Erdgeschoss - Speisezimmer und Küche

  • Weil“ war vorerst das einzige Wort, das Gwendas Lippen verließ, ehe sich ihre Augen weiteten und sie Virginia mit einem Entsetzen anstarrte, als hätte diese ihr gerade mit jedem Wort einen stumpfen Dolch tiefer zwischen die Rippen gestoßen. Ihr aufgeklappter Mund sagte auch ganz ohne Worte: Wie kannst du nur?
    Normalerweise gab Gwenda überraschend viel auf Virginias Meinung, egal ob es dutzende Dinge gab, bei denen sie niemals auf einen Nenner kommen würden. Nichtsdestotrotz respektierte sie die Schottin. Virginia war die einzige – abgesehen von einer hutzeligen, uralten Hexe –, die sie in SPHINX in regelmäßigen Abständen demütigen durfte¹ und nun stand Gwenda sogar hier und kochte ihr einen dämlichen Gemüseeintopf.

    Aber in dieser Angelegenheit lag sie einfach falsch. Sie musste falsch liegen, die Situation verkennen, denn immerhin war sie ja diejenige, die die Verluste des Ordens bereits hatte erleben müssen! Die andere Alternative, dass sie bereit war Alistairs Wohlbefinden aufs Spiel zu setzen, war in Gwendas Augen tatsächlich Verrat – erst recht, nachdem sie ihre Ängste bereits per Post mit ihr geteilt hatte. Der imaginierte Dolchstoß begann tatsächlich zu ziepen, als Alistair die Rückendeckung nutzte und sie weiter entwaffnete.

    Wie ein an Land geworfener Fisch schnappte Gwenda in ihrer Entrüstung nach Luft und gestikulierte ihrem Cousin prompt mit dem schmutzigen Löffel hinterher, immer wieder hin- und hergerissen zwischen vorwurfsvollen Blicken in Richtung Virginia und flehender Verständnislosigkeit in Richtung Alistair.

    Er hat–“ Und gleich noch einmal versagte Gwendas Sprachgefühl. Hier im Grimmauld Place klang es auf einmal lächerlich, auszusprechen, was sie Alistair gerade noch vorgehalten hatte. Er hatte getan, was alle anderen getan hatten – was auch sie hätte tun müssen.

    Er hatte zusätzlich geistesgegenwärtig dafür gesorgt, dass es für Morrigan O’Carroll in dieser Nacht kein Schlupfloch mehr hatte geben können. Er war heroisch gewesen, gehörte beglückwünscht und gelobt, doch Gwenda brachte das nicht über sich. Sie dachte nur an die potentiellen Folgen wie eine übernervöse Glucke.

    Also blieb Gwenda stumm, während Alistair abzog, nur der Blick, mit dem sie Virginia traktierte, blieb beständig. Fast sah es so aus, als wäre die walisische Hexe auf einen Schlag zur Salzsäule erstarrt, als urplötzlich ihre Unterlippe unkontrolliert zu zittern begann. In einem absurden Kampf versuchte ihre Oberlippe, das abspenstige Organ festzuhalten, doch es wurde auf einmal weiter von ihren Mundwinkeln, ihrer Nase und ihrem Kinn sabotiert.

    Gwenda hasste das Gefühl, das sich gerade durch ihre Brust wühlte und ihr die Kontrolle über ihre Gesichtsmuskeln entriss. Es war eine wütende Hilflosigkeit, die danach schrie, mit Tränen beantwortet zu werden, und das war etwas, das Gwenda normalerweise tunlichst vermied. Weinen war etwas für kleine Mädchen, war ihre toxische Überzeugung, also gab sie die mustergültigste Übersprungshandlung zum Besten, die man sich vorstellen konnte.

    Der Kochlöffel wurde so fest zurück in den Topf befördert, dass kleine Flammen emporzüngelten, als Essensreste in das Feuer fielen, und mit einem heftigen Tritt beförderte sie den Stuhl zur Seite, auf dem Alistair gerade noch gesessen hatte. Er stürzte laut krachend um. „Jetzt hat der seinen scheiß Sellerie überhaupt nicht zu Ende geschnitten – jetzt kann ich’s hier halt auch gleich lassen!“, beklagte sich die Hexe auf einmal ungewohnt irrational mit jammernder Stimme. Sie griff nach dem Messer – einen Moment sah es so aus, als wäre sie drauf und dran, auch dieses zu werfen –, dann zog sie jedoch wieder ihren Zauberstab und tippte es an. Es begann absolut unkontrolliert und chaotisch auf die letzten Reste Sellerie einzuhacken.

    Gwenda hob derweil eine Hand vor ihr Gesicht und presste ihre Finger fest gegen die spürbaren Unebenheiten ihres Schädels. Das laute „FUCK“ galt lediglich sich selbst. Es war eine Aufforderung, sich wieder zusammenzureißen. Als sie sich zumindest halbwegs sicher war, dass sie vor Virginia nicht in Tränen ausbrechen würde, hob sie den Arm wieder und verwies ebenso theatralisch wie zuvor auf die Tür. „Alistair hat den scheiß Namen von O’Carroll über den ganzen Platz gebrüllt! Jeder hat das gehört, und dann hat jeder gehört, wie er–

    Nein, ihre Stimme erstickte sich doch selbst. Gwenda leistete den Anweisungen ihres Körpers schließlich Folge und hielt selbst die Luft an.



    ¹ Ja, so definierte Gwenda üben tatsächlich immer, wenn sie selbst keine Chance auf die Oberhand hatte.

  • Virginia hatte keine Ahnung, in was für eine Situation sie hineingelaufen war. Alistairs erleichtertes Seufzen drang an ihr eines Ohr, während Gwendas aufmüpfige Gegenwehr an ihr anderes drang. Ihre Lippen verzogen sich zu einem halbherzigen Lächeln, als er sie in eine Umarmung zog und sich dann mit hastiger Höflichkeit aus dem Raum verabschiedete. „Freut mich“, meinte sie ehrlich, auch wenn es mehr wie ein Reflex klang. Ähnlich wie er vielleicht ‚Gut‘ auf ihr ‚Wie geht’s?‘ geantwortet hatte. „Ja, bis später“, erwiderte sie und tätschelte ihm ebenso kurz den Oberarm, während ihr Blick jedoch nach wie vor auf Gwenda gerichtet war, deren Ausdruck sie davon abhielt, ihre Aufmerksamkeit vollends auf Alistair zu richten. Sie war offensichtlich aufgebracht, so wie sie ihrem Cousin mit dem Kochlöffel hinterherwedelte und dabei nach Luft schnappte. An sich nichts Ungewöhnliches. Gwenda hatte ein explosives Temperament. Virginia gefiel das in der Regel, hieß es doch, dass sie sich nicht hinter einer Fassade an falscher Höflichkeit versteckte – doch es hatte sich noch etwas Anderes unter ihrer Frustration gemischt, das sie irritierte.

    Virginia verschränkte die Arme und schob ihre Brauen in angespannter Skepsis zusammen. Gwenda setzte an, etwas zu sagen, unterbrach sich dann selbst, schien mit ihrem Mienenspiel zu kämpfen. Virginia wäre es lieber, wenn sie sie einfach anpflaumen würde als dass sie nun Zeugin eines selten emotionalen Ausbruchs der Drachenwärterin wurde. Sie konnte besser mit Wut als mit Vulnerabilität umgehen. Sie zuckte nicht zusammen, verengte ihre Augen nur weiter, als Gwenda heftig den Kochlöffel zurück in den Topf pfefferte. Vielleicht entging ihr hier auch etwas? Vielleicht fehlte ihr der Kontext, um zu verstehen, was es war, das Gwenda besonders agitierte. Sie hatte noch nicht alle Informationen zu den Vorkommnissen am Wochenende. Alles, was sie wusste, war, dass die beiden okay waren, dass es ihnen gut ging. Alistair mochte im Zentrum der Auseinandersetzung gewesen sein, doch er schien zumindest äußerlich unversehrt zurückgekehrt.

    Virginia scharrte unbewusst mit dem Absatz ihres Schuhs über die alten Dielen, war sich unsicher, ob sie lieber etwas sagen sollte oder nicht, ob sie an Ort und Stelle bleiben sollte oder nicht, ob Gwenda überhaupt mit ihr darüber reden wollte oder nicht. Spätestens als sie den Stuhl zur Seite kickte und daraufhin Virginias Oberlippe angespannt zuckte, tat sie einen Schritt nach vorn.

    Soll ich kurz-“, versuchte sie konstruktiv einzugreifen, um sich dem ungeschnittenen Sellerie anzunehmen. Dieser war offensichtlich nicht das Problem, doch sie hatte das Bedürfnis irgendwas zu tun, um die Situation zu deeskalieren.

    Aber sie kam nicht dazu. Ihr Blick glitt nur kurz zu dem Messer, das wie wild auf der Knolle herumhackte und schwang dann wieder zu Gwenda um, die sich nun die Hände auf das Gesicht presste.

    Gwenda“, fing sie erneut vorsichtig fragend an, doch die Hexe war vollkommen in ihrem Film gefangen. Etwas zog sich in ihr zusammen. Ihre Unbeholfenheit, mit diesem nahenden Nervenzusammenbruch umzugehen, ließ ihren Ausdruck hart und stur erscheinen.

    Sie versuchte, sich einen Sinn aus den Worten abzuleiten, die sie von sich gab. „Gehört, wie er was?“, fragte sie nach, weil sie dachte, dass es vielleicht half, wenn Gwenda einfach noch einmal reiterierte, was geschehen war. Außerdem half es ihr, den Kontext zu verstehen.

    Was genau ist passiert, Gwenda? Was ist denn los?“, fragte sie und gab sich Mühe, ihrer Stimme Empathie zu verleihen, klang dabei jedoch eher ungeduldig. Inzwischen unangenehm neben der Tür festgefroren, drängte sie das Bedürfnis, sich irgendwie nützlich zu machen. Sie steuerte einen der Küchenschränke an, drehte mithilfe eines Zauberstabschwenks im Vorbeigehen den umgekippten Stuhl wieder um und schnappte sich dann kurzerhand eine der Schnapsflaschen sowie ein Glas, zögerte kurz, nahm ein weiteres Glas, füllte es mit Wasser und trat dann wieder auf den Tisch zu.

