Erdgeschoss - Hausflur

  • Brooke stimmte ihm sogleich zu. Offenbar hatte sie bereits einen Hund kennengelernt, für den sie sich entscheiden wollte und glaubte auch, dass er sich mit Kindern verstehen würde. Von den meisten Tierheimen wusste Elias, dass sie solche Informationen gleich teilten und lieber etwas vorsichtiger waren. Tiere waren nie ganz berechenbar, das war nur natürlich, aber bei manchen war auch von Anfang an klar, dass sie sich für ein bestimmtes Zuhause nicht eigneten. Bei diesem Hund schien Brooke jedoch nicht davon auszugehen. Scheinbar hätte sie ihn sogar mit in den Grimmauldplatz genommen oder zumindest mit in die Wohngemeinschaft, in der sie zuvor gelebt hatte.
    „Das klingt gut.“, erwiderte er dann, nickte leicht. Theo war auch ein Mischling gewesen. Was genau alles in ihm gesteckt hatte, wusste Elias selbst nicht genau und er glaubte auch nicht, dass das Tierheim es damals genau hätte sagen können. Und auch wenn er wusste, dass Brookes Einzug noch keine beschlossene Sache war und Charlie in erster Linie ihr Hund sein würde, so fand er doch Schönes an der Vorstellung, wieder einen Hund im Haus zu haben.
    Elias beobachtete, wie Brooke die Hand nach ihm ausstreckte, sie im letzten Moment wieder zurückzog. Mittlerweile hätte er eine solche Berührung tolerieren können, war ihr aber dennoch dankbar für diese Rücksichtnahme. Es fiel ihm selbst schwer genug, diese Abneigung gegen plötzliche Berührungen zu akzeptieren. Er hatte nie ein Problem mit Körperkontakt gehabt, meist hatte er die ganzen beiläufigen Berührungen nicht einmal bemerkt. Und nun schrak er an manchen Tagen zusammen, wenn seine eigene Tochter nach seiner Hand griff. Nur eine weitere Sache, die sie ihm genommen hatten, eine weitere Selbstverständlichkeit, die zu einem alltäglichen Albtraum geworden war. Manchmal hasste er sie so sehr dafür.
    Natürlich.“, er erwiderte ihr Lächeln und nickte bestätigend. „Es kommt für mich nicht in Frage, sie bei einer solchen Entscheidung außen vor zu lassen, auch wenn ich nicht denke, dass sie etwas dagegen haben werden.“, fügte er dann hinzu. Seine Kinder hatten in den vergangenen Jahren bereits genug Veränderungen erlebt und bei den meisten davon hatten sie kein Mitspracherecht und keine Vorwarnung gehabt. Es war ihm wichtig, dass auch Malja und Isaac das Gefühl hatten, dass ihre Wünsche Gewicht hatten, wann immer es ihm irgendwie möglich war.
    Zu oft schon hatte keiner von ihnen eine Wahl gehabt.
    Wir können danach noch einmal in Ruhe über alles sprechen.“, sagte er schließlich. Es würden ohnehin einige Änderungen passieren müssen, um das Haus für eine weitere Bewohnerin bereit zu machen, zumal Brooke auch noch einige besondere Ansprüche hatte. Auch so erschien es ihm besser, Brooke noch Bedenkzeit zu geben. Es war eine durchaus folgenreiche Entscheidung, nicht zuletzt auch, weil das Leben in Hastings sie in ihren bisherigen Freiheiten einschränken würde. Der Fidelius-Zauber sorgte für mehr Sicherheit, nahm aber auch immer ein Teil des normalen, vertrauten Lebens mit sich.


    ENDE

  • Coming out

    Ende Januar 2022


    Eigentlich war es nicht nötig, ein kleiner Teil von Brooke war sich dessen bewusst. Eigentlich war genau so etwas das, wogegen der Orden ankämpfte. Unter anderem. Oder zumindest Teile des Ordens, die davon explizit betroffen worden waren. Es gab auch jene, die aufgrund ihrer Vorgeschichte, ihrer Traditionen vielleicht andere Empfindungen hatten. Doch die meisten waren hier, weil sie etwas bewegen wollten. Und mit diesem Brief, mit dem kleinen Aushang, den Brooke vorbereitet hatte, fühlte es sich fast so an, als würde sie selbst einen Schritt zurückmachen. Als ob sie sich dafür rechtfertigen musste, was sie war. Als ob Werwölfe tatsächlich durchs Leben laufen mussten, andere vor sich selbst warnend. Man konnte es so auffassen, jene, die Brooke vielleicht auch noch nicht so gut kannten, würden es so verstehen. Doch letztlich war das nicht der Beweggrund für die junge Frau, diesen Aushang aufzuhängen. Letztlich war es nicht problematisch, ein Werwolf zu sein – wenn man nicht das getan hatte, was sie getan hatte.
    Wenn Brooke nicht zu Beginn des Jahres erfahren hätte, was sie Unverzeihliches getan hätte, es wäre nicht ihr Bestreben gewesen, sich zu äußern. Doch es war geschehen. Sie hatte das getan, von dem sie inständig gehofft hatte, dass es nie passieren würde: Sie war schuld daran, dass ein weiterer Mensch unter der Krankheit litt. Und dieses Wissen, die Schuld, die sie mit sich herumtrug, war letztlich der Grund, warum sie es als ihre persönliche Pflicht ansah, sich zu äußern. Die anderen wissen zu lassen, was sie war. So gut wie niemand wusste, was Brooke getan hatte. Wusste um die Beweggründe. Denn es kostete sie noch jetzt alles an Kraft, sich dazu zu überreden, nicht ins Ministerium zu gehen und sich zu stellen. Und so war das hier eine der wenigen Möglichkeiten, ehrlich zu sein.



    /*chrm* An sich für den Orden an sich gar nicht so die wichtige Information, aber da Brooke den Gedanken schon länger mit sich herumträgt, möchte sie einmal reinen Tisch machen. Eventuell interessant für Henry McGuilles  @Geraldine Lovett  @Jonas Myrddin Fawley  @Richard Martin Emmerich  @Abby Seymor  Virginia MacGuffin  @Kai Kowalski  Byron Clairmont  @Layla Laeticia Havisham 

    Sollte jemand von euren Charakteren tatsächlich nach der Information Brooke ans Ministerium ausliefern wollen (ich hoffe mal eher nicht xD), würde ich euch bitten, alternativ einfach so zu arbeiten, als ob euer Charakter es eben nicht hat wissen wollen, denn ich möchte sie gerne noch ein wenig behalten. Wenn das allerdings eher ein temporärer Gedanke ist und ihr Lust habt, da zu plotten, kommt gerne auf mich zu. <3


    ___________________________________________________________________



    cf: RE: Grönland - auf dem Land

    27.02.2022

    Henry McGuilles  @Geraldine Lovett  Felicienne Tavernier

    Ein unsanfter Aufschlag ging durch Brookes Körper, ließ sie leise vor Schmerzen aufstöhnen, während sie sich an der nächstbesten Reling festhielt, um nicht umzukippen. Es war eine Tortur gewesen, den Weg von Grönland zurück zu bestreiten, besonders aber das Disapparieren. Vielleicht war es keine kluge Entscheidung gewesen, die Kugel einfach zurückzulassen, aber Brooke hatte nicht anders gekonnt. SEin Teil von ihr hatte damit gerechnet, dass sie, sobald Finlay das, was auch immer dort geklirrt hatte, in die Hand genommen hatte, angefallen würden. Dass die Höhle sich schließen würde, sie verschlingen würde und sonstiges passieren konnte. Die Möglichkeiten waren umfassend, denn wenn das einzige, was Finlay ausfindig gemacht hatte, nun in ihrem Besitz war, war es doch nur logisch, dass es andere Schutzmechanismen gab. Geben konnte. Dass es nicht nur eine Kugel war, die den Ort zu diesem Objekt geheim hielt Ein Objekt, das die Todesser:innen hatten haben wollen und welches nun sie hatten. Und mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde das Risiko größer. Wurde das Unbehagen, welches Brooke spürte, hier in der Dunkelheit, noch stärker. Was, wenn noch mehr von ihnen unterwegs waren? Was, wenn sie draußen auf sie warteten, das Gebiet umstellt hatten? Finlays Zauberstab war zerbrochen, Brooke selbst hatte Mühe, sich aufrechtzuhalten. Sie waren nicht bereit für einen anderen Kampf, einen weiteren. Und all das hier ... Es sollte nicht umsonst gewesen sein. Und noch bevor sie einen Ruck in Finlays Körper spürte, bevor sie sah, dass er sich sowieso auf sie zubewegte, hatte sie schon den Griff um seinen Arm verstärkt, als wartete sie nur darauf, dass er noch einmal zum Eingang gehen wollte. "Wir müssen weg", kam es leise über ihre Lippen, die Stimme getränkt vor Sorge, vor Panik. Und so schloss Brooke das Auge, konzentrierte sich .. Und dann waren sie zurück zu dem Versteck appariert, an dem sie den Portschlüssel aufbewahrt hatten. Ihre Reisemöglichkeit zurück.
    Und doch, hier zu stehen, die Tür zum Grimmauldplatz aufzustoßen … Es fühlte sich beinahe unmöglich an. Für einen Patronus aus Grönland hatte es nicht mehr gereicht, geschweigedenn hatte sie gewusst, ob dieser überhaupt ankommen würde. Und so mussten sie einfach hoffen, dass noch jemand hier war, dass jemand auf sie wartete, um zu hören, wie es gelaufen war. Die letzten Male hatte es auch Besonderheiten gegeben, keine, die sie sich gewünscht hatten, aber es hatte doch Infos gegeben. Und mit jeder neuen Suche war der Wunsch nach einer Antwort verzweifelter geworden. Es war also wahrscheinlich, dass heute, bei ihrer letzten Suche, ihrer letzten Möglichkeit, noch ein paar der anderen Ordensmitglieder hier waren, auch wenn es so früh am Morgen war. Und doch war es einer der wenigen Gedanken, die Brooke noch beherrschte, während sie die Tür zum Grimmauldplatz aufstieß, Finlay durchschickend, ehe sie selbst hinterhertrat und die Tür verschloss, nur um im nächsten Moment an der Wand nach unten zu sacken, der Müdigkeit in ihren Knochen nachzugeben. Mochte die Wunde auch nicht länger bluten, so wurden die Schmerzen jetzt, da das Adrenalin so langsam nachließ, stärker, pochten die Wunden regelrecht und Brooke musste die Zähne zusammenbeißen, während ihr stumm die Tränen herunterliefen.
    Heiler“, kam es mehr schwach als laut über ihre Lippen, in der Hoffnung, dass Finlay sie noch hören konnte. Nicht, dass Fin nicht auch selbst daran gedacht hatte, immerhin war auch er verletzt. Doch selbst Brooke, die sonst andere vor sich gestellt hätte, die ihnen den Vortritt bei der Versorgung geben würde, wusste, dass ihre Verletzungen sicher nicht ohne waren. Dass sie viel Blut verloren hatte und die Kälte, die Unterkühlung nur bedingt hilfreich gewesen war. Was sie überhaupt mitgebracht hatten, was sie erfolgreich vor den Todesser:innen bekommen hatten, wusste Brooke noch nicht und ja, ausnahmsweise, für den Moment, war es ihr auch egal. Sie waren im Grimmauldplatz angekommen. In Sicherheit. Und sie würde jetzt einfach eine Runde schlafen …

  • Die stickige Ruhe am Grimmauldplatz fühlte sich heute Morgen eher bedrohlich als entspannend an. Während Geraldine gedankenverloren ihren längst erkalteten Tee umrührte, kletterte die Sonne langsam hinter dem Horizont hervor und warf die ersten, schüchternen Lichtstrahlen durch die schmutzigen Fenster. Sie hatte heute Nacht nicht gut geschlafen, immer wieder waren Ceene und sie in ihren Träumen durch indische Ruinen geirrt, dem Gesang eines Phönix folgend, den sie doch nie fanden. Irgendwann hatte Ceenes Gesicht sich in das von Georgina verwandelt und der Gesang des Phönix in das schmerzverzerrte Wimmern von Cuthbert. Schweißgebadet war die Aurorin hochgefahren und hatte festgestellt, dass sie auf dem staubigen grünen Sofa im Wohnzimmer des Ordens eingeschlafen sein musste. Einschlafen konnte sie nicht mehr, daher war sie wie ein Zombie in die Küche geschlurft, wo sie nun Löcher in die Luft starrte und darauf wartete, dass Brooke und Finlay von ihrer Expedition zurückkehren würden. Deverell und Abby hatten ihre Reise nach Amerika gut überstanden, genau wie Ceene und sie - Daher lasteten all ihre Hoffnungen nun auf den beiden. Alle glaubten ein bisschen, dass sie die Antwort für die vielen Probleme des Ordens mitbringen würden, wenn sie zurückkehrten. Dass es endlich ein Ziel geben würde, das sie gemeinsam verfolgen konnten, anstatt blind in einem Heuhaufen herumzustochern. Ein Teil von Geraldine wünschte sich allerdings auch, dass die Nachforschungen der beiden ähnlich unspektakulär abliefen, wie die bisherigen Anläufe. Nach den Geschehnissen des letzten Winters war ihr Appetit nach gefährlichen Abenteuern für immer gestillt.

