Erdgeschoss - Speisezimmer und Küche

  • Als hätte er nur darauf gewartet, dass sich seine Gäste zu dem eigentlichen Thema des Abends wandten, tauchte mit einem Mal der angebliche Verfasser des mysteriösen Briefes hinter ihnen auf. Virginias Augen weiteten sich, als der Mann so urplötzlich in ihre Runde trat, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt und fragte sich, wie lang er schon dort im Verborgenen gewartet hatte. Sie machte gar keinen Hehl aus ihrer Verwunderung im Gegensatz zu Anderen, die sich krampfhaft auf ihre Coolness berufen wollten.
    Im ersten Augenblick erinnerte der Mann sie an ihren Chef, klein gebaut mit einem gepflegt gestutztem Bart, doch als sie beim nächsten Mal hinsah, musste sie feststellen, dass er ihr nun komplett anders erschien. Ein kurzer Seitenblick verriet ihr, dass sie nicht die einzige war, die verwirrt versuchte, die Gestalt des fremden Mannes auszumachen. Also schien mit ihr noch alles in Ordnung. Lediglich der Mann hatte es also für besser gehalten, sich ihnen nicht in seiner natürlichen Gestalt zu präsentieren. Ihr Misstrauen kämpfte hart gegen die Neugierde als dominierende Gefühlslage an. Wer war dieser Mensch? Wenn es sich überhaupt um einen normalen Menschen handelte. Wer wusste schon, was sich hinter dem Illusionszauber verbarg? Doch ihre tief verankerten Gryffindorgene halfen stark dabei, nicht einfach Reißaus zu nehmen. Ihr Blick wanderte zu den Utensilien, die er mit sich gebracht hatte. Pergament, Tinte. Was würde hier heute Abend festgehalten werden? War dies der Anfang von etwas Größerem oder eine einmalige Zusammenkunft?
    Virginia konnte nicht umhin unterdrückt zu schmunzeln, als der Unbekannte sich über den Umgang mit seinem Spickoskop mokierte. Immerhin schien er sich nicht viel darauf einzubilden, einen unantastbaren, mystischen Eindruck zu schinden.
    Interessiert nahm sie auf, dass anscheinend zwei der Anwesenden Auroren, beziehungsweise Auroren in Ausbildung, waren. Das Bild der Gruppe festigte sich so langsam, auch wenn sie noch immer nicht verstand, wie sie alle in das Blickfeld des Verfassers gekommen waren. Sie hatten alle Aufmerksamkeit erweckt. Normalerweise eine Spezialität Virginias in jeder Lebenslage, doch sie vermutete stark, dass es hier nicht um ihren extravaganten Kleidungsstil oder ihr ausuferndes Lachen ging, sondern um etwas Ernsthafteres. Das Äußern bestimmter Interessen oder eher gesagt Abneigungen. Der kritische Blick auf die Dinge, die nicht kritisch beäugt werden sollten. Ihre angespannte Laune wandelte sich langsam, als der Mann seine Stimme ein weiteres Mal erhob. Sie war vor nicht langer Zeit in die Schusslinie geraten und sie spürte bis heute das Unbehagen und gleichzeitig das Verlangen danach, jemanden zur Rechenschaft zu ziehen. War es das, worauf er anspielte? Würde er sie als eine Art Aktionsgruppe rekrutieren? Wollte er lediglich Informationen sammeln? Oder war dies einfach nur eine etwas plumpe Art und Weise, ihnen Angst einzuflößen und sie darauf hinzuweisen, dass sie sich nicht in fremde Dinge einmischen sollten? Und wieso dieser Ort? Wer hatte Zugriff auf dieses Haus, wenn er nicht zur Familie gehörte - oder gehörte der Mann zur Familie?
    Der junge Mann, der kurz nach ihr eingetroffen war und den sie immer noch nicht ganz eingeordnet hatte, auch wenn sie ihn in Verdacht hatte einer von Jessicas alten Freunden zu sein, hakte etwas ungeduldig nach und traf dabei allerdings genau Virginias eigene Stimmungslage.
    Da kann ich nur zustimmen. Bevor hier noch weitere Dinge pulverisiert werden, könnten wir ja direkt zum Thema kommen”, sagte sie und versuchte den Mann zu fixieren, wie sie es sonst tat, wenn sie mit jemanden sprach, musste jedoch alsbald ihren Blick abwenden, da ihr leicht schwindlig wurde. Gegen so ein Glas Met hätte sie auch nichts einzuwenden, doch sie wartete lieber vorher ab - wer wusste schon, womit man sie hier abfüllen wollte. Ganz so naiv war sie schließlich nicht. Sie nahm sich allerdings ein Herz und zog einen Stuhl zurück, um sich auf ihm niederzulassen. Aller Skepsis zuliebe - wo sie schon mal hier waren, würde es nichts bringen, demonstrativ Abstand zu halten.

  • //Nur ein kurzes Zwischen-Nichts: Jonas sitzt eigentlich nur doof da und grübelt.


    Ach es war ein Jammer. Und es frustrierte Jonas wirklich, dass Salome sich nicht zu einem klitzekleinsten Kommentar herabließ, schränkte ihn persönlich die womögliche Ernsthaftigkeit der Situation so gar nicht in seinem humorvollem Wesen ein. Humor wohlgemerkt, dessen Ausprägungen gewiss nicht alle teilten. Zumindest aber belohnte die Bulgarin ihn mit einem verräterischem Gesichtsausdruck. Oh, sie hätte am liebsten etwas gesagt. Doch sie tat es nicht. Und das wiederum ließ Jonas grübeln, was genau sie in dieser Situation hemmte, war sie doch sonst niemand, der sich einer Auseinandersetzung entzog. Also glitt sein Blick zu den anderen Anwesenden, bedachte doch ausnahmsweise einmal die vielen Graulinge, die hier herum schwirrten – doch weit kam er nicht. Denn gerade als er den Nottsprössling genauer ins Visier nehmen wollte, wurde seine Aufmerksamkeit auf eine Bewegung in seinem Augenwinkel gezogen, die eigentlich nicht da sein sollte. Rasch drehte er sich auf seinem Stuhl um und blickte zu dem Tührrahmen aus der nun eine Fremde Gestalt trat. Eine, die nicht erkannt werden wollte. Das war anhand der vielen Illusionierzauber um ihn – und das ließ auch nur die magisch verzerrte Stimme vermuten, konnte also genauso gut ein Trugschluss sein – deutlich zu erkennen. Wer auch immer dieser Fremde war, der ihnen nach eigenen Aussagen ganz offenbar die Einladungen hatte zukommen lassen, wollte nicht erkannt werden. So gar nicht. Und auch wenn Jonas rein theoretisch verstand, weshalb der Ankömmling so handeln musste, denn diese Art der Vorsicht wurde ihnen auch in der Aurorenausbildung mehr als deutlichst eingebläut, machte sie ihn doch selbst äußerst misstrauisch. Wenn sie alle hier schließlich ihr wahres Gesicht zeigten, was veranlasste den Gastgeber dann dazu, seines zu verbergen? Was fürchtete er, könne an das Tageslicht kommen?
    Es verwunderte Jonas nicht, dass er die Namen der Anwesenden und scheinbar auch das andere Detail über ihr Dasein wusste. Immerhin hatte er ja bereits in seinem Brief geäußert, dass er sie beobachtet hatte und wusste, wofür sie standen. Ja, wofür standen sie eigentlich? Kurz glitt der Blick des Walisers durch die Runde und er fragte sich, was sie alle wohl gemein hatten. Vielleicht hätte er ja eine Antwort darauf gefunden, wenn er sich jemals die Mühe gemacht hätte, seine Mitmenschen genauer kennenzulernen, doch die einzigen hier, über die er etwas sagen konnte, waren Rude und Salome. Und das wohl auch nur begrenzt. Nein, für ihn war keine offensichtliche Gemeinsamkeit zu erkennen, weshalb er sich recht schnell wieder dem Gastgeber zuwandte. Sein Anblick verursachte ihm Kopfschmerzen. Denn wann immer Jonas ein Gesicht oder etwas vertrautes zu erkennen glaubte, assoziierte sein Gehirn automatisch die entsprechende Farbe, ließ sie um das jeweilige Merkmal herumwabern, nur um im nächsten Moment wieder zu verschwinden, so wie auch das Merkmal verschwand. All das geschah in Bruchteilen von Sekunden und sorgte dafür, dass Jonas seinen Blick gar nicht länger auf den Fremden richten wollte. Er sah also bewusst weg und wandte sich ihm auch nicht wieder zu, als sein Name fiel, sondern zog nur die Stirn in Falten, während er die Maserung des Tisches vor sich sorgfältigst studierte. Und ausnahmsweise erwiderte er nichts. Er wusste sowieso nicht, was er hätte sagen sollen. Salome war kein Vorbild für ihn und selbst wenn sie es gewesen wäre, wäre sie schon allein deshalb kein gutes, weil sie seinen Drang nach Gewalt durch ihren eigenen schürte. Und alle weiteren Fragen, waren schon gestellt worden: Wer war dieser Mann und was genau wollte er von ihnen? Nun war es an ihm, sie zu beantworten. Auch wenn seine einleitenden Worte durchaus eine gewisse Assoziation in dem Waliser ausgelöst hatten. Aber das war nur eine Vermutung, nur eine Ahnung, die er nicht einmal gedanklich festigen wollte. Nicht, bevor er mehr wusste.

  • // Viele, viele Informationen, aber ihr habt es so gewollt. Da ihr schon mit Mini-Aufgaben begonnen habt, steht das Unterschreiben des Papiers im Vordergrund (es ist vergleichbar mit der DA), Diskussionen können wir vielleicht besser auf andere Postings verteilen oder auf einen späteren Zeitpunkt in diesem Posting.


    Ein leises Seufzen entfloh der Kehle des Fremden und so betont wie er beim Ausgießen weiterer Flüssigkeit niemanden direkt ansah, musste ihm klar sein, dass das Augenmerk aller auf seinem Rücken lag, ebenso wie er sich um den Ernst der Lage bewusst war und dennoch entschied er sich zu dieser außerweltlichen Gelassenheit. Vielleicht hätte diese auch beruhigend auf seine Gäste wirken können, aber das verwehrte er ihnen durch seine geschickte Tarnung.
    Als jeder einzelne ohne weitere Rückfragen mit einem Glas bedacht wurden war, befüllte er sich schließlich das letzte Glas selbst und hob es vor seine Brust, ohne es jedoch an seine Lippen zu führen. Sein Blick traktierte dabei abwechselnd die beiden Werwölfe am Tisch, die vermutlich unterschiedlicher nicht hätten sein können und trotzdem beide nur mühsam verbergen konnten, dass sie am liebsten dem Drang nachgegeben hätten die Becher eindringlich zu beschnüffeln. Ein mildes Lächeln kommentierte sowohl das eindeutige Unwohlsein des einen, als auch die sehr direkte Frage des anderen, die Frage nach potentiellem Gift beantwortete der unbekannte Zauberer jedoch indem er selbst bereits an seinem Glas nippte ohne Zeit mit einem Toast zu verschwenden… dieser wäre im Moment ohnehin noch nicht angebracht gewesen und hätte die Geduld der etwas hitzköpfigeren Anwesenden sicher auf eine Zerreißprobe gestellt.
    Zum Punkt… gut. Dann darf ich meine Entschuldigung für mein Auftreten aber vermutlich trotzdem noch an Miss Todorova richten, auch wenn ich Sie ihnen allen schulde. Es tut mir sehr leid Ihnen allen in diesem Moment nicht von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten zu können, auch wenn das sicher für eine Menge Gesprächsstoff an einem langen Abend gesorgt hätte.“ War was folgte nun ein weiteres Schmunzeln oder eher ein gequältes Verzerren der Lippen? „Ich vertraue Ihnen, das war keine leere Floskel, aber nichtsdestotrotz habe ich momentan meine Gründe dafür, nicht in Erscheinung zu treten… Der präsenteste wäre wohl, dass ich derzeit als Geheimniswahrer für diesen Ort, aber auch für unsere kleine Gesellschaft fungiere und ich nicht das Risiko eingehen möchte, dass jemand mein Gesicht aus Ihnen herausbekommt. Sei es nun ein ängstliches Ministerium… oder jemand, von dem ernstliche Gefahr droht.“ Die Stimme des Mannes war bei diesen Worten eindeutlich düsterer geworden und ironischerweise traktierte er dabei vor allen Dingen Madame Lestrange und den Nott-Jungen, die sich so offensichtlich unwohl in ihrer Haut fühlten. Vermutlich verständlich, da sie seiner Meinung nach am Gefährlichsten lebten. Egal ob man sie nun verrückt halten konnte… oder aber auf Verräter Jagd machen wollte.
    Eine kurze Stille trat ein, in welcher der Fremde nun endlich einen tiefen Schluck aus seinem Glas nahm, es geräuschvoll auf den Tisch stellte und sich selbst hinsetzte.
    Sie alle sind hier, weil ich weiß, dass Sie gerade wissen, was Sie verhindern möchten und weil ich weiß, dass Sie glauben werden, was Madame Lestrange und der junge Master Nott hier mit eigenen Augen gesehen haben. Mister Burton, Miss Todorova und Mister Fawley sind sozusagen die… jungen Wilden des Aurorenbüros, die schon so manchen beinahe in den Wahnsinn getrieben hätten, aber fest davon überzeugt sind, dass wir gerade keine vereinzelten Irren jagen, sondern sich Todesser formieren. Miss Kowalski und Miss MacGuffin hatten bereits eine sehr eindringliche Begegnung, die niemand so recht glauben möchte, Mister Clairmont war bereits dazu bereit seine Karriere aufs Spiel zu setzen, um die richtigen Fragen zu stellen und Sie alle waren Zeugen eines Ereignisses, das dem Ministerium Angst gemacht hat…
    Wieder legte der Fremde eine kurze Kunstpause ein und schien die Stirn zu runzeln. Er überlegte, ob er nun wirklich so sang- und klanglos mit der Information ins Haus fallen sollte, die für viele am Tisch nichtsdestotrotz nur ein Gerücht war. Er entschied sich dafür und machte die ganze Enthüllung dermaßen undramatisch, als hätte er gerade angekündigt, dass ein längst verschollener Hogwartsprofessor nun doch wieder zurückgekommen ist.
    Lord Voldemort ist nicht tot.“ Obwohl der Fremde den Namen langsam und willentlich ausgesprochen hatte, schien auch er einen leichten Schauer nur zu unterdrücken, während er insbesondere Lestrange und Nott weiter anstarrte. „Er hat längst damit begonnen sehr leise und sehr vorsichtig alte und neue Gefolgsleute um sich zu scharen und seine Finger wieder nach der Macht auszustrecken. Wir kennen nicht alle seine Ziele, wir kennen nicht alle, denen wir vertrauen oder misstrauen können, aber wir wollen alle verhindern, dass es zu einer Situation wie vor zwanzig Jahren kommt. Vor zwanzig Jahren musste der Orden des Phoenix bereits kämpfen, heute hat der Zweite Orden des Phoenix die Chance einen größeren Kampf zu verhindern… Und deswegen ist Heimlichkeit nicht nur ein Vorteil der Todesser, sondern auch unsere Waffe. Lassen wir Sie eine Weile glauben, dass sie so gut versteckt sind wie sie denken. Derweil können wir ungestört herausfinden, wer in ihr Visier geraten könnte oder bereits in das Visier von Einzelpersonen geraten ist, wir können sammeln, was die Todesser beim letzten Mal versucht habe und ihnen Wege verstellen, wir können Hexen und Zauberern im Schussfeld zur Not Sicherheit anbieten… insofern wir den alten Saftladen hier auf die Beine bekommen.“ Und bei dem letzten Satz wandelte sich der Ernst der Lage wieder ein wenig, als der Zauberer betont versuchte ein Rumpeln aus dem oberen Stockwerk zu übertönen. Das Hauptquartier im Kampf gegen Lord Voldemort in ein Nest ausgestorbener Schwarzmagier zu setzen, mochte wie eine dubiose Wahl wirken, aber vermutlich gab es in ganz London kein besser geschütztes und verstecktes Haus, als den Grimmauld Place 12.
    Ich würde es niemandem nachtragen, wenn er sein Wohlbefinden, seine Karriere und auch seine Zeit nicht mit unserer Geisterjagd verschwenden möchte, allerdings würde ich dann Ihr Gedächtnis zu diesem Abend modifizieren wollen. Falls Sie es wagen möchten… wäre ich für eine Unterschrift auf diesem Papier sehr dankbar. Es wird hier am Ort bleiben und uns sagen, wenn jemand in Schwierigkeiten ist… aber ebenso reagieren, sollte uns jemand willentlich verraten.
    Der Fremde zwinkerte und schob das Tablet mit Papier und Tinte in die Mitte des Tischs.

