Erdgeschoss - Speisezimmer und Küche

  • Ordenstreffen

    29. Oktober 2024

    Ordensmitglieder  [group]Anwärter:in (Orden)[/group]


    Earnestine sah in die kleine Runde. Ihre Blick war dunkel wie ein aufbrausender Sommersturm. Die Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammen gepresst. Kein Zucken war in ihren Mundwinkeln zu sehen gewesen, als sie alle nacheinander eingetroffen waren. Die Hexe war schon lange nicht mehr warm gewesen, doch heute erschien sie ganz besonders hart. Zu Begrüßung hatte sie nur ein Nicken verschenkt und war bisher kurz angebunden gewesen.

    Der Orden - oder was von ihm noch übrig war - hatte sich um den Küchentisch versammelt. Irgendjemand hatte einige Knabbereien drauf verteilt. Es war unschwer zu erkennen, dass es noch immer Virginia war, die viele der Einkäufe erledigte. Es war nicht das, was sie selbst ausgewählt hätte, aber Earnestine befand es zumindest als essbar. Unter normalen Umständen. Jetzt war ihr nicht danach an einer Karotte mit Humus zu knabbern.

    Einen Moment nahm sich Earnestine noch, um ihre Gedanken zu sortieren. Mit den Fingern strich sie über den weinroten Stoff ihres Umhanges. Ihm haftete der gewohnte Geruch von Kräutern und Rauch an. Sie atmete einmal tief durch die Nase ein und stand dann auf. Die Beine des Stuhl quietschten auf dem Boden, als sie ihn nach hinten schob. Auch jetzt blieb ihr Gesicht düster, doch ihre Stimme war fest.

    "Es gibt einiges zu besprechen heute." Sie räusperte sich kurz und fuhr fort: "Es sind keine guten Neuigkeiten, wenn man sie überhaupt als Neuigkeiten bezeichnen kann. Euch ist sicher nicht entgangen, dass der Orden zu zerfallen droht. Unsere Zahlen schrumpfen stetig. Gleichzeitig gewinnen unsere Gegenspieler jeden Tag neue Mitglieder, erkämpfen sich mehr Raum. Wenn es so weiter geht -" Sie machte eine kurze Pause. Nicht weil sie zögerte, sondern weil sie es am liebsten nicht laut ausgesprochen hätte- "dann werden wir diesen Kampf verlieren." Earnestines Augen sprangen von einem der Anwesenden zum nächsten. Genaustens betrachtete sie die Reaktion auf diesen Pessimismus. Sie wollte sehen, wie viel Kampfgeist noch in ihnen allen steckte. Wie lange konnten die Übriggebliebnen noch Stand halten?

    "Es muss aber nicht so sein." Es durfte nicht so bleiben. Es gab zu viel zu verlieren. "Wir müssen aufstocken, neue Leute in die Runde bringen." Jetzt sah sie direkt zu Em hinüber und kaum merklich schoben sich die Ecken ihres Mundes ein wenig nach oben. "Das bedeutet, dass wir Risiken eingehen müssen, uns mehr Leuten zeigen müssen, aktiver nach Unterstützung fragen müssen. Doch wir sind nicht allein. Das haben wir bei dem Vorfall in der Winkelgasse vor einigen Wochen gesehen. Das sehen wir immer wieder. Da draußen gibt es Menschen, die mit uns kämpfen wollen. Wir müssen ihnen nur den Weg zu uns zeigen." Earnestine fühlte sich immer ein wenig seltsam solch inspirierende Vorträge zu halten, wenn sie doch in Wahrheit nur von sturer Verzweiflung getrieben wurde. Es gab keine andere Option, also musste sie daran glauben, dass diese funktionierte. Sie alle mussten daran glauben.

    "Wie ist der momentane Stand?", schwenkte sie schließlich um. "Was habt ihr in letzter Zeit beobachten können? Ist euch jemand ins Auge gestochen, der oder die für unsere Sache zu gewinnen wäre?" Damit war die Gesprächsrunde eröffnet. Earnestine setzte sich wieder und gab die Bühne frei für ihre treuen Mitstreiter.


    // Damit ist das offizielle Ordenstreffen eröffnet. Ihr könnt gern noch eure Ankunft etc. beschreiben und dann direkt in das Gespräch übergehen. Hier ist Platz alles einzubringen, was eure Charaktere die letzten Wochen für den Orden herausgefunden haben oder ihre allgemeine Meinung zu dem aktuellen Stand zu teilen. Viel Spaß!

  • Ein leises Quietschen drang durch das Wohnzimmer, als sich Earnestine auf einen der alten Holzstühle sinken ließ und ihr Blick über die Anwesenden glitt. Es brauchte keine Hellseher, kein inneres Auge, um zu erkennen, dass die Hexe schon einmal besserer Stimmung gewesen war. Vor vielen Jahren vielleicht, denn solange Haden Earnestine kannte, war mit der Älteren noch nie besonders gut Kirschen essen gewesen. Sie war rau und kalt. An manchen Tagen kam sie Haden gar verbittert vor.

    Ihre Stimme erhob sich, sickerte in den dunklen Teppich zu ihren Füßen, erstreckte sich zu den alten Decken und mischte sich mit dem Knarzen des Holzes. Mit jedem ihrer Worte rückten Hadens Brauen ein wenig mehr zusammen. Ja, die Situation war ausbaufähig. Ja, sie hatten große Verluste zu verzeichnen. Aber jeder von ihnen gab, was er geben konnte. Sie hatten mehr als einmal ihr Leben riskiert, sie hatten Folter erduldet. Sie waren bei lebendigem Leibe ertränkt worden und in die Luft gesprengt. Jeder der Anwesenden war bereit, den größten Preis zu zahlen, oder hatte ihn bereits bezahlt. Pessimismus gewann keine Kriege. Pessimismus war der Sargnagel der Motivation, der Hoffnung, die Quelle eines langen Atems.

    Haden begegnete ihrem Blick fest, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der breiten Brust. Vielleicht meinte sie es nicht auf diese Weise, vielleicht war sie nur wie einer dieser Sporttrainer, die ihre Schüler anschreien, damit sie zu Höchstleistungen aufliefen. Bei Haden jedoch bewirkte es das Gegenteil. Er war kein Freund von harten Worten. Er war kein Freund davon, allein das Negative zu betrachten und außer Acht zu lassen, wie weit sie gekommen waren. Ja, sie mochten nur noch wenige sein. Aber jeder Einsatz brachte sie voran, jeder Einsatz hatte sie wieder und wieder auch zu Erfolgen geführt.

    Hadens Blick flackerte zu Virginia, als er sich mit der Zunge so fest über die Schneidezähne fuhr, dass er meinte, sie knacken zu hören. Was dachte Earnestine, was sie hier trieben? Dass sie den lieben langen Tag durch die Weltgeschichte geisterten und den regnerischen Himmel über Großbritannien betrachteten? Dass all das nicht auch Leid in ihr Leben brachte, dass sie nicht alle krampfhaft nach Möglichkeiten, nach Lösungen suchten? Wie viele schlaflose Nächte hatte es sie bereits gekostet? Wie viele Ängste, hinter der nächsten Ecke dem Tod zu begegnen?

    Es war Qualität, die zählte, nicht Quantität. Haden würde niemanden in ihre Reihen holen, der nicht bereit war, der Kanonenfutter sein würde. "Wir sind bereits große Risiken eingegangen", drang seine Stimme durch den Raum, und nun wirkte sie weniger ruhig, weniger gefasst. "Die Todesser rekrutieren Kinder. Gigi und ich haben es gesehen. Er kann kaum älter als siebzehn gewesen sein. Das ist nicht der Weg, den wir einschlagen sollten. Keine Rekrutierung um jeden Preis. Ja, sie mögen mehr als wir sein. Aber ich schicke niemanden in den Tod, der nicht bereit ist, der nicht über Fähigkeiten verfügt, sich wirklich zu wehren." Sein Blick flackerte über die Anwesenden. "Ich denke, jeder von uns zerbricht sich jeden Tag den Kopf darüber, wer geeignet wäre und wie wir diesen Kampf gewinnen können. Sollte es jemanden geben, wären ihre Namen schon längst gefallen."

  • Über den Grimmauldplatz hatte sich in den letzten Wochen kaum wahrnehmbar eine düstere Wolke gelegt. Es war nicht mehr wie früher; jeder war vor allem mit sich selbst beschäftigt. Obwohl man immer mal wieder altbekannte Gesichter in den engen Fluren des alten Anwesens antraf und Alistair vor allem in den Tagen nach dem Aufruhr in der Winkelgasse mehr als einmal eine heiße Schokolade in der Küche getrunken hatte, war es doch… seltsam leer. Beinahe defätistisch. Alistair hatte mit so etwas noch nie wirklich umgehen können.
    Auch jetzt wusste er nicht so ganz, was er auf Earnestines düstere Zukunftsvision antworten sollte. Sicher, es sah nicht gut aus für sie, aber doch nicht so schlecht, als dass sie befürchten müssten komplett unterzugehen? Hilfesuchend suchte der Blick des ehemaligen Hufflepuffs nach Haden. Er fühlte sich ungewohnt schuldig, irgendwie ertappt und konnte nicht einmal genau erklären weshalb. Tat er genug? War er ein wertvolles Mitglied des Ordens, oder nur Ballast, der mitgeschleppt wurde? Konnte er es sich leisten Risiken einzugehen, die nicht nur ihn, sondern auch seine Familie, seine Freunde in Gefahr bringen würden? Alistair hatte gewusst, worauf er sich bei seinem Ordensbeitritt eingelassen hatte – natürlich hatte er das. Virginia hatte ihn über alles aufgeklärt, hatte ihn es sich gut überlegen lassen, aber Alistair hatte helfen wollen. Das wollte er auch immer noch. Er hatte Hoffnung. Darauf, dass es nicht so schlecht stand, wie Earnestine glaubte und darauf, dass trotzdem bald alles wieder besser werden würde.
    Als Haden begann zu sprechen, legte Alistair ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. Er hatte ihm schon von dem Besuch bei Adelia Primrose erzählt und dem, den sie dort vorgefunden hatten – es hatte den Heiler sichtlich mitgenommen. Alistair konnte ihm das nicht verübeln. „Ich bin da bei Haden“, schloss er sich seinem Freund an, sobald dieser geendet hatte und warf einen kurzen Blick in die Runde. Seine Mundwinkel zuckten aufmunternd. „Keine Rekrutierung um jeden Preis, aber“, er stand auf, um eine Schachtel voller Honigkekse zu sich hinüberzuziehen, die er beigesteuert hatte, „… ich hab‘ das Gefühl, dass in der Winkelgasse doch ein paar Leute waren, die… wir zumindest im Auge behalten könnten? Oder, Em?“ Er richtete seinen Blick auf den neuesten Zugang des Ordens und lächelte. Em war in der Winkelgasse ebenfalls anwesend gewesen. Trotz des, vor allem für ihn unglücklichen Ausgangs der gescheiterten Verhaftung von Gwendoline Ollivander, hatte Alistair nach den Geschehnissen weiter Hoffnung geschöpft. Da waren Leute gewesen, die sich für das Gute eingesetzt hatten, gegen das Kommando, obwohl sie selbst zum Ziel willkürlicher Gewalt hätten werden können. „Abgesehen davon hab‘ ich euch die Ergebnisse von meinen Forschungen beim Einhorn ja schon hingelegt.“ Nachdem Alistair sich die Hand beim letzten Experiment verdorrt hatte, hatte er sowohl eine Notiz mit einer Kurzzusammenfassung, als auch einer Warnung in den Eingangsflur gehängt. „Du-weißt-schon-wer hat im Verbotenen Wald irgendein Ritual gewirkt, das ihm Energie beschaffen sollte. Und ich glaub‘ nach dem, wie es da drin aussah, hat das auch funktioniert. Ich weiß nur nicht, wo diese ganze Energie hingeht. Also… ein Körper kann nur begrenzt viel Energie in sich aufnehmen, sonst implodiert er. Ihr – “ Alistair hielt inne, als er merkte, dass er kurz davor war sich in Theorien zu verheddern. „…ja. Ihr wisst, was ich meine. Das macht mir Angst. Wir brauchen mehr Leute, wenn das, was die Todesser vorhaben, immer weitere Kreise zieht. Wenn er, was auch immer er da genau gemacht hat, als nächstes in London macht…“ Alistair ließ den Satz unvollendet und zuckte zaghaft mit den Schultern.