    Die Tür knarzte nur leise, doch in der morgendlichen Stille schien das Quietschen der Scharniere tausendfach verstärkt zu werden. Endlich! Sofort sprang Geraldine auf, um Brooke und Finlay im Flur in Empfang zu nehmen, für Finlay war es immerhin der erste richtige Einsatz im Namen des Ordens gewesen. Und auch Brooke wollte sie in ihre Arme schließen, immerhin hatten sie bereits einiges zusammen durchgemacht. Mit schnellen Schritten begab die Hexe sich zur Tür und wunderte sich schon, dass die anderen ihr nicht entgegen kamen. Das Gemälde von Walpurga Black grummelte unheilvoll hinter ihrem Vorhang, als Geraldine eilig an ihr vorbeimarschierte, ehe sie abrupt zum Stillstand kam.

    Brooke und Finlay sahen grauenhaft aus. Das Gesicht der jungen Frau war mit getrocknetem Blut bedeckt und eine tiefe, übel aussehende Wunde zog sich quer über eines ihrer Augen. Das intakte Auge blickte fahrig, fast schon weggetreten umher. Brooke zehrte an ihren letzten Kräften und musste sich unbedingt ausruhen - Abgesehen davon, dass jemand dringend ihr Auge untersuchen sollte. Und sie mussten sichergehen, dass sie keine inneren Verletzungen hatte, die sie vielleicht gar nicht sahen. Auch Finlay gab keine gute Figur ab. Er sah müde und abgekämpft aus und sein linker Arm hing schlaff und in einer unnatürlichen Position von seinem Körper herab. Was auch immer in Grönland geschehen war, es war nichts Gutes gewesen. "ELIAS!", brüllte Geraldine so laut sie konnte das Treppenhaus herauf. Dann wandte sie sich Brooke und Finlay zu, sprang in einem einzigen Satz zu ihnen und hakte beide bei sich unter. Mit ihrer ganzen Körperstärke versuchte sie das angeschlagene Duo in einem letzten Kraftakt ins Wohnzimmer zu lotsen, damit sie sich dort auf die Sofas legen konnten. "Was ist passiert?" Sie fragte mehr reflexartig, als wirklich in Erwartung einer Antwort. Bevor sie darüber sprachen, was in Grönland vor sich gegangen war, musste sie ihren Freunden wieder auf die Beine helfen. Quälend langsam schleppten die drei sich durch den Flur, bis sie schließlich die Sitzecke erreichten. So vorsichtig sie konnte, lies Geraldine Finlay in einen Sessel absinken, dann half sie Brooke, sich auf dem Sofa niederzulassen.

  • Nachdem sie aus der Höhle disappariert waren, durfte Finlay am eigenen Körper erfahren, wie furchtbar schmerzhaft es war mit einem gebrochenen Arm, den man nicht fixiert hatte, in einen Strudel der Magie gezogen zu werden. Kaum waren sie wieder aufgetaucht, hatte er Brooke mit heiserer Stimme darum gebeten, seinen Arm zu fixieren. Dank ihres Schals, dessen Ursprungsfarbe einst nicht rot gewesen war, vermochten sie es den Arm des Gryffindors an dessen Körper zu binden, ehe sie mit dem Portschlüssel zurückkehrten. Zurück vor den Grimauldplatz, einen Ort, der schon einmal sein Hafen gewesen war, als sein Körper durch die Handlungen von einer Todesserin gelitten hatte. Doch auch dieses Mal waren seine Verletzungen im Gegensatz zu der Frau an seiner Seite verschwindend gering. Finlay hatte Glück gehabt, auch wenn es sich nicht so anfühlte als er die Schwelle der Tür passierte. Als sein Blick wieder auf Brooke fiel, die langsam an der Wand hinab sackte und deren bleiches Gesicht nur zu deutlich zeigte, wie dringend sie einen Heiler brauchte, um welchen sie auch sogleich bat, fühlte auch Finlay die Erschöpfung in seinem Körper einkehren. Stumm nickte er, zeigte Übereinkunft und sah sich langsam um, wollte sogar seinen Mund öffnen als Geraldines' Stimme bereits erklang. Mit weiten Augen hob Finlay seinen Blick zu der Aurorin und zuckte merklich zur Seite, seine Hand, die den Kelch hielt, ruckte zurück in Richtung seines angebrochenen Zauberstabs - doch er zog ihn nicht. Ließ den Kelch nicht fallen, sondern sah der Älteren einfach einen langen Moment schockiert entgegen, dabei ignorierend, dass seine Kleidung von Brookes' Blut besudelt war und sie gemeinsam eine entsetzliche Figur abgaben. So sahen Gewinner aus. Es gefiel dem Schotten nicht, wie bestimmt Geraldine seinen gesunden Arm nun griff, Brooke und auch ihn mit sich zog. "Ich kann laufen." Platzte es ungehalten über seine Lippen und überraschte ihn selbst, denn Geraldine wollte ihm nur helfen, war eine Verbündete, ein Ordensmitglied - jemandem, dem sie vertrauen konnten. Dennoch entzog er sich ihr, spürte einen starken Unwillen in sich, während er doch mit in das Wohnzimmer trat. Finlay brauchte keine Hilfe, schließlich war er es gewesen, der sie getötet hatte. Stumm presste er seine Lippen aufeinander als sein Blick zu Brooke flackerte, die dank Geraldine auf dem Sofa Platz finden konnte und erst dann, ließ sich der sture Neunzehnjährige auf den nahen Sessel fallen. "Wir haben es." Sprach er schließlich dumpf aus und stellte den metallischen Kelch auf dem flachen Tisch zwischen Sofa und Sessel ab, wo sonst Tee-Tassen ihren Platz fanden. War dies nicht genug? Es war doch offensichtlich, was geschehen war. Sie hatten überlebt. Angespannt fiel sein Blick zurück auf Brooke, während er doch in unheilvoller Erwartung schwieg. Wichtig war nun, dass sie versorgt wurde, man ihr Auge rettete und die Wunde richtig schließen konnte, man ihm den Schmerz aus dem Arm nahm, diesen wieder heilte, damit er ihn verwenden konnte. Unangenehm stachen ihm die Waffen, welche in seinem Gürtel fixiert waren in den Rücken: Sowohl sein zerbrochener Zauberstab, als auch die Muggelwaffe, die sie gerettet hatte. Und doch holte er nichts davon hervor, ertrug diesen Zustand verbissen, während er schweigsam starrend den Blick auf die unverwandelte Werwölfin hielt.

  • Elias war hatte die Nacht im Grimmauldplatz verbracht, um zugegegen zu sein, falls Brooke und Finlay nach ihrer Rückkehr aus Grönland einen Heiler benötigten. Die Erfahrungen der letzten Stationen hatten gezeigt, dass es notwendig war. Und doch, Rückkehr war der Ausgang, auf den sie nur hoffen konnten.

    In dieser Nacht hatte er keinen Schlaf gefunden, hätte beinahe unentwegt an die beiden jungen Menschen gedacht, die sie auf diese Reise geschickt hatten. Er wusste nicht, wie es anders hätte sein können nach dem, was mit Bertie und Georgina geschehen war.

    Er war die Ausstattung in dem notdürftigen Behandlungszimmer des Grimmauldplatzes durchgegangen, hatte notiert, welche Zutaten knapp waren und aufgefüllt werden mussten. Als auch das erledigt war, hatte er schweigend auf einer der Pritschen gesessen und aus dem Fenster geblickt. Mit Geraldine, die ebenfalls im Quartier geblieben war, hatte er nicht sprechen wollen. Es hätte nicht geholfen, die Sorgen zu mindern.

    Und doch war es schließlich ihre Stimme, die zu ihm durchdrang. Elias griff nach seinem Zauberstab und einer Behandlungstasche, auch wenn er nicht verstand, warum nach ihm gerufen wurde, statt Verletzte in dieses Zimmer zu bringen, das sie extra dafür ausgestattet hatten. Er hoffte, dass es nur Verletzungen waren, dass es Sinn gemacht hatte, jemanden in das umfunktionierte Schlafzimmer zu schaffen, dass sie ihn nicht rief, weil die Chance zur Heilung bereits vertan war.

    Und so war es für den ersten Moment Erleichterung, die er empfand, als er das Wohnzimmer betrat und es drei Gesichter waren, die ihm entgegen blickten. Das Blut in Brookes Gesicht, der Arm, der schlaff an Finlay herunter hing nahm er erst auf den zweiten Blick zur Kenntnis. Den Kelch auf dem Tisch nahm er nicht einmal bewusst wahr.

    Elias ließ die Tasche auf den Boden fallen und griff nach seinem Zauberstab. Der Heiler in ihm hatte übernommen und ließ für den Augenblick alles andere in den Hintergrund rücken. Er warf einen kurzen Blick auf Brooke und Finlay, um abzuschätzen, wer seine Hilfe dringender benötigte. Beide waren nicht in einem guten Zustand, Brookes Verletzung erschien jedoch von akuterer Bedrohung und potentiell anspruchsvoller zu behandeln.

    "Geraldine, gib Finlay bitte etwas von dem grünen Elixier in der Tasche. Es sollte ihm etwas Kraft geben." , forderte er das andere Ordensmitglied auf und ging dann vor Brooke in die Knie, um einen besseren Blick auf ihr Gesicht werfen zu können. Die Verletzung bot ein vertrautes Bild, welches er im St. Mungo bereits des öfteren zu Gesicht bekommen hatte. "Darf ich?", er hob den Zauberstab, führte den Diagnosezauber jedoch erst aus, als Brooke ihr Einverständnis anzeigte. Elias runzelte die Stirn, während der Zauber wirkte und ihm erste Erkenntnisse lieferte.

    "Sectumsempra?", erkundigte er sich einen Moment später bei Brooke. Die Blutung müsste bereits gestillt worden sein, weshalb er trotz der bekannten Merkmale des Schnittes erst andere Ursachen in Betracht gezogen hatte. Brooke aber bestätigte seine Diagnose mit einem leichten Nicken.

    Elias verschob jedliche Nachfragen auf später und begann mit der Rezitation des Gegenzaubers. Derjenige von den beiden, der die Erstversorgung der Wunde vorgenommen hatte, hatte zwar die Blutung gestoppt, aber die Wunde nicht verschlossen. Angesichts des Zustandes der Beiden und der ihm unbekannten Umstände, hatten sie zweifelsohne ihr Bestes gegeben. Ausreichend war es nicht. Er ahnte bereits, dass es zu spät war, um mit Hilfe von Diptam eine vollständige Heilung zu erreichen. Schwarze Magie ließ sich nicht ausradieren und je länger sie ihre Wirkung entfalten konnte, desto verheerender war der Schaden. Die Verletzung in Brookes Gesicht schloss sich, nachdem er die Formel zum dritten Mal gesprochen hatte, doch sie blieb rötlich und vernarbt. Das Auge trüb. "Accio Diptam", Elias streckte die Hand aus und griff nach der Salbe. "Soll ich sie auftragen?" er blickte in das unverletzte Auge Brookes. Er wusste, dass nicht alle Berührungen ihr angenehm waren. Er verstand.

