Dritter Stock - Schlafzimmer

  • Dusty Little Biests
    #2 Kammerjäger

    Dienstag, 26. September, nachmittags
    @Deverell Rudolphus Burton & @Virginia MacGuffin


    "Boah, das ist echt so furchtbar.", murrte Kai leiser als man es von ihr gewohnt war, als sie an die Treppen hinauf stieg, vorbei an den Hauselfenköpfen, die wie Jagdtrophäen die Wände zierten. Das war eines der vielen Dinge, welche Kai eiskalte Schauer über den ganzen Körper jagten. Das ganze Haus war voll mit schwarzmagischen Artefakten und den Überbleibseln der Familie Black. Eindeutig war der Grimauldplatz nicht der erste Ort, den Kai sich ausgesucht hätte, für ein Hauptquartier einer Widerstandsbewegung- oder was auch immer sie waren. Vielleicht aber war es genau darum aber auch der beste. Hier wären sie gut versteckt und vielleicht sogar fast so sicher, wie in Hogwarts. Jedenfalls wenn sie die zahlreichen Putzaktionen überlebten. Bei einem so alten Haus, dass so viel Geschichte mit sich trug wusste man nie, womit man rechnen musste. Darum hatten Deverell, Virginia und Kai auch reichlich vorgesorgt. Sie alle trugen dicke Lederhandschuhe, Fliegerschutzbrillen und improvisierte Kittel. Vermutlich sahen sie dabei ziemlich bescheuert aus und das musste bei dieser Truppe schon was heißen.
    "Vielleicht hätten wir damit anfangen sollen..." Kai sprach eher zu sich selbst und hielt den Blick noch immer auf die geschlossenen Augen der toten Elfen gerichtet. Daran wollte sie nicht jeden Tag vorbei gehen. Doch anscheinend lagen die Prioritäten woanders. Die Zimmer mussten aufgeräumt und bewohnbar gemacht werden. Nicht, dass Kai vorhatte hier einzuziehen, aber man konnte sie ja vielleicht auch als Büros oder sowas benutzen. Ehrlich gesagt war sie sich den Plänen ihres neuen Anführers nie so ganz sicher. Noch weniger war sie sich sicher, warum sie hier eigentlich alle so bereitwillig mitmachten. Doch sie taten es. Allesamt waren schon mehrmals an diesen Ort zurück gekommen und erklommen nun die letzten Treppen um sich ein paar Schlafzimmer schön herzurichten. Vielleicht hatten sie einfach allesamt den Verstand verloren.
    "Also dann wollen wir mal..." Kai stellte den Eimer mit dem Feudel ab und zündete mit einem Schwenker ihres Zauberstabes die Öllampen an den Wänden an. Trotzdem wurde es hier nicht so richtig hell. Die ehemalige Gryffindor erschauderte noch einmal. Auf den unfreundlich dunklen Möbeln lag eine fingerdicke Staubschicht und die Ecken waren übersäht mit Spinnenweben. Es roch alt und modrig und ganz so als wäre hier seit fünfzig Jahren nicht mehr gelüftet worden, was gar nicht mal so unwahrscheinlich war. Bei diesem Haus wusste man ja nie. "Womit wollen wir anfangen?", fragte Kai nun und steckte den Zauberstab wieder weg, achtete aber darauf, dass er stets griffbereit verstaut war. Denn hier musste man bei jeder Bewegung mit einem Überfall rechnen. Es versteckten sich nicht nur Ratten und Kakerlaken in den Ritzen und unter dem Bett. Was genau alles in den Schatten schlummerte, wusste keiner von ihnen, aber in den nächsten zwei Stunden, würde sich das wohl zeigen. Zum Glück kannte Kai sich mit magischen Kreaturen aus und sie hatte Virginia im Duell gesehen. Die taugte auch was. Rude sowieso. Der würde sie hoffentlich alle rechtzeitig warnen, sobald er was hörte oder roch oder sonst was. Mit seinen Superkräften war er vielleicht ein bisschen gereizter als vorher aber eben auch sehr, sehr nützlich.
    Kai war froh, dass sie nicht alleine war. Diese Mischung an Leuten, die am ersten Abend hier aufgetaucht waren, war seltsam. Bis auf Victoria Lestrange waren sie alle jung, die meisten sogar noch jünger als Kai. Viele hatten gerade erst ihren Abschluss in der Tasche. Außerdem schienen die meisten schon eine weite Vorgeschichte mit den anderen zu haben. Rude und Derrick zum Beispiel konnten sich überhaupt nicht ab und dass keiner ein Fan von Lestrange war, wunderte Kai auch nicht. Als Lehrerin war sie noch ätzender als als Kollegin. Außerdem war ihr Familienname mit diesem Haus in Verbindung irgendwie gar nicht mal so geil. Das war einer der Gründe warum Kai noch immer an der Richtigkeit dieser Sache zweifelte. Eines stand fest: Sie hatte noch nicht das ganze Bild zusammen gesetzt und bis sie hundertprozentig sicher wusste, wer sie damals eingeladen hatte und wem dieses Haus nun gehörte, würde sie kein blindes Vertrauen hierein setzen. Wohl aber harte körperliche Arbeit und eine Menge Seife.
    "Also ich find ja Schränke und Schubladen am gruseligsten.", sprach sie weiter und sah sich noch einmal ganz genau um. "Also machen wir die entweder als Erstes... oder als Letztes?" Nun drehte sie sich mit einer ausholenden Geste auf der Schuhspitze um und grinste ihre zwei Kumpanen an. "Die Entscheidung überlasse ich euch."



    //War mir bei einigen Sachen nicht so ganz sicher, auch weil das Posting ja noch nicht vorbei ist. Sollte ich irgendwo ganz falsch informiert sein, muss @Penthesilea Uylenburgh einmal schreien. Und ich hab erst nochmal offen gelassen was uns da begegnet, also lasst euer Kreativität freien Lauf. :D

  • Dieses Haus war echt ein Ausbund an Grausligkeiten. Abstoßend und gleichermaßen faszinierend, was sich hier alles so tummelte. Virginia hatte sich nur zu bereitwillig dafür gemeldet, sich hier mal etwas umzusehen. Eigentlich hatte es Putzen und Aufräumen geheißen - aber für sie war das eher eine Chance, dieses Haus etwas mehr unter die Lupe zu nehmen. Wer wusste, was für Schätze hier vergraben waren. Für neugierige Menschen wie Virginia gab es nichts Aufregenderes als in fremden Häusern herumzustöbern. Sie hatte allerdings weniger bedacht, dass es am Ende trotzdem darauf hinaus lief, den Besen zu schwingen. Hätte sie sich ausgekannt, hätte sie an der dicken Staubschicht bestimmt ablesen können, wie lange keine Menschenseele mehr in diesen Räumen gehaust hatte.
    Gut, dass sie noch zwei Mitstreiter hatte und auch wenn sie nur zu gerne, die anderen besser kennen gelernt hätte, hatte sie bisher noch nicht allzu ausführlich die Gelegenheit dazu gehabt und fühlte sie sich doch etwas als Außenseiterin, weil sie kaum jemanden der Anderen kannte, war sie froh um die Gesellschaft von Kai und Deverell. Die beiden waren ihr wahrlich lieber als die Lestrange oder halbwüchsige Macker, der sich für eine Nummer zu besonders hielt.
    Wenn’s nach mir geht, können wir uns an denen auch nur zu gern versuchen. Das ist echt super abartig”, meinte sie mit einem etwas wehleidigen Blick gen Hauselfenköpfe. Sie fand es ja schon unnötig, sich irgendwelche Geweihe ins Haus zu hängen, aber so ein ganzer Kopf überschritt eindeutig ihre moralische Toleranzgrenze. Doch dieses Projekt musste wohl auf später vertagt werden.
    Zuerst war eines der Schlafzimmer an der Reihe. Wie gut, dass sie keine Hausstauballergie hatte, sonst wäre sie wahrscheinlich bis zu diesem Zeitpunkt schon krepiert. Moderat motiviert versuchte Kai etwas Licht in die Bude zu bringen.
    Ich glaube, wenn wir einmal die Fenster geputzt haben, sollte von draußen noch ein bisschen mehr Licht kommen”, meinte sie schnaufend im Angesicht der anwährenden Dämmerstimmung im Zimmer. Sie schaute sich etwas orientierungslos um. Hier wusste man echt nicht, wo man anfangen sollte. So einen Irrwicht bekam sie bestimmt geregelt. Das war nicht das Problem. Sie hoffte eher darauf, dass einer der beiden anderen gut in Haushaltszaubern war, denn ihr Ratzeputz war noch nie wirklich gut gewesen. Wo war nur Damian, wenn man ihn mal brauchte?
    Na, dann lass das mal als erstes angehen”, schlug sie vor. Vielleicht auch, weil sie die Schränke und Schubladen am Interessantesten fand. Dort lauerten doch die wirklich spannenden Dinge. Ja, ein bisschen creepy war es schon, wenn man bedachte, dass hier sicher noch der halbe Familienbesitz der Blacks herumlungerte und dass dieser bestimmt nicht aus sprechenden Plüschtieren und selbstreinigenden Besen bestand, sondern eher aus einem Nokturngasse Deluxe Sortiment. Sie rieb sich ihre behandschuhten Hände und blickte die anderen an.
    Habt ihr viel Ahnung von schwarzmagischen Objekten?”, fragte sie. “Ich nämlich nur so semi”, gab sie zu und zuckte dann mit den Schultern. “Aber man lernt ja nie aus, was?”, fügte sie motivierend hinzu und trat dann näher an den nächstbesten Tisch, um prüfend ihren Zauberstab an dessen Schublade zu legen. Immerhin hatte sie schon das ein oder andere mal mit Fluchbrechern zusammen gearbeitet, wenn es um die Preservation von antiken Kunstwerken ging. Also war sie quasi so gut wie qualifiziert.
    Wie waren sie überhaupt zu diesem Haus gekommen? Eine der vielen Fragen, die sich ihr seit ihrem ersten Treffen, aufdrängten. Doch jetzt war nicht der Zeitpunkt weiter über dieses ganze Unternehmen zu rätseln. Antworten würde es zwischen den altbackenen Tapeten und der ausgefransten Bettdecke wahrscheinlich auch nicht finden.
    Specialis Revelio”, versuchte sie es vorsichtshalber, nicht dass ihr gleich irgendetwas ins Gesicht sprang, wenn sie die Schublade aufzog, sollte der Tisch gar kein richtiger Tisch sein. Nichts geschah. Sie wusste ja nicht, ob sie bei allen Möbelstücken so verkehren wollten, doch für den Anfang war es ihr lieber, etwas vorsichtiger zu sein, als gleich verflucht zu werden.
    Na, dann wollen wir mal”, sagte sie mehr zu sich selbst und zog kurzerhand beherzt die Schublade auf. So antiklimaktisch wie es hatte kommen müssen, passierte rein gar nichts. Mithilfe ihres Zauberstabs stocherte sie etwas in der Schublade herum und konnte außer ein paar vertrockneten Tintengläser und einer offensichtlich kaputten Spieluhr nichts interessantes entdecken.
    Ja gut”, meinte sie zu den anderen und lachte. “Ich würde sagen, wir teilen uns irgendwie auf und gehen der Reihe nach die Schubladen durch. Schrott wie so etwas können wir ja einfach-” und dabei hob sie eins der Tintengläser hoch “-entsorgen. Autsch!” Das Glas offenbar angriffslustiger als gedacht, hatte sich in ihrer Hand zu einer spitzen Scherbe verformt, welche sich nun in ihre Hand bohrte. Vor Schreck ließ sie es prompt fallen und mit einer schnellen Bewegung ihres Zauberstabs zu Luft verpuffen. “Ups.” Sie versuchte sich an einem Lächeln. "Wenn ihr auf was Komisches stoßt, können wir uns das ja zusammen angucken, ok?"


    //Originalität ist heute leider nicht verfügbar.