  • Virginia biss geräuschvoll von einer der Karotten ab, während ihre Mimik eine Mischung aus Interesse und Skepsis spiegelte, als Earnestine ihren deprimierten Peptalk zum Besten gab. Sie dippte das Ende erneut in die Hummusschale, verkalkulierte sich etwas und sah dann dabei zu, wie ein Teil der zähen Masse auf den Küchentisch tropfte. Sie verzog entschuldigend das Gesicht und wischte ihr Malheur kurzerhand mit dem Zeigefinger auf. Drei Sekunden-Regel oder so. Keiner der anderen schien ihr groß Beachtung zu schenken und sie war ausnahmsweise einmal dankbar dafür. Sie steckte sich den Rest ihres Snacks in den Mund und lehnte sich dann in ihrem Stuhl zurück, winkelte ihr rechtes Bein an, um es auf ihrem linken Knie abzulegen und verschränkte dann die Hände hinter ihrem Kopf. Sie war froh um das Treffen. Alles, was sie auf andere Gedanken machte, war eine willkommene Ablenkung.

    Ihr Kopf schwenkte zu Haden, als dieser das Wort erhob. Ihre Brauen zuckten, zogen sich etwas zusammen, als er ungewöhnlich emotional wurde. Sie verstand seinen Frust. Auch sie hatte natürlich bemerkt, wie viele ihrer Leidensgefährten nicht mehr regelmäßig zu ihren Treffen kamen, wie sie wohl andere Aspekte ihres Lebens über diesen Kampf priorisiert hatten. Für sie war aufgeben oder pragmatisch werden und sich anpassen nie eine echte Option gewesen. Entweder alles oder nichts. Weitermachen, komme was wolle.

    Sie nickte langsam bei seinen Worten und zog dann ihre Augenbrauen nachdenklich noch etwas enger aneinander. Nun war es wieder die Skepsis, die überwog. Ihr Kopf schwenkte zur Alistair, wobei sie ihr Kinn deutlich anheben musste, da er just in diesem Moment aufstand, wo er begonnen hatte, zu sprechen.

    Es hat doch auch niemand von Rekrutierung um jeden Preis gesprochen, oder?“, schaltete sie sich ein und warf dann einen prüfenden Blick gen Earnestine. „Und von Kindern sowieso nicht“, nun blickte sie zu Haden und lächelte dann, wie um ihn präventiv zu beschwichtigen, „aber sobald jemand volljährig ist, sollte man – also das finde ich – doch selbst entscheiden dürfen, was man mit seinem Leben machen möchte. Das können wir doch niemandem vorschreiben. Und lieber“, und hier wurde ihre Stimme ernsthafter, „nehmen wir junge Leute auf, die hier auch in gewisser Weise einen schützenden Ort finden können, als dass sie ohne Netzwerk und Hilfe irgendwelche naiven Hauruck-Aktionen machen.

    Sie wusste, dass er sich Sorgen machte. Wie erschrocken er gewesen war, als sie auf den jungen Todesser getroffen waren. Doch was würde es all diesen Kindern helfen, sie nun zu schonen, wenn es am Ende Voldemort sein würde, der über sie entscheiden würde. „Also versteht mich nicht falsch. Ich habe kein Interesse, Kinder oder Schüler:innen hierher einzuladen, aber wir sollten niemanden ausschließen, nur weil sie in ihrem Lebenslauf noch nicht so viel vorzuweisen hat.“ Sie zuckte kurz mit den Schultern.

    Virginia biss sich auf die Innenseite ihrer Wange, als Alistair fortfuhr. Dann nickte sie wieder. Ein ungutes Gefühl, breitete sich in ihr aus, als er das Ritual ansprach. Es mochte heroisch von Haden sein, den Anspruch zu haben, nur die Leute zu rekrutieren, die bestens ausgebildet waren, doch die Realität sah anders aus. Es gab keine Handvoll an Auror:innen, die nur darauf warteten, sich ihnen anzuschließen und ihr ganzes Know-How mit ihnen zu teilen. „Wen genau meinst du?“, hakte sie nach. „Also von den Leuten in der Winkelgasse?“, spezifizierte sie und nahm dann Em, ihr neustes Mitglied, in Augenschein. Bisher kannten sie sich nur sehr oberflächlich und sie fragte sich, was hinter der Oberfläche schlummerte.

    Du arbeitest doch auch im Ministerium, richtig?“, fragte sie in ihrer scharfen Direktheit. Eine rein rhetorische Frage. „Und nicht nur in so einer abgekapselten Abteilung, wo ein Haufen Nerds rumhängen, die nie irgendwas erzählen können“, sie warf Alistair einen kurzen, amüsierten Seitenblick zu, um zu sehen, ob er den Witz hoffentlich nicht zu persönlich nahm. „Gibt es dort Menschen, die… nun... interessant sind?

  • Einatmen. Ausatmen.
    Zwischen meinen Fingern drehte ich eine der pastellgelben Kugeln meines Armbands. Es war das erste Mal, dass ich einem der Treffen des Ordens beiwohnte. Bei einem ähnlichem wie diesem musste darüber entschieden worden sein, ob ich mich ihren Reihen anschließen durfte; noch bevor Earnestine sich mit mir auf dem Friedhof getroffen hatte, um mir das entsprechende Angebot zu machen.
    Einatmen. Ausatmen.
    Der Blick aus dunklen Augen, der auf mich fiel, war schwer. Nur kurz erwiderte ich ihn, ehe ich meinen eigenen über die Personen am Tisch schweifen ließ. Es waren wirklich nicht viele. Neben Earnestine und mir saßen sechs weitere hier; Scipio fehlte; hatte es kurzfristig nicht geschafft und sehr farbenfroh darüber geschimpft. Immer häufiger schlichen sich auch italienische Flüche darunter. Ob er diese mehr von den Ranieri-Brüdern lernte oder mir? Ich hatte auf jeden Fall von ihm strikte Anweisungen erhalten ihn über alles auf dem Laufenden zu halten, was besprochen wurde.
    Im Mund einer Frau knirschte eine Karotte. Es platschte Hummus auf den Tisch. Ich erkannte sie als eine Mentorin von SPHINX. Auf der anderen Seite des Tisches knackte im selben Maße eine Selleriestange zwischen den Zähnen einer anderen Frau. Bei meinem ersten Besuch im Grimmauldplatz hatte sie auf einem der Sofas gesessen, eine Gitarre im Schoß. Scipio hatte sie recht begeistert — wenn man ihn so kannte wie ich und durch seine Fassade von aufgesetzter Coolheit sehen konnte — als Rainbow vorgestellt. Auf dem Tisch verteilt standen noch andere Auslagen, alle in einer ähnlichen Form. Zu Beginn hatte ich nach einem Gurkenstift gegriffen; er lag seit dem ersten Bissen unangerührt auf der Tischfläche vor mir.
    Nach dem Kopf der Gruppe war es ein Mann namens Haden, der das Wort ergriff. Neben mir erklang ein leises Schnauben von Rosenthal. Ich begann auf meiner Unterlippe zu kauen. Kinder unter den Todessern. Es sollte mich überraschen. Schocken. In genauso viel Aufruhr versetzen wie Haden. Etwas fester biss ich zu. So unlieb es mir auch genauso war Kinder dazu zu zwingen sich an einem Kampf zu beteiligen, so war es auch nicht richtig sie einfach im Unwissen zu lassen. Sie blind in ihr Verderben laufen zu lassen, wenn wir die Möglichkeit hatten ihnen einen besseren Weg zu zeigen. MacGuffin schien in eine ähnliche Richtung zu denken.
    Mein Blick zuckte beim Klang meines Namens zu Alistair. Er arbeitete wie ich im Ministerium, war wie ich beim Vorfall in der Winkelgasse anwesend gewesen. Ich löste meine Zähne aus meinem eigenen Fleisch, um sein Lächeln zu erwidern und nickte langsam. Meine Mundwinkel zitterten. Dann richtete sich die volle Aufmerksamkeit von MacGuffin auf mich. Ich drehte die Kugel an meinem Armband. Es war wieder, als würde ich in Hogwarts sein. Jung, im Angesicht von Älteren, die Blicke von unzähligen Mitschüler:innen auf mich gerichtet; bereit in Sekunden ein Urteil zu fällen. Unzureichend. Freak.
    Einatmen. Ausatmen.
    »J-John.« Ich schluckte, obwohl es in meinem Mund nichts zum schlucken gab. »Professor Smith. Er... er war eine der Personen in der Winkelgasse. Und er leitet den Duellierclub in Hogwarts. Ihm... ihm ist wichtig, dass man sich verteidigen kann.« Er wollte nicht nur seine eigenen Kinder schützen, sondern alle, die einen Fuß in Hogwarts setzten. Es gab keine Zweifel daran, dass der Orden ihn brauchen könnte, das er gewillt war zu helfen; ich wusste das und in der Winkelgasse hatten es auch Andere sehen können. »Außerdem... Außerdem weiß er auch von— was mir im Wald passiert ist. Genauso wie... wie Nikaya. Das war die Begleiterin von Gwendoline. Und da war eine Frau...?« Falten bildeten sich zwischen meinen Brauen, als ich zu Alistair sah. War diese nicht in seiner Begleitung gewesen? Was das Ministerium und die Personen dort anbetraf... »In meiner Abteilung... wirken... die meisten nicht wirklich geeignet. Mit... mit Mx. Bott lohnt es sich aber vielleicht zu reden? Sie hatte in der Winkelgasse auch versucht zu helfen.« Auch wenn das zu meinem Leidwesen bedeutet hatte, dass sie sich aus meinem Schutzzauber hinaus bewegt hatte.