  • Kai Kowalski war nicht gerade dafür bekannt, dass sie still in der Ecke saß und die Geschehnisse lediglich schweigend beobachtete. Normalerweise konnte sie den Mund kaum zwei Minuten halten und hatte zu allem und jedem eine Meinung. Diese Situation aber war ihr so fremd und der Ausgang zu unvorhersehbar, dass sie den Mund kaum aufbekam. Das einzige, was ihr etwas von dem gewohnten Mut zurück gab, war die spürbare Anwesenheit Deverells hinter ihr. Sie wusste, dass er sich verändert hatte und dass Dinge geschehen waren. Trotzdem vertraute sie ihm noch immer blind und trotz ihrer stolzen Emanzipiertheit akzeptierte sie ihn nur allzu gern als ihren Beschützer. Besonders da sie so dankbar war für die Anwesenheit eines Vertrauten in diesem Haufen seltsam zusammen gewürfelter Menschen, mit denen sie noch nicht so viel anzufangen wusste.
    Nun aber sollten sich viele - wenn auch nicht alle - ihrer Fragen langsam wie von selbst beantworten. Denn als eine seltsam verzerrte Gestalt das Speisezimmer betrat, richteten sich alle Blicke augenblicklich auf ihn. Jedenfalls ging Kai davon aus, dass es ein Kerl war, auch wenn sie sich selbst was das betrat nicht hunderprozentig sicher sein konnte. Es war als versuche man die Formen einer flackernen Kerze zu erfassen. Kaum dass man darin ein Muster erkannte, kam ein Windhauch und veränderte die gesamte Gestalt, manchmal sogar den Ton der Farbe. Selbst für Kai, die zwar über gute Reflexe verfügte, aber keinen besonders gut ausgeprägten Sinn für logisches Denken hatte, war es offensichtlich, dass diesen Menschen ein perfekt ausgeführter Tarnzauber umgab. Diese Erkenntnis erfüllte Kai mit Unmut.
    Sie wollte ihm vertrauen, diesem seltsamen Fremden, der sie in dieses noch viel seltsamere Haus eingeladen hatte. Das wollte sie wirklich. So wie sie daran glauben wollte, dass es eine gute Macht gab, die sich den finsteren Machenschaften in den Weg stellen wollte. Auch wenn alles nach Falle schrie, wollte sie froh darüber sein, dass sie hierher gekommen war. Doch der Typ machte ihr das verdammt schwer. Wie erwartete er ihr Vertrauen, wenn er ihnen selbst keines entgegen brachte. Kai verschränkte die Arme vor der Brust und blickte finster drein. Doch sie schwieg. Die Anderen beschwerten sich schon zur genüge und stellten ihre Fragen. Da hätte Polin auch nichts weiter zuzufügen gehabt.
    Zu Kais Überraschung begann der Fremde tatsächlich zu erklären und langsam, ganz langsam klarte sich ihre Miene auf. Gut, nahm sie einmal an, er würde die Wahrheit sagen und sie nicht alle in Tod und Verderben führen. Dann blieben noch immer Fragen offen. Woher er wusste, was Kai und Virginia gesehen hatten zum Beispiel oder dass ihnen niemand Recht glauben wollte. Egal wie lange er weiter sprach, er würde weder Kai noch einen der anderen wirklich zufrieden stimmen können. Nicht in den nächsten zwei Stunden jedenfalls. Nur schien er nicht so viel Zeit mitgebracht zu haben. Auch wenn er nicht nervös oder ungeduldig wirkte, so trieb er das Gespräch in schnellem Tempo voran. Nun war er es, der zielstrebig auf den Punkt zusammen versuchte.
    Seine große Eröffnung, überraschte Kai kein bisschen. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper. Natürlich war er das. Sie hatte es seit Jahren geahnt. Vielleicht schon seit damals das dunkle Mal über Hogsmeade aufgetaucht war. Natürlich hatte sie es nicht wissen können, nicht mit Sicherheit. Doch irgendwo im Hinterkopf war dieser Gedanke schon lange da gewesen. Jetzt war es beinahe Erleichterung die Bestätigung dafür zu bekommen. So schrecklich diese Wahrheit auch war. Kurz blendete Kai alles um sich herum aus. Die Stimme des Mannes verschwamm so sehr wie sein Gesicht. Das Mädchen dachte an all die Menschen, die verletzt wurden und starben, als Der-dessen-Name-nicht-gennant-werden-darf zum letzten Mal sein Gesicht gezeigt hatte. Dann dachte sie an Ceene und an Hazel. Sie dachte an Clara und Frank. Dann wandte sie sich über die Schulter und sah Rude an. Sie dachte auch an Ellie, die schon genug durchgemacht hatte. Schließlich betrachtete jeden einzelnen Menschen in diesem Raum und kehrte in die Realität zurück.
    Ihre Augen funkelten vor Entschlossenheit und sie hatte beide Hände zu Fäusten geballt. Nein, so etwas würde nicht noch einmal passieren. Nicht ihren Freunden und nicht all den anderen unschuldigen Menschen in diesem Land. Sie würde es nicht zulassen, koste es was es wolle. Ihr Wohlbefinden war ein feuchter Dreck dagegen, eine Karriere hatte sie eh nicht und Zeit würde sie sich schon freischaufeln können. In diesem Moment war es ihr egal, wer dieser Fremde war und ob man ihm trauen konnte. Sie vertraute der Sache und sich selbst. Das musste reichen. Also stand Kai auf von dem alten Stuhl und streckte die Hand nach der Feder aus. Einen tiefen Atemzug später kratzte die Spitze über das Pergament und hinterließ dunkle Buchstaben. Kai Janina Woyzeck-Kowalski. Stets zu Diensten. Von dieser Sekunde an war sie ein Mitglied des Zweiten Orden und würde vielleicht als solches sterben. Und es war okay.

  • Endlich lichtete sich der Nebel um die Gründe, weshalb man sie zusammengerufen hatte, obgleich der Fremde noch immer in Rätseln sprach. Welche eindringliche Begegnung hatten Miss Kowalski und die andere Hexe, welche offenbar Miss MacGuffin hieß, gehabt? Mr. Clairmont hatte seine Karriere riskiert? Arbeitete er nicht beim Tagespropheten? Vor zwei Tagen erst war ein überaus kontroverser Artikel zu den Vorkommnissen auf der Muggelmesse erschienen ... doch der Frau blieb keine Zeit, Mutmaßungen darüber anzustellen, ob die Andeutungen des Fremden dieser Ausgabe des Tagespropheten galten. Als ihr Gastgeber erzählte, dass sie den Dunklen Lord mit eigenen Augen gesehen hatte, mied die Lestrange den Blick der übrigen Gäste. Er sprach die Wahrheit, das wollte sie nicht bestreiten, doch woher zur Hölle wusste der Fremde davon? Und wusste er wirklich oder spekulierte er bloß? Vielleicht hatte er erfahren, dass das letzte Todessertreffen im Herrenhaus ihrer Schwiegereltern stattgefunden hatte, und daraus geschlossen, dass sie auch anwesend gewesen war? Oder wusste er tatsächlich mehr, als sie ihm zuzugestehen bereit war? Wusste er womöglich sogar, was sie getan hatte oder was der Dunkle Lord glaubte, dass sie getan hatte?
    Die plötzliche Eröffnung des Unbekannten schockte sie demnach zwar nicht, doch fühlte die Lestrange einen kalten Schauer ihren Rücken hinunterlaufen, als er den Dunklen Lord ohne den geringsten Skrupel beim Namen nannte. Sie selbst hatte diesen Namen nur ein einziges Mal ausgesprochen und an jenem Abend hatte sie sich deutlich mutiger gefühlt als hier und heute. Angesichts dessen fiel es ihr schwer, zu glauben, dass man ausgerechnet sie (und diesen wirren Haufen jugendlicher Rebellen) dazu auserkoren hatte, einen zweiten Orden des Phönix zu gründen. Selbstredend war ihr diese Vereinigung ein Begriff, hatte sie doch bereits den ersten Krieg gegen den Dunklen Lord miterlebt, doch wäre es ihr damals nicht in den Sinn gekommen, sich offen auf eine der beiden Seiten zu schlagen. Auch hier und heute wusste sie nicht, was sich ihr Gastgeber erhoffte, als er sie vor die Wahl stellte. Was der Fremde von ihnen verlangte, war nicht wenig. Ohne ihnen sein Antlitz zu offenbaren, ohne Garantie, dass dies kein grausamer Witz oder gar eine Falle war, forderte er bedingungsloses Vertrauen ein. Nicht gerade Victorias Stärke. Niemand, der je mit ihr zu tun gehabt hatte, wäre in Versuchung geraten, die Britin als vertrauensselig zu bezeichnen. Dass es dennoch ausgerechnet die Lestrange sein sollte, welche als zweite nach dem übereifrigen Rotschopf die Hand nach der Liste auszustrecken, war bezeichnend für ihre Einschätzung der Situation. Wohingegen sich die junge, ungestüme Miss Kowalski in ihrer gryffindor’schen Vermessenheit vermutlich nicht gänzlich im Klaren darüber war, worauf sie sich einließ und was sie damit alles aufs Spiel setzte, traf die ältere Hexe vor dem Hintergrund ihrer Erinnerung an die erste Herrschaft des Dunklen Lords und die Angst, in der sie tagtäglich gelebt hatte, wohlwissend, dass sie sich nicht annähernd in derselben Situation befand wie damals. Inzwischen hatte sie so viel mehr zu verlieren... Die Pointe dieses morbiden Witzes war, das Victoria früher oder später ohnehin wieder hier wäre, am Grimmaulsplatz Nummer 12: Im Visier der Todesser war sie bereits und irgendwann würde sie unvermeidlich in die Schusslinie geraten. Wann es so weit wäre, lag nicht in ihrer Hand; die einzige Wahl, die ihr also blieb, war die ihrer Rolle an diesem Tisch. Wollte sie auf den Schutz angewiesen sein, den Personen wie Kowalski, Todorova oder Fawley ihr gewähren könnten, wenn sie denn gnädig gestimmt wären? Oder wollte sie mit ihnen zusammenarbeiten, um andere zu schützen und die größtmögliche Sicherheit für ihre Familie gewährleisten zu können? Die Entscheidung fiel der Lestrange nicht schwer. Sie mochte misstrauisch sein, doch sie war auch eine überaus stolze Frau. Nur über ihre Leiche würde sie vor Mitgliedern des Zweiten Ordens des Phönix im Staub knien und um Hilfe flehen. Zähneknirschend nahm sie das Pergament entgegen, tunkte die Federspitze in die Tinte und setzte ihren Namen voll bitterer Entschlossenheit auf die Liste.

  • //Sorry sollte nicht so lang werden.