    Auf Finlay und Geraldine hatte er kaum geachtet, hoffte aber, dass die Aurorin seiner Anweisung gefolgt war. Er wusste nicht, was genau mit Finlays Arm geschehen war, er hatte jedoch bereits zu viele misslungene Versuche von Heilungen gesehen, um die Behandlung guten Gewissens an Laien auf dem Gebiet abzugeben. Von verschwundenen Knochen über zusätzliche Auswüchse und unnormal geschwollene Gliedmaßen hatte er bereits alles gesehen, auch wenn Geraldine als Aurorin sicherlich die einfacheren Heilzauber beherrschte.

  • Geraldine und sie hatten eine einzelne Phönixfeder aus Indien mitgebracht, Deverell und Abby einen völlig unmagischen Löffel aus den USA. Alle Hoffnungen ruhten daher auf Fin und Brooke, die sich in dieser Nacht nach Grönland aufgemacht hatten. Wenn auch sie mit leeren Händen zurückkehrten, waren die letzten Wochen für sie alle reine Zeitverschwendung gewesen. Zeit, die sie besser darauf hätten verwenden können, Circe nachzuspüren. Aber noch war es zu früh, ein Urteil zu fällen und darum gab sich Ceene größte Mühe, den angestauten Frust so klein wie möglich zu halten, auch wenn es ein zähes Ringen war. Sie glaubte einfach nicht daran, dass die Jagd nach den Sternenbildern ihnen irgendetwas Nützliches einbrachte. Wahrscheinlich blieb auch Fin und Brooke nichts anderes übrig, als für eine Weile die Polarlichter zu bestaunen und dann ohne nennenswerte Entdeckung zurückzukehren. Trotzdem wartete Ceene nicht erst den nächsten Morgen ab, um in das Ordensquartier zurückzukehren. Es war eigenartig. Obwohl sie der Überzeugung war, dass auch dem letzten ausgesandte Duo kein Erfolg vergönnt sein würde, fühlte sie sich rastlos. Sie hatte versucht bei ein paar Gläsern Gin Entspannung zu finden, aber je weiter der Stundenzeiger von Mitternacht abgerückt war, desto unruhiger war sie geworden. Bis sie es einfach nicht mehr ausgehalten und sich ihren Mantel geschnappt hatte. Kai hatte sie schlafen lassen. Was hätte es auch genützt, sie zu wecken? Sie musste ja nicht gleich zwei Leute aus unerfindlichen Gründen aufscheuchen.
    Der Grimmauldplatz war bei Ceenes Eintreffen noch vollkommen verwaist, obgleich sich die Sonne hinter den hoch aufragenden Fassaden bereits deutlich erahnen ließ. Hinter einigen Fenster brannte bereits Licht, irgendwo gluckerte ein Wasserkocher, aber noch hatte sich keiner der Anwohner auf die Straße verirrt. Dass die junge grünhaarige Frau ohne sich zu bewegen plötzlich vor Haus Nr. 12 und nicht mehr vor Nr. 11 stand, bemerkte folglich niemand.
    Ceene legte ihre Hand auf den Türknauf, nur um ihn sofort wieder loszulassen. Irritiert sah sie auf ihre Handinnenfläche, die sich stellenweise rot verfärbt hatte. Ihr Blick wanderte zum Türknauf, der mit einem dünnen Film rötlicher Flüssigkeit benetzt war - Blut. Ihr Magen zog sich zusammen, der Puls schoss in die Höhe.
    Mit fliehenden Schritten flog die Achtundzwanzigjährige durch die Tür. Sobald sie im Flur war, hörte sie Stimmen, die aus dem Wohnzimmer drangen. Finlay, Elias. Hastig überbrückte sie die fehlenden Meter, nur um im Türrahmen abrupt stehenzubleiben. Sie brauchte eine Sekunde, um das Bild, das sich ihr dort bot, überhaupt verarbeiten zu können. Elias kniete vor Brooke, die jedoch kaum wiederzuerkennen war. Ihre linke Gesichtshälfte war von tiefen, blutroten Rissen durchzogen, die Augenhöhle von geronnenem Blut eingerahmt, der Augapfel trüb und erstarrt. Ceene presste die Zähne zusammen und atmete angestrengt durch die Nase, bis sie sicher war, dass sie sich nicht übergeben musste.
    Finlay sah bei weitem nicht so schlimm wie Brooke aus, aber auch er hatte dringend Hilfe nötig. Sein Arm mochte mit einem blutgetränkten Schal an seinem Körper fixiert sein, aber es war offensichtlich, dass noch keine Zeit geblieben war, den Bruch zu heilen, der die Maßnahme überhaupt erst hatte notwendig werden lassen.
    “Was kann ich tun?”, wollte Ceene von Elias wissen und warf ihren Mantel achtlos hinter sich in den Flur, “Ich bin eine beschissene Heilerin, aber ich kann dir aus einer Wollmaus eine Schiene basteln, wenn's sein muss."

  • Schlafen. Einfach nur schlafen. In die Dämmerung gleiten, die Dunkelheit. Sicher würde dann alles nicht mehr so schmerzen, würde einfacher werden. Sie hatten es zurück in den Grimmauldplatz geschafft. Hatten das geborgen, was es auch immer in dieser Höhle gegeben hatte. Sie hatten dem Tod ins Auge geblickt und überlebt. Und ihrerseits sogar zwei Menschen mitgerissen. Es war zu viel, um das jetzt zu verarbeiten, sie brauchte nicht länger drüber nachzudenken. Einfach wegdösen … Die laute Stimme erklang wie ein Misston in Brookes Kopf und ein leises Murren wollte über ihre Lippen kommen, doch sie war viel zu müde dafür. Auch zu müde, um sich gegen den Zug in ihrem Körper zu wehren, der Schmerzwellen in ihr Gesicht schickte und sie aufstöhnen ließ. Warum wurde sie hier weggezogen? Sie saß gerade so friedlich, sie war doch schon am Schlafen … Doch der Zug war unerbittlich, schleppte sie mit, ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Langsam kamen ihre Gedanken aus der Dunkelheit zurück, nahm sie wahr, was gerade geschah, hörte sie Finlays Stimme, die genauso wenig begeistert von diesem Zug zu sein schien wie sie selbst. Irgendwann spürte sie etwas Weiches unter sich, spürte, dass der Zug in ihrem Körper nachließ und ließ sich zurückfallen, die Lippen zusammengepresst, denn jede Bewegung, jedes Vibrieren in ihrem Körper löste Schmerzen aus.
    Erst langsam, als sich eine Person in ihr Blickfeld schob, ein Schatten, der irgendwie zu klein wirkte. Es dauerte eine ganze Weile, bis Brooke realisierte, dass das daran lag, dass jemand vor ihr kniete. Eine Stimme, die sie kannte, die sie direkt ansprach, eine Frage stellte. Es kostete die Hexe einiges an Kraft, sich nicht wieder der Dunkelheit und Ruhe hinzugeben, sich darauf zu konzentrieren, was hier passierte. Die Wärme im Haus war einlullend, doch im Vergleich zu Grönland war wohl vieles warm. Doch da war ein Gesicht, blaue Augen, die sie fragend und ernst anblickten. Ein Nicken ihrerseits, ehe sie verharrte und dann weitere Fragen kamen. Sectumsempra? Langsam verschwand das Geflimmere, war sie wieder wach genug, um endlich zu sehen, wer dort vor ihr saß. Elias, ganz der Heiler, der er einst gewesen war und der sich bereits um sie kümmerte. Warum waren sie im Wohnzimmer gelandet? Doch da war auch Finlay, der etwas murmelte, Geraldine, die sich um ihn zu kümmern schien. Brookes Blick glitt zurück zu ihrem WG-Partner, ehe sie erneut nickte. „Ich habe versucht …
    Ihre Stimme war schwerfällig und das Ziehen in ihren Narben wurde stärker, ehe sie verstummte. Es war egal, was sie versucht hatte. Elias würde es sehen können und versuchen, das Bestmögliche aus dem, was zu machen war, herauszuholen. Es kümmerte Brooke letztlich doch auch nicht wirklich, was das Bestmögliche war. Sie hatten es rausgeschafft, hatten Erfolg gehabt, zumindest konnten sie es so nennen. Und während Elias sie behandelte, sich um ihr Gesicht kümmerte, kamen die Erinnerungen an die letzten Stunden hoch, ließen sich nicht abstellen, ehe sie plötzlich erneut eine Frage an sich gerichtet hörte. Erneut richtete sie ihren Fokus auf Elias, auch wenn das Bild noch ein wenig verzerrt wirkte. Ein Funke eines Lächelns, nur kurz, lag auf ihren Lippen, doch dann versiegte es und erneute nickte sie. Sie wusste, dass er es wusste. So wie sie es wusste. Doch sie vertraute ihm, es war okay.
    Es dauerte einen Moment, bis sie die nächste Person im Raum wahrnahm. Ceene stand im Türrahmen, doch Brooke konnte nicht genau ausmachen, was genau los war. Ihre Ohren nahmen noch immer nicht viel von der Umgebung wahr, hatten dieses feine Pfeifen vom Apparieren und dem Portschlüssel im Ohr. Doch in dem Moment, in dem Ceene das Thema Schiene einbrachte, versuchte Brooke zu Finlay zu sehen, ohne den Kopf dabei zu drehen. Sie konnte ihn nicht richtig wahrnehmen und für einen Moment beschleunigte ihr Herzschlag wieder, die Panik aufsteigend, die sie auch vor Ort gespürt hatte. „Finlay?!“ Ihre Stimme klang kratzig, doch erneut besorgt, darauf wartend, dass sie hörte, dass alles okay war. Dass er hier war. Dass es ihm gut ging. Erinnerungen, die sie ergriffen, die sie den Blick auf Elias richten ließ, sprechend, nicht wissend, ob nur er oder die anderen sie hörten. „Es war der richtige Ort. Sie waren auch da. Wir haben sie … Haben …“ Erneut glitt ihr Blick rastlos durch den Raum, auf der Suche nach Finlay. Erklären wollend, was geschehen war, es selbst jedoch noch nicht richtig verarbeitend. Und dann war da dieses Bild von diesem Steinhaufen, das Geräusch der Schüsse, die in ihren Ohren widerhallten und für einen Moment war da kein Raum zu denken, zu wissen, dass auch Elias Berührung nicht als angenehm empfand. Nicht immer. Doch der Horror, die Erkenntnis hatte sie gepackt und so griff sie nach dem Arm, der sich noch vor ihr bewegte, der die Salbe auf ihrem Gesicht auftrug, ehe sie den Blick auf das Blau seiner Augen richtete. „Sie sind tot.“ Es war eine Erkenntnis, die viel schwerer wog als all die Schmerzen. Die viel tiefer ging. Sie hatten zwei Menschen umgebracht. Zwei Menschen. Mochten sie Todesser:innen sein, mochten sie davor gestanden haben, Brooke und Finlay umzubringen. Es änderte nichts. Sie hatten zwei Menschen getötet.

  • Wie ein fauchender Hund riss sich Finlay von Geraldine los, die erschrocken stolperte und sich an der Sessellehne festklammern musste, um nicht hinzufallen. Erst jetzt bemerkte sie die roten Flecken auf der Kleidung des jüngsten Ordensmitglieds. War es sein Blut, oder das von jemand anderem? Sie wusste es nicht.

    Mit grimmiger Miene knallte Finlay einen Kelch auf den wackeligen Wohnzimmertisch, der kurz ins Wanken geriet. Wir haben es. So hoch der Preis auch gewesen war, zumindest waren Brooke und er nicht umsonst so übel zugerichtet worden. Nach einem Sieg fühlte sich diese ganze Sache jedoch nicht an. Sie war sich nicht sicher, ob für Brookes Auge noch Hoffnung bestand und auch bei Finlay machte sich die Aurorin Sorgen, wie viel Schaden er wirklich davon getragen hatte. Immer wieder hatte sie in den letzten Monaten daran denken müssen, dass Prudence, seine Freundin, die Geraldine bereits kennengelernt hatte, schwanger war. Wenn Finlay etwas zustieß, würde er ein Kind ohne Vater hinterlassen. Ein Gedanke, der ihr jedes mal das Herz zerriss und sie infrage stellen ließ, ob es nicht doch viel zu gefährlich war, was sie hier taten. Aber in Finlay schlug das Herz eines wahren Gryffindors, er hatte sich von ihren Befürchtungen bisher noch nicht aus der Ruhe bringen lassen. Im Gegenteil.