    //War mal so frei auch die drei Ordens-NPCs mit an den Tisch zu setzen, auch wenn ich jetzt nur Handlungen von zweien eingebaut hab + Erwähnung von Scipio Rosier

  • Earnestines Blick lag ruhig auf Haden. Es lag ihr fern sich heute mit jemandem zu streiten – Zwist in den eigenen Reihen hätte genauso viel Probleme bereitet wie ihre schrumpfende Mitgliederzahl. Was jetzt zählte war Zusammenhalt. Sie durften nicht auseinanderdriften, mussten sich viel eher aneinander festhalten. Also nickte sie nachgiebig, obwohl sie dem Heiler nicht voll und ganz zustimmte. Niemand hatte davon gesprochen Kinder in den Kampf zu schicken, aber wer, wenn nicht die nächste Generation, war für ihre Ziele am empfänglichsten? Sie waren aufgewachsen mit dem Versprechen auf Frieden, aber hatten in den letzten Jahren, so behütet man auch auf Hogwarts war, gemerkt, dass das eine Lüge war. Sie mussten sich ihre Zukunft zurückholen. Die Kinder, von denen Haden sprach, waren schon lange keine mehr – zumindest nicht die, die in der Winkelgasse beteiligt gewesen waren. Zu sehen wie ein Unverzeihlicher Fluch gewirkt wurde, ließ einen schnell um einige Jahre altern. Earnestine konnte davon ein Lied singen.
    Auch die Äußerung ihres Unsäglichen kommentierte Earnestine nur mit einem Nicken und nahm den Blick in Richtung ihres neusten Mitglieds auf. Em McShaw sollte frischen Wind in ihre Reihen bringen, neue Kontakte, neue Ideen. Em gehörte zur Jugend, der die Zukunf genommen worden war – und er hatte Voldemort mit eigenen Augen gesehen. Sie würde eine große Hilfe sein im Kampf gegen die Todesser und das Ministerium. Bitter nötige Hilfe, wie Alistair selbst feststellte. Auch Earnestine machten die Pläne Voldemorts Angst – aber im Gegensatz zu Alistair bestärkte es sie in ihrem Tun und in ihrer Rage. Wenn sie nicht wollten, dass sie untergingen, mussten sie schnell handeln. Ein Fakt, den Virginia ebenfalls erkannt hatte. Die junge Kunsthändlerin schien Earnestine aus der Seele zu sprechen. Sie war froh, dass sie Virginia hatten – eines ihrer treusten Mitglieder, die gute Seele des Grimmauldplatzes, der Anker für sie alle und treibende Kraft hinter vergangenen Rekrutierungen. An diesem Esstisch sähe es anders aus, wenn sie nicht gewesen wäre. Sowohl Alistair, als auch Haden waren über sie zum Orden gestoßen. Auch ihr nickte Earnestine zu – dann richtete sich ihr Blick erneut auf Em McShaw.
    Mister Smith ist auch mir positiv ins Auge gefallen“, bestätigte Earnestine nun seine nächsten Worte, runzelte allerdings die Stirn. „Was genau weiß er vom Vorfall im Wald? Auch wem du begegnet bist?“ Die Stimme der Kräuterhexe klang nicht unfreundlich, aber energisch. Es war unabdinglich, dass sie über das Wissen, das in der Welt kursierte, genaustens Bescheid wussten. Mundpropaganda war eine nützliche Verbündete, die vor allem dann etwas brachte, wenn man sie so gut es ging unter Kontrolle hatte. „Ebenso diese Nikaya. Sie war mit Miss Ollivander unterwegs, nicht wahr? Wissen wir mehr über sie?“ Ihr Blick streifte einmal die Runde, bis er an Alistair hängen blieb. „Und über deine Begleitung?“ Sie schnalzte mit der Zunge. „Was Mx. Bott angeht…“ Earnestine trommelte nachdenklich mit den Fingern ihrer rechten Hand auf dem Holztisch, „Soweit ich mitbekommen habe, war Bott hauptsächlich damit beschäftigt Passant:innen zu schützen. Wichtig, ohne Frage, aber nicht das Statement, das wir benötigen. Gerade für jemanden, der geholfen hat, Gesetze auf den Weg zu bringen, die unser aller Leben nun einschränken. Sich raushalten ist da keine Option. Wenn du denkst, es gibt da doch ein paar Überschneidungen…“ Earnestine griff nun doch nach einer Karotte. „… sei vorsichtig. Wir müssen zwar mehr Risiken eingehen, aber das bedeutet nicht, dass wir falsche Loyalitäten bedienen dürfen und Sympathie mit geteilten Moralvorstellungen verwechseln.“ Sie seufzte. „Smith, Nikaya und Alistairs Begleitung also. Die drei sollten wir vorerst in unseren Fokus setzen.“ Ihr Blick glitt über die Runde auf der Suche nach Zustimmung.

  • Massige Pfoten kratzten über den Boden, tappten über das alte Holz. Man hörte Roger immer, bevor man ihn sah. Und auch nun klirrte das Halsband aus Ketten, als der Hund im Türrahmen stehen blieb. Er schmatzte leise, und Wasser tropfte ihm von seiner Schnauze, die er noch Momente zuvor in dem Napf versenkt hatte, den Haden ihm in die Küche gestellt hatte.

    "Komm her", sagte Haden leise und klopfte sich sanft auf den Oberschenkel. Es dauerte nur einen Augenblick, bis sich der massige Körper wieder in Bewegung setzte und schließlich neben Hadens Stuhl zum Stehen kam. "Ist gut", murmelte er und kraulte den Rottweiler hinter dem linken Ohr, ehe dieser sich mit einem dumpfen Geräusch auf die Dielen gleiten ließ und den Kopf zwischen seine Vorderbeine legte.

    Hadens Blick lag auf seinem Hund, als Alistair sprach und von all dem Unheil erzählte, das über sie hereinbrechen konnte, das die Finger nach ihnen ausstreckte. Es waren düstere, beängstigende Aussichten. Was geschah, wenn Energien implodierten? Wenn sie unkontrolliert zurück in die Welt stießen?

    Leise atmete der Heiler aus, der nun begann, auf der Innenseite seiner Wange zu kauen. Eine Lösung musste irgendwo verborgen sein musste. Es war ernüchternd, niederschmetternd, dass die Todesser ihnen immer einen Schritt voraus zu sein schienen. Und doch... niemals war es hoffnungslos. Oder?

    Roger schmatzte leise und hob den Kopf leicht an, als Virginia nun das Wort ergriff und er einen interessierten Blick auf die Snacks auf dem Tisch warf. Ein leises Schnauben drang durch den Raum, als der Hund sich erhob, um der Tischkante etwas näher zu sein.

    Die dunklen Augen des Heilers lagen für einen Moment prüfend auf dem Hund, doch es waren Virginias Worte, die ihn einfingen, seine Aufmerksamkeit stahlen. Er teilte ihre Meinung nicht. Volljährigkeit sprach nicht für die Reife eines Geistes. Volljährigkeit führte nicht dazu, dass sich das magische Potenzial plötzlich entlud, dass man es mit Menschen aufnehmen konnte, die um einiges älter und bei weitem grausamer waren. Frisch aus Hogwarts in die freie Welt gestolpert, hatte man keine Ahnung, was hinter den Schatten wartete. Nun, vielleicht eine Handvoll armer Seelen, die das Grauen schon seit ihrer Kindheit begleitete. Aber für die meisten Menschen traf es eben nicht zu. Für die meisten Menschen war Krieg etwas Abstraktes, bis er kam und sie holte.

    Hadens Braue hob sich leicht, als Roger seinen massigen Kopf auf sein Knie legte und ihn aus dunklen Knopfaugen ansah. "Ich sehe das anders. Und ich habe nie davon gesprochen, dass wir die, die sich engagieren wollen, schutzlos zurücklassen. Aber es ist etwas anderes, sie in unsere Reihen aufzunehmen und sie damit auch zum Ziel zu machen", sagte er, während seine Finger sanft über den Kopf des Rottweilers strichen, der ein leises, fast wehmütiges Schnaufen von sich gab. "Ich denke, wir sollten uns bei der Suche nach Mitgliedern auf ältere Zauberer und Hexen beschränken. Auf die, die wirklich wissen, wie man sich verteidigt und verstehen, auf was sie sich einlassen. Aber ja... vielleicht ist die Winkelgasse keine schlechte Idee."

    Und nun legte sich auch sein Blick auf Em. Fast stockend drangen die Worte über die Lippen, und Hadens Blick wurde für einen Augenblick weicher, zumindest bis einer der Namen ihm einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Seine Brauen zogen sich zusammen, seine Haltung wurde etwas starr, als Roger ihn nun mit seiner kalten Nase anstupste. Sicherlich meinte Em es gut, doch besonders viele Sympathiepunkte sammelte der Vorschlag von Nikaya nicht. Ganz im Gegenteil sogar.