  • Im Grunde hatte Deverell keine Ahnung, wie ausgerechnet er Teil dieses kleinen Putzkommandos geworden war, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die modrigen und vor allem staubigen Zimmer des Grimmauldplatz Nr. 12 in einen einigermaßen bewohnbaren Zustand zu versetzen. Sicher hatte er im rechten Moment schlichtweg verpasst, seinen Widerwillen zu äußern. Oder er war bei der betreffenden Abstimmung einfach nicht da gewesen, was, in Anbetracht der Tatsache, dass er derzeit gleich zwei Jobs nachging und zusätzlich noch immer an Boxkämpfen teilnahm, wohl gar nicht mal so unwahrscheinlich war. So oder so konnte er sich wesentlich bessere Dinge vorstellen, die er in seiner freien Zeit anstellen konnte. Nur standen diese am heutigen Tag bedauerlicherweise nicht einmal mehr zur Debatte.
    „Die sind mit einem Klebezauber versehen. Wir müssten also schon die Wand einreißen, wenn euch die Dinger so sehr stören.“, bemerkte der Werwolf nach kurzem Naserümpfen mit einem Seitenblick auf die eingefallen Gesichter der drapierten Hauselfenköpfe. Sicher hätte es eine Zeit gegeben, in der er den beiden Hexen und deren Widerwillen gegen die Zurschaustellung der Leichen magischer Wesen durchaus zugestimmt hätte, allerdings wäre diese deutlich weiter vom nächsten Vollmond entfernt gewesen. Und so zuckte er lediglich halbherzig mit den Schultern und ging an den grotesken Fratzen der ehemaligen Bediensteten ohne jede weitere Regung vorbei.
    Ohnehin waren seine Nerven, wann immer er das Haus am Grimmauldplatz betrat, deutlich angespannter, als sie eigentlich sein sollte. Er traute dem Fremden nicht. Und er traute diesem Ort nicht, dessen durcheinandergeratenen Gerüche ihm ebenso viele Kopfschmerzen bereiteten, wie die gedämpften Geräusche, die aus manchen Zimmern drangen.
    Dementsprechend ließ er seine Begleiterinnen erst einmal miteinander darüber diskutieren, wo sie anzufangen gedachten, während er selbst sich ein wenig im Hintergrund hielt und sich mit aufmerksamen Wolfsaugen in dem Raum umsah, den sie sich als heutiges Ziel gesucht hatten. Immer wieder zuckte seine Nase dabei, als versuche er, die verschiedenen Duftnoten, die sich unter dem Staub versteckten, zu sortieren und auseinanderzuhalten. Schließlich ging er aber wortlos an Kai und Virginia vorbei, um erst einmal die Fenster zu öffnen, um zumindest einen Teil des Muffs, der alles überschattete, loszuwerden.
    Er war kaum damit fertig, als der erschreckte Aufschrei, den Virginia ob des Tintenfässchens, das sich in ihre Hand zu graben versuchte, losließ, ihn augenblicklich herumfahren ließ. Ehe er jedoch selbst seinen Zauberstab auch nur gezückt hatte, hatte die etwas ältere Hexe ihren vermeintlichen Angreifer auch bereits pulverisiert.
    „Vielleicht wären vorher erstmal Handschuhe ‘ne Maßnahme.“, brummte der Werwolf mit skeptisch verzogenen Augenbrauen und langte nun endlich nach seinem Zauberstab, ehe er einen kurzen Blick durch den Raum warf und mit dem Blick an ein paar eingestaubten Kissen hängen blieb. Seine Mundwinkel verzogen sich einen Moment lang, ehe er den Stab ein paar Mal beherzt und von leisem Murmeln begleitet schwang. Sekunden später hatten sich die Kissen in robuste Lederhandschuhe verwandelt. Ein Paar für jeden von ihnen.
    Zufrieden mit dem Zauber schlurfte Deverell hinüber, um seinen beiden Begleiterinnen jeweils eines der Paare zuzuwerfen, ehe er sich selbst die größten überzog.
    „Kann sein, dass ihr sie noch’n bisschen anpassen müsst.“, sagte er, den Zauberstab beim Anziehen der Handschuhe zwischen die Zähne geklemmt, „Aber immerhin langt ihr so nicht direkt in das nächste Doxynest.“

  • Kai ließ sich von der bedrückten Stimmung ebenfalls herunter ziehen. Gab ja auch wenig Gründe für Freudensprünge und fröhliche Ekstase. Trotzdem fand sie es befremdlich neben einem so grimmigen Rude durch dieses finstere Haus zu laufen. Früher bevor diese ganze Scheiße begonnen hatte, wäre das ein Abenteuer gewesen, auf dass sie sich mit Begeisterung gestürzt hatten. In einem alten, verlassenem Haus herumstöbern, dass mit komischen Artefakten nur so vollgestopft war? Die wären doch aus dem Grinsen und Kichern gar nicht mehr heraus gekommen. Auch hätten ihre Herzen vor Leidenschaft gebrannt, wenn man sie aufforderte gegen dunkle Mächte zu kämpfen, die sich bedrohlich schnell zusammen schlossen. Jetzt aber waren sie voller Misstrauen und Bitterkeit. Viel war passiert, seit sie die großen Abenteurer der Schule waren. Verdammt viel.
    Ob Virginia ahnte, was Rude für einen Ballast mit sich herum schleppte? Nicht nur, dass er sich an Vollmond immer in ein haariges Tier verwandelte, sondern auch all die anderen Sachen. Allen voran Ellie, die er fast verloren hätte an eine Geisteskranke und sie am Ende doch zurück lassen musste. Kai wusste nicht, was er sonst noch alles durchmachen musste, aber es war sicher nichts Schönes. Nachdem er so plötzlich in England wieder aufgetaucht war, wie er verschwunden war, hatte er sich verändert. Immer wieder entdeckte Kai blaue Flecken an seinen Armen und je näher die Tage in Richtung des vollen Mondes rutschten, desto gereizter und angespannter wurde er. Die Polin wollte so gern für ihren alten Freund da sein, doch sie wusste partout nicht wie. Klar, sie war damals auch mit Evan und Sasha befreundet gewesen, aber da hatte sie ja nicht einmal gewusst, dass sie Werwölfe waren. Bei Rude war das anders. Es machte sie nervös, aber sie fand es auch ungerecht nervös zu sein, was sie noch nervöser machte. Ein Teufelskreis. Sie hätte einfach mal mit ihm darüber sprechen müssen, doch nicht jetzt. Jetzt war kein guter Zeit im Monat.
    "Vielleicht hätte sich der Typ lieber ein-zwei Ausgebildete Fluchbrecher einladen sollen." Es war ein schwacher Versuch zu scherzen. Ihre Stimme klang zu zittrig um wirklich darüber lachen zu können. Generell hätte er sich vielleicht Leute aussuchen sollen, die in irgendetwas ausgebildet waren. Virginia laberte beruflich über Kunst, Kai mistete Flubberwurmställe aus und Rude... tat was immer er tat. Lestrange hatte vielleicht noch was drauf und von dem Rest hatte Kai nicht wirklich den Plan. Allerdings waren die fast ausschließlich zu jung, als dass sie schon ausgelernt haben könnten. So eine komische Truppe.
    "Ha, wenn wir dich nicht hätten, Rude." Jetzt versuchte Kai sogar ihn anzugrinsen, während sie sich die klobigen Handschuhe über die Finger zog. Tatsächlich passten sie schon ganz gut und brauchten keinen Schneiderlingszauber. Sie war also direkt bereit, sich auf die Arbeit zu stürzen. Die Schubladen überließ sie Virginia und suchte sich stattdessen einen der hohen Schränke aus. Sicher waren es einmal schöne Möbel gewesen, aus poliertem, dunklen Holz, doch jetzt waren sie matt, staubig und morsch. Außerdem bewohnt von allerlei Ungeziefer.
    Gerade fragte Kai sich noch, warum eigentlich keine Knuddelmuffs sich in solchen Zimmern breit machten und wie angenehm es wäre die auszusiedeln, da zog sie die Tür auf. Ihr Blick traf nichts außer tiefschwarze Finsternis. Das Licht der winzigen Flamme reichte wohl nicht bis nach Narnia. Bevor Kai aber das Lumos an ihrem Zauberstab zum leuchten bringen konnte, wackelte der Schrank ein wenig und es klang als wäre jemand direkt dort hinein appariert. "Leeute?" Kai wurde leichenblass und wich einen Schritt zurück. Darin war etwas. Etwas Großes und es war dabei heraus zu kriechen. Sofort schnellte Kais Zauberstab in die Höhe und sie begann im Kopf alle Verteidigungszauber aufzurufen, die ihr jemals jemand beigebracht hatte. Am liebsten hätte sie sofort drauf geballert, doch sie wartete ab. Eine Sekunde... zwei...
    "Halt!" Kai wusste nicht einmal ob die anderen auch ihren Stab erhoben und sich zum Angriff bereit gemacht hatten, doch auf gar keinen Fall sollten sie jetzt Flüche abfangen. Denn als das Was-auch-immer sich weiter nach vorne kämpfte, traf das Licht auf eine Strähne grünen Haares. Dann richtete sich langsam die Gestalt einer jungen Frau auf. Kai erstarrte und jegliche Farbe floh aus ihrem ohnehin schon blassen Gesicht. Ihr Herz krampfte sich heftig zusammen. Ceenes Augen waren gerötet und ihr liefen Flüsse an Tränen über die Wangen. Ihr ganzes Gesicht war schmerzverzerrt. Alles an ihr schrie Verzweiflung. Dann blickte sie auf und dieser unendliche Schmerz verwandelte sich ganz plötzlich in eine Fratze der Wut, als sie Kai erblickte. Die Polin konnte sich nicht bewegen. Ihre Beine waren zu Stein erstarrt. Sie fragte sich nicht, wie Ceene hierher gekommen war oder woher sie überhaupt wusste, wo Kai war. Auch wusste sie sofort, warum ihre Freundin so bitterlich weinte und warum sie ihr so hasserfüllt gegenüber stand. Schließlich war es Kais Schuld. Weil sie gelogen hatte, weil sie von Anfang an niemals ehrlich gewesen war mit diesem Menschen, den sie so sehr liebte. Ceene hatte es früher oder später rausfinden müssen. Natürlich hatte sie das. Sie war so schlau, dieses schöne Mädchen.
    "Ceene!", erschrak vor ihrer eigenen Stimme, die so viel lauter und so viel verzweifelter hervordrang als geplant. "Es tut mir-" Doch die Entschuldigung blieb ihr im Halse stecken. Denn plötzlich entdeckte sie noch etwas, was sie unerklärlicher Weise vorher übersehen haben musste. An Ceenes Händen klebte Blut. Dickflüssig und fast schwarz tropfte es von ihren Fingern auf den Boden. Doch nicht nur von da. Ihr ganzer Bauch war eine einzige klaffende Wunde, ein schwarzes Loch, dass nirgendwohin fühlte als in den Tod. Kai schrie auf und wollte nach vorne preschen, doch ihre Beine gaben nach und sie fiel auf die Knie. Erst jetzt spürte sie, dass sie weinte.


    /Ist jetzt doch einer von diesen Exemplaren geworden. For the Drama. Wer hat noch nicht, wer will nochmal? Heute drei leidende Menschen für den Preis von einem. Have Fun!