    Du kannst ihm nicht vorschreiben, was er tun darf. Wir machen uns alle Sorgen, aber man muss lernen, damit zu leben. Es hilft niemanden, wenn wir uns zuhause verschanzen“, meinte sie zögernd, zog sich einen Stuhl ran, setzte sich und entkorkte die Flasche. Sie füllte das leere Glas und bedacht darauf, nicht in die Nähe des wilden Selleriemessers zu gelangen, und beförderte Schnaps- und Wasserglas in Gwendas Richtung. Es war die einzige Geste, die ihr auf die Schnelle eingefallen war, um sie bei ihrem mentalen Zusammenbruch irgendwie zu unterstützen. Mit ihren Worten schien sie es jedenfalls nicht zu schaffen.

  • Gwendas gerade eben noch wild gestikulierende Hand fiel auf einmal an ihrem Körper herunter, als hätte man den Leitfaden einer Marionette durchtrennt. Ihre Lungen rebellierten nach Luft, und als sie dem Druck endlich nachgab, erklang ein langes und gepresstes Seufzen.

    Virginias sturer Blick aus den hellen, klaren Augen wirkte wie eine Anklage. Und zumindest dabei konnte sie ihr wieder zusprechen, im Recht zu sein. Gwenda führte sich auf – das ihr wohl bewusst. Ihre sämtlichen Gedanken befanden sich in einem beklemmenden Taumel aus Sorge, Unsicherheit, Anspannung und Schuldgefühlen. Der Zauberstab in ihrer freien Hand wurde unangenehm warm, also legte sie ihn sicherheitshalber auf dem mitgenommenen Holz des alten Esstisches ab. Auch das außer Rand und Band geratene Messer beruhigte sich daraufhin wieder. Zu spät für die arme Sellerieknolle, von der mittlerweile nur noch ein eher trauriger Haufen an kleinen Spänen übrig war. Gwenda schob das Schneidebrett mit den Überresten zur Seite und ließ sichschwerfällig auf den Stuhl fallen, der ihrem kleinen Gefühlsausbruch entgangen war.

    Das unzufriedene Murren, das Virginia zunächst antwortete, hatte etwas Katzenhaftes, ebenso der verdrießliche Blick aus schmalen Augen. Sie glaubte der Schottin nicht, dass sie nicht verstand, was los war. Und in ihren zögerlichen Worten mochte zwar ein Funken Wahrheit liegen, jedoch drang der kaum durch den neu aufgeflammten Missmut Gwendas.

    Bereits nach Weihnachten war sie unfassbar wütend auf Virginia gewesen. Nicht, dass ihr Gegenüber von ihrem Glück wusste oder dass Gwenda vorhatte, ihrem Unmut Luft zu machen – sie wusste, dass dieser teils kindisch, teils unfair war –, aber jetzt flammte das zehrende Gefühl in ihrer Brust doch noch einmal auf.

    Es fühlte sich an, als hätte man Sandkörner in die feurige Maschine, die sie antrieb, geschüttet. Sie bewegte sich genauso unveränderlich wie zuvor, aber es knirschte und knarzte schwerfällig bei jeder Bewegung.

    Gwenda wusste, dass viele Mitglieder des Ordens bereits viel verloren hatten: sich selbst, Freunde, Verwandte. Sie wusste, dass sie für eine gute Sache kämpften, dass ihre Einsatzbereitschaft nötig und freiwillig war, dass Alistair lange vor ihr eine Entscheidung getroffen hatte, aber nichtsdestotrotz konnte sie nicht anders, als es Virginia versteckt übel zu nehmen, dass sie auch ausgerechnet ihn herangezogen hatte, um im Zweifelsfalle von einer unverständlichen Macht zermalmt zu werden. Einen Travis oder Glandan MacGuffin sah sie dagegen nirgendwo, genauso wenig andere Geschwister, Cousins und Cousinen oder die Partnerin der Hexe. Ja, zu Rooney mochte sie ein enges Band haben, aber das war etwas anderes.

    Das laute Knirschen und Knarzen in Gwendas Brust zischte unablässig – warum sie also das Opfer bringen musste, warum sie damit leben musste, dass Alistair Öl für das Getriebe sein sollte und nicht andere. Die logische Chronologie der Ereignisse spielte bei dieser Empfindung keine Rolle.

    Es waren harte Gedanken. Sie waren nicht gerecht. Und nur weil diese Einsicht gerade lauter war als das Knirschen, behielt Gwenda sie für sich.

    Ich weiß“, sagte sie schließlich forsch, schaffte es jedoch nicht, den Unwillen aus ihrer Stimme zu verbannen. Das Schnauben, das folgte, hatte überwältigende Ähnlichkeiten mit einem Grunzen – vor allen Dingen dadurch, dass sich Gwenda schwerfällig über den Tisch beugte und den unbekannten Schnaps ohne Zögern ihre Kehle hinunterbeförderte. Die Flüssigkeit brannte bereits unangenehm auf ihren Lippen, allerdings war das kurze Kribbeln eine willkommene Abwechslung zu dem Druck in ihrem Kopf. Auffordernd schob sie das Glas zurück zu Virginia, stürzte jedoch auch das Wasser sogleich hinunter. Nach einem kurzen Schütteln begann sie ihre Erzählung:

    Ich weiß nicht, ob du schon was von Rooney oder Rosier gehört hast. Die drei waren direkt im Getümmel. Ich weiß auch nicht genau, was abgegangen ist. Ich habe nur mitbekommen, dass einer von ihnen diese O’Carroll demaskieren konnte und Alistair den Namen über den ganzen Platz geschrieben hatte. Der Sonorus-Zauber auf seine Stimme war noch aktiv, als er kurz danach– geschrien hat.“ In einer fahrigen Bewegung fuhr sich Gwenda über ihre Unterarme, als wäre ihr plötzlich kalt geworden. Den Begriff unmenschlich ließ sie aus.

    Nun mied sie Virginias Blick wieder und ergänzte direkt noch einmal, dieses Mal sichtlich frustriert: „Ich weiß. – Ich weiß, dass er nicht der Einzige ist, der je gefoltert wurde. Ich weiß, wem wir gegenüberstehen, aber…“ Es war etwas anderes. Gwenda war sich sicher, dass das nicht nur ihr subjektives Empfinden war. Alistair war der zarteste Mensch, den sie kannte. „Alistair ist kein Kämpfer. Er kann sich nicht verteidigen. Er kann es nicht. Er hat in seinem Leben noch keinen einzigen Fluch geworfen.“ Theoretisch wollte sie auch nicht, dass er es musste. Ihr Versuch, ihn zu einem Training mit jemandem wie Peasegood zu bewegen, war ihrer Meinung nach schon ein Zeichen von Einsicht – eine Einsicht, die nicht zuletzt auf Schuldgefühlen fußte.

    Ein kurzer Seitenblick galt noch einmal den beiden Eintöpfen, dann Virginia, dann verschränkte Gwenda die Hände in ihrem Nacken und begann agitiert mit dem linken Bein zu wippen. Eine lose Diele fiepte dazu irritierend im Takt.

    Einen kurzen Moment lang schien die Hexe abzuwägen und biss sich auf die Unterlippe. So stur Gwenda auch war und so uneinsichtig sie sich auch gerne gab, sie verstand ganz genau, dass ein Teil ihrer Angstzustände auf ihrem eigenen Versagen beruhte. Sie hatte nichts getan, um den anderen Ordensmitgliedern irgendeine Art von Hilfe zu sein, und sie konnte nicht garantieren, dass das nicht wieder passieren würde. Es war ein Risiko; für Alistair, für Virginia, für alle anderen.

    Ich war absolut nutzlos“, plumpste es in plötzlich verändertem Tonfall von Gwendas Lippen, und sie schüttelte den Kopf. „Ich hab’ sie erst erreicht, als alles vorbei war. Ich hab’ Schlammcatchen mit meinem Praktikanten gespielt.“ Sowohl in Ton als auch in Haltung erinnerte Gwenda plötzlich an einen missgelaunten Teenager, der bei seinem ersten großen Sportauftritt einen fürchterlichen Fehlschlag hingelegt hatte. Es war ihre Art, das Thema zu umgehen und zu bagatellisieren, obwohl es hinauswollte. Ein Einlenken folgte prompt. „Nein. Also ja. Aber… Myrddin. Macht ja keinen Sinn, länger so zu tun, als wär’s ein magischer Schluckauf…“ Gwendas Hände wanderten von ihrem Nacken tief in ihren eigenen Haaransatz, als wollte sie sich an irgendetwas festhalten. Es war unerwartet härter als gedacht, die Worte auszusprechen. „Ich… hatte so was wie einen Blackout. Also: wenn man’s so nennen will.

  • Virginia hoffte, dass es ein gutes Zeichen war, dass sie sich prompt an dem Glas bediente, das sie ihr hingestellt hatte. Es war sicher ein Zeichen dafür, dass sie schon im Prozess des Verarbeitens war, dass sie akzeptiert hatte, dass sie für einen Moment nicht mehr Herrin ihrer Gefühlswelt gewesen war, und es die Ursache dessen zu überwältigen gab. Es zeigte, dass sie – hoffentlich – im nächsten Moment nicht wieder damit beginnen würde, mit Stühlen um sich zu werfen. Sie gab widerwillig zustimmende Laute von sich, die Virginia mit einem forschen Blick quittierte.

    Das Glas wurde zurückgeschoben. Virginia füllte es wortlos neu auf, wartete jedoch einen Moment, bis sie es ihr wieder reichte, um zu hören, was sich dort offensichtlich in ihr staute. Je länger Gwenda sprach, desto näher wanderten ihre Brauen aneinander. Sie hatte bisher noch keine Chance gehabt, Details über die Nacht zu erfahren. Sie hatte mitbekommen, wer dort gewesen war, welche Todesser:innen sie demaskiert hatten, wie es um den Grad der Verletzungen stand. Ihr war jedoch bisher verschont geblieben, all die hässlichen Einzelheiten erzählt zu bekommen. Ihr Magen drehte sich bei der Vorstellung um, wie die Laute eines geliebten Menschen, welcher unter Qualen litt, um ein Vielfaches verstärkt wurden. „Fuck“, stieß sie betroffen aus und schob Gwenda das Glas erneut hin. Gwenda wich ihrem Blick aus. Sie ließ ihr die Privatsphäre und blickte zur Tür, durch die kurz zuvor Alistari verschwunden war.

    Ich wusste bisher nichts davon“, gab sie leise erklärend von sich. Sie lehnte sich mit den Armen auf den Tisch, bettete ihren Kopf in ihre Handfläche und sah dann doch wieder zu der walisischen Hexe hinüber.

    Ist er… okay?“, fragte sie dann. Diesmal vorsichtig vortastend. Alistair war ein so fröhlicher Mensch, dass sie es sich kaum vorstellen konnte, wie er sich verhalten würde, wenn etwas wirklich nicht stimmte. Oft waren es genau jene Menschen, die mit einer vermeintlich naiven Unbekümmertheit durchs Leben schritten, die ihrem Umfeld – und teils sich selbst – am besten weismachen konnten, dass sie keine wirklichen Sorgen hatten. Sie verborgen es unter ihrer Maske an Freundlichkeit, dass es leicht war, ihren Schmerz zu übersehen.

    Virginia verzog das Gesicht, begann auf der Innenseite ihrer Lippe herumzukauen.

    Klar ist es schlimm, so etwas mitzubekommen“, erwiderte sie dann. „Das ist vollkommen normal und wir sollten uns auch niemals daran gewöhnen.“ Sie zögerte, versuchte einen Satz in ihrem Kopf zu formen, der nicht mit einem aber anfing, um ihre Worte nicht zu relativieren.

    Ich verstehe, dass du dir Sorgen machst“, sagte sie dann. „Doch du kannst nicht für ihn entscheiden“, sie bemühte sich, die Härte aus ihrer Stimme zu verbannen. Ein kaum hörbares, müdes Seufzen entwich ihren Lippen. Gwenda schwenkte mit ihrem Blick kurz zwischen den Eintöpfen und ihr hin und her. Virginia schenkte ihr ein kleines Lächeln, das es schwerhatte, nicht durch die Nachdenklichkeit ihres Blickes in den Schatten gestellt zu werden.

    Ich war absolut nutzlos. Ihre Mundwinkel zuckten. Sie selbst war nicht minder nutzlos gewesen. Sie war weit genug weg gewesen, dass sie die Schreie nicht gehört hatte. War erst vor Ort gewesen, als alles vorüber gewesen war. Sie unterdrückte ein Schnauben, spürte wie die Frustration darüber in ihr schwelte. Gwenda würde es nun nicht helfen, wenn Virginia sich im gleichen Selbstmitleid suhlte. Doch vielleicht ging es ihr gar nicht darum. Ihr Tonfall änderte sich mit einem Mal und Virginias Augen verengten sich fragend. Gwenda schien ungewöhnlich lange zu hadern, dafür dass ihre Worte vermeintlich harmlos klangen. Zumindest im ersten Moment. „Blackout?“, fragte sie dann irritiert nach. In Kombination mit dem magischen Schluckauf wurde sie nicht wirklich schlau aus ihren Worten. Ihre Augen fixierten Gwenda nun durchdringender. Es klang nicht wie nach einem Fluch, der sie erwischt hatte.

    Was genau meinst du, Gwenda?“, bohrte sie dann nach. Die Kerbe zwischen ihren Brauen vertiefte sich. Sie verkniff sich das: Bist du okay?

  • In einer anderen Situation hätte es sicher eine spielerische Albernheit haben können, wie sich Gwenda über den Tisch lehnte und die Hände bereits nach dem neu befüllten Glas ausstreckte. Ihre Finger tänzelten dabei, stockten aber just, als sie den Kopf schüttelte und sich schwerfällig wieder zurückzog. Es tat ihr nicht nur im bildlichen Sinne weh, dass sie Virginias Frage nicht mit inbrünstiger Sicherheit beantworten konnte, sondern unsicher mit den Achseln zucken musste. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht … Er sagt, er ist okay, aber er kommt mir nicht so vor. Er war völlig aufgelöst, aber... Ie. Ich kann’s schwer beschreiben, ich hab' ein mieses Gefühl.“ Es war deutlich sichtbar, wie fest Gwenda ihre Zahnreihen aufeinanderpresste. Sie hatte schon immer den richtigen Riecher für Alistair gehabt. Sie kannte seine Eigenart, den langen Hals zwischen die Schultern zu ziehen und zum Boden zu starren, wie er so tat, als wolle er ausprobieren, ob er aus einem Brustbein den Buchstaben V formen konnte, wenn ihn etwas plagte, aber sie kannte es nicht, dass er es war, der ihr auswich. Erschwerend kam dann noch hinzu, dass sie vielleicht nicht ganz so präsent gewesen war, wie sie es hätte sein müssen.
    Immerhin klang Virginia nicht mehr ganz so anklagend wie zuvor, ihre erneute Belehrung, dass sie nicht für Alistair Entscheidungen treffen konnte, quittierte Gwenda dennoch nur mit einem unverständlichen Grummeln, das verdächtige Ähnlichkeit mit der unwilligen Zustimmung eines Teenagers hatte, die jederzeit mit einem „Hab’ ich nie gesagt!“ widerrufen werden konnte. Wenn es hart auf hart kommen würde, würde sie niemand davon abhalten können, Entscheidungen für ihren Cousin zu übernehmen. Allerdings war das längst nicht mehr das Gesprächsthema, das zum Kern ihrer Unsicherheiten führen würde.
    Unüberhörbare Skepsis schlich sich in die Stimme der Schottin, und als Gwenda die Hände vollständig vom Tisch hob, verbarg sie ihr Gesicht dahinter. Das scharfe Aroma von Zwiebeln und Knoblauch, das sich in ihren Fingerkuppen festgesetzt hatte, trieb ihr Tränen in die Augen, also verlagerte sie sich darauf, ihre Augenbrauen mit einer festen Massage zu malträtieren. Jetzt hatte sie Pandoras Box geöffnet, und es gab kein Zurück mehr. Die Mittelfinger hatte sie immer noch in ihren Brauen versenkt, als sie nach einer sehr langen Denkpause wieder die Lippen öffnete und scharf Luft einsog.
    Einfach Pflaster abreißen lautete ihre Entscheidung – ansonsten würde sie Gefahr laufen, zurückzurudern. „Ich bin eine – Ich hab fucking Visionen, Gigi.“, sagte sie fatalistisch und stützte ihr Gesicht in ihre Handflächen. Ein paar einzelne Haare ihrer Brauen rieselten dabei traurig auf das Schneidebrett. „Also – nicht dauernd, keine Sorge. Waren vielleicht zwei, drei … oder auch vier bisher – was weiß ich. Ist jetzt auch kein deep dark secret oder so … Es geht nur niemanden was an. Und es wissen vielleicht eine Handvoll Leute davon. Ich dachte auch, dass das vielleicht ’ne einmalige Sache war. Zufall oder was auch immer. Scheinbar nicht. – Ugh!“ Der Überforderung bei ihren Worten machte die Hexe schließlich mit einem lauten, abfälligen Laut Luft und verschränkte ihre Finger wieder in ihrem Nacken. Virginia sah sie dabei von unten hinauf an, als hätte sie ihr gerade gestanden, dass sie vergessen hätte, ihren Hamster zu füttern.
    Und ja“, kam sie schließlich einer Rückfrage zuvor, „das ist mein voller Ernst. Ich rede auch nicht von diffusen Träumen, sondern von full-blown Aussetzern. Beim Finale hatte ich eine.
    Tatsächlich war es Gwenda seltsam peinlich, ihre vermeintliche Begabung in Worte zu fassen. Sie unterstellte einer „modernen“ Hexe wie Virginia, dass sie für das Wahrsagen, die unzuverlässigste aller magischen Künste, wenig Verständnis hatte. Normalerweise war Gwenda eine große Verfechterin der Divination, in dieser Situation fühlte sie sich jedoch eher wie ein defektes Radio.

  • Virginia lächelte müde auf Gwendas unsichere Aussage hin und nickte leicht. Sie verstand. Auch sie hatte oft genug vorgegeben, okay zu sein, wenn in Wirklichkeit das Gegenteil der Fall war. Es war ein Schutz und gleichzeitig bedrängte sie so oft das Gefühl, dass sie es sich nicht leisten konnte. Dass sie stärker sein musste. Es war die Kehrseite dessen, was sie anderen riet – und sie wusste, wie frustrierend es für andere sein konnte, nicht zu wissen, wie es einem wirklich ging.

    Doch es schien, als würde Gwenda selbst auf etwas sitzen, das sie nicht einfach teilen konnte. Sie rieb sich über das Gesicht in einem mentalen Kampf gefangen, der Virginias Mund in angespannter Erwartungshaltung ein Stück weit öffnete. Sie hatte keine Ahnung, was nun folgte? Was konnte es sein, dass Gwenda diese Mimik abverlangte? Es dauerte, bis sie sich schließlich dazu durchrang, weiter zu erklären.

    Visionen“, wiederholte sie irritiert auf Gwendas dramatischen Ausbruch, als sei sie ein Papagei, der sich darauf verstand, immer einzelne Worte ihres Gegenübers zu widerholen. „Was?“, folgte es sogleich, als sie ihren Kopf in den Händen verbarg, als würde sie ihr beichten, mit einer schlimmen Krankheit diagnostiziert worden zu sein.

    Gwenda holte aus und nun war es Virginia, die sich das Schnapsglas zurück stibitzte, um sich selbst etwas einzugießen. Es war zu absurd.

    Eine Miene voller Unverständnis zeichnete ihr Gesicht. Was sollte das auch bedeuten? Visionen? Hatte sie besonders lebhafte Träume voller Symbolik? Fiel sie regelmäßig in Ohnmacht und ihr Unterbewusstsein gaukelte ihr vor, es wäre mehr daran gewesen? Oder war es wirklich das, worauf sie anspielte? Sie setzte an, zu fragen, doch Gwenda kam ihr zuvor. Ihr Mund öffnete sich, klappte wieder zu. Wie ein Goldfisch.

    Dann lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück, griff nach dem gefüllten Schnapsglas, ohne Anstalten zu machen, es zu trinken, umklammerte es lediglich und musterte Gwenda mit neuem Argwohn.

    Okay“, sagte sie schließlich und räusperte sich. „Also mir tut das mit Alistair leid und es ist offensichtlich schlimm, was passiert ist. Aber“, sie zögerte, verzog ihren Mund skeptisch prüfenden. „Wie bitte?“ Sie wollte verständnisvoll klingen, war aber so irritiert von Gwendas Offenbarung, dass es nicht gelingen wollte.

    Also… wirklich. Dein Ernst?“, hakte sie noch einmal nach. Sie kannte sich nicht aus mit Visionen, mit Glaskugeln, Teeblättern, Sternbildern und der Sektion der Hexenwoche, die ihren Leserinnen verriet, wie sich Venus zu Mars verhielt und wie wahrscheinlich es dementsprechend war, dass sie im kommenden Monat im Liebesglück schwelgten. Virginia wusste, dass nicht alles heuchlerische Scharlatanerie war, was mit Wahrsagen zu tun hatte. Doch sie hatte sich trotzdem immer lieber auf Handfestes verlassen wollen. „Woher weißt du“, sie stockte. „Also wie kannst du dir sicher sein, dass…“, sie wollte Gwenda eigentlich nicht das Gefühl geben, sie nicht ernst zu nehmen, aber sie wollte trotzde sichergehen, dass ihre Freundin nicht einer Idee aufsaß, die sich als Spinnerei erwies. „Wer weiß davon?“, wollte sie wissen, und dann, nachdem sie sich schließlich doch an dem Schnapsglas genippt hatte, „und was genau hast du bisher gesehen?

  • Gwenda stöhnte auf. Es war ein langezogener, raspelnder Laut, der unfreiwillig an einen Heuler erinnerte, dem man gerade den letzten Fisch verwehrt hatte. Obwohl ihr die Worte wieder ein kleines Stückchen Druck genommen hatten, rang sie bereits mit dem Bereuen. Virginia reagierte ähnlich, wie sie es vorhergesehen hatte.¹
    Sie lachte nicht, sie fragte auch nicht sofort, ob das eigentlich ihr erstes Glas Schnaps gewesen war, allerdings war das Stocken und um Fassung ringen mindestens genauso still. Genau so stellte sie Gwenda eine Reaktion der Schottin vor, wenn man ihr auf ihre verantwortungsbewusste Frage als Mentorin Muggelstämmige, die mich küssen wollen geantwortet hätte. Ein Funken ehrliches Bedenken, Unglauben, die Suche nach einem rationalen Anker – der Zweifel für den Angeklagten.

    Was denkst du denn?“, antwortete Gwenda ungewollt entnervt auf ihre Rückfragen und warf sich mit einem Ächzen über den Tisch, um nach der Flasche zu angeln. Als sie sich schwerfällig zurück auf ihren Stuhl fallen ließ, schraubte sie diese zwar auf, beließ es jedoch dabei. Ihre Lippen flatterten bei ihrem nächsten Ächzen. Dann hob die dunkelhaarige Hexe die Schnapsflasche, setzte sie jedoch nicht zum Trinken an, sondern presste das kühle Glas fest gegen ihre schwitzige Stirn. „Alistair weiß davon und zwei Freunde. Vor dem einen hatte ich eine“, Gwenda stockte, und ihre durch das Glas eigenartig vergrößerten Augenbrauen zogen sich dichter zusammen. Einen Moment lang zog sie in Erwägung, Namen zu nennen, entschied sich jedoch dagegen. Sie hatte versprochen, kein Wort darüber zu verlieren, und Gwenda brach keine Versprechen. „und bei dem anderen bin ich mir auch sicher, dass der vor allen Dingen vor dem Ministerium die Schnauze hält.

    Der darauf folgende warnende Blick war hinter der Flasche zwar nur schwer zu erahnen, allerdings machte die Verdunklung ihrer Tonlage ebenfalls deutlich, dass sie erwartete, dass genau das auch bei Virginia der Fall wäre. Auch unter neuer Leitung würde sie tunlichst vermeiden wollen, dass ihr Name in irgendwelchen Akten dieser Art vorgekommen wäre. Sicher war sicher.

    Mit dem tatsächlichen Sehen ist aber nicht viel zu holen. Versatzstücke hauptsächlich. Tiere sind auch groß im Rennen, und was ich sage, hör’ ich selbst nicht. Ist also nicht besonders nützlich, kristallisiert sich aber raus, dass ich ein Händchen dafür habe, meinen Freunden Tod und Verderben zu prophezeien. Das ist doch auch was.

    Die Ironie in der Stimme der Waliserin klang bitter, und sie ließ die Flasche endlich wieder sinken, um nun doch einen langen und direkten Zug zu nehmen. Sie hustete danach unwillkürlich und rieb sich mit dem Handrücken über die Lippen. „Boah, was ist das eigentlich?“, klagte sie nur beiläufig, ehe sie wieder zu Virginia sah. Ein schuldbewusstes Flackern lag noch immer in ihrem Blick.

    Was sie am meisten wurmte, war die Tatsache, dass sie keine Ahnung hatte, welcher Regelmäßigkeit die Prophezeiungen folgten. Die meisten halbwegs wissenschaftlichen Quellen sprachen davon, dass es absolut unmöglich war, sie zu steuern – nur verworrene, historische Folianten suggerierten anderes. Wäre sie damals im Wald von Hexham genauso umgekippt wie bei der WM, wären sie beide jedoch Geschichte gewesen. Zwei weitere Ordensmitglieder, von denen vermutlich nicht einmal mehr die Stiefel gefunden worden wären … Oder diese widerliche Schlange hätte sich ihre Körper zu eigen gemacht.

    Der unüberwindbare Drang, sich zu entschuldigen, veranlasste Gwenda zunächst, die Flasche wieder außer Reichweite zu schieben. „Als – ich hab’ eigentlich … Ich denke nicht wirklich, dass ich draußen– Also, dass ihr euch Sorgen machen müsstet! Normalerweise kündigt sich das irgendwie an, ich hab’s letzte Woche nur nicht gemerkt, weil ich anderweitig– Ach, aber jah.“ Wieder blieb ihr nichts anderes übrig, als verzagt mit den Achseln zu zucken und ihre vorangegangene Formulierung zu wiederholen. „Einfach ein mieses Gefühl bei der Sache.

    Ein Großteil dieses miesen Gefühls hatte damit zu tun, dass ein nicht zugänglicher Teil ihres Geistes längst wusste, dass der weiße Vogel, der Hund, der Hase und deren Flucht näher lagen, als gedacht.



    ¹ Kein Wortspiel beabsichtigt.

  • Virginias Mundwinkel zuckten leicht, als Gwenda aufstöhnte. Es war kein lustiger Moment. Und doch hatte es etwas Absurdes. Es fiel ihr erstaunlich leicht, Gwenda in dieser neuen Rolle zu sehen, wenn sie etwas länger drüber nachdachte. Doch sie musste etwas länger darüber nachdenken. Ihre Augen musterten die Hexe vor ihr, als würde sie sie zum ersten Mal sehen. Besonders diskret war das nicht und sie erinnerte sich schnell daran, dass Gwenda ihr etwas Vertrauliches erzählt hatte und sie sich vielleicht nicht so wohl dabei fühlen würde nun von ihr in Augenschein genommen zu werden, als handele es sich bei ihr um eine außergewöhnliche, fremde Spezies.

    Sie überließ ihr die Flasche. Wenn ihr Gespräch so weiterging, würden sie beide betrunken sein, noch bevor der Eintopf ansatzweise fertig war. Manchmal war das so im Leben.

    Virginia nickte langsam, unterdrückte den Impuls nachzufragen, ob sie sich bei ihrem anderen Freund auch sicher gehen konnte, dass er nicht reden würde. Sie war nicht ihre Mutter. Gwenda würde wissen, wem sie vertrauen konnte. Dass sie nicht selbst zum Ministerium rennen würde, empfand sie als selbstverständlich. So jemand war sie noch nie gewesen. „Keine Sorge, ich bin die letzte, die petzen geht“, versicherte sie ihr, fast schon anklagend, dass sie ihr diese Bestätigung überhaupt geben musste.

    Sie fragte sich, wer diese Freunde war, mit denen Gwenda gesprochen hatte. Sie wusste erstaunlich wenig über das Leben der Anderen außerhalb ihrer Duellierstunden und des Grimmauldplatzes. Virginia hatte ihre engsten Vertrauten im Orden selbst. Außer Braelyn. Es fiel ihr schwer, ihre beiden Welten zu trennen. Sie konnte Geheimnisse für sich behalten, doch sie fühlte sich merkwürdig dabei. Es kam ihr falsch vor. Doch dies war ein Problem, mit dem sie sich wann anders beschäftigen musste.

    Ihr Brauen wanderten wieder zueinander, als Gwenda fortfuhr. Erst langsam sickerte die Erkenntnis zu ihr durch, dass ihre Fähigkeit nicht nur eine Kuriosität war, die sie in Unannehmlichkeiten bringen konnte, sondern dass sie ebenso einen Nutzen innehatte. Wenn es stimmte, was sie sagte, würde ihnen das einen Vorteil bringen? Virginia kannte sich zu wenig damit aus und sie bezweifelte, dass nun der richtige Moment war, um Gwenda zu fragen, wie sie ihre Visionen für etwas Nützliches instrumentalisieren konnte. Sie schob den Gedanken in eine Ecke ihres Kopfes, aus dem sie ihn später wieder würde hervorkramen können.

    Okay“, sagte sie also erst mal nur zögernd. Die Skepsis hallte noch immer in ihrem Tonfall nach. „Das heißt du bist drauf angewiesen, dass jemand dabei ist, wenn… also wenn du eine dieser Visionen hast? Und du kannst dich danach auch nicht dran erinnern? Sorry wenn ich so blöd frage, aber ich hatte nie Wahrsagen in der Schule.“ Sie schnaufte. Ihr Gesicht verzog sich, unsicher wie ernst ihre letzten Worte gemeint waren oder ob es nur ein zynischer Scherz war, der die Tatsachen etwas übertrieb.

    Irgendwas, was ich wissen sollte?“, fragte sie also selbst halb im Scherz, halb ernsthaft nach.

    Nun konnte sie sich ein belustigtes Schnauben nicht mehr verkneifen. Wahrscheinlich war dies immer noch besser als ein bemitleidendes. Sie warf einen Blick auf die Flasche, um diese zum ersten Mal genauer unter die Lupe zu nehmen. „Könnte einer der selbstgebrannten Schnäpse sein, die mir mein Bruder zum Geburtstag unterjubelt, wenn ihm kein besseres Geschenk einfällt.“ Sie legte den Kopf schief und zuckte dann mit den Schultern, um zu unterstreichen, dass sie sich dabei allerdings auch nicht so ganz sicher war. Gwenda schob die Flasche wieder von sich und Virginia nahm dies zum Anlass, das grüne Glas nach einem aufschlussreichen Hinweis zu untersuchen, hielt dann aber inne, um ihren Kopf wieder zu heben, als Gwenda fortfuhr.

    Die Belustigung wich ihrer Miene. Sie nickte erneut. „Vielleicht solltest du lieber noch mal deine Sicherheitsvorkehrungen überprüfen“, versuchte sie sich jedoch an einem kleinen Witz und hoffte, dass dieser nicht zu früh kam. Sie lächelte beschwichtigend. „Solange du das Gefühl hast, du hast es unter Kontrolle, vertraue ich dir da und ich werde es auch für mich behalten, aber ich glaube, es wäre wichtig, dass es zumindest diejenigen erfahren, die sich auf dich verlassen, wenn du mit jemandem draußen unterwegs bist“, meinte sie dann ernsthaft. Virginia atmete einmal schwer aus und schenkte sich dann erneut ein. Sie hielt sich das Glas prüfend unter die Nase, roch daran und zuckte dann wieder mit den Achseln. „Danke, dass du mir davon erzählt hast“, sagte sie, bevor sie sich das unbekannte Getränk einverleibte. Sie lächelte erneut. So eigenbrötlerisch wie sie Gwenda erlebte, wusste sie diese Offenbarung als seltene Vertrauensgeste zu wertschätzen. „Womit warst du beschäftigt?“, fragte sie dann interessiert, da ihr der Ausdruck in ihrem Gesicht nicht entgangen war und sie das Gefühl hatte, dass mehr hinter der Aussage stecken musste.

  • Obwohl Gwendas weitere Zwischenantworten von viel Gemurmel und unartikulierten Lauten geprägt waren, musste sie zugeben, dass sie sich bei all ihrem aufgestauten und vorherrschenden Unbehagen ein klein wenig erleichtert fühlte. Sie war Virginia dankbar für ihr Zuhören, auch wenn sie das zunächst nur damit zeigte, dass sich ihre zusammengeknautschte Mimik wieder öffnete und sich ihre angespannte Haltung langsam wieder auflöste. Gwenda erinnerte damit unwillkürlich an eine zerzauste Hofkatze, die sich damit bedankte, dass ihr Schwanz aufhörte aufgeregt zu peitschen, und sie sich in einem Meter Entfernung niederließ und langsam blinzelte.
    Wie die Hofkatze blinzelte auch Gwenda und seufzte. Es war ein erleichterndes Gefühl. Es kam ihr nicht mehr vor, als würde sie ihrer Partnerin bei einer Gruppenaufgabe etwas beichten, sondern wie ein ehrliches Gespräch. Unter Freundinnen. Und das hatte Gwenda bitter nötig – auch wenn diese Einsicht innerhalb ihrer Reise der Selbsterkenntnis noch in einiger Ferne lag.

    Als das nervenaufreibende Quietschen der Dielen unter Gwendas wippenden Füßen endlich endete, ließ die Hexe ein letztes Mal die Achseln zucken und fegte die bei dem kleinen nervösen Ausbruch herabgerieselten Augenbrauen wieder vom Tisch. Es lag ihr bereits auf der Zunge, noch einmal den Kopf zu schütteln und abzuwehren, aber irgendetwas schmeckte schal und trocken in ihrem Mund. „Wenn ich wissen will, was passiert ist… jah. Keine Ahnung, ob ich es selbst in den Griff kriegen könnte. Die meisten Bücher sagen Nein – irgendwelche antiken Hexen und Zauberer konnten’s aber wohl. Oder haben’s einfach behauptet. Die Bilder, die ich dabei sehe, passen aber meistens zum Text. Denke ich. Aber ich hatte noch keine Gelegenheit, irgendwie… Sinn daraus zu gewinnen. Oder das vernünftig abzusprüfen. Hab schon Halluzinogene, Vogelinnereien, Legilimentik und was weiß ich probiert.“ Es fehlte schlicht und ergreifend jemand, an den sie sich zuverlässig damit wenden konnte. Die einzige Person, die sie in ihrer Familie mit dem Inneren Auge in Verdacht hatte, ihre Urgroßtante Rhiannon, war altersbedingt absolut jenseits von einer seriösen Wissensquelle. Bei dem Gedanken an die alterssenile Hexe kräuselten sich Gwendas Nasenflügel. Gemeinsam mit ihren Bedenken und Virginias vorsichtigem Vertrauen, das gleichzeitig subtile Ermahnung war, kam sie sich nun ebenfalls vor wie die spröde Achse an einem Rad, auf die man besonders aufpassen musste. Gerade den jüngeren Mitgliedern des Ordens eine Gebrauchsanweisung mitzugeben, schmeckte ihr absolut nicht. Es hatte gereicht, dass ihr zukünftiger Auszubildender Tavernier den Anfall gesehen und glücklicherweise als Volltrunkenheit katalogisiert hatte.
    Kannst mir ja mal deinen Patronus zeigen, vielleicht ist das die passende Tierassoziation, die ich im Kopf haben muss.“ Die Drachenwärterin schnaubte, ehe ein leises, halbwegs einsichtiges Murren folgte. „Aber jah… Ich pass’ auf jeden Fall auf… Hab’ nicht so Lust, das an die große Glocke zu hängen – aber wie gesagt: ich versuch’ den Bogen rauszukriegen, wie es sich angekündigt. Ich werde niemanden in Gefahr bringen. Oder ins Messer laufen lassen, weil er oder sie nicht Bescheid wusste.
    Die Hexe schnalzte nachdenklich und hob eine Augenbraue. Vielleicht musste sie ihre kleinen Experimente wieder intensivieren.

    Die schließlich angesprochenen Sicherheitsvorkehrungen waren zwar noch immer ein empfindliches Thema, das Gwenda kurz dazu veranlasste, die Augen zu verengen, jedoch sah sie letzten Endes ein, dass es nun galt, ergeben den Kopf zu senken. „Vielleicht sollten wir gar nicht über meine Sicherheitsvorkehrungen reden, wenn ich meine Freizeit in einem übel verfluchten Haus verbringe und mir irgendwelche Gebräue unbekannten Ursprungs in den Rachen schütte.“, scherzte sie als Antwort, und zum ersten Mal innerhalb der gesamten Unterhaltung hellte sich Gwendas Gesicht merklich auf, als sie theatralisch die Augen schloss und sich gegen die Stirn tippte. Ihre andere Hand zog dabei ziellose Kreise vor Virginias Gesicht. Es war das erste Mal, dass sie zu ihrer unverhofften Begabung scherzte.
    Ich sehe… dass du in der Zukunft vielleicht deine Meinung zu Drachenlederumhängen ändern wirst, wenn diese Secondhand und von einem faltigen, alten Drachen sind, der schon seit 1867 nicht mehr über die grünen Auen fliegen konnte.“, summte sie in monotonem Singsang und öffnete zumindest ein Auge wieder. Ein kleines Grinsen huschte über Gwendas Lippen, das in einem ehrlichen Lächeln nachhallte.

    Danke für’s Zuhören. Wirklich. Ich weiß, dass ich nicht… nennen wir’s zu den einfachsten Leuten zum Händeln gehöre.“ Diese Worte begleitete die Drachenwärterin mit einem kleinen Nicken und schob ihren Stuhl währenddessen wieder weit zurück, damit sie wieder in die selig blubbernden Töpfe spähen konnte. Nur ein kurzer, sehr diebischer Seitenblick verriet, dass sie die letzte Frage und den unverbindlich interessierten Unterton darin keineswegs überhört hatte.

    Wird wohl auch ohne extra Sellerie gehen.“, kommentierte die Drachenwärterin dabei eher vor sich selbst und ließ die Lippen hinter einer betont ungerührten Schnute versinken. Erst als sie auch aufgestanden und Virginia wieder den Rücken zugedreht hatte, antwortete sie so beiläufig, dass es auffälliger nicht hätte sein können. „Du würdest wahrscheinlich sagen, dass ich eine… Lass mich nachdenken… diskursiv-intensive Reflexionsdiskussion mit unvorhergesehener emotionaler Tragweite, trotz übermäßigem Gebrauch von Fäkalsprache, mit einem alten Freund hatte.“, entgegnete Gwenda mit einer ironischen Parodie von Virginias analytisch-korrektem Verhalten als Mentorin in SPHINX.

  • Es kamen überraschend viele Information aus Gwenda. Kurios wenn sie an die Ravenclaw zurückdachte, die sie aus ihrer Schulzeit erinnerte. Niemand hätte ihr damals weismachen können, dass die beiden Jahre später in so einem vertraut anmutendem Gespräch Geheimnisse austauschen würden. Dass Gwenda sich ihr anvertrauen würde. Dass sie interessiert nachfragen würde. Dass sie ernsthafte Sorgen aussprachen und im nächsten Moment lachten. Dass sie sich eine räudige Schnapsflasche hin und herschieben würden. Auch wenn sie etwas verschroben war und ihre unterschiedlichen Herangehensweisen oder vielleicht eher die verschiedenen Grundlagen ihrer Wertevorstellungen oft genug aneinanderstießen, tat es gut, jemanden im Orden zu wissen, mit der sie doch gewisse, fundamentale Lebenserfahrungen teilte. Sie mochte ihren neuen Jungzuwachs – meistens jedenfalls. Sie vertraute sowohl Haden als auch Edgar blind – und doch gab es Dinge, die sie nie würden verstehen würden. Bestimmte Realitäten, die für sie einfach anders waren. Es tat gut mit jemandem an diesem Tisch zu setzen, den sie Freundin nennen konnte.

    Virginia konnte nicht umhin, ihre ernste Miene zu einem angeekelten Ausdruck zu verziehen und schließlich zu einem leichten Lachen überzugehen. „Das hast du alles gemacht?“, fragte sie ungläubig, seufzte, schüttelte den Kopf, lachte erneut und gab dann zu: „Na ja, sollte mich vielleicht nicht wirklich wundern.

    Ihre mahnenden Worte schienen nur mit einer gehörigen Prise Missmut aufgenommen zu werden. Aber immerhin wurden sie nicht direkt niedergeschmettert. Virginia beschloss, nicht weiter drauf herumzureiten.

    Gut“, sagte sie also nur und bedachte Gwenda noch eines eindringlichen Blickes. „Und sag einfach Bescheid, sollte sich mal eine Schimmelstute in deine Visionen einschleichen“, ergänzte sie in scherzhaften Tonfall. Nur falls an der Patronus-Sache wirklich etwas dran sein sollte.

    Die Anspannung schien von Gwenda zu fallen und es lag sicher nicht allein an ihrem Schnapskonsum. Virginia lachte und schüttelte dann halb grinsend den Kopf, als sie fortfuhr. „Mal sehen“, erwiderte sie nur schmunzelnd auf ihre Wahrsagung. „Vielleicht lass ich mich bei der nächsten Gelegenheit drauf ein“, gab sie ungewöhnlich kompromissbereit von sich und erwiderte ihr Lächeln.

    Sie machte eine wegwerfende Handgeste, als sei es ihr eine Selbstverständlichkeit, ihr zuzuhören, doch das Lächeln wich nicht von ihren Lippen, auch als sie längst aufgestanden war, um sich wieder ihren Töpfen zu widmen. Virginia nahm geistesabwesend den Deckel vom Tisch, um die Schnapsflasche wieder zu schließen. Sie hielt die Flasche noch kurz in den Händen und warf Gwenda dann einen interessiert skeptischen Seitenblick zu. Sie schnaubte und stand dann ebenfalls auf. „Mh hmm“, entgegnete sie dann, schüttelte erneut schmunzelnd den Kopf und stellte die Flasche zurück in den Schrank. „Klingt spannend“, erwiderte sie trocken und hob die Augenbrauen. Auch wenn Gwenda sie nicht sah, würde ihr Tonfall zur Genüge zum Ausdruck bringen, dass sie ihre Masche durchschaute. Doch sie hatte ihr heute vielleicht schon genügend Dinge über ihr Leben verraten, dass sie nicht weiterstochern wollte. Sie trat neben sie und inspizierte interessiert die beiden Töpfe.

    Sag nicht, du hast extra einen Topf gemacht, der ohne Tierleid zubereitet wird und damit ethisch und ökologisch im akzeptablen Bereich ist?“, fragte sie mimte damit Gwendas Stimme nach, die sie zuvor angewandt hatte. „Oder wir würde ich das deiner Meinung nach ausdrücken?“, hakte sie nach, lachte dann aber und konnte nicht verbergen, dass sie die Geste durchaus wertschätzte. „Sieht auch ohne Sellerie gut aus“, fügte sie deshalb noch versöhnlich zu, schnaufte belustigt und wandte sich dann auf der Suche nach einer Aufgab, mit der sie sich nun ebenfalls nützlich machen konnte, dem Abwasch zu, der sich in der Spüle stapelte.


    Ende

  • 21.11.2025 I abends I Virginia MacGuffin & Gwendoline Ollivander


    "Okay, und du sagst mir jetzt, was genau man aus dem Zeug kochen, kann, ja?", mit einem amüsierten Grinsen und leicht skeptischem Blick betrachtet Gwen die Zutaten, nimmt eine der Verpackungen in die Hand, die sie noch nie gesehen hat, und runzelt ein wenig die Stirn. Vegan. Es ist gar nicht so, als hätte sie grundsätzlich etwas dagegen einzuwenden so zu kochen, sie probiert auch immer gerne etwas Neues aus. Es ist vielmehr so, dass sie den Eindruck hat, eigentlich gar nichts von dem verwenden zu können, was sie sonst so isst - außer Gemüse vielleicht, aber nicht einmal in Butter kann man das anbraten! Vegetarisch zu kochen ist ihr ja noch halbwegs vertraut, erscheint ihr auch insgesamt nicht so kompliziert - einfach halt das Fleisch weglassen. Aber völlig auf tierische Produkte verzichten? "Bin auf jeden Fall gespannt, wie das nachher wird.", sie bedenkt Virginia mit einem beschwichtigenden Lächeln, das ihr signalisieren soll, dass sie mit ihren Essgewohnheiten an sich vollkommen okay ist - und das sie vor allem davon abhalten soll, ihr einen Vortrag irgendeiner Art zu halten. "Ich fang einfach mal mit den Möhren an", ergänzt sie, greift sich die Schale und legt ihr Messer bereit. Einen Moment lang schweigt sie, während sie den Wasserhahn aufdreht und mit weitaus mehr Konzentration, als notwendig gewesen wäre, das Gemüse abwäscht. Es ist Zufall, dass sie heute Abend zusammen mit Virginia dazu abgestellt wurde, für alle zu kochen - nicht unbedingt die Gesellschaft, die sie sich freiwillig gesucht hätte. Gar nicht, weil sie Virginia nicht mag, sie kennt sie auch zu wenig, um so etwas zu behaupten, hat zumindest kein so schlechtes Gefühl bei ihr wie bei einigen der anderen älteren Ordensmitglieder. Vielleicht also tatsächlich keine schlechte Gelegenheit, etwas mehr über sie zu erfahren, fernab von vielen Ohren Themen zu besprechen, die sie beschäftigen. "Was hältst du eigentlich von dieser Sache mit Byrons... Todesser - also, dass der jetzt nicht gemeldet wird?", fragt sie daher und blickt von ihrer Arbeit auf, wirft Virginia einen neugierigen Blick zu. "Du kennst ihn doch auch schon etwas länger, oder?", soweit sie weiß gehört Virginia zu den Mitgliedern, die am längsten für ihre Sache aktiv sind. Anders als Byron hat sie sie das bisher aber nie spüren lassen. Seit dem Abend, an dem sie die Akten mit ihm durchgegangen ist, und noch einmal mehr, seit sie von Byrons aktuellem Zustand, von dem Werwolfsbiss weiß, fragt Gwen sich, ob sie sich in dieser Sache eigentlich richtig verhält. Sie vertraut Byron, wie sie allen hier vertraut und vielleicht sogar ein bisschen mehr, weil sie immerhin mehr Zeit mit ihm verbracht hat als mit etlichen anderen. Sie glaubt nicht, dass er bewusst versucht, Mercury Nightowl zu decken, hält ihn auch in keiner Weise für dumm. Aber ihre eigene Erfahrung hat sie gelehrt, wie leicht es ist, sich in Menschen zu täuschen. Byron hat zugegeben, dass er ihn geküsst hat, ist jetzt aktuell verständlicherweise vor allem mit sich selbst beschäftigt. Wie anfällig macht ihn das für irgendwelche Einflüsterungen, für die Spielchen, die der Todesser mit ihm spielen könnte? Sie fragt sich, ob es gut ist, dass er diesen Auftrag alleine durchführt, wo sie doch sonst vieles zu zweit machen - zur Sicherheit. Eine Regelung, über die sie sich selbst schon geärgert hat, die im Grunde aber sinnvoll ist. Byron befindet sich aktuell in einer absoluten Ausnahmesituation, und auch, wenn sie ihm das auf keinen Fall sagen wird: Sie ist nicht sicher, wie klar sein sonst sicherlich gutes Einschätzungsvermögen funktioniert. Ob es nicht ihre Aufgabe wäre, ihn irgendwie zu schützen.

  • Virginia gab sich Mühe, ihre Geduld im Angesicht von Gwendolines Skepsis, nicht zu schnell zu verlieren. Hieß es nicht eigentlich, dass es bei jungen Leuten inzwischen vollkommen normalisiert war, vegan zu leben? Nicht in der Hinsicht, dass dies alle täten. Schön wärs. Sondern dass es eben nichts mehr Komisches war. Kein exotisches Konzept, das einen überforderte.

    Hm. Vielleicht es war wohl doch noch so fremd, dass es dazu führte, dass Gwen die Aufgabe, mit ihr zu kochen, als außergewöhnlich genug befand, dies in einer Tour kommentieren zu müssen. Da sagte noch einer, dass es Veganer:innen seien, die nicht aufhören konnten, über Veganismus zu reden.

    Kochen ist kochen. So anders ist es nicht“, erwiderte sie und konnte nicht umhin, ihrer Stimme eine gewisse Irritation zu verleihen. Das Augenrollen verkniff sie sich gerade noch. Sie wollte ihr schließlich nicht das Gefühl geben, wirklich genervt zu sein. Virginia verstellte sich zwar nicht, doch sie blieb in ihrer Direktheit in der Regel freundlich. Außerdem war sie die deutlich Ältere in dieser Situation. Es würde albern wirken, wenn sie die kleinen Seitenkommentare mit nicht mehr als amüsierter Gelassenheit aufgreifen würde. „Mach ruhig die Möhren. Das kriegst du hin, oder?“, fragte sie mit einem herausfordernden Schmunzeln. „Ich kümmere mich mal um das Sojagranulat“, meinte sie und schnappte sich die Verpackung, die Gwen eben noch so interessiert gemustert hatte.

    Mit einem Schwenk ihres Zauberstabs befüllte sie den schweren Wasserkocher und entfachte dann den Herd.

    Byron?“, wiederholte sie scharf und hielt in ihrer Suche nach dem kleinen Fass mit Gemüsebrühe inne, um den Kopf zu Gwen zu drehen. Ihre Brauen zogen sich zusammen. Sie kannte sie bisher eher oberflächlich, auch wenn sie nun doch gar nicht mehr so neu war. Relativ gesehen. Für Virginia waren alle neu, die erst in den vergangenen zwei Jahren zum Orden gestoßen waren und im Gegensatz zu Gwenda, die sie einerseits schon vorher gekannt hatte und mit der sie allein alterstechnisch mehr Lebensrealität teilte, fühlten sich die Neuzugänge in den Orden oft noch wie die Art von Cousinen an, die ohne Frage zur Familie gehörten, mit denen man jedoch noch keine besondere Beziehung aufgebaut hatte. Es störte sie. Virginia wollte sie alle kennenlernen, wollte ihre Geschichten hören, wollte verstehen, wie sie tickten – nur so entstand Vertrauen.

    Virginia seufzte. Es wäre gut, zu wissen, was sie darüber dachte. Es war so eine unglückliche Situation. „Schwierig“, sagte sie schließlich und griff dann nach einem Löffel, um etwas von dem Brühepulver in eine Schüssel zu häufen.

    Er verschätzt sich mit der Situation“, fällte sie ihr unmissverständliches Urteil. „Vielleicht ist es ja sogar sinnvoll, ihn noch weiter zu beobachten, wenn er wirklich so harmlos ist, wie Byron behauptet und am Ende haben wir im Zweifel das gleiche Problem wie mit den Trevelyans“, sie zog skeptisch die Nase kraus, drehte sich erneut um, um sich gegen die Küchenanrichte zu lehnen und klopfte sich dann geistesabwesend mit dem Löffel gegen das Kinn. „Aber es ist eine schwachsinnige Aktion.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wenn sollte jemand von uns, die Fährte aufnehmen. Er scheint mir zu tief drinzustecken.“ Ein weiteres Seufzen – diesmal frustrierter. Virginia hatte sich zwar mit der Idee arrangieren können, dass sie den Todesser nicht sofort auslieferten. Auch wenn er potentiell gefährlich war, gab es ihnen einen Vorteil, von dem die Todesser nichts wussten – außer Byron hatte sich so dämlich angestellt, dass er ebenfalls längst als einer von ihnen identifiziert worden war – doch Byrons persönliche Rolle in dem Szenario schien ihr gemeingefährlich. „Was denkst du?“, fragte sie dann ehrlich interessierte und studierte ihre Gesichtszüge interessiert.

  • Gwens Augen huschen zu Virginias Gesicht und verharren dort einen Moment lang, den genervten Unterton durchaus wahrnehmend. Ein kleines, entschuldigendes Lächeln legt sich auf ihre Lippen. "Sorry.", sie zuckt mit den Schultern. "Ich hab trotzdem keine Ahnung, wie genau man... das hier zubereitet. Aber Möhren sind gut. Schaffe ich bestimmt.", erklärt sie beschwichtigend. Ein paar Augenblicke lang beschäftigt sie sich mit dem Gemüse, sieht erst dann wieder auf, als Virginia Byrons Namen wiederholt, in einem Tonfall, der ihr gleich das Gefühl gibt, etwas Falsches gesagt zu haben. "Mhm", bestätigt sie vorsichtig, beginnt dann, mit routinierten Bewegungen und ohne richtig hinzuschauen, die Karotten zu schälen. Obwohl sie beide schon lange im Orden sind, hatte sie bisher nicht den Eindruck, dass Virginia und Byron besonders zusammen stecken würden - Virginia bewegt sich zumindest auf den ersten Blick in gänzlich anderen Zirkeln, vor allem mit den anderen älteren Mitgliedern, während Byron... zu niemandem eine besondere Verbindung zu haben scheint. Aber das kann täuschen. Im Grunde weiß sie immer noch zu wenig über die Vergangenheit des Ordens und seiner Mitglieder, über das, was Virginia und Byron womöglich verbindet. Hoffentlich hat sie sich mit ihrer Frage, wenn auch so vorsichtig formuliert, nicht in die Nesseln gesetzt.

    Eine Sorge, die Virginia ihr direkt wieder nimmt. Ihre Antwort kommt klar, unmissverständlich, in deutlichen Worten, die keinerlei Spielraum für Interpretation lassen. Sie hebt den Kopf, erwidert Virginias Blick, ein wenig beeindruckt von ihr und ihrer Haltung. Ähnlich klar wie Gwenda, die sie seit ihrer gemeinsamen Mission zumindest ein bisschen positiver wahrnimmt, nur dabei wesentlich freundlicher. Dass sie Byrons Rolle in dieser Angelegenheit ähnlich kritisch sieht wie sie selbst, ist bestätigend, und zugleich äußerst beunruhigend. "Ich war ja mit ihm zusammen, als er den Eintrag in die Akte gemacht hat.", beginnt sie zögerlich. Sie lässt das Messer sinken, ruckelt nachdenklich ihre Brille zurecht, den Blick auf die ersten Möhrenschalen gesenkt. "Er war so...ich hab ihm Fragen gestellt, ja, klar, kritische Fragen, aber ich war nicht wirklich unmöglich oder unverschämt. Echt nicht. Oder erst ganz am Schluss, aber da... egal. Er hat auf jeden Fall total komisch reagiert. Er hat mir erzählt, dass Nightowl weiß, dass er muggelstämmig sei, und selbst wenn er Byron verdächtigen würde, könne er das ja niemanden erzählen, weil ihn das zum Blutsverräter mache, weil sie sich geküsst haben.", versucht sie mit gerunzelter Stirn zusammen zu fassen. Laut ausgesprochen klingt es noch viel absurder. Hat Byron das wirklich so gesagt? "Das ist doch total bescheuert, oder?", sie hebt den Blick wieder, sieht hilfesuchend zu Virginia. "Macht mir richtig Sorgen, aber er...er glaubt irgendwie, dass er alles im Griff hat, und ist richtig wütend geworden. Hat mich dann auch einfach stehen lassen. Ich habs überhaupt nicht geschafft, zu ihm durchzudringen.", beendet sie ihre Erzählung leise.

  • Dafür zeig ich’s dir ja“, entgegnete sie leicht gereizt und holte kontrolliert Luft. „Will nur damit sagen, dass das alles so funktioniert wie sonst auch und dass das auch nicht anders ist, als wenn man- ...ach egal, sorry“, sie hatte kurz innegehalten, winkte ab und rang sich ein Lächeln ab. Sie sollte ihren Ärger nicht sinnlos in so einer Diskussion verpulvern. Gwendoline hatte schließlich lediglich gesagt, dass sie sich nichts drunter vorstellen konnte und nicht, dass sie dem ganzen Unterfangen generell skeptisch gegenüber eingestellt war. Durchatmen. Souverän abwiegeln. Nicht alles war ein Kampf.

    Ihr Mund öffnete sich überrascht einen Spalt, als sie erzählte, dabei gewesen zu sein, als er den Eintrag in die Akten vorgenommen hatte. „Echt?“, versicherte sie sich und presste sich dann den Löffel abwesend weiter gegen das Kinn, während sie ihren Ausführungen lauschte. Ein freudloses Lachen bahnte sich in ihrer Kehle an und endete dann in einem genervten Seufzen. Sie nickte langsam. Ja, total bescheuert traf es ganz gut. Merklich frustriert von der ganzen Thematik nahm sie die Packung des Sojagranulats hoch und riss diese manuell auf, ohne die Schere zu Hilfe zu nehmen, mit der das sicher eleganter hätte gelöst werden können. Ein paar Stücke des getrockneten Sojas flogen schlitternd auf die Anrichte und sie fluchte leise.

    Irgendwas ist da bei ihm durchgebrannt“, meinte sie und tippte sich gegen die eigenen Schläfen, um anzuzeigen, wo genau bei Byron etwas durchgebrannt war. „Ich glaube, der hat die wahnwitzige Idee, dass der Typ anders ist, als all die anderen und dass er weniger gefährlich ist, dass er harmlos ist, weil er ein paar Mal nett zu ihm war. Oder dass ein paar Küsse oder was auch immer zwischen den beiden ist… will’s so genau gar nicht wissen“, sie verzog leicht angewidert das Gesicht – keine tausend Hippogreife hätten sie dazu bewegen können, wissentlich einem Todesser auf diese Art und Weise näher zu kommen – „dass ihn das jetzt auf einmal zu einem guten Menschen macht. Mir hat er erzählt, dass er doch so tierlieb sei und deshalb gar nicht schlimm sein könnte.“ Sie lachte erneut auf. Absurd. Doch es war eigentlich nicht zum lachen. In den vergangenen Jahren hatte sie Byron geschätzt, seine Meinungen und Vorschläge respektiert und in ihm jemanden gesehen, der in seinen Urteilen klar und prinzipiengetreu war. Das Blatt hatte sich radikal gewandt. „Wenn die Todesser jeden, der mal einen Muggelstämmigen geküsst hat, direkt zum Blutsverräter erklären würden, dann hätten wir sie wahrscheinlich schneller vom Hals, als dass wir uns selbst drum kümmern könnten. Als ob die so ticken würden. So blöd sind die doch auch nicht.“ Er machte sich das alles viel zu einfach und vergaß darüber den entscheidenden Fakt, dass sein kleiner Freund einer quasi terroristischen Vereinigung angehörte, einem faschistoiden Verbund an Rassist:innen und Mörder:innen. Er gehörte zu der übelsten Sorte an Menschen. Auch ein paar Küsse änderten diese Tatsache nicht.

    Ich hab’s ja auch versucht. Aber bisher erfolglos. Keine Ahnung, was passieren muss, damit er wieder klar denken kann“, entgegnete sie dann frustriert und schob mit ihren Händen die Granulatstücke auf, die auf der Küchentheke verteilt lagen.

  • Ein unwilliges Stirnrunzeln zeigt sich erneut auf Gwens Gesicht, als ihre Beschwichtigungsversuche das genaue Gegenteil bewirken. Merlin, ist die empfindlich - was hat sie denn eigentlich gesagt? Hätte Virginia sich auch so aufgeregt, wenn sie ihr gesagt hätte, dass sie keine Ahnung hat, wie man ein Spanferkel aufspießt? Vegane Zicke, echt. Kein Wunder, dass die oft als ziemlich unentspannt gelten. Andererseits ist Virginia ja normalerweise schon cool - und wahrscheinlich zeigt ihre Reaktion nur, dass sie schon zu viel Kritik, zu viele dumme Sprüche zu diesem Thema gehört hat. Sie ist ja auch schon älter, da ist das sicher noch viel ungewöhnlicher als heutzutage. Gwen bemüht sich, die Falten auf ihrer Stirn zu glätten, erwidert Virginias abwinken mit einer Mischung aus versöhnlichem Kopfschütteln und Nicken. Besser, sie sagt nichts mehr dazu und widmet sich den Möhren. Ist ja offensichtlich ein zu heißes Eisen. Da wendet sie sich lieber einem Thema zu, das zumindest objektiv betrachtet wesentlich heißer ist, bei dem aber gleich viel mehr Einvernehmlichkeit besteht: Byron.

    "Mhm", bestätigt Gwen erneut auf Virginias Nachfrage, sucht kurz in ihrem Blick nach so etwas wie Skepsis, danach, dass sie ihr eine solch ernsthafte Ordensarbeit nicht zutraut. Aber da ist nichts, und so fährt sie fort, breitet unter Virginias aufmerksamen Blick all ihre Sorgen aus, verdrängt den Anflug eines schlechten Gewissens, weil sie hinter Byrons Rücken so über ihn spricht. Das hier ist kein Tratschen, kein Vertrauensbruch - sie macht sich Sorgen um ihn! Und seine Verbindung zu einem Todesser könnte ihnen allen irgendwann gefährlich werden, also geht es sie alle etwas an.

    Ihr Blick verweilt auf Virginia, als diese antwortet, und obschon sie erleichtert darüber ist, dass Virginia sie versteht, dass sie nicht irgendwie sauer wird, weil sie die Zurechnungsfähigkeit eines alteingesessenen Ordensmitglieds in Frage stellt, verstärkt ihre Reaktion ihre Sorge nur noch mehr. Simultan mit der Älteren verzieht Gwen das Gesicht, blickt kurz auf die Möhren unter sich: Nein, so genau will sie es lieber auch nicht wissen, das heißt...Byron würde doch nicht wirklich etwas mit jemandem anfangen, der ein Todesser ist, oder? Glaubt Virginia das?

    "Oh man.", murmelt Gwen und beobachtet, wie Virginia die trockenen Krümel vor sich zusammen schiebt. "Also ich meine dieser Kuss, ich will ihm da nichts unterstellen, ich glaube...es hatte sich so angehört als wäre das irgendwie vorher gewesen, aber...ich weiß nicht...", nachdenklich hebt sie den Blick, betrachtet die Pfannen, die über dem Herd an der Wand hängen. "Er hat es nicht so konkret gesagt, und selbst wenn, das heißt ja nicht, dass sie nach der Finalnacht nicht einfach weiter gemacht...", sie stoppt wieder, richtet den Blick auf Virginia. "Hat er echt gesagt, er könne nicht so schlimm sein, weil er Tiere mag?", sie schüttelt den Kopf. "Aber das ist so unendlich bescheuert, das - das hängt doch gar nicht irgendwie zusammen, und es gibt ja sogar Leute, die genau so etwas nutzen, um gegen Muggel zu argumentieren, weil sie - egal, ist ja gar nicht der Punkt.", sie holt tief Luft, betrachtet wieder das Messer. "Ich meine, was machen wir denn jetzt? Diese ganze Nummer, dass er Nightowl im Auge behält, wo er selbst kaum zurechnungsfähig ist, das ist einfach so eine beknackte Idee, ich frage mich echt, was Earnestine und Gawain sich dabei gedacht haben! Gibt es denn...gibt es denn irgendwen hier, der einen besseren Zugang zu Byron hat? Der vielleicht nochmal versuchen könnte, an ihn heranzukommen? Wenigstens um herauszufinden, was er sich denkt und...wie schlimm es ist?", Gwens Stimme klingt etwas gepresst - eigentlich kann sie sich die Frage selbst beantworten. Es wird nicht ohne Grund ausgerechnet sie selbst gewesen sein, die Byron erst vor wenigen Tagen in sein Geheimnis eingeweiht hat. Ein Geheimnis, das sie niemandem verraten wird - und das ihn zugleich in einen labilen Zustand versetzt, noch anfälliger für gefährliche Einflüsterungen. Und Mercury Nightowl, da ist Gwen sich sicher, ist gefährlich. Ganz egal, was Byron sich einbildet.

  • Auch Gwen war wohl noch auf der Suche nach einer logischen Erklärung für Byrons Verhalten. Etwas das erklärte, dass er von heute auf morgen all das, gegen das sie seit Jahren kämpften, anscheinend nicht mehr so wichtig fand. Dass er sich in die Arme eines Todessers schmiss – denn so dachte Virginia in ihrer inneren Rage inzwischen darüber –, ohne zu wissen, was für Gräueltaten dieser womöglich auf dem Gewissen hatte. Ein bisschen fühlt es sich so an, als würde er sie damit alle zum Narren halten. Es ergab keinen Sinn. Sie seufzte. Die Frustration grub tiefe Furchen in ihr Gesicht.

    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich bei der ganzen Sache noch glauben kann. Je länger ich darüber nachdenke, desto eher habe ich das Gefühl, dass ich Byron einfach nicht beim Wort nehmen kann.“ Es schmerzte, zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Sie war niemand, der Loyalitäten leicht in den Wind schoss. Sie wollte ihm den benefit of the doubt geben. All die Jahre, die er beim Orden gewesen war, ohne dass er ihr je Anlass gegeben hatte, ihn in seinen Absichten zu hinterfragen. Sie hatten sich nicht immer regelmäßig gesehen. Doch das war Umständen geschuldet gewesen, die nicht immer in ihrer Kontrolle gewesen war. Aber sie konnte das nagende Gefühl nicht loslassen, dass hier etwas nicht stimmte. Dass er eine unsichtbare Linie übertreten hatte, die sie von keinem ihrer Ordensverbündeten erwartet hätte.

    Ja, also so in der Art“, meinte sie und schüttelte den Kopf. So ganz in der Art hatte Byron es vielleicht nicht gesagt, hatte lediglich von ihm erzählt, dass er Tiere mochte und sein Unverständnis darüber geäußert, wie so jemand bei den Todessern sein konnte – doch für sie kam es auf das gleiche hinaus. Vielleicht war sie zu unwirsch oder undiplomatisch in ihren Abwägungen, aber unterm Strich kam doch so oder so das gleiche bei raus. „Es ist unglaublich bescheuert“, beteuerte sie Gwens Worte und wandte sich dann dem Wasserkocher zu, dessen fiependes Geräusch sie kurzerhand aus ihrer nachdenklichen Pose riss. Sie nahm ihm vom Herd, gab ihr aufgesammeltes Sojagranulat in die Schüssel mit der Brühe und füllte sie dann mit Wasser auf.

    Sie hörte Gwendoline aufmerksam zu. Ihr gefiel ihr Ton. Unkompromisslos, selbstbewusst, anfechtend. Es war gut, sie im Orden zu haben. Ihr Alter sollte keine Rolle spielen, wie nützlich sie sich machen konnte. Virginia wusste selbst, wie es gewesen war, als sie so jung gewesen war. Voller Tatendrang und Eifer – und wie schwer es gewesen war, nicht strukturell unterschätzt zu werden.

    Ja, ich verstehe es auch nicht“, entgegnete sie. „Aber irgendwas müssen sie sich dabei gedacht haben“, meinte sie langsam und ungewöhnlich beschwichtigend. Sie glaubte nicht, dass Earnestine und Gawain leichtsinnig in diesen Dingen handelten. „Vielleicht wollen sie ihm auch einfach eine letzte Chance geben, zu zeigen, dass er es ernst meint, und diese ganze Sache nicht nur als Vorwand aufbringt. Dass irgendwas dran und wir etwas wertvolles erfahren. Mir wäre es aber auch lieber gewesen, wenn wir ihn direkt ausgeliefert hätten.“ Sie zuckte mit den Schultern und schnappte sich dann eine große Zwiebel, die sie mithilfe ihres Zauberstabs reichlich unsauber schälte und dann auf ein Brett platzierte.

    Ich weiß nicht. Ich hab‘ ihn jetzt auch seitdem nicht mehr gesehen… was ehrlich gesagt auch nicht gerade dazu beiträgt, ihm mehr zu vertrauen… also ich kenne ihn nun seit ein paar Jahren, dachte eigentlich, dass wir cool miteinander sind, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich einen guten Zugang zu ihm hatte, als wir uns drüber unterhalten haben. Wie gut kennst du ihn?“, fragte sie dann interessiert, weil sie immer mehr das Gefühl bekam, dass es Gwen mehr beschäftigte als es das getan hätte, wenn Byron lediglich einer von vielen gewesen wäre, der ab und zu im Grimmauldplatz herumschwirrte.

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