    Ihre Ungeduld war schon kurz davor, vor Spannung zu reißen. Immerhin hatte das plötzliche Auftreten des mysteriösen Fremden bewirkt, dass die Anderen sich dazu berufen fühlten, ihren kindischen Aggressionen Einhalt zu gebieten. Und dann fing er endlich an, Tacheles zu reden. Zugegebenermaßen mit einer etwas kryptischen Einleitung, die jeden und jede von ihnen einmal erwähnte und sie zwar etwas mehr auf die Sprünge brachte, weshalb sie sich diese ruhmreiche Einladung verdient hatten, teilweise allerdings wichtige Informationen aussparte. Doch Virginia wollte nicht pingelig sein. Vielmehr hatte sie sogar kurz den Atem angehalten - bis sie es gemerkt hatte und es dann hatte sein lassen. Sie war gespannt, aufgeregt und vielleicht auch ein bisschen nervös. Sie wusste schließlich immer noch nicht, ob der ganze Sache zu trauen war. Auch wenn seine Erklärung ihr einleuchtete.
    Skeptisch aber dennoch neugierig hatte sie sich eines der Gläser genommen. Free booze, y’all. Nachdem er selbst einen Schluck getätigt hatte, nahm sie ebenfalls Einen, der wohl mutiger wirkte, als sie sich dabei fühlte. Ihre Blicken gingen beim Nennen der Namen durch den Raum, wie um zu überprüfen, wer sich angesprochen fühlte, wer für welche Errungenschaft gelobt wurde. Nur zu gerne hätte sie gewusst, was genau Mrs. Lestrange und Mr. Nott wohl gesehen hatten. Dann zu den anderen Drei. Auroren also. Das machte sie nicht unbedingt gleich sympathischer. Immerhin waren sie immer noch vom Ministerium angestellt, doch andererseits schien ihnen ja ein gewisser wilder Ruf nachzuhängen. Als sie selbst erwähnte wurde, schaute sie kurz zu Kai herüber. Sie war immer noch sehr froh darüber, dass es Kai gewesen war, mit der sie im Eifer des Gefechts den Keller der Ausstellung inspiziert hatte. Mit ihr konnte sie reden und ihr hatte sie zu vertrauen gelernt. Sie blickte weiter zu Byron, lächelte vielleicht sogar ein bisschen. Es war schon komisch, wie die Leben der beiden immer wieder aufeinander stießen, wo sie doch oberflächlich gesehen wenige Gemeinsamkeiten hatten. Er hatte sicher sein Herz am rechten Fleck. Bei den Anderen war sie sich da noch nicht so sicher. Doch immerhin war jetzt klar, was sie alle vereinte. Sie alle waren aufmerksam auf etwas geworden, dass vor den meisten erfolgreich zu verbergen versucht wurde. Sie alle trauten dem nicht, was der Öffentlichkeit unterbreitet wurde. Und sie alle wollten etwas dagegen tun. So viel war klar.
    Es hätte die folgenden Worte nicht gebraucht und doch brauchte es sie. Virginia schauderte etwas, als der Unbekannte den Namen aussprach. Wie ein halbvergessener Albtraum aus Kindertagen hatte er immer irgendwo in ihrem Kopf gelauert. Sie war damals gerade einmal nach Hogwarts gekommen, hatte erst später richtig verstanden, wer zu der Zeit sein Unwesen getrieben hatte. Doch der Schrecken hatte tief gesessen und das unwohle Gefühl, dass die Geschichte sich wiederholen könnte, hatte sie nie verlassen. Wie konnten die Menschen so schnell vergessen, wie es sich anfühlte unter Terror zu leben? Wie konnten sie so schnell danach einfach so tun, als wäre nichts passiert? Wieso hatte es nie die Aufarbeitung gegeben, die nötig war? Wieso wurde über so viel nicht geredet? Und wieso waren sie so verdammt wenige in diesem Raum? Konnte es wirklich sein, dass nur eine Handvoll Leute, eins und eins zusammen gezählt hatten? Sichtungen des Dunklen Mals. Dementoren im Hogwartsexpress. Eine reaktionär anmutende Presse. Vertuschungen. Und dann dieses große Malheur bei der Muggle-Ausstellung. Virginia war nicht blind. Sie nahm lieber noch einen Schluck von dem ausgesprochen wohlschmeckenden Met.
    Die gesamte Aufmerksamkeit des Raumes konzentrierte sich auf einen Punkt. Obwohl es schier unmöglich zu sein schien, den Mund des Fremden auszumachen, hing sie an seinen Lippen. Der Orden des Phönix. Sie hatte mit vielem gerechnet. Doch nicht mit dem Orden. Seit jeher hatte sich in ihr eine mystische Fantasie um diese Gruppe eingenistet. Schon als sie mit jungen Jahren zum ersten Mal von diesem ominösen Orden gehört hatte, hatte er einen glorreichen Platz in ihrem imaginären Regal bewundernswerter Organisationen erhalten. Sie wusste nicht genau, wie er sich damals organisiert hatte, was aus ihm geworden war, wer dabei gewesen war, doch sie wusste, dass dies nun ihre Chance war. Ihre Miene hatte etwas beinahe Ehrfürchtiges angenommen und nicht zum letzten Mal an diesem Abend drängte sich ihr die Frage auf, wer dieser Mann vor ihnen war.
    Kaum hatte er seine Rede beendet, stürmte Kai bereits beseelt nach vorne, um ihren Namen als erste auf die Liste zu setzen. Ein Zögern ging durch die Reihen und noch immer war es als könne Virginia die Anspannung spüren. Alles in ihr trieb sie dazu an, als Zweite nach vorne zu schreiten. Es war unwahrscheinlich, dass diese ganze Veranstaltung ein Fake war. Wer würde auf so eine Idee kommen? Der Orden war eine seriöse Angelegenheit. So viel war klar und sie wusste, dass dieses Papier, so unschuldig es auch aussah, nicht nur ihre Tintenspur einbehalten würde. Wenn sie einmal unterschrieb, gab es kein zurück mehr. Dies war nicht irgendeine absurde Gruppe, die aus Lust und Laune heraus beschloss, sich einem Thema zu widmen - Virginia erinnerte sich nur zu gut an die ganzen drei Wochen, in der sie Mitglied des „Scottish Women Against Giant-Discrimination“ - Verbandes gewesen war - kurz SWAG - welche aus fünf anderen Frauen bestanden hatte, die sich regelmäßig getroffen hatten, um riesige Pullover für Riesen zu stricken - Nein, das hier war anders. Ernst. Saftladen hin oder her. So ernst, dass sogar Mrs. Lestrange sich nun ein Herz nahm, und ihre Hand nach der Liste ausstreckte. Virginia wusste, was sie nun zu tun hatte. Sie blickte auf das Pergament, das sie nun zu sich geschoben hatte, starrte auf die beiden Namen und seufzte dann einmal tief, bevor sie in einer dynamischen Handbewegung ihre Unterschrift dazu setzte.

  • //eigentlich sollten es nur 500 Wörter werden - jetzt sind es teuflische 666 geworden!


    Lange gab es nur die Stille in Byrons Innerem, nachdem die Gestalt in den Raum getreten war und augenblicklich eine Skepsis in ihm wachgerufen hatte, die kurz vorher durch die Anwesenheit der anderen Teilnehmer hatte gebändigt werden können. Er spürte wie viel Anstrengung es ihn kostete, den Fokus auf das Gesicht des Mannes zu richten und nachdem er keinen Erfolg darin hatte, irgendetwas zu erkennen, dass Aufschluss über die Identität gab, gab er auf. Er wusste nicht einmal, ob diese Erkenntnis sich als sonderlich hilfreich erweisen würde. Selbst wenn man glaubte, jemanden zu kennen, stellte sich in einigen Fällen heraus, dass man doch nur sich selbst vertrauen konnte. Diese Skepsis schien auch der Fremde zu teilen, sonst gäbe er sich nicht die größte Mühe, seine Gäste im Dunkeln zu lassen. Und komischerweise kam Byron der makabere Gedanke, dass gerade Personen, die einem etwas Böses wollten, sich mit Stolz präsentierten, die Arroganz in ihren Augen glänzte, weil sie diese Situation ganz genau so wollten. Wie Raubtiere, die ihr Opfer schreien hören wollten, bevor sie es in Stücke rissen. Nein, der ominöse Mann hier war anders. Das wurde besonders dann deutlich, wenn er weniger in Rätseln sprach, sondern ausführlich erklärte, warum er diese Briefe verschickt hatte und vor allem, warum ausgerechnet an diese Gruppe, die voller Menschen war, die so gar nicht zusammenzupassen schienen.
    Er musste schlucken bei den Ausführungen, die das Blut in den Adern eines jeden Zauberers zum Gefrieren bringen konnten. Der Name, den der Fremde aussprach, lag seit geraumer Zeit in der Luft. Man, zumindest von sich konnte Byron das sagen, konnte spüren, dass sich etwas anbahnte, selbst wenn man sich nie wagte, es auch beim Namen zu nennen. Es war das erste Mal, dass Byron jemanden darüber reden hörte, hörte, dass man ihn aussprach, einen der gefürchtetsten Namen der Zauberwelt - und um ehrlich zu sein, war sich der junge Journalist nicht sicher, ob ihm das Furcht einflößte oder er eher Erleichterung spürte, darüber, es sich nicht alles eingebildet zu haben, darüber, dass es Menschen gab, die sagen, was tatsächlich vor sich ging. Mit Sicherheit konnte er in dem Moment nur sagen, dass seine Nackenhaare sich aufgerichtet hatten und gegen das Pokerface kämpften, das Byron mit aller Macht behalten konnte. "Das können Sie gar nicht wissen", erwiderte auf die Aussage, er habe bereits seinen Job riskiert, um die richtigen Fragen zu stellen. Er hatte keine Ahnung, wer diese Person war, ob sie auf das hinauswollte, woran er dachte, aber davon konnte er unmöglich wissen. Mit einem Mal fühlte er sich unwohl hier, wusste nicht mehr, ob es so schlau war zu akzeptieren, dass der Mann seine Identität nicht preisgeben würde. Noch weniger, als das Stück Pergament in die Mitte des Tisches geschoben wurde und die Anwesenden anstarrte. Umso schockierter war Byron, als er beobachtete, wie einige der Teilnehmer zur Feder griffen und ihren Namen auf das Papier setzten - selbst Salome, die vorher so skeptisch in die Runde geblickt hatte, Byron mit ihren Blicken in seinem Zweifel bestätigt hatte.
    Ein Orden, der kämpfte, gegen all das, was Byron verabscheute. Und die Menschen in diesem Raum, Menschen deren Persönlichkeiten nicht zusammenpassten, beschlossen, sich diesem Orden anzuschließen. Wahnsinn? Vermutlich. Vor allem, weil der ehemalige Ravenclaw jeden ausgelacht hätte, wäre er nur auf die dumme Idee gekommen, jemand wie er, ausgerechnet Byron Clairmont könnte sich daran beteiligen - dass nur irgendjemand auf die Idee kam, so eine unscheinbare Gestalt wie ihn mit einzubeziehen! Gerade dieser Gedanke war es, der ihm doch noch die Kraft gab, ebenfalls die Federspitze anzusetzen, um seinen Namen auf das Pergamentpapier zu setzen. Von nun an gab es kein Zurück mehr. "Es geht schon lange nicht mehr um unser Wohlbefinden, oder?" Er war überraschenderweise der einzige, der noch etwas hervorgebracht hatte, nachdem er ein paar Sekunden auf die Buchstaben starrte, die er auf das Papier gesetzt hatte. Nein, mittlerweile ging es um so viel mehr. Und es erfüllte ihn mit Genugtuung zu wissen, dass jemand ihn für fähig genug hielt, etwas zu bewirken.

  • //Nicht gut, aber Jonas unterschreibt dann auch endlich mal.