  • Die Stimmung hätte besser sein können. Doch glücklicherweise tat Kai alles in ihre Machtstehende, um die Moral der Gruppe aufrechtzuerhalten. Vielleicht hätte Virginia eine Auswahl aus ihrer Plattensammlung mitbringen sollen, um die Atmosphäre etwas gemütlicher zu gestalten. Doch auch das sollte bis zum nächsten Mal warten. Denn heute würden sie ganz gewiss nicht mit dem gesamten Haus fertig werden. Virginia murrte nur etwas auf die Bemerkung, dass die Hauselfenköpfe mit einem Dauerklebefluch an die Wand gemeißelt waren. Gab es nicht auch dort irgendeinen Weg? Oder sie sprengten gleich ein paar Wände. So ein paar lichtflutende Durchbrüche hätten dem Haus sicher keinen Abbruch getan. Im Gegenteil.
    Immerhin konnte man die altmodischen Kissen gut umfunktionieren. Gut, dass wenigstens einer von ihnen praktisch veranlagt schien. Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln und zog sich die zugegebenermaßen modisch etwas zurückgebliebenen Handschuhe über. “Passen perfekt”, meinte sie, zückte aber dennoch ihren Zauberstab, um die Nähte etwas zu korrigieren und um die Farbe des Stoffs an ihre restliche Kleidung anzupassen. “Aber so ist’s noch besser”, sagte sie befriedigend und hielt die Hände kurz zur Abgleichung an ihre Hose. Das machte doch gleich etwas mehr her. In solchen Zaubern verstand sie sich. Dinge aufzupimpen war ihr einfach gelegen. Sie sollte sich wohl eher an der Verschönerung des Hauses beschäftigen, wenn die grobe Arbeit schon erledigt war. Aber sie scheute ja schließlich keine unangenehmen Arbeiten, wenn sie dem Allgemeinwohl dienten. Also gaben sie sich jeder einer Ecke hin und gerade als Virginia dabei war die nächste Schublade zu inspizieren, und sich mit einem Haufen an beißenden Büroklammern abmühte, ertönte auf ein Mal der Ausruf von Kai, der sich herumfahren ließ. Auch sie sah, wie der Schrank rappelte. Die Aufmerksamkeit gesammelt starrte sie gespannt auf die Tür, den Zauberstab immer am Anschlag und dann kroch etwas langsam daraus hervor, fixierte sich auf die junge rothaarige Hexe und richtete sich langsam auf.
    Virginia erkannte schnell welchem Geschöpf Kai zum Opfer gefallen war. Für einen Moment paralysiert von der jungen Frau, die aus dem Schrank trat, schaute sie dem Treiben zu. Sie beobachtete wie Kai immer blasser wurde. Wer wohl die Frau war? Ihre Schwester? Ihre Freundin? Sie rappelte sich auf. Länger konnte sie sich das nicht mit ansehen.
    Hey!”, rief sie dem Irrwicht zu und trat ein paar Schritte, um sich vor die Jüngere zu platzieren. Sofort verschwand die grünhaarige Frau mit einem lauten Knall in einem Wirbel, aus dem sich langsam eine andere Gestalt herauskristallisierte. Sie stand sich selbst gegenüber, doch sie war nicht wirklich sie selbst. Fahl und deprimiert starrte ihr anderes Abbild ihr antriebslos in die Augen. Sie kannte den Anblick doch die Gänsehaut kam jedes Mal auf’s Neue und sie wusste, dass das Schlimmste erst noch kam. Langsam öffnete ihr anderes Ich seinen Mund, doch kein Geräusch drang daraus. Sie hatte den Mund weit geöffnet, der Brustkorb hebte sich, die Gesichtsausdrücke so verzogen, dass alles auf einen lauten Schrei hindeute, doch kein Laut entwich ihrer Kehle. Unscheinbar. Stumm. Sie musste für einen Moment die Augen schließen, um sich auf den Zauber zu konzentrieren.
    Laut und deutlich - und froh darüber, dass ihre Stimme einwandfrei zu funktionieren schien - stieß sie ein “Riddikulus!” aus. Ein weiterer Knall ertönte und dann erst unverständlich und schließlich immer lauter ertönte ein schrecklich schief gesungenes Lied aus Virginias Kopie und als das Lied eine Lautstärke erreicht hatte, schien auch ihre Gänsehaut sich in Luft aufzulösen. Sie erhob erneut ihren Zauberstab, richtete sie auf den Irrwicht und im nächsten Augenblick schien er verschwunden. Etwas befreit von dieser Last, strich sie sich mit den groben Handschuhen wenig erfolgreich durch die Haare und wandte sich dann zu Kai.
    Alles klar bei dir?”, fragte sie die immer noch etwas weiß ums Näschen aussehende Hexe. “Kann schon fies sein so ein Ding. Wer war sie?”, fragte sie neugierig. “Schokolade hab ich leider nicht im Angebot. Aber das können wir ja besorgen, sollten wir irgendwann eine Pause machen.” Leider würde es bis dahin wahrscheinlich noch etwas dauern.
    So. Nächster Schrank?”, fragte sie angriffslustig und schüttelte noch eine der Büroklammern ab, die sich immer noch in ihren Handschuh verbissen hatte. Jetzt wo sie schon mal in Fahrt war, schien auch ihre Motivation etwas zu steigen. Sie ließ die Tür des nächsten Schrankes aufspringen. Etwas enttäuscht auf eine Garnitur unspektakulärer Umhänge zu treffen, ließ sie ihren Zauberstab senken und schritt lediglich etwas nach vorne, um sich das Ganze etwas genauer anzusehen.
    Vielleicht gibt’s ein paar schicke Vintageumhänge hier”, scherzte sie und ließ dann ihre Hand durch die nach Mottenkugeln stinkenden Kleider streifen, nur um im nächsten Moment einen starken Druck zu fühlen. Etwas zog an ihr. Einer der Umhänge hatte sich unbarmherzig um ihr Handgelenk gewunden und bahnte sich nun den Weg an ihrem Arm nach oben. Virginia gab eines ihrer schöneren schottischen Schimpfwörter zum Besten und zerrte erfolglos an dem Umhang. Beim Versuch mit der anderen Hand ihren Zauberstab zu retten, wurde auch dieser Arm gefangen genommen. “Kann mir gerade mal jemand helfen?”, rief sie, wobei die anderen bestimmt längst bemerkt hatten, dass sie hier ein kleines Problem hatte.

  • a handful of moments, I wished I could change
    and a tongue like a nightmare that cut like a blade


    Layla Laeticia Havisham & Jonas Myrddin Fawley
    Mittwoch, der 07. Oktober 2020 | gegen Mittag


    Jonas Fawley packte seine Sachen. Es war nicht so als gäbe es viele Objekte hier im Grimmauldplatz, die der ehemalige Gryffindor mitgebracht hatte - immerhin sprach hier doch fast nichts von seinem eigenen Stil, ja, nicht mal seine Mutter hätte sich hier niedergelassen und das obwohl das Haus doch ganz offensichtlich den Besitztümern einer einst so ehrenwerten Familie entstammte. Doch während Jonas mit derartigen Bedeutungen ohnehin nie beschäftigt hatte, war Aubrey Fawley der Meinung, dass insbesondere die priviligierte Reinblutgesellschaft sich in modischen Dingen als bewahrend, aber nicht veraltet zu beweisen hatte. Ganz abgesehen davon nämlich, dass der Grimmauldplatz auch schon Instandhaltungstechnisch sicher bessere Tage gesehen hatte, war das Möbiliär hier schlichtweg altmodisch. Das Portrait der Walburga Black, unten im Eingangsflur vermochte das anders zu sehen - der einzige Grund wohl, weshalb es hier nach wie vor so aussah, verhinderte die Magie des Hauses doch leider, dass Fremde sich hier zu schaffen machen. Der einzige, der das wohl vermocht hätte, war der Besitzer dieses Hauses - wer auch immer das war.
    Ein Seufzen entglitt der Kehle des Zauberers, als er eine Schublade des Nachtschränkchens neben seinem Bett öffnete und ihm ein Sammelsurium an unnützen Gegenständen entgegenquoll. Das mit der Ordnung war definitiv einfacherer gewesen, als ihm noch Hauselfen hinterhergeräumt hatten.
    Der Waliser ließ sich auf der Matratze sinken und fischte einen Gegenstand nach dem anderen aus der Schublade, ein paar Fotos aus der Schulzeit, eines, das ihn Marius und Mekkinó zeigte: Die beiden in ihren Gryffindor-Uniformen quetschten den Isländer in seiner blau-bronzen besetzten Robe zwischen sich, grinsten breit in die Kamera, die wer-auch-immer gehalten hatte. Dann ein Bild von Daphne, die sich kurz nach ihrer Einschulung stolz in ihrer Slytherin-Uniform drehte, das lange schwarze Haare um sich wehend. Und schlussendlich ein letztes Bild, eines, dass der Waliser längst vergessen hatten: Eine junge blonde Hexe zeigte sich darauf, lächelte neckisch in die Kamera und hob herausfordernd die Augenbrauen.
    Ein Schnalzen der Zunge entglitt ihm, dann stand er auf und warf das Bild in den Mülleimer. Es waren jene Bilder gewesen, die Jonas als eines der wenigen Dinge mit auf seine Reise genommen hatte und auch wenn sie bereits vor seinem Verschwinden kein Paar mehr gewesen waren, hatte der ehemalige Gryffindor sich entschieden gehabt, ein Bild von Cassandra mit sich nehmen zu wollen. Zur Sicherheit vielleicht, als eine Erinnerung, dass es jemand gegeben hatte. Er wusste es nicht. Doch die Wahrheit war, dass er es nicht mehr brauchte, dass er sie nie gebraucht hatte.
    Er wusste nicht, was aus Cassandra nach ihrem Abschluss geworden war und hatte, ebensowenig wie hinsichtlich Mekkinó versucht, Kontakt mit ihr aufzunehmen, als er wieder zurückgekehrt war. Es nützte sowieso nichts, er konnte nicht erklären, warum er gegangen war. Weder ihnen, noch sich selbst. Denn wenn er ehrlich mit sich war, war es vollkommen nutzlos gewesen. Das alles hier war nutzlos. Was taten sie hier, worauf bereiteten sie sich vor, wenn es dann doch so leicht für die Anderen war, sich einem der ihren zu bemächtigen, Elias einfach so mit sich zu reißen? Dass er daran Schuld hatte, sah Jonas ein. So sehr, dass es ihn um den Schlaf brachte und schlussendlich auch zu dieser Entscheidung geführt hatte: Er musste hier weg.
    Nicht aus Großbritannien, aber vom Grimmauldplatz, er brauchte einen Ort der Ruhe. Und auch wenn er sich das Haus in Hogsmeade nun mit vier Fremden teilen musste, war es besser, als weiterhin sein Lager im Grimmauldplatz aufzuschlagen. Er musste das hinter sich lassen. Vielleicht vermochte die Gesellschaft anderer, nicht dem Orden angehöriger Personen ja, ihm Ablenkung zu verschaffen, ihm dabei zu helfen nicht völlig an dieser Erkenntnis zu verzweifeln. Es war zumindest eine Chance.


    //Hallo, Sie haben einmal depri-Jonas bestellt, @Layla Laeticia Havisham?

  • //Einmal überdramatische Layla hier? Bitteschön!


    Die junge Frau landete mit einem Knall vor dem Hauptquartier. Ein Knall, der sich durch ihre Glieder zog, der ihre Nerven strapazierte, der den geschwächten Körper zwang, nach vorne zu fallen. Die mit Schmutz überzogenen Hände suchten nach Halt und fanden den Griff der alten Türe. Ihr Kopf traf auf das kühle Holz, die erschöpfen Augenlider sanken herab. Sie war müde. So unheimlich müde. Das Apparieren zehrte immer noch. Layla hatte immer schon mit den Nachwirkungen zu kämpfen, die ein solches Fortbewegen mit sich brachte. Im Normalfall steckte sie diese mit Einfachheit weg. Doch jetzt, wo sie sich an der Grenze des für sie Ertragbaren befand, forderte die Magie ihren Preis. Jetzt, wo sie endlich am Ziel angekommen war, merkte Layla noch nicht wirklich, wie groß dieser Preis sein würde. Obwohl sie der Schmerz innerlich zerriss, ihr Körper mit Wunden übersät war, war ihr gerade nicht bewusst, welche Nachwirkungen noch kommen würden. Und das wäre ihr, würde man ihr dies mitteilen, vermutlich auch egal, denn endlich – endlich! – war sie in einem Umfeld, das ihr vertraut war.
    Die Flucht in ihre eigenen vier Wände war ihr im Kopf gewesen, aber Layla war nicht dumm. Sie hatte keinen Schutz in ihrer Wohnung, keine Magie gesprochen, um sich bei Einbrechern zu wehren. Ihre Adresse war vielleicht nur wenigen bekannt, aber mit den richtigen Zaubern oder Tränken würde man sie schnell finden. Dort war sie nicht sicher. Dort würde man als erstes nach ihr suchen. Dabei sehnte sie sich nach ihrem Bett, ihren heißgeliebten Büchern, nach einer guten Tasse Kaffee., nach Wärme und Nähe.. Zurückkehren konnte sie allerdings erst, wenn sie sich um ihre Angelegenheiten gekümmert hatte. Wenn sie wusste, dass sie in Sicherheit war. Wenn sie einen neuen Zauberstab hatte, wenn sie sich ausgeruht hatte, wenn sie wieder bei Kräften war. Das wäre der Zeitpunkt, an dem sie sich auch nicht mehr verstecken müsste. Aber jetzt?
    Wäre sie auf der normalen Höhe ihrer geistigen Fähigkeiten gewesen, hätte sie erkannt, wie riskant auch dieser Weg sein konnte. Dadurch, dass sie so eine lange Zeit ohne Anschluss an die echte Welt gelebt hatte, dass ihr jegliche Kenntnisse und jegliches Wissen über die Vorgänge des Alltags bekannt waren, hätte so vieles passieren können, von dem sie nicht wusste; die Auflösung des Ordens, die Übernahme durch Einbrecher oder Wilde. Wer wusste das schon? Es könnte immer jemand unter den Geheimniswahrer und -wahrerinnen sein, den es zur anderen Seite riss. Und den Weg zum Grimmauldplatz zu suchen, wo nicht sicher war, ob es sich hierbei noch um ein Geheimnis handelte. Es war unvorsichtig. Und trotzdem war es für Layla die beste und einzige Option gewesen. Zumindest für den Anfang.
    Layla öffnete die Augen, als ihr plötzlich die Luft zum Atmen fehlte. Sie schnappte danach, griff sich mit der Hand an ihren Hals. Sie konnte hier nicht stehenbleiben. Wieder krampfte sich ihr Körper zusammen. Mit der letzten Kraft, die sie noch aufbringen konnte, drückte sie den rostigen Griff herab, sodass sie mit der Türe ins Haus fiel. Der Körper der jungen Frau sank auf den Boden, die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Dort blieb sie liegen. Ein schmaler, langer Körper in einem ehemals weißen Sommerkleid, das zerrissen, ja fast zerfleddert war, mit frischen und getrockneten Blut- und Schmutzflecken übersät war, ähnlich der Haut der ehemaligen Heilerin. Nur war diese zusätzlich mit Schnitten und blauen Flecken dekoriert. Es wirkte fast, als ob sich ein bestimmtes Muster wiederholend über ihre Haut zog, sodass man kaum die ursprüngliche Art wiedererkannte. Ihr Haar war strohig, an manchen Stellen verbrannt oder abgerissen. Alles in allem bot sie einen jämmerlichen Anblick an.
    Schmerz durchzuckte ihren Körper und sie drehte sich auf den Bauch, krallte die zittrigen Finger in den Teppich. Der Schrei verlor sich in dem dichten Stoff unter ihr. Und dann, ganz plötzlich, war das Licht in ihrem Kopf aus.