    Noch nie war Geraldine so froh gewesen Elias Cooper zu sehen, wie an diesem Tag. Erleichtert atmete sie auf, als der Arzt des Ordens (abgesehen von Levin natürlich) mit geübten Griffen begann, Brooke zu untersuchen und Geraldine sagte, was sie tun sollte. In ihrer Ausbildung zur Aurorin hatte sie zwar gelernt, einiges an Verletzungen zu behandeln, aber ihre Lehrjahre waren schon lange her. Außerdem hatte sie keine Ahnung, was mit Brooke und Finlay geschehen war - Im schlimmsten Fall würde sie die Misere nur schlimmer machen anstatt zu helfen. Gerade als die Hexe in Elias' Tasche herumzuwühlen begann, um das grüne Elixier zu finden, von dem er sprach, flog die Tür des Wohnzimmers abermals auf. Dieses mal war es Ceene, die hereinstürmte. Ihre Worte entlockten Geraldine ein trockenes Lachen, auch wenn es seltsam fehl am Platz wirkte. Selbst inmitten einer Krise wie dieser fand ihre persönliche Nemesis beim Orden noch Zeit für einen kleinen Scherz. Wollmäuse würden sie hier nicht finden, aber vielleicht konnte sie ihr trotzdem mit einer Schiene helfen. "Ceene, wir haben doch Verbandszeug in der Küche oder? Kannst du mal gucken, ob da noch eine Schiene für Finlays Arm ist, in dem Regal über dem Toaster?" Sie war beileibe keine Heilerin, aber es war das erste was Geraldine einfiel. Kurz schaute sie zu Elias, um ihm die Gelegenheit zu geben, eine andere Anweisung zu geben, falls er einen besseren Einfall hatte. Er war ganz vertieft über Brookes Gesicht gebeugt.

    Ratlos schaute die Aurorin zurück zu der kurzhaarigen Hexe und zuckte mit den Schultern. Sie war froh, dass die andere da war, aber eine schlauere Aufgabe hatte sie leider nicht. Mittlerweile hatte sie das grüne Elixier gefunden und löste vorsichtig den Korken, bevor sie Finlay das Gebräu vor die Nase hielt. Sie würde es ihm nicht mit Gewalt die Kehle runterspülen, den Fehler ihn bemuttern zu wollen machte sie nicht noch einmal. Stattdessen drückte sie ihm das Fläschchen in seine gute Hand und hoffte, dass er es freiwillig trinken würde.

    Zeitgleich hörte sie Brookes Stimme, die angsterfüllt Finlays Namen röchelte, so als habe sie Angst, dass er nicht mehr hier war. Es tat weh, sie so zu sehen. "Finlay ist hier Brooke, er wird schon wieder", sagte sie und drückte sanft die Hand der jungen Frau. Sie traute sich kaum, die Finger von Brooke zu berühren, denn sie wollte nicht aus Versehen noch einen weiteren angeknacksten Knochen brechen. Die junge Frau sah so zerbrechlich aus, dass Geraldine Angst hatte sie würde einfach in sich zusammenfallen wie ein einstürzendes Kartenhaus. Die nächsten Worte von Brooke ließen Geraldine das Blut in den Adern gefrieren. Die Todesser waren auch in Grönland gewesen. Und sie waren tot. Die Erkenntnis, dass heute Nacht zwei Menschen gestorben waren, setzte sich nur ganz langsam im Geist der Aurorin ab, die unfähig war, etwas dazu zu sagen. Angsterfüllt sah sie in die Gesichter von Ceene, Elias und kurz auch die von Finlay. Was bedeutete das für sie alle? Und welche Todesser waren es gewesen, die im ewigen Eis begraben lagen?

  • Der Ausgang dieser letzten Reise schien mehr als nur einem Ordensmitglied die Nachtruhe geraubt zu haben. Auch Ceene war im Türrahmen des Wohnzimmers aufgetaucht und bot sogleich ihre Hilfe an. Bevor Elias jedoch etwas erwidern konnte, wurde seine Aufmerksamkeit von Brooke beansprucht, die in Bruchstücken Teile ihrer Mission wiedergab. Bereits der Zustand von ihr und Finlay hatte offengelegt, dass sie jemanden begegnet sein mussten. Irgendwie hatte etwas in Elias angenommen, dass sie die Verliererinnen dieser Begegnung gewesen sein mussten. Vielleicht, weil es bisher beinahe immer so gewesen war. Sie reagierten nur. Sie versuchten zu helfen und scheiterten zu oft. Elias hatte sich in gewisser Weise immer als Pazifist betrachtet. Er wollte nicht zu den Mitteln greifen, die die Todesser nutzten. Er wollte keine Wunden hinterlassen, die nicht mehr heilten. Der Zweck heiligte die Mittel, sagte man, aber letztendlich gab es nur Mittel und der Zweck war kein Ende, nur eine Zwischenstation, eine Momentaufnahme. Aber er wollte auch nicht wehrlos und hilflos sein und er wollte niemanden dazu verdammen, sich im Namen des Friedens ohne Kampf zu ergeben. Ihre Gegnerinnen hatten keine Skrupel und sie würden nicht aufgeben, wenn sich ihnen niemand entgegenstellte. Sie hatten es bereits mehr als einmal bewiesen.

    Er mochte manche Abwandlungen der jüngeren, radikaleren Ordensmitglieder nicht teilen. Aber er hatte bereits einen Krieg erlebt. Er wusste, dass es nicht mehr darum ging, der bessere Mensch zu sein, manchmal ging es nur noch darum, zu überleben. Sie hatten keine klaren Fronten, keine einfachen Entscheidungen, keinen Raum für Heldentum.

    Für einen Moment schwieg er, nachdem Brooke es ausgesprochen hatte. Zum ersten Mal nahm er den Kelch war, der auf dem Tisch stand. Er blickte wieder zu Brooke, als Geraldine zu ihnen trat und die Hand der jungen Frau ergriff. Er spürte, wie Brookes Hand ihn fester umklammerte.

    "Ihr habt überlebt und ihr habt getan, was dafür nötig war.", erwiderte er schließlich, denn auch wenn er nicht wusste, was geschehen war, so zweifelte er daran nicht. Es war kein Trost. Er glaubte nicht, dass es in diesem Moment wirklich einen gab.

    Bevor er sich wieder seinen Patientinnen widmen konnte, galt es jedoch erstmal, die beiden anwesenden Frauen von ihren Plänen abzuhalten, die sich Elias nicht Recht erschlossen. Im Augenblick hätte er wesentlich lieber Levin an seiner Seite gewusst.

    "Eine Schiene ist nicht nötig. Ich werde mir Finlay gleich anschauen. Er muss nicht mehr transportiert werden und wir müssen ihm auch keine unnötigen Schmerzen zufügen, ohne den Arm untersucht zu haben.", bemerkte er mit einem knappen Blick auf Geraldine und ließ die Frage, warum sie Verbandszeug im Küchenschrank aufbewahrte ungestellt. Im Augenblick hatte es keine Relevanz. "Geraldine, wieso kümmerst du nicht um diesen... Kelch und verstaust ihn an irgendeinem sicheren Ort, bis jemand Zeit hat sich damit zu befassen . Das sind deine Kompetenzen vermutlich sinnvoller eingesetzt. Ceene, ich denke frische Kleidung wäre eine Hilfe. Diese hier ist verschmutzt und feucht.", er nickte kurz in die Richtung der Beiden, im Augenblick fehlte ihm die Geduld, sich höflich mit unhilfreichem Tatendrang auseinanderzusetzen. Die Heilerei war sein Gebiet und im Moment erschien es ihm am Besten, wenn Geraldine und Ceene sich anderen Aufgaben widmeten.


    //Ich habe mit Finlay getauscht, der kommt dann als nächstes zum Zug!

  • Abgelenkt flackerte Finlays' Blick zu Elias, der sich um die Verletzungen von Brooke kümmerte. Sorge mischte sich in seinen Blick, verhinderte, dass sich sein angespannter Körper auch nur ansatzweise beruhigen konnte. Elias kann ihr helfen. Wenn jemand, dann er. Fahrig strich sich Finlay mit der rechten Hand durch sein Gesicht, während Geraldine bereits nach dem Elixier zu suchen schien, dass Elias für ihn vorgesehen hatte. Sie mussten Brooke einfach heilen können, ihr Auge retten, dass durch den Fluch so sehr gelitten hatte. Schnelle, feste Schritte näherten sich dem Wohnzimmer und ließen Finlay zum Türrahmen starren, in welchem mit einem Male Ceene stand. Der junge Schotte hätte es nicht erklären können, doch der Anblick von Ceene gab ihm ein Gefühl von Sicherheit, zu wissen, dass sie nun hier war und genauso wie Elias und Geraldine da war, nahm ihm ein wenig der Anspannung, die seinen Körper solche Anstrengung kostete. Sie waren im Grimmauldplatz, gleich auch wer kommen würde, wäre ein Freund und würde ihnen helfen. Brookes' Stimme ließ ihn jedoch seinen Kopf wieder zur Seite reißen, trotz des Elixiers, welches Geraldine ihm mit einem Male vor die Nase hielt. Mit seiner unverletzten Hand umgriff er es, richtete seine Aufmerksamkeit jedoch zunächst noch auf Brooke. Nachdem Geraldine bereits beruhigende Worte in Richtung der Verletzten gesprochen hatte, sprach auch Finlay, wollte Brooke die Sorge nehmen, dass er nicht wie auch sie in Sicherheit war. "Ja, ich bin hier. Es geht mir gut." Doch es ging ihm nicht gut, nicht einmal im Ansatz. Sein gebrochener Arm tat hierbei nichts zur Sache, war für Finlay tatsächlich keine zu große Sache, anders als das was Brooke passiert war, welche auf brutale Weise von den Todessern aus der Luft gepflückt worden war und die beinahe gestorben wäre. Sie hatten sie töten wollen, einfach so, nicht einmal befragen oder ähnliches. Nein, die Todesser machten offenbar keine Gefangenen mehr. Flüchtig richtete sich sein Blick auf Ceene, während Brooke begann bruchstückhaft zu erzählen, was geschehen war und erst jetzt setzte Finlay das Elixier an seine Lippen und trank davon. Die stärkende, wärmende Wirkung breitete sich in seinem Körper aus und gab ihm tatsächlich Kraft, die er in Grönland verloren zu haben schien.

    Sie sind tot. Das waren sie, aber wie hätte er auch anders handeln können? Sie waren im Krieg und es hatte sich nur eine einzige Frage gestellt: Wir oder sie. Die Antwort war Finlay überraschend leicht gefallen, geradezu instinktiv, obschon er wusste, dass es eine bewusste Entscheidung gewesen war. Der Umstand, dass Elias die Ereignisse nicht zu verurteilen schien, half Finlay ungemein nicht zu sehr in seinem Bewusstsein abzutauchen. Er stellte den Flakon auf dem Tisch vor sich, neben den Kelch, welchen sie gefunden hatten und rückte unbewusst etwas zurück. Für den Moment schloss er gar die Augen, während die Anweisungen des Heilers durch den Wohnraum hallten und Finlay doch nur an das denken konnte, was in seinen Rücken stach. "Sie waren zu Zweit und hatten die andere Hälfte." Einatmend öffnete Finlay wieder seine Augen und sah zunächst gen Geraldine, vermochte es aber nicht die Aurorin lange anzusehen. Stattdessen richtete er seinen Blick auf Ceene, von der er zu wissen glaubte, dass sie ihn für das, was er getan hatte, niemals verurteilen würde. "Wir haben gegen sie gekämpft, aber sie waren zu stark und... haben uns von den Besen geholt." Und beide Besen hatten sie zurückgelassen, lagen nun irgendwo im Schnee von Grönland. "Sie wollten Brooke töten. Sie hätten uns sicher beide getötet." Rechtfertigend verharrte sein Blick aus weiten Augen auf Ceene, denn Finlay wollte nicht zur Aurorin sehen, von der er vielleicht zwei Freunde oder Bekannte getötet hatte. Personen, die ihre Feinde waren, eiskalte Mörder, die nicht einmal gezögert hatten, als sie auf Brooke zugegangen waren. Wie konnte man solche Personen als Freunde zählen? "Ich musste es tun." Hörbar ausatmend zog Finlay nun seinen kaputten Zauberstab hervor, legte ihn auf den Tisch, dichtgefolgt von der inzwischen leeren Muggelpistole, einer Glock, deren Magazin er restlos in Richtung der Todesser gefeuert hatte.