    Es war wirklich unangenehm. Nicht nur, dass er seinen Blick nicht heben konnte, weil dann die Gefahr bestand, dass er den Fremden anblicken und seine Kopfschmerzen stärker werden würden. Nein, infolgedessen war er auch nicht wirklich in der Lage sich an dem Gespräch zu beteiligen oder in die Gesichter der anderen Anwesenden zu sehen, um ihre Reaktionen einzufangen. Auch wenn er es immer wieder versuchte. Immer wieder hob der Waliser doch den Blick, suchte nach einem der vertrauten, insbesondere Salomes und Rudes, um zu verstehen, was sie von all dem hielten. Selbstverständlich lauschte er dabei auch den Worten des Gastgebers, versuchte ihnen zu folgen, auch wenn er zunächst eher genervt war. Seine Entschuldigung, die er vornehmlich an Salome richtete, waren für ihn nichts als leere Worte. Er versuchte sich heraus zu reden. Er wollte nicht erkannt werden, weil er ihnen nicht traute, so einfach war das. Jonas nahm ihm das nicht übel. Wäre er an der Stelle des Fremden gewesen, hätte er wohl ebenfalls keinem hier getraut. Aber dann hätte er sie auch nicht hier her eingeladen. Der Gastgeber jedoch wollte sein eigenes Risiko so gering wie möglich halten – etwas, dass bei so einer Aktion eben schwerlich ging. Dass er es doch versuchte, zeugte für Jonas für Feigheit. Aber es konnte ja auch nicht jeder so draufgängerisch wie er selbst sein. Es wurde eine ernstliche Gefahr erwähnt, etwas, dass Jonas ein ungutes Gefühl in der Magengrube verspüren ließ. Jonas blickte nicht auf. Nein, er regte sich nicht, nicht einmal als sein Name fiel. Es ließ ihn jedoch nur noch mehr aufhorchen, sorgte dafür, dass seine Gedanken sich umher warfen, fragend, worauf diese Gestalt wohl anspielte. Ahnte sie, was Jonas dachte? Was er fürchtete, wenn seine Eltern wieder einmal fortgegangen waren, wenn sie ihn und Daphne aus den Gesprächen mit anderen ausschlossen? Nein, er ahnte nichts von der tatsächlichen Gefahr die drohte, er glaubte nicht, dass Voldemort zurück war. Doch irgendetwas geschah, die Politik veränderte sich, die Menschen trauten sich wieder Dinge auszusprechen, die sie lange Zeit zu recht verschwiegen hatten. Schlammblut war kein schändliches (und relativ bedeutungsleeres) Schimpfwort mehr, sondern ein Statement für einen gewissen Personenkreis. Das Statement, dass man noch immer Ideale verfolgte, dass man sich für besser und wertvoller hielt als andere. Dass es sich dabei um jene Menschen handelte, die sich einst feigerweise unter einer silbernen Maske versteckt hatten, war für Jonas dabei naheliegend. Er war nicht so naiv zu glauben, dass man alle ehemaligen Anhänger des dunklen Lords gefangen und hinter Gitter gebracht hatte. Dafür hatte es zu viele vermeintlich unwissende Imperius-Opfer gegeben. Dennoch lebte Jonas derweil in der ebenso unschönen, aber zumindest minder mysteriösen Annahme, dass irgendeiner dieser Männer und Frauen sich als neuer Anführer hervor getan hatte. Dass jemand sich dem alten Zirkel bediente, sie zu formieren gedachte, um die ach so glorreichen Zeiten wieder aufleben zu lassen.
    Erst als der Fremde die doch deutlich unangenehmere Wahrheit aussprach, wurde Jonas klar, dass er sich geirrt hatte. Er zweifelte keinen Augenblick an den Worten der illusionierten Gestalt. Wie sollte es auch anders sein? Nun hob er doch den Kopf, zwang sich ihren Gastgeber anzusehen und zu verstehen. Lord Voldemort war nicht tot. Es war... ernüchternd, ja. Aber es gab keinen Grund nun, da es jemand ausgesprochen hatte, noch etwas anderes zu glauben. Der Waliser hatte sich durchaus gefragt, welchem Zauberer die ehemaligen Todesser nun folgten, wer es geschafft hatte, sie derart von sich zu überzeugen. Die Wahrheit war, dass es immer noch derselbe war. Immer noch jener Zauberer, den das Ministerium vor Jahren für tot erklärt hatte. „Wie?“, hakte der ehemalige Gryffindor nach, auch wenn ihm durchaus klar war, dass ihm niemand hier diese Frage vermutlich beantworten konnte. Wie konnte Lord Voldemort leben, wenn doch so viele Menschen seinen Tod gefeiert hatten? Wenn dieses kleine Kind seinen Fluch überlebt hatte? Jonas Stimme blieb ruhig, doch die Anspannung in seinem Körper, die sich bis in seine Kiefermuskeln zog, verriet, dass diese Ankündigung durchaus etwas in ihm auslöste. Der neue Feind war also der alte. Und jetzt? Was bedeutete das für sie? Hatte der Fremde sie nur hier her gelockt, um Ihnen Angst zu machen? Die Antwort folgte noch, bevor Jonas seine Frage verbalisieren konnte. Der Orden des Phönix. Natürlich hatte er davon gehört, auch ihn hatte man ihnen versucht im Geschichtsunterricht nahe zu bringen. Nicht, dass Jonas jemals sonderlich gut in diesem Fach aufgepasst hätte. Dennoch war ein bisschen etwas hängen geblieben. Zum Beispiel die Bewunderung des vierzehnjährigen Jonas, der es sich als allzu aufregend vorgestellt hatte, im Geheimen gegen das Böse aufzubegehren. Ja, er hatte diese Menschen im Geheimen bewundert und doch gefiel ihm nicht so ganz, worauf das ganze hier hinaus laufen sollte. Der Fremde sprach von Wir, bezog ihn ungefragt mit ein und eigentlich hätte das den Löwen freuen müssen. Tatsächlich aber war ihm unwohl bei dem Gedanken, sich dem zweiten Orden anzuschließen. Nicht aus Angst um sich selbst, sondern um die Opfer, die ein solches Unterfangen bedeuten konnte. Von seiner Ausbildung einmal abgesehen war da noch Daphne. Wenn man ihn mit einer Organisation in Verbindung brachte, die sich gewissermaßen gegen das Ministerium zu verschwören drohte, würde es ihm sogut wie unmöglich werden, seine kleine Schwester zu sehen. Allerdings galt all das nur, falls ihre Zusammenkunft nicht geheim blieb. Es war ungewiss, was geschehen würde, wenn er das Pergament, dass nun von einem der Anwesenden zum nächsten wanderte unterschrieb. Gewiss war jedoch, dass wenn er es nicht unterschrieb, er seine Chance verpasst hätte, etwas zu tun, bevor es zu spät war. Dann wäre er wie all die anderen, die ihre Augen lieber vor der Wahrheit verschlossen, um sich in vermeintlicher Sicherheit zu wiegen. Dann wäre er nicht anders als all jene Reinblüter, die den Blick abwandten, weil sie nicht leiden mussten, wenn sie nur kuschten. Nein, er würde nicht mit ansehen wie sich die Geschichte wiederholte. Denn, was hatte er auch zu verlieren? Cass war fort, Daphne ohne Kontakt zu ihm zumindest in Sicherheit. Sie würde der Name Fawley schützen. Ihn, einen offenen Blutsverräter allerdings ohnehin nicht mehr. Und so griff er nach der Feder, kaum dass der Grauling neben ihm (den der Fremde als Mr. Clairmont angesprochen hatte und der, nun erinnerte Jonas sich wieder, mit ihm in einer Stufe gewesen war) seinen Namen gesetzt hatte.„Darum ging es nie.“, erwiderte er auf seine Frage, als unter Byron Clairmont mit leisem Federkratzen ein Jonas Myrddin Fawley folgte, „Sonst wären wir nicht hier.“ Und es stimmte. Der Fremde hatte sie alle nach einem bestimmten Kriterium ausgewählt. Sie alle hatten bewiesen, dass es ihnen zu einem Zeitpunkt in der jüngeren Vergangenheit wichtiger gewesen war, für das Richtige einzustehen, als sich in Sicherheit zu wiegen. Sie alle hatten auf die eine oder andere Weise gezeigt, dass sie bereit waren, Risiken einzugehen. Ganz gleich wie grau der Großteil dieses Tisches in diesem Augenblick auch aussah, Jonas ahnte bereits vage, dass es hier bald vor Farben wimmeln würde.

  • Lord Voldemord ist nicht tot.

    Dreimal. So oft hatte Deverell diese Worte nun schon in seinem Leben vernommen. Beim ersten Mal war er noch Schüler gewesen, ein halbes Kind, das geglaubt hatte, mit harschen Worten und der nötigen Courage würden sich sämtliche Probleme aus der Welt schaffen lassen. Beim zweiten Mal war er zwar älter gewesen, aber mindestens ebenso idealistisch und von demselben unerschütterlichen Willen beseelt, die Dinge nicht hinzunehmen, wie sie waren. Nun, beim dritten Mal, dass der Name des wohl gefürchtetsten Zauberers dieser Zeit seine empfindlichen Trommelfelle vibrierend passierte, hatte er die Arme fest vor der Brust verschlossen und regte sich keinen Zentimeter, aus Angst, er müsse andernfalls in sich zusammenfallen.
    Während die übrigen Anwesenden sich um dein kleinen Tisch gereiht hatten, war er zunächst wegen dem bohrenden Misstrauen in seiner Brust stehen geblieben. Nun aber fühlte es sich an, als würden die Worte des Fremden aus allen Richtungen an ihn zerren und jene Gedanken in ihm aufwiegeln, die er innerhalb des letzten halben Jahres zwischen wenigen Vollmondnächten und dem eigenen Unglück gänzlich verdrängt hatte. Und wie jedes Mal, da er diese einfache Wahrheit vernahm, die bereits seit geraumer Zeit wie ein Krebsgeschwür ihre Wurzeln im Verborgenen treiben ließ, war angst das einzig klare Gefühl, dass er verspürte.
    Es war albern. Infantil. Schwächlich. Und gleichzeitig wusste jede Faser seines Körpers bis hin zu den geschärften Sinnen, die ihn seit seiner Verwandlung plagten, dass es mehr als gerechtfertigt war, sich zu fürchten.
    So vieles hatte er bereits verloren. So vieles, dass er zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens beinahe geneigt gewesen war von allem zu sprechen. Und doch gab es noch so vieles mehr, dessen Verlust er schmerzlich fürchtete und zu verhindern gedachte. Er konnte nur ahnen, wie es den anderen ging, die nun nach und nach zögerlich nach Tinte und Federkiel griffen, um ihren Namen auf eine Liste zu setzen, dessen Urheber allein derart undurchsichtig war, dass jeglicher gesunde Menschenverstand dagegensprach.
    Kai war die erste, die sich rührte. Und obwohl sein ganzer Körper sich zerrissen fühlte, hätte Rude beinahe einen Schritt nach vorn gemacht, um nach ihr zu greifen und sie zurückzuhalten – Beinahe. Ehe er sich dazu hätte überwinden können, war der Augenblick längst verstrichen, ohne dass er sich auch nur einen Millimeter gerührt hätte.
    Nach und nach folgten die übrigen Zauberer und Hexen, die sich an diesem seltsamen Ort versammelt hatten. Manche davon zu Deverells großer Überraschung, andere, von denen er nichts anderes erwartet hatte und wiederum andere, bei denen seine Einschätzung bis dato eher vage gehalten gewesen war.
    Sie alle setzen ihren Namen und ihr Vertrauen auf die Liste des Fremden, die ebenso gut ihr Todesurteil hätte darstellen können. Und sie alle taten es mit derartiger Entschlossenheit, dass Rudes Lippen mit jedem weiteren Namen ein Stück schmaler wurden.
    Als schließlich auch der letzte in der Runde das Pamphlet unterschrieben hatte und die Augen des Fremden langsam aber sicher zu dem stehenden Zauberer glitten, löste sich dieser, in rostigen Bewegungen, die an ein altes Aufziehspielzeug erinnerten, aus seiner Starre und trat nun endlich an den Tisch.
    „Wenn das, was Sie sagen stimmt, ist das Ganze ist blanker Selbstmord.“, gab er mit kratziger Stimme zu bedenken und fixierte den Fremden dabei so gut es ging, ohne dass ihm von der ständig wechselnden Illusion, die ihn umgab, übel werden konnte, „Der letzte Kampf gegen Du-weißt-schon-wen wurde nicht durch irgendeinen Geheimbund gelöst. Nicht auf dem Schlachtfeld oder durch Entschlossenheit. Sondern durch ein kleines Kind und einen riesigen Zufall.“
    Seine Kehle war staubtrocken. Der Nahe Geruch des anderen Werwolfes und das ständige wechseln der äußeren Merkmale des Mannes vor ihm, sorgten dafür, dass ihm schwindelig wurde und er sich verstohlen mit einer Hand am Tisch abstützen musste, um nicht vornüber zu fallen.
    „Sie verlangen von uns die absolute Aufgabe unserer eigenen Sicherheit, indem wir unsere Namen auf dieses Papier setzen. Sie verlangen von jedem einzelnen, dass er sich und seine Familie in Gefahr begibt, während sie selbst nicht einmal ihr Gesicht zeigen.“, der Werwolf zog die Lefzen zu einem knurrenden Zähnefletschen hoch, das mehr dem Tier in ihm, als dem jungen Zauberer zu ähneln schien, „Am liebsten würde ich ihnen dieses elende Papier in den Rachen stopfen und diese doxyverseuchte Bruchbude auf der Stelle verlassen.“
    Er beugte sich in einer so raschen Bewegung nach vorn, dass die Umhersitzenden wohl annehmen mussten, er würde seine Drohung nun wahrmachen. Statt dem unbekannten Gastgeber jedoch auch den Kragen zu gehen, griff er nach der Feder und setzte seinen Namen unter all die anderen.
    „Aber jeder andere diesem Tisch hat auf die ein oder andere Art bewiesen, dass man ihm Vertrauen schenken kann. Und genau das tue ich.“



    //Off: Suprise! Eigentlich wollte ich ja warten, bis jeder geschrieben hat... Aber jaaah... Ich bin in dem Post jetzt einfach davon ausgegangen. Vielleicht setzen wir einfach ein Ende dran?