  • Es gab einen Knall. Jonas, der gerade ein paar gebrauchte Saiten und ein Buch in seinen Rucksack stopfte, drehte sich abrupt um. Der Kopf wurde gehoben, suchte aufgeschreckt nach der Ursache des Geräusches. Fuck, durchfuhr es den Waliser, der seinen Rucksack auf der Stelle losließ und den Fichtenstab von dem Nachtisch nahm. Er konnte die Quelle nicht sehen, doch wenn er sich auf seine räumliche Orientierung verließ musste das Geräusch von unten gekommen sein. Die Eingangstür. Hatte Elias etwas verraten? Hatte er seinen Entführern vom Grimmauldplatz erzählt und nun wurden sie - pardon, er, denn er war ja als einziger hier - angegriffen? Nicht, dass Jonas dem Heiler dies vorhalten könnte. Was wusste er, was ihm in den letzten Tagen widerfahren war. Gemeinsam mit Levin und seinen zwei Anhängseln suchte er nach einer Lösung, nach einem Weg herauszufinden, wohin man Elias verschleppt hatte. Ja, es war seine Schuld, seine Naivität gewesen, die dafür gesorgt hatte, dass Elias in die Fänge der Todesser geraten war, aber man konnte Jonas nicht nachsagen, dass er nicht alles tat, um diesen Fehler wieder auszubügeln. Er würde dafür sorgen, dass Malja nicht als Waise aufwuchs, dass sie einen Vater hatte, der sich um sie kümmerte. Das hatte er sich fest vorgenommen, koste es was es wolle.
    Und doch setzte das Herz des ehemaligen Gryffindors für einen Moment aus, als die Geräusche aus dem Treppenhaus erklangen, als dem Knall das Öffnen einer Türe folgte, dann etwas Dumpfes. Und schließlich - Stille. Jonas zog die Augenbrauen zusammen, fühlte wie sich Anspannung in seinem Körper breitmachte, während er sich auf die Schlafzimmertüre zubewegte, ihr in das Treppenhaus folgte. Er hätte rufen können, wer dort sei, was das hier solle - doch er war alleine, damit potenziell in der Unterzahl. Mit einem kurzen ungesagten Zauber nahm er seinen Schritten die Lautstärke, sorgte dafür, dass weder Schuhe noch altes Gebälk des Hauses verrieten, dass sich hier jemand fortbewegte. Den Zauberstab hob er ein wenig an, machte sich bereit im Ernstfall sofort einen Zauber sprechen zu können, dann setzte er seinen Weg fort, schritt die Treppe abwärts. Ein ungesagter Homenum Revelio verriet ihm, dass es nur eine Person war, die ihn unten erwartete - eine Person zumindest, die sich nicht gegen Aufspürzauber gefeit hatte. Eine Falle, vielleicht?
    So oder so, im Grunde hatte Jonas keine Wahl als sich die Situation genauer anzusehen: Das hier war ihr Hauptquartier. Wenn die Anderen den Grimmauldplatz entdeckt hatten lag es an ihm den Orden zu warnen. Die Frage, was er zu tun hatte, erübrigte sich also. Jonas stieg die Treppen hinab, den Zauberstab im Anschlag. Es folgte kein weiteres Geräusch mehr und als Jonas schlussendlich um die Ecke bog, den langen Hausflur entlangspähend, erkannte er auch warum. Die andere Person lag bäuchlings auf dem Boden. Kurz hielt Jonas inne, wartete ob etwas geschah, bevor er sich näherte, dann aber verriet ihm sein Unterbewusstsein schneller als seine klaren Gedanken es erfassen konnten, wer dort lag: eine orangene Aura breitete sich von dem dunklen Haarschopf aus, offenbarten dem ehemaligen Gryffindor, dass die Gestalt auf dem Boden eine Vertraute, kein Feind war.
    Er ließ den Zauberstab sinken, bewegte sich auf die Hexe zu, ließ sich auf die Knie sinken, und griff nach ihrem Oberkörper, hievte ihn ein wenig an, nur um den Kopf herab zu senken, ihre Atmung zu überprüfen, die - Merlin, sei Dank! - vorhanden war. Jonas mochte kein ausgebildeter Heiler sein, doch auch in der Aurorenausbildung hatte man ihnen einige Erste-Hilfe-Kniffe beigebracht. Also überprüfte er Laylas Körper mit einem Zauber auf lebensbedrohliche Verletzungen, bevor er sicher gehen konnte, dass ein Transport ihr nicht schaden würde. Erst dann machte er sich daran, auch die Beine der Hexe zu ergreifen, sie ein wenig umzudrehen, damit es ihm leichter fiel, sie auf eines der Betten im Obergeschoss zu tragen, dort auf den Rücken zu legen… und abzuwarten.
    Mehr als sich auf einen Stuhl mit in das Zimmer zu setzen und mithilfe der Magie regelmäßig ihre Vitalfunktionen zu überprüfen, konnte er nicht. Wenn es schlimmer wurde, würde er Levin eine Nachricht zukommen lassen - ansonsten brauchte die Hexe wohl vor allem erstmal Ruhe. Von… was auch immer.

  • Die Schwärze, die die auf dem Boden Liegende überrollt hatte, verließ nach einer Weile den Geist der jungen Frau. Nach und nach klärten sich die getrübten Sinne der Zweiundzwanzigjährigen, ermöglichten dem Bewusstsein, die Umgebung in seiner Art wahrzunehmen. Zumindest soweit es dem geschundenen Körper möglich war. Doch sie spürte die kühle Luft, die ein Windhauch durch die Gemäuer zu tragen schien, roch das modere Holz, das den Boden und die Wände bildete, und den ewig alten Staub, der sich in den Vorhängen, den Teppichen, all den Stoffen verhangen hatte. Es war ein unverkennbarer Duft. Der Duft eines Gebäudes, das seit einer Ewigkeit unbewohnt war, das sich seit einer Ewigkeit nach den Vorteilen der Sauberkeit und Frische sehnte, das ihm jedoch kein Mensch zu schenken vermochte. Es war ein scheinbar ausgestorbener Ort, der nur gelegentlich für gewisse Zwecke genutzt wurde.
    Es dauerte, bis dieser Geruch ihre Nase erreichte. Bis sich die Schärfe des Moders bemerkbar machte. Der Grimmauldplatz. Layla schnappte scharf nach Luft, riss die Augen auf und vergrub die Finger in das Material, das sich unter ihr befand. Es war.. weich? Das verwirrte sie für einen Moment, doch nur für den einen. War es nicht egal, worauf sie lag? Sie war im Grimmauldplatz gelandet, sie hatte es in das Gebäude geschafft, und war dann auf dem Boden gelandet. Aber das war nicht der Boden in dem Flur. Der Oberkörper der jungen Frau richtete sich abrupt auf. Obwohl ihr die Glieder schmerzten, obwohl ihr Kopf zu zerbersten drohte, obwohl alles in ihr nach erholsamen Schlaf und einer warmen Suppe schrie, war jetzt nicht der Moment, sich den eigenen Schwächen hinzugeben, den eigenen sehnsuchtsvollen Gedanken. Denn die Fragen, die sich in den Vordergrund drängten, waren andere: Wie war sie hier hochgekommen? Wo war sie? Welches Datum hatten sie? Wer.. Die Panik kroch ihren Rücken herauf, die Hitze ließ ihren Nacken erröten. Am Ansatz zu den Haaren zog sich ein Kribbeln bis zur Mitte des Schopfes. Angsterfüllt krallten sich die Finger tiefer in den Stoff unter ihrem Körper. Ihr war nämlich eine andere Tatsache sehr deutlich bewusst: Sie hatte keinen Zauberstab, um ihre Magie zu leiten. Den Ersatz, den sie sich vor einer Weile besorgt hatte, war ihr entwendet worden, als.. Sie erinnerte sich nicht mehr an viel. Sie erinnerte sich nur an Dunkelheit, an Hunger, so unheimlich großen Hunger, und Schmerz. So viel Schmerz.. Sie erwartete ihn. Er kam nämlich immer wieder. Und obwohl sie dachte, dass man sich irgendwann daran gewöhnte, lag sie damit sehr daneben. Denn an einen gewissen Schmerz gewöhnte man sich nie. Ihr Körper spannte sich gänzlich an, als sie mit den geschwächten Augen (ihre Brille hatte sie schon vor langer Zeit verloren) den Raum absuchte. Sie wusste nicht, wonach sie suchte, was sie zu finden erwartete. Was sie dann fand, war nicht mal ansatzweise das, was auch immer sie erwartete. Jonas..
    Die Hitze in ihrem Nacken verzog sich mit einem Mal. Dafür schien ihre Nase zu kribbeln. Dafür schien sich eine gewisse Feuchtigkeit in den Augen zu bilden. Wer hätte gedacht, dass der ausgezehrte Körper noch Tränen erzeugen konnte? Es waren vereinzelte, leise Tränen, die sich mit ihrer Nässe einen Weg über das verschmutzte Gesicht suchten, einen Streifen der Sauberkeit hinterließen. Und gleichzeitig entwischte ihr ein Lacher. Ebenso leise, aus einer Kehle kommend, die verkratzt wirkte. Wie lang hatte sie nicht mehr gelacht? Sie wischte sich die Tränen mit dem Handrücken weg, bevor sie vom Kinn tropfen konnten.
    Jonas“, kam es rau über ihre Lippen, während ihr Körper die letzte Kraft aufbrachte. Für das Aufrichten. Die Beine, die von der Bettkante hingen, die Knie, die fast auf seine trafen. Sie hob ihre Hände. Der Blick aus grünen Augen fixierte sein Gesicht, tasteten die Züge ab. Die schmutzigen Finger schwebten über seinen Wangen, ohne sie zu berühren. Es war so surreal. Es fühlte sich so unwirklich an. Wieder einen Menschen vor sich zu haben, ein bekanntes Gesicht, eines, das die Schmerzen in ihrem Kopf nicht verstärkte. Die Finger zitterten, weiterhin über die Züge des Walisers schwebend, die Haut nicht berührend. Was sie vor sich sah, war nicht mehr ein Mensch, es war wie ein Bild, wie ein Traum. „Hat dir schonmal jemand gesagt, wie schön du bist?“, kam es leise aus ihrem Mund. Es schmerzte, so viel sagen zu müssen. Und trotzdem musste es ihren Mund verlassen. Dieser verzog sich zu einem minimalen Lächeln, bevor sie die Arme senkte. Was als Nächstes kam, kommentierte sie mit einem kaum hörbaren „Verzeih‘“, ehe sie die Hände unter seinen Armen durchschob, sie an seinem unteren Rücken ablegte und ihn einfach.. umarmte. Die Augenlider schloss Layla, die Wange legte sie unterhalb seiner Schulter auf der Brust ab. Sie ahnte, dass sie ihn nicht lange zu dieser Umarmung zwingen konnte, aber.. aber sie brauchte das. Jetzt.