  • Es war eigenartig. Fin und Brooke hatten mit Todessern gekämpft und dieses Mal hatte der Orden, auch wenn es beim Anblick der beiden nur schwer vorstellbar war, das Aufeinandertreffen für sich entschieden. Brooke und Finlay hatten triumphiert. Nicht nur, dass sie diesen Kelch erobert hatten, sie waren auch im Stande gewesen mehrere Todesser zu eliminieren. Ceene hätte gedacht, dass sie, bei all den finsteren Gedankenspielereien und Gefühlen, die sie überkamen, wenn nur allein der Name Circe Pendergast genannt wurde, eine solche Nachricht regelrecht berauschen würde – aber nein. Das Wissen, dass die Todesser nun ihrerseits Verluste zu beklagen hatten, sorgte bei ihr nur für grimmige Genugtuung. Aber es fühlte sich bei weitem nicht so gut an, wie sie es erwartet hatte. Änderte das irgendetwas an ihrem Wunsch, Circe für ihre Verbrechen bezahlen zu lassen? Absolut nicht. Die Sache zwischen der Todesserin und ihr war persönlich, fast schon unabhängig vom Kampf des Ordens gegen den Dunklen Lord und seine Gefolgschaft. Ein Nebenkriegsschauplatz, der zwar mit dem großen Konflikt in Verbindung stand, aber auch unabhängig von diesem existierte.
    Geraldine wollte sie, unnötigerweise, in die Küche schicken, um eine Schiene für Finlays Arm zu besorgen, aber Elias widersprach ihr und sein Wort hatte in dieser Situation definitiv mehr Gewicht.
    Also rührte sich Ceene nicht von der Stelle und sah stattdessen zum ersten Mal bewusst zu der Eroberung, die vor Fin auf dem Tisch stand. Ein simpler Kelch, der in dieser Umgebung nicht einmal weiter herausstach. Hätte Ceene nicht gewusst, was es mit diesem unscheinbaren Trinkgefäß auf sich hatte, sie hätte es nicht weiter beachtet.
    Die Gelegenheit, sich näher damit zu befassen, blieb jedoch aus, denn Finlay begann zu sprechen und etwas mehr Licht ins Dunkle zu bringen. Während er berichtete, in was die beiden in Grönland geraten waren, hielt er den Blickkontakt mit ihr fast durchgängig aufrecht. Er hatte sie aus dem Feuer geholt, seinetwegen war sie noch am Leben. Er konnte auf sie zählen, ganz gleich, was passiert war. Sie würde ihn nicht dafür verurteilen. Und noch bevor er es aussprach, wusste Ceene, dass er es getan hatte. Dass er die beiden Todesser ausgeschaltet hatte.
    Trotzdem blickte sie ihm kurz darauf ungläubig ins Gesicht. Jedoch nicht wegen seines Geständnisses, sondern wegen der Pistole, die er vor sich ablegte. Es war das erste Mal, dass Ceene eine solche Muggelwaffe in Echt sah. Ein kleines, mechanisches Gerät, das nur einem einzigen Zweck diente: Leben zu nehmen. Und anscheinend hatte Finlay es erfolgreich zum Einsatz gebracht. Wie demütigend für die Todesser, die sich den Muggeln doch in quasi allen Belangen überlegen fühlten. Die in ihnen eine minderwertige Art von Menschen sahen. Aber gegen Kugeln waren ihre Zauberstäbe nun einmal genauso nützlich wie ein stinknormaler Ast.
    Natürlich drängte sich auch Ceene die Frage auf, warum Fin eine solche unmagische Waffe besaß, aber die Antwort darauf würde nichts daran ändern, dass sie heilfroh war, dass er sie auf die Mission mitgenommen hatte. Denn so wie es sich darstellte wären Brooke und er ansonsten vielleicht nicht mehr zu ihnen zurückgekehrt.
    “Niemand von uns wird dir einen Vorwurf machen”, versprach sie Finlay und damit nahm sie auch alle anderen Ordensmitglieder in die Pflicht, allen voran Elias und Geraldine. Seit Gias Tod wussten sie alle, dass die Todesser nicht davor zurückschreckten, diejenigen, die sich ihnen in den Weg stellten, zu töten und dass das in letzter Konsequenzen bedeutete, dass auch sie nicht davor zurückschrecken durften. Natürlich gab es für Zauberer und Hexen auch andere Möglichkeiten, Menschen handlungsunfähig zu machen. Aber wenn es nur noch um das nackte Überleben ging, wenn das eigene Leben davon abhing, seinen Widersacher zu töten, wenn einem jede andere Wahl genommen wurde, dann musste jedes Mittel erlaubt sein. Und wenn es eine Pistole war.
    “Du hast Brooke und dich gerettet. Das ist alles, was wichtig ist. Dass ihr überlebt habt.”
    Dass sie auch noch den Kelch (was auch immer es damit auch auf sich hatte,) für den Orden gesichert hatten, war angesichts dessen, was ihnen in Grönland widerfahren war, fast schon irrelevant.
    Für die gewünschte saubere Kleidung mussten zwei der alten Wandbehänge dran glauben. Ceene verwandelte sie mit ein paar wenigen kunstvollen Schwüngen ihres Ebenholzstabs in gemusterte Pyjamahosen mit jeweils passendem Oberteil. Der Schnitt war schlicht, die Passform zweckmäßig. Kein Meisterwerk, aber auf jeden Fall besser als die durchgeweichte, verschmutzte und blutgetränkte Kleidung, die Brooke und Fin gerade an den Leibern trugen.


    ____

    Entschuldigt bitte die Wartezeit.

  • Die Erinnerungen an die Nacht drangen langsam deutlicher vor, schlichen sich nun, da sie in Sicherheit waren, in jede Pore ihres Körpers. Waren sie vor Ort noch halbwegs routiniert gewesen, hatte Brooke zumindest versucht, dort die Fassung zu wahren, sich nicht von den Geschehnissen einholen zu lassen, trat nun all das in den Vordergrund. Die Angst, die sie nach den Schüssen verspürt hatte, die Sorge um Finlay, die Worte des Todesfluchs, der halb gesprochen und nur durch Finlays Eingreifen nicht ausgesprochen worden war. Sorge übermannte sie, doch statt Finlay war es Geraldine, die nun das Wort ergriff und nach Brookes Hand fasste. Ein Teil ihres Körpers spannte sich an und ohne, dass sie es bemerkte, klammerte sie sich mit der anderen Hand fester an Elias. Nicht, weil sie Geraldine nicht vertraute. Nicht, weil sie die Hexe nicht sogar bis zu einem gewissen Grad mochte. Und ja, es hätte sogar ein Symbol sein können, hätte deutlich machen können, dass Geraldine von ihren doch sehr geradlinigen, reinblütigen Ansichten immer weiter abwich, dass sie ohne jedes Problem einen Werwolf berührte. Doch es war das zweite Mal heute, dass die Hexe ihr ungefragt nahekam und auch wenn Brooke das inzwischen meistens akzeptieren konnte, war dafür hier, jetzt, nicht mehr viel Raum.
    Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, doch sie konzentrierte sich auf andere Dinge, auf die Schrecken des Abends und während sie abgehackt zu erzählen begann, wusste sie nicht, ob sie sich dem Strudel an Emotionen, der sie umspülte, hingeben sollte, hier, vor allen, die im Raum waren. Oder ob sie diesem dumpfen Gefühl, dieser Benommenheit, nachgeben wollte, als wäre alles noch surreal. Nur leise kamen Elias‘ Worte bei ihr an, ließen sie mechanisch nicken, ehe sie wie eine Unbeteiligte Finlays Worten lauschte, seiner Erklärung. Es klang alles so seltsam, als würde er nicht von ihnen berichten. Sie wollten Brooke töten. Sie hätten uns sicher beide getötet. Eine andere Brooke, ein anderes ‚uns‘. Da war noch kein Raum für die Erkenntnis, dass sie beinahe gestorben waren, denn noch war sie in dem Strudel der Erinnerungen gefangen. Noch war da rein die Erkenntnis, dass zwei Menschen wegen ihnen gestorben waren. Auch Ceenes Worte gingen unter, auch wenn Brooke ihr später zustimmen würde. Sie würde Finlay keinen Vorwurf machen, ihm dankbar sein. Denn ja, er hatte es tun müssen, hatte sie gerettet, bevor sie umgebracht worden wäre. Da gab es keine Diskussion. Doch noch war sie nicht an diesem Punkt, versuchte etwas zu verarbeiten, was zu viel war nach all dem, was in dieser Nacht geschehen war.
    Alles schien in diesem Augenblick noch in Watte gepackt, lag hier viel zu viel Aufmerksamkeit im Raum und so war da ein Funke an Erleichterung, dass sich die Augen Finlays zugewandt hatten, nachdem er mit seinem Bericht begonnen hatte. Wie mechanisch griff Brooke zu dem Pyjama, als Elias sich erhob und Fin versorgen wollte. Worte drangen an ihr Ohr, doch da war noch immer kein Raum, sie schienen nicht durchzukommen, während die Hexe aufrecht stehend erst einmal das Auge schließen und den Schwindel beruhigen musste, ehe sie begann, sich im Raum umzuziehen. Es störte sie nicht, auch nicht, dass man die Narben des Werwolfangriffs sehen konnte, die sie sonst immer zu verbergen versuchte. All das war nichts im Vergleich zu den Worten, die immer wieder durch die Watte in ihrem Kopf durchdrangen, die sie wohl die nächsten Wochen noch begleiten würden.
    » „Avada-“ Ein Schauer lief ihr über den Rücken und als sie endlich aus der verdreckten, blutgetränkten Kleidung draußen und im Pyjama war, konnte sie nicht mehr viel machen als sich zurück auf die Couch sinken lassen.
    » „Avada-“ Den Kopf gesenkt, die Füße auf das Sofa angezogen, versuchte sie sich so klein und unauffällig zu machen wie möglich. Als ob sie verschwinden könnte. Doch all das half nichts, denn während sie zuerst versucht hatte, zu verarbeiten, dass sie zwei Menschen getötet hatten – auch wenn diese Todesser:innen gewesen waren – so kam nun die nächste Erkenntnis, die sich wie eine eisige Faust um ihre Brust legte. Eine Erkenntnis, die gleichzeitig die Luft abschnürte und Erleichterung brachte, denn auch wenn Brooke an sich keine Angst vor dem Tod an sich hatte, so war das Erleben des Moments, zu realisieren, dass man dem Tod ins Auge geblickt hatte, etwas anderes. Die Erinnerungen überfluteten sie und Brooke merkte gar nicht, dass die Tränen aus ihrem Auge rannte, ihre Schultern sich beim Schniefen hochzogen, während sie immer und immer wieder die Wort ein ihrem Kopf wahrnahm.

  • Elias ging davon aus, dass Geraldine und Ceene seinen Anweisungen folgen würden und ein kurzer Blick in die Richtung der Beiden, schien diese Annahme zu bestätigen. Finlay hatte derweil ebenfalls zu sprechen begonnen und die Andeutungen von Brooke zu einem etwas verständlicheren Bild vervollständigt. Für einen Moment schwieg Elias, die Augen für einige Sekunden auf die Pistole gerichtet, die der Junge offenbart hatte. Er wollte weder Finlay noch den folgenden Worten von Ceene widersprechen. Die meisten Menschen hätten bei der Verteidigung des eigenen Lebens vermutlich ihre pazifistischen Wunschvorstellungen abgelebt. Und wie hätte er sie verurteilen können, wenn es der Orden und indirekt auch er selbst gewesen war, der sie in diese Situation erst geschickt hatte. Für einen Moment fragte er sich, was Fiona gedacht hätte, hätte sie gewusst, in welche Geschicke ihr Sohn sich verwickelt hätte. Vermutlich hätte sie es nicht gewollt. Wäre lieber selbst in den Widerstand gegangen, als ihr Kind in solcher Gefahr zu wissen. Er kannte Finlays Vater nicht wirklich, doch anhand von den Aussagen von Fiona und den Gesprächen, die er in den Jahren ihres Mungoaufenthalts mit ihren Kindern geführt hatte, leitete er ab, dass der Mann nicht die gleiche Präsenz im Leben der Aileanach-Kinder gehabt hatte.