    Er wendete den Blick ab als sich Schuld in seiner Brust sammelte und Earnestines Stimme durch den Raum drang. "Ich kenne Nikaya...", sagte er, als er nun zu Earnestine aufsah. "Wenn du willst, dass jemand mit ihr redet, kann ich es tun."

  • Virginia fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. Irgendwo hatte sich ein Stück Karotte eingenistet. Eine kleine Falte bildete sich über ihrer Nasenwurzel. Sie wusste, wie sie selbst in dem Alter gewesen war. Gerade aus der Schule, die Zukunft verheißungsvoll vor ihr. Sie war nicht verantwortungsvoll gewesen. Sie hatte keine Ahnung von irgendwas gehabt, auch wenn ihr der erste Liebeskummer und der Tod ihrer damals besten Freundin, nur wenige Tage nach der Trennung, schnell gelehrt hatten, was es hieß, zu trauern. Es war also nicht, dass sie Haden nicht verstand – doch sie war selbstständig gewesen und hätte sie jemand unter seine Fittiche genommen, hätte sie voller Tatendrang ihre Energie in die richtige Richtung orientiert. Irgendwann musste jede:r lernen, Verantwortung zu übernehmen. Früher war sie noch idealistisch gewesen. Voller Motivation. Es wäre falsch gewesen, sich nur nach denjenigen umzusehen, die das Leben bereits zermürbt hatte. Sie deutete ein Schulterzucken an.

    Sie machen sich doch früher oder später selbst zum Ziel. Diejenigen, die infrage kommen, warten nicht auf uns. Das hat man doch in der Winkelgasse gesehen. Wie gesagt, ich will niemanden zu irgendwas drängen. Aber wir haben Ressourcen und Wissen. Besser wir fangen diejenigen auf, die sonst in die Fänge des Ministeriums – oder noch schlimmer der Todesser geraten und helfen ihnen dabei, etwas sinnvolles zu tun und dabei möglichst bedeckt zu bleiben“, entgegnete sie an Haden gerichtet. Ihr Blick huschte kurz zu Roger, dessen Schnauze einen Moment an der Tischkante sichtbar wurde und ein Lächeln erfasste ihre Züge, bevor sie sich wieder an die Runde wandte. „Aber wenn ihr anderer Meinung seid, dann werde ich das natürlich akzeptieren“, meinte sie und konnte nicht umhin, etwas verstimmt zu klingen. Besonders ausgeglichen fühlte sie sich im Moment nicht.

    Virginia merkte, wie nervös Em war und sie bemühte sich, ihre Züge zu glätten. John Smith. Virginia runzelte erneut die Stirn und sah dann erneut zu Earnestine, die den Ball aufnahm. Im Wald. Ihre Augen weiteten sich. Auch der Name Nikaya kam ihr bekannt vor. Braelyn hatte ihr von ihr erzählt. Sie war es gewesen, die mit ihr den Zentauren begegnet war. Wäre der Gedanke an sie in diesem Moment nicht so schmerzhaft gewesen, hätte sie davon erzählt. Doch sie zwang sich all das fortzuschieben. Nun war nicht der Zeitpunkt.

    Fast hätte sie verpasst, wie Haden das Wort erneut erhob. Überrascht blickte sie zu ihm, als er offenbarte, sie auch zu kennen. War sie nicht auch noch jung gewesen? Etwas an seinem Blick ließ sie ihre Augen einen Moment länger auf ihm ruhen. Fast so als wolle er auch nicht über etwas nachdenken. Doch vielleicht projizierte sie. Lieber schwenkte sie wieder auf Alistair, um zu hören, was er zu seiner Begleitung zu sagen hatte. Das klang doch zumindest etwas vielversprechender.

    Ich hatte auch schon mit Bott gesprochen. Geschäftlich konnten wir uns erstaunlich produktiv einigen, aber das muss nichts heißen. Ich kann deine:n Chef:in aber auch weiterhin im Auge behalten, falls du denkst, dass das sinnvoll wäre“, bot sie an und lächelte Em zu. „Außer dass ich nerve, habe ich da nicht so viel zu verlieren. Ist schließlich nicht mein Job, der da potentiell auf dem Spiel stände.“ Dann nickte sie allerdings erneut Earnestine zu. „Würde das allerdings auch vorsichtig angehen. Habe mich vorher bisschen kundig gemacht und die Akte von Bott scheint mir doch eine andere Geschichte zu erzählen, als es einen der erste Eindruck glauben lässt“, schloss sie skeptisch.

  • Alistair knabberte an einem Honigkeks. Er nickte immer wieder eifrig, stimmte sowohl Virginia, als auch Haden, Em und Earnestine immer wieder zu verschiedenen Gesichtspunkten zu, während seine Augen von einem zum anderen wanderten. Obwohl sie sich nicht komplett einig zu sein schienen, erfüllte den ehemaligen Hufflepuff diese rege Diskussion mit Hoffnung. Defätismus lag zwar nicht in seiner Natur, aber selbst vor ihm hatten düstere Gedanken in der letzten Zeit keinen Halt gemacht. Wenn sie wollten, dass sich etwas änderte, konnten sie das nicht allein bewerkstelligen. Dabei verstand er sowohl Hadens Sicht auf potenziell jüngere Mitglied, als auch Virginias. Es war keine einfache Sache, mit der sie sich konfrontiert sahen: die Verantwortung für andere Leben zu übernehmen. Genau genommen taten sie das gemeinschaftlich immer, wenn jemand Neues zu ihnen stieß. Ganz egal, wen sie aufnahmen, eventuell würden sie so enden wie Gia oder Bertie oder Elias. Von dieser Schuld wusch man sich nie rein; es würde sie alle bis zu ihrem Lebensende verfolgen. Er wollte sich nicht ausmalen, was sie in Zukunft noch für Opfer bringen würden, ganz egal, wie positiv er versuchte zu sein und es schauderte ihn bei dem Gedanken, dass wie jung sie sein würden. Ja, er verstand Haden. Aber hier im Grimmauldplatz hatten sie trotz aller Gefahren wenigstens Optionen den Nachwuchs zu schützen, anstatt ihn von vornherein ungebremst in sein Verderben laufen zu lassen.
    Ich… glaub‘ ich bin da bei Gigi“, ergriff er also langsam das Wort und warf einen sanften Blick auf Haden und Roger. Sowohl dem Zauberer, als auch dem Hund schenkte er dabei ein vorsichtiges Lächeln. Er hatte gespürt, wie Haden sich neben ihm angespannt hatte, als der Name Nikaya; gefallen war. „Diejenigen, die wir aufnehmen, würden sowieso irgendwann aktiv werden. Mit uns können wir ihnen beibringen, was wir wissen und…“ Er zuckte mit den Schultern. „Sie schützen. Aber das bedeutet ja nicht, dass wir uns jetzt am Ende des Schuljahres ans Gleis stellen und Schulabgänger:innen abfangen. Ich glaub‘ es geht eher darum, dass wir das Alter nicht zu einem Ausschlusskriterium machen sollten, oder? Bei Leuten, die uns positiv auffallen?“ Sein Blick suchte nach Bestätigung bei den anderen. „Bei Bott bin ich bei euch. Ich kenn‘ ihn auch ein bisschen, aber… sicher ist sicher. In der Winkelgasse hat er uns gesagt, wir sollen uns raushalten. Das… könnte alles bedeuten.“ Er biss von seinem Keks ab.
    Meine Begleitung war… meine Cousine“, begann er dann ein wenig langgezogener und es war klar zu sehen, dass Alistair bereits vor diesen Worten mit sich gehadert hatte. Er wusste seine Gefühle rund um Gwenda und den Orden noch nicht ganz einzuordnen, aber fernab von aller Sorge und Angst um sein eigenes Leben, wenn sie erfuhr, was er in seiner Freizeit machte, musste er zugeben, dass die Drachenwärterin ihren Wert und ihre Passion in der Winkelgasse eindeutig unter Beweis gestellt hatte. „Gwenda Manawydan. Ich… hm. Wär aber dankbar, wenn ich sie nicht drauf ansprechen müsste. Weiß nicht, wie ernst sie mich nehmen würde. Gigi?“, fragte er dann und sah zu Virginia herüber. „Könntest du…?“ Er kam sich vor wie ein Junge, der um Erlaubnis fragte sich von einer langweiligen Familienfeier wegzuschleichen.

  • Newburns Worte enthielten keinen Tadel. Dennoch zog ich im ersten Moment leicht den Kopf ein. Hätte ich nicht— Nein. Nein, es war richtig, dass ich John und Nikaya davon erzählt hatte. Ich nickte. »Ja. Auch das. Von dem Todesser und... ihm.« Sicherlich brachte auch eine Massenpanik nichts, doch es war richtig es den Menschen zu sagen. Es war richtig sie zu warnen, ihnen die Möglichkeit zu geben zumindest ein wenig selbst eine Entscheidung darüber treffen zu können, was mit ihrem Leben geschah. Dasselbe Grundprinzip, für das auch MacGuffin bei der Rekrutierung plädierte. Es war besser zu wissen worauf man sich einließ. Zu wissen, welche Konsequenzen es haben würde, wenn sich entschied zu kämpfen — und welche, wenn man still saß und nichts tat.
    Dabei verstand ich auch die Standpunkte von Haden. Zu gerne würde ich verhindern, dass jene, die jünger waren als ich, in diese Sache hereingezogen wurden. Die ganz Kleinen, aber auch jene, die sich aktuell in ihrem Abschlussjahr befanden. Doch vor allem letztere würden selbst schnell feststellen müssen, dass es etwas gänzlich anderes war außerhalb von Hogwarts Mauern zu sein — und selbst dort hatten sie sich vermutlich oft genug nicht sicher genug gefühlt. Nicht, bei Fällen wie im letzten Jahr. Bei allem, was Charlie, ihrem Bruder und den anderen Schüler:innen zugestoßen war. Was selbst John passiert war. Am Ende mochte alles glimpflich ausgegangen sein, doch während es geschehen war? Während man nicht gewusst hatte, was vor sich ging? Es war schlimmer gewesen, als wenn man von Anfang an auch nur die Vermutung gehabt hätte, was dahinter stecken könnte. Was man aktiv dagegen tun konnte.
    Die Punkte, welche aufgebracht wurden, die davon abrieten Mx. Bott bereits zu involvieren, nahm ich mit einem sachten Nicken hin. Ich sah mich nicht unbedingt in der Position großartig dagegen zu argumentieren; vielleicht hätte ich sie auch gar nicht erst genannt, wenn MacGuffin nicht so direkt danach gefragt hätte, ob es jemand geeignetes in meiner Abteilung war. Es wäre leichter gewesen eindeutige Namen zu nennen, die auf keinen Fall etwas in unseren Reihen zu suchen hätten. Madeline Martini. Christian Kavanagh. Ich würde es nicht aushalten mit einem der beiden hier am Tisch sitzen zu müssen.
    Ich sah wieder auf, als sich nach und nach die anderen Personen am Tisch dafür meldeten, mit wen der genannten potentiellen Kandidaten sie sprechen wollten. Mein Blick huschte zu Haden. Nikaya. Alistair. Gab seine Cousine an MacGuffin ab. Beinahe erwartete ich, dass er sich stattdessen für John meldete. Konnte ich...? War es mir erlaubt diese Rolle zu übernehmen, obwohl ich selbst erst kürzlich aufgenommen wurde? Sollte ich vielleicht Scipio vorschlagen? Ich suchte den Blick von Newburn. Kaute auf meiner Unterlippe. »Ich... Ich könnte mit John... Mr. Smith reden?« Es war besser, wenn ich zumindest nachfragte. Vielleicht bestand ja doch die Chance darauf.