  • Jonas wusste nicht, wie lange er neben dem Bett im Grimmauldplatz saß und darauf wartete, dass Layla irgendeine Form von Lebenszeichen von sich gab. Vermutlich war es auch egal, denn eine andere Wahl, als hier zu sitzen und darauf zu hoffen, dass die ehemalige Hufflepuff möglichst bald aus ihrer Ohnmacht erwachte, konnte er ohnehin nicht. Aufmerksam glitt sein Blick immer wieder zu den Zügen der Hexe, bevor er sich im Raum verlor und seinen Gedanken nachhing. Er hatte Layla schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, ebensowenig wie einer der anderen Ordensmitglieder, sie hatten das besprochen, doch keiner von Ihnen hatte einen Anhaltspunkt was die Hexe umhertrieb und da sie auch keinen Hinweis darauf gehabt hatten, dass der jungen Frau etwas zugestoßen war, hatten sie keinen Suchtrupp losgeschickt, sondern schlichtweg akzeptiert, dass sie eine Auszeit brauchte. Warum auch nicht? Sie war eine erwachsene, freie Frau, konnte tun und lassen, was sie wollte - auch wenn ihr Verschwinden bedeutet hatte, dass sie keine Ahnung davon hatte, was hier in den letzten Wochen vorgefallen war.
    Nun jedoch, da Layla Night zurück war, da sie in diesem Zustand im Flur des Hauses zusammengeklappt war, war Jonas überzeugt, dass was auch immer ihr widerfahren war, nicht vollkommen freiwillig geschehen war. Dafür sprachen ihr offensichtlicher Schwächeanfall, der Dreck auf ihrer Haut und die kleinen Verletzungen, die sogar er mit bloßem Auge erkennen konnte, viel zu deutliche Bände. Und dennoch hatte Jonas keine Anstalten gemacht, die Hexe zu reinigen oder ihre Wunden zu heilen, während sie schlief. Nicht, weil es ihm an Einfühlungsvermögen mangelte oder weil er gar zu schüchtern war, die ehemalige Hufflepuff zu berühren. Vielmehr wusste er noch aus seiner Zeit in der Aurorenzentrale, dass jene Spuren, so unliebsam sie auch waren, eindeutige Beweise sein konnten. Wenn er sie entfernte, bevor sie gesichert waren, hatte Layla geringere Chancen darauf denjenigen zur Rechenschaft zu ziehen, der… was auch immer getan hatte. Wenn überhaupt jemand etwas getan hatte. Das wusste er bekanntlich nicht, doch er wollte es nicht riskieren. Und solange Layla nicht bei Bewusstsein war, würde es sie wohl kaum stören, wenn sie ein bisschen schmutzig war.
    Als sich der Körper der Hexe schließlich regte, konnte Jonas nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war. Stattdessen setzte er sich ebenfalls ein wenig auf, wartete ab, ob Layla nun tatsächlich aufwachen würde oder sich lieber wieder dem Schlaf hingab.
    Abrupt setzte Layla sich auf, bewies damit, dass sie offensichtlich nun zu sich kam. Jonas beugte sich ein wenig nach vorne, hob ein wenig abmildernd die Hand. „Du bist im Grimmauldplatz”, versicherte ihr, hatte das Gefühl, dass dies die Sicherheit war, die sie nun brauchte. Layla antwortete nicht, allerdings hatte er das auch nicht erwartet, es ging nur darum, dass sie sich beruhigte, einen Moment innehielt und nicht ihren Fluchtinstinkten folgte. Der Blick der Hexe glitt unstet umher und Jonas schwieg, gab ihr die Zeit, sich von seinen Worten zu überzeugen. Als sie schließlich zu begreifen schien, als ihr Körper an Anspannung verlor, kamen die Tränen. Der Waliser runzelte ein wenig die Stirn, nicht sicher, ob er diesen Anzeichen der Schwäche, der Hilflosigkeit vertrauen konnte. Dafür war in den letzten Wochen zuviel passiert. Elias war fort… wer sagte ihm, dass das keine Falle war?
    Ja, die Hexe sah aus wie Layla, das dunkle Haar wurde von jenem karottenorange durchzogen, dass er kannte… und doch. Und doch durfte er sich keiner Dummheit hingeben. Etwas, das dem ehemaligen Gryffindor gar nicht so leicht fiel, wenn er ehrlich war. Die Verunsicherung in Laylas Blick, die Tränen, die ihr über die Wange kullerten, die Finger, die sie nach ihm ausstreckte, während sein Name über ihre Lippen fiel. All das verleitete ihn dazu, die Vorsicht über Board zu werfen, die Hexe in eine Umarmung zu schließen und zu erfragen, was mit ihr geschehen sein mochte. Jonas widerstand diesem Drang, zwang sich zur Achtsamkeit. Immer wachsam!, ermahnte er sich. Eine der ersten Lektionen, die man jungen Auroren eintrichterte.
    Er erwiderte also nichts auf das Kompliment, das ihre Lippen verließ, hätte nicht einmal gewusst, was er dazu sagen sollte, wenn es ihm nicht derart verdächtig vorgekommen wäre. Weshalb sollte Layla ihm soetwas sagen? Jonas wehrte sich nicht gegen das was kam, wurde überrumpelt von den Armen die sich um seinen Körper schlangen, von der unerwarteten Nähe der Hexe, von dem Druck ihres Kopfes an seinem Oberkörper. Und für einen kurzen Augenblick gab er nach, hob seine Arme an, legte sie ebenfalls um den Körper der Hexe, strich ihr beruhigend über den Rücken. Es war naiv und Jonas besann sich bald eines besseren. „Layla”, setzte er an, bemühte sich um Ruhe in seiner Stimme. Denn wenn die Hexe wirklich sie selbst war, wenn das hier echt war, dann wollte er sie nicht verschrecken, doch er musste sicher sein. Also löste er die Umarmung, schob die Hexe an ihren Schultern von sich weg, damit er ihr in die Augen sehen konnte. „Du warst lange weg. Du kennst die Regeln.” Regeln, die der Orden sich für solche Fälle auferlegt hatte, die Jonas aus der Aurorenausbildung mitgebracht hatte, ebenso wie er im Gespräch mit den anderen eingefordert hatte, ihre Patronusgestalten miteinander zu teilen. Schlicht, um etwas zu haben, was jeder von ihnen die anderen fragen konnte. Kurz hielt der Zauberer inne, suchte nach einer Frage, welche nur die echte Layla ihm würde beantworten können. Etwas, dass sie niemandem erzählen würde, nicht einmal den anderen Ordensmitgliedern. Etwas, dass auch Elias nicht wissen konnte. „In der Nacht als ich nach Großbritannien zurückgekehrt bin… hast du mir etwas überlassen. Was war das?” Zugegeben, eigentlich hatte er es ihr weggenommen. Aber das war wohl Teil der Frage: Nur die echte Layla wusste das. Alle anderen würden wohl aufgrund seiner Frage viel eher von einem Geschenk ausgehen.

  • Der Stoff seines Oberteils fühlte sich auf ihrer Haut so unheimlich weich an, seine Wärme war ein willkommenes Trostpflaster, die Erwiderung ihrer Berührung einer heilenden Wirkung. Ihr Gegenüber roch frisch, wie ein voller Sack Wäsche, der gerade mit Weichspüler behandelt wurde (haha, super Vergleich), wie ein sanfter Windstoß über einer offenen Wiese, wie die Erde, wenn nach einem harten Sommer endlich der Regen fiel und Erleichterung mit sich brachte. Es war die Frische, die so gesund und kraftvoll wirkte. Es fühlte sich an, wie nach Monaten der Abwesenheit wieder in das eigene Bett zu finden, das man so vermisste, welches einen mit seiner Weiche empfing, sobald man in die Matratze sank. Das Gefühl, wenn die warmen Decken den Körper in eine Umarmung hüllten, als ob sie den Schmerz und das Leid des Alltags von den Schultern nehmen wollten. Es fühlte sich an, als ob sie endlich wieder Zuhause angekommen war.
    Obwohl dies höchstwahrscheinlich nicht an ihm als Menschen lag. Bei Merlin, Jonas und sie hatten in ihrem Leben zu wenige Berührungspunkte gehabt, die meisten von ihnen waren unangenehmer Natur gewesen. Wenn sie aufeinandertrafen, endete das meist mit irgendeiner Art von Kampf. Anstrengung und Abweisung und Mühsal. Ihre Treffen hatten immer Spuren mit sich gebracht. Und trotzdem fürchtete sie sich in diesem Moment nicht vor ihm. Die Furcht vor seiner Kraft war in diesem Augenblick nicht präsent, geschweige denn die Angst vor seiner Schroffheit, seiner Abweisung. Obwohl die Verschollene viel eher damit rechnete als mit dem, was wirklich passierte..
    Es war eine große Erleichterung, als er diese Umarmung zuließ, dass er ihr diesen Moment der menschlichen Nähe erlaubte. Den Moment menschlicher Schwäche. In seiner Gegenwart. Dabei war der Mann vor ihr einer, der sie durch seine Art und sein Verhalten herausforderte. Er ermöglichte ihr eine Reflexion, die sie in dieser Art noch nie vorgenommen hatte, setzte Impulse, die die eigenen Schwächen in Frage stellen ließ, die geprüft wurden, sie motivierten, weiter an sich zu arbeiten, stärker zu werden, kälter, härter. Sich nicht den eigenen Emotionen hinzugeben und immer wachsam zu sein. In diesem Moment war dies nicht möglich, konnte sie nicht widerstehen. Sie konnte einfach nicht. Jetzt räumte sie, wenn dies auch nicht bewusst geschah, diesen Bedürfnissen Platz ein.
    Obwohl er sie von sich schob, sanft an den Schultern von sich wies, ließ die ehemalige Hufflepuff den vertrauten Gesellen nicht los, sondern grub die schwachen Finger leicht in den Stoff seines Oberteiles. Es war keine bedrohliche Geste, nur eine sanfte. Sie war noch nicht bereit, aus dieser Umarmung zu gehen, die Wärme von sich zu weisen, die sein Körper ausstrahlte. Sie wollte das Gefühl noch nicht verabschieden, welches sie vor einem Wimpernschlag noch erfüllt hatte.
    Trotz dessen war das Prozedere ein Vertrautes, ein Gängiges. Hatte sie nicht Ähnliches bei ihm gemacht, als er vor einer Weile wieder zurückgekommen war? Als sie ihm zufällig über den Weg gelaufen war? Die Art des Umgangs, die Prüfungen, die Sicherheitsfragen; es waren Schutzmaßnahmen, um den Orden und seine Mitglieder zu schützen. Und dieser Schutz war wichtig, so unheimlich wichtig. Insbesondere bei einem Menschen, der so lange verschollen war, dem die letzten Ereignisse nicht bekannt waren, der von den Geschehnissen der letzten Zeit nichts ahnte. Es war der antrainierte, erprobte Umgang. Deshalb nickte sie, als er auf die Regeln aufmerksam machte. Sie nickte, weil sie es verstand, weil sie ihm das niemals übelnehmen würde. „Natürlich“, flüsterte sie und wandte den Blick nicht von seinen Augen.
    Layla erinnerte sich noch sehr gut an die Nacht seiner Rückkehr. Insbesondere an die Androhungen und die Schmerzen. Doch im Vergleich zu der letzten Zeit war diese Unannehmlichkeit damals ein Zuckerschlecken gewesen. Sie erinnerte sich auch an diese Sicherheitsfragen, die sie sich gestellt hatten. Und dennoch ließ sie seine Formulierung kurz stutzen. „Du hast mir meinen Zauberstab entwendet, meinst du das?“ Und ihn nie wieder zurückgegeben. Aber das hielt sie ihm nun nicht vor. Es waren andere Zeiten gewesen, andere Umstände. Kurz senkte sich der Blick auf sein Schlüsselbein, dann rutschte sie auch schon wieder zu ihm und schlang die Arme enger um ihr Gegenüber. „Ich war ja auch fies zu dir.


    //Soundtrack zu dem Post: Someone You Loved von Lewis Capaldi. Text nicht so passend, aber trotzdem uff.

  • Es überraschte ihn, dass Layla derart unvoreingenommen seine Nähe suchte. Nicht nur, weil sie sich schlichtweg nie derart nahe gestanden hatten, auch wenn sie beide dem Orden zugehörig waren, sondern auch, weil die ehemalige Hufflepuff in den vergangenen Monaten vor ihrem Abtauchen ihm beinahe tagtäglich vorgeworfen hatte, ihren Zauberstab nach wie vor in seinem Besitz behalten zu haben. Sie hatte versucht ihm eine schroffe Seite zu zeigen, eine, die so vollkommen gegnsätzlich zu dem war, was sie nun durchblicken ließ. Entweder war das vor ihm also nicht die echte Layla oder irgendwas hatte die Hexe verändert. Ob nun Tränke, Zauber oder bloß die Erfahrungen der letzten Monate war dabei erst einmal unerheblich. Sowieso waren diese Gedanken alle eher subtilerer, nicht präsenter Form, als sich die Arme der Hexe um seinen Körper legten.
    Die primären, vordergründigen Gedanken waren weniger rational und kalkulierend, sondern waren durchzeichnet von Empathie und Menschlichkeit - beides Eigenschaften, die Layla Havisham ihm in einer anderen Situation sicher abgesprochen hätte. Dass diese irgendwo tief verborgen durchaus in ihm existierten, bewies der Waliser in diesem Augenblick jedoch ganz eindeutig. Er wies die Hexe nicht schroff von sich oder spöttelte auf irgendeine Art und Weise über ihre Hiflosigkeit. Vielmehr schuf er ihr Raum, erwiderte ihre Umarmung und war für einen Augenblick einfach nur für sie da. Und, wenn er ganz ehrlich war, verlor er sich auch ein wenig in der Sorge, dem Mitgefühl welches ihn überkam. Erst nach einer Weile vermochte er es, sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen und auch Layla daran zu erinnern, dass sie zunächst noch den Vorschriften folgen mussten. Glücklicherweise bekam die Hexe diese Forderung seinerseits nicht in den falschen Hals, fühlte sich offensichtlich nicht verstoßen, blieb trotz allem noch viel zu nahe bei ihm, ließ sich gerade genug von ihm schieben, als dass sie Blickkontakt herstellen konnten, während sie sprachen. Aufmerksam glitt der eisblaue Blick, der ausnahmsweise einmal gar nicht so kalt wirkte, über die Hexe vor sich, beobachtete ihre Regungen, während sie innehielt und nach einer Antwort auf seine Frage suchte. Was war nur mit ihr geschehen?
    Als Layla seine Frage schlussendlich beantwortete, huschte ein kurzes, erkennendes Lächeln über sein Gesicht. „Das meinte ich”, erwiderte er versöhnlich und ließ beinahe schon bereitwillig zu, dass die ehemalige Hufflepuff sich wieder an ihn drückte, mehr von dem forderte, was er durch seine unverschämte Frage für sie wohl zu früh unterbrochen hatte. Diesmal würde er das nicht tun. Eigentlich verlangte das Protokoll, dass Layla nun ebenfalls eine Frage stellte, sich vergewisserte, dass Jonas er selbst war. Dann wiederum wusste er ja, dass er erselbst war. Diesen Fehler konnte er Layla also verzeihen, er würde ihr nicht zum Nachteil gereichen.
    Auch Jonas Arme legten sich wieder um den Körper der Hexe, enger diesmal, halt gebender. Und während Layla ihren Kopf an seinem Schlüsselbein positionierte, sich damit kleiner machte als sie war (denn eigentlich trennte die beiden Magier nicht viel an Körpergröße), legte der Waliser sein Kinn auf dem Kopf der Hexe ab, verwehrte sich selbst den Anblick ihrer beiden Farben, die sich miteinander verwoben. Dass Layla ihren Kopf, damit ihre Farbe ausgerechnet auf seinem Schlüsselbein, dort wo er den Ursprung seiner eigenen Farbe wahrnahm, gelegt hatte, war irritierend genug, da brauchte er nicht zu beobachten, welches farbliche Spektakel sich dort bot. Außerdem würde eine entsprechende Regung seinerseits die Position verändern, die Layla sich ganz bewusst ausgesucht hatte.
    Instinktiv hob sich die Hand des Zauberers, legte sich an den Kopf der Hexe, fuhr ihr sacht über das Haar. Er sprach nicht, wusste auch gar nicht, was er ihr hätte sagen sollen, verstand er doch nicht einmal Ansatzweise, was in ihr vor sich ging. Also tat Jonas einmal das Richtige in seinem Leben: Er hielt die Klappe, enthielt sich eines Kommentars und war einfach da. Solange wie Layla es brauchte.