    Es war keine Verurteilung der beiden jungen Menschen vor ihm, die ihn für einige Zeit zum Schweigen gebracht hatte, auch wenn er annahm, das Ceene in ihren Worten einen Vermutung dieser Art mitschwingen ließ. Viel mehr war es eine Mischung aus Schuldbewusstsein und Mitgefühl, angesichts der schrecklichen Entscheidungen vor die der Orden Brooke und Finlay gestellt hatte, angesichts der Bilder und Gedanken, mit denen sie nun leben mussten.

    Es tut mir Leid, dass ihr das tun musstet. Ihr hattet keine andere Wahl.“, erwiderte er schließlich, ehe er sich vor Finlay kniete, um dessen Arm zu behandeln. Eine kurze Diagnose legte offen, dass es sich nur um einen Bruch handelte, den er mit einem einfachen Zauber heilen konnte. „Es war nur ein Bruch. Du wirst den Arm schon in wenigen Minuten wieder normal benutzen können.“, teilte er Finlay mit und legte dem Jungen für einen Moment die Hand auf die Schulter. Wirklichen Trost konnte er ihm nicht geben. Der gebrochene Arm, selbst Brookes Verletzung, waren zweifelsohne nicht das, was die Beiden am meisten schmerzen würde. Geraldine hatte derweil den Raum verlassen und offenbar den Kelch mitgenommen, auch wenn Elias sie nicht beobachtet hatte, während er Finlays Arm geheilt hatte.

    Elias erhob sich und blickte wieder zu seiner Mitbewohnerin, die inzwischen einen der verwandelten Schlafanzüge von Ceene trug. Brooke hatte sich auf dem Sofa zusammengekauert. Ihre Schultern zuckten. „Ceene.“, Elias sprach die grünhaarige Hexe mit gesenkter Stimme an, „Ich würde Brooke nach Hause bringen, wenn sie das möchte. Kümmerst du dich um Finlay?“, er wusste, dass die beiden befreundet waren. Diese Freundschaft war es erst gewesen, die Ceene Teil des Ordens hatte werden lassen. Er ging davon aus, dass sie verstand, dass es ihm nicht um den Arm ging. Körperlich hatte er alles für den jungen Mann getan. Brooke würde noch eine gewisse Nachbehandlung benötigen, doch das konnte er auch in Hastings gewährleisten.

    Ich bringe dich nach Hause, in Ordnung?“, Elias wartete, bis Brooke ihm anzeigte, dass sie einverstanden war. Sekunden später waren sie aus dem Grimmauldplatz verwschwunden.


    //Ich habe jetzt mal ein bisschen abgekürzt. Brooke und Elias sind somit weg. Sagt Bescheid, wenn ich etwas ändern soll!

  • Rückblick auf den 17. Juni 2022

    Nach der Besprechung

    Aaron Mayberry




    Geheimnisse



    Die Besprechung hatte Abby viel Kraft gekostet, und am liebsten hätte sie sich sofort auf den Heimweg gemacht. Doch es gab da noch etwas, das sie klären wollte. Es war ihr etwas unangenehm, dieses Gespräch zu beginnen. Aber sie wusste, dass es ihr danach besser gehen würde. Dass sie sich endlich wieder würde sicher fühlen können, zum ersten Mal seit Monaten.

    „Levin?“, im allgemeinen Trubel des Aufbruchs griff sie im Flur nach dem Arm des Heilers, hielt ihn eine Sekunde lang fest, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. „Hey, ähm… Hast du noch kurz Zeit? Ich wollte dich was fragen.“ Es gab kaum etwas, das Levin Mercer und Abby Seymor verband. Weder waren sie zusammen zur Schule gegangen, noch übten sie denselben Beruf aus. Wäre der Orden nicht gewesen, er wäre für Abby ein Fremder geblieben, an dem sie auf der Straße vorüberlief, ohne von ihm Notiz zu nehmen. Aber der Widerstand verband sie.

    Abby hatte lange mit sich gerungen. Sie war keineswegs sicher, ob diese winzige Gemeinsamkeit genug war, um Levin um Hilfe zu bitten. Wonach sie ihn fragen wollte, war mehr, als sie jemals vorhatte, von irgendjemandem zu verlangen. Doch besondere Umstände bedurften besonderer Maßnahmen. Und die Umstände, unter denen all diejenigen lebten, die sich heute Abend in diesem düsteren Haus versammelt hatten, waren in der Tat besonders. Also bat sie Levin um ein Gespräch unter vier Augen, anstatt ein paar Worte mit einem der Ordensmitglieder zu wechseln, die ihr näher standen, oder nach Hause zu gehen, um sich zu betrinken und zu vergessen, dass sie gezwungen gewesen war, erneut über Iseults Tod zu sprechen.

    Zusammen mit dem Heiler, auf den ihre Wahl einzig und allein deswegen gefallen war, weil er zu Weihnachten so besonnen und ruhig gewirkt hatte – möglicherweise eine fragwürdig willkürliche, voreilige Entscheidung – trat Abby in die Küche, die ebenfalls im Erdgeschoss lag und die leer war. Hier konnten sie ungestört reden. Die rothaarige Hexe wandte sich zu ihrem Mitstreiter um. „Danke. Ich, ähm…“, sie holte tief Luft. Sie fuhr mit der Zungenspitze über ihre Lippen. Sie blickte Levin direkt ins Gesicht. Und dann sagte sie es einfach. „Ich musste in eine neue Wohnung ziehen, nach Iseults Tod. Aber ich fühle mich seit Anfang Dezember nicht mehr wirklich sicher.“ Sie wusste, dass er wusste, wovon sie sprach. Er war bei der Besprechung zu Weihnachten gewesen, als sie erzählt hatte, dass Georginas Mörder:innen ihr Gesicht gesehen hatten. Und er war heute dabei gewesen, als sie erzählt hatte, dass sie mit Iseult zusammen gewohnt hatte. Er würde also verstehen. „Ich will meine jetzige Wohnung mit einem Fidelius-Zauber schützen.“ Bisher hatte sie schnell gesprochen, als könnte jedes Zögern sie davon abhalten, überhaupt irgendetwas zu sagen. Jetzt aber hielt Abby einen Moment inne. „Ich wollte fragen, ob du dir vielleicht vorstellen könntest, mein Geheimniswahrer zu sein.“

    Sie ließ ihre Worte wirken und beobachtete Levins Reaktion. Sie unterdrückte den Drang, ihre Bitte zu erklären. Sie zwang sich, einfach auf eine Antwort zu warten.

  • Levin hatte die Besprechung über sich ergehen lassen, hatte die Informationen gehört, aber doch nichts wirklich davon aufgenommen. Er haderte mit sich, ob es richtig gewesen war, von seinen Erfahrungen der letzten Woche noch nicht erzählt zu haben – doch ohne Anhaltspunkte, ohne irgendwelche Beweise oder auch nur Hinweise, half es ihnen nicht weiter. Stattdessen würde es nur mehr Unruhe reinbringen, mehr Emotionen, mehr Angst. All das konnten sie nicht gebrauchen und doch hätte er am liebsten diese Wahrheit nicht verschwiegen. Es entsprach nicht seiner Art, mit so etwas hinter’m Berg zu halten, doch für den Moment war es wohl einfach das Beste. Er musste zunächst selbst sortieren, was dort vorgefallen war. Bis dahin würde es ein Überfall durch einen Patienten bleiben, der aufgrund eines Giftes für einen Moment die Kontrolle verloren hatte. Levin würde gerne an diese kleine Lüge glauben, die er den Leuten im Monkshood erzählt hatte. Es würde vieles leichter machen.
    Doch bevor er sich wieder alleine mit seinen Gedanken in irgendeinem Kämmerlein einschließen konnte, hörte er seinen Namen. Er war im Begriff gewesen, den Grimmauldplatz wieder zu verlassen, doch Abbys Stimme und ihre Hand an seinem Arm hinderten ihn daran. Für einen Moment zuckte er zusammen, doch vielleicht würde es Abby gar nicht auffallen. „Klar“, antwortete er ein wenig murmelnd, typisch für ihn. Er war gespannt, was Abby ihn fragen wollte, denn bisher hatten sie nicht viel miteinander zu tun gehabt. Ob es um Iseult ging? Sie war auch Levins Freundin gewesen, wenn auch sicher nicht so eng wie Abby und Iseult miteinander gewesen waren. Auch Levin trauerte, doch er hatte den Schmerz in Abbys Worten während des Treffens nur allzu deutlich vernommen. Er wollte ihr im ersten Impuls sein Beileid aussprechen, doch Abby fuhr bereits fort und bat ihn um ein Gespräch unter vier Augen, dem er zustimmte. Er folgte ihr in die Küche des Grimmauldplatzes, lehnte sich gegen eine der Küchentheken und sah zu Abby. Sie redete nicht um den heißen Brei herum, sondern kam direkt zum Punkt. Ein Fidelius-Zauber. Wie Elias ihn für sein Zuhause ebenfalls benutzte. Zum Schutz. Und sie wollte, dass er der Geheimniswahrer wurde.
    Levin konnte die Überraschung in seinem Blick nicht verbergen, während er Abbys Worte wirken ließ. Er wusste, welche Verantwortung mit diesem Wissen einherging. Er wusste, welche Gefahren für sie beide darin lauern konnten. Und er musste ehrlich zu ihr sein – zumindest soweit es eben ging. „Ich kann das machen. Ich will es auch machen. Aber… ich muss ehrlich zu dir sein.“ Er seufzte und fuhr sich mit der Hand durch seine immer etwas verwuschelten Haare, so wie er es oft tat. „Ich bin mir sicher, dass die Todesser*innen mit auf dem Schirm haben. Ich hatte vor kurzem eine… unschöne Begegnung in meiner Praxis im Monkshood.“ Mehr konnte und wollte er darüber nicht sagen. Nicht jetzt. Aber sie sollte wengistens wissen, dass es möglich war, dass sie ihn auf dem Kieker hatten. Er wusste nicht, ob Abby bereits mitbekommen hatte, dass Levin dort eine Praxis im Geheimen führte, aber möglich wäre es, da er es auch im Rahmen des Ordens bereits angeboten hatte. „Meine Verbindung zu Elias ist eng und…“ Er zuckte mit den Schultern und sah wieder zu Abby. „Aber sie wissen nicht, dass auch wir in Verbindung stehen. Sie würden mich nicht nach dir fragen, denke ich. Trotzdem… du musst es entscheiden. Ich verstehe deine Sorgen gut.“ Das tat er wirklich. Allzu gut. Nach Bertie… Nach Georgina… Auch er hatte nach der Situation im Monkshood die Sicherheitsvorkehrungen erhöht, doch einen Fidelius-Zauber konnte er dort nicht anwenden, immerhin musste seine Praxis weiterhin offen bleiben.

  • Abby bemerkte Levins Zögern. Einen oder zwei Augenblicke lang schwieg er, als sie ihr Anliegen ausgesprochen hatte. Sekunden, die ihr ewig erschienen, in denen die Stille zwischen ihnen auf ihre Trommelfelle drückte. Er würde nein sagen! Der Gedanke ploppte ungebeten in ihrem Kopf auf und legte eine Schlinge um Abbys Hals. Wie töricht und dumm, dass sie ihn überhaupt danach gefragt hatte – einen Fremden, mit dem sie kaum etwas verband.

    Dann allerdings setzte Levin zu einer Antwort an, und bereits seine ersten Worte nahmen Abby eine schwere Last von der Brust. Das Atmen fiel ihr wieder leichter. Er fand ihre Bitte nicht anmaßend, im Gegenteil, er wollte ihr helfen. Allerdings schien es etwas zu geben, das er ihr sagen musste.

    Und dann erzählte er von dem Überfall. Abby ahnte nicht, wie wenige der übrigen Ordensmitglieder, mit denen sie bis eben noch zusammengesessen hatten, davon wussten. Das Gesicht der ehemaligen Löwin versteinerte, als sie die Worte aus Levins Mund hörte. Verdammt… Er auch noch. Abby schluckte schwer. Sie ließ ihn zu Ende erzählen. Möglichst unauffällig musterte sie ihren Mitstreiter von oben bis unten. Er machte glücklicherweise einen ziemlich unversehrten Eindruck. Ihm fehlten weder Gliedmaßen, noch hatte er – wie Brooke – das Augenlicht verloren. Ungebetene Bilder tauchten in Abbys Kopf auf, Bilder von Levin und einer gesichtlosen Gestalt, die ihren Zauberstab auf ihn richtete, während er zu ihren Füßen lag und sich vor Schmerz krümmte. Unwillkürlich ballte Abby ihre Hände zu Fäusten. Sie wusste, was Levin im Monkshood tat. Und sie bewunderte und respektierte ihn dafür. Dass Menschen wie er angegriffen wurden, beinahe tagtäglich, und sie nichts dagegen tun konnten, stachelte Abbys Wut weiter an.

    Levin allerdings machte nicht viel Aufsehen von dem Vorfall. Er blieb sehr unkonkret und lenkte das Thema sofort wieder auf Abbys Anliegen. Sie nickte. Ja, auch sie rechnete nicht damit, dass sie Informationen über ihren Wohnort bei ihm suchen würden. Dass sie ihn nach Elias gefragt hatten, machte deutlich, dass sie noch immer auf der Suche nach ihm waren. Sie hatten noch nicht von ihm abgelassen. Ein weiterer Grund, Levin um diesen Gefallen zu bitten, und nicht Elias, den sie ebenfalls in Erwägung gezogen hatte. „Ich glaube auch nicht, dass sie dich mit mir in Verbindung bringen werden.“ Einen Moment lang schwieg Abby. Sie hielt sich zurück. Dann suchte sie erneut Levins Blick. Auch, wenn er von sich aus nicht darüber sprechen wollte – sie konnte eine Information wie diese unmöglich unkommentiert stehen lassen. „Es tut mir leid, zu hören, dass sie dich attackiert haben… Wie geht’s dir jetzt damit?“, sie betrachtete sein Gesicht aufmerksam. Dabei lag ein ungewöhnlich weicher Ausdruck auf ihrem eigenen. Auch ihre Stimme klang leiser und sanfter als zuvor. Abby war noch nie persönlich von Todesser:innen heimgesucht oder angegriffen worden, zumindest nicht in ihrem alltäglichen Umfeld. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie groß Levins Sorge sein musste, seine Angst vor einer weiteren Attacke. Vielleicht sollte sie ihm anbieten, im Gegenzug seine Wohnung mit einem Fidelius-Zauber zu schützen. Sie könnte seine Geheimniswahrerin werden, wenn er ihr Geheimnis hütete.

  • Er sah, wie seine Worte auf sie wirkten, und es tat ihm direkt leid. Mehr und mehr schlechte Nachrichten waren in den vergangenen Monaten auf sie eingeprasselt und hatten im Tod von Georgina und Iseult und der Verletzung von Bertie ihren traurigen Höhepunkt gefunden. Als ob alles andere nicht schon schlimm genug gewesen wäre. Sie wurden verfolgt, bedroht, getötet und das alles ohne Sühne, ohne dass es auch nur eine Chance auf eine Bestrafung dieser Menschen gab, weil die Institution, die dafür zuständig wäre, unterwandert und auf gleicher Linie war. Sie hatten nur sich selbst, um sich zu schützen, denn es gab niemanden sonst, an den sie sich wenden konnten. Natürlich wusste Levin, dass es genügend Menschen gab, die ihre Sache unterstützen würden – doch wie weit sie alle bereit waren zu gehen, wusste er nicht. Vielleicht wusste er es am Ende nicht einmal mehr bei sich selbst. Er hatte dem Eindringling keine Informationen gegeben. Doch wenn die Folter länger angehalten hätte? Wenn es tatsächlich keinen Ausweg gegeben hätte? Hätte er ihm vielleicht doch…? Der ehemalige Ravenclaw war nicht so dumm zu glauben, dass er vor den Auswirkungen von Folter nicht einknicken könnte. Genug anderen war dies bereits passiert und er würde sich keinesfalls über sie erheben.
    Sie stimmte ihn in seiner Einschätzung der Situation zu. Auch sie glaubte, dass die Verbindung zwischen ihnen nicht offenkundig war, sodass sie das Risiko eingehen könnten. Doch Abby zögerte noch, kam noch einmal zurück auf das, was Levin gesagt hatte. Wie hatte er auch denken können, dass sie es einfach so hinnehmen würde? Wie sollte man etwas Dergleichen einfach so hinnehmen? Levin atmete tief durch und mied ihren Blick für ein paar Sekunden. Wie es ihm damit ging? Im ersten Moment hatte er weglaufen wollen, weit weg, und nie wieder zurückkommen wollen. Angst war das vorherrschende Gefühl gewesen, nicht Wut oder Rachegelüste, nein, blanke Panik. Diese hatte sich gelegt. Er hatte immer gewusst, dass seine Arbeit ein Risiko mit sich brachte, aber mit dem, was geschehen war, hatte er nicht gerechnet. Angesichts von Iseults Tod spielte es jedoch keine Rolle. Er lebte, er stand hier und redete mit Abby. All diese Dinge waren ihr nicht mehr vergönnt. „Ich komme klar“, sagte er und merkte, dass es bestimmter war, als er es gemeint hatte. Alles in ihm sperrte sich dagegen, darüber zu reden. Er wollte erst mit Elias sprechen und traute sich ja doch nicht, es zu tun. Wem konnte man eine solche Last aufbürden? „Ich werde die Sicherheitsvorkehrungen in der Praxis erhöhen müssen. Ein Fidelius-Zauber kommt leider nicht in Frage, aber es wird sicher andere Mittel und Wege geben, um sie etwas besser abzusichern. Ich will weitermachen, wenn es geht.“ Er zuckte mit den Schultern. Solange es ging, würde er es machen. Aber wie lange ging es noch? Der Eindringling hatte davon gesprochen, dass sie seine Praxis vielleicht offenließen. Bisher war das der Fall. Doch wie lange, konnte niemand ahnen. Alle im Monkshood waren in Gefahr – doch das wussten sie auch. Das hatten sie sicher von Anfang an irgendwie gewusst.
    „Wie… kommst du zurecht?“ Er hatte sie fragen wollen, wie es ihr ging, aber die Antwort darauf war wohl viel zu klar. Es musste ihr furchtbar gehen. „Wo bist du untergekommen?“

  • Did you miss me?

    17. Dezember 2023

    Mit @Geraldine Lovett 


    Vor zwei Tagen hatte es in London geschneit, aber von dem winterlichen Zauber war nichts weiter übrig geblieben, als einige traurige, vereiste Schneereste, die sich, grau verfärbt, in all jenen Ecken zusammendrängten, in denen sie sich vor Schneeschaufeln, Räummaschinen und Steinsalzschleudern in Sicherheit bringen konnten.
    In den Fenstern funkelten Weihnachtssterne in allen Formen und Farben mit grellbunten, teils aggressiv blinkenden Lichterketten um die Wette. Schon im Sommer war es in London ein schwieriges Unterfangen, den Nachthimmel hinter der Kuppel aus Elektrosmog auszumachen, jetzt, in der Weihnachtszeit, war es absolut unmöglich. Egal, von welchem Straßenzug aus man nach oben blickte, war dort nichts, außer ein endloser, gelblich schimmernder, milchig trüber falscher Himmel, der den höchsten Gebäuden der Stadt gefährlich nahekam.
    Es war der dritte Advent, aber es hätte auch jeder andere Tag im Dezember sein können. Die Tube war gestopft voll, die Menschen genauso hektisch und unachtsam wie immer. Ceene stresste das mehr als sonst. Rude lebte mitten in der Walachei, an einem Ort, an dem es definitiv mehr Tiere als Menschen gab. Ein Umstand, an den sich die Grünhaarige gewöhnt hatte. Sie flüchtete daher fast schon aus der Station, die dem Grimmauldplatz am nächsten war, und scherte sich nicht darum, dass sie dabei gleich mehrmals mit allzu ausladenden Einkaufstaschen kollidierte und ihrerseits einigen Passanten ein paar Rempler mit ihrem Seesack mitgab.
    Draußen sog sie die kühle Nachtluft ein und orientierte sich. Sie war schon lange nicht mehr auf diesem Weg zum Grimmauldplatz gekommen und brauchte einige Sekunden, bis sie die Straße gefunden hatte, die auf diesen zulief.
    Je näher sie ihrem Ziel kam, desto unruhiger wurde sie. Sie konnte nicht einschätzen, was gleich passieren würde. Sie hatte niemanden kontaktiert, niemandem aus dem Orden wissen lassen, dass sie wieder in London war.
    Also trat sie schließlich vor die Häuserfront, die das geheime Hauptquartier verbarg, unsicher, ob sie dieses überhaupt noch betreten konnte. Die Chance, dass man sie nachträglich, und ohne ihr Bescheid zu geben, doch noch aus dem Orden ausgeschlossen hatte, war alles andere als gering. Es waren bange Momente - dann brauchte es jedoch nur einen Wimpernschlag und die Häuser mit den Nummer 11 und 13 rückten auseinander und Ceene fand sich der vertrauten schmalen Fassade des Ordensquartiers gegenüber. Weil das einstige Heim der Familie Black bereits seit Jahrzehnten vor den Augen der Muggeln verborgen wurde, hob es sich deutlich von den umliegenden Gebäuden ab. Obschon im gleichen Baustil errichtet und im Grunde eine Einheit, weil die Häuser Wand an Wand gebaut worden waren, wirkte es wie aus der Zeit gefallen. Was es im Grunde auch war. Es war eine Zeitkapsel. Eine Erinnerung an das alte London. Als nicht elektronisches Licht, sondern Kohleöfen den Himmel der Stadt verpesteten, Arbeiterfamilien wie Vieh in Häuserblocks eingepfercht waren und die Themse eine stinkende, brodelnde Kloake war. Aber daran erinnerte man sich heute lieber nicht mehr. Stattdessen trauerte man der einstigen Größe Englands hinterher und hielt die verzerrten Erinnerungen an ein Imperium wach, dessen üble Saat noch heute absolut hässliche Blüten trieb.
    Kein Blitz traf Ceene als sie die Hand an den Türknauf legte und auch keine magische Barriere hinderte sie daran, das Ordensquartier zu betreten.
    Im Inneren sah es aus, wie immer. Die dunklen Stofftapeten, die sich in den Ecken von den Wänden ablösten, schluckten das wenige Licht, das von den spärlich verteilten Wandleuchten abgesondert wurden. Die alten Holzdielen knarzten bei fast jedem Schritt und es roch nach kaltem Kaminrauch, der sich in sämtlichen Textilien festgesetzt hatte.
    Ceene blieb für einen Augenblick stehen, lauschte, hörte aber keine Stimmen. Sie fühlte sich seltsam erleichtert, fragte sich aber zeitgleich, was sie machen würde, wenn gerade wirklich niemand hier war. Würde sie bleiben? Warten, bis jemand kam?
    Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, als sie bemerkte, dass die Tür, die zum alten Wohnzimmer führte, nur angelehnt war. Ein dünner Lichtstrahl fiel in den Flur und lockte Ceene ins Innere.
    Sie drückte die Tür langsam auf und spähte in den Raum hinein. Das Schicksal war gnädig zu ihr - die Hexe, die es sich dort gemütlich gemacht hatte, war Geraldine.
    Geräuschvoll ließ Ceene ihren Seesack zu Boden rauschen und riss die ältere Hexe damit aus ihren Gedanken. Die Grünhaarige grinste ihr leicht verlegen entgegen. Sie freute sich ehrlich darüber, Geraldine wiederzusehen, der sie einiges zu verdanken hatte. Vielleicht sogar mehr, als der Aurorin selbst bewusst war.
    "Hi. Ich bin wieder da."