  • Auf Hadens Erwiderung nickte Earnestine nur noch. Es war klar, dass sie hier nicht vollkommen einer Meinung sein würden, aber sie respektierte, dass er die seine klar und unmissverständlich, aber trotzdem ruhig zu äußern wusste. In einer Gemeinschaft, die aus so unterschiedlichen Personen bestand wie die ihre, war es wichtig ehrlich miteinander reden zu können, ohne durch unterschiedliche Meinungen Mauern zu errichten. Nur gemeinsam waren sie stark. Das hatte sie immer für eine sehr klischeehafte Äußerung gehalten, wusste aber nach all den Jahren, dass kein Statement so wahr war wie jenes. Auch die anderen verstanden sich darauf das Gespräch ruhig und respektvoll weiterzuführen, also sah sie keinen Grund sich weiter einzumischen. Sie lauschte gespannt auf die Dinge, die sowohl Virginia als auch Alistair und Em noch zur Unterhaltung beizusteuern hatten und notierte sich mental den letzten fehlenden Namen: Gwenda Manawydan. Ein amüsiertes Kräuseln umspielte dabei ihre Mundwinkel. Alistairs Nervosität und die Bitte an Virginia heiterte sie auf.
    Dann ist es beschlossene Sache.“ Die letzten Reste der Karotte verschwanden in Earnestines Mund und nachdem sie fertig gekaut hatte, faltete sie die Hände auf dem dunklen Esstisch. Unter ihren Fingernägeln fand sich immer noch ein bisschen Erde. Beiläufig kratzte sie sie sauber, während sie ihren Blick über die anwesenden Mitglieder schweifen ließ. „Haden – es wäre schön, wenn du mit Nikaya über die Sache redest. Virginia? Nimmst du Alistairs Bitte“, sie hüstelte amüsiert, „an? Und Em – übernimm du gerne John Smith.“ Sie seufzte und nun erschien ein schwaches, aber ehrliches Lächeln auf ihren Lippen. „Wir müssen mehr werden“, griff sie auf ihre Worte zum Anfang zurück und nickte entschlossen. „Vielleicht können wir in den nächsten Wochen einen Anfang machen. Aber seid vorsichtig. Alle von euch. Verratet nicht zu viel und verratet ihnen noch nichts Konkretes über uns. Tastet vor, ob sie vertrauenswürdig sind. Ob ihre Überzeugungen mit unseren übereinstimmen. Ob sie bereit sind. Danach werden wir wie üblich zusammenkommen und uns noch einmal unterhalten. Jede Meinung zählt.“ Dabei sah sie vornehmlich Haden an und nickte ihm freundlich zu. Als sie aufstand, knarrte der Stuhl. „Nächstes Mal bringe ich uns ein paar Schnitten mit“, kündigte sie dann an und lächelte breit. Das zurückliegende Gespräch hatte wieder Hoffnung in ihr geweckt.


    // von unserer Seite aus wäre das Treffen dann beendet! Ihr dürft euch aber gerne noch unterhalten, falls es Bedarf gibt.

    Die Hitlists, um die entsprechenden Personen anzusprechen, sind bereits draußen. Meldet euch kurz beim Marktgeschrei sobald ihr diese abgeschlossen habt. Vielen Dank euch!

  • Ihre Miene zeigte so etwas wie Dankbarkeit, als Alistair ihr zustimmte, scheute sich aber davor, allzu triumphierend zu wirken, da sie nicht das Gefühl vermitteln wollte, dass sie ihre Diskussion als einen Kampf ansah, den sie zu gewinnen hoffte. Es war wichtig, ihre verschiedenen Meinungen zu hören und sie verstand, worauf sich Hadens Argumentation begründete. Er war in der Regel immer derjenige von ihnen beiden gewesen, der vernünftiger, vorsichtiger, besonnener war – auch wenn seine Nerven in letzter Zeit anders strapaziert wirkten. Doch jetzt war nicht die Zeit für Vorsicht. Sie mussten handeln.

    Virginia nickte, als Alistair fortfuhr und dann fragen in die Runde blickte. „Ja, wir wissen einfach zu wenig. Ich glaube, es ist aber tendenziell nicht uninteressant, die Personen, die im Ministerium in wichtigen Leitungsfunktion sitzen, mal abzuklopfen, und sei es nur um zu wissen, wie fest es bereits durch die Todesser unterwandert ist“, schlug sie dazu abschließend vor und hatte erneut ihre etwas grimmige Miene aufgesetzt. Am liebsten hätte sie keinen Fuß mehr in diese Institution gesetzt, aber sie verstand auch die strategische Signifikanz des Ministeriums.

    Ihr Ausdruck erheiterte sich allerdings, als Alistair verkündete, wer seine Begleitung gewesen war und dann im Anschluss dazu überging, sie mit verhaltener Schüchternheit darum zu beten, sich seiner Cousine anzunehmen. Sie unterdrückte ein Lachen und schob nur ein rhetorisches: „Hast du etwa Angst vor ihr?“ ein, bevor sie sich wieder an Earnestine wand, die mit resoluter Stimme, wieder das Wort erhob.

    Ich kann mich gern drum kümmern“, erwiderte sie und warf Alistair ein schmunzelndes Grinsen zu. „Die ganze Zeit, die ich damit zubringe, ihre Duellierfähigkeiten zu verbessern, könnten ja jetzt sogar besonders nützlich sein“, fügte sie noch hinzu. Hätte ihr vor ein paar Monaten jemand erzählt, dass sie Gwenda Manawydan für den Orden rekrutieren sollte – und dass sie die Aussicht darauf noch nicht einmal erschreckend fand – hätte sie der Person sicher einen Vogel gezeigt. Immerhin war es dieselbe Gwenda, die in der Schule ohne mit der Wimper zu zucken, Muggelstämmige gemobbt hatte. Doch inzwischen freute sie sich sogar auf die regelmäßigen Duellierstunden im SPHINX und Alistair wusste hoffentlich was er tat, wenn er damit einverstanden war, sie in ihre Runde zu holen.


    // Nur noch eine abschließende Reaktion und dann wird sich Gigi geflissentlich ihrer zugetrangenen Aufgabe zuwenden!

  • 𝔱𝔥𝔢 𝔟𝔩𝔦𝔫𝔡𝔫𝔢𝔰𝔰 ℑ 𝔞𝔪 𝔠𝔬𝔫𝔡𝔢𝔪𝔫𝔢𝔡 𝔱𝔬

    am späten Nachmittag des 04. September

    Alistair Rhys Manawydan & Gwenda Manawydan

    [ + open for business]



    Was – was soll das überhaupt heißen, ‚du weißt gar nicht, ob du das willst‘? Du hast hier nicht zu wollen! Es geht hier nicht um wollen! – Ich hab’ dir doch nicht zum Spaß eine Trainingsstunde mit einem verdammten Sicherheitszauberer organisiert. ‚Oh hey! Wäre überlebenswichtiges Verteidigen nicht ein vollkommen optionaler Spaß, nachdem ich ein paar wahnsinnigen Killern ein bisschen ans Bein gepinkelt hab?’ Nicht wollen kannst du Ballettstunden – oder was weiß ich!

    Obwohl sich die schroffe Gwenda Manawydan auch im Grimmauld Place Nr. 12 nicht übermäßig darum bemühte, ihr sonnigstes Gemüt zu präsentieren, war es doch ein Novum, dass ihre aufgebrachte Stimme derart laut und agitiert im alten Gemäuer widerhallte. Schon seit einer ganzen Weile waren die beiden Mitglieder der Manawydan-Familie in der Küche auf Walisisch am Zetern – wobei es vor allen Dingen eine Stimme war, die den hauptsächlichen Redeanteil für sich pachtete.

    Hin und wieder wurde die Tirade von einem Murren unterbrochen oder von dem beinahe wütenden Hämmern eines Kochlöffels über einem marode aussehenden Kupferkessel. Gwenda selbst pendelte immer wieder zwischen dem rustikalen Tisch im Speisezimmer und einer munter brodelnden Kochstelle. Die Bewegung half ihr, ihre innere Unruhe zumindest ein bisschen zu lindern; die beiden köchelnden Eintöpfe ließen sie sich halbwegs nützlich fühlen. Nachdem sie am gestrigen Tag einige Tiegel mit einem Balsam aus Drachenfett und Diptam-Essenz in das Hauptquartier des Ordens geschleppt hatte, war sie nun dazu übergegangen, Lebensmittel heranzuschaffen. Der gesamte Tisch des Speisezimmers stand voll mit Körben voller krummem, teilweise noch dreckigem Gemüse, eingeschlagenem Hammelfleisch und dutzenden Marmeladegläsern. Es sah aus, als bereitete die Hexe eine Belagerung vor.

    Sie wusste, dass ihre Geschäftigkeit eine Bewältigungsstrategie war. Das änderte jedoch nichts daran, dass sie mit einer Entschlossenheit kochte, als hinge die Versorgung sämtlicher Ordensmitglieder davon ab. Vor ihrem geistigen Auge spielten sich jedenfalls genug Szenen ab, in denen jemand zerfleddert und ausgezehrt gerade so über die Schwelle kroch.