    // I see your Someone You Loved and I raise you Drown - Seafret as posting mood

  • Die Lider senkten sich über die grünen Augen, als sie endlich wieder in der Umarmung angekommen war. Nicht nur aus Erschöpfung, die natürlich auch ihren gewissen Beitrag dazu leistete, sondern auch aus dem nicht unwichtigen Gefühl der Wohligkeit und der Weichheit, mit der er sie so sehr überraschte. Einem Mann wie Jonas Fawley hätte eine Layla unterstellt, dass er kalt und hart wie ein Stein war, dass das Herz unberührt blieb von jeglicher emotionalen Regung, die positiver Natur war, dass diesen Menschen nichts Positives, Euphorisches bewegen konnte, wenn es nicht gerade die Wut oder der Hass waren. Nein, ein Mensch wie Jonas war steif, das Innere kehrte sich bei ihm nach außen, zumindest hatte sie das immer fälschlicherweise angenommen, er war hart und steif und konnte sich einer Sache nicht so hingeben. Oder? Das war doch das, was man sah, wenn man ihn anschaute, wenn man ihn kannte. Oder hatte sie ihn einfach nur falsch kennengelernt? Nach dem klassischen „Zur falschen Zeit am falschen Ort“-Prinzip? Oder hatte er nur ihr Verhalten ihm gegenüber gespiegelt? Sie imitiert? War sie eigentlich die Böse in der Rechnung gewesen? Und er einfach nur ein unheimlich lieber Mensch, den sie einfach mal missverstanden hatte?
    Jetzt fing sie schon an, ihre eigene Vernunft anzuzweifeln. Eine Vermutung, die sie vor dem Verschwinden gehabt hatte, ein Verhalten, das in einem Moment der klaren und stabilen Gedanken gefasst und verstanden wurde, stellte sie in Frage. Nein, Jonas war ein eigenartiger Mensch gewesen, bevor sie ihn kennengelernt hatte. Deshalb ging sie davon aus, dass er einfach im Allgemeinen, ganz oberflächlich betrachtet, ein strenger und harter Mensch war. Er war und blieb ein Stein, dies war mir Sicherheit nur die Ausnahme. Das dachte sie zumindest.
    Ähnlich wie bei ihm waren diese Ideen nicht in präsenter Form in ihrem Kopf, sondern etwas, das vielleicht mal an einem dunklen Abend ihre Gedanken streifte, wenn sie wirklich sonst keine Probleme oder Themen hatte. Jetzt allerdings? Jetzt war es nicht mal annähernd in ihrem Bewusstsein.
    Es musste in dieser langen Zeit einen Moment gegeben haben, in dem sie eingenickt war, während sie noch in der Umarmung war. Denn der Kopf hob sich nach einer Ewigkeit von dem Schlüsselbein, sie blickte zu Jonas herauf und schenkte ihm ein dankbares Lächeln.
    Ich will zwar noch nicht weg, aber ich glaube, ich benötige sauberes Wasser, um mich bisschen zu waschen.“ Sie rümpfte ein bisschen mit der Nase. „Es tut mir Leid, dass du dir das antun musstest.“ Sie setzte die nackten, verschmutzten Füße auf den Boden und richtete sich langsam auf. Fast knickten ihre Beine weg, allerdings hielt sie sich noch an dem Stuhl und an seiner Schulter fest, bevor sie wirklich auf dem Boden landete. Wie sie es zum Bad schaffen sollte, würde sie gleich erfahren. „Und danach wäre ich dir wirklich sehr dankbar, wenn du auffüllst, was ich die letzten sechs Monate verpasst habe.“ Wieder ein Lächeln, Finger, die durch seine Haare strichen. Dann beugte sie sich herab und hauchte ihm dankbar einen Kuss auf die Wange. Es war wirklich aus reiner Dankbarkeit und aus Dankbarkeit. Es war nicht selbstverständlich, dass er so mit ihr umging.

  • Jonas ließ die Umarmung zu, gab Layla die Zeit, die sie brauchte und löste sich selbst dann nicht, als er fast schon das Gefühl hatte, dass sie eingeschlafen sein musste, weil sie sich nicht mehr regte, weil ihr Atem zu ruhig, zu gleichmäßig geworden war. Er hielt an der Umarmung fest, strich hin und wieder über ihren Schopf, während seine eigenen Lider sich schlussendlich ebenfalls schlossen, der Versuch widerstanden auch nur einen Hauch der sich vermischenden Auren in sich aufzunehmen. Dass er hier einem gemachten Bild von sich selbst widersprach, konnte er sich wohl irgendwo denken, doch tatsächlich kümmerte den Waliser das in diesem Augenblick herzlich wenig. Er tat was er tat nicht um ein Image zu wahren oder sich einen Ruf aufzubauen, er provozierte unablässig und stieß von sich ab, wollte sehen aus welchem Holz seine Mitmenschen geschnitzt waren. Und ja, er hatte schon mehr als einen Menschen dabei auch rein physisch verletzt und den ein oder anderen Knochen gebrochen. Nie aber war über die Grenze geschritten, an dem er einen Menschen brach. Das war nicht seine Absicht und widersprach seinem doch sehr fest ausgerichteten moralischen Kompass. Was auch immer Layla Havisham in dem letzten halben Jahr erlebt hatte, es hatte sie gebrochen - und damit war jede Fassade, jede Provokation seinerseits unnötig. Also war er einfach da, gab sich ihren Bedürfnissen hin, bis sie selbst entschied, dass es genug war.
    Als die Hexe schließlich wieder eine Regung in ihren Körper huschen ließ, öffnete der Waliser bereitwillig seine Arme, nahm die Hand von ihrem Kopf und ließ zu, dass die ehemalige Hufflepuff sich wieder aufrichtete. Ihr Lächeln wurde knapp erwidert und ein Nicken verdeutlichte, dass er ihre Worte vernommen hatte.
    Ich war zwei Jahre fernab der Zivilisation, ich hab Schlimmeres gerochen”, erwiderte er auf ihre unnötige Entschuldigung und ließ ein schiefes Grinsen über seine Züge huschen, während er sich selbst wieder zurücklehnte seine Haltung ein wenig korrigierte. Denn im Gegensatz zu seinem Geruchssinn hatte diese in den letzten Minuten tatsächlich gelitten. Als Layla bei ihrem Versuch sich aufzurichten beinahe wieder umkippte, reagierte er jedoch zügig, hob ein wenig den Arm, um sie im Zweifelsfall aufzufangen - doch das war glücklicherweise nicht nötig. Layla fand Halt an seiner Schulter, also senkte er den Arm wieder. „Vorsicht” riet er ihr unnötigerweise an. Es war auch für ihn ungewohnt, derart sanft mit jemandem zu sprechen, denn dass er Zeit mit jemandem verbracht hatte, um den er sich wirklich sorgte, war eine ganze Weile her. Eine gewisse Bitterkeit erfüllte ihn. Was wahrscheinlich auch daran lag, dass die meisten Menschen, die ihm etwas bedeutet hatten, fort waren.
    Auf ihre Bitte nickte er bloß. Er würde ihr erzählen, was sie verpasst hatte - unabhängig davon, ob sie bereit war zu erzählen, was ihr widerfahren war, auch wenn ihn das durchaus interessierte. Vermutlich jedoch war es besser, wenn sie von sich aus damit herausrückte. Ein wenig irritiert über die Finger, die durch das widerspenstige Haar auf seinem Kopf fuhren, zog Jonas ein wenig seine Augenbrauen zusammen, nicht ahnend, dass die Krönung des Ganzen in Gestalt eines Kusses noch folgen würde. Es gab keine Gelegenheit für Jonas sich zu wehren, doch vermutlich hätte er es nicht mal getan, wenn sie ihn vorgewarnt hätte. Wenn er nicht soeben überprüft hätte, dass sie es wirklich war, hätte er schwören können, dass sich jemand ihrer Gestalt bemächtigt hatte. „Soll ich dich begleiten?” Ein kurzes Nicken Richtung des angrenzenden Badezimmers folgte, dann erst begriff er, dass sein Angebot nicht eindeutig war. Kurz zuckten seine Mundwinkel ob der Erkenntnis seiner eigenen unbeabsichtigen Zweideutigkeit, bevor er den Blick ein wenig senkte und das Missverständnis auszuräumen gedachte bevor es entstand. „Den Weg zum Bad, meine ich. Wenn du willst, kann ich neben dir hergehen, falls du eine Stütze brauchst.” Er wollte ihr keine Hilfsbedürftigkeit zuschreiben, die sie nicht hatte, doch er wollte auch nicht, dass sie sich aus falschem Stolz nicht getraute danach zu fragen. Sie war nach wie vor offensichtlich nicht ganz fit auf den Beinen. Oh, und da war noch etwas, dass er anbieten konnte. Der Zauberer richtete sich ein bisschen auf, griff nach der Tasche, welche er neben dem Nachtschränkchen hatte liegen lassen, als er vor einer ganzen Weile nach unten gestürmt war, um die bewusstlose Layla zu finden. Mit einem kurzen Handgriff suchte er ein Set frischer Wäsche heraus - ein T-Shirt und eine Boxershort - und präsentierte es ihr. „Nur bis wir deine Sachen gereinigt haben”, schlug er vor. Es sei denn natürlich sie hatte irgendwo im Grimmauldplatz noch Reservewäsche von der er nichts wusste. Aber er konnte sich kaum vorstellen, dass sie nach einer ausgiebigen Dusche wieder in die gleiche getragene Kleidung schlüpfen wollte.