  • Der Blick des Mannes, der sein Gesicht vor uns Gästen so gekonnt verschleiert, ruht öfter und länger auf mir, als mir lieb ist. Immer wieder senke ich die Augen, bloß flüchtig huschen sie einmal hinüber zu meiner ehemaligen Hauslehrerin, nur um dieselbe Frage auf ihrem Gesicht zu lesen, die sich auch mir aufdrängt. Woher weiß er davon? Woher weiß der Fremde, dass ich Ihn gesehen habe, damals im Anwesen der Notts? Obwohl ich die Gestalt des Fremden nicht einordnen kann, möchte ich nicht glauben, dass er unter den Versammelten war, dass er mit dem Lord und seinen Schergen am langen Tisch im Speisesaal gesessen hat und sich deshalb an mich erinnert. Wenn er aber nicht dort war, kann er nicht wissen, dass ich anwesend war und Ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden bin.
    Doch nicht nur ich und Victoria Lestrange sind skeptisch. Ein junger Mann aus unserer Runde, mit dem ich nicht näher bekannt bin, spricht aus, was ich gedacht habe.
    Der Fremde aber gibt keine Auskunft, erklärt nicht, woher er sein Wissen bezieht. Und damit nicht genug… Der Name, den er so leichtfertig ausspricht, als handele es sich um den eines beliebigen Menschen, blitzt auf wie ein Zauber und hinterlässt unseren ungleichen Haufen geschockt und sprachlos. Ich brauche einige Augenblicke, ehe ich bemerke, dass ich die Luft angehalten habe und den Fremden unverwandt anstarre. Ich spüre mein Herz in meinem Brustkorb hämmern, als wolle es die Rippenbögen sprengen – und noch immer ruht der Blick des Mannes auf mir, auf mir und Mrs Lestrange. Ich glaube, er bezichtigt uns insgeheim der Anhängerschaft des Lords.
    Wie durch ein Wunder scheint aber niemand der anderen Anwesenden den Wink des Zauberers verstanden zu haben. Nicht einmal Burton, der sonst keine Gelegenheit auslässt, mich mit misstrauischen Blicken zu taxieren, kommentiert die Information, ich hätte den Lord gesehen. Jeder scheint mit seinen eigenen ängstlichen Gedanken beschäftigt – bis der Fremde ein Blatt Pergament auf den Tisch legt.
    Ich kann kaum glauben, wozu er uns auffordert. Was für eine Dreistigkeit! Etwas perplex beobachte ich, wie die Anwesenden vortreten, einer nach dem anderen, und ihre Unterschrift auf das Blatt setzen. Sie verschreiben sich, ihr Glück, ihr Leben einem Mann, der sein Gesicht vor ihnen verhüllt.
    Stets war es mein Ziel, Ärger zu umschiffen, mich weder auf die Seite des Lords und meiner Familie zu schlagen, noch offen gegen sie Position zu beziehen. Noch heute muss ich jenen Teil in mir niederringen, der an meine Vernunft appelliert und das Haus möglichst schnell – mit verändertem Gedächtnis, dafür aber frei – zu verlassen. Dann aber betrachte ich die Gesichter zweier Menschen, die mit mir am Tisch sitzen – Salomes, Victoria Lestranges – und ich weiß, was ich zu tun habe. Schon längst weiß ich, wem meine Loyalität gehört. Ich werde kämpfen. Ich werde jenes Leben, das ich beendet habe, aufwiegen mit dutzenden anderen, die ich zu retten gedenke. Victoria Lestrange hatte recht: Irgendwann kommt im Leben eines jeden der Punkt, an dem er sich für eine Richtung entscheiden muss. Auch ich kann nicht für immer an der Weggabelung stehen und zaudern.
    Sie verlangen viel von uns“, meine dunklen Augen fixieren das Gesicht des Fremden. „Ich hoffe, Sie sind sich dessen bewusst.“ Ich klinge nicht annähernd so aufgebracht oder rüde, wie es mein Artgenosse tun wird, der als letzter vortreten sollte. Auch, wenn ich Burtons Worte durchaus gutheißen werde, ich hätte sie niemals in dieser Form ausgesprochen. Anstatt zu protestieren, anstatt darum zu bitten, in mein vorsichtiges, ängstlich bedachtes Leben zurückkehren zu dürfen, greife ich nach der Feder und setze meine Unterschrift unter die des jungen Mannes, der sich zuvor so ungehobelt benommen hat.



    //Und damit haben wir alle unterschrieben.//

  • //Toni und ich vermissen den Orden ganz doll und dachten, dass wir auch ohne Plotfortschritt ein bisschen Liebe untereinander verteilen können. Natürlich ist das Erscheinen und Mitposten super krass freiwillig. @Der Fremde is auf jeden auch eingeladen. :D Liebe! (Sollte irgendwas dagegen sprechen, dass wir das tun, please let us know.)


    "Oh verdammter Kröterkack!", rief Kai mit einem Mal aus und hastete die steilen Treppen hinunter. Mit einer Hand griff sie nach der Balustrade um nicht aus der Kurve zu fliegen und schlug dann die Tür zur Küche auf. Augenblicklich empfing sie der Geruch von verkohltem Fleisch und eine dichte Wolke aus Rauch. Hustend schlug sie sich bis zum Ofen her vor und riss diesen auf. Ihre Augen begannen zu brennen und der Gestank ließ sie ihr T-Shirt vor die Nase ziehen. "Oh, bei Merlins gepunkteter Unterhose!" Enttäuscht ließ sie sich auf den Boden sinken und starrte jenes Stück Kohle an, das einmal ein Braten hätte sein sollen. Dabei hatte sie sich den Abend so schön vorgestellt. Nach einem langen Tag der Arbeit im Grimauldplatz wollte sie ihren Freunden ein nettes Abendessen machen, damit sie auch mal Zeit hatten, sich über andere Dinge als den nahenden Weltuntergang zu unterhalten.
    Seit zwei Jahren existierte der Orden nun schon und trotzdem hatte die Polin das Gefühl die Anderen so gut wie gar nicht zu kennen. Von Rude natürlich einmal abgesehen, schließlich waren die beiden schon seit der Schule enge Freunde. Auch mit Virginia hatte Kai über die Zeit so etwas wie eine Freundschaft aufgebaut, doch auch bei ihnen drehten sich die Gespräche meistens nur um Voldemort und seine Anhänger oder über eine erneute Gnominfestion im Garten. Zeit, dass sich das änderte.
    Mit dem verbrannten Braten aber sah es aus als würde das Essen ins Wasser fallen. Vermutlich würden sie einfach alle nach Hause gehen und sich unterwegs was beim Imbiss an der Ecke holen. Nein! Kai hatte sich diesen Plan in den Kopf gesetzt und sie würde schon irgendwie dafür sorgen, dass sie etwas zu essen bekamen. Sicherlich hätte man dieses Abendessen auch einfach verschieben können, doch wer wusste schon, wann sie das nächste mal so zahlreich zur gleichen Zeit hier sein könnten. Außerdem hatte Kai jetzt Hunger.
    Also seufzte sie noch einmal und zog dann ihren Zauberstab hervor, den sie sich hinters Ohr geschoben hatte. Die ehemalige Gryffindor war noch nie besonders gut mit Küchenzaubern gewesen. Besonders seitdem sie rausgefunden hatte, dass man ein Muggelgerät nutzen konnte um sich Pizza direkt vor die Haustür bringen zu lassen, war sie extrem aus der Übung geraten. Einen Versuch war es aber allemal wert.
    Leise murmelte sie die Worte und schwenkte ihren Stab entsprechend in der Luft herum. Kurz sah es aus als würde es tatsächlich funktionieren. Die äußere, schwarze Schicht begann sich aufzuhellen und nahm langsam eine goldbraune Farbe an. Kai begann zufrieden zu Grinsen, doch diese Zufriedenheit wurde ihr im nächsten Moment wieder aus dem Gesicht gewischt. Mit einem Mal ging der ganze Braten in Flammen auf. "Aguamenti!", brüllte sie erschrocken und ertränkte Feuer und Vogel in Wasser. Damit gab sie sich endgültig geschlagen.
    Der Braten mochte vielleicht dahin sein, aber die Dinner Party war noch nicht verloren. Sie stand auf und ging zu ihrem Rucksack herüber, den sie bei Ankunft übe eine der Stuhllehnen gehängt hatte. Im nächsten Moment tippte sie die Nummer einer Pizzeria in das Muggelgerät ein, ehe sie es sich ans Ohr hielt, doch außer einem wilden Piepen passierte nichts. Kai erinnerte sich, dass die ganze Magie verhinderte, dass elektronische Geräte in Hogwarts funktionierten. Vermutlich war es hier ähnlich. Also ging sie vor die Tür und versuchte sie noch einmal.
    "Ah ja hallo! Ich wollte sie fragen, ob sie mir ehm... also ob ich eine Pizza haben könnte.", versuchte Kai zu erklären, als sich eine Stimme am anderen Ende meldete. So richtig wusste sie noch nicht, wie man das machte. "Ja genau, bestellen. Also vielleicht auch eher so fünf... ja groß ist gut... nein, keine Ananas.... hm, ja gut eine mit Ananas dann... okay danke... achso die Adresse, ja... das ist Grimmauldplatz zwö- ehm... also... kann ich das einfach auf der Straße abholen? Am Grimmauldplatz? Geht das?... Ah, okay, wunderbar. Danke. Tschüss!" Sie drückte einen der Knöpfe und steckte das Kommunikationsgerät in ihre Hosentasche. Dann wartete sie.
    Eine ganze Weile später trat sie beladen mit Pizzakartons in die Küche. Sie stellte die Kartons auf dem Küchentisch ab und rief dann so laut sie konnte in die Weiten des Hauses: "Hey Leute!! Essen ist fertig!!"

  • Obgleich die Lestrange ihre Lehrtätigkeit in diesem Schuljahr deutlich reduziert hatte, was nur durch Miss Nosmions überraschend professionellen Unterricht möglich war, blieb ihr kaum mehr Zeit für Entspannung. Wobei ihre Auffassung von »Entspannung« keineswegs der gängigen Definition entsprach. Workaholic war sie schon immer gewesen und ihre Tätigkeit im Zaubergamot (vormals Zaubergamot-Verwaltungsdienst) erforderte eine gewisse Affinität für staubige, alte Dokumente. Anstatt sich also ein langes Bad und ein gut gekühltes Glas Weißwein zu gönnen, nutzte die Dunkelhaarige ihre knapp bemessene Freizeit dazu, sich in bisweilen untätigen Organisationen zu engagieren, indem sie ihren Montagabend damit zubrachte, aus dem Ministerium geborgte Unterlagen zu lange vergangenen Todesserverhandlungen zu durchstöbern… und an einem Glas Weißwein zu nippen. Der durfte immerhin nicht fehlen. Mit dieser Abendgestaltung wäre sie auch vollauf zufrieden gewesen, aber jemand hatte andere Pläne. Miss Kowalski schien es sich in den Kopf gesetzt zu haben, die übrigen Mitglieder mit einem gemeinsamen Abendessen zwangszubeglücken, damit sie einander besser kennen lernen konnten. Jedenfalls legte ihr enthusiastischer Ausruf ebendies nahe. Kurzzeitig zog die Großmeisterin des Zaubergamots es in Erwägung, dem Ruf des Rotschopfes einfach nicht Folge zu leisten und sich weiterhin mit ihren Akten zu beschäftigen. Immerhin konnte sie nicht von sich behaupten, den übrigen Mitgliedern ihrer kleinen Versammlung besonders nahe zu stehen. Derrick Nott kannte sie zwar schon, seit er Laufen gelernt hatte, und während seiner Schulzeit hatten sie — nicht zuletzt aufgrund des geheimen Okklumentik-Trainings — ein wenig mehr miteinander zu tun gehabt. Nach seinem Abschluss hatte er sich jedoch redlich bemüht, ihre einigermaßen freundliche Beziehung wieder erkalten zu lassen. Gegenüber Mr. Burton, der während seiner Hogwarts-Jahre überwiegend negativ aufgefallen war, war die Hexe nach seinem Abschluss jedoch aufgetaut, was man von Miss Kowalski trotz ihrer Rückkehr nach Hogwarts als Lehr- und schließlich Wildhüterassistentin nicht behaupten konnte. Die ehemalige Gryffindor war in Victorias Augen einfach ein wenig zu laut und chaotisch — ein Eindruck, den das liebevoll vorbereitete Abendessen nur verstärkte.
    Schlussendlich hatte sich die Dunkelhaarige doch dazu durchgerungen, Miss Kowalskis schallenden Schreien in die Küche zu folgen, was sie allerdings umgehend bereute. Im Türrahmen blieb die Hexe stehen, lehnte sich dagegen und nippte an ihrem Weinglas, während sie mit amüsiert gerunzelter Stirn die Pizzakartons betrachtete. Hatte Kowalski nicht etwas von Essen gesagt? „Wirklich? Wo denn? Ich sehe nichts außer fetttriefendem, ungenießbarem Junkfood …Und was ist dieser widerliche Geruch? Versuchen Sie, das Haus auszuräuchern?“ Bisher hatte die ehemalige Gryffindor keine sonderlich gute Arbeit geleistet, wenn es darum ging, die Schädlingsplage in diesem Haus in den Griff zu bekommen. Noch immer versteckten sich Doxys in den Vorhängen und bissen jeden, der zu lange in ihrer Nähe verweilte. Da die Ungezieferbekämpfung so langsam Fortschritte machte — schließlich hatte jedes Mitglied ein Leben abseits des Grimmauldplatzes und konnte nicht rund um die Uhr Kammerjäger spielen —, waren die Besucher des Hauses dazu übergegangen, stets einen beachtlichen Vorrat an Doxy-Gegengift in Schränken und Vitrinen aufzubewahren. Kästen mit ihr unbekanntem Inhalt scheute die Lestrange jedoch, aus Angst, ein Irrwicht könnte sich darin versteckt halten. Sie hatte nun wirklich kein Interesse daran, ihrem schlimmsten Albtraum vor den Augen der übrigen Mitglieder gegenüberzutreten. Auch um das Porträt der ehrwürdigen Mrs. Black machte die Hexe einen großen Bogen. Zwar wusste sie nicht, wie die ehemalige Hausherrin bei ihrem Anblick reagieren würde, aber Vorsicht war besser als Nachsicht. So reinblutfanatisch, wie das alte Weib war, wusste es vermutlich, dass Victoria keineswegs aus dem Familienzweig der Blishwick entstammte, wie sie behauptete… und das wollte sie die übrigen Besucher dieses Hauses nun wirklich nicht wissen lassen, schon gar nicht, so lange sie einander so wenig vertrauten wie bisher.
    Kopfschüttelnd deutete die Hexe mit ihrem Weinglas auf die Pizzakartons. So, wie das aussah, würde sie heute bei ihrem flüssigen Abendessen bleiben. Traubensaft, wenn auch gegoren, war bestimmt gesünder und kalorienärmer als das einzige, wozu Kais Kochkünste ausgereicht hatten. „Bitte, Miss Kowalski, sagen Sie, dass Sie die Geheimhaltung dieses Ortes nicht gefährdet haben, weil Sie Pizza bestellen wollten.“ Bisher hatte sie die Rothaarige für überstürzt und hitzköfpig, nicht aber für dumm gehalten.