    Ich habe auch überhaupt keine Lust, mit dir da zu diskutieren, Alistair“, diskutierte die Hexe trotz einer fehlenden Entgegnung weiter und begann, in dem kleineren Kessel mit der veganen Variante Eintopf herumzustochern. Im Gegensatz zu dem großen Kessel wirkte diese Brühe eher dünnflüssig und traurig.¹

    Ich weiß überhaupt nicht, warum du mir nicht Bescheid gesagt hast, dass du nicht bei mir bleiben willst und warum ich dich jetzt ausgerechnet hier treffe, um das zu erfahren. – Du musst den Sellerie nicht in so kleine Stücke schneiden! Mach's halt mit dem Zauberstab!

    Dieses Mal gesellte sich Frust in Gwendas Stimme. Frust darüber, dass sie sich wie eine verzweifelte Mutter fühlte, die ihr Kleinkind verloren hatte. Natürlich war Alistair ein erwachsener Mann … aber das änderte nichts an ihrer Verantwortung. Er selbst war in ihren Augen nicht fähig, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Er verdorrte sich die Finger mit Einhornpisse, glaubte, auf einmal Höhlentaucher zu spielen, und jetzt das. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt jetzt die Entscheidungen zu treffen. Punkt.

    Wir können gleich heute Abend noch dein Gepäck holen gehen. Ich hab’ mein altes Zimmer schon ausgeräumt. Im Reservat ist es sicherer.



    ¹ Gwenda, die vor ihrer Freundschaft mit Virginia nicht einmal einen Gedanken an das Wort Veganismus verschwendet hatte und für ihre Notration eingemachtes Lamm im Glas in den Manteltaschen bekannt war, hatte bewährte Rezepte simpel versucht abzuspecken – nicht besonders erfolgreich bisher, allerdings bemüht.

  • Alistair liebte seine Arbeit. Er liebte das frühe Aufstehen, liebte, dass er sich frische Eier fürs Frühstück direkt aus seinem Hühnerstall klauben konnte, liebte es morgens im Ministerium vor allen anderen anzukommen und die erste Kanne Tee des Tages in ihrer kleinen Küche in der Mysteriumsabteilung aufzukochen. Regelmäßig brachte er Honigtöpfe mit, stellte seinen liebsten Kolleg:innen (also beinahe allen) einen davon in den Spind, immer darauf abgestimmt, was er glaubte, dass ihnen gerade gut tun würde. Aldwin bekam gegen den Stress oft Lavendel, Cassandra Klee; er liebte es sein Büro aufzuschließen und das Gefühl seines Kittels auf der Haut, liebte die ersten Sude aufzusetzen und sich in Berechnungen und Theorien zu verlieren.
    Ein Shutdown des Ministeriums hätte ihn eigentlich treffen sollen. Stattdessen war er erleichtert.
    Gwenda…“ Er sprach seine Cousine nicht oft mit ihrem richtigen Namen an. Normalerweise nannte er sie Gwenny, aber normalerweise klang seine Stimme auch nicht ehrlich… genervt. Von einem tiefen Seufzen begleitet legte er das Messer komplett beiseite, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich in seinem Stuhl nach hinten. Er war heute das erste Mal seit der Finalnacht im Grimmauldplatz aufgetaucht, hatte nachsehen wollen, ob es allen gut ging und hatte natürlich gehofft, dass er einigen begegnen würde. Auch Gwenda – die er das letzte Mal in den Stunden nach der schicksalshaften Auseinandersetzung auf dem Zeltplatz gesehen hatte. Dort hatte sie ihn in ihr eigenes Bett gesteckt und die Tür mit einer Wucht zugezogen, als wolle sie verhindern, dass er sie je wieder öffnete. Als Alistair nach ein paar Stunden aufgewacht war, schweißgebadet und den Kopf voller Albträume, war sie weg gewesen.
    Seine Nasenflügel blähten sich, als er den Kopf schieflegte und Gwenda über seine Brille abwartend anstarrte. Unter dem Holztisch wippte sein Knie in einem hektischen Takt. „Wenn du dagewesen wärst, hätte ich dir Bescheid gesagt“, gab er zurück und versuchte zum ersten Mal nicht den Vorwurf aus seiner Stimme zu verbannen. Wenn er ehrlich war, wusste Alistair auch wirklich nicht, was er fühlen sollte. Er hatte Angst, er war überfordert, angespannt, wollte niemandem böse sein, war es aber irgendwie doch. Seine tiefsten Charakterzüge lehnten sich gegen frische Empfindungen auf, schrien in sein Ohr, rüttelten an seinem Körper. Er hatte seit Tagen keinen klaren Gedanken fassen können, aber er wusste, dass er nicht machen wollte, was Gwenda von ihm verlangte. Aus der Machtlosigkeit und der Ohnmacht, die sich nach den Ereignissen vor ein paar Tagen eingestellt hatte, war Frust geworden, der sich noch nicht entladen hatte. Bis jetzt. „Und bei mir zuhause ist es auch sicher. Ich will nicht weg. Und ich will auch nicht irgendwo auf einem Berg sitzen, wo – “ … er niemanden kannte, sich nicht sicher fühlte, nicht wusste, wer ein und ausging. Das wusste er nur bei sich – und hier, im Grimmauldplatz. „Ich weiß auch überhaupt nicht, warum wir da drüber reden. Ich habe nein gesagt. Punkt.“ Seine Miene blieb starr. Da war kein Lächeln, kein freundliches Funkeln in seinen Augen, nicht mal seine Stimme klang so samtweich wie sonst. Alistair wirkte bleich und ausgezehrt.

  • Wo–?“, echote Gwenda scharf, und prompt den letzten Teil von Alistairs unvollendetem Satz. Das Klappern und Klirren der Küchenutensilien stoppte, da die Hexe die Hände in die Hüften stemmte und den Tisch umrundete. Der Löffel, der nur wenige Sekunden zuvor noch im Eintopf gesteckt hatte, tropfte dampfend. Es schien sie nicht zu kümmern.
    In einer weniger ernsten Situation hätte man sicher über das Bild, das sich bot, amüsieren können. Es hatte etwas von einer vertrauten, familiären Situation in einem Esszimmer, bei dem eine ärgerliche Mutter ihren jüngsten Sohn schalt. Tatsächlich fühlte sich Gwenda auch nicht unähnlich. So gefasst und hartherzig sie auch gerne spielte – in Wahrheit verbarg ihre abgebrühte Art ein ständiges und lautes Tosen von brodelnden und unverarbeiteten Emotionen, die sie versuchte, tief in sich drinnen zu behalten. Im Angesicht der sich anbahnenden Unsicherheit war es eine vollkommene Stütze, latenten Ärger über Alistairs Verhalten zu spielen. Sie glaubte, ihn gut genug zu kennen, um sich nicht zu verschätzen. Normalerweise hatte er ihr das Ruder immer dankbar überlassen, wenn er überfordert oder unsicher gewesen war. Warum sträubte er sich also jetzt?

    Du meinst, wo niemand ohne Weiteres hinkommt, der dort nichts zu suchen hat? Mein Kamin ist immer gesichert– Jeder Angreifer ist fest verbissen und bis dahin bist du über alle Berge. Überhaupt haben nur Leute meinen Anschluss, denen ich vertraue! Diese dumme Werwolf-Sache war einmal! Und ganz abgesehen davon ist eine ganze Rotte von Drachenwärtern nur einen roten Funkenregen entfernt, wenn es brenzlig wird! Und für die aus meinem Sektor lege ich die Hand ins Feuer, dass keiner solchen Dreck am Stecken hat! Bei dir–“ Sie stockte. Als sie die in die Hüften gestemmten Arme in einer hilflosen Bewegung kreiseln ließ, verstreute sie weitere Eintopfbröckchen im gesamten Raum. „Alistair, niemand ist bei dir. Kilometerweit nichts. Wenn diese O’Carroll bei dir vor der Tür steht, dann–“ Gwendas Lippen wurden schmal und sie schluckte. Wenn Morrigan O’Carroll oder ein anderer Todesser gegenüber Alistair auf Rachezug war, wäre niemand da, der gerannt kam, weil er ihn schreien hörte. Sie würden ihn umbringen. Und sie würde seine Leiche erst finden, wenn es zu spät war. Wenn sie überhaupt etwas finden würden. „Dann war's das.

    Die Vorstellung jagte der Drachenwärterin einen kalten Schauer über den Rücken. Genau wie es ihr einen kleinen, aber harten Stich versetzte, dass er ihr eine kurze Anklage entgegensetzte.
    Es lag ihr bereits auf der Zunge zu sagen, dass sie hatte arbeiten müssen, allerdings brachte sie es nicht übers Herz, Alistair einfach eiskalt ins Gesicht zu lügen.
    Sie hatte am Vormittag arbeiten müssen, war allerdings nicht von ihrer Hütte aus aufgebrochen. Hätte sie Murtagh in den frühen Morgenstunden auch aufgesucht, hätte sie gewusst, dass Alistair nicht tief und sicher geschlafen hatte? Ein vehementes Nein! riefen ihre Gedanken aus, ein kleiner Fleck namens Schuld war sich jedoch nicht so sicher. Es war ein überwältigender Drang gewesen, nach Coorie Nook zu apparieren. Zu viel war in dieser Nacht passiert. Sie hatte ein gutes Recht gehabt, zumindest in einer Sache ihren Bedürfnissen nachzugehen, um emotionale Ruhe zu finden! Sie hatte ihn immerhin nicht einfach vergessen! Vielleicht… kurz. Zu dem Stechen gesellte sich Scham, die rote Flecken auf ihrem Hals erblühen ließ. Eine Rechtfertigung konnte sie dennoch nicht aussprechen. Gwenda wusste, dass Alistair Murtagh nie hatte leiden können und alles andere als begeistert reagiert hatte, als sie ihm im vergangenen Jahr erzählt hatte, dass sie wieder Kontakt hatten. Der Unsägliche hatte ein Gesicht gezogen, als hätte sie ihrer beider toten Urgroßvater ausgebuddelt. Also hatte sie den Kontakt heruntergespielt. Und jetzt galt es, wieder abzulenken.