  • Danke, das beruhigt direkt meine Ängste“, meinte sie auf die Aussage, dass er in seinen zwei Jahren, die er außerhalb der Zivilisation verbracht hatte, schon Schlimmeres gerochen hatte. Ja, das nahm ihr nun die Sorge, dass sie furchtbar roch, zu hundert Prozent. Der arme Mann hatte eben noch so gut gerochen und musste nun damit leben, dass ihm ihr Gestank in der Nase hing. Ihr entwischte bei der eigenen Aussage ein leises Lachen, das mehr verkratzt und rau wirkte, als wirklich aus dem Bauch zu kommen schien. Vermutlich, weil es ihr Körper sich davor fürchtete, bei einem wirklichen Lachen Schmerzen zu verspüren. Die Lunge war es nicht mehr gewohnt, so viel frische und saubere Luft zu atmen, war von der schlechten, modrigen Luft in der Dunkelheit bestimmt geschädigt worden, aber was wusste sie schon? Es dämmerte ihr, dass sie sich selbst scannen musste, um zu sehen, was man mit ihr angerichtet hatte, um zu sehen, welche Wunden sie für kurze Zeit und welche für lange Zeit mit sich tragen musste. Um wirklich zu sehen, was mit ihrem Körper passiert war, ob ihr Lachen sich bald wieder normalisierte oder sie für immer ein eigenartiges, raues Keuchen hervorbrachte, wenn sie lachen musste. Aber zumindest brachte sie ein Lachen hervor, bevor sie zu stürzen drohte. Layla drückte sanft seine Schulter, ohne sich groß für seine Stütze zu bedanken.
    Der Dank war nämlich so viel größer, als sie jemals in Worte packen könnte. Als so ein einfacher Kuss auf die Wange jemals ausdrücken könnte. Für seine Akzeptanz der Situation, für seine Freundlichkeit, für sein Schweigen in Momenten, in denen er bestimmt so einiges zu sagen hatte. Für seine leise Warnung und für seine Geduld, für seine Umarmung, dafür, dass er sie nicht mit Fragen durchbohrte, dass er sie nicht dafür verurteilte, wie sie hier gerade rumlief. Es war noch so viel mehr, was sie ansprechen und wofür sie sich bedanken könnte, aber das war doch alles Moments bezogen. Danken für seine Wärme und für sein Angebot, ihr weiterhin zu helfen, weil sie des Gehens unfähig war.
    Layla folgte seinem Blick in Richtung Badezimmer und verzog das Gesicht zu einem entschuldigenden Mimen, auch wenn die Lippen weiterhin lächelten. „Liebend gerne. Am Ende stolpere ich sonst wieder und dann musst du mir doch helfen. Also kein Stolz, der gerade fehl am Platz wäre.“ Und sie war es satt, dass sie in diesem Aufzug auch noch stolz sein sollte. Worauf? Dass sie aussah wie ein Hund, der ein paar Stunden im Matsch gespielt hatte? Weil sie keinen klaren Gedanken fassen konnte? Weil sie am Ende ihrer Kräfte gewesen war und vor ihm umgekippt war? Welche Grenzen hatten sie da noch? In einem normalen Moment hätte sie darauf geachtet, dass er sie niemals so sieht, aber jetzt, wo es schon passiert war? Es wäre unpassend. Nein, es störte sie nicht einmal, dass sie gerade seine Hilfe annehmen wollte. Weil sie wusste: Ganz gleich, was noch auf die beiden zukam, ob sie sich in Zukunft noch prügelten oder auch nicht, er würde es nicht gegen sie verwenden.
    Und dann beobachtete sie ihn, wie er ihr frische Kleidung aus dem Rucksack zog. Ein T-Shirt, das hoffentlich wie seines roch, und Boxershorts. Seine? Überrascht hob sie die Augenbrauen, nickte dann aber und nahm ihm die Sachen ab. „Jonas?“, fragte sie leise, während sie zu ihm herabschaute, dann lächelte. „Du bist immer noch wunderschön.“ Und dabei betonte sie das Noch besonders. Sie hoffte, dass er das jeden Tag von jemandem hörte, weil sie würde ihm das nicht täglich auf die Nase binden.

  • Es war mehr als deutlich zu hören, dass es eine ganze Weile her war, seit Layla das letzte Mal gelacht hatte. Und auch wenn er sich bereits hatte denken können, dass die letzten Monate nicht sonderlich glimpflich für sie verlaufen waren, war es seltsamerweise diese Erkenntnis, die ihn am meisten schockierte. Layla stützte sich an ihm ab, um nicht zu fallen, Jonas warf ihr einen besorgten Blick zu. Kam sie zurecht?
    Der Waliser war kein Mensch, der auf Dank angewiesen war. Wenn er sich entschied etwas zu tun oder zu lassen, dann hatte das seinen Grund, bedurfte keiner Bestätigung durch außen, weil er sich schon längst dafür entschieden hatte. Er bereute nur sehr selten. Nicht einmal im tiefsten Winkel seines Oberstübchens also erwartete er irgendeine Form von Dank von der ehemaligen Hufflepuff. Er tat das hier, weil es für ihn selbstverständlich war, weil er eben - entgegen allem, was man sicher auch wahrheitsgemäß über ihn sagen konnte - kein vollkommen abgestumpfter Egoist war. Seine Mitmenschen waren ihm nicht grundsätzlich bedeutungslos - hatte sich denn nie jemand gefragt, was ausgerechnet er beim Orden tat? Wenn er wirklich wäre, was er zu sein schien, hätte er nie mit seiner Familie brechen müssen, hätte seinem Namen gerecht werden können, nur für sein eigenes Wohlergehen lebend und sich einen feuchten Kehricht um das kümmernd, was die Ideologie seiner Familie für andere Menschen bedeutete. Er schließlich wäre sicher gewesen, er hätte kein Leid zu befürchten gehabt.
    Zugegeben war Jonas ein wenig erleichtert, als Layla so bereitwillig sein Angebot annahm, sich von ihm zum Badezimmer begleiten zu lassen. Er nickte und wollte sich schon von seinem Platz erheben, um mit ihr den Weg anzutreten, als seine Gedanken die Situation zu Ende spannen und ihm einfiel, dass sie noch etwas anderes brauchen würde, sobald sie sich erstmal gereinigt hatte: Saubere Kleidung. Da er jedoch nichts in Laylas Größe übrig hatte, war das Beste was ihm einfiel Unterwäsche und ein T-Shirt. Seine Hosen würden ihr kaum passen und auf den Kleiderschrank einer weiteren Person konnten sie hier leider nicht zurückgreifen. Also kramte er in seiner Tasche nach etwas sauberem, Kleidung die er zuvor noch für seinen Umzug eingepackt hatte, und reichte sie der Hexe mit einer entsprechenden Erklärung.
    Jonas bemerkte das kurze Zögern, die fragend erhobenen Augenbrauen durchaus, zuckte aber nur mit den Schultern. „Kannst auch wieder deine dreckigen Sachen anziehen”, schlug er vor, doch Layla schien es sich anders zu überlegen und nahm die Kleidung schlussendlich doch entgegen.
    Als sein Name ein weiteres Mal über ihre Lippen ruschte, blickte der Zauberer aufmerksam auf, wartete auf etwas sinnvolles… und erhielt doch nur die Wiederholung ihres Kompliments. Diesmal jedoch konnte er sich einer Reaktion nicht verwehren. Die Mundwinkel des Zauberers zuckten kurz nach oben und die Lippen verformten sich zu einem Schmunzeln. „Sei damit lieber sparsam, nachher gewöhn’ ich mich noch daran”, erwiderte er neckisch und erhob sich dann langsam von dem Stuhl, spannte einmal diverse Muskelgruppen seines Körpers an, einfach, weil er so lange gesessen hatte. Es tat gut wieder aufzustehen.
    Der blaue Blick glitt zu der Hexe und Jonas trat einen Schritt seitlich neben den Stuhl, um ihr im Zweifelsfall eine Stütze zu sein. Gerade jedoch, als er sich mit ihr in Bewegung setzen wollte, erinnerte er sich an etwas. „Layla”, es war eine Aufforderung zum Stoppen, zum Innehalten. Eigentlich hatte er damit bis nach ihrem Duschen warten wollen, eigentlich hatte er sie gar nicht damit konfrontieren wollen, doch er wollte nicht, dass es schlussendlich zu spät war, wenn sie selbst daran dachte. „Du bist Heilerin, du weißt das vermutlich genauso gut wie ich…”, begann er, stockte dann aber doch, hielt inne, zögerte. Ihm gefiel das nicht. Er wollte nicht mit einer offensichtlich immernoch instabilen Layla ein so sensibles Thema behandeln. Aber er wollte auch, dass sie sich bewusst wurde, was sie tat. „…wenn dir was widerfahren ist, wovon die Strafverfolgung erfahren sollte, solltest du erst nach einer Beweisaufnahme duschen.” Eigentlich war Jonas ein sehr direkter, wenn nicht sogar vulgärer Mensch, doch hier wollte selbst er es nicht allzu explizit darlegen. Sie begriff doch worauf er hinaus wollte, oder nicht? Wenn es Spuren an ihrem Körper gab, die auf einen Täter hinweisen konnten, würde eine ausgiebige Suche - so sehr sie sich auch danach sehnte - diese fortspülen. Sie musste sich leider jetzt entscheiden, ob sie das wirklich wollte.

  • Nein!“ Die Antwort kam sehr prompt über ihre Lippen. Sie konnte doch nicht in diesem Fetzen herumlaufen, der an ihr hing. Sie wäre froh, wenn sie dieses Kleid erstmal nicht mehr sehen würde, wenn sie es verbrennen könnte, damit es keine eigenartigen Erinnerungen in ihr weckte. Sie war froh, dass sie sich nach einer langen, sehr heißen Wäsche in saubere, frische Kleider hüllen konnte, die nicht nach Erde und Schmutz rochen. Nein, sie war wirklich dankbar darum, dass er seine Kleider einfach so anbot, obwohl er nicht musste. Niemand verlangte, dass er ihr half, und er tat es trotzdem. Er hätte sie auch einfach liegen lassen können, um seinen eigenen Tätigkeiten nachzugehen, um seine Erledigungen zu beenden, stattdessen war er die letzten Stunden in ihrer Anwesenheit gewesen und hatte sich um sie gekümmert, hatte gewartet, bis sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, hatte sie in eine wunderbare Umarmung gehüllt. Es war einfach nicht das Verhalten, welches sie von ihm erwartet hatte. Es wunderte sie einfach sehr, dass dieses Angebot von ihm kam. Layla betrachtete das alles nicht als eine Selbstverständlichkeit. Deswegen hatte sie gestockt und dennoch nahm sie es dankend an.
    Bei seinem Schmunzeln musste auch sie lächeln. Wie süß er doch aussehen konnte, wenn er wollte. Es machte sein ganzes Gesicht viel freundlicher, weicher. Und ihr gefiel das. Ihr gefiel es, diesen Ausdruck auf seinem Gesicht zu sehen, und sie hoffte, dass sie das noch häufiger sehen könnte. Vielleicht wäre ihre Beziehung zueinander nach diesem Tag ein bisschen anders. Wer wusste das schon. Man konnte nur hoffen. Layla würde jedenfalls immer wieder versuchen, diesen Ausdruck hervorzulocken, wenn es ihr möglich war. „Das ist doch der Sinn des Ganzen. Du solltest es wissen“, sprach sie, während er sich vom Stuhl erhob und den vom langen Sitzen geschundenen Körper anspannte. Kurz spiegelte sich auf ihrem Gesicht Besorgnis wider. Hatte er so Schmerzen gehabt, als sie bei ihm gesessen war? Hatte sie ihm auf diese indirekte Art und Weise Leid beschert? „Sorry“, meinte sie nur kurz, während sie wartete, dass er neben sie trat. Obwohl diese Berührungen niemals gemisst werden wollten, wäre sie vielleicht bereitwilliger und eher aufgestanden, wenn sie davon gewusst hätte. Trotz der Tatsache, dass sie über die letzten Monate unheimlich viel abgenommen hatte, auch wenn dies eher unbeabsichtigt gewesen war, musste eine solche Belastung auf lange Zeit unheimlich anstrengend sein. Bestimmt war der Stuhl nicht mal der bequemste. Sie seufzte leise.
    Seine nächste Aufforderung ließ sie innehalten, wie er beabsichtigte. Das Grün ihrer Augen traf auf das Blau seiner, geduldig wartete sie auf das Ende des Satzes. Zunächst dachte sie, dass er sie darauf aufmerksam machen wollte, dass sie sich selbst schnell heilen konnte, als jedoch der Vorschlag kam, zur Strafverfolgung zu gehen, senkte sie augenblicklich den Blick. Ihr war diese Idee schon häufig gekommen, während sie in ihrer Zelle gesessen war. Wenn sie zwischen dem Schlaf und den Schmerzen ein paar wenige klare Momente hatte. Sie hatte oft überlegt, welche Strategie in diesem Fall die intelligenteste, die beste war. Ob es gut war, die Strafverfolgung zu informieren, ob es gut war, die Behörden mit in ihr Chaos einzubeziehen, doch dann hatte sie sich dagegen entschieden. Das System war infiltriert mit den mächtigen Menschen mit großen Namen. Darunter Namen, die sie ebenfalls in ihrer Kartei hatte, und sie hatte Angst, dass die Strafverfolgung ihren Fall nicht so bearbeiten würde, wie sie es wollte. Was, wenn es jemand mit wichtigem Namen war, dessen Daten und Spuren man auf ihrem Körper fand? Was, wenn diese Informationen sie nie erreichen würden, weil es kein gutes Bild gab, wenn es herauskam? Deshalb schüttelte sie den Kopf. Sie streckte die Hand nach seinem Arm aus, legte die Finger sanft um diesen und brachte ein schiefes Lächeln zustande. Sie schüttelte wieder den Kopf. „Danke, Jonas, ich möchte es einfach von mir waschen. Ich muss – ich muss Distanz dazu schaffen. Hilfst du mir?“ Es war eigenartig und neu für sie, so offensichtlich nach Hilfe zu fragen, wenn es um die simpelsten Dinge ging, doch gerade war ihr das sehr willkommen. Und so setzte sie sich langsam in Bewegung. Sie hoffte, dass sie später vielleicht einige Salben und Zutaten fand, um sich selbst zu heilen, soweit es ihr ohne Zauberstab möglich war.

  • Vermutlich sollte er das tatsächlich. Jemanden mit Komplimenten zu bedecken, bis er oder sie sich an den Gedanken gewöhnte, nur um dann nie wieder davon zu sprechen, war ein ziemlich gemeiner, wenn auch wirkungsvoller Trick, um einen Menschen zu einer Reaktion zu locken. Zu Layla Night wollte diese Tücke allerdings nicht so wirklich passen. Oder verstand er hier etwas gehörig falsch? Es schien ihm unpassend, genauso wie das gesäuselte Sorry, für das die Hexe nur ein irritiertes Stirnrunzeln erhielt. Er begriff nicht so wirklich wofür sie sich entschuldigte, beschloss aber, es einfach darauf beruhen zu lassen. Außerdem war es ja nicht so als hätte das lange Sitzen ihm grausame Schmerzen bereitet - es war nur einfach schön, sich wieder bewegen zu können.
    Außerdem gab es ein wichtigeres Thema, dass es zu besprechen galt, bevor Layla sich unter die Dusche stellte. Er wusste nicht, wie viele solcher Fälle Layla behandelt hatte, immerhin war das schlussendlich davon abhängig in welcher Abteilung sie gearbeitet hatte, doch als Opfer eines Verbrechens war es meist der größte Fehler, erst zuhause zu duschen bevor man Strafanzeige erstattete. Auch in Kliniken wurde vor dem Waschen durch Pfleger zunächst die Strafverfolgung dazugeholt, wenn es einen Verdacht auf ein Verbrechen gab. Layla wusste das vermutlich genauso wie er selbst, hatte diese Vorgehensweise von der anderen Seite aus beobachten dürfen. Und doch war es sicherlich etwas anderes, wenn es um einen selbst ging. Wenn man selbst derjenige war, der gelitten hatte. Jonas verstand das, er verstand den Drang die Erinnerung mit dem Schmutz von sich spülen zu wollen, die Vergangenheit in den Abfluss zu gießen. Und doch… und doch musste Layla sich dessen wirklich sicher sein. Ein Zurück würde es nachher nicht mehr geben.
    Jonas wartete, während die Hexe ihren Gedanken nachhing, vermutlich für- und wider abwägte. Er mischte sich da nicht ein, das war ihr Ding. Bei Merlin, er wusste ja noch nichtmal, was überhaupt vorgefallen war. Als die ehemalige Hufflepuff schlussendlich also wieder ihre Stimme hob und ihm verständlich machte, dass sie jetzt duschen wollte, nickte Jonas lediglich. Er könnte jetzt mit ihr Diskutieren und ihr erklären, weshalb das eine dumme Idee war, vorschlagen ob sie nicht wenigstens Fotos von ihrem Zustand machen sollten - doch das war nicht seine Sache. Layla kannte die Konsequenzen ihres Handelns, er hatte ihr sie bewusst noch einmal aufgezeigt und wenn sie sich entschied, dass sie sie in Kauf nahm, dann war er der Letzte, der ein Anrecht darauf hatte, sich ihrem Wunsch zu verweigern.
    Klar”, erwiderte er also auf ihre Frage, hob ein wenig die Arme und gab ihr mit einem erneuten Nicken zu verstehen, dass er soweit war. Er wollte ihr nicht von vorneherein vorschreiben, wie viel Hilfe sie brauchte, indem er ihr die Hand um die Hüfte legte oder nach ihrem Arm griff. Sie würde so viel wie möglich alleine schaffen wollen - und für alles andere war er ja da. Also folgte er ihren Bewegungen, ließ sich auf ihr Tempo ein, die Arme in Aktionsbereitschaft und den Blick auf die Hexe neben sich gerichtet. Sie würde das schaffen.

  • Obwohl sie das Thema im Gespräch abgeschlossen hatte, obwohl sie seinen Vorschlag abgelehnt hatte, dachte sie noch eine ganze Weile darüber nach. Jonas hatte natürlich Recht damit, dass sie nur noch jetzt die Möglichkeit hatte, gewisse Spuren und Zauber oberflächlich von ihrem Körper zu sichern, dass sie nur noch jetzt die Möglichkeit hatte, diesen Schritt zu gehen, um auf einem legalen Weg die Angelegenheit zu klären, um über wirkliche Verfahren diese Menschen lahmzulegen. Aber.. Aber Layla war es durchgegangen. Sie vertraute dem Ministerium nicht mehr, wie sie es zur Zeit ihrer Jugend getan hatte, wo sie glaubte, dass diese nur das Beste für die Allgemeinheit wünschten. Nein, sie war damals dumm und jung gewesen, hatte sich nicht lange mit dem Thema befasst. Hatte geglaubt, dass alles zum Wohle der Masse entschieden wurde, dass neutral und wertfrei entschieden wurde. Es war ein Schlag ins Gesicht gewesen, als sie begriffen hatte, dass dem nicht so war. Dass da Zauberer und Hexen saßen und das Spiel nach ihren Regeln und ihren Wünschen spielten. Und sie wusste, dass ihr dieses System in diesem Fall in den Rücken fallen würde, dass es nicht zu ihren Gunsten ausfallen würde. Trotz ihres Namens war sie nicht aus dem alteingesessenen Adel Großbritanniens, sie würde keine spezielle Behandlung erhalten, insbesondere nicht, wenn ihr Verfolger oder ihre Verfolgerin doch jemand mit Namen war. In einem solchen Fall wären die Konsequenzen vermutlich noch größer..
    Layla schüttelte die Gedanken ab, als sie im Bad angekommen waren. Erleichtert darüber, dass die beiden Gestalten schweigend nebeneinander gegangen waren, sie sich nur wenige Male an seinem Arm festkrallen musste, als sie zu kippen oder zu stolpern drohte. Nach ihrer letzten Entschuldigung verließ keine einzige ihre Lippen, obwohl es ihr irgendwo leidtat. Doch hatte er gewusst, worauf er sich einließ, er hatte sogar bewusst dafür angeboten. Deswegen hatte sie nicht gesprochen, hatte sich gedanklich mit seiner Frage auseinandergesetzt und körperlich auf ihre kleinen Schritte. Und jetzt, wo sie endlich angekommen sind, war sie ziemlich erschöpft.
    Sobald sie vor der freistehenden Gusseisenwanne stand, löste sie ihre Finger von seinem Arm und schob sich die Träger des Kleides von den Schultern. Das Kleid war immer schon luftig gewesen, doch jetzt, wo es nur noch in Fetzen war, wo es über eine lange Zeit gelitten hatte, wo auch sie an Gewicht und Umfang verloren hatte, sank es ohne Widerstand an ihrem Körper herab und blieb bei ihren Füßen liegen. Auch der letzte Rest an Stoffen wollte abgelegt werden, mit langsamen und vorsichtigen Bewegungen, doch der obere Stoff aus feiner Spitze erforderte zu viel Verrenkungen zum Rücken, sodass sie, immer noch neben Jonas stehend, den Mund öffnete: „Es tut mir Leid, dass ich gerade so unfähig bin, wobei du vermutlich sagen würdest, dass sich das nicht auf den aktuellen Moment beschränkt“, sie schenkte ihm, während sie sprach, ein Lächeln. Es sollte ein Scherz sein, kein Angriff, „aber könntest du, bitte..? Es ist gar nicht so einfach, wie ich dachte.“ Dabei drehte sie ihm den Rücken zu und wartete. Ihr Blick fiel auf die Wanne und sie konnte es kaum erwarten, sich endlich reinzusetzen.

  • Die Reise zum Badezimmer verlief flüssiger als erwartet. So bereitwillig wie Layla seine Hilfe angenommen hatte, war er beinahe davon ausgegangen, sie schlussendlich mehr oder weniger tragen zu müssen, ebenso wie er sie hier hoch getragen hatte, doch tatsächlich schaffte die ehemalige Hufflepuff es, einen Fuß nach dem anderen voreinander zu setzen, ihren Weg selbst zu beschreiten. Nur gelegentlich gaben ihre Knie nach, Layla sank ein wenig zusammen und nahm den ihr angebotenen Arm. Jonas stützte sie, blieb stehen, bis sie sich wieder aufgerappelt hatte, dann gingen sie weiter. Klar wäre es leichter gewesen, wenn er sie hochgehoben und ins Bad getragen hätte, doch Jonas besaß genug Sozialkompetenz um zu begreifen, dass es einerseits keine gute Idee war eine Person, die womöglich Gewalt erfahren hatte direkt in die nächste körperliche Bredouille zu bringen und es andererseits hier auch um ihre Selbstbestimmtheit ging. Was auch immer ihr in den letzten Monaten widerfahren war, es war vorbei. Sie besaß wieder die Kontrolle über ihr Leben und das wollte er ihr nicht nehmen. Das stand ihm nicht zu. Also begleitete er sie stumm zum Badezimmer, drängte sich weder körperlich noch verbal auf, sondern ließ ihr den Raum den sie brauchte.
    Kaum dort angekommen, ließ die Hexe von ihm ab und Jonas trat einen Schritt zurück, wollte sich schon aus dem Zimmer entfernen, damit sie ihre Privatssphäre hatte, als die Hexe sich auch schon ihres Kleides - oder dem, was davon übrig geblieben war - entledigt hatte. Okay. Entblößte Haut befremdete ihn nicht zwangsläufig, doch das war auch nicht was ihn innehalten ließ: Zum einen überraschte es ihn zwar, dass Layla sich auszog noch bevor er den Raum verlassen hatte, zum anderen jedoch entblößte das abgestriffene Kleid nicht nur ihre Haut, sondern auch die Blessuren, die sie in den vergangenen Monaten offensichtlich zugefügt bekommen hatte. Ihr gesamter Körper war überhäuft mit Hämatomen und Schürfwunden, wies kaum eine unversehrte Stelle auf. Jonas runzelte die Stirn. Vermutlich hätte er etwas dazu sagen müssen, doch ihm fiel keine gescheite Aussage ein. Layla wusste schlussendlich am besten, wie es um ihren Zustand bestellt war und er würde den Teufel tun sie ausgerechnet jetzt danach zu fragen, was geschehen war. Dennoch senkte der Waliser ein wenig den Blick, wandte sich von den Verletzungen der Hexe ab und unterdrückte den Unmut in seinem Inneren. Wie hatte es dazu kommen können? Er atmete durch, fuhr sich mit der Hand einmal durch die Haare. Das war egal, das war eine Frage für einen späteren Zeitpunkt.
    Dass Layla nun auch gedachte sich in seiner Gegenwart ihres BH’s zu entledigen hätte ihn in einer anderen Situation wohl zu einem anzüglichen Kommentar verleitet, hier jedoch wirkte es fehl am Platz und Jonas hielt inne, sah bereits an der Steife ihrer Bewegungen, dass sie alleine nicht sehr weit kommen würde. Dennoch entglitt ihm ein leises Seufzen, als sie schließlich die Frage verbalisierte, die in ihrem Unvermögen bereits abzulesen gewesen war. Er ließ ein kurzes Zucken seine Mundwinkel umspielen, als sie zu einem Scherz ansetzte, doch wirklich nach Lachen zumute war ihm nicht. Erneut nickte er, blieb in der für ihn so untypischen Stille gefangen und wartete bis Layla ihm den Rücken zugekehrt hatte, bevor er wieder einen Schritt an sie herantrat.
    Und auch wenn diese Handlung, seine Finger die nach dem straffen Stoffstück an ihrem Rücken griffen, dort nach dem Verschluss suchten und beide Hälften zu fassen suchten, in einer anderen Situation, in einem anderen Moment gewiss etwas in ihm ausgelöst hätte, begleitet gewesen wäre von anderen nonverbalen Signalen oder Gesten, verspürte Jonas im hier und jetzt nicht einmal den Hauch eines Begehrens gegenüber Layla. Nicht, weil sie keine schöne Frau wäre oder er derlei Gedanken bei ihr grundsätzlich ausschloss, sondern einfach weil die Verletzung an ihrem Körper Bände darüber sprachen, was ihr widerfahren sein musste. Und das widerte ihn an, nahm ihm jegliche Regungen und Gedanken, die von dem einer helfenden Hand abwichen. Mit einer ruhigen Bewegung öffnete er also den Verschluss, überließ es jedoch ihr, sich die Träger abzustreifen. „Sagst du mir, wenn ich gehen soll?” Er wusste nicht mehr, wo ihre Grenzen waren, wie viel Hilfe sie benötigte und ab wo sie alleine zurecht kam. Wenn sie wollte dass er blieb, würde er das tun und es würde für ihn nichts ändern. Nackte Haut war nichts, wovor er zurückschreckte oder was er nur in sexuellen Kontexten akzeptieren konnte. Dennoch: Sie war diejenige, die hier Grenzen aufzeigen musste, konnte er doch nicht wissen, wie sie sich fühlte. Er vertraute darauf, dass sie das wusste und ihm sagte, ab wann sie lieber allein sein wollte.

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