    //Sounds like fun, bin dabei! Bisschen Bitchiness, ist aber alles nur lieb gemeint ♥

  • Es war ein gefühlt unendlich langer Tag gewesen.
    Nachdem Deverell den Großteil des Tages, wie es mittlerweile beinahe zur Gewohnheit geworden war, am Schreibtisch mit dem sichten verschiedenster Dokumente und dem beenden des letzten Rechenschaftsberichtes verbracht hatte, waren er und Kaya gegen Nachmittag dazu abgestellt worden einige Lagerhäuser in der Nähe der St Katharine Docks zu überprüfen, von denen man glaubte, sie dienten als Zwischenlager für einige illegal importierter Feuerwerkskörper, von denen in letzter Zeit immer mehr auf den Markt geschwemmt wurden und die, statt zu explodieren lediglich widerlich stinkenden Rauch absonderten und damit Schimpfwörter in den Nachthimmel kritzelten.
    An sich wäre dieser Fall nicht einmal ein müdes Schmunzeln wert gewesen, waren derartige Scherzartikel doch recht harmlos und wären, unter den richtigen Umständen, sicher ein wahrer Renner unter den Jugendlichen geworden. Wäre da nicht die Tatsache, dass die betreffenden Feuerwerkskörper haargenau wie Dr. Filibusters Fabelhaftes Nass-Zündendes Hitzefreies Feuerwerk aussahen und von unwissenden Händlern als ebendiese verkauft wurden. Ein Umstand, welcher Filibuster, als vermeintlichen Produzenten fehlerhafter Ware, neben einigen Klagen einen deutlichen Imageschaden beschert hatte, den dieser nicht bereit war hinzunehmen.
    Mit einem derart einflussreichen Unternehmer im Nacken, durchsuchte das IBIS dementsprechend bereits seit einigen Wochen die verschiedensten Anlaufstellen, ohne nennenswerte Erfolge verzeichnen zu können. Und da bisher jeglicher Hinweis darauf fehlte, dass die betreffenden Scherzartikel tatsächlich illegal ins Land gebracht worden waren und nicht etwa irgendwo in der Gegend produziert wurden, hielt sich der Aufwand, mit dem man die Suche betrieb, eher in Grenzen. Nach außen hin versuchte man Filibuster entgegenzukommen und versicherte der Familie die volle Unterstützung des IBIS, intern war jedoch allen Mitarbeitern klar, dass sie erst in dem Augenblick wirklich zu ermitteln beginnen würden, in dem jemand den Beweis lieferte, dass der Fall in ihre Zuständigkeitsbereiche fiel.
    Ein Beweis, den auch die heutige, sinnlose Suchaktion nicht hatte erbringen können. Wer auch immer den Tipp gegeben hatte, an den St Katherine Docks würde sich ein Lagerhaus voller illegaler Feuerwerkskörper befinden, hatte furchtbar schlechte Arbeit betrieben. Sie hatten rein gar nichts gefunden. Und das obwohl Kaya darauf bestanden hatte, sämtliche Lagerhäuser in der näheren Umgebung, muggelbetrieben oder nicht, ebenfalls zu sichten.
    Ein völliger Reinfall.
    Alles, was Rude nun noch wollte war, die Füße hochzulegen, Umhang und Krawatte loszuwerden und etwas Warmes zu essen. Vorher hatte er sich allerdings vorgenommen zumindest noch kurz im Hauptquartiert des Ordens vorbeizuschauen, um zu sehen, ob es zumindest etwas zu tun gab, was er nicht als völlige Zeitverschwendung empfand. Und wenn er nur ein paar der Lästigen Doxys aus den Vorhängen im zweiten Stock vertrieb, ehe er sich wieder verabschiedete.
    Mit diesem Gedanken öffnete der ehemalige Gryffindor müde und gedanklich schon beinahe wieder zuhause angelangt die Tür zu dem für alle außenstehenden unsichtbaren Haus, als ein stechender Geruch in die Nase drang und er abrupt stehen blieb.
    Feuer!
    Mit einem Mal zog sich alles im erschöpften Körper des Werwolfs ruckartig zusammen. Der Geruch von verbranntem Fleisch und beißendem Rauch zuckte durch jeden Muskel und ließ nur Anspannung und schrillende Alarmbereitschaft zurück.
    Ehe sein Kopf sich dazu durchgerungen hatte den zweiten Geruch, der sich beinahe sanft schmeichelnd über den ersten zu legen versuchte, zu identifizieren, hatte Deverell seine schwere Aktentasche bereits fallenlassen und war der Nase nach in Richtung Küche gestürzt, nur um im letzten Moment abzubremsen, als er die Gestalt bemerkte, deren eleganter Rücken bereits im Türrahmen zu sehen war. Das Ganze mochte vielleicht nur einige Sekundenbruchteile gedauert haben – vom Eingang waren es nur wenige Schritte – aber dennoch brachte Deverell nur ein Keuchen hervor, während er sichtlich Mühe hatte das berauschende Adrenalin in seinen Adern und die offensichtlich fehlende Gefahr, die ihm Kais überraschtes Gesicht und die vielen Pizzakartons auf dem Tisch suggerierten, in Einklang zu bringen. Verwirrt huschte sein Blick zwischen Victoria Lestrange, dem Weinglas in ihrer Hand, Kai und den Schachteln hin und her. Nun schien sein Gehirn auch endlich in der Lage die übrigen Gerüche, wie den nach Oregano und geschmolzenem Käse, richtig einzuordnen.
    „Was…“, brachte er schließlich hervor, nachdem er eine ganze Weile einfach nur hinter seiner ehemaligen Professorin gestanden hatte und nun erst einmal vorsichtig seine Krawatte richtete, um den peinlich überhetzten Eindruck zumindest in Teilen zu retten, „Ich… puh… also… Ich hätte schwören können es brennt. Der ähm… also es riecht… ist das Pizza?“
    Deverell blinzelte. Seine Mundwinkel zuckten und bildeten ein schiefes, entschuldigendes Lächeln. Er atmete ein weiteres Mal tief ein und aus, kratzte sich ein wenig am Hinterkopf und murmelte dann: „Tja, da hab ich wohl.. chrm. Überreagiert. Verzeihung.“



    //Off: Party? ♥

  • Montage gehörten sonst eigentlich nicht zu Virginias Lieblingstagen. Auch wenn sie ihre Arbeit mochte und sich nicht wie so manch anderer jeden Tag zu seinem elendig öden Bürojob schleppte, konnte es doch auf Dauer eintönig werden, den lieben langen Tag in der Galerie zu sitzen, Kunden zu beraten, Veranstaltungen vorzubereiten, die Korrespondenz zu ihren Künstlern zu führen und so weiter und so fort. Doch seitdem ihr Chef beschlossen hatte, ihr die Arbeit durch einen neuen Angestellten zu versüßen, war so manches in dem Laden einfacher geworden. James mochte nicht die gleichen Befugnisse oder Expertise wie sie besitzen, dennoch erlaubte ihr seine Anwesenheit, sich auch mal früher in den Feierabend zu verabschieden. So wie heute. Schon am Nachmittag war sie an den Grimmauldplatz appariert und hatte dann den Rest des Tages damit verbracht, sich dort in einem der Schlafzimmer einzuquartieren, um einen Haufen an alten Briefen zu lesen und diese dann in ein eigens angelegtes Ordnungssystem zu sortieren. Eine Aufgabe, die sie eigentlich schon längst hätte erledigen müssen, die sie allerdings aufgrund der offensichtlichen Tatsache, dass es einfach extrem langweilig war, seit zwei Wochen vor sich herschob. Hätte sie Victoria Lestrange geheißen wäre diese Aufgabe wohl schon längst erledigt – aber sie hatte weder die Disziplin noch ein Faible für solche Dinge.
    Die Schottin hatte nicht wirklich auf dem Schirm, wer sich sonst noch so im Haus des Ordens aufhielt. So eine wirkliche Gemeinschaft waren sie nach all der Zeit noch nicht geworden. Sicher trafen sie sich regelmäßig, tüftelten und planten, doch danach blieb meistens wenig Zeit, um bei einem entspannten Glas Wein noch zusammenzusitzen. Schade eigentlich. Alle von ihnen hatten schließlich noch ihr eigenes Leben, ihren eigenen Job, teils ihre eigene Familie. Es war nicht unüblich, dass ein stetes Kommen und Gehen in ihrem Hauptquartier herrschte und beraumten sie nicht gerade größere Treffen an, beließ man es meist bei einem kurzen Tratsch zwischen Tür und Angel.
    Schon seit einiger Zeit hörte sie es unter sich rumorieren und Virginia hatte nicht selten dem Drang widerstanden, aufzustehen, um nachzusehen, was dort vor sich ging. Erfolgfreich dieser Prokrastination strotzend, ignorierte sie sogar die aufgeregten Ausrufe und dem kurz darauffolgenden Geruch von verbranntem Fleisch. Erst als sie Kais durchdringendes Organ hörte, dass sie zum gemeinsamen Essen aufrief, hielt sie es nicht länger aus, still sitzen zu bleiben. Es wäre ihr neu gewesen, dass sie sich zum Essen verabredet hatten, doch sie hatte nichts dagegen einzuwenden. Sie heftete einen der letzten Briefe ab, zögerte einen Moment, ob sie ihren Tisch vorher noch aufräumen sollte und ließ es dann achselzuckend bleiben. Sie lief kurz nach Victoria (Virginia duzte alle aus Prinzip, ob sie es mochten oder nicht) die Treppe hinunter, rollte die Augen bei ihrem hochnäsigen Kommentar und zwängte sich dann an ihr vorbei in die Küche, gerade noch rechtzeitig, um nicht mit Rude zu kollidieren, der gerade zur Tür hineinstolperte. Was ein Timing! „Hui, alles ok?“, erkundigte sie sich nach seinem Wohlbefinden und wandte sich dann zur Küche.
    Das ist ja nice! Du hast Pizza bestellt?“, rief sie aus, um die abwertenden Kommentare ihrer Vorrednerin durch etwas positive Stimmung zu kontern. „Hatten wir irgendwas ausgemacht, was ich verplant habe oder ist das mehr so eine Überraschung?“, wollte sie wissen und inspizierte unbedarft die Pizzakartons. „Du hast nicht zufällig auch eine Vegane bestellt, oder?“, fragte sie die rothaarige Hexe und versuchte dabei so zu klingen, als wäre es kein großes Problem, wenn nicht. Sie hatte den Käse-weg-Zauber inzwischen quasi perfektioniert. Ohne nachzufragen begann sie ein paar Teller aus den Küchenschränken zu holen. So wie sie Victoria einschätzte, würde sie bestimmt nicht direkt aus dem Karton essen. Falls sie das ‚fetttriefende, ungenießbare Junkfood‘ überhaupt anrührte. „Gibt’s noch mehr von dem Wein eigentlich?“, richtete sie sich dann ungeniert fragend an die ältere Frau. So ein Essen war doch erst komplett, wenn man es durch einen guten Tropfen abrunden konnte.

  • Von allen Leuten, die in diesem Haus regelmäßig ein und ausgingen, war Victoria Lestrange die unangenehmste Gesellschaft und unglücklicherweise auch die, mit der Kai gezwungenermaßen am meisten Zeit verbrachte. Denn die beiden Frauen waren nicht nur beide im Orden, sondern würden auch bis zu den Ferien noch weiter in Hogwarts arbeiten. Wie Ceene es schaffte unter der Aufsicht von Lestrange zu stehen, war Kai ein Rätsel. Diese fragte sich manchmal noch immer heimlich, warum Victoria überhaupt hier war und nicht auf der anderen Seite der Geschichte stand. Sie schien eher so der Todesser Typ so sein, als jemand, der mit aller Kraft dagegen anging.
    Über die letzten zwei Jahre, hatte der Rotschopf aber auch verstanden, dass alle hier so ihre Geheimnisse hatten und jeder einen Grund, hier zu sein. Vielleicht schätzte sie Lestrange einfach völlig falsch ein und eigentlich steckte hinter der eiskalten Art, ein gutes Herz. Wenn dem so war, dann war das aber tief verbuddelt. Jetzt gerade funkelte Kai sie nur für einen Moment böse an und versuchte keine Diskussionen zu starten. Die hielt sich wohl für die Allertollste. Konnte ja nicht jeder die krassen Mum-Skills haben. Dafür würde Kai ihre zukünftigen Kinder bestimmt mit viel mehr Liebe und Spaß aufziehen, als es Leandra gegönnt war.
    "Ich hab's versucht, okay?" Kai hob die Schultern und ließ sie dann seufzend wieder sinken. Sie mochte diese förmliche Weise der Unterhaltung nicht und sie mochte es schon gar nicht, in diesem Ton kritisiert zu werden. Das fühlte sich an, als wäre sie wieder in der Schule und bekam von ihrer Lehrerin Motze. Bah, da war sie langsam doch echt mal rausgewachsen. "Das Hühnchen wollte halt Phönix spielen.", versuchte sie es jetzt mit Humor, rechnete sich aber keine hohen Chancen aus, dass Lestrange wirklich drüber lachen würde.
    "Natürlich nicht. Sowas würde mir nicht passieren. Wofür hälste mich denn?", fragte Kai fast schon empört. Den Ausrutscher am Telefon, vor dem sie sich gerade noch so hatte retten können, ließ sie unter den Tisch fallen. Schließlich hatte sie es ja noch rechtzeitig gemerkt und so war also gar nichts passiert. Alles gut. Kein Stress.
    Apropos Stress, im nächsten Moment kam auch schon Deverell ins Zimmer gestürmt, mit einem besorgten Ausdruck auf seinem Gesicht. Vor Schreck riss Kai die Augen auf und starrte den Lockenkopf an. Schnell aber begriff sie, was los war und begann zu lachen. "Kommt schon, Leute!", protestierte sie kichernd. "So schlimm ist das jetzt auch nicht." Dann aber warf sie einen Blick auf den noch immer leicht qualmenden Vogel und presste beschämt die Lippen zusammen.
    Als Virginias fröhliche Stimme von der Tür an ihr Ohr drang, atmete Kai erleichtert auf. Endlich jemand, der sich nicht über sie und ihre Kochkünste lustig machte oder um den Zustand der Küche besorgt war. Auf McGuffin war verlass... auf Kais Gedächtnis jedoch ganz offensichtlich nicht. "Oh Kröterkack.", murmelte sie und blickte entschuldigend zu ihrer Freundin herüber. "Ich wusste doch, da war was. Dickes sorry." Was war Pizza aber schon, ohne Käse? Das war ja mega die bescheuerte Sache. Fettiger Käse, der lange Fäden zog und einem richtig schön Bauchschmerzen verpasste, war doch das beste an der italienischen Delikatesse. Wie man darauf verzichten konnte, war Kai unbegreiflich.
    "Und ne, wir haben nichts geplant, aber" Sie richtete sich nun an die ganze Gruppe. "Ich dachte es wird Zeit, dass wir mal ein bisschen mehr Zeit zusammen verbringen und so. Wenn wir irgendwann mal wieder spannendere Dinge tun als Pixies zu jagen und den Garten zu engnomen, dann müssen wir uns voll vertrauen können und zusammen arbeiten und so." Kai zuckte mit den Schultern. So wirklich viel hatte sie sich nicht dabei gedacht. Sie war auch einfach interessiert daran, wie die anderen so drauf waren. Wobei sie Rude und Gigi ja kannte und von den anderen keine Spur war. Wenigstens Lestrange konnte sie ein bisschen aushorchen. "Kein Plan, dachte wär vielleicht ganz nett, oder?"