    Mit einem Schnauben ließ sich Gwenda schwerfällig auf die Tischplatte direkt neben Alistairs Arbeitsfläche fallen und schüttelte heftig den Kopf. „Dein ‚Nein‘ kannst du dir sonst wo hinschieben!“ Und da war es wieder… das klamme Gefühl in ihrer Brust. „Hast du mal– Du–“ Untypisch unsicher stockte die Hexe. Nein. Keine Frage. Eine weitere Entscheidung. „Du stehst noch vollkommen unter Schock. Ich kümmer’ mich da schon drum – wir kriegen die ganzen Viecher schon transportiert.

    Da“ stand stellvertretend für seine Angelegenheiten. Obwohl Gwenda noch immer vehement und definitiv klang, färbte nun ein fast bevormundendes Wohlwollen ihre Stimme, als antwortete sie gerade nicht auf eine klare Ansage, sondern eine Entschuldigung. In ein paar Tagen hätte er sich wieder gefasst, und sie konnten auch über seine anderen Aktivitäten reden. Wie zum Beispiel in Inferi-verseuchte Löcher zu kriechen…

  • Ein weiteres, schweres Seufzen folgte. Alistair hatte sich nicht mit Gwenda streiten wollen – er wollte es auch immer noch nicht. Aber zum ersten Mal seit langem, wahrscheinlich sogar seit immer, machten ihre Worte ihn ehrlich wütend. Er fragte sich, ob das der Fluch gewesen war, der in der Finalnacht in seinen Arm gefahren war; hatte er einen Eiszapfen tief in sein Herz getrieben und machte ihn jetzt kalt? Nein… da war immer noch Wärme, da war immer noch Liebe. Aber da war eben nun auch dieses blutgefrierende Gefühl von Machtlosigkeit und Frust. Es griff nach ihm, nach seiner Zunge und seinen Gedanken und seinem Blick, der sich verfinsterte. Als Gwenda sich fallen ließ, rutschte er ein Stück mit dem Stuhl nach hinten und stand dann auf.
    Nein“, wiederholte er, drängender dieses Mal. „Ich will nicht.“ Er trat ein paar Schritte durch die Küche, fuhr sich dabei durch sein schulterlanges Haar, das in einem losen Zopf zusammengebunden war. Die Brille, die ihm dabei über die schwitzige Nase rutschte, schob er ungeduldig mit Handrücken wieder nach oben. Es zwickte. „Bei dir oben hängen Leute rum, denen ich aber nicht traute und das weißt du.“ Alistair ersparte ihnen beiden eine Aufzählung an ihren Freunden, die er nicht leiden konnte. Murtagh und Ambrose – das waren beides Gestalten, denen der ehemalige Hufflepuff nicht weiter traute, als er sie werfen konnte. Und Alistair war nicht besonders stark. Alleine dass die beiden dort ein- und ausgingen reichte ihm schon, ganz zu schweigen von den anderen Bekanntschaften, die Gwenda machte. Und damit meinte er nicht einmal den einen Werwolf. „Ich frag‘ Earnestine nach dem Fidelius für mein Haus. Und dann bleib ich da. Ich geh‘ nicht zu dir und du ziehst auch nicht zu mir und ich geh auch nicht zu dieser Trainingsstunde. Nein.“ Neben den generellen Frust und der Wut gesellte sich nun auch trotzige Ablehnung dagegen von ihr wie ein Kind behandelt zu werden. Das war an sich auch nichts neues, aber gerade traf es einen Nerv, von dem Alistair nicht gewusst hatte, dass er ihn besaß. Er warf einen prüfenden Blick zur halb geöffneten Küchentür um zu checken, ob jemand lauschte. Als er sich wieder zu Gwenda umwandte, schüttelte er den Kopf. „Ich bin kein Kind, Gwenda und du bist nicht meine Mutter. Du musst Sachen nicht für mich regeln. Ich kann allein entscheiden. Ich weiß, dass du dir nur Sorgen machst und ich bin dir auch sehr dankbar, aber das brauchst du nicht, also...“ Er schnaubte und kniff sich mit Zeigefinger und Daumen der linken Hand in den Nasenrücken, als ihn ein jäher Kopfschmerz durchfuhr. Er wusste nicht, was er sonst noch sagen sollte – er wollte sich nicht streiten. Aber wenn sie jetzt nicht aufhören würde mit ihm zu diskutieren… „… also belassen wir es dabei, okay?“ Er bemühte sich zumindest, dass seine letzten Worte nun ein wenig versöhnlicher klangen, blieb allerdings wo er war und tat keinen Schritt auf sie zu. Wenn er ganz ehrlich war, dann wusste er schon, was jetzt passieren würde.

  • Mit einem Knall, der prompt im Hupen eines Autos unterging, materialisierte sich Virginia hinter einem Gebüsch verborgen unweit des Grimmauldplatz. Es war ein regnerischer Tag. Wie beinahe jeder Tag hier. Doch die harmlose Alltäglichkeit, die die gewöhnliche Londoner Straßenszenerie ihr vorgaukelte, spiegelte nichts von dem, was in ihrem Inneren vor sich ging. Die Woche war ihr ewig lang vorgekommen. Jeder Tag brachte Neuigkeiten mit sich. Die Welt schien sich von innen heraus aufzukrempeln. Gegebenes war ins Wanken geraten. Mit langen Schritten legte sie die kurze Strecke zu dem Haus zurück, das sich für Muggel verborgen, zwischen der Nummer elf und der Nummer dreizehn auftat. Der Regen benetzte ihre langen Haare mit einem feuchten Film. Beinahe jeden Tag war sie diese Woche direkt nach der Arbeit ins Hauptquartier des Ordens appariert. Ihrer Beziehung tat sie damit keinen Gefallen, doch es war dieser Tage der einzige Ort, an dem sie sich über all das frei austauschen konnte, was in ihrer Welt geschah.

    Die Tür war noch nicht hinter ihr ins Schloss gefallen, da hörte sie bereits die agitierten Stimmen. Der dominante Klang der einen war nichts Ungewöhnliches, doch die andere hatte sie bisher nie so offensiv vernommen. Es brachte nichts zu Lauschen, da sie des Walisischen nicht mächtig war. Virginia wägte ab, ob sie den beiden ihre Privatsphäre lassen sollte, doch ihre Neugier entschied sich dagegen. Der Geruch von angebratenem Gemüse und – wie sie mit einem missmutigen Naserümpfen quittierte – Fleisch kam ihr entgegen, als sie die Tür zur Küche öffnete. Dort waren die beiden.

    Gwenda hatte sich mit einem tropfenden Kochlöffel bewaffnet vor Alistair aufgebaut und auch wenn er um einiges größer als sie war, wirkte er doch seltsam klein neben ihr. Ihre schneidenen Stimmen hallten für einen Moment unbeirrt durch das Zimmer. Virginia trat vollends in den Raum, schloss die Tür hinter ihr und lehnte sich dann gegen die Wand vor dem großen Tisch. Es war gut sie unversehrt zu sehen – auch wenn sie sich offensichtlich stritten. Ihre Brauen waren bereits kritisch zu ihrem Haaransatz geschnellt.

    Ey“, unterbrach sie das Gezeter, das mit einem defensiven Angebot Alistairs – oder zumindest hatte es so geklungen – geendet hatte. Nun klang auch sie nicht unähnlich einem Familienoberhaupt, das einem streitenden Geschwisterpaar Einhalt zu gebieten versuchte.

    Was genau ist das Problem?“, fragte sie direkt und sparte sich die Höflichkeit, sie zu begrüßen. Vielleicht war sie nicht die beste Mediatorin, doch sie konnte genauso wenig daneben stehen, ihnen dabei zusehen, wie sie sich die Köpfe einschlugen und nicht intervenieren. „Ist irgendwas passiert oder…?“, ließ sie ihre Frage unschlüssig ausklingen und strich sich ungeduldig eine vom Regen leicht nasse Strähne aus der Stirn.

  • Gwenda quittierte die meisten Beschwerden ihres Cousins hauptsächlich mit entrüstetem Schnauben und ungläubigem Prusten – ärgerlich, aber gleichzeitig abtuend. Er stellte sich an! Seine persönlichen Ressentiments spielten keine Rolle, wenn es darum ging, ihn vor verdammten Todessern zu schützen, allerdings kam Gwenda nicht dazu, diese Belehrung anzubringen. Als wollte ihr das Schicksal diese Worte verbieten, gab sie lediglich einen röchelnden Laut von sich und warf die Hände wieder in die Luft. Die nächsten Spritzer Soße und Karottenstückchen regneten auf die Küche herab.
    Ich bin nicht deine Mutter?“, echote sie danach und ließ sich prompt wieder vom Tisch gleiten, um Alistair weiter durch den Raum zu verfolgen. „Fidelius? Hörst du dich eigentlich selbst reden? Ein Fidelius–
    Ey

    Als Virginias Stimme die Diskussion unterbrach, glich Gwendas Blick dem einer Katze, die man gerade dazu aufgefordert hatte, die Küchentheke zu verlassen. Ertappt – gleichzeitig absolut unwillig, darin von ihrem aktuellen Verhalten abzulassen. Sie zuckte milde zurück und zog eine Schnute, ehe sie nun auf Virginia zuhielt. Der federnde Gang verriet, dass sie sich absolut sicher dabei war, dass die schottische Hexe ihr beipflichten und ihre Meinung teilen würde.

    Alistair“, begann sie großspurig und plusterte sich auf wie ein Hahn vor dem Morgenschrei, „meint, dass er kein Sicherheitstraining braucht. Generell keine Sicherheitsvorkehrungen. Ich hab ihm gesagt, er kann zu mir raufziehen, damit er nicht alleine ist. Das ist sicherer. Das siehst du doch auch so, oder? Ich mein’: Du machst den Mist hier schon lang genug, nicht? Sag’ du was.

    Es sah absurd aus, wie Gwenda die Nase in Richtung der fleckigen Decke rümpfte und dabei gleichzeitig versuchte, triumphierend das Kinn zu recken, während sie sich neben Virginia aufbaute und den Kochlöffel frustriert zwischen die Lippen nahm.