  • // Ist ein bisschen lang geworden, aber anyways!


    Nach dem Fiasko in Russland hatte Geraldine es größtenteils vermieden, den Anderen am Grimmauldplatz über den Weg zu laufen. Sie war frustriert und enttäuscht darüber was passiert war und brauchte Zeit um alles sacken zu lassen. Ehrlich gesagt war sie sich nicht mal sicher, ob sie noch Teil des Ordens sein wollte. Sie kamen nicht weiter und jedes mal wenn sie glaubte dass sich endlich etwas änderte, waren die Todesser ihnen schon drei Schritte voraus.

    Heute war Geraldine trotzdem nach London aufgebrochen. Sie hatte ein schlechtes Gewissen dabei Brooke und Virginia einfach zu ignorieren, nachdem sie beinahe in Russland gestorben wären. Seit einer Stunde tigerte sie durch die Gänge des alten Hauses und hoffte insgeheim, dass keiner mehr auftauchen würde. Sie wollte mit Anthony in Greater Lovett House allein sein und sich in Selbstmitleid suhlen. Stattdessen hatte das Gemälde von Walpurga Black in der Eingangshalle sie wieder einmal als Blutsverräterin beschimpft, so sehr dass Geraldine schließlich ausgerastet war und zurück geschrien hatte. Mit hochrotem Kopf und noch zorniger als zuvor war sie ein paar Minuten später abgedampft und hatte sich im runtergekommenen Wohnzimmer verbarrikadiert. Wütend über die ganze Welt starrte sie in die tanzenden Flammen des Kamins und malte sich im Geiste ein Szenario aus, bei dem sie die Todesser in Russland besiegten.

    Die Tür knarzte und verkündete, dass Geraldine nicht mehr die einzige Person hier war. Ein kalter Luftstoß trug die winterliche Londoner Luft ins Wohnzimmer und riss die Aurorin aus ihren düsteren Träumereien. Sie streckte und reckte sich, um die Geister in ihrem Kopf zu vertreiben und blickte auf, um ein bekanntes Gesicht zu sehen, das sie schon verloren geglaubt hatte. "Ceene!", rief sie und klang viel weniger eisig und deprimiert als sie sich gerade noch gefühlt hatte. Ohne lange nachzudenken, sprang sie auf und schloss ihre unerwartete Freundin beim Orden in die Arme. Als sie Ceene zu Rude verfrachtet hatten, war Geraldine nicht sicher gewesen, ob es das letzte mal war, dass sie sich sahen. Oder ob Ceene sich zu Tode trinken und sich in eine diffuse, grünhaarige Erinnerung verwandeln würde. Sie war froh, die Kräuterhexe in einem Stück zu sehen.

    Nachdem ihre Freundin Schluss gemacht hatte, war Ceene in eine stetige Abwärtsspirale gedriftet. Geraldine hatte die Drinks hier und da bemerkt, aber sie wollte nichts sagen. Beim Orden dachten sowieso schon alle, dass sie eine Spießerin war und sie wollte keinen Streit anfangen, indem sie sich in jedermanns Leben einmischte. Aber die Lage war schnell schlimmer geworden, zumindest wenn das stimmte, was sie über ein paar Ecken gehört hatte. Ceene war kaum noch zu Ordenstreffen gekommen und wenn, dann so angetrunken, dass sie rum stolperte, pöbelte und kämpferische Antifa-Parolen raus gab, die keinen Sinn machten. Zwischen dem Geschrei hatte Geraldine sich damals gedacht dass der Orden komplett am Boden angekommen war. Die Zündschnur war schließlich vollends hochgegangen, als Ceene Wind davon bekommen hatte, dass keiner sie bei der Entführung von Circe Trevelyan dabei haben wollte, weil sie unkontrollierbar geworden war. Hässliche Dinge waren gesagt worden, Zauberstäbe gezogen und schließlich war Ceene am Ende des bisher schlimmsten Ordenstreffen unter Tränen und wütendem Brüllen rausgeschmissen worden.

    Obwohl es sich keiner vorstellen konnte, hatte Geraldine verstanden wie Ceene sich fühlte. Auch sie war schon mal verlassen worden und auch sie war frustriert darüber, wie es beim Orden lief. Manchmal war jeder Tag eine Anstrengung und wenn man nicht aufpasste, drehte man einfach irgendwann durch. Anstatt Ceene aus dem Orden zu verbannen, hatte Geraldine deshalb die anderen überzeugt, sie für ein paar Monate bei Rude zu parken. Ceene und er waren seit Jahren Freunde und wenn jemand sie wieder auf Vordermann bringen konnte, dann war er es.

    Es schien geklappt zu haben. "Ich bin so froh dich zu sehen." Geraldine ließ sich aus der Umarmung gleiten und lächelte. "Du siehst viel besser aus als letztes mal, dass wir uns gesehen haben." Sie grinste. "Wie war es bei Deverell? Du musst mir alles erzählen." Die Aurorin ließ sich zurück in die tiefen Polster des Sofas sinken und machte eine Grimasse. "Und ich muss dir erzählen, was du alles verpasst hast. Der Orden ist immer noch genau so auf der Kippe wie vor ein paar Monaten. Die Kurzversion ist: Wir haben in Russland den Hintern versohlt bekommen, mein Freund von früher, Emrys Trevelyan, hat uns beinahe alle umgebracht, und die Todesser haben sich noch einen Horkrux unter den Nagel gerissen. Achja, und Haden wäre beinahe ertrunken und von einem Riesenkraken gefressen worden." Sie machte eine Pause. "Also alles genau so wahnsinnig wie immer."

  • Geraldines Begrüßung war für ihre Verhältnisse nahezu stürmisch und für Ceene eine ziemliche Überraschung, weshalb es einen kurzen Augenblick brauchte, bis sie die Umarmung erwiderte und ihre Arme und Hände kurz gegen Geraldines Rücken drückte. Es war ein schönes Gefühl, dass sie, wie sie erst jetzt wirklich realisieren konnten, sehr vermisst hatte. Rude und sie hatten sich höchstens im Ring mal im Arm gehalten und dann auch nur, um den anderen kurzfristig in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken und so zu verhindern, weiter mit Schlägen eingedeckt zu werden. Aber in einer echten Umarmung hatte sie sich seit Monaten nicht mehr wiedergefunden. Es tat unbeschreiblich gut, nicht zuletzt, weil ihr Geraldine damit das Gefühl vermittelt, zumindest von einer Person wirklich vermisst worden zu sein. Zwar war Ceene bereits seit drei Tagen wieder in London, aber dieser Moment war der erste, der sich danach anfühlte, wieder zu Hause zu sein. Sie wusste, dass sie einen großen Scherbenhaufen zurückgelassen und eine Menge wiedergutzumachen hatte und dass das sicherlich kein Spaziergang werden würde, aber solange sie mit Geraldine zumindest einen Menschen an ihrer Seite hatte, der ihren Platz noch immer hier beim Orden sah, würde sie alles daran setzen, auch den anderen zu beweisen, dass sie eine zweite Chance verdient hatte.
    Ceene spiegelte das Grinsen der älteren Hexe und entgegnete: “Naja, viel beschissener als ich damals kann man, glaub ich, gar nicht aussehen. Ich sah ja schlimmer aus als ‘nen scheiß Hausghul. Und mit Rude ist halt echt nicht zu spaßen. Der war so unerbittlich. Ein richtiger Tyrann. Mein persönlicher Foltermeister.”
    Sie lachte. Die letzten Wochen waren jetzt ganz gut gewesen, aber davor war die Animaga wirklich durch die Hölle gegangen. Sie hatte Rude phasenweise ernsthaft gehasst und in hatte, in ihrem Wahn, nicht nur einmal versucht, ihm Gewalt anzutun. Natürlich erfolglos. Dieser Mann hatte Unterarme wie Schraubstöcke und eine Brust aus Granit. Ihre erbärmlichen Versuche, ihm die Augen auszukratzen oder das Herz herauszureißen, waren von ihm mit einer Lässigkeit abgewehrt worden, die sie zur Weißglut und dann in die völlige Erschöpfung getrieben hatten.
    Ceene schleppte ihren schweren Seesack noch etwas weiter in den Raum hinein und setzte sich dann in den freien Sessel neben Geraldine.
    “Scheiße”, fluchte sie, als die Aurorin ihr in aller Kürze berichtete, was in den Monaten, die sie außer Landes verbracht hatte, passiert wird, “Aber zumindest haben alle überlebt.”
    Elias Tod hatte den Ordensmitgliedern gewaltig zugesetzt und die Risse zwischen ihnen waren noch größer geworden. Es glich eigentlich einem Wunder, dass diese seltsame Ansammlung von Menschen, die den Aufstieg der Todesser nicht einfach hinnehmen wollten, noch immer Bestand hatte.
    “Wenn du die Kraft dafür hast, dann würde ich gerne auch noch die ausführliche Version hören. Aber ich kann dir jetzt erst einmal von meinem Martyrium berichten.”
    Die Grünhaarige schälte sich aus ihrem neuen Mantel, denn sie sich vor zwei Tagen gekauft hatte. Ihr alter Mantel war endgültig aus dem Leim gegangen und war in einer feierlichen Zermonie am Vorabend ihrer Abreise als Symbol ihres alten, aus den Fugen geratenen Lebens in einer Feuertonne verbrannt worden.
    Das hier war für Ceene ein echter Neuanfang. Nicht wirklich mit ihrer Rückkehr aus Island zu vergleichen. Damals war sie zurückgekommen, weil sie Sehnsucht nach ihrer Heimat gehabt hatte und weil sie die Lebensweise der Muggel nicht auf Dauer hatte imitieren können. Sie war eine Hexe und die Magie ein Teil von ihr. Und dieser Teil war mehr und mehr verkümmert, bis sie es nicht mehr ertragen hatte.
    Diese Rückkehr war vielmehr eine Auferstehung. Die alte Ceene, die sich aus Verbitterung und Schmerz, beinahe zu Tode getrunken und am Ende wie ein wildes Tier einfach nur noch um sich geschlagen hatte, gab es nicht mehr. Dafür hatte Rude gesorgt. Sie war gewiss kein neuer Mensch, denn die Erinnerung und Narben, sie waren ihr geblieben. Aber sie hatte den Kampf gegen den Dämon, der von ihr Besitz ergriffen und sie korrumpiert hatte, gewonnen und die Chancen, dass die Aspekte ihrer Persönlichkeit, die am meisten darunter gelitten hatten, wieder zum Vorschein traten und bestimmten, wie sie sich verhielt, standen sehr gut.
    “Das klingt jetzt vielleicht für dich viel zu pathetisch, aber es ist die Wahrheit: Du hast mir aller Wahrscheinlichkeit nach das Leben gerettet, als du dich dafür entschieden hast, Rude zu schreiben. Ich war wirklich kurz davor, den Löffel abzugeben. Du weißt ja, dass Rude als Werwolf eine wesentlich bessere Nase hat, als unsereins, selbst, wenn er, nunja, kein Wolf ist. Er hat direkt gemerkt, dass mein Verhalten nicht nur mit dem Restalkohol in meinem Blut zusammenhängt. Du hast es ja auch mitbekommen. Ich hatte ja kaum noch Kontrolle über meinen Körper. Fast mit das Erste, was er gemacht hatte, als wir bei ihm angekommen waren, war mir einen Bezoar unter die Zunge zu stopfen. Ich muss eine richtig üble Alkoholvergiftung gehabt haben. Als ich den Bezoar ausgespuckt habe, ging es mir gleich viel besser. Ich konnte wieder klar sehen und auch wieder ohne Hilfe auf den eigenen Beinen stehen, ohne dass mir schwindelig war. Es war echt heftig.”
    Allein bei dem Gedanken daran, was sie sich und ihrem Körper angetan hatte, und was für ein Glück sie damit gehabt hatte, dass Rude so gedankenschnell gehandelt hatte, wurde ihr ganz anders.
    “Aber halt auch nur der Anfang. Eine Alkoholvergiftung kann man mit einem Bezoar behandeln - eine Alkoholsucht nicht.”

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