  • It may be a way... or death.
    @Jonas Myrddin Fawley
    10.11.2020, abends


    Es waren nur wenige Tage vergangen, seitdem Levin diesen ominösen Koffer mit all diesen Informationen von Geraldine Lovett erhalten hatte. Er hatte ihn gehütet wie seinen Augapfel, ihn im Monkshood in der versteckten Praxis aufbewahrt, hoffentlich gut genug geschützt, ehe er ihn heute zum Grimmauldplatz bringen konnte. Levin hatte sich damit am liebsten an Elias wenden wollen, doch sein Mentor und ehemaliger Ausbilder, sein Freund, durfte nicht noch mehr belastet werden. Levin hatte keine Ahnung, wie es um den Seelenzustand von Elias bestellt war, doch er konnte sich nicht vorstellen, dass es richtig war, nun ihn um Hilfe zu bitten. Und so ging er einen anderen Weg, über jenen Mann, der an seiner Seite gekämpft hatte, dem er vertraute, so wenig sie sich auch kannten. Jonas. Den Weg direkt zu Earnestine hatte Levin nicht gefunden, denn die Hexe schien ihm noch immer mehr als unnahbar, sodass er nicht wusste, ob dieser Schritt ein kluger gewesen wäre. So aber war es in Ordnung, denn mit irgendjemandem musste er sprechen – musste sich beraten, was der richtige Weg war.
    Und so saß er nun mit Jonas hier, hatte den Koffer bereits auf den Tisch gelegt, ihn aber noch nicht geöffnet. Auch wenn Geraldine ihn damals bei ihrem Treffen bereits geöffnet hatte, hatte Levin es sich seither nicht mehr getraut. Zu groß war seine Sorge, dass er verflucht sein könnte und dass er seine Boshaftigkeit beim Öffnen herausließ. Das konnten sie nicht riskieren. Mit seinen Mitteln hatte Levin bereits untersucht, ob der Koffer etwas Dergleichen enthielt, aber das war nicht seine Stärke. Froh war er schon, dass der Schutz des Grimmauldplatzes simple Aufspürungszauber unterdrücken und scheitern lassen würde – somit war wenigstens das nicht möglich. Aber Jonas war einmal angehender Auror gewesen und wusste somit vielleicht einige Dinge mehr als Levin. Aufmerksam sah der ehemalige Ravenclaw zu Jonas und fragte schließlich: „Was meinst du?“
    Er hatte Jonas über die Umstände, wie er an den Koffer gelangt war, bereits aufgeklärt. Das Treffen mit Geraldine Lovett, Aurorin und Reinblüterin. Hatte ihm erklärt, wie sie sich kennengelernt hatten, denn Jonas wusste seit Elias‘ Entführung eh von Levins geheimer Praxis im Monkshood. Warum auch nicht? Levin vertraute dem anderen wirklich, das mussten sie auch, damit das hier funktionierte. „Ich habe einfach wirklich keine Ahnung, ob sie die Wahrheit gesagt hat. Oder ob sie mehr weiß, als sie zugibt. Aber das, was ich bei dem Treffen sehen konnte – das ist wirklich interessant. Wenn es stimmt, würde es uns Hinweise darauf geben, dass Dinge geschehen, die nicht so zu erklären sind, wie es Prophet und das Ministerium tun wollen.“ Seit Tagen drehten sich seine Gedanken darum, überlegte er hin und her, was das für sie alle bedeuten würde. Es bestätigte ihre schlimmsten Vermutungen, aber was genau es bedeuten würde, wusste er trotzdem nicht. Aufmerksam sah er den anderen an und fragte sich, wie er die Sache mit Elias verarbeitet hatte. Sie hatten danach nicht mehr wirklich darüber gesprochen, nur über die Informationen, die die Entführer*innen offenbart hatten. Nicht viel, aber immerhin etwas. Levin wusste nicht, ob sie hier wirklich irgendjemandem auf der Spur waren, ob es sie einmal irgendwohin führen würde. Er wusste nur, dass er es probieren wollte – wenn Jonas und die anderen mitzogen.


    //Posting nimmt Bezug auf: Tisch in der Nähe des Eingangs

  • Rückblickend betrachtet war Jonas ungemein froh, dass er vor wenigen Monaten, kurz nach Elias’ Entführung die Gelegenheit genutzt hatte, und aus dem Grimmauldplatz ausgezogen war. Nicht nur, weil er - allen Grummeligkeiten zum Trotz - langsam Gefallen an seinen neuen Mitbewohnern fand und ihre Gesellschaft im Grunde zu schätzen wusste, ganz gleich wie verschieden sie auch waren, sondern auch, weil es eine Bürde war, diesem Ort der Geheimnisse nicht wenigstens für ein paar Tage entkommen zu können. Nach seinem Auszug und dem Abschluss der Suche nach Elias hatte es deshalb beinahe zwei Wochen gedauert, bis der Waliser sich wieder im Hauptquartier des Ordens hatte blicken lassen.
    Er stand noch immer hinter seiner Entscheidung vor nun beinahe vier Jahren sich dem neuen Orden des Phönix anzuschließen - doch die Erfahrung um das, was Elias widerfahren war, hatte ihn ernüchtert, etwas in ihm bewegt. Jonas hatte erkannt, dass es nicht nur den Orden und den Kampf gegen den Rassismus gab. Er mochte das vor all den Jahren geglaubt haben und sich, frustriert über das Aktenwälzen in der Aurorenzentrale, mit Freuden dazu bereit erklärt hatte, sogar das Land, seine Freunde und seine kleine Schwester zurückzulassen, doch diese Einstellung hatte sich geändert. Was brachte ihm der Kampf, den er so verzweifelt gegen seine Erziehung hatte kämpfen wollen, wenn es ihn die Zeit und die Freude kostete, die das Leben zu bieten hatte?
    Trotz allem jedoch war Jonas hier, hatte sich mit einem kurzen Brief in den Grimmauldplatz locken lassen. Und das, obwohl ihm zunächst nicht ganz klar gewesen war, weshalb Levin sich mit seiner Information ausgerechnet an ihn wandte. Die gute Zusammenarbeit, welche schlussendlich zur Befreiung Elias’ geführt hatte, mochte die Zauberer einen Schritt näher zusammengebracht hatte, doch so wie der Heiler mit Brooke und Bertie umgegangen war, hatte der ehemalige Gryffindor eher erwartet, dass Levin sich bei solchen Angelegenheiten sich an einen dieser beiden wandte. Oder auch an jemand anderen im Orden.
    Kaum jedoch, dass der ehemalige Ravenclaw sein Anliegen in den geschützten Räumlichkeiten des Grimmauldplatzes ausgeführt hatte, begriff er langsam, weshalb er hier war: Levin fragte ihn, weil er - eigenlich ein halbes Wunder für sich - das einzige Mitglied des Ordens war, das eine Aurorenausbildung genossen hatte. Nun, zumindest zum Teil.


    Ein wenig nachdenklich starrte der Waliser nun also auf den nach wie vor ungeöffneten Koffer, ließ sich einen Moment lang Zeit, das soeben gehörte aufzunehmen und in sich verklingen zu lassen. „Hmm“, begann er, verzog das Gesicht ein wenig nachdenklich und fuhr mit der Hand in seinen Nacken. „Ich kenne Geraldine nur vage von früher, kann dir nicht viel über sie sagen.“ Natürlich hatte er mit der Aurorin gelegentlich zu tun gehabt, doch da seine Ausbilderin jemand anderes gewesen war, war das eben leider auch nicht wirklich viel gewesen. Auch bei den Anlässen der Reinblüter hatte Jonas - so denn überhaupt anwesend - die Gesellschaft älterer Hexen, die im potenziell in die Wange kneifen und mit ihren Töchtern und Nichten verkuppeln wollten, lieber gemieden. Er besaß also keine großen Insider-Infos, auch wenn die Andeutung, Geraldine könnte weniger vertrauenswürdig sein, weil sie eine Reinblüterin war, für ihn keinen Bestand hatte. Klar, er verstand Levins Argumentation und auch seine Bedenken - aber er, als Fawley war ja schließlich auch hier, nicht wahr?
    Dass im Ministerium und beim Propheten Sachen verschwiegen werden, ist ja keine Neuheit und wenn Geraldines Unterlagen enthalten, was sie versprechen, hätten wir damit endlich einen Beweis. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen.“ Sollten sie die Informationen, die ihnen zugespielt waren einfach veröffentlichen - dafür wäre dann wohl Byron zuständig - oder erst überprüfen, ob sie der Wahrheit entsprachen? „Ich meine, wir können ihren Hinweisen nachgehen, selbst auch noch einmal die Muggel befragen, wenn du willst, aber ich sehe nicht ganz, was jemand, der uns feindlich gesinnt sein sollte, mit einer solchen Finte bezwecken wollen würde. Der Fideliuszauber des Grimmauldplatzes schützt vor Aufspürzaubern des Koffers - und ich kann ebensowenig einen schwarzmagischen Fluch auf dem Koffer ausmachen wie du.
    Auch wenn er natürlich kein Fluchbrecher war, sondern sich die Ausbildung der Auroren eher auf das Abwehren dunkler Flüche verstand, weniger auf das Aufspüren und aushebeln. „Wenn du sichergehen willst, sollte da ein Fluchbrecher drüber sehen“ - auch wenn das dann mit der Vertrauenswürdigkeit schwierig war, zumindest Jonas nämlich kannte niemanden, der da in frage käme - „oder aber wir leben mal ein bisschen risikofreudig und öffnen das blöde Ding einfach.“ Ein kurzes Grinsen huschte über die Züge des Walisers, dann legten sich seine Hände auch schon an die Verschlüsse des Koffers. Ganz ehrlich, was sollte schon passieren?

  • Jonas war aktuell tatsächlich Levins sinnvollste Anlaufstelle gewesen. Levin vertraute dem grimmigen jungen Mann auf eine gewisse Art und Weise, weil sie sich gegenseitig gezeigt hatten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten – wenn es sein musste, standen sie eben wirklich auf der anderen Seite. Außerdem war ihm deutlich geworden, dass Jonas Elias etwas bedeutete, und Levin war sich sicher, dass sein ehemaliger Ausbilder hier unvorsichtig war oder Menschen seine Tochter anvertraute, denen er nicht bedingungslos traute. Außerdem hatte Jonas schlicht einen fachlichen Vorteil, den sie hoffentlich nutzen konnten. Dass hier niemand eine Ausbildung im Fluchbrechen hatte, war Manko genug. Doch mit der Brisanz der Informationen hätte sich der ehemalige Ravenclaw niemals zu der Fluchbrecherin in Ausbildung getraut, die er kannte – denn hier hatte er keine Ahnung, wie sie wirklich zueinanderstanden.
    Jonas war zum Glück gekommen, hatte sich bereit erklärt, mit Levin einen Blick auf den Koffer – und gegebenenfalls auch hinein- zu werfen. Es würde sie hoffentlich weiterbringen, denn bisher war dieser Koffer einer ihrer wichtigsten Anhaltspunkte, wenn Geraldine denn die Wahrheit gesagt hatte – was sie noch immer nicht wussten. Auch Jonas konnte keine Einschätzung zu der Hexe abgeben, kannte er sie doch auch nur flüchtig. Und selbst wenn – sie hätten nicht gewusst, ob das heute noch von Wert war. Dass Jonas Levins Argument mit dem reinen Blut nicht überzeugend fand, hätte der Ravenclaw ahnen können – doch dahinter steckte kein Generalverdacht gegenüber alle Reinblüter*innen, sondern eher eine Sorge vor denjenigen, die sich ihren Traditionen und Einstellungen verpflichtet sahen. Geraldine Lovett war Levin bisher nicht wirklich als wenig eingebunden in diese Gesellschaftsschicht vorgekommen – und das RRB hatte ihm gezeigt, wie stark diese Bande sein konnten.
    Levin hörte sich Jonas’ Worte an, nickte zwischendurch. „Ich weiß, dass es komisch klingt, und habe mich auch schon gefragt, was sie davon hätte. Aber es könnte immerhin auch ein Ablenkungsmanöver sein, sodass wir uns nicht mit den wirklich wichtigen Dingen beschäftigen. Oder aber sie hält uns für blöder als wir sind und versucht über diesen Koffer doch mehr herauszufinden. Doch das haben wir ja verhindern können, denke ich.“ Levin zuckte mit den Schultern und lehnte sich zurück. „Es ist auf jeden Fall etwas Neues, dass wir vielleicht wirklich was in der Hand haben und beweisen können, dass das Ministerium nicht so sauber arbeitet, wie es gerne vorgibt. Wie viel das am Ende wert ist – ich weiß es nicht. Wir können es kaum medial verbreiten. Aber vielleicht wissen wir so, wo wir ansetzen können.“ Denn dieser Fall war nicht der einzige, der in den letzten Monaten in den Medien aufgetaucht war – und wo Fälle waren, waren vielleicht auch Hinweise.
    Levin stimmte Jonas zu, dass ein Fluchbrecher oder eine Fluchbrecherin sicher eine gute Idee wäre – und doch verspürte er die gleiche Neugier, die auch den anderen gepackt zu haben schien. Vielleicht war es dumm, vielleicht sogar ungemein gefährlich, was sie hier taten, und ob sie sich dafür im Nachhinein einen Rüffel einfangen würden, stand in den Sternen – doch Levin nickte schließlich, als der andere seine Hände an die Verschlüsse des Koffers gelegt hatte. „Lass uns ihn aufmachen und reinschauen. Wir müssen wissen, ob er wirklich so wertvoll ist, wie es aktuell den Anschein macht. Für Zurückhaltung ist es doch eigentlich auch zu spät.“ Denn noch immer wussten sie nicht, ob die Menschen, die Elias entführt hatten, auch mehr über sie wussten. Ob sie weitere Namen kannten und sie schon lange verfolgten. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass uns unsere Begegnung mit den Todessern nicht wirklich weitergeholfen hat. Dass wir immer noch nicht mehr darüber wissen, wer sie sind. Vielleicht ist das hier unser Weg, das rauszufinden.“

