „Wer weiß, vielleicht lockt dich die nächste einmalige Ausgrabungsoption in ein paar Monaten an und dann bist du wieder für ein paar Jahre verschwunden.“ Eigentlich war es schön, dass er so viel Freude an seiner Arbeit fand und das wollte sie ihm auch niemals nehmen. Sie hatte schon immer Menschen beneidet, die sich in komplexe Sachzusammenhänge vertiefen konnten und stundenlang über Auszeichnungen brüteten, und die eine Begeisterung für Präzision und Verborgenes aufbringen konnten. Sie hatte zu wenig Geduld und ihre Interessen wurzelten eher flach als tief. Vielleicht hatte sie sich deshalb auch schon immer zu Menschen hingezogen gefühlt, die ihr diese Neigung voraushatten.

    Die Skepsis in ihrem Ausdruck wich langsam wieder einem Lächeln, als er beteuerte, da zu sein. „Gut“, entgegnete sie besänftigt und ihr Lächeln wurde breiter. Virginia lehnte sich zurück und hob amüsiert ihre linke Augenbraue, als er seine Verpflichtungen aufzählte. „Ich muss mich wohl geradezu geehrt fühlen, wenn du als wichtiger Prof. Dr. Großgrundbesitzer-Casanova noch alle paar Wochen ein paar Stunden für mich findest“, kommentierte sie. „Hat man als Burgbesitzer“, sie zog das Wort in die Länge, um sich etwas darüber lustig zu machen, „nicht Bedienstete oder so was, die sich um so etwas kümmern?“, zog sie ihn auf und grinste. Virginia hatte an sich nichts gegen wohlhabende Leute. Sie selbst nagte auch nicht gerade am Hungertuch. Sie hatte nur etwas gegen wohlhabende Leute, wenn diese ihr Geld und Eigentum nicht als Verantwortung verstanden und von denen gab es leider viel zu viele.

    Natürlich wusste sie, dass Edgar nicht den Lifestyle lebte, den man sich vorstellte, wenn man erfuhr, dass er in einer Burg hauste. Sie fand es trotzdem angemessen, sich darüber von Zeit zu Zeit zu mokieren.

    Virginia unterdrückte ein Grinsen, fixierte seine Augen und erwiderte auf seine nächste Bemerkung: „Natürlich würdest du das.“ Doch dann senkte sie ihren Blick. Sie wussten beide, das in dem Spaß vielleicht mehr Wahrheit steckte, als sie sich eingestehen wollten. „Das Sofa wäre mir aber persönlich bisschen zu schmal. Ich bin inzwischen in einem Alter, wo ich mindestens ein Queen Size Bett bevorzuge“, versuchte sie den Scherz wieder aufzunehmen, um die Stimmung aufzulockern. Ganz lassen konnte sie es irgendwie auch nicht. Sie nickte knapp auf seine Frage nach Ceenes Namen. Ihr Blick glitt von ihrem Schoß auf die Polsterung des Sofas und sie setzte eine skeptische Miene auf. „Ich weiß nicht? Ich will’s vielleicht auch gar nicht wissen.“ Sie lachte und sah dann wieder hoch. „Es gab eigentlich bisher kein anderes Paar im Orden oder?“, bemerkte sie dann. „Aber würde mich schon interessieren, ob’s mal ein paar, geheime Affären gab, von denen ich nichts mitbekommen habe.“ Ihr Gedanken trieben zurück zu Kai und Ceene. „Die beiden sind jedenfalls leider auch nicht mehr zusammen. Haben sich irgendwann getrennt. Ist schon länger her“, beantwortete sie dann seine Frage mit einem traurigen Lächeln. Er war wirklich lange nicht mehr da gewesen. „Aber es gibt sie beide noch“, fügte sie dann schnaufend hinzu. Auch das war nicht mehr selbstverständlich. Es gab eine Menge, die er besser früher als später erfahren sollte, bevor er auf die anderen traf.

    Wie praktisch, dass ich für dich natürlich auch immer Zeit habe“, entgegnete sie grinsend und verstaute dann das Buch, über welchem sie zuvor gesessen hatte inklusive ihrer Notizen. Das konnte sie getrost auch am nächsten Tag erledigen. Sie nahm dankend das Weinglas an und zog dann ihre Beine aufs Sofa, um es sich bequemer zu machen.

    Also, wo soll ich anfangen?“ Ein Seufzen. Und dann begann sie, ihm grob die Dinge zu umreißen, die er verpasst hatte. Davon, wie sich ihre Reihen immer mehr ausdünnten, da es immer gefährlicher wurde, vor allem für diejenigen, die im Ministerium arbeiteten, davon wie das Kommando Sicherheit immer mehr Befugnisse erhalten hatte, von den neuen Werwolfgesetzen und Risikonachweisen, von Elias Tod, von Russland, vom Merlin Festival, dem Vorfall in der Winkelgasse, von ihren Neuzugängen und ihren Versuchen, mehr Unterstützung zu erhalten. „Es ist ein Trauerspiel. Es würde mich nicht wundern, wenn Voldemort bald das ganze Ministerium in der Hand hat.“ Virginia nahm frustriert einen großen Schluck aus ihrem Glas. „Und bei mir“, wiederholte sie dann den zweiten Teil seiner Frage. Sie zuckte mit den Schultern. „Du weißt ja, dass ich auch länger weg war. Und seitdem ich wieder zurück bin, herrscht in meinem Leben eigentlich dasselbe geregelte Chaos wie zuvor“, meinte sie. „Wobei“, wand sie dann ein und zögerte zum ersten Mal, seitdem sie zu erzählen begonnen hatte. „Ich habe jemanden kennen gelernt, beziehungsweise wieder getroffen“, erzählte sie kryptisch und griff dann nach der Weinflasche, um sich nachzuschenken.

  • Virginia brauchte sich keine Sorgen machen. Schließlich grub er nicht nur aus Spaß in der Erde herum, sondern hoffte, damit wichtige wissenschaftliche Durchbrüche zu erzielen. Dies geschahen nur selten noch vor Ort, sondern eher in den Laboren und Bibliotheken. Das waren für die vorhersehbare Zukunft seine einzigen Reiseziele - einmal abgesehen von jenen Orten, an die der Orden sie schickte. Er hatte von ihrem kleinen Abstecher nach Russland im letzten Jahr gehört. Außerdem hatte Virginia überhaupt gut Reden. "Bist du nicht selbst mehrere Jahre weg gewesen?" Edgar überkreuzte die Arme und hob eine Augenbraue. Er ließ alles wie einen Spaß wirken, wie zwei Geschwister, die sich nur zankten, weil sie nichts besseres zu tun hatten. Innerlich fürchtete er aber, dass Virginia es ihm ernsthaft übel nahm, dass er so lange für Ausgrabungen verschwand. Es wäre ihr gutes Recht. Schließlich hatte er jederzeit die Möglichkeit während eines Wochenendes nach England zu reisen. Mit einem Portschlüssel war das kaum ein Aufwand. Er hatte wenig Zeit, aber er hatte nicht keine Zeit.

    "Du überschätzt mein monatliches Einkommen um einige Galleonen.", winkte er ab. Allein der Gedanke daran, sich Angestellte ins eigene Haus zu holen, stellte ihm die Haare zu Berge. "Außerdem wäre es etwas umständlich zu erklären, warum in meiner Mittagspause immer eine Fledermaus unter der Decke ein Nickerchen macht." Edgar hatte zu viele Geheimnisse. Das letzte was er brauchte war, sich auch noch in Hart's Hearth verstecken zu müssen. "Wenn das alte Ding überhaupt noch steht." Nach so vielen Jahren, war er auf alles vorbereitet. Es würde ihn nicht überraschen, wenn es inzwischen zu Staub zerfallen war. Dabei hatte es bereits drei Jahrhunderte leer gestanden, bevor es in seinen Besitz übergangen war. Wahrscheinlich würde es noch die nächste Eiszeit überstehen. Die Burg war widerspenstiger als der ganze Orden zusammen.

    Fast so widerspenstig, wie die Spannung zwischen ihnen beiden, die niemals ganz verschwinden wollte. Es war inzwischen ein Scherz zwischen alten Freunden, doch Edgar wusste auch, dass er, wenn Virginia es ernsthaft darauf anlegen würde, vermutlich nicht lange hadern würde. "Du brauchst nicht unser Alter als Ausrede nehmen dafür, dass du langweilig bist.", gab er mit einem breiten Grinsen zurück. "Mir würde hier das eine oder andere Plätzchen einfallen, was sich anbieten würde. Aber für dich geb ich mich auch mit einem Bett zufrieden." Edgar presste die Lippen zusammen und ein schmerzhafter Ausdrück zog über sein Gesicht. Er war sich seiner eigener Plumpheit bewusst. Manchmal konnte er richtig suave sein. Manchmal klang er wie ein Fünfzehnjähriger, der noch nie mit einer Frau gesprochen hatte.

    "Sag du's mir." Sie schwangen von ihrer eigenen komplizierten Beziehung zu den Anderen um. Es war deutlich leichter, sich in Gossip über andere zu verlieren, doch ganz war Edgar mit Gigi noch nicht fertig. "Ich dachte vielleicht wäre inzwischen mal was zwischen dir und Haden passiert." Der Zauberer hatte schon früher an ihrem Rockzipfel gehangen und je älter sie wurden, desto weniger spielte der Altersunterschied eine Rolle. "Dass Alistair noch keine Freundin mit nach Hause gebracht hat, wundert mich aber am meisten. Der ist doch ein richtiger Catch."

    Edgar fragte sich, was zwischen Kai und Ceene vorgefallen war. Es schien eine ernsthafte Beziehung gewesen zu sein, mit Zukunftsplänen. Er wusste, dass Kai einen Bauernhof kaufen und Kinder haben wollte. Dass so etwas so schnell zerbrechen konnte, machte Edgar traurig. Andere Menschen hatten die Möglichkeit ihr Leben mit anderen zu teilen und setzten es so regelmäßig in den Sand. Ob er es besser machen konnte, wusste er nicht. Doch er würde alles dafür geben.

    "Dann werde ich wohl die beiden ausfragen müssen." Es tat so gut, wieder hier zu sein. Sie redeten über ihre Freunde, als ob er nie weg gewesen wäre. In Virginias Nähe fiel der Stress und die Sorge einfach von ihm ab. Er konnte tief durchatmen und sich fallen lassen. Hier war Edgar ganz er selbst.

    Es dauerte nicht lang, bis das unvermeidliche Thema aufkam und die Realität sie wieder einholte. Edgar nickte nur bedrückt und wissend. Dann griff auch er zum Wein, bevor die Stimmung ganz in den Keller rutschen konnte. "So lange, wie Dippet schon die Gelegenheit hatte, ihre Hampelmänner einzusetzen, können wir fast davon ausgehen." Als er damals gegangen war, hatte Edgar noch die Hoffnung gehabt, dass sie sich nicht lange halten würde und das es innerhalb des Ministeriums zu Widerspruch kommen würde. Es war naiv gewesen. Sie hatte es geschafft, Gesetze und öffentlichen Diskurs nach ihren Wünschen zu verändern.

    Dann schwenkte Virginia auf ihr eigenes Leben um. Für Politik blieb auch später noch Zeit. Erst einmal wollte Edgar hören, wie es seiner Freundin ging. Etwas zupfte an seinen Mundwinkeln. "Ach?", fragte er neugierig nach. "Verrätst du mir, mit welcher mysteriösen Person ich ab jetzt konkurrieren muss?"

  • Sie nickte, auch wenn sie ihm zu verstehen gab, dass das ein schiefer Vergleich war. „Schon, aber das hatte ganz andere Gründe als bei dir“, meinte sie belehrend. Sie hatte für eine Weile untertauchen wollen, hatte Angst gehabt, zu viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben, hatte außerdem im Ausland Arbeit für den Orden erledigt.

    Virginia schmunzelte und tat gespielt mitleidig. „Was eine Bürde das dann sein muss… mit den 17 Zimmern und allem“, zog sie ihn weiter auf. Ihr war bewusst, dass er nicht in Galleonen schwamm. Doch sie konnte es sich nicht nehmen, auch hier da letzte Wort zu haben – oder es zumindest zu versuchen.

    Langweilig?“, erwiderte sie ernsthaft empört und wägte kurz ab, ob sie dem kindischen Impuls nachgeben sollte, ihm zu erzählen wie unlangweilig sie vor Kurzem mit dem Boden und ihrem Duellierkollegen vorliebgenommen hatte. Quasi mitten im SPHINX, wo sie theoretisch jeden Moment einer ihrer Mitmentor:innen hätte entdecken können. Doch sie hielt sich zurück. Auch wenn ihr Bedürfnis, ihm zu demonstrieren, wie aufregend ihr Liebesleben sein konnte, peinlich groß war. Sie war fast 40. Sie sollte sich langsam mal an etwas Würde versuchen. Ein ganz und gar nicht würdevolles Lachen entwich ihrem Mund, als er fortfuhr und sich dann vor sich selbst zu schämen schien. „Wirklich großzügig von dir“, meinte sie gönnerhaft und verkniff sich dann die Frage, welche Plätze ihm vorschwebten. Sie sollte kein neues Öl ins Feuer gießen. Es war das erste Mal seit Jahren, dass sie sich persönlich sahen, doch die alten Muster hielten sich hartnäckig. Das leise Knistern blieb. Vielleicht würde es nie ganz weggehen, weil sie die Frage was wäre wenn wahrscheinlich nie würden auflösen können.

    Virginia schnaufte belustigt auf und warf ihm einen zweifelnden Blick zu. „Wirklich?“, fragte sie neugierig. Haden war lange viel zu jung gewesen, als dass sich ihr so ein Gedanke jemals aufgedrängt hätte und nun da Alter keine entscheidende Rolle mehr spielte, war ihre Beziehung so gefestigt, dass ihr die Idee irgendwie absurd vorkam. „Nee“, tat sie diese Spekulation deshalb bestimmt ab. „Haden sollte sich lieber jemand Vernünftiges suchen. Nicht so eine verkorkste, alte Frau wie mich“, scherzte sie, wobei sie nicht leugnen konnte, dass etwas in ihr darauf hoffte, er würde ihr daraufhin widersprechen. Nicht in dem Sinne, dass er sie ermunterte, etwas mit Haden anzufangen, sondern ihr bestätigte, ebenfalls nach wie vor ein Catch zu sein. Einfach generell.

    Meinst du, wir sollten ihn mal verkuppeln?“, fragte sie grinsend und legte ihren Kopf schief. Es wäre eine weitaus harmlosere Mission, als was sie sonst für den Orden erledigte. Sie sehnte sich nach einer Zeit, in der sich die Last der Realität nicht so atemraubend auf sie drückte. Ihr Grinsen verebbte zu einem wehmütigen Lächeln. Für einen Moment hatte es sich so angefühlt, als wäre er nie weg gewesen, doch als sie anfing, die Erlebnisse der letzten Jahre aufzuzählen, verschwand diese Einbildung. Sie zuckte mit den Schultern, ertränkte den Weltschmerz in mehr Wein, der ihr immerhin eine gewisse Leichtigkeit verpasste.

    Ja, es wird immer schwieriger die Spreu vom Weizen zu trennen. Glaube, nicht alle Ministeriumsangestellten sind gebrainwashed, aber wenn sie noch gerade denken können, dann haben sie Angst“, stellte sie seufzend fest. Ein weiterer Schluck.

    Virginia spürte, wie sich ein Schmunzeln auf ihre Lippen schlich und sie ärgerte sich über die Verlegenheit, die sich nun über sie stülpte. Es war alles so furchtbar kompliziert. Es war das erste Mal seit sehr, sehr langer Zeit, dass sie sich wieder so fühlte. Aufgeregt, unsicher, euphorisch und dann wieder voller unsinniger Angst. Sie legte ihren Kopf in den Nacken.

    Sie wird sich bestimmt total freuen, mit dir konkurrieren zu müssen“, meinte sie dann amüsiert sarkastisch, um von den schwierigen Gefühlen abzulenken. Es war merkwürdig, mit Edgar darüber zu reden. Nicht weil sie sich nicht auch schon in der Vergangenheit über Ähnliches unterhalten hatten, aber weil es nie eine Situation gegeben hatte, die ihr ernst vorgekommen war. Bei ihm sowieso nicht. Aber bei ihr ehrlich gesagt auch nicht. Nach ihrer Trennung hatte sie lange Zeit gar keine Beziehung mehr eingehen wollen, bis sie irgendwann das Gefühl eingeholt hatte, dass sie es auch gar nicht mehr konnte.

    Vielleicht kennst du sie noch… also nicht persönlich – wobei, keine Ahnung, vielleicht habt ihr euch auch mal kennengelernt? – aber ich meinte von Erzählungen. Braelyn, Braelyn Fenwick“, spezifierte sie. „Wir waren zusammen, bevor“, sie zögerte kurz, „wir dann zusammengekommen sind.“ Virginia musterte seinen Ausdruck. „Meine erste große Liebe“, ergänzte sie melodramatisch und seufzte dann erneut resigniert. „Aber keine Ahnung, was das zwischen uns ist. Ich glaube, ich hab’s bisschen verbockt. Sie hat mir letztes Jahr gesagt, dass sie mit mir zusammen sein will und ich hab irgendwie kalte Füße bekommen und abgeblockt. Weiß nicht, wie groß meine Chancen jetzt noch sind.“ Sie biss sich auf die Unterlippe.

  • "Du brauchst gar nicht so neidisch sein.", feuerte Edgar neckisch zurück. "Du kannst jederzeit drei der Zimmer abhaben und den unbeschreiblichen Luxus einer Burgruine genießen, inklusive undichten Fenstern, feuchten Decken und Mäuseplage." Insgeheim hoffte Edgar ein wenig darauf, dass das ganze Ding von Mäusen überrannt war. Es war vielleicht aus der menschlichen Perspektive ein wenig bis extrem eklig, aber die Fledermaus in ihm freute sich darauf, Kammerjäger zu spielen. Trotzdem machte ihn der generelle Zustand von Hart's Hearth ein wenig nervös. Er hoffe inständig, dass noch mehr als nur das Fundament übrig war.

    Edgar konnte nicht anders als mit Gigi zu lachen. Bei ihrem Strahlen wurde ihm warm ums Herz. Dieses vertraute Gefühl stellte sich zwischen ihnen ein. Es war, als wäre er nie weg gewesen. Gleichzeitig knisterte die Luft zwischen ihnen noch immer. Sie lachten und scherzten darüber, doch auch jetzt trafen sich ab und zu ihre Blicke mit einer verräterischen Ernsthaftigkeit. Es war ihr unausgesprochenes Geheimnis. Eine unmögliche Begierde.

    Trotzdem war es wohl besser, wenn das Gespräch zu anderen Menschen umschwenkte. Es war immer gefährlich, wenn sie ihre anzüglichen Witze auspackten. Edgar fürchtete sich vor dem Moment, an dem sie nicht mehr so tun konnten, als wären es alles im Scherz. Wenn die Distanz zwischen ihnen zusammenbrach, dann war das nicht nur eine dumme Idee, sondern auch ernsthaft gefährlich. Da sollte sie lieber mit Haden durchbrennen.

    "Ja, der ist die doch damals schon nachgelaufen, wie ein kleiner Welpe. War ein bisschen süß." Edgar mochte Haden. Er wirkte wie ein richtig anständiger Kerl, der immer sein Bestes gab. Der würde bestimmt irgendjemanden einmal sehr, sehr glücklich machen. Offensichtlich jedoch nicht Virginia. "Ach, komm.", winkte Edgar ab. "Du bist doch voll die Cougar." Er ließ vielsagend den Blick über sie und ihr Outfit gleiten. Mit dem leuchtend roten Mantel und den Lederstiefeln, die sie so oft trug, machte sie sich bestimmt für jüngere Männer ganz interessant. "Also wenn ich zwanzig Jahre jünger wär, würd ich mich auf jeden Fall an dich ranschmeißen." Sie konnten es einfach nicht lassen. Edgar lenkte wieder um:

    "Da bin ich sofort dabei. Hast du dir schon Optionen überlegt?" Edgar hatte wirklich nichts davon mitbekommen, was in den letzten Jahren vor sich gegangen war. Er wusste nicht, mit wem Haden seine Zeit verbrachte oder wer in ihrem Umfeld möglicherweise zu ihm passen würde. Ein sanftes Stechen in seiner Brust ließ Reue in ihm aufkommen. Er hätte vielleicht schon ab und an zu Besuch kommen können.

    Dann stürzte die Stimmung für einen Moment ab. Edgar schnaufte abwertend. "Da braucht man nichts mehr trennen.", sagte er bestimmt. "Wer jetzt noch für die arbeitet, hat ja wohl eine Entscheidung getroffen." Wütend dachte er an seine Eltern. Die hätten das Ministerium auch noch gehuldigt, wenn Voldemort selbst Minister wäre. "Natürlich will niemand seinen Job aufgeben, aber so ein Funken Rückgrat sollte man schon haben." Natürlich wusste er, dass das Thema etwas mehr Nuancen forderte. Alistair arbeitete schließlich auch weiterhin im Ministerium und stand dennoch klar positioniert auf ihrer Seite. Doch unter diesen ganzen Büro-Zombies gab es zu viele, die einfach nur Apathie für die Welt aufbringen konnten. Sie alle waren Schuld an der aktuellen politischen Lage.

    Zum Glück verflog die köchelnde Wut sofort wieder, als die Unterhaltung zu Virginias Dating-Leben zurück kehrte. Edgars Blick weitete sich kurz überrascht. Damit hatte er tatsächlich nicht gerechnet. "Ja, ich erinnere mich." Virginia hatte damals viel von Braelyn erzählt. Es schien ziemlich ernst gewesen zu sein, zwischen ihnen. Wobei er immer froh gewesen war, dass es nicht gehalten hatte. So hatte er zumindest seine Chance bekommen - und verbockt.

    Er war kein eifersüchtiger Mensch und hatte keinerlei Anspruch auf Virginia und trotzdem sank sein Herz ein wenig ab, als sie davon erzählte. Es war schön gewesen, zu wissen, dass er trotz allem einen besonderen Platz in Virginias Leben hatte. Sie hatten sich geliebt bevor das Schicksal sie auseinander gerissen hatte, doch sie hatten sich nie ganz verloren. Braelyn war dagegen nur eine längst vergessene Jugendliebe gewesen - bis jetzt. Vielleicht stellte sie ernsthaft Konkurrenz für ihn da. Nein, das war albern. Er sollte sich für Virginia freuen.

    "Ach Gigi...", seufzte Edgar und strich ihr liebevoll über den Arm. "Das mit den Bindungsängsten musst du mir wirklich nicht nachmachen." Sein Mund verzog sich zu einem mitleidigen Grinsen und er schüttelte leicht den Kopf. "Würdest du denn jetzt ja sagen oder was möchtest du?"

  • Sie schnaufte und warf ihm einen strafenden, wenn auch nach wie vor belustigten Blick zu. „Cougar?“, rief sie empört aus und lachte. Dann trat jedoch recht schnell ein resignierter Ausdruck auf ihr Gesicht. „Oh Gott, ich bin jetzt wirklich schon so alt, oder?“ Sie vergrub ihr Gesicht für einen kurzen Moment im Polster der Sofarückwand und stöhnte. Das nächste Prusten folgte jedoch sogleich, als Edgar es erneut nicht lassen konnte, scherzhaft an ihr rumzubaggern. Sie suchte seine Augen, blickte ihn für einen langen Moment nur aus ihren stechend grünen Augen an und entgegnete dann mit aller Nonchalance, die sie aufbringen konnte: „Also wenn du zwanzig Jahre jünger wärst, würd ich dich vielleicht sogar auch noch mal ranlassen.“ Dann verzog sich ihr Mund zu einem Grinsen. Ein Seufzen folgte. Virginia umfasste mit einer abwesenden Geste ihre Haare, legte sie geordnet auf die linke Seite ihres Halses und schwenkte mit den Augen dann wieder durch den Raum. Es hätte so leicht sein können zwischen ihnen. Es war auch leicht. Doch in all der Leichtigkeit steckte immer noch ein leiser Ernst, ein kleiner Funke der schwierigen Gefühle, die auf dem Scheiterhaufen ihrer Beziehung sprossen.

    Sie zog ihr Bein an, war froh, dass er wieder auf ein anderes Thema umlenkte: „Also auf jeden Fall bitte jemanden in seinem Alter. Hab‘ Angst, dass er ein Ding für Jüngere entwickelt“, sie drehte ihren Kopf, blickte ihn nur vielsagend an und beschloss dann, nicht ins Detail zu gehen, „und das hat immer einen komischen Beigeschmack… also nicht immer, aber in manchen Dynamiken… vor allem wenn’s eine jüngere Frau und ein älterer Mann ist… keine Ahnung, also will nicht sagen, dass ich das per se schlimm finde, aber… ich will seinen Beschützerkomplex nicht noch weiter kultivieren“, kam sie dann auf den Punkt. „Vielleicht sollten wir ihn mal auf Alistair ansetzen“, kam es ihr dann etwas willkürlich in den Kopf – nicht weil sie den Gedanken schon länger verfolgte, sondern weil es ihr Spaß machte, über solche Dinge zu reden. „Vielleicht wäre das süß… oder glaubst du, der ist wirklich richtig straight-straight?“, fragte sie skeptisch an Edgar gerichtet. „Ansonsten… keine Ahnung, irgendjemand Nettes, der oder die ihn einfach nicht verarscht. Sonst muss ich mir die wieder vorknöpfen.“ Sie lachte. Apropos Beschützer:innenkomplex.

    Virginie zuckte etwas trostlos mit den Schultern, als Edgar seine Pauschalabsage an Ministeriumsangestellte erteilte. „Irgendwie ja und nein“, gab sie nichtsaussagend zurück. „Also ideologisch voll. Finde es wirklich problematisch, wenn Leute da freiwillig arbeiten. Den Schuss hätten die Leute schon vor Jahren hören und den Absprung machen können. Aber andererseits will man ja auch nicht, dass der Laden nur noch voller Faschos ist… oder?“ Sie lächelte gequält und drückte frustriert auf ihrem Bein herum. „Außerdem würden wir dann gar nicht mehr mitkriegen, was da drin abgeht“, fügte sie noch nachdenklich hinzu. Es war eine strategische Abwägung. Mit dem Alter war sie besser darin geworden, solche Dinge differenzierter zu sehen. Doch der Reiz, etwas kategorisch in gut und schlecht einzuteilen, war auch bei ihr immer noch stark vertreten.

    Ja…“, entgegnete sie nur langgezogen, als er zugab, sich zu erinnern. Dann lachte sie leicht auf und fand Trost in seinen Augen. „Aber schön, dass auch du dir die Schuld dran gibst, dass ich mit so was anscheinend überhaupt nicht klarkomme“, erwiderte sie liebevoll anklagend. Sie umfasste seine Hand, mit der er ihr über den Arm strich und drückte sie einmal. Es hatte ein Scherz sein sollen und doch war etwas an der Aussage dran. Virginia hatte viele küchenpsychologische Erklärungen, warum sie seit über zehn Jahren in keiner ernsthaften Beziehung gewesen war. Sie hatte es als Kind nie von ihren Eltern vorgelebt bekommen. Ihr Drang nach Autonomie war schon immer stärker ausgeprägt gewesen als ihr Bedürfnis nach Bindung. Oder aber: Ihre letzte Beziehung war unter so merkwürdigen Bedingungen beendet worden, dass sie nie wieder das Vertrauen in jemanden hatte aufbringen können, es noch einmal zu versuchen. Vielleicht war es deshalb anders mit Braelyn. Weil sie schon einmal zusammengewesen waren. Auch wenn das wahrscheinlich albern war. Sie waren quasi Kinder gewesen. Der Kontext ein gänzlich anderer. Sie hatte sich nicht in die Person von damals verliebt, sondern in den Menschen, der sie jetzt war. Virginia ließ ein weiteres Stöhnen hören. „Ich… ich glaube schon?“, erwiderte sie und klang dabei selbst nicht ganz überzeugt. „Ich weiß doch auch nicht, was ich möchte. Also ja, ich würde gerne mit ihr zusammen sein, aber“, sie zögerte, suchte nach den richtigen Worten. „Ich hab‘ auch Angst. Vielleicht wird’s ja ganz furchtbar. Oder sie stellt nach ein paar Wochen fest, dass ich ihr zu nervig bin. Sie meinte jetzt schon zu mir, dass ich ja so unbeständig bin. Außerdem weiß sie nichts vom Orden. Ich könnte mit ihr über all das“, sie machte eine ausladende Geste, „nie reden.

  • "Wir beide.", gab Edgar lachend zurück. Sie hatten ihre Jugend schon vor ein Paar Jahren in der Vergangenheit zurück gelassen. Auch, wenn er sich noch immer häufig nicht besonders erwachsen fühlte, musste auch Edgar einsehen, dass er das mit über Vierzig nun einmal war. In seiner persönlichen Erfahrung, hatte das allerdings keine Auswirkung darauf, wie attraktiv er auf andere wirkte. Es fiel ihm einigermaßen leicht jemanden für einsame Nächte zu finden. Leichter vielleicht sogar als in seinen Zwanzigern. Vielleicht hatte auch er einen gewissen Cougar-Effekt. Außerdem wussten sie beide, dass Gigi ihn sicher nicht deswegen abweisen würde, weil er zu alt für sie war. "Ach, aber dann würdest du doch alles verpassen, was ich in den letzten 20 Jahren so gelernt habe." Vielsagend wackelte Edgar mit seinen Augenbrauen und lachte dann erneut hell auf. Das Gefühl wieder hier zu sein und mit Gigi auf dem Sofa zu sitzen als wäre er nie weg gewesen, erfüllte seine Brust mit einer angenehmen Wärme. Langsam konnte er sich mehr und mehr in den Moment fallen lassen. Er war zu Hause und der wichtigste Mensch war bei ihm.

    "Wieso denn jetzt Jüngere?" Eben noch hatten sie darüber gescherzt, dass Haden auf Virginia ein Auge geworfen hatte und jetzt ging es in die andere Richtung. Edgar selbst war selbst nicht besonders konsistent in dem Alter seiner Partner. Jedoch wollte er mit ihnen auch kein Leben aufbauen oder besonders tiefgründige Gespräche führen. Da spielte das Alter dann weniger eine Rolle. Für Haden musste sie aber etwas Ernsthaftes finden. Etwas wie... "Alistair?" Edgar zuckte mit den Schultern. "Weiß nicht ob der überhaupt auf irgendjemanden steht. Das ist so ein Typ, der zu allen gleich nett ist irgendwie. Ich würde das glaube ich nicht erkennen, wenn er ernsthaftes Interesse an jemandem hätte." Irgendetwas hatte der Waliser in der Vergangenheit sicher schon gemacht. Edgar kannte sich in seinem Liebesleben nicht so aus. Dieser ganze Unterhaltung basierte aber ohnehin auf Spekulation. Am Ende würde Haden schon selbst jemanden finden müssen, den er mochte. "Gibt es nicht vielleicht jemanden bei ihm auf der Arbeit? Unter den Heilern und Heilerinnen muss es doch ein paar liebe Menschen geben."

    Die Stimmung schwang zwar etwas um, als sie über das Ministerium zu sprechen begannen, aber es tat auch gut, endlich wieder mit jemandem darüber sprechen zu können, die verstand und ähnlich fühlte. Bei Virginia hatte er sich noch nie zurück halten müssen, was seine Meinungen angingen. Damals hatten sie sich manchmal voller leidenschaft richtig anzubrüllen begonnen. Das war vielleicht nicht die produktivste Unterhaltungsgrundlage gewesen, aber immerhin konnten sie im Anschluss stets gut den Dampf wieder gemeinsam ablassen.

    "Als ob das etwas bringt.", schnaufte Edgar. "Wenn's alles Faschos wären, konnten wir das Ding einfach hochjagen. So müssen wir erstmal sortieren, wer mit den Todessern gemeinsame Sache macht, wer einfach von sich ein Arschloch ist und wer nur die Fresse gehalten hat. Weiß nicht, ob es das echt einfacher macht." Dabei hatte sie natürlich auch recht. Es war wichtig, dass sie Informationen aus dem Ministerium bekamen. Doch die meisten Angestellten dort waren keine ihrer Informanten. "Was ist eigentlich mit dieser Evermonde?" Ein Name, den Edgar bisher nur aus einem Brief hatte. Ihm fehlte so viel Wissen darüber, was der Orden erreicht hatte.

    Ein sanftes Lächeln umspielte Edgars Lippen bei den sanften Berührungen. Auch er erkannte die unterschwellige Wahrheit in ihrem angeblichen Witz und ehrliche Reue glitzerte in seinen Augen. Es war schlimm genug gewesen, sich von ihr zu trennen und ihre gemeinsame Zukunft aufzugeben. Dass sie eventuell längere Folgen davon getragen hatte, drehte ihm den Magen um. Einsamkeit war sein Schicksal. Sie brauchte das nicht mit ihm teilen. Vielleicht war Braelyn wirklich ein Funken der Hoffnung für sie.

    "Ja, nervig ist auch total das Wort, mit dem ich dich beschreiben würde." Er stupste Virginia leicht an und rollte mit den Augen. "Meinst du nicht, dass sie dich vielleicht auch schon kennt? Und dich trotzdem will?" Jeder Mensch kam mit seinem Päckchen an Problemen. Das bedeutete keinesfalls das man es nicht verdiente, trotzdem oder gerade deswegen geliebt zu werden. "Geheimnisse sind blöd natürlich aber ein Mensch kann ohnehin nicht für alles da sein." Das Grinsen kehrte in sein Gesicht zurück. "Mit Braelyn kannst du rumschäkern und mit mir kannst du über den Orden reden." Wenn er schon nicht mehr als ein Freund für sie sein konnte, dann würde er zumindest sicher gehen, dass er das richtig tat. Ab jetzt jedenfalls. "Vielleicht sagst du es ihr einfach mal?"

  • Sie gab sich Mühe, ihr Grinsen zu verbergen, um ihm einen weiteren strafenden Blick für seinen jugendlichen Humor zu verpassen, doch ihre Mundwinkel spannten sich zu sehr an, als dass sie ihre Belustigung vor ihm verstecken konnte. „Gut, du hast Recht. Da war ja auch noch viel Luft nach oben“, gab sie gespielt ernsthaft zurück, wackelte dann ebenfalls mit den Augenbrauen und grinste dann doch. Sie wussten beide, dass das eine Lüge war. Sie waren zwar noch jung gewesen, doch sie hatten vor wenig zurückgescheut. Vielleicht auch ein Grund, warum sie auch nach all den Jahren die vermeintlich harmlose Flirterei nicht lassen konnte. Bei all den schmerzhaften Gefühlen und gebrochenen Herzen, war es auch einfach schade um den guten Sex gewesen.

    Sie seufzte, schnaufte und fuhr sich dann wieder durch die Haare. „Ich fürchte, das ist ein Geheimnis, das ich versprochen habe, nicht weiter zu erzählen“, erwiderte sie mit einem vielsagenden Blick und lachte dann. „Aber vielleicht kannst du dir den Teil einfach dazu denken“, fügte sie an. Es war nicht so, dass sie nicht respektierte, was Haden ihr im Vertrauen erzählt hatte. Doch erstens hatte sie seine Aktion so bescheuert gefunden, dass es ihr ernsthaft schwerfiel, ihrem Frust über sein Handeln nicht zu verbreiten und zweitens war es nur Edgar, dem sie andeutete, dass er sich anscheinend auf eine deutlich Jüngere eingelassen hatte. Immerhin verschwieg sie den Kontext und den Namen. Schließlich wollte sie ihr jüngstes Ordensmitglied auch noch ein wenig vor zu viel Klatsch schützen. Früher oder später würde es doch sowieso rauskommen. Da war Virginia sich sicher. „Egal, vergiss es“, sagte dann jedoch mit wegwerfender Handbewegung.

    Sie nickte und zuckte dann mit den Schultern. „Hast wahrscheinlich recht.“ Sie lachte leicht. „Wäre vielleicht auch bisschen ein Overkill, wenn er dann wirklich auf jemanden steht“, meinte sie und unterdrückte ein Prusten. Sie wollte wirklich nicht lästern. Edgars Nähe hatte jedoch meist den Effekt auf sie, dass sie ungefiltert drauf losplapperte – wobei man bei ihr wohl eigentlich denken sollte, dass sie das auch so tat. „Hmm“, überlegte sie. „Also da höre ich oft solche Horrorstories. Scheint ein paar richtige Arschlöcher zu geben, die im Mungo’s arbeiten“, sie zögerte und legte dann den Kopf schief. „Aber sind wahrscheinlich auch die spannenderen Geschichten. Ich glaube, er ist gut mit einer Kollegin befreundet, die lustigerweise meine Nachbarin ist. Aber wenn ich das richtig im Kopf hab‘, ist die jetzt schwanger, als glaube ich, dass das jetzt auch keine wirkliche Option ist“, erklärte sie und zuckte dann die Schultern.

    Virginia nahm einen Schluck von dem Wein und ließ ihn einen Moment in ihrem Mund verweilen, um den sauren Geschmack auf sich wirken zu lassen, während sie seinen Worten lauschte. Sie wusste, dass sie eigentlich einer Meinung waren. In den entscheidenden Dingen waren sie immer einer Meinung gewesen. Sie waren bereits mit einer einigermaßen gefestigten Weltanschauung aufeinandergetroffen und hatten sich doch stetig weiter politisiert. Es war ein No-Brainer gewesen, dass sie beide im Orden gelandet waren. „Ich wünschte, dass sich die Sache einfach erledigen würde, wenn man das Ding einfach hochjagen würde“, erwiderte sie mit einem traurigen Lächeln. „Wir müssen irgendwie an die Quelle… und dann ans ganze System.“ Sie legte den Kopf in den Nacken und atmete tief aus. „Evermonde?“, wiederholte sie und hob ihren Kopf wieder an. „Wieso?“, fragte sie dann interessiert. „Weißt du was über sie? Also wenn wir uns nicht komplett haben verarschen lassen, dann gehört sie auf jeden Fall zu den Leuten im Ministerium, die für uns hilfreich sind.“ Sie hatten sich kurz auf diesem furchtbaren Halloween-Event des Ministeriums ausgetauscht. Kontakte getauscht. Die Fühler ausgestreckt in der Hoffnung, dass sie sich als vertrauensvolle Quelle herausstellte

    Tu mal nicht so“, meinte sie abwehrend. „Es gibt bestimmt viele Leute, die mich als nervig beschreiben würden. Also bei den meisten ist es mir auch echt herzlich egal, aber…“, sie biss sich auf die Unterlippe, als er sie mit seinen nächsten Worten unterbrach. „Hmm, ist vielleicht was dran“, stand sie ihm zu und verzog dann die Lippen zu einem abwägenden Lächeln. Virginia wusste, dass sie kein einfacher Mensch war. Doch Braelyn hatte ihr gesagt, dass sie mit ihr zusammen sein wollte. Mehr als das. „Ich meine, sie hat auch gesagt, dass sie sich in mich verliebt hat.“ Sie zog die Nase kraus. „Das sagt man ja eigentlich auch nicht einfach so, ne?“ Virginia vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. „Fuck me, ey. Ich glaube, ich hab‘ da wirklich scheiße drauf reagiert.“ Im Nachhinein kam sie sich unglaublich blöd vor. Doch hinterher war man ja bekanntlich immer klüger. Ein schnaufendes Lachen erklang zwischen ihren Fingern, bevor sie tief Luft holte und ihre Hände über ihr Gesicht nach hinten gleiten ließ. „Rumschäkern“, wiederholte sie seinen Ausdruck und grinste. „Jetzt klingst du wie meine Mutter.“ Sie nahm noch einen Schluck und änderte ihre Miene. „Aber ja, du hast ja recht. Immerhin reden wir wieder miteinander.“ Ein weiteres Seufzen. „Ist immer einfacher gesagt als getan, ne?“, fügte sie dann noch hinzu und lächelte ihn nachdenklich an.


    //sorry wird nicht "besser" mit der Länge lel

  • survivor's burden

    Samstag, 18. April, tagsüber

    Gwendoline Ollivander


    Byron schwenkte das Wasser in seinem Glas hin und her. Zu seiner Enttäuschung gab die Bewegung der Flüssigkeit nichts Auffälliges preis. Es schwappte wie stinknormales Wasser von einer Seite zur anderen und hinterließ keine fragwürdigen Spuren oder ließ von der Konsistenz her die Vermutung zu, man habe etwas daran verändert. Byrons Hals fühlte sich unangenehm rau und trocken an, seine Zunge schaffte es nicht, seinen Mundraum zu befeuchten – oder andersherum – und dennoch schmeckte das Wasser aus dem Glas in seiner Hand zu anders, um seiner Dehydration entgegenwirken zu wollen. Vielleicht aber lag es gar nicht am Wasser selbst, sondern der Tatsache, dass Byron Clairmont Geburtstag hatte, und obwohl er nicht viel auf den Tag gab, war es dieses Mal besonders schwer, ihn einfach an sich vorbeiziehen zu lassen.

    Er stellte das Glas mit einem Seufzen auf dem Küchentisch ab, lehnte sich dagegen und warf seinen Kopf in den Nacken, um die Anspannung zu lösen. Es knackte, ohne Erleichterung zu verschaffen. Sonderlich viel geschlafen hatte er die vergangene Nacht nicht. Nein. Das war gelogen. Er hatte gar nicht geschlafen, sondern war nur im Bett gelegen und hatte die Decke angestarrt, das Gesicht verzogen, als das Pärchen in der Wohnung über seiner der Zuneigung für einander Ausdruck verliehen hatte. Es hatte bedauerlicherweise nicht viel gebracht, seinen Kopf unter dem Kissen zu vergraben, in der Hoffnung, es würde sein Gehör deutlich einschränken.

    Dabei konnte er seine Unruhe nicht einmal auf das anhaltende Adrenalin schieben, so angebracht es auch gewesen wäre. Was sich auf dem Hexenfest zugetragen hatte, war nüchtern betrachtet schlimmer als alles, was sie sich letztes Jahr nach dem Quidditch-Finale hätten ausmalen können. Es hatte Tote gegeben. Eine Verbündete war gestorben. Voldemort hatte mit Nachdruck bewiesen, dass der Kampf noch nicht vorbei war. Es hätte Byron wütend machen müssen. Eine Emotion, die er gegenüber der Sache nicht aufbringen konnte, so sehr er in seinem Inneren danach suchte. Da war nur Müdigkeit. Und Sorge um all jene, die sich an dem Abend größerer Gefahr ausgesetzt hatten als er. Augenblicklich hatte er wieder Gwens Gesicht vor Augen, als er vor weniger als 24 Stunden zu ihr gerannt war, das Chaos um sie herum ausgeblendet hatte. Die Erinnerung an den Anblick ließ ihn schlucken. Er drückte sich vom Tisch ab und verließ die Küche, ohne recht zu wissen, wohin mit sich.

  • Die Ränder unter Gwens Augen sind dunkel, die Nacht ist durch Nikas Nähe zwar halbwegs erträglich gewesen, geschlafen hat sie trotzdem wenig. Doch der Ausdruck ihren Augen ist entschlossen, als sie den Grimmauldplatz betritt, sich dabei suchend umblickt. In der rechten Hand balanciert sie einen Schokokuchen, der vielleicht ein bisschen zu üppig mit bunten Streuseln dekoriert ist, ein wenig zu farbenfroh wirkt – fast, als hätte sie mit Gewalt versucht, Fröhlichkeit zu erzeugen, wo es eigentlich keine gibt. „Ich stell den Kuchen einfach schon mal in die Küche.“, verabschiedet sie sich von Nika und schaut der Freundin einen Augenblick hinterher, als diese sich auf den Weg in die Wohnräume macht. Sie hat keine Ahnung, ob Byron hier sein wird, hofft es einfach, nachdem er ihr zu Hause nicht geöffnet hat, sich in den letzten Wochen ohnehin vorzugsweise im Grimmauldplatz mit ihr getroffen hat. Sie ahnt, dass er nicht in Feierstimmung sein wird – schon ganz allgemein und in besserer Verfassung ist er kein Partykracher, in den letzten Wochen noch viel weniger als zuvor, und nach gestern… Sie hat die Zutaten für den Kuchen und ihr Geschenk schon vor ein paar Tagen besorgt, hat heute Morgen trotzdem gezögert, ob sie das wirklich tun soll. Geburtstag feiern fühlt sich so fürchterlich unpassend an, nach all dem, was gestern geschehen ist, nachdem es Tote gegeben hat – Menschen, die nie wieder Geburtstag feiern werden, Kinder, die nie wieder einen Geburtstagskuchen oder nur eine Umarmung von ihren Eltern, von ihrer Mutter bekommen werden… Jemima… Doch vielleicht ist es auch gerade deswegen richtig. Weil das Leben für die, die überlebt haben, weitergeht, weil sie irgendwie weiter machen müssen, sich von all dem Unglück und dem Schmerz nicht runterziehen lassen dürfen, weil das nur ein weiterer Sieg für die Todesser wäre, für ihn, dessen Name nicht genannt werden darf. Also hat Gwen sich nach einer viel zu heißen Dusche in die Küche gestellt um zu backen, hat Teig geknetet und verrührt, sich fast verbissen auf ihre Handlungen konzentriert, um nicht nachdenken zu müssen, entschlossen, ihrem ursprünglichen Plan zu folgen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Heute ist Byrons Geburtstag, und obgleich auch ihr nicht nach feiern zumute ist, so ist es doch zumindest ein Grund für Kuchen, ein Grund für Geschenke. Allein schon, weil er überlebt hat, weil er diesen Geburtstag noch feiern kann – weil sie froh ist, dass es ihn in ihrem Leben gibt.

    Der Schokokuchen gerät ein wenig ins Rutschen, als Gwen sich erneut in Bewegung setzt, mit entschiedenen Schritten die Küche ansteuert. Wenn Byron nicht hier sein sollte, finden sich gewiss auch andere Abnehmer:innen und sie backt für ihn einen neuen Kuchen, ein andermal. Und das kleine, flache Päckchen kann sie ihm auch zu einem anderen Zeitpunkt übergeben, der möglicherweise auch passender ist. Oder soll sie ihm lieber eine Eule schicken, damit er weiß, dass sie heute an ihn denkt?

    Bevor Gwen diese Überlegungen vertiefen oder gar eine Entscheidung treffen kann, wird die Küchentür vor ihr geöffnet. Gwen verharrt erstaunt auf der Treppe, bereits auf halbem Weg nach unten, und ein überraschter Laut kommt über ihre Lippen, als sie den erkennt, nachdem sie eigentlich gesucht hat. „Oh, äh, uh, Byron!“, stammelt sie wenig eloquent und wirft dem Kuchen einen hilfesuchenden Blick zu, bevor sie ihn in seine Richtung streckt. „Hi. Ich wollte…alles Gute zum Geburtstag. Ich weiß, es ist jetzt vermutlich kein richtig guter Tag, aber – trotzdem?“, während sie spricht läuft sie die restlichen Stufen nach unten, sieht Byron ein wenig fragend an. Einen kurzen Moment ist da der Impuls, ihn zu umarmen, doch sie entscheidet sich dagegen, nicht nur aus Sorge um den Kuchen, der es bis hierher geschafft hat. Byron ist kein besonders körperlicher Mensch. Und sie eigentlich auch nicht. „Wollen wir in die Küche, oder – da kommst du gerade her, aber ich muss ihn irgendwie abstellen glaube ich, sonst rutscht er mir doch irgendwann völlig weg, und – oder willst du woanders hin?“

  • Es war ein langer Moment, in dem Byron und Gwen einander wortlos anstarrten. Zumindest fühlte es sich für den Zauberer so an. Dann stammelte die junge Hexe drauf los. Und Byron wusste nicht, ob er das schlimmer fand als die peinliche Stille. Sein Blick fiel erschrocken auf den Kuchen, den sie in den Händen hielt, als handle es sich dabei um irgendetwas Vergiftetes, das man ihm gleich versuchen würde in den Mund zu stopfen. Sein Magen zog sich auf unangenehme Weise zusammen. Der Wunsch, seinen Geburtstag in Anbetracht der Umstände einfach an sich vorbeiziehen zu lassen, löste sich wie eine Rauchwolke binnen von Sekunden auf.

    Gwen hatte recht. Es war kein guter Tag. Aus mehr als einem Grund. Einen davon, nämlich Mekkinó Baldwinssons Tod vor nicht einmal einem Monat, konnte er nicht mit ihr teilen. Es war ein makaberer Gedanke, doch in gewisser Weise war er fast dankbar für die vergangene Nacht, die es ihm erlaubte, am heutigen Tag Trübsal zu blasen. Es verschaffte ihm ein Alibi, ohne dessen er sich nicht sicher gewesen wäre, wie um alles in der Welt er seine schlechte Laune erklären konnte. "Danke", antwortete er knapp, statt ihr zu sagen, wie unpassend es war, seinen Geburtstag zu feiern. Dass es keinen Grund zu feiern gab, war ihnen beiden mehr als bewusst, und trotz der Tatsache, nicht mit sonderlich viel Empathie gesegnet zu sein, spürte er, dass seine Freundin die Ablenkung brauchte. Er sah bereits vor sich, wie der Kuchen aus wackeligen Händen fiel, und die Vorstellung, Gwen könnte dadurch in Tränen ausbrechen oder eine andere dramatische Reaktion zeigen – so gut kannte er sie noch nicht, um es einschätzen zu können – war angsteinflößend genug, dass er die Distanz zwischen ihnen mit schnellen Schritten verkleinerte und ihr den Kuchen abnahm. "Das ... wäre wirklich nicht nötig gewesen." Ausnahmsweise keine reine Höflichkeitsfloskel. Das Gebäck fühlte sich aus irgendeinem Grund viel zu schwer in seinen Armen an und je länger er es anstarrte, desto mehr glaubte er, es würde ihn gleich anspringen. "Du hattest Lust zu backen?", sprach er das Offensichtliche an, statt ihr auf die Frage zu antworten. Faszinierend, welche Wege manche einschlugen, um mit negativen Gefühlen klarzukommen. "Komm." Byron nickte Richtung Küchentür, ehe er sie anvisierte, um den gefühlt tonnenschweren Kuchen auf dem Tisch abzusetzen. "Hast du überhaupt geschlafen?"

  • Gwen blinzelt zu Byron, als er den Kuchen aus ihren Händen nimmt und wiegt in einer unbestimmten Geste den Kopf zur Seite. Nicht nötig. Was auf dieser Welt ist schon nötig? „Ich wollte aber.“, entgegnet sie leise und hebt zur Antwort nur die Schultern, unsicher, was sie sagen soll. Lust ist sicherlich der falsche Ausdruck. Sie backt gerne, aber heute Morgen hatte sie alles andere als Lust darauf gehabt. Wenn sie nur getan hätte, worauf sie Lust hatte, wäre sie vermutlich gar nicht aufgestanden. Und das ist schließlich keine Lösung. Sie hat nicht vor, sich unterkriegen zu lassen, hat das auch Nika versprochen, und es hilft nichts, sich zu verstecken oder wegzulaufen. Die Erinnerungen sind ohnehin überall, die Schuld lastet auf ihren Schultern, ganz egal wo sie ist und was sie tut, und sie muss sich auch dem Orden und ihrem eigenen Versagen stellen. Vermutlich besser früher als später. „Naja“, macht sie nur, direkt unterbrochen von seiner Aufforderung, und folgt ihm dann in die Küche, wo sie hinter einem Stuhl stehen bleibt und die Lehne umklammert. „Hm, nicht so richtig. Aber ich war nicht…Nika und ich haben zusammen, ähm, im Wohnzimmer übernachtet.“, hastig senkt sie den Blick auf den bunten Kuchen, denkt darüber nach, ihn anzuschneiden, und entscheidet sich doch dagegen. Stattdessen legt sie das in blau-gestreiftem Papier eingeschlagene Päckchen daneben ab. „Und du?“, gibt sie die Frage zurück und hebt den Kopf, um Byron erneut anzusehen. „Egal, blöde Frage.“, korrigiert sie sich gleich und presst die Lippen aufeinander. „Keine Ahnung, ich weiß irgendwie gar nicht so richtig wohin mit mir…das war alles…wo warst du eigentlich? Also ich meine, gestern Abend. Während…als es passiert ist?“, will sie dann leise wissen und betrachtet ihn interessiert. Sie hat ihn auf dem Hauptplatz nicht gesehen, erst später, als alles vorbei war, aber das heißt ja nichts. Es war alles so viel, ein solches Chaos – gut möglich, dass er eigentlich die ganze Zeit in ihrer Nähe war, dass sie ihn nur übersehen hat. Eigentlich spielt es keine Rolle. Egal wo er gewesen ist, sie weiß, dass es schrecklich war, kann ihm ansehen, wie sehr er unter den Ereignissen leidet. Aber wenn er reden will…dann ist sie da. Es interessiert sie schon, was ihm widerfahren ist. Noch dazu ist es ein willkommener Aufschub, um nicht von ihren eigenen Erlebnissen berichten zu müssen.

  • Es war einer von vielen Momenten, in denen Gwen ihn unwillkürlich an eine jüngere Version von sich selbst erinnerte. Der Wille, vor dem Bösen nicht einzuknicken, war trotz der Vorkommnisse des vergangenen Abends noch da. Die junge Hexe kämpfte gegen Resignation an, in Form von Kuchenteig und gestreiftem Geschenkpapier. Sie gab sich offensichtlich größte Mühe, das Leben weiterzuleben, zum Alltag zurückzukehren, als wäre nicht etwas Verheerendes passiert. Etwas, das sie mit eigenen Augen hatte miterleben müssen. Etwas, für das sie sich unmöglich nicht die Schuld geben konnte. Viele Jahre war es her, dass Byron ähnlich gedacht hatte. Damals war er naiv genug gewesen zu glauben, dass kleine Niederlagen nicht das Ende bedeuteten. Dass es genug Siege geben würde, die sie erzielen konnten. Bis die Rückschläge einfach nicht hatten aufhören wollen und Erfolge so lange her waren, dass Byron sie nicht mal mehr konkret benennen konnte. Manchmal fragte er sich, ob er schon immer von der pessimistischen Sorte gewesen war oder die Mitgliedschaft im Orden ihn jedes positiven Gedankens beraubt hatte.

    Byron lehnte sich gegen die Arbeitsfläche, verschränkte die Arme und nickte nur zur Kenntnisnahme auf die Worte. Er konnte ihn nachvollziehen, den Drang, zurück in das Hauptquartier zu kommen, mit dem Wissen, dass niemand außer die engsten Verbündeten von diesem Ort wussten. Es gab einem das Gefühl von Sicherheit – und wann brauchte man es mehr als in Momenten, in denen man merkte, dass nichts und niemand sicher war vor den Anhänger:innen des dunklen Lords? Die vergangenen Stunden hatten das mehr als deutlich bewiesen. Schon wieder. Noch bevor Gwen ihre eigene Frage als bescheuert abtun konnte, zuckte Byron kaum merklich mit den Schultern und schob eine Hand in die Hosentasche, um seine zusammengedrückte Zigarettenschachtel rauszuholen. "Ich war in einem der Hügelgräber", meinte er, ohne sie anzuschauen und schob sich einen Glimmstängel zwischen die Lippen. Er hatte Geburtstag, die anderen würden es ihm verzeihen. Seine Hand zeigte keinerlei Anzeichen von Nervosität, als er nach seinem Zauberstab griff, um die Zigarette anzuzünden, doch sein Gewissen signalisierte ihm, nervös sein zu müssen. Er hatte eine wahllose Ecke eines der Schränke fixiert, wo das Holz deutliche Gebrauchsspuren aufwies. Bestimmt hatte er sich mehr als einmal daran gestoßen.

    "Es tut mir leid", sagte er nach einer langen, unerträglich gewordenen Pause und verschränkte die Arme wieder. "Ich hätte auf dem Festplatz sein müssen. Bei dir, aber ich ..." Der Satz blieb unbeendet in der Luft hängen, gemeinsam mit dem Zigarettenrauch, der in dieser Küche nichts zu suchen hatte.

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