    Sie zog keine Sekunde in Erwägung, dass Virginia anderer Meinung sein könnte. Dabei verdrängte sie geflissentlich, dass sie keine exklusiven Schreckensgeschichten über ermordete Mitglieder kannte, sondern Alistair bereits wesentlich länger für den Orden arbeitete und sicherlich wesentlich mehr mitbekommen hatte. Ginge es nach ihr, würde Alistair überhaupt nichts mehr mitbekommen. Allerdings war die Drachenwärterin klug genug, um sich diesen Themenkomplex für ein andermal aufzuheben. Alistair den Orden wieder auszureden, musste sie feinfühliger angehen – und vielleicht nicht mitten in seinem Hauptquartier. Manche würden es vielleicht nicht unbedingt schätzen, dass sie versuchte, Mitglieder rausz[u]werben, anstatt anzuwerben. Allerdings ging es nicht um irgendwelche Mitglieder, sondern um Alistair. Ihren kleinen Alistair, dem sie die Hand gehalten hatte, als er das erste Mal auf einen Kinderbesen gekrabbelt war. Der Gedanke, dass er an ihrer statt mit Virginia in Hexham gewesen wäre, dass er vielleicht nicht schnell genug disappariert wäre, hielt sie noch immer nachts wach. Ohne Frage wäre sie selbst bereit, sich für den Orden und seine Sache in Lebensgefahr zu bringen – aber nicht Alistair. Seinen Verlust würde sie nicht ertragen. Diese emotionale Karte war Gwenda jedoch noch nicht bereit zu ziehen. Stattdessen verriet lediglich ein leichtes Beben ihrer Unterlippe, dass es ihr um mehr ging als pure Störrischkeit und Kontrollzwang.

    Noch bevor Virginia eine Antwort geben konnte, folgte das charakteristische „Ugh“, mit dem Gwenda fast alle Angelegenheiten kommentieren konnte, und sie trottete zurück zur Feuerstelle, den Löffel noch immer zwischen den Lippen. Er wanderte sauber abgeleckt zurück in den Kessel, dessen Inhalt sie unnötig harsch weiterrührte.

    Wie auch immer. Setz dich. Ich mach' was zu essen für alle. Bei dir alles okay, Gigi? Auf dem anderen Zeltplatz war nichts los?

  • Virginia runzelte skeptisch die Stirn, als Gwenda auf sie zustolzierte und sich dann abwechselnd ihr und Alistair in aufgetragen, anschuldigender Manier zuwandte. Es war das erste Mal, dass sie die beiden in einem derartigen Zwist erlebte. Sie konnte sich nicht vorstellen, was Alistair – von allen Menschen – angestellt haben sollte, dass Gwenda in eine solche Rage brachte. Ihre Brauen verdichteten sich weiter, als die Waliserin weiter ausholte.

    Zu dir ziehen?“, fragte Virginia ehrlich überrascht und war sich einen kurzen Moment lang nicht sicher, ob das nun ein Scherz sein sollte.

    Sie hatte bereits bemerkt, dass Gwendas Sorge um Alistair Anmaße annahm, die sie nicht ganz nachvollziehen konnte. Sie war mit ihren jüngeren Geschwistern nicht so eng und bei ihrem älteren Bruder wäre es ihr absurd vorgekommen, ihn so dermaßen in Schutz zu nehmen. Alistair war länger als Gwenda im Orden. Er hatte gewusst, wofür er sich gemeldet hatte. Er war nicht in etwas hineingezogen worden, sondern hatte sich aktiv dazu entschieden, sich gegen die Todesser in Stellung zu bringen. Vielleicht fehlte ihr Gwendas Perspektive, doch von außen betrachtet war er ein erwachsener Mann und kein Kind mehr. Virginia merkte, wie emotional sie unter der Oberfläche war, doch Gwenda war niemand, die ihre Vulnerabilitäten offen zur Schau stellte – also würde sie sie auch nicht schamlos entblößen.

    Sie folgte der Einladung, reckte ihren Kopf interessiert in Richtung der Kopftöpfe und ließ sich dann auf einen der Stühle fallen. „Ja, alles in Ordnung“, gab sie knapp von sich und unterstrich ihre Worte mit einem freudlosen Lächeln. Sie wusste, dass sie dankbar dafür sein sollte, so glimpflich davon gekommen zu sein, doch es ärgerte sie, nicht an Ort und Stelle gewesen zu sein. Sie machte sich einen Vorwurf daraus, nicht schneller gehandelt zu haben. Vielleicht hätte sie helfen können. „Dort war zum Glück nichts los“, meinte sie trotzdem und rang sich ein weiteres Lächeln ab, bevor sie sich seufzend durch die Haare fuhr. „Wie geht’s euch?“, wollte sie dann ehrlich interessiert wissen, auch wenn sich die Frage vor dem Hintergrund der dicken Luft im Raum seltsam hölzern anfühlte.

    Und noch mal zu eben: Kann ich kurz fragen, wieso genau er besondere Sicherheitsvorkehrungen benötigt?“, fragte sie und blickte dann zu dem großgewachsenen Mann mit einem entschuldigenden Lächeln. „Nichts für ungut. Mir wäre es auch lieber, wenn dir nichts zustößt“, meinte sie an ihn gewandt und richtete sich dann wieder an Gwenda. „Aber wir gehen hier alle tagtäglich ein Risiko ein und das ist uns allen bewusst. Wir alle machen die Dinge, mit denen wir uns wohl fühlen oder die wir für wichtig halten. Wenn er, sorry du“, sie sah wieder zu Alistair, weil es ihr merkwürdig vorkam, über ihn in der dritten Person zu sprechen, wenn er doch noch anwesend im Raum war, „dich wohl bei dir zuhause fühlst, dann wirst du schon die nötigen Vorkehrungen getroffen haben, die sinnvoll sind.“ Virginia schätzte Alistair nicht wie einen arglosen Menschen ein, der aus Freude am Nervenkitzel mit offener Tür schlief.

    Lass ihn, Gwenda“, gab sie noch wenig einfühlsam zum Besten. Virginia war überzeugt davon, dass man durch sein Beitreten in den Orden eine Art Pakt mit sich abschloss. Man wurde Teil einer Sache, die größer war als jede und jeder Einzelne von ihnen. Natürlich war es tragisch und natürlich trauerte sie denjenigen von ihnen hinterher, die ihr Leben für diese Sache lassen mussten. Doch niemand hatte sie dazu gezwungen, sich ihnen anzuschließen. Es war ein Preis, den jede:r von ihnen bereit sein musste, zu zahlen.

  • Als Virginia auftauchte, floss zum ersten Mal seit einigen Minuten ein ehrliches Lächeln über Alistairs Lippen. Die Begrüßung, die er hauchte, und die Erleichterung, die er bei ihrem Anblick verspürte, ging allerdings in Gwendas Anschuldigungen unter. Alistair lehnte sich gegen eine niedrige Theke und begann seine Nasenwurzel zu massieren. Er unterbrach sie jedoch nicht. Nicht einmal, weil er das generell unhöflich fand und sich wahrscheinlich sowieso kein Gehör hätte verschaffen können, sondern weil er befürchtete, dass das Gwenda noch weiter aufstacheln könnte. Sie schien sich mittlerweile komplett in Rage geredet zu haben und als sie schließlich geendet hatte und aggressiv damit weiter machte ihren Eintopf zu malträtieren, sah Alistair nicht auf. Nur Virginias Beteuerung, dass es ihr gut ging beantwortete er mit einem weiteren, erleichterten Lächeln, während es in seinem Hinterkopf ratterte. Sein Herz schlug ihm unangenehm fest gegen die Brust. Er wollte hier nicht mehr sein. Er hatte keine Lust sich mit Gwenda zu streiten oder sich weiter Vorwürfe machen zu lassen oder sich von ihr weiter bearbeiten zu lassen, bis er schlussendlich doch nachgab. Er wollte einfach nicht. Er war in den Grimmauldplatz gekommen, um nach seinen Freunden und Freundinnen zu sehen, sich gegenseitig zu versichern, dass es allen gut ging und dann darüber reden, wie froh man darüber war. Nicht, um seinen Blutdruck noch weiter in die Höhe zu treiben. Er fühlte sich so oder so schon schlecht genug. Gwenda sorgte gerade nur dafür, dass es ihm noch schlechter ging.
    Die Antwort auf Virginias Frage wurde ihm allerdings prompt von der Fragestellerin selbst abgeschnitten. Noch bevor er seinen Mund öffnen konnte, hatte die ehemalige Gryffindor den unangenehm großen Elefanten im Raum wieder aufgenommen – und ein weiteres Mal schaffte sie es, Alistairs Lippen zu einem dankbaren Lächeln zu kräuseln. Ihr ‚Nichts für ungut‘ beantwortete er mit einem Händeheben, das bedeuten sollte, dass sie ruhig weitermachen konnte und als sie schließlich geendet hatte, beeilte Alistair sich das Wort zu ergreifen, bevor es Gwenda tun konnte. „Danke Gigi“, meinte er mit einem erleichterten Seufzen und nickte dabei. Es war gut, dass gerade sie sie beide unterbrochen hatte. Jemand, der noch länger dabei war als er und die ein ähnliches Empfinden zur der Verpflichtung hatte. Gigi nahm ihn erst. Generell nahmen alle Ordensmitglieder ihn ernst. Nur Gwenda nicht. Und obwohl er nachvollziehen konnte, warum das so war, verhinderte das nicht, dass es ihn verletzte.
    Der kurze Blick, den er seiner Cousine zuwarf, war trotzdem weich und liebevoll. „Okay, Gwenny?“ Er benutzte zum ersten Mal im Gespräch wieder ihren Kosenamen. Dabei war es ihm egal, dass sie nicht allein waren. „Wenn was ist, meld‘ ich mich.“ Er nickte noch einmal um seine eigenen Worte zu unterstreichen, dann stieß er sich von der Theke ab. „Mir geht’s auch gut“, log er und hielt endlich auf Virginia zu, um sie in eine feste Umarmung zu ziehen. Trotz der Ruhe, die er ausstrahlte, schlug sein Herz immer noch unangenehm schnell. Sein Arm juckte. „Ich würd‘ mich dann aber auch mal wieder aufmachen. Ich komm später aber nochmal vorbei, ja?“ Er patschte Virginia unbeholfen auf die Schulter, dann schlüpfte er so schnell durch den Türrahmen, wie er konnte, um zu verhindern, dass Gwenda ihn zurückpfiff.
    Als er wieder auf der Straße stand, holte er schnappend und zitternd tief Luft. Die dunklen Äderchen auf seinem Handrücken wurden tiefer. Aber das merkte er nicht.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!