  • Die Arme locker vor der Brust verschränkt wanderte der eisblaue Blick des Walisers in eher ruhiger Manier abwechselnd zwischen dem Koffer und dem Heiler vor sich hin und her. Er war nach wie vor nicht sicher, was er von der Geschichte halten sollte, doch da ging es Levin ja wohl ähnlich. Die Berichte Geraldines bargen, so sie denn wahr waren, ein heikles Potenzial, mochte sie vielleicht sogar einen Schritt weiterführen die Unterstützer des dunklen Lords ausfindig zu machen. Denn dass er sie im Ministerium besaß, daran bestand für Jonas - und eigentlich den ganzen Orden - inzwischen wohl kein Zweifel mehr. Diese Zufälle von denen das Ministerium sprach hatte selbst Earnestine als sehr fragwürdig dargestellt. Doch tatsächlich Beweise für diese Umstände zu haben, spielte auf einem ganz anderen Niveau. Wenn sie nur einen Namen, eine weitere Information bekämen…
    Jonas biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Ja, ein Teil von ihm sehnte sich begierig nach mehr Information, nach einer Möglichkeit, einer noch so fragwürdigen Gelegenheit aktiv zu werden und diesen Feiglingen unter den Masken einen Schritt voraus zu sein. Doch die jüngste Vergangenheit, das Befreien Elias’ hatte auch gezeigt, dass es nicht nur mit einer Menge Risiko in der Situation selbst, sondern auch Gefahr davor und danach verbunden war. Noch Wochen nach der Befreiungsaktion hatte Jonas regelrecht paranoid vermieden des Nachts allein in zu dunkle Ecken zu wandern, sich nach seinen Schichten im Redvers Casino auf direktem Weg nach Hogsmeade in die WG zu begeben, in der er sich wohl auch nur fälschlicherweise sicher fühlte. Sollten die Gefolgsleute des dunklen Lords tatsächlich herausfinden, dass er zu den Leuten gehört hatte, die Elias befreit hatten, wäre das schwebende Haus wohl weder für ihn ein sicherer Ort noch für seine Mitbewohner. Verurteilte er Elodie, Ruby, Matthew und Lotta durch seine Anwesenheit in dem Haus zu einer Gefahr von der sie nichts ahnen konnten? Würden sie schlussendlich seine Taten ausbügeln müssen? Nicht, dass Jonas es jemals so leicht zugeben würde, doch er hatte den Haufen in den vergangenen Monaten schon auf eine gewisse Art und Weise lieb gewonnen - der Gedanke, sie in Gefahr zu bringen missfiel ihm daher. Doch hatte er wirklich eine Wahl? Zumindest, tröstete er sich eher halbherzig, solange er ihnen nichts vom Orden erzählte, gab es zumindest kein Wissen, dass ihnen gefährlich werden könnte. Nicht so wie Bertie und Brooke, die man nach ihrer Hilfe bei der Sache mit Elias eingeweiht hatte. Noch immer wusste Jonas nicht, ob das eine gute Idee gewesen war. Nicht, weil er den beiden aus irgendeinem Grund misstraute, sondern weil er sich fragte, ob diese Menschen wirklich alle wussten, worauf sie sich einließen. Aber bei Levin hatte er sich ja schließlich dasselbe gefragt.
    Du hast schon Recht“, stimmte er dem Heiler zu und legte die Stirn ein wenig in Falten „Immer wachsam!, trichtern sie einem bei den Auroren als Erstes ein. Man sollte alle Faktoren bedenken, bevor man sich in Gefahr begibt, doch Risiken sind nicht auzuschließen, weder bei den Auroren noch hier. Ja, der Koffer könnte eine gewiefte, schwarzmagische Falle sein, aber da wir keinen vertrauenswürdigen Fluchbrecher kennen und nicht wissen, ob uns nicht gerade die Zeit davon läuft, sage ich, das ist ein Risiko, das wir eingehen müssen.
    Außerdem war es ja nicht so, als wären sie beide der ganzen Sache hilflos ausgeliefert. Er hatte sich nicht nur in der Aurorenausbildung, sondern auch später auf seiner Reise schwarzmagischen Zaubern stellen müssen und Levin war Heiler. Bessere Voraussetzungen gab es ja wohl kaum. „Ich öffne den Koffer - wenn irgendetwas schief geht, bist du, als Heiler, unversehrt und kannst eingreifen, einverstanden?“, schlug er also das vor, was seiner Meinung nach am meisten Sinn ergab.
    Bevor der Waliser seinen Worten jedoch Taten folgen lassen konnte, schwankte das Thema noch einmal und Jonas wog verständnisvoll den Kopf hin- und her. „Es geht nicht darum, dass wir damit aufsehen erregen - das ist nicht unsere Aufgabe. Aber vielleicht gibt es uns Hinweise darauf, wer im Ministerium und beim Propheten an der Vertuschungsarbeit beteiligt ist und das gibt und einen Anhaltspunkt.“ Und daran hangelte man sich dann weiter. So lief das in der Detektivarbeit. Von Hinweis zu Hinweis, bis man schließlich knietief in Hippogreifmist stand. Aber den Teil verschwieg er lieber. Immerhin wollte er den Heiler ja kaum entmutigen. Er hatte hier in seinem Gespräch mit Geraldine etwas erreicht. Wie sinnvoll das war, konnten sie unmöglich sagen. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass die Informationen im Koffer völlig wertlos waren - aber was blieb ihnen anderes, als es zumindest zu versuchen.
    Wir müssen froh sein, dass sie genauso wenig darüber wissen, wer wir sind. Sonst wäre schon längst etwas geschehen.“ Und mit etwas, meinte er selbstredend nichts Gutes. Seine Eltern mochten der Gruppierung um den dunklen Lord nie selbst angehört haben, doch Jonas wusste, dass es in seinem näheren Umfeld mehr als ein oder anderen deutlichen Unterstützer gegeben haben musste - auch wenn er selbstredend für nichts dafür Beweise hatte, sonst hätte er die Namen sicherlich schon längst in der Runde des Ordens fallen lassen.
    Also gut“, setzte er schließlich an und beugte sich ein wenig zum Koffer, bereit die Schnallen mit einem wohlvertrauten Geräusch aufklappen zu lassen, „Kann’s losgehen?“ Immerhin vertraute er hier gewissermaßen darauf, dass Levin ihn im Zweifelsfall aus besagtem Hippogreifmist zog. Da versicherte er sich dann ausnahmsweise mal, ob er soweit war. Weil er so nett und zuvorkommend war. Hah. Genau.

  • Levin gefiel das hier ganz sicher nicht, aber er hatte verstanden, ebenso wie Jonas, dass sie nicht wirklich eine andere Wahl hatten. Und ja, die Voraussetzungen könnten schlechter sein, denn immerhin brachten sie beide Grund- und darüber hinausgehende Kenntnisse mit, die in dieser Situation ganz nützlich sein könnten. Trotzdem eine mehr als beschissene Situation, sich gegebenenfalls sehenden Auges in eine gefährliche Situation zu begeben – auf der anderen Seite wäre es wohl für sie beide nicht das erste Mal, dass sie das machten. Levin wusste nicht viel über den jungen Mann neben sich, aber er wusste, dass Jonas schon länger Teil des Ordens war und sicherlich auch schon vorher bereit gewesen war, seine Gesundheit oder gar sein Leben zu riskieren, bevor sie Elias vor den Todesserinnen und Todessern gerettet hatten. Dort hatten sie wohl endgültig unter Beweis gestellt, wozu sie notfalls fähig waren, was sie bereit waren zu riskieren – und wenn sich das lohnen sollte, wenn es weitergehen und sie den Todesserinnen und Todessern auf die Spur kommen wollten, mussten sie wohl nach jedem Strohhalm greifen, der sich ihnen bot. Das hier könnte ein großer Strohhalm sein, eine Hilfestellung auf dem Weg zu Wahrheit – oder es führte sie in ein Dickicht von Lügen, das sie eventuell nicht einmal mehr als ein solches erkannten. Welches Risiko war größer? Eine Wahrheit zu verpassen oder einer Lüge zu erliegen? Es war klar, wofür sie sich entschieden hatten. Und Jonas hatte schlichtweg recht. Sie hatten gar keine echte Wahl und Risiken gab es überall.
    Levin nickte, als Jonas sagte, dass der Heiler ihn ja notfalls retten könne. Ja, das war wohl sein Job, auch wenn ihm trotzdem keine Erleichterung durch die Glieder fuhr. Er hatte an Elias gesehen, zu was diese Menschen fähig waren – wenn da etwas Böses aus dem Koffer gekrochen kam, hatten sie keine Ahnung, wie schlimm es wirklich sein würde. Doch wenn er sich von so etwas vollkommen verunsichern lassen würde, hätte er wohl den Job verfehlt. Wie mühselig es werden würde, Informationen über ihre Gegner zu erlangen, hatte ihnen zuvor wohl auch klar sein müssen – denn solange die Todesser und Todesserinnen nicht offen agierten, gab es da einfach wenig. Und sie sollten eigentlich froh sein, solange die Gruppierung von Du-weißt-schon-wem verdeckt agierte und ihre Verbrechen nicht exorbitant zunahmen.
    „Ja, vermutlich hast du recht“, sagte Levin, als Jonas einwarf, dass die Gegenseite offenbar auch nicht mehr über sie wusste, denn sonst wäre schon etwas passiert. Levin wollte das gerne glauben, tat es zum Teil wohl auch, aber sicher war er sich nicht – denn wenn die Kontaktaufnahme von Geraldine Lovett tatsächlich eine Falle gewesen war, würden sie diese sicher noch gerne weiter ausnutzen wollen. Doch genau diese Gedanken hatten sie ja an diesen Punkt gebracht, dass sie Sorge hatten, den Koffer zu öffnen – und genau diese wollten sie ja jetzt endlich abstreifen. Sonst drehten sie sich nur im Kreis. „Okay, kann losgehen“, meinte er daher bestimmt und hielt den Zauberstab fest in der Hand, bereit, jederzeit einzugreifen. Jonas ließ die Schnallen des Koffers klicken, schien ebenso bereit zu sein wie Levin, doch dafür hatte Levin gerade kaum einen Blick. Dieser ruhte nur auf dem Koffer, auf dem, was sich möglicherweise daraus ergießen würde.
    Und dann war er offen – und nichts passierte. Levin starrte hinein und einige Blätter Pergament starrten zurück – mehr nicht. Eine gewisse Welle der Erleichterung durchflutete ihn, auch wenn er sich noch nicht komplett entspannte. Es schien okay zu sein. Sicher. Mit einem Seitenblick auf Jonas richtete Levin seinen Zauberstab auf den Koffer, murmelte noch einmal einige Aufspürungszauber, die sie auch in der Heilkunst verwenden mussten, um die Bösartigkeit von Objekten oder Verletzungen besser einschätzen zu können. Wieder – nichts. Und so richtete er schließlich seinen Zauberstab auf eines der Stücke Pergament und ließ es aus dem Koffer fliegen, sodass sie es lesen konnten. Es schien die Wiedergabe eines Gesprächs zu sein, ein Transkript, in dem Geraldine einen Muggel befragt hatte – einen der Muggel, die für den Mord verurteilt worden waren. „Wie ferngesteuert“, las er mehr für sich als für Jonas und nickte. Ja, das hatte ihm Geraldine auch schon bei dem Gespräch erzählt. Ein weiterer Bericht von Geraldine zeigte, dass die Muggel den Zauberstab von Jessica McWhite durchgebrochen hatten – eine Handlung, die für Muggel keinen Sinn ergab. Ein Sickel, den sie vor Ort gefunden hatte, ließ Levin ebenfalls kurz aus dem Koffer schweben. Dann lehnte er sich zurück und schüttelte den Kopf. „Gut, die Unterlagen zeigen das, was sie gesagt hat – und dass der Bericht zurückgewiesen wurde von ihrem direkten Vorgesetzten.“ Er deutete mit der Spitze seines Zauberstabes auf einen entsprechenden Vermerk eines Assistenten in Auftrag. „Vielleicht wissen wir immer noch nichts über die Frage, wer das hier getan hat – aber zumindest haben wir klare Hinweise darauf, dass das Ministerium kein Interesse daran hat, berechtigte Zweifel weiter zu verfolgen und zu thematisieren.“ Eine ernüchternde, aber auch nicht überraschende Erkenntnis. „Was meinst